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Full text of "Hamburgisches Magazin, oder, Gesammlete Schriften, aus der Naturforschung und den angenehmen Wissenschaften überhaupt"

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Samburgiſches 


agazin, 


oder 


geſammlete Schriften, 


Aus der 
Naturforſchung und den angenehmen 
| Wiſenſchaften uͤberhaupt. Era 








Des —— — Ste. 
Mit Königl. Pohln. und Churfuͤrſtl. Saͤchſiſcher FZreybeit. 


Hamburg und Leipzig 
bey Georg Chriſt. Grund und Adam Hein, Sl, 
1754 — 


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Ei aͤchter Briet 


von einem 


italieniſchen Herrn f vr —* ei 


über . 


ben Di der. Sarantuk 


"the Geatlenun s — for Sept 1793, 
„Wein Herr! = 





# hrem Belange zu ende ik 
#7 nen eine Nachricht von Der it 
‘des Billes einer Taranful in bei 

DR .  menfchlichen Körper, Ich will ih⸗ 
hen aur *— genaue Nachricht von allen von mit be⸗ 
— obachteten Umftänden geben, indem ich einmal das 
Werkeug bey der Cur eines, armen Bauersmannes, 

von dieſem SIR war ‚gebiffen Meer ge⸗ 
* —X a y 2° nass m; — 


4 J 2 
Bon der Tarantul ſelbſt will ich ihnen Feine Ber 
ſchreibung geben, weil ich verfichert bin, daß fie da . 
von vollfommen unterrichtet find. Ich mill ihnen 
nur erzählen, was fich in meinem $ande auf einem 
kleinen Dorfe, la Torre della Annunziata ges 
nannt, ungefähr zehn Meilen von Neapel, woicheben 
damals, als diefes gefchah, zugegen war, zuaetra 
gen hat. —* — 
Im October haben alle Studenten in Neapel, 
welche einige Bekanntſchaft auf dem Gate haben, - 
- . Erlaubniß, aufdas Sand zu geben. Sch hatte alfo 
auch die Freybeit, meinen Geburtsort zu befuchen, 
und weil ich mich damals in dem Collegio zu Neapel 
auf die Muſik legte, fo nahm ich allemal, wenn ich 
Auf das Sand gieng, meine Geige mit.” 7 ;. „? 
An einem Tage gefchahe es, daß einarmer -_ 
Mann auf der Straße krank ward, und man ſah gar 
‘ bald, daß diefes die Wirkung einer Tarantul ſey, 
weil das Landvolk gewiſſe untruͤgliche Zeichen hat, 
woran es ſolches erkennet, und beſonders ſagen ſie, 
daß einen die Tarantul an den obern Rand des Oh⸗ 
res, oder an das Ohrlaͤppchen, und zwar, wenn man 
auf der Erde ſchlafend liegt, beißt. Der verwundete 
Theil wird drey Tage nach dem Biſſe ſchwarz, en | 
pi Stunde, da man gebiffen worden. Sie fagen 
* ferner, daß, wenn niemand da wäre, der den Ver— 
wundeten heilen Fönne, diefer die Wirfung des Bife 
ſes alle Tage zu eben der Stunde, drey bis vier Stun» · 
den hinter einander, fühlte, bis er fo toll würde, daß 
er in Zeit von einem Monate drauf gienge, Eini⸗ 
ge, ſagen fie, / haben drey Monate gelebt, nachdem 
fie-gebiffen worden. Aber diefes legtere kann ichniche 
ER * glauben. 


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von dem Biſſe der Tarantul ‚ai 


glauben. Denn man laͤßt niemals jemanden an fo _ 
einer Krankheit ſterben, ſondern der Prieſter mu a 
ihm vorgeigen, und ihn alfo heilen, und es kann fi 
ein. Menfch erinnern, daß irgend einer daran gefom 
ben ift. ‚Aber zur Sadıe. | 

Ein armer Mann ward, tie oefagt 5; auf der 


Straße franf, und weil der. Priefter nicht zu Haufe 


war, fo bathen mich verfchiedene Perfonen , dem ars 
men Teufel vorzufpielen, Wenn idy nicht verſchiede⸗ 
ne gute Freunde beleidigen wollte, fo mußte ich ſchon 
Bingehen, Als ich bin kam, fahe ich einen Mann 
auf der Erde ausgeftrecft liegen, und es fhien, als 
wenn er eben in den legten Zügen läge. Als mid) 
das Volk zu Gefichte befam, rufete es: Spielt, 
fpielt die Carantella! Diefes iſt ein Stückchen, 
welches man bey folchen Fällen fpielet. Ich batte 
diefes Stückchen niemals gehöret, und konnte es alfo 


nicht fpielen. Ich fragere: Was ift es denn für- ein 


Stuͤckchen? Sie antrworfeten, es wäre eine Art von 
einer Gique. Ich verfuchte verfchiedene Giquen, 
aber es half nichts, und der Mann blieb einmal fo 
unbeweglich liegen, als das andere. Die Leute ſchrien 
immer fort, ich ſollte die Tarantella ſpielen. Ich 
ſagete, ich koͤnnte fie nicht ſpielen; aber wenn fie je» 
mand mir vorfingen wollte, fo wollte ich fie gleich lers 
nen. Ein altes Weib erboth ſich mir, diefes gute 
Werk zu verrichten, aber ſie ſang das Stückchen ſo 
unverſtaͤndlich, daß ich mir keinen Begriff davon ma⸗ 

chen konnte. Es kam aber eine andere Frau, wel. 


che mic) es lehren wollte. Ich lernete es auch von. 


ihr ungefähr-in Zeit von zehn Minuten, denn es war 


* Ich habe es hier in Noten geſetzt beygefüge. 
A3 Indem 


Indem ich diefes Stückchen Ternte, "und die erſten 
zween Tacte nad) und nach traf, fing der Mann eben 
fo allmählich an, ſich zu bewegen, fprung fo fhnell, 
mie der Buh / au, gleich als ob er Durch eine fehrec- 





liche Erfcheinung wäre aufgemerfer worden, und fh 


ſich überall wild um, und alle Gelenfe feines Körs 
pers waren in Beivegung. Da ich aber Hoch niche 
das ganze Stücchen konnte, fo hoͤrete ich auf zu fpie= 
fer weil ic) nicht glaubete, daß es dem Maine was 
helfen würde. ' Doch fobald ic) aufbörete zu fielen, 
fiel der Mantı nieder, fchrie fehr laut, Und verdrehte 
fein Geſicht, feine Füße, Armen und alle Theile ſei⸗ 
nes $eibes, kratzete mit ven Händen auf der Erde, 
und wandte und Frümmete fich fo heftig, dag man 
klar fehen konnte, er fen in großer Todesangft. ZH 
war außer mir felbft, und eilte fo fehr, als ic) Fonnte, 
den übrigen Theil von dem Stückchen zu lernen, Als 
ich es konnte, fpielete ich näher ben ihm, etwan zwölf 
Schuh weit von ihm. Den Augenblick, als er mich 
hoͤrete, fprang er wieder auf, wie vorher, und tanzete 
fo fehr, als man nur tanzen kann, aber fehr wild. Er 
beobachtete ven Tact beym Tanzen vollfommen, doch 
beobachtete er weder gewiffe Regeln, noch Geberden, 
fondern hüpfete und rannte bin und ber, und machte 
ſehr Fomifche Pofituren, welche einigermaßen den 
&inefifchen Tanzen glichen, welche wir zumeilen auf 
dem Theater gefehen haben. Ueberhaupt war alles, 
mas er that, fehr wild. Er ſchwitzete über und über, 
und dann fchrien die Leute: Befchwinder! ges 
ſchwinder! Ich follte nämlich das Stückchen ges 
ſchwinder fpiefen. Ich fpielere auch fo geſchwind, 
daß ich Faum länger fpielen konnte, da ne der 

| — Mann 


— 


—— — 
J 


bon dem Biſſe der Tarantiif, m 7 


Mann immer fort tanzete. Ich war fehr abgemat⸗ 

tet, und ‚obgleich verfchiedene Perfonen : : hinter, mir 
waren, welche theils den Schweiß von meinem Ges 
Fichte abwifcheten, eheils mir mit einem Fächer fühle 
Luft zuwedelten, (denn es war ungefähr um zmey 
Uhr Nachmittags) theils das andringende Volk von 
mir Abhieleen, ſo ſtund ich doch bey meiner langen 
Geduld viel aus’y"denn'ich fpielte, ohne zu viel zu füs 

en, ‚fiber‘ zwey Stunden, ohne im geringften * 

en. 

* "Ye der Mair ungefaͤhr eine Stunde — 
Harte, gaben ihm die Leute einen bloßen Degen, wel⸗ 
‚chen er bey der Spiße in die Hand nahm, und aus 
Der einen Hand in die andere ſchleuderte, in welcher 
er ihn im Gleihgervichte hielt, und inzroifchen immer 
fort tanzete. Die Leute mußten, daß er einen Degen 


verlangete; denn Fur; vorber, ehe er ihn befam, kratzete 


er fich ſehr ſtark in die Hände, als ob er das Fleiſch 3 
davon abreißen wollte. | 
Als er ſich die Hände brav BR Hatte, faffete 


er den Degen bey dem Gefäße an, und flach auch i inden - | 


obern Theilfeiner Füge, und ungefähr nach fünf Minus 


' "ten bluteten feine Hände und Füße fehr ftarf. Er bebiele 


den Degen ungefähreine Biertelftunde in den Händen, 
“und ſtach fich zuweilen in-die Hände, zumeilen in Die 


‚Süße, indem er wenig oder garnicht inne hielt; worauf 


er den Degen weglegere und fort tanzete, 
Als er ganzermüdee war, fingeran, fich langſamer 
zu bewegen: aber die Leute bathen mich, ich follteineben _ 
dem vorigen Tempo fort ſpielen, und als er ſich nicht 
“nad demſelben bewegen konnte, fo bewegete er nur ſei⸗ 


— nach dem NSeinpo. Endlich, nachdem er zwo 


44 =. lüne‘ 5 


8 DondemBiffederZarantuk 


Stunden lang getanzet hatte, fiel. er ganz ohne Bewe⸗ 


gung nieder, und ich hoͤrete auf zu ſpielen. Die Leute 9 


ben ihn auf, fuͤhreten ihn in ein Haus, ſetzeten ihn in ein 


groß Faß Soll laulichtes Wafler, und, ein Wundarʒt 


ließ ihm zur Ader. Als er.im Bade war, blutete er an 


‚beyden Händen und Füßen ,.und es gieng eine große . 


Menge Blut von ihm. Nachdem fie ihn hierauf verbun- 
den harten, legeten fieihn in ein Derte, und gaben-ihm 
eine Her ʒſtaͤrkung ein, welche fie ihm einzwangen, weil 
er die Zähne fehr zufammen biß, Fünf Minuten Demarp 
ungefaͤhr ſchwutzete er ſtark, ſchlief ein, und ſchlief 5 bis 
6 Stunden. Als er aufivachete, war er vollfommen: ‚gen 
fund,aber ſchwach wegen des vielen von ihm gegangenen 


Blutes. Vier Tage hernach war er völlig wieder herge⸗ 


ftellet ; denn ich ſah ihn auf der Straße geben. Es war 
merkwürdig, daß er ſich kaum auf irgend etwas befann, 


was mit ihm vorgegangen war. Erempfand auch nies. 
mals feine Schmerzen wieder, welche aud) niemand in 


folchen Fällen wieder fühler, ausgenommen , wenn er Re 


von der Tarantul vonneuem gebiffen wird. 


Soviel weiß ich von der Tarantul. Ich hoffe, es 


ſoll ihrer Neugier Genuͤgen thunz und da fie ein großer 
Maturfündiger find, fo mögen ſie nach Gefallen darüber. 


philoſophiren. Ich habe nicht noͤthig, meine ſchlechte 


Schreibart zu entſchuldigen. Sie muͤſſen ſie mir verzei⸗ 


ben, weil ich nur ihrem Befehle habe gehorchen wollen. 


Wenn ſie — mehr zu befehlen haben, ſo ſchreiben fie, 
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Ihrem 


ueberſetzt Din 
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Theodor Tportefopn @Bating, * 
saenefenen. ‚Rectoris in Stalin 


Abhandlung 
ietinıfgen iösersen 


m Borberichte | 
1; —— Begriffe, welchen man dem — 





ligen Herrn Buͤrgermeiſter Anderfohn, und den 

dieſer vornehme Gelehrte wiederum feinen 
deutſchen Landesleuten beygebracht hat, ſollte man 
wohl nicht glauben, daß es in dem kalten Island Leu⸗ 
te gaͤbe, die etwas beſſer als ihr Vieh waͤren, vielwe⸗ 
niger aber ſolche, die ihren Geiſt uͤber den Poͤbel zu 
erheben, und ihre Vernunft durch ſchoͤne, gruͤndliche 
und nuͤtzliche Wiſſenſchaften aufzuklaͤren ſucheten. Es 
wuͤrde uͤberfluͤßig ſeyn, hier etwas wider dieſe Schrift 
zu erinnern, da ſelbige ſchon hinlaͤnglich von einem 
gelehrten Dänen, dem Herrn Horvebow, welcher fich 
ſelbſt auf koͤniglichen allergnaͤdigſten Befehl ein Paar 
Jahre im Sande aufgehalten hat, zur Gnüge wider- 
leget worden. Vielleicht wird aber eine kleine Schrift, 
die wir hier unfern $efern mittheilen wollen, aud) et» 
was dazu beptragen, daß 8 ſehen Eönne, wie fehr 
man 


10 0 Mbandlung — 
man ſich irren wuͤrde / wenn man ſolche Erzaͤhlungen 
etlicher Kaufleute, welche alles nur nad) der kurzen 
Elle ihres Verſtandes gemeſſen, vor der Zeit wuͤrdi⸗ 
gen eur) it einigem Glauben oder Benfalle zu 
beehren. D —9 Schrift iſt urſpruͤnglich in lateini⸗ 
—— — fuͤhret we a 
Differtatiimeula de Montibus iae Chryftallinis, 
auctore Theoddrd EN fcholae 
Scalholtenfis eo tempore Rectore. Es ift alfo eine 
handlung von. denisländifchen Eisbergen; aber 
a vl ekerläsekkkh Fahrt ul 
ide nsbefondere, die im aten $. genennet werben, 
Sie ift dem damaligen Commereienrathe und Amt - 
manne oder Gouverneur von Island, Heren Ehriftian 
Muͤllern, durch eine lateinifche Ode zugeeignet, wel.· 
che ſowohl von dem quten Geſchmacke des Bertaf 






fers, als die ganze Schrift von feiner Gelehrfar 9 
ein unfehlbares Zeugniß ablegt. Was aber fo 
den Dre en Cntel 
des berühmten isländifchen Schriftftellers und Prob 
ſtes Arngrim Johnſon, oder wie er gemeiniglicy ge⸗ 
nennet wird, Arngrimus Jonas geweſen; ein Bru⸗ 
der des Biſchofs John Widalin, deflen Lebenslauf in 
den Dänifchen gelehrren Zeitungen, N. 10. vom gten 
März 1752. befchrieben worden, und deflen recht de 
woſtheniſche geiftfiche Beredtſamkeit und Schriften. 
ihm in feinem Vaterlande ein unvergeßliches Denk⸗ 
maal errichtet; und ein Wetter des Oberlandrichters 
Paul Widalin, der fih um die Rechte, Alterehümer 
und Poefie feines Baterlandes eben fo verdient ge 
macht bat, als diefer leßtere Geiftliche umdie Kirche, 
Die Abhandlung felbft ift bisher noch nicht gedrude 
ser — gewe⸗ 


von den islaͤndiſchen Eishergen. m 
geweſen. Es iſt aber eine‘ Abſchrift davon, wenn es 
e felbft die Urſchrift iſt, einem Anverwandten des 
erfaffers , gleiches Zunamens, der ſich gegentoärtig 
auf der Univerſitaͤt in Leipſig aufhält, von ohngefahr 
in die ‚Hände gerathen nachdem ſie von einem Freun⸗ 
de 'deffelben “in einer Auction in Kopenhagen ' war 
gekauft worden, Weil man min nach dem 'Urthelle 
verftändiger Gelehrten, dieſes Eleine Werk für wwürs 
Dig, ‚gehalten ‚ Öffentlich im Drucke zu erfcheinen, und 
da man geglaubt’ hat, daß die deutſche Sprache es 
ejern nah beliebter machen Fönnte ,'fo: hat ſein 
obengedachter Beſitzer ſelbſt auf ſich gefiommen), es 
ins Deutſche zu überfegen, und mic einigeh”Anmers 
Fungen zu erläutern; und er hoffet dabey, daß der güs 
— Leſer Diejenigen Fehler‘, die ihm entweder in den 
Sachen ſelbſt, oder in der Schreibart vorkommen 
möchten, defto williger überfehen ‚werde, je feltener 
bisher eine deutſche Arbeit von isländifchen Ham 
en, feiner geneigten Beurtheilung dargeſtellet hat/ 
da ihn nichts ſo ſehr aufmuntern⸗ wird, mit der Zeit 
etwas beſſers zu liefern ; be en gute na. * 
ner erſten Bemühungen. NASSEN, Hans 


#,;0 ! in.‘ 
ei de] K . 1777 






. 
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Is Kern "ER  Söchfle Biene der Welt, 
dem Hiob feine unendliche Macht und Weis— 

heit vor Augen ſtellen wollte, nahm er die Beweife 
nicht nur von der wunderbaren und die Gränzen aller 
menfchlichen Erkenntniß überfteigenden Grundlegung 
des großen Weltgebäudes her, fondern auch von den 
darinne befonders vorkommenden Fleinen Dingen, als 
dem Reg; dem. mc und dem Eife: " 
nft 


20 
ſonſt der die bloß.die Schalen der Sachen 
anzufehen gewohnt find, eben nichts fonderliches, das 
zur Darlegung der göttlichen. Bollfommenbeiten des 
allweifen Schöpfers dienen Fönnte, zu finden vermey⸗ | 
nen. Die Worte des heiligen Geiftes, Hiob 38, 22, 
find dieſe: Biſt du denmda gemefen , wo der Schnee 
herkonmt? oder. haft du gefehen, wo der ‚Hagel 
herkoͤmmt? u. ſ. w. Und der ‚Prophet Eſaias redet 
von eben deinfelben im 55. Cap; 10.0. Man kann 
| auch davon die alten und neuern Weltweiſen nachſe⸗ 
ben, als unter dieſen den. Olaum Magnıftp Lib. I. 
Hiſt. Septemtr. ıc.; 2. ‚und‘ die. große Zierde des ges 
lehtten Nordens den D. Thomas Bartholin de uf 
nivis Cap. 2. p-8. unter jenen aber den Plinius im 17. 
3.2. Cap. und den Theophraftus in 5. B. de caufis 
plantarum.. Inſonderheit aber. verdiener bier: eine | 
Stelle des Pindarus augeführt zu werden „Olymp.3 3. 
Boexe Yewv Barıneus dweryäs. ygurdus vDadeu mo- 
Av aPaızou TE goWai. Der große König der 
„Götter :befeuchtete. die Stadt (Rhodus) durch die 
Kuͤnſte des Bulcanus, mit goldenen Schneeflocen. 
Dieſe Worte des ſinnreichen Pindarus, wird, wohl 
der gemeine Mann, für nichts anders als eine nichte 
bedeutende Erdichtung, einer verächtlichen Fabel aite _ 
ſehen, oder fich einbilden können , daß der Schnee et⸗ 
was nüßliches in ſich babe, Allein der durchdrinn 
gende Geiſt eines Borrichius, löfer diefen Knotenauf 
einmal —* wann * ſpricht*: * wird ER: fleife 
Er: - figen 
. Deortu & —— G p. m. IL. -Enim veroin 


niiubus illis plebi calcatis oleum latere aurei coloris,. 


‚quod terris as immulgeat non diffeulter 
Val. 






— 


von den islaͤndiſchen Eisbergen. 


af geh ui aufmerkſomen Chymiſten nicht ſchwer > | 
„wann e8 noͤthig iſt, zu zeigen, Daß in dem Schnee, 
das gemeine Volk mit Füßen tritt, ein, wie 
„Sol gefärbtes Del, Das die Erde fruchtbar macht, 
„verborgen ſey. Aus welchen Worten denn, fo 
wohl als auch aus den angeführten Zeugniffen. der - 
heiligen Schrift Flärlich erhellet, daß in der Natur 
nichts fo geringe fey, und wenn es dem Unverſtaͤndi⸗ 
gen noch fo veraͤchtlich vorkaͤme, daß es einen, der 
es recht und vernünftig betrachtet, nicht von der bes - 
wundernsmürdigen Weisheit des höchiten Wefens 
überführe. Uebrigens hat der große Maturfündiger 
Thomas Bartholin, von dem Nutzen des Schnees, 
(de vfu niuis) und diefes berühmten Mannes eben 
ſo berühmter Bruder, Eraſmus Bartholin, vonder 
Bildung des Schnees, (de forma niuis) geſchrieben. 
Und wenn ich mich gleich als ein Zwerg, mit diefen 
Kiefen gar nicht vergleichen darf; fo habe ich mir doch 
vorgenommen, von den islaͤndiſchen Eisbergen, eine 
kleine Abhandlung zu ſchreiben, wann ich zuvor von 
ihrem Namen und Lage, etwas werde geſagt haben: 
wuͤnſche aber dabey, ; daß dieſelbe erleuchtetern "Ges 


lehrten, Gelegenheit geben moͤchte, ſich die Muͤhe zu 


nehmen, meine Muthmaßungen von dieſem Eife, 
ku ihre gründliche —— * zu verbeſſern. 


Dieſe Eisberge, * fo wohl i in unſern aͤte⸗ 
ſten Jahrbuͤchern, als in der itzigen gemeinen Spras 
H. mit dem it" Pt oder SUN: wann 


von 


age * ‚oftendet ee Bi mh 


J necellitas; 


14 Ang, 1. 
von mehrern geſprochen wird, genennet, und in der 
einzelnen Zahl, heißen fie. Joͤkull. Woher aber 
dieſes Wort feinen Urſprung babe, iſt noch nicht 
ausgemacht. HN 


—— EZ zz 


von den islaͤndiſchen Eisbergen. 15 


ſeyn, ſondern auch die erſte Haͤlfte ihres Namens, die 
andere aber von Hul erhalten, haben, ‚und fo viel ſa⸗ 
gen wollen, als Joͤrdkul, Erdkaͤlte; um des Wohle, 
klangs Willen aber, ſey das r und d aus der Mitte 
weggenommen, und das a in 6 verwandelt worden. 
Und da die heilige Schrift fetbft diefer Meynung bey- 
zupflichten fcheint, Hiob 38. v. 29. fo will ich ihren. 
Freunden niche widerfprehen*. ...  — . 
N 2 N Mn j wi N n 2,8, 
BVielleicht Tiefe fich aber denoch wider diefe letzte Mey⸗ 
— Kar man. fie. eh! „ohne die hufdige 
areprsetietpung für die heilige Schrift zu verlegen, ver⸗ 
laſſen könne: da es derſelben Werf gar nicht-ift , und 
die Phyſik und 5 zu lehren, und alſo 3 


+ 4 [2 


„orientalische Ausdruck, bier nichts weiter beweife, als 
Wwas er beweifen fol, nämlich die Größe des Schoͤ⸗ 
‚pferd: und BEE andern die Schrift von denen, die 
zu erſt dieſes Wort erfunden und gebraucht haben, 
‚nicht bat Fönnen zu Rathe gezogen werden, weil die 
„Eiöberge mit diefem ihrem Namen viel eber , als die 
a in Norden befatınt gemefen find: Und daß die 
Naturlehre, eben fo wenig Theil an feinem Urſprun⸗ 
F haben möge, kann man leicht een man 
„bedenkt, daß alle, oder doch die meiften Sprachen, 
„and alfo auch ihre einzelnen Wörter, von dem unwiß 
ſenden gemeinen Volke ‚erfunden, und darnach erſt 
„von den Gelehrtern nur ind Reine gebracht worden; 
Er aber insgemein mehr auf dag, was in die Sinne 
„talk, als auf abgefonderte Begriffe, und ‚auf bie in 
„nerliche Natur, Befchaffenheit und. Herkunft eines 
Dinges zu fehen pflegen, Eben dieſes könnte niche 
‚nur die legte, fondern auch die beyden mitteliten Her⸗ 
leitungen des Worts Joͤkull verdächtig machen. Sie 
ſcheinen alle auf gar zu.abgefonderte Begriffe, und fuͤr 
‚Den gemeinen Mann gar zu tieffinnige, ober doch Ar 
„weitbergeholte Betrachtungen gegruͤndet zu ſepn e N 
| i PET: älte 
£ / — 


ww. 


f 


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N — J 
ws: Abhandlung " R9G — 
“4 Kata # —* ’ all 26" sid un ad Rn, et ; 
Wir werden aber bier nicht von demjeni 
Schnee oder Eife Handeln, das auf den Spißen der 

LUFT. ABO en "Berge 


Kälte des Eiſes wird nur gefühlt, fat aber nicht im; 
‚ die Augen, wieder Eisberg. Daß diefer mit der Beit 
zunehme, zeigt fich nicht gleich bey ap: erften Anblis, 
fe, da er doch vermuthlich, gleich einen Namen er> 
fordert. Und ehe man fagen kann, daß er aus der Erz 
de gekommen, muß man ſchon lange mie ihm, ‚ode 
zum wenigffen mit der Naturlehre, einige Befan 
ſchaft gehabt haben. Daher verwirft auch der V 
- faffer die Meynung, die den Berg will Eiskälte heifs 
fen laffen ‚nicht ohne Utfache. Die von der Erdkal⸗ 
te, ſcheint er dem heiligen Schriftfteller zu Gefal- 
len, aber wenn man fo fagen darf, ohne Norh, bey ihren 
, Würden zu laffen. Diejenige aber, Die zwifchen dies | 
“ fen beyden angeführt if, koͤmmt einem ver die Spra⸗ 
che verſteht, nicht nur um der oben gedachten Urſa⸗ 
chen , fondern auch um des wunderlichen Klanges und 
der Bebeutung willen, welche fie dem Worte beylegt, 
ungereimt vor: es würde namlich alsdann Joͤkull fo 
viel fagen , ald Jookkull, das if, er vermehrte die 
Kälte: und wer wird wohl einen Berg — 
denn eine ganze Gattung von Bergen ſo heißen? Die 
erſte Meynung ließe ſich alſo vielleicht noch am beſten 
vertheidigen wenn man fagt, daß die erſte Sylbe 
von Fake, die letzte aber nur nicht von Auf, ſondern 
"von ‚der Enöfplbe ull berfomme. Solche‘ Nenn⸗ 
"wörter, wie das Jake, verlieren mehrentbeils, füs 
wohl in einigen Fällen ihrer Biegungen, als auch in 
den von ihnen abftamnıenden Wörtern, nicht tur das 
e,al8 die Endfylbe , fondern werden auch in dem * 
o 


> * — 
Ara 
% 


"N 


buchſtab der erften Gylbe,-etwag verändert. ( 
heißt Jake ſchon in der dritten und ſechſten Endu 
"der mehrern Zahl, Joͤkum. Alſo iſt hier aus um defto 
miehr klar, wie in einem abſtammenden Worte 9 





Von den is landiſchen Eisbergen. | Pr 


Berge liegt, wie das auf den Alpen welches Silius 
ya yt —* 
Clauſas niuibus rupes ſuppoſtaque cælo 
ar ı Saxa, | Mn ' 
mit Schnee umhuͤllte Kfippen, und Selfen darauf 
Ider Himmel ruht, „ nennetz auch von demjenigen 
nicht, welches" wir mit fo vielen andern Theilen des 
Erobodens gemein haben, das bald zufrierer, und - 
! PONTITOR | bald 
der erftern Sylde, fich in ein 5 habe verwandeln koͤn⸗ 
"nen. Die letztere ull aber ift in den iSlandifchen Nenn⸗ 
woͤrtern und Beywoͤrtern, eine nichtfeltene Endfplbe. _ 
* Sn den leßtern giebt fie mehrentheils, wie die latei— 
„.. nifche ; ofus , eitten oft gar zu großen Ueberfluß gu er⸗ 
kennen, wie.in oͤrull, vofch, voller Feuer, vöfull, der: 
gerne ſtolpert, ſoikull, falfch und voller Betrug. Wenn 
man alſo annehmen wollte, dag Jokull ehemals. ein, 
Beywort gewefen, oder Doc) nach Art der Beywörter 
. gebildet worden, fo wiirde «8 fo viel, als voller Eis⸗ 
” fchollen bedeuten, und der Berg würde ſtillſchweigend 
dabey verftanden. Will man aber diefed nicht, und 
wenn es num ein geborned Nennwort feyn muß or 
haben wir auch folche, die ſich auf ull endigen, als 
Dingull oder Digull, ein hangender Schleim, Höfull, 
ein Meßgewand, ir. a. m. Vieleicht ift im Anfange 
fo ein Berg, entweder al ein einziger ungeheurer Eid» 
klumpen, oder auch als ein Ganzes, das aus fo vies 
len Eheilen al8 zufammen gefrornen Stücken beſteht, 
angeſehen, und dabey nicht gefragt worden, ob dieſe 
von den Klüßen oder von der Erde waͤren erzeuget 
„worden. Weil aber der Verfaffer, bier eigentlich kei⸗ 
nen Wortforfcher, fondern nur einen Naturforſcher 
abgiebt, fo bat er bloß die verfchiedenen möglichen, 
Herleitungen dieſes Wortes anführen, und dem Leſer 
ſelbſt uberlaffen wollen, diejenige zu wählen, die ihm 
- am beften gefiele. Br } 
13 Band. BB. 


* 
F 


RR 


18 +19 Sbhandlung a # ie . ) | 


—— he wieder aufgeldſt wird; auch nicht von demjenigen, 


as manchmal der Wind und die Wellen von Groͤn⸗ 
land auf unſere Kuͤſten treiben, und welches unſern 
Landesleuten nicht wenig Schaden thut; fondern von 
denjenigen, welches auf dem flachen Sande von fic) 
felbft entſteht, bis es fehr hoben Bergen gleich koͤmmt 
in die Hoͤhe ſteigt, und beſtaͤndig da bleibt. Dieſes 
Eis iſt es, wie ich dafür halte, welches Silius im 
3. D. glaciem aeui, ein immermwährendes Eis nen» 
net. Wir aber wollen ihm gegenwärtig den Namen 


der Eisberge beylegen, welcher ihrer Geſtalt und A | 


fur am gemäßeften zu feyn ſcheint. 
Dieſe Eisberge nun ſind in dem öfflichen Theile 
Sslands, in dem Amte Skaptafells-ſyſla befind« 
lid), mo zwifchen andern von folchem Eife mehren» 
theils freyen Bergen, mwüfte und unfruchtbare Sand» 
bänfe oder Hügel liegen, Die von denen in der Nach⸗ 
barfchaft wohnenden Skeidar aar joͤkull und Brei⸗ 
da⸗merkur⸗ joͤkull genennt werden, und ohngefaͤhr 
fuͤnf Meilen, oder eine Tagereiſe lang ſind. Ihre 
eite aber iſt noch ungewiß, weil man es gemeinig⸗ 
lich, wegen der entſetzlichen tiefen und breiten Kluͤf⸗ 
te die darinne find, für unmöglich hält, darüber zu 
gehen. 
Zwar hat vor etlichen Fahren, ein ————— 
ger Mann, John Ketelſon mit Namen, gelebet, 


deſſen noch lebende Dienſtbothen mir folgendes; wels 


ches fie aus feinem eigenen Munde gehoͤret, erzäblet 
haben: Es habe nämlich) diefer Mann einmal verfus 
chen wollen, ob es nicht möglicy feyn ſollte, die Brei⸗ 
te dieſer Berge zu erforſchen. Er waͤre aber, nach⸗ 


dem er darauf zween Tage zugebracht, is 
a 


- 


von den islandiſchen Eisbergen. 19 


men und hätte gefagt, daß er hinter dem einen Eis. 
berge, eine ſehr weite fandichre Gegend , und in der 
Mitte: einen einzelnen, von allen andern abgeſonder⸗ 


ten und ziemlich mit: Graſe bewachfenen Berg, allwo 


auch eine, Heerde Schafe und Hauch, der (mie er 
glaubte) aus einer Feuerftäte hervor fliege, gefehen 
hätte: welches Letzte er aber, wegen des gar zu hohen 
und fleilen Eifes, das ihn verhinderte ‚herunter zu 
fteigen , nicht zur Gnuͤge unferfuchen Ffonnen, 
Was aber von dem Kauche, welcher nach) feiner 


Meynung aus einer Feuermäuer gekommen ‚zu bala 


ten ſey; Davon moͤgen feharffichtigere Leute urtheilen. 
Denn ich gehe hier mit Fleiß die Maͤhrchen des ges 
‚meinen Volkes, ‚als wenig glaubwürdig borbey *, 
Ma IR RE Ana a 
* Dieſe Maährchen, die aber bey den wenigſten unter 
dem Poͤbel ſelbſt geglaubt, aber Doch, weil fie fpaße 
haft find, erzablet werden, fagen, daß an folchen Dre 
"ten, die fich wohl bemohnen ließen, und dabin doch ni® 
mand Fommen Fanıı, noch alte heidnifche Niefen und 
Rieſenweiber, bald wie Die im Heldenbuche vorkom⸗ 
men, wohnen, die mit den Leuten die in ihre Gewalt 
kommen, allerhand Theil! grauliche, Theils luſtige 
Sdtreiche vornehmen. Wielleicht ıff die game Sache 
im Anfange darum erdichtet worden, damitfie junge 

. Beute abfchrecken follte, fich in die Gefahr zu begebett, 
. Welche derjenige allerdings laufen muß, der fich auf 
folche wegen des Eifed und der Witterung, der großen 
fuffe, und der ſchrecklichen Klufte, und am allermeis 


ſten wegen der innerlichen Bewegung, davon wir une 


. ‚ten etwas weiter fehen werben, fürchterliche Berge 
zu wagen unterfanat? Weit wabrfebeinlicher iſt die 
Meynung derer, Die da glauben, daß in folchen Eine 
oͤden Mifferhater , die ihr Leben verbrochen, und der 
Gerechtigkeit entflohen oder auch ihre Nachkoͤmmlin⸗ 

2 ge 


/ 


20 Albhandlung A 


um nur dey dem zu bleiben, was ich amartigcu 
meiner Hauptſache erwaͤhlet. Dieſes aber iſt, nicht 
hier die Beſchreibung einer Landſchaft zu liefen; ſon⸗ 
dern nach meinem wenigen Vermoͤgen, einige Ders 
‚borgene Wirfungen, weiche die allgemeine Mutter, 


die Erde, die ſich mit dem Himmel vereiniger, in 


unferm Eife —— Bar: ‚ etwas |. zu 
Wilkejnchen. Kuna 


J r 3 gi: * 8 13107 J 
Die gemeinſte und von den ice angenomme: 


‚ne Meynung, von dem Urſprunge diefer Eisberge, ift, 


daß fie von dem Schnee, der fich auf den Bergenim 


Winter gehäufet habe, und im Sommer nicht wie⸗ 
der aufgelöfet worden , entftanden find; weil die Ber⸗ 


ge allezeit Fälter als das platte Land find,und im Herbite 


aa mit AR bedeckt, im. Fruͤhjahre aber. fpäter 


davon 


ge ſich aufhalten moͤgen. Denn wenn wir gleich hiervon 
in den neuern Zeiten keine zuverlaͤſſige een 
haben; fo finden wir doch in unfern alten Gefchich 
etliche Erempel davon, bie wirklich Glauben ver * 
nen. ES würde überflüßig ſeyn, zu fragen : wiefie denn 
dahingekommen waren ? Denn ein Menſch, dem es um 

ſein Leben zu thun ift, findet wohl Wege, die hundert 
andere nicht finden. Und wie follte er dieſes nicht 
fönnen, da wo es auch die Schafe gekonnt haben? 
Ich will aber-bierdurch nur die Moͤglichkeit, und nicht 


die Gewißheit diefer Meynung behaupten. Es koͤnn-⸗ 


te auch ſeyn, daß der Rauch aus einer Deffnung | der 

Erde, von unterirdifchem Feuer hergekommen waͤre: 

da dieſes ſich nicht felten in ſolchen Eisbergen ſpuͤren 

laͤßt. Sonſt ſollte man wohl nicht denken, daß ſich 

Feuer und Eis, an einem Orte mit einander vertragen 
| RER: denn es hier die Erfahrung nicht lehrte. 


von den tlindiſthen Eisbergen. 21 


davon befrehet werden, und alfo habe fich dieſes Uebel 
von denſelben auch auf das flache fand ohne Maaf 


und Ziel ausgebreiter. Wir wollen aber: bald feben, 


wie wenig diefe Meynung, fo wahrfcheinlich fie auch 
‚vorfömmt, der Wahrheit gemäß fe. 


Daß iefes Eis aus dem auf den höchften Ber⸗ 
gen zufammen gehaͤuften Schnee nicht entſtanden ſeyn 


muͤſſe, erweifen felbft ihre fo unterfchiedene weſentli— 


- Schnee fchäumende vder dem Schaume ähnlihe 


ir 


‚che Eigenfchaften: Denn folhes Eis, wie das auf, 


den Eisbergen, davon wir hier reden, iſt durchfichtig, 


blaulicht, derb und hart, und giebt dem Pferdehufe 


‚nichts nach, wann er nicht mit Eifen befchlagen ift. 
Dev Schnee hingegen ift weißer, locferer und wei— 
“her. Daher fpeicht Sambertus Danäus *: „Er 
„fey nur eine aus einander gefallene zerfallende Wol— 


fe, welche fich, wegen der gar zu ftarfen Kälte, die 


„fie zuſammen haͤlt, zwar nicht in Tropfen, ober 


„doch in etwas dichtere und weißliche Theile oder 


„Schneeflocken, welche die Kälte an einander gebun- 


„den, zertheilet, und alsdann auf die Erde fälle. ,, 
Diefem fälle auch) Comenius in vem Hauprftücke von - 


den Lufterfcheinungen (de meteoris) bey, wann erden 


Tropfen (fpumefcentes guttas) nennet. Und warum 
folfte er ihm dieſen Namen nicht mit Rechte gegeben 
baben? Da der Schnee, fo fange er Schnee ift, von 
der Luft ausgedehnet wird: welches Plutarchus in ſei⸗ 


33 u 


% 


1 ER nubis diffolutio, quae in guttas quidem propter. 


nimium frigus cam konfhüngens eliquari non poteft, 
. fed in. floccos et denfiores. quasdam paärtes a u 
compactas et albicantes adeo, rumpitur et in terram 
decidit. Phyficae Chriftianae Cap. 23. 9. 10 


! 


— 


— 


u "Abhandlung: 


nem Gaftmahle durch die vortreffliche — 
daß der Schnee, wann er zerſchmelzet, einen Laut und 
ind, den er in ſich gehabt, von ſich gaͤbe, nicht 
wenig bekraͤftiget. Hiervon kann man auch den be⸗ 
ruͤh nten Thomas Bartholin de ufu nivis Cap. 3. 
den Seneca Natural. Quaeſt. Cap. 13. den Macros 


bius lib, 7. Saturmal. Cap. 12. den Magnenius 


Difput. 3. de Atomis Cap. 2. Propof. 47. nachfeben. 
Daß aber im Gegentheile das Eis nicht ſchneeweiß, 
ſondern blau ſey, hat then längft — in acht 
genommen, Georgi. J. viniel 
Quinque tenent coelum zonae, quarum vna ik 
„semper fole rubens et torrida femper abigne, 
„Quam circa extremae dextraque leuaque trahuntur 
'„Caerulea glacie coneretae atque imbribus atris. 


Und daß es hart und derb fey, lehret ohne alle Des 
weile die Erfahrung felbft; imgleichen, daß der 
Schnee, er ſey nun von dem Froſte ſo derb geworden, 


/ 


als ee wolle, dennoch mehrentheils dem Pferdehufe 


nachgebe; und daß er fich nicht in durchfichtiges Fig 
verwandeln laffe, wenn er nicht vorher zu Waſſer ges 


worden, . Denn wer hat wohl jemals durchfichtiges ' 


Eis, das aus lauter unumgefhmolzenen Schnee ent. 
fanden waͤre, gefehen? Zwar ſieht der Hagel Dem 
Schnee in etwas ahnlich, aber er ift doch unmittel— 
bar vorher Fein Schnee gewefen, fondern, nad) des 
„ben angeführten Danaͤus Meynung, welchem auch 
Comenius in dem 6 Cap, von den $ufterfcheinungen 
beyfaͤllt, ein Waſſ ertropfen, der im Herunterfallen 
von dem Froſte in Eis verwandelt worden, koͤmmt 
aber — wegen der Marian yo 

| | ‚hen 


' J 
von den islaͤndiſchen Eisbergen. 23 
chen Luft, felten dem ordentlichen Eife an der Härte 
gleich *. | i “ 
Woollte man mit dem Ariſtoteles fagen, daß bende 
im Grunde oder in der Haupfquelle einerley wären, 
, B 4 naͤmlich 
Der Unterſchied zwiſchen dem Urſprunge (der Erzeu⸗ 
ung) des Schnees und des Hagels ſcheint dieſer zu 
Fun: daß der. Schnee aus den. feineften Waffertros 
pfen entitehet, die fo Klein und fo leichte find, als die 
Luft felbft: der Hagel aber aus den größten. Wann 
dieſe in den Wolfen zerftreuete Eröpfchen zugefroren, 
das ift, wann fie von der Warme, die fie ſonſt aus⸗ 
dehnet, und flüßig machet, verlaffen worden, und 
alsdann an einander ſtoßen; bleiben ihrer fo viele 
beyfammen bangen, als Die Luft und ihre eigene 
Schwere, die fie wieder von einander bringen koͤnnen, 
e8 zulaffen. Da aber die auf folche Weile zufammen- 
gefügten Theilchen wegen ihrer unendlich verfchiede- 
nen runden oder ecfichten Geſtalt nicht Teicht fo auf 
einander paffen fönnen, daß nicht zwifchen den Theis 
len, die einander berühren, vielmals einleerer Raum 
bleiben follte; fo wird diefer durch die Luft gefüller. 
Und alſo ift leicht zu erratben, woher e8 Eomme, daß 
der Schnee weich iſt, und daß er, wann erzerfchmel- 
jet, Luft von fich giebt: denn bier wird er wiederum 
durch die Warme in feine Eleinften Theile aufgelöfer, 
welche alddann weit naher zufammen rücken, und 
nicht einmal den vierten Theil des vorigen Raumes 
- einnehmen. Daber Eönnte man vielleicht mit befferm 
Rechte fagen, daß der Schnee darum fo viele Luft in 
fich enthalte, weil er fo locker iff, ald daß er darum 
locker fey, weil er von der Luft ausgedehnet werde. 
Der Hagel hingegen ift von zweperley Art, und wird 
„auf zweyerley Weife erzeuget. Denn entweder wer- 
„den ein oder mehrere große Waffertropfen , Die fich in 
der Rufe vereiniget haben, in Eleine Eisftücken ver⸗ 
“wandelt, melche dann durchfichtig find, und fonft 
eben die Eigenfchaften wie anderes Eid haben, aus⸗ 
— Bl genom⸗ 


J 


nämlich Waffer, und daher müßte ſich Teiche das ein 
ne in das andere verwandeln: fo räumen wir diefes 
willig ein, wann man nur zum voraus fegef, daß fie 
erft ihre vorige Geſtalt verloren haben, und run nihe 
mehr Schnee und Eis, fondern Waffer find. So 
lange aber ein jedes ſeine vorige Geſtalt behaͤlt, ſind 
fie doch in ihren übrigen weſentlichen Eigenſchaften 
gar ſehr uncerfchieden: da der Schnee leichter, weis 
cher und lockerer, das Eis aber fhwerer, härter und 
dichter ift. Und wie nimmermehr ein Glas. in feis 
nen vorigen Teig zerfallen, oder aus einen ‚Becher, 
von ſolchem Eezte, das ſich nicht Falt mir dem Ham» 
mer ziehen läßt, eine Schüffel werden wird, ohne 
genommen daß fie, mann zwey oder mehrere Hagel: 
> Förner wiederum an einander. frieren, nicht fo _derb 
und hart find, als die-einfachen, und als fonft ordent⸗ 
liches Eis, weil mehrentheild noch Fleine Zwilchen- 
"räume da bleiben: oder auch, eg fallen große Schnee- 
Flocken, die von der Luft und der Kalte ſchon dichte 
zuſammen gepreffee worden, durch einen waͤrmern 
Luftſtrich, welcher ihre Außerften Theile oder fo zu fa: 
gen Oberfläche einigermaßen in Waffer aufzulöfen an⸗ 
faͤngt, wiederum in eine kalte Gegend, mo dieſe ihre 
halbgeſchmolzene Oberfläche nochmald vom Froſte er⸗ 
griffen, und gleichfam in eine Rinde oder Nuß von - 
Eife, deren Kern der noch unverfehrte Schnee aus⸗ 
macht, verwandelt wird. Allein, diefe Gattung 5 
kann, wegen des enthaltenen Schnees weder durch- 
fichtig, noch fo hart feyn, als die erſte. Ben bey: 
den aber wird der Schnee eben fo wenig unmittelbar 
zu Eife, als umgekehrt, das Eis zu Schneefloden. 
Doch fallt oft Schnee ind Waffer, und wann ihm 
„die Kälte keine Zeit laßt, fich aufzulöfen, nass es 
mit ein: folches Eis aber hoͤret dadurch auf, durch⸗ 
nn 43 ca ee 


J 


* 


von den islaͤndiſchen Eisbergen. 25 
Huͤlfe des Feuers sound wie ein Weizenkorn Feine 


ft uchtbare Aehren vom ſich giebt, wenn es nicht zuvor 
in der Erde durch die Faulung gehoͤriger maßen da» 
zu vorbereitet worden; ſo iſt es auch klar, daß das 


Eis ſich niemals in Schnee verwandele, wenn es 


nicht. erſt durch die Wärme aufgelöfer, "und. in die 


‚Höhe gezogen wird, und alsdann in der Luft Die. Ges - 


ftale des Schnees oft. ‚nger: und ebenfalls, daß aus 
dem Schnee Fein Eis werde, went er nicht zuvor 
durch die Waͤrme serfehntelzet , in einem geſchickten 
Behaltniſſe aufgehoben, und endlich vom Frofte zu 
Eife gemacht werde, ' Ein ſolches Behaͤltniß aber iit 
unumgänglich noͤthig. Denn das Flüßige und Naſſe 
will, wie Ariſtoteles ſpricht, nicht gern in feinen eis 


genen, wohl aber in fremden Graͤnzen bleiben :. wie 


das Wafler, das für ſich allein nicht ſtehen kann, 
ſondern zerfließt, aber ſich ohne alle Mühe. in einene 
Gefäße aufbehalten laͤßt. 

Wir geben alfo zwar zu, Daß es auf den Bergen 


"ale fen, als auf dem flachen Lande; nicht aber, 


daß dieſe Kälte unaufgelöften Schnee in Eis vers 
wandeln fönne, Wenn aber diefes Eis von den 


Bergen auf das flache Land foll gefallen ſeyn, wo 
ſollte das Waſſer / wohl auf ihren hoͤchſten Spitzen 


ein Behaltniß gefunden — darinn es haͤtte ſtille 
ſtehen und zufrieren koͤnnen? Wäre es nicht der Na— 
tur und Vernunft gemaͤßer, zu glauben‘, daß der zer 
ſchmolzene Schnee oder Eis gleich aus einander ges 


floſſen wäre? Und wo follten die großen Klippen, R 


die hier und Dort aus dem Eife hervorragen, und von 
demſelben auf allen Seiten umgeben find, hergekom⸗ 
men Km? Be NOR wird man tagen; —* "e Men | 

Ü 17 ur i di & dig 


J * 


26 Abhandlung 


dig im va — und von den Re mit forte 
geriffen worden. Wie find. fie denn ‚aber über das 
Eis gekommen? denn fie find ja ſchwerer, und wür« 
den nicht leicht mic herunter. gefallen feyn, wenn fie 
nicht fbon vorher ganz und gar im Eife gefteckt haͤt⸗ 
ten. Denn eg ift.niche zu glauben, daß diefes Eis 
folche Klippen drey bis vier Meilen auf dem flachen 
Lande wie ein Keil fortgefchoben hätte, da man nicht 
ſieht, daß es durch Die Enge des Raumes dazu ges 
nöthiget worden, 

Man könnte einwenden, daß unter dem Eife 
weit größere Haufen von folchen Klippen ftecken, und 
daß bie hervorragenden Steine nur durch die Hiße 
der Sonne eneblößet worden. Allein, wenn diefes 
wäre, fo müßten aud) alle die übrigen "eneblößr wer⸗ 

den, ſobald ſich die erſte Grundlage unſern Augen 
darſtellete. Aber die Erfahrung zeiget das Gegen⸗ 
theil. Dieſes Eis iſt auf dem platten Lande zu Ber⸗ 
gen geworden, und faſſet in ſich große Klippen, fo- 
wohl in feiner Oberfläche, als in der Mitte und in 
dem unterften Grunde. Und es fälle daſſelbe nicht 
nur von den Bergfpigen, fondern oft aus den tiefften 
Klüften heraus, und hat eben das Eis wiederum 
hinter fid) liegen: welches ganz anders feyn müßte, 
wenn es die Klippen bloß durch die Gewalt des Fal⸗ 
les einen fo weiten Weg von ihrer urfprünglichen 
Wohnung gebracht hätte. Selbſt die Geftalt diefer 
Steine fcheinet unfere Meynung zu beftätigen: denn 
die meiftenfind, ‚obgleich nicht gänzlich, doc): einiger 
maßen rund, wie man e8 an ſo vielen und ‘großen . 
Haufen, die unter den Bergen liegen, wahrnimmt: 
dahingegen diejenigen, Die aus andern Bergen weggeriſ⸗ 
fen werden, länglicht oder eckicht zu-feyn — 
fe’ 3iel- 





| von denisländifchen Eisbergen. 27 


WViuirlrielleicht möchte auch jemand+denfen, daß die 
in diefen fandichten Gegenden befindlichen Fluͤſſe fo 
vie'e Eisſtuͤcken an ihre Ufer. geworfen hätten, daß 
daraus dieſe Berge, enrftanden wären. Wenn wie 
aber die Sache genauer betrachten; fo finden wir, 
daß diefe unreinen und fchlammichten Slüffe ſehr ſchnell 
laufen, und daher niemals oder ſelten zufrieren, wann 
ie nicht durch eine gar zu große Menge Schnee uͤber⸗ 
ältiget werden. Nun ift Dasjenige Eis, das uns 
aufgelöften Schnee in fich enthält, niemals; und däs 
Bingegen dasjenige, Das aus lauter reinem Waſſer be⸗ 
ſteht, allezeit durchſichtig. Denn je einfacher und 
reiner ein durchſichtiger Koͤrper iſt, und jemehr er von 
allen fremden Theilchen frey iſt, deſto leichter laͤßt er 
die Strahlen des Lichts durchfallen. Man kann alſo 
durch die erſte Gattung des Eiſes alles ſehen, was 
unten im Waſſer iſt: die letztere aber, die aus Schnee 
zerbrochenen Eisſtuͤcken und Waſſer zuſammen ge⸗ 
froren, iſt ſo beſchaffen, daß es dem Auge nicht moͤg⸗ 
lich it, es durchzudringen. Nun wollen wir bende 
‚Gattungen, die einfache-und die zufammengefegte, 
‚gegen das Eis unferer Eisberge halten, fo werdet 
wir fehen, daß diefes mit dem reinen einfachen Eife 
gänzlich) überein fommt. Und alfo glauben wir aus 
diefen und oben angeführten Gründen zur Gnuͤge er⸗ 
wieſen zu haben, wie wenig wahrſcheinlich es ſey, 
daß ſolche ungeheure Berge aus unaufgeloͤſtem Schnee, 
oder aus zuſammengehaͤuften Eisſtuͤcken entſtanden 
ſind, welches doch die gemeine Meynung behauptet. 
Nunmehr wollen wir uns denn allmaͤhlig vorbereiten, 

unſere Muthmaßungen davon an den x 
| zu legen. 
* Senn folget —— m 
1. Sch 


Von der Zubereitung der wilden 
I. v 9 


Schreiben 


77 pa 


dr Zubereitung. 
der 


witdenCafanen Bien ä 
Aus dem 
ne. —— Octobr. 1751. 


enn ich ihnen, mein herr, nach ſo * 
* bisher vergeblich gemachten Verſuchen, 
die indianiſchen Marronen einiger⸗ 
maßen u nußen, meine eigenen erzähle, ja was noch 
mehr ift, wenn ich ihnen auch die Berficherung. gebe, 
daß fie mir glücklich von ſtatten gegangen ſind, ſo 
weiß ich eben ſo wenig, ob ſie meine Freyheit geneigt 
aufnehmen, als ob fie mir Glauben beymeſſen wer 
den. Koͤnnte mein Verfahren nicht ohne viele Muͤhe 
und ſonderliche Koſten ausgefuͤhret werden: ſo wollte 
ich ſelbſt nicht daran denken, es bekannt zu machen. 
Allein, da weder das eine, noch das andere dazuerfor⸗ 
dert wird; ſo koͤnnte ſichs vielleicht jemand einfallen 
laſſen, den Berfuch nachzumachen, und diefe Hoffnung 
berechtiget mich um deftomehr zu meinem Entſchluſſe, 
je gewiſſer ich weiß, daß mich andere, die die Probe 
weder anſtellen koͤnnen, noch wollen, wenigſtens kei. 
ner Neigung, das Publiam zu hintergehen, oder je⸗ 
manden unnoͤthige Koſten zu beng werden be⸗ 
Bodgen koͤnnen. 


” 


Ich 


ho s# 


Caſtanien zur Viehmaſt. 29 


Ich bin nicht gleich mir meinen erften Verſuchen 
glücklich gemefen. Anfänglich hoffte ich ein Brenmoͤl 
aus dieſen Marronen heraus zu ziehen: allein fie ga⸗ 
ben deſſen ſehr wenig, und fein Geſtank iſt unertraͤg⸗ 
lich. Sein einziger Vorzug beſteht darinn, daß es 
ſich in der ſtrengſten Kälte haͤlt, ohne zu gerinnen 
Weil alſo dieſer erſte Verſuch ungluͤcklich ablief; ſo 
gedachte ich dieſen Fruͤchten ihre Bitterkeit zu beneh⸗ 
men, damit ſie zu einer guten Maſt fuͤr — 
nd: Schafe dienen fönnten. 

Ich ſchuͤttete in Diefer Abſicht eine Sage angel Sf 
ten‘ Kalk auf die Erde, und legte einige mit- einer 
Pfrieme drey bis viermal durchbohrte Marronen dar⸗ 
uͤber her. Sie lagen etwa drey bis vier Finger hoch 
über: einander, und wurden mit einer neuen Lage von! 
ungelöfchtem Kalke bedeckt. Diefes alles befprengetel 


ich nach und nach mit Waffer, bis fich der Kalk völd _ 


fig aufgelöfer hätte, Nachdem es Falt geworden, zog 
ih) Die Marronen mit einer weiten Harke heraus, und‘ 
that fie in ein Faß, an deſſen Boden ein Zapfen be= 
findlich var. Ich ließ friſches Waſſer darauf ſchuͤt⸗ 
ten, und alles mit einem hoͤlzernen Spatel gemaͤchlich 
durch einander ruͤhren, bis ſich aller Kalk abgeſondert 
hatte, da denn das Waſſer abgelaſſen wurde, Dieſes 


Berfahren roiederholte ich zwey bis dreymal, und 


ließ endlich die Marronen vier und zwanzig Stuna 
- den. im frifchen Wafler fteben, um ihnen alle ihre 
Bitterkeit zu benehmen. Endlich ließ ic) das Waſ⸗ 
ſer ab, und die gefchälten Marronen wurden dem 
Viehe unter anderem Futter vorgeworfen. "Anfangs 
ließ ich ihm nur wenig, nach und nach aber mehr geben, 
damit er das Vieh erſt daran N und ich 


fchreia 3, 


30 Von der Zubereitung der wilden ꝛc. 


ſchreibe es dieſem Futter ee zu daß «sin kur⸗ 
zer Zeit dick und fert wurde... nn 69 
Dieſes gluͤcklichen Foreganges: ungößßhtet, ſchien 
mir doch das Verfahren etwas zu langweilig und be⸗ 
ſchwerlich. Daher ſuchete ich es folgendermaßen zu ver⸗ 
kuͤrzen. Ich ver fertigte Kalkwaſſer. Ich goß auf: unge · 
faͤhr ein Achtel eines Scheffels ungelöfchten Kalfs) den 
ich in einen Eleinen, am Boden mit dichter Leinwand bes 
legten Laugenbottich, tragen ließ, zwanzig bis vier und 
zwanzig Maaß (pintes) Waſſer. Als der Kalk wohl ges 
löfchet war, zog ich das mie dem Salze des. Kalks ange⸗ 
füllte Waſſer durch die Röhre des Bortichs ab, und ließ 
die, durchbohrten Marronen 'eine Zeit lang in dieſem 
Waſſer kochen. Wenn ſie weich genug waren, wurden 
ſie geſchaͤlt, alsdann vier und zwanzig Stunden i in fri⸗ 
ſchem Waſſer geweicht, und endlich dem Viehe mit vie 
lem Vortheile und Nutzen zur Maſtung gegeben. 
Das von den Marronen bitter gewordene Kalkwaſ⸗ 
& habe ich. auf ein StuͤckLandes tragen laſſen worauf ich 
kuͤnftiges Fruͤhjahr Kohl zu pflanzen gedenke, um durch 
dieſes bittere Salzwaſſer vielleicht die, meines Willens, 
bisher noch unübermindlichen Erdflöbe zu vertreiben... 
© Sch willindeffen doch niemanden rathen, Die fo zubes - 
reiteten Marronen frächtigem oder fängendem Viehe zu 
geben, denn ob ich aleich nie bemerfet habe, daß fie de= 
nen, die man zum Schlachten damit mäftet, den gering« | 
ſten Schaden getban hätten, fo wollte ichs doch in den 
beyden erwähnten Fällen um defto weniger mager, je 
weniger man noch bis ißt die Krankheiten der Thiere 
und ihre Mittel Fennet, und je behurfamer man mit ih» 
nen umgehen muß, um ihre Geſundheit, befonders im 
critiſchen Umſtaͤnden, keiner Gefahr yo | | 


— u. Pop 


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Ze Ada Er — a 2 ae e - 
1) . v —* J 
rer t EHER 
\ i i e IFEUET er 
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WR eg a 
Mr J — 98 N. Br 
Phyoſikaliſche Abhandlung 
von denen in 
Ban vorhondenenEſencheueen 

durch 

fe chymiſche Verſuche derethm 
und 3 
nebſt einem beygefuͤgten Verſuche 
1* mit dem | | 
eiien in der blauen Garde, 
Herausgegeben R 
‚©. © "m OR 


' De Georg. L. II. 490. 
* „Felix qui potuit rerum — cauſas. 


ME? Hat zwar in Bi älteften Zeiten Leute gege⸗ 
ben, welche dem edlen Triebe gefolget, ihre 
Aufmerffamfeit auf die Reiche der Natur zu 

— die wenigſten aber haben das Vermögen bes 
ſeſſen, in das Innerſte der Natur einzudringen, die 
Art der Zufammenfeßung eines jeden Dinges zu enfe 
wickeln; die Theile deffelben genau zu, beftinnmen, 
und endlich die Wirfung eines jeden derfelben insbee 
fondere zuverläßig anzugeben. Der ——— der 
ier⸗ 


32 Von den im Blute vorh. Eiſentheilen, 
hier zu gehörigen Huͤlfsmittel, der die Anzahl i 
Beobachtungen ziemlich verfeinern mußte, lege 






"Meg, ihren, gehofften Zweck nad Wunſche zu erhal⸗ 
ten. Nehmen wir vollends dazu, daß fie "eben nicht 


— 


— 


die groͤßten Helden in der Chymie geweſen, und ih⸗ 
—2 gruͤndliche Kenntniß von den Verhätrniflen 
v auflöfenden mineraliſchen Geiſter gegen einat 


bengewohnet: fo wird man fic) in diefem Felde we⸗ 


f 


nen meines Erachtens die größten Hinderniffe in e 


nig Zuverlaͤßiges von Ihnen verfprechen fönnen. Dem 
fey nun wie ihm wolle: fo würde es dennoch ein ftrafz 


barer Undank feyn, womit man ihre Afche. fehändere, 


wenn man alle ihre hierauf verwendete Mühe mit 


ganz verächtlichen Augen anfehen wollte. Dem zu 
geithweigen, daß wir öfters aus. ihren Fehlern Gele⸗ 


genheit nehmen koͤnnen, kluͤger zu werden, und die 


Naturen der Dinge genauer und forgfältiger ‚ als fie 
gethan haben, „zu unterfuchen: fo find doch auch Als 
le ihre Berdienfte um die Naturkunde fo gar geringe 


nicht, daß es uns gleich viel gelten Fönnte, ob fir je⸗ 
mals hierinnen einige Verſuche gerhan, oder nicht. 
Gewiß, wir wiirden ohne fie in eben diejenigen Feh⸗ 


Ier verfallen, die wir iho an ihnen verbeffern koͤnnen. 
Die Naturfunde nämlich, har dieſes Schickſal mit als 


len andern Wiffenfchaften gemein gehabt, daß in ih⸗ 
rem erſten Anfange Licht und Finſterniß mit einander 


rungen, und die Klarheit und Deutlichkeit derſelben 


mit dem dickeſten Nebel der Vorurtheile und des 
Aberglaubens angefuͤllet lagen. Die Zeit zog allmaͤh⸗ 
lig den gluͤcklichen Nachkommen dieſe Decke von ih— 


ren Augen weg, und man fieng nunmehro an, die 


Natur und ihre Geſetze nicht * wie — nach 
einen 


/ 


und dein Eiſen in der blauen Farbe— 33. 


ſeinen Begriffen und Gutachten zu bilden; fondern 
durch emfige und genaue Unterfuchung derſelben feine 
Begriffe der Einrichtung und Wirfungsart ver Ra - 
tur gemäß einzurichten, Cine Bemühung, die dem 
menfchlichen: Sefchlechte Ehre macher! Die Kennts 
niß der Natur weiſet uns die Lage, in welcher wir an 
dieſes Ganze angepaſſet ſind. Dieſes Ganze zeiget 
eben ſo wohl, als der geringſte ſeiner Theile, auf das 
herrlichſte von der Weisheit und Macht feines große 
| fen Werfmeifters, und ein Naturforfcher ift deswe⸗ 
gen am gefchiekteften, Gott nach feinen Eigenfchaften 
und Volikommenheiten zu erfennen, zu loben und zu 
preifen, Der Nußen der Naturkunde breitet ſich 
auch endlich bis auf die $ehre von dem gefunden und 


- franfen Zuftande unfers Körpers aus; Sie zeiget 


die wefentlichen und zufälligen (heterogenen) Theile 
unfers Baues, und folglich, was demſelben nüglih 
oder ſchaͤdlich ift, und ich werde nicht zu ‚weit: geben,‘ 
- wenn ich fage, daß fich ohne fie fein rechtſchaffener 
Arʒt denken läßt. Da ich nun die Arztneygelahrtheit 
zu’ meiner Hauptbeichäfftigung gemacht habe: ſo für 
che ich diefelbe, in diefer Abfiche mit der Naturlehre 
x auf das genauefte zu verbinden. Denn nichts ift 
mieiner Meynung nach rühmlicher, als die Ehre Got« 
tes, und. den Mugen des Nächften zu befördern. Ges 


genwärrige Abhandlung mag meine Leſer urtheilen 


laſſen, mit mas für gluͤcklichem Erfolge. ich diefer 
Wiſſenſchaft obgelegen, und ob ich Zeit und Fleiß 
auf dieſelbe ganz vergeblich gewendet. Ich habe mir 
itzo vorgeſetzt, einen Beſtandtheil des Blutes zu un⸗ 
terſuchen, der in einer gewiſſen chymiſchen Arbeit ei⸗ 
ne beſondere Wirkung hervor bringt, und von wel⸗ 
* Dand, C | cher 


34 Bon den im Blutevorh. Eifentheilen, 
cher unfere Vorfahren feine genaue Kenntniß ‚befeffen 
haben. Meine Leſer werden mir erlauben, einen Fleis 
nen Vorbericht dießfalls zu ertheilen, der mich veran⸗ 
laſſet, mein Augenmerk auf dieſe Materie zu richten. 
Ich werde mich ſowohl hierinnen, als’ auch im fol- 
genden, aller möglichen Kürze und Gründlichfeit bes 
dienen. Durch einen ungefähren Zufall murde uns vor 
- jenen vierzig Sgabren eine blaue erdigte Farbe entdecket. 
Sie hielte die Proben der ſtaͤrkſten ſauern Geiſter, 
ohne dadurch etwas von ihrer Schönheit zu verlieren. 
Man konnte nunmehro in der Mahlerfunftdie theure 
Ultramarinfarbe gänzlich entbehren. Zum Färben 
aber konnte man ſie wegen ihrer erdigten Theile niche 
gebrauchen *, Dem ungeachtet wurde anfangs die 
Art ihrer Zufammenfegung fehr geheim gehalten. Es 
widerfuhr ihr aber ein gleiches Schickſal aller andern. 
Künfte. Man kam dahinter, daß fie aus zwey Theie ' 
Ien Blut, zwey Theilen MWeinftein, und eben fo vielen 
Theilen Salpeter im Feuer geſchmolzen und. alfalifie 
vet, bernach mit Waſſer . aufgelöfet und wiederum 
mit fauren Salzen nfedergefchlagen wurde; und fie 
ift nunmehro unter dem Namen Berliner Blau übers 
all bekannt. Hieruͤber entftunden nun bey den Na⸗ 
turkuͤndigern verfchiedene Meynungen, was eigentlich 
das Blaue bey diefem Mengfel verurfache. Mit eis 
nem bloßen Niederfchlage von alfalifhen und ſauren 


Salzen onnten fie es nicht bewerfftelligen ; ; Daher 
2 macheten: 


* Ich habe aber auch nachhero bey angeſtellten Verſu⸗ | 
chen bemerket, daß fie die Laugenſalze nicht verträgt, 
und von denfelben augenblicklich, ohne das geringfte 

ee behalten, in eine ii Sarbe verwan⸗ 
delt wir 


J 


und dem Eifen in der blauen Farbe. 35 


een e Schtuß, daß der, run iu un 


mittelbar im Blute ſey. Diefen Theil ſelbſt aber in 
dem Geblüte aufzuſuchen, es von den andern gehörig 
‚Abzufondern, war ihnen zu weitläuftig, oder fie wuß⸗ 
‚ten eg nicht recht anzufangen, zumal da fie in den al 
‚wen $ehrfagen von _dem Blute feine Spuren fanden, 
die ſie auf den rechten Weg geführet hätten.” Und 
alfo blieben ſie hierbey ftehen. Ich babe: zwar diefe 
Farbe felbit zum öftern gearbeitet, ohne mein Abfehen 


auf die im Bluͤte hierzu nüglichen Theile zu haben. 


u. 
— 


Als ich aber einige Zeit an einer andern blauen Far— 
be gearbeitet hatte, und dieſelbe auf keinerley Weife 
zu einer beftändigen Dauer bringen Eonnte, ſo lenkete 
ich meine Aufmerffamfeit einzig und allein auf die im 


Blute verhandenen Theile, welche bey dem berliner 


Blau den fanern -Geiftern fo heftigen Widerftand 
thun. Da mir diefe Theile aber annoch unbekannt 
waren, fo hatte id) auch zugleich vonnoͤthen, auf al- 
Te andere Begebenheiten, fo hierbey vorfommen, 
gleiche Aufmerkſamkeit zu verwenden, an: 

Ich nahm alfo zwey Theile getrocknetes Ochſen⸗ 
blut, und zwey Theile reinen Salpeter, und vermifch- 
te folches mit gnugſamen Kohlenftaube, verpufte es 


gehoͤrig, und erhielt ‚es fo lange im Feuer, bis es zum - 


{ 


ne re Hal ET 2 


Sluffe Fam: bierinnen ließ ich es eine Weile ftehen, 
damit es vecht alfalifch wurde, fodann aber ließ ich 
es erfalten. 23 ea 


Erſte Beobachtungen dieſer Arbeit. r 


Er Bey dem Berpuffen bemerkte ich -erfllich: da, 
wenn der Salperer ſchon laͤngſt abgebranne war, Das 
sr — | ‚ea Blur 


36 Zentenim tee Et, ; | 


Blut dennoch. beſtaͤndig mit einer ſehr b Ko 
Zlamme und ſtarkem Schwefelgeruche brannte. ir 


 Zmwente Beobachtung, 

Daß ſich diefer Schwefeldampf, da die ie . 
in Fluß Fam, fo ftarf vermebrere, wie bey den Men 
fallen, wenn man’ ſolche abtreibet , geſchieht dieſes 
waͤhrete ſo lange, als die Materie im Fuſte ſtund. 
Und je groͤßer die Hitze war, je groͤßet war der Rauch. 


Dritte Beobachtung. 


Wenn man etwas filbernes über diefen. Rauch 








hielte, ſo wurde ſelbiges augenblicklich wie verguldet, 


hielte man es etwas laͤnger daruͤber, ſo wurde es fu. 

pferfarbigt, endlich aber ſchwarz. 

Ich nahm diefe Begebenheiten alle zufammen, 
und Take den Schluß , daß nothwendig bierinnen 
ein. Schwefel vorhanden ſeyn müffe, und daß ber 
fange Aufenthalt defielben bloß von dem alfalifchen 
Salze herrühre, von welchen derfelbe (figirer) gebuns 
‚den, und nicht gleich weagelaffen wuͤrde. Das An 
Taufen des. Silbers aber war ohne dem ein unftreitie 
ger. Beweis des Dafenns oder der Wirfung eines 
Schwefels. Um aber hinter die Gewißheit diefer 
Sache zu kommen, ſo ſtellete ich IE ER 

Erfier Verſuch. 
Ich nahm ein Theil Schwefel ,. und ‚vier Teile 

‚Of, mengte ſolches fehr zart unter einander, ‚gab 
ihnen die ftärffte Hige, daß es gleich i in Fluß gerieth, 


und bn ließ ich es kalt werden N, . Hierauf le 


S ſete 


* Hierbey verſpuͤhrete ich eben dieſe Yhanomena , mie 
bey der Alkaliſirung des Blutes mit dem —— 


iſen in der blauen Farbe, 37: 
ſete ich dieſe Maſſ e mit warmen Waſſer auf, und 
filteiete fie gehörig, da befam ic) eine, der aus dem’ 
Blute gemachten (außer dem bittern Geſchmacke) an 
Geruch und Farbe ganz ähnliche Lauge. Endlich 
ſchritte ich mit diefer auge zu dem Niederſchlage mit 
der Alaune vsque ad punctum ſaturationis. Dieſer 
Niederſchlag war nicht blau, ſondern weiß, und Ana; 
— u das Lac Sris. | 


Zweyter Verſuch ES. 


Ich — wiederum mit diefer Sauge, und mit 
einer Solution von (Blum gFtis) Eifenvitriof, einen 
andern Berfüch. Ich goß nurteinige Tropfen von: 
diefer. Solution hinzu, und da befam ic) fogleich ei⸗ 
nen fehr fhönen grünen Niederſchlag. Und jemehr 
ich von dem aufgeloͤſten Vitriole jugoß, jedunfelgrüs 
„ner derfelbe wurde, Fam ich aber gar zu-ftarf damir, 
ſo wurde es endlich ſchwarz. Dieſer getrocknete und 
auf Kohlen geworfene Niederſchlag, gab einen ſchwe⸗ 
felichten Geruch und blaulichte Flamme. Ich ſah 
alſo daß meine Meynung falſch war; daher ließ ich 
ſie fahren, und ſuchete nunmehr bieſe Theile lieber 
ſelbſt aus der vorher geſchmolzenen —— zu er⸗ 
forſchen. 


ala Dritter Verſuch 


Ich loͤſete demnach mein obiges eh, 
Mengfel mit warmen Waffer auf, filtrirte es gehö- - 
rig, nahm einen Theil davon, und praͤcipitirte ihn, 
wie gewoͤhnlich, mit einem aufgeloͤſeten Alaun, und 
— Eiſenvitriol, um zu fehen, ob fie fattfam 

Baus C3 geſchinol ·. 








38 Von den im Btuteosrh hEiſentheiler 
geſchmolzen war. *, und ich befam ein fe * 
und dunkeles Berlinerblau. ne 
Nunmehro aber war, ich. vielmehr. obacht, die 
Urfache von diefer Blaue zu euforfchen, Hier u ſchie⸗ 
ne mir nun nichts geſchickter zu ſeyn, als ein reiner 
(piritus Otri) Salpetergeiſt, welcher ſich mit dem 
alkaliſchen Salze wiederum vereiniget, oder ein ſoge · 
nanntes Otrum Regeneratum ausmachet, das jenige 
aber was nicht zu der Natur des alkaliſchen * 
gehoͤret, fahren und zu Boden fallen laͤßt. | * 


Vierter Verſuch. 
Ich nahm alſo wieder einen Theil ie Den | 
J und goß hierzu ſo viel reinen Salpetergeiſt, bis 
das Vorwallen auf beyden Seiten gehoben war, de; 
ſchlug ſich ſogleich eine ziemliche Menge eines ſehr hell⸗ 
braunen und zarten (Croci) Pulvers ju Boden, das 
Aluidum hingegen blieb heil und Flar. ch ließ es 
erſt recht ſetzen, ſodann aber. goß ich es ab, evaporirte 
es vsque ad cuticulam, und ließ es anfchießen, da ben, 
Fam ich einen fehr zarten Salpeter, welcher auf. dem; 
Feuer fehr hurtig brannte, und dieſes wollte ich eben. 
haben. Den: ‚erhaltenen Präcipitat: edulcorirte ich 
vorher etliche mal mit reinem Waſſer, un) ließ ihn 
bernad) trocken werden. —— 
Fuͤnfter Verſuch. — 
Nun verſuchete ich, die Natur dieſes getrockneten 


— von allem ar —— —— ae et⸗ 
was 


© ch habe — daß, je —— das Mengfel ge⸗ 
—* je heller um weißer die Lauge ah 


iii weil der Schwefel endlich nach und 
- verbrens 








| Ssahäßee Pre zu lerrien.) Zu dem Ende: nahm 
ich alſo ein gutes Aquafort ‚und goß es darauf, da 
loͤſete ſich derſelbe mit einer kleinen Erhitung des 
Glaſes, worinnen er war, vollkommen auf *; Hier» 
aus nahm ich eine‘ metalliſche Natur diefer Theile | 
‚wahr , id) präcipitirte fie daber wieder mit einem reis 
nen und aufgelöfeten alfalifchen Salze, und da fielen 
‚eben dieſe vorhero aufgelöfeten Theile roieder zu Bo⸗ 


den, und die Lauge war wieder a einem —* ge J— 


worden. 


Sehfter Verſuch. — 

Weil ich nun bemerket hatte, daß dieſe Theile 
— Natur waren, fo machte id, um die Nas 
tür diefes Eroci noch näher Fennen zu lernen, "einen 
Verſuch mit einem guten Magnete. Hier wurden 
die zarten Theile alsbald ſehr begierig von demſelben 
angezogen), und ic) wurde nunmehro verſichert, daß 5 
a. u wirklich aus Eiſentheilen beſtehe. | 


Bi | Siebenter Verſuch. 

36 Keen ‚abermals ‚mit diefem getrockneten, 
—* ausgelaugten Niederfchlage einen neuen 
Verſuch. Ich goß naͤmlich zu dieſer Materie etwas 
deſtillirten Weinepig, rübrete es wohl unfer einander, 
und ſetzte es einige Tage, in gelinde : Digeftion; hier 
5 er fi SE ein pri vitriolifcher Ges 

17 ins 3 RO ſchmack. 


— tele As wann ei nah darinnen vorhan⸗ 
ift, fich mit au fer, und Die Lauge gelblich färbet. 


iefes pflegt gemeiniglich bey den metallifchen Kir 


pern Ba fen ie mit ſauern ‚Seilern, aufgelöfe t ei werden, 
au geſchehen | 





40 Von den im Blute 0 | 


ſhmack. ¶ Ich ooh nachgehends nochsetivas Waffe 
darzu, ließ es durch einen Filz laufen, rauchete es 

ein wenig ab, und ſetzete es hernach in die Kaͤlte zum 
Anſchießen. Als ich nad) einiger Zeit wieder zu dem 
Glaſe kam, fand ich in demſelben einen ſehr ſchoͤnen 
and hellgruͤnen Bitriol, welchen, angefchoflen war. 
Von diefem löfete ich etwas in warmen Wafler auf, 
und goß es zu einer. wohl: faturirten. folutione Galla- 

zum; davon wurde fie augenblicklich" ganz. Kowan 
wie von allem Bitriol gefchieht. Pe: on 


Achter Verſuch 

Weiter verſuchete ich dieſen Eiſencroeum nun⸗ 
in auch in einen feiner Natur gemäßen und dich- 
ten, Körper zu reduciren. Ich that zu dem Ende eis 
ne gewiſſe Duantirät in einen Schmelztiegel,gabibm 
recht. ftarf Feuer und ſetzete ihm ein gewiſſes 
Phlogiſton zu. *, trieb. es mit dem Balge fo lange, 
bis es anfieng zu fließen, darnad) goß ich es in ein 
Gieß zeug aus, und ließ es kalt werden. Ich verſu⸗ 
chete es nachmals mit dem Hammer, ‚allein es ließ 
ſich nicht recht Hämmern, fondern war mehr brüchig. 
Uebrigens wurde es.von dem Magnete ſehr ſtark ans 
gezogen., Hier fieht man nun, daß die Eifentheile 
einzig und allein die Grundurfachen find, welche bey 
— Dir ge * * — 9 


| 


wer ar 


* Es if — daß die Käfig und Befehmeidigei 
der Metalle einzig und allein von dem principio in- 
" Rammabili abhangen, und erbellet fol ches Ha klar a öRe- 
dudtio des Calcis metallorum durch tigen ı Körper 
Siehe hiervon Bechers , Phyf, fubt., —— en 
Heren Stahl, Neumann, und abe ns 3— 





+ 


und dem Eiſen in der blauen Farbe. 41 
Es zeiget dieſes ſchon ein Niederſchlag mit dem bloßen 
Laugenſalze und Vitriol, welcher, fo man mit dent 
Vitriole nicht zu ſtark Emm, ſchon etwas ins Blaue 
fällt. *, und bey der Schmelzung des Laugenſalzes 
mit dem Blute, wird daſſelbe, mit den darinnen 
vorhandenen zarten Eiſentheilen erſtlich recht ſtark ge⸗ 
ſchwaͤngert, und verurſachet alſo bey dem Niederſchlage 
mit dem Alaun und Virriol, das Blaue. 


el Ne 
——— Neunter Verſuch. 

Endlich trieb mich die Begierde, das Berbältif 
| in Abficht auf die Vielheit derer ſowohl im Ochſen⸗ 
als Menfchenblute vorhandenen Eifentheile zu beftime 
men. Ich nahm alfo zwey Pfund gerrocnetes Och⸗ 
ſen⸗ und eben ſo viel getrocknetes Menſchen⸗Blut, 
ſchmelzete jedes insbeſondere in einem Schmelztiegel, 
und verfuhr übrigens in allem fo damit, wie ich bes 
veits im vierten Berfuche gemeldet habe. ° Der Pro» 
duet des Eifenfaffrans war aus dem Ochfenblute am 
Gewichte 23 art, 3 Gran, aus dem Menſchenblute 
* © Diefes find nun: meine — mit dem Blute 
wodiec ich die in irn ea —— Eiſentheile, 

en Ai E „ rare ‚und 
* Niemand wird! Jugnen, daß jeder Vitriol etwas von 
"meta ige non ey fi ab re. Denn ee, ; 
weiſet die 16 Eimfliihe Werfertigung des Eifen- und Rus 
pfervitriols aus feinen eigenen Metallen, undiwieders 
unm die Scheidung diefer metalliichen Theile aus den 
“men natürlichen Arten des Vitriols. 


—* —— alle dem kann man die eigentliche Quantitaͤt ſo 
nicht beſtimmen, weil allemal von: Dem "ges 


“ ——— zurück Babe fo, ch mche 


— 


42 Bondenim Blute vorh Eiſentheilen, 


| 


und das, bey der Verfertigung des berliner Blaues 


hieraus. entſtehende Farbeweſen klar genung entdecket 


habe. Im Folgenden werde ich noch einen Beweis 
aus dem Eiſen ſelbſt führen,‘ daß aller Zweifel, den 
meine. Leſer etwan hegen dürften, „gänzlich über den 
Haufen fallen muß. - Benläufig muß ich nod) erin⸗ 
nern, daß, weil man ftatt des Blutes, auch Knochen, 
Horn, Haare, und dergleichen, welche. insgefammt 


‚erftlich aus den flüßigen Theilen ihre Nahrung und 


Wachsthum erhalten, zu der blauen Farbe gebraucht, 
hieraus zu ſchließen ift, daß in benfelben ebenfalls 
folche Eiſentheile vorhanden. ſeyn müflen, und daß 
man folche auf vorerwähnte Art, ſowohl in diefem, 
als auch in dem Pflanzenreiche (wenn anders melche 
in denfelben vorhanden find) entdecken koͤnne. Ich 
Fönnte bey diefer Gelegenheit: etwas von den Wirfuns 
gen diefer Eifentheile i in dem Geblüte, und von dem 
Nutzen des Eiſens in der Arztneykunſt, außer dem, 


was wir fehon von dem Gebrauche der eröffnendenund 


ftärfenden Eifenmittel wiffen *, mit. einfließen laffen. 
Allein da diefes wider meinen "vorgefeßten Endzweck 


iſt, ſo verſpare ich ſolches zu einer beſondern Abhand⸗ 
lung von dieſer Materie, und werde deswegen zu dem 
im Vorhergehenden verſprochenen, und aus dem Ei⸗ 
ſen ſelbſt zu fuͤhrenden Beweiſe meiner Verſuche 


ſchreiten. Um der Deutlichkeit willen werde ie die 


Erfahrungen, fo wie ich. fie aus. meiner Arbeit erlan ⸗ 


get babe; — — ae a ee 


yo 

4 ” Ber die Lehre des — PN Bocrbanvend ‘de 
» Tono ſtricto et laxo viſcerum vecht verſteht/ der wird 
Ach der Eiſenmittel mit Bug bedienen win 


TER h 


| Pen der siauenSnehe; 43 
aa Verſuch 


Ai 9 mie 


Mo eifeni in der — * 


Bey dieſer Arbeit habe ich alle Vorſicht gebrau.· 


Ba deren man fich zu bedienen hat, wenn man in _ 
eine Sache gewiß gehen will. In dieſer Abſicht 
nahm ich ſehr reine Feilſpaͤne von Eiſen, beſprengete 
dieſelben mit reinem Waſſer, und ließ ſie ſtehen, bis 
fie zuſammen geroſtet und trocken waren; alsdenn 
ſtieß ich ſie im Moͤrſel, ſchlug ſie durch einen Flohr, 
und auf dieſe Weiſe wiederholete ich dieſe Arbeit, bis 
ich genung von dieſem Roſte hatte. Er ſchien mir 
aber noch etwas zu harte zu meinem Vorſatze zu ſeyn; 
deswegen that ich denſelben in einen Schnehtegen 
ſetzete ihn ins offene Feuer, und ließ ihn einige Stun⸗ 
den recht durchbrennen, nach diefem brachte ich den’ 
Eifenroft auf einen Keibeftein, machete ihn ‚fo Flar,: 
als möglich war, und ließ ihn hierauf wieder trocken: 
werden, nahm zwey $oth davon, und verſetzete dieſel⸗ 
ben mit zwölf Loth Salpeter,, etwas rohem Schwe⸗ 
9 me J——— — verpufte ſolches 
DOM — FODeEN ‚JR 


Ben Diefe Arbeit wobl von fatten ‚geben ſoll ſo 

oͤmmt es darauf an, daß man die rechte Quantitat 
"vom Schwefel teifft.. Ohne denfelben geht es gar 
nicht an, weil die Eiſentheile vor ſich mit dem Raus 
genſalze wicht recht vereiniger werden; iſt im Gegen: 
 theile gar zu viel von ſelbigem darunter, vereiniget 
ſch das, Eiſen fo ſehr mit dem Schwefel‘, und die 







Lauge von Bine gefehmolzenen Mengſel wird von ber 
en Farbe des Schwefels und dem blauen Farbe: 
Ye des Eiſens ganz, ſtahlgrůn / wenn fie d di ‚den 


Silz 


44 Von den im Blute baren, 


zuſammen, und brachte es hernach zum Fluſſe, wor« _ 


"innen id) es eine gute Weile erhielte, Nad) diefem 
ließ ich ſolches kalt werden, loͤſete es mit reinem 
warmen Waſſer auf, und goß es durch Loͤſchpapier. 


Sch koſtete dieſe Eiſenlauge erſtlich und da ſchmeckte 






ſie nebſt dem alkaliſchen Geſchmacke ſtark, bitter und 
etwas (cauſtiſch) etzend, und war alſo von der Blut⸗ 


lauge, davon ich noch etwas ſtehen hatte, hierinnen 
nicht das geringſte unterſchieden. Endlich ſchlug ich 


dieſe Eiſenlauge mit aufgeloͤſetem Alaun und etwas 
Eiſenvitriol nieder. Er wollte anfänglich nicht recht 


dunkelblau werden, und das Waſſer auf dem Nie⸗ 


derſchlage war nd) ſehr truͤbe; alleinich merfetebald, 
moratı eg fehlete, und feßete derohalben noch etwas. 
Vitriol zu der Alaune, weil derſelbe nicht genug zu» 
fammenziehend war, und goß es nad) und nach zu 


dem Miederfchlage. Hierauf, änderte es fich bald, 
mein Niederfchlag wurde fo dunfel, daß er ganz ſchwarz 


ausſahe, und das Waſſer darauf war nunmehr hell 


und klar. Ich mar daher fehr vergnügt, dag ich. in: 


diefer Arbeit eben fo glücklich gervefen war, alsindem 
Vorhergehenden, ob fie aber den Verſuch mit den ſau⸗ 


rren Geiſtern halten wuͤrde, konnte ich itzo noch nicht 
gewiß wiſſen. Deswegen ließ, id) dag Waſſer davon 


erftlich durch Papier laufen,und goß ſodann zu ein wenig 
dieſer Farbe, eh etwas Vitrioloͤl we einem andern "Sr 
ls 


J seen if, nachmals aber * eh Nied er⸗ 


ſchlage mit dem Vitriole ſchwarz. Dieſe Quanti itaͤt 


aber habe ich um deswillen nicht eigentlich beffimmet, 
weil ich fie annoch vor mich hen ih, Pi ie ch 
überdieß nicht einem Lichte: Haie 
‚verzebret, indem ed andern d —* 


und dern Eifen inder b blauen Farbe. 45 
Salpetergeiſt, und wieder zu einem andern den ſauren 


rieb jede ins eſondere recht unter einander, 
und da wurde I 8 ‚brennend davon an Farbe, daß es 
‚Die Yugen recht blendete, ich ſtrich etwas auf Papier, 
da vertrieb es fich ganz unendlich weit, ‚ohne daß man 
den 1 Grund, des Papieres. fahe, und ic) konnte von der 
Dauerhaftigkeit und Schönheit diefer Farbe nichts 
‚mehr verlangen. Wer fiehr hieraus nicht die Gewißheit 
und Wichtigkeit der Entdeckung, von den im Blute vore 
andenen Eifentheilen, dadurch man zugleich zu der Era 
en gelanget , daß das Be elinerblau ſowohl aus 
Blut als Eifen gemachet werden Fann *, und zwar mit 
letztern noch mic weniger Arbeit undKoften, des Nutzens 
annoch zu gefchweigen, der uns ferner in der Arztney⸗ 
kunſt hieraus erwachſen duͤrfte. Auf dieſe oder eine aͤhn⸗ 
liche Weiſe, kann man auch mit andern metalliſchen Kor⸗ 
pern Verſuche anſtellen, vielleicht ſind in einem und dem 
andern beſondere Farbeweſen enthalten, von welchen 
wir ebenfalls noch keine Kenntniß beſitzen. 
Ich habe es demnach nicht fuͤr ganz unnuͤtze J 
halten, diefe angeftellten Berfuche mitzutbeilen, und - 
‚vielleicht werden wir durch einen fortgefegten Fieiß in 
dieſer Arbeit von geſchickten und gründlichen Natur⸗ 
forſchern noch mit mehrern Wahrheiten bereichert, 
deren Nutzbarkeit an uns ſelbſt angepaſſet werden 
kann. Uebrigens habe ich das gute Vertrauen zu 
meinen Leſern, daß fie mich nicht anders, als auf eis 
ne vernünftige Art beurtheilen, und von dem Gegen⸗ 
J theile, 
* Das Anlaufens des Stahls leget ſchon ein Zeugniß 


hiervon ab, daß das Eiſen in das Blaue geht, went 
man mit felbigens gehörig amgeht 


‘46 I EUR ein ee 
Öfheite, weidhee ich sen er Sin de 


a rfüchen u finden getraue 
anders als wach, und alfo eben, if 
ich ale babe, ‚ überzeugen werden: 

weder ch, noch ſonſt jemand Dadurch volltame 4 


ac A * mener werden duͤrfte. u. m / 


Be 
s. €. 8. Sei 
— Abhandlung — 


von 








— Suserofe 


J ME TR Se 


ie Tuberofe ift unftreitig eine der vortrefflich⸗ 
@ ſten Blumen. Sie gehoͤret zu den auslaͤn⸗ 
diſchen, und zwar zu den indianiſchen Ge⸗ 
waͤchſen Aus Indien brachte man ſie zuerſt nach 
Wälfhland, alwo fie il lacinto Indiano tuberofo ge · 
nannt wurde. Don da kam fie in unfere deutfche 
Gegenden. Ihr entlegenes Vaterland iſt es aber 
nicht allein, ſondern vornehmlich das Durchdringen- 
de ihres füßen Geruches, wodurch fie bey ung ſchaͤtz⸗ 
bar wird; Einigen Derfonen gefällt daneben die que 
te weiße Farbe der Blüte; ingleichen, daß Ddiefe an« 
genehme Blume den Herbit zieret, auch langfam ver⸗ 
bluͤhet, ‘indem fich eine, ED —— Di: — an 
dem Stengel öffnet, — | 
Man | 


⸗ 





vom der Tuberofe. 47 
Man hat zwo Arten von EN ‚Bine eins 
—— eine gefuͤllte * Beyde tragen. weiße Blur 
men, die Fleinere und jartere Blaͤtter, auch einen ans 
mutbigern Geruch, wie die großen weißen Lilien has 
ben/, ſonſt aber diefen fegtern fehr ahnlich find... Ob 
es noch eine gefüllte vorhe Tuberofe giebt, kann ich 
nicht beftimmen. Herr Arnold Friedrich von Har⸗ 
tenfels bezeuget ** ſie ſey von ihm nicht gefehen, 
it fommt meine Erfahrung: überein, ungeachter 
ich folche Pflanze ſehr gefuchee babe. ‚Sollte diefels 
be vorhanden ſeyn: fo müßte man fie, ihren. großen 
Seltenheit wegen, der. weißen gefüllten: vorziehen, 
Daß fonft diefe letztere den Preis vor der weißen ein 
ww behaupte, ift leicht zu erachten. 

Es erfordert unſer Gewaͤchs viele Wartung. Ich 
finde mehr als eine Perfon 'gleich in meiner. Nach⸗ 
barfchaft, die daſſelbe bisher in feinem: Fahre zur 
Blüte bringen Fann. Die Urfache davon ift bloß 
dieſe daß man die hinlaͤngliche Aufſicht fehlen laͤßt. 

Beſagtes Knollengewächfe mag durchaus keine 
Kälte leiden. Es verlanget daher, in-einen Blu⸗ 
mentopf gepflanzer zu ſeyn, damit man denfelben, 
wenn Nachtfroͤſte, oder andere rauhe Witterungen 


einfallen, in Sicherheit bringen, und allenfalls zu 


fich ins Haus nehmen könne, Leget man die Knol⸗ 

Ien in den ordentlichen Gartenboden „ ſo geſchieht 

es gar zu ante ; *— im Fruͤhjahre nach dem Her⸗ 

| vorſchießen 

* Myadirkhlim ——— ZT RER “ flore Amplici, et 
pleno, 


* Sp dem eriten Theile feines neuen Garten les 
Frankf. am Mapnu 1746. 8. a. * 1086. un — 


- 


vorfchießen des * — EN m 
Herbfte, ehe die Blüte vorbey, und das Laub 


geworden ift, ein eintreffender — —— 


Schaden zufuͤget. BR. en 


Der Frühling ift bie Zeit, da man 5.6 Blumen» 
töpfe zur. Hand nimmt, und die Knollen: einlegen, 
Am füglichften thut man dieſes im Maͤrz. Will 
man aber die Pflanzen fruͤher, als ordentlicher Weiſe 


geſchieht, zur Bluͤte treiben, mag man ſchon im 


Februar ſolche Verrichtung vornehmen 

" Bey dem Einlegen verfaͤhrt man —— 
maßen: Man wirft in den Topf, unten auf den Bo⸗ 
den etwas Sand, damit das Waſſer fünftig defto 


eher abziehe. Ueber den. Sand bringet man eineffeis- 


fche, Kun fette, aber zugleich leichte und lockere Er» 
be... Eine zähe, thonichte und Freidigte Erde; tauget 
gar eiche teil, ihrer Steifigfeit und —9* wegen, 
in derfelben vornehmlich. die Würzelchen des Knollen 


mit größter Schwierigkeit die Nahrung fuchen muͤß⸗ 


ten. Je lockerer und leichter hergegen die Erde ift, 


deſto wenigern Widerftand finden Wurzeln, Keim, 
WRegen, Luft und Sonne, von derfelben, und deſto 


eher und beffer fönnen folglich die Pflanzen fortfoms 
men, en — Erde zu unſerm — iſt 
Die 

. Die — Bartengebeimniffe, wovon zu rain 
bera 1738. 800 die erfte, und 1752 8vo die neuefte 
beutfche Yusgabe bervortrat, weifen auf der 8 Geite - 


dreſn Jenner zum jährlichen Pflanzen der Knollen an. 


‚Allein diefe Schrift ift nach dem — Horis : 
zonte eingerichtet, und überdieß von fchlechtem Ins 
> halte. . Man findet. bier. Geheimniffe,, die keines 
Durchleſens werth, und J ein kauderwaͤlſches von 
eingefleider find. 


ji —* von der Zube. 4 


—R man ein Drittheil von wohlberweſetem 
| Küpmifte, ein Drittheil von vermoderter Weidener⸗ 
dey und ein Drittheil on guter Gartenerde, mit ein⸗ 
ander vermenget. Hat man dieß Voermengete im 
den Topf heworfen ſo bringet man daruͤber, in er 
Mitte ein wenig Sand, worinn man: den Knollen 
pflanzer, fo, daß der Sand denfelben und feine Wur⸗ 
zeln unmittelbar: umgiebt. Um den Sand herum 
druͤcket man von neuem jene vermengte Erde. Mit 
ſolcher bedecket man endlich den Knollen oben zween 
Queerfinger body. Der Sand, den man auf gedachte 
Urt angebracht hat, ift das ficherfte Mittel wider die 
Faͤulung des Gewaͤchſes. Doc) brauchet er niche 
(die auf den Wurzeln zu liegen. Darneben fies 
bet man waͤhrend / des Setzens dahin, daß dieſe letz⸗ 
tern nach allen Seiten wohl ausgebreitet werden, das 
mit ſie allenthalben ihre Nahrung auffaffen mögen. 
Auf daß ſich auch die Knollen nicht unter einander 
die Mahrung entziehen, fo bringet man in jeden Blu⸗ 
mentopf nur ein einzig. Stuͤck. Und. die Erfahrung | 
bekraͤftiget, daß fodann die Blumen am größten und 
ſchoͤnſten ausfallen. Ehe man das Stück in den 
Topf ſetzet, werden die Wurzeln bis auf die Halb» 
feheide ihrer Länge abgeftuger , auch wo fih noch alte 
Erde an denfelben befinden follte, wohl von ſolcher 
gereiniget, Die dürren Fafern bricht man gänzlich. 
ab; Vermoderte Stuͤcke, die, wenn man fie unten 
ein wenig mit dem Meffer fchabet, allda Fein weißes 
Fleiſch mehr zeigen, find untüchtig, von neuem ges 
Pilänigee zu.mwerden. 
Gleich nad) dem Einlegen begießet man hen Topf + 
nie laulichtem Waſſer, damit fic). bie Erde deſto 
Dh. - - -D beſſer 





Zr 3 Abhandichg 
beſſer anſetzet. Darauf ſtellet man J einen war⸗ 
men, aber auch luftigen Ort. Eine Stube, die mit⸗ 
gelmäßig geheizet ift, ſchicket fi wohl hierzu, wen 
man nur zuweilen bey fchöner Witterung, die Senfter 
öffnet. Iſt die Wärme des Zimmers gar zu ſtark 
und anhaltend, ſo grünet und fchießet das Kraut zw 
ſchnell hervor, und dag weichlich gemöhnte Gewächfe 
any nachmals, wenn es völlig draußen ftehen: foll, 
nich gewohnt werden, die, geringfte. kalte: Luft zu 
erfragen. Aus der Stube bringe. man. den Topf, 
fobald draußen die Witterung warm wird, täglic) in 
den Mittagsſtunden an die freye Luft. Nimmt die 
warme Witterung weiter zu: fo ftellet man das Ges 
fhirre ganze Tage binaus, Kommen feine Nacht⸗ 
feöfte mehr, fo läßt man es endlich, nad) der Mitte 
des Manmonate, auch die Mächte hindurch, draußen. 
Es ift aber nicht nochtoendig, daß man den Topf nach 
dem Pflanzen eben in eine warme Stube ftellen 
müffe, fondern man fann ihn auch bis oben an den 
Rand in ein Miſtbeet, oder in lautern frifchen Pfer- 
demift, fenfen, und Fenfter Darüber decken, auch des: 
Nachts, um den Froft abzuhalten, Strohmatten 
über die Senfter legen. Es verftehee fich, von felbft, 
daß der Topf fodann ebenfalls zum öftern: freye Luft 
haben müffe, und die Pflanze hiedur ch nachau vach 
zu einiger Haͤrte zu gewoͤhnen ſey. 

Je groͤßer die Knollen ſind, die man pflanzet, 
deſto ſchoͤner wachſen Kraut, Stengel und Blumen 
hervor. Nicht nur anfanges in der Stube, feßet 
‚man den Topf gerne an ein Fenfter, wodurch ihn die 
Sonnenftruölen wohl £reffen ‚fondern auch nachge⸗ 
hends in dem Garten, mu Am ein — 


ad 





— Zr F 


0 monde Tuberoſe. 51 


Pag zu ſeiner ordentlichen Stelle angewieſen werden. 
Am beſten iſt es, wenn er die Sonne den ganzen Tag 
it, indem die Tuberoſe ungemein viel Waͤrme lies 
‚be. Dieß leßtere ift eine neue Urfache, warum fie 
eher im Topfe, als in dem Gartenboden gedeyet. 
‘Denn wenn die Sonne auf den Topf ſcheint; fo iſt 


die Hitze flärket, als wenn die Strahlen auf das: platz 


te and fallen. Ganz vecht verfaͤhrt man .mmttider 
-Tuberofentopf noch dazu an eine Mauer "gejiclet 


wird, wo die von derſelben —— eg 


ie gleichfalls ergreifen. ls: ST 
Unfere Blume lieber, nebft der ie, — die 
Nie. Man muß fie auf. das fleißigfte begießen. 
Es iſt eine thoͤrichte Kegel, wenn Andreas de la 
Croix * feßet: Man folledie gepflanzten Knol⸗ 
len nicht eher begießen, bis die Erde ganz 
trocken ſey. Vielmehr iſt gleich von dem Pflan- 
zen an, bis nach der Blütezeit, immer dahin zu fer 
ben, daß die Erde niemals ganz frocfen werde, In 
den heißen und duͤrren Sommertagen verlanger das 


Gewaͤchſe fogar alle Abende eine neue Befeuchtung, 


Doch gießt man freylich jedesmal ganz gelinde, gleic) 
als wenn ein fanfter Regen darauf file, damit ein 
heftiger Stoß des Waſſers nicht die Erdtheilchen, 
die es in die Pflanze zur Nahrung führen foll, wies 
der mit ſich fortreiße. Beſitzt man aufgeſammletes 
Regenwaſſer, , fo ift daffelbe zum Begießen dag beftes 
Verurſachet das öftere Begießen, daß fich die Obers 
“er der Erde harte — ſo ruͤhret man 


dieſelbe 


In feinen Deliciis et arcanis Siorum. "Ein 1697: 
8. auf der 42 ‚Seite, 


— 


52 Abhandlung I. 
dieſelbe ein wenig auf ‚damit. $uft und Feuchtigkeit | 
von neuen defto feichter eindringen mögen. Will die 
Erde oben ſchimmlicht werden; fo räumer man das 
Schimmlichte hinweg , und bringet, ſtatt deflen, 
friſche Erde herzu. Bey dickem Nebel und Duͤn⸗ 
fen den Topf aus der freyen Luft zu entfernen, iſt fo 
nothwendig nicht. Denn was die Pflanze von ders 
gleichen Dünften einfauget, verdünnee die nachmalige 
Sonnenmwärme in: ihr wieder, fo, Daß es allenthal« 
ben durch die Dunftlöcherchen der Blätter, Bluͤte 
und Stengel herausgeht, Mn — 

Hat man den Topf nad) dem Pflanzen an einen 
Ort gefeget, wo ihn zwar Fein Froft, aber doch auch 
feine binlängliche Wärme treffen kann; fo pflegen 
mehr als zweene Monate zu verftreichen, ehe man 
etwas Grünes auflaufen ſieht. In dem mittelmäf 
fig.geheijten Zimmer, oder in dem Miftbeete, trei- 
ben die Knollen weit eher. Ein DBerpflanzen ver 
aufgelaufenen Stüde, welches andere* verlangen, 
ift ganz unmig, und hemmet auf eine Zeitlang das 
Wachsthum. NEE 4 
Der in der Mitte des Krautes aufſchießende 
Stengel waͤchſet zweene bis drey Fuß, ja wenn der 
Topf eine außerordentliche fette Erde und guten Platz 
hat, vier Fuß hoch. Waͤhrend des Fortwachſens 
ſtecket man einen Stab dabey, und befeſtiget den 
Stengel hieran mit Baſte, damit ihn der Wind nicht 
einbiege. Schon im Auguſt, wenigſtens im Herbſt⸗ 
monate, ſtellet ſich die Blüte ein. Eine Blume 
bricht nach der andern an dem Stengel auf, und giebt 


* 3. €. die gedachten Gartengebeimniffe, Ey & | 


vonder TZuberofe. 53 


‚den angenehmften Geruch. Am ſtaͤtkſten führer 
man ſolchen des Abends. Bringt man den Tubero⸗ 
ſentopf in ein Zimmer, wo Fenfter und Thuͤren ver · 
ſchloſſen werden; fo erfuͤllet der ſuͤße Geruch der Bluͤ⸗ 
te das ganze Zimmer ungemein, Ja er iſt fo durchs 
Dringend, daß er verfchiedenen Perfonen Mare wird, ' 
af ihr Kopf vertragen kann. 


Im Herbft oder Weinmonate —— fi die 
Bim Daher laͤßt man keine Feuchtigkeit weiter 
auf die Pflanze kommen, ſondern ſtellet ſie an einem: 
Dre, wo fie für Regen und Thau Schuß hat. So 
‚dann wird der Stengel trocken. ft er vertrocknet; 
fo ſchneidet man ihn nahe an der Erde weg. Wenn 
hierauf das übrige Laub gleichfalls duͤrre geworden; 
fo nimmt ınan die Knollen aus der Erde, reiniget fie 
von diefer, und verwahret fie, den Winter über an 
‚einem luftigen, trockenen und ein wenig warmen 
Orte. Die ift beffer, als wenn man fie im Topfe 
bis zum Fruͤhjahre ſtehen laͤßt, wie Timotheus 
von Rol* und Here von Hartenfels ** wollen 
Denn warum foll,man die alte Erde den Winter hin- 
durch aufheben? Sie hat ihre Kraft, verloren, und». 
pfleget doc) im Fruͤhjahre weggefchüctet zu, werben, 
weil fie zum Wiedereinlegen- der Knollen nicht fo tüche Ä 
eig iſt, wie eine andere gute Erde. Ja, wo fie im 
SE — een | in big behalten bat; 12 | 

an D3 
beein 77 Seite feines neuen‘ lamenbleine, 
von 1687. 12. 4 * 


In dem LT —— & al a we 
er Seite. pi * aueyſe nach 


rn abi nr 


wird fie den Knollen ganz ſchaͤdlich, indem dieſe des · 
wegen zu ſchimmeln und zu faufen’anfangen. Ed 
einige Perfonen die Tuberofe zwey Jahre hindurch 
ohne Umſetzen, in demſelben Topfe ſtehen, fo ni‘ 
daher die Blume nie beſſer, wohl aber fehlechter, - 


Hat man es gewager, das Gewächfe in den * 


dentlichen Gartenboden zu pflanzen, und- allda 
Sommer über gebührend zu warten; ſo muß man es 
vor dem Winter frühzeitig , ehe ein.eif eintritt, her⸗ 
aus nehmen. Sind Stengel und: Kraut alsdenn 
noch nicht trocken genug; ſo hebt man: den: Knollen‘ 
mit den Wurzeln fo aus, daß fie noch mit genugſamer | 
Erde umgeben bleiben, und feger fie fürs erfte in eis 
nien Topf, den man für Reif und Soft in Sicherheit 
bringt. So erfolget: denn bald Die nörhige Dürre 


des Stengels und Laubes, daß man jenen wegfchneis; 


den), und den — wüig von eo Ey —— 
hr Tann. 4 
Den Winter Aber ſi nd die — * vor den | 


| Mäufen zu bewahren. Man leget fie deswegen gang“ 


loſe in eine Schachtel, oder, man bindet fie mit einem 
Bindfaden ati einander, und haͤnget fie unter der 
Decke einer Stube fo auf, daß bie Bee öben, 3 
und das $aub unten, fich zeigen.’ 


Es traͤget die Tuberoſe in un fern faken Ceg en⸗ 
den nicht leicht Saamen. Sondern wenn die 
vorbey iſt, ſo vertrocknen die Huͤlſen, worinnen das 
Saat kommen ſollte, und fallen nach und nach ab. 
Der beſte Saame iſt ſonſt der, welcher am naͤheſten 


em der Erde, und in ben Hulſen am eg am 
Sten- 





55 


Stengel fich RR Wenn alfe der. Stengel bey» 
nahe ‚alle Blumen: hervorgebracht hat, fo ſchneidet 
man bie: ‚obern insgefammt weg, und läßt nur drey 
ober viere der unterjten zum Saamen ſtehen. Wollen 
ſich nachmals die Huͤlſen bald oͤffnen, ſo nimmt man 
fie ab, und aus denſelben die ſchwarzen Saamenförs 
ner Beraus. "Solche fäet man im Weinmonate, ganz 
duͤnne in ein Geſchirre mit guter Gartenerde, und 
laͤßt fie zwey Jahre unverändert darinnen ftehen. 
Doc) hat man fie, während diefer Zeit, vor der Käls 
te zu verbergen, auch mit Begießen, und fonft, wohl 
zu warten. In den zweyen Jahren entfpringen denn, 
aus dem geſaͤeten Saamen kaum ſolche Knollen, die 
zum Berpflanzen tuͤchtig find; - Sie haben noch nicht 
alle — einer kleinen Eichel erhalten.) =» 


Wa” mah zen, Jahre hindurch unausgenom⸗ 
men ftehen läßt, es ſeyn nun die ganz jungen, oder 
auch alte fragbae Knollen, das hat man in dem ano 
dern Yahte, und vornehmlich, im Fruͤhlinge/ dadurch 
zu erfriſchen dag man gute feifehe Gartenerde oben 
auf die vorigjährige ftreuet. Hiermit hilfe man die» 
fer leßtern, die zumal durch das öftere Begießen fehr 
abgenußet worden, zu ziemlichen Kräften wieder, 


In Indien und Italien kommt der Tuberoſen⸗ 
ſaame gewiſſer und beſſer zur Zeitigung ‚als bey uns. 
In Deutſchland geſchiehet die Vermehrung dieſer 
Blume gemeiniglich durch die jungen Knollen, die 

fi) an die Mutter feßen, und gerne von derſelben 
abſondern laſſen. Wenn man alſo die Mutter in 
die Erde bringen will, fo nimmt man die Nebenknol⸗ 
— D 4 len 





6 Abhandlung on Ä 2 uberoſe. 


len gelinde von ihr eg, und pflanzet jedes: Stuck 
derſelben beſonders. In dem andern Jahre find fie 
ſchon tragbar. Ja noch in dem erſten gruͤnen ſie 
ſchoͤn hervor, und eines und das andere der groͤßern 
Stuͤcke koͤmmt wirklich zur Bluͤte. Demnach ge⸗ 
het die Vermehrung aus den Nebenknollen weit ger 
ſchwinder fort, als Die aus dem Saamen. 
WVerwahret man die Knollen den Winter ins 
durch ‚in einer Schachtel, fo darf dieſe weder an ei⸗ 
nem feuchten, noch gar zu warmen Drte, ihren Pla 
oben. Steher fie an dem erflern, fo faulen. die. 
Knollen leicht. Befindet fie fich an dem legten, fo 
keimet unſer Gewaͤchſe, ehe man fichs verfieht, zu⸗ 
mal gegen den. Fraͤbling. Thut es dieſes, fo * 
man am ſicherſten, wenn man es gleich nunmehr pflan⸗ 
zet. Will man die Knollen uͤbers Land verſchicken; 
ſo wickelt man fie in Baumwolle, und. Biernächft i in 
Papier. Man bevecker fie, nachdem ihre Reife weit 
* ai, auch mit mehrern Dingen , damit MN 
Froſt und —*T7 ſi icher RR 
wi | m Ögen, — saisahieyte 





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333 Ira TE TEE * VI. 
2 

ünlerſuchung 


» (4 8. Lebens - 
und 

fr Sof des Homer | 

u Aus dem Engliſchen überfegt: u EFT 


m Epriftian item Agricola, F— 


Poſoren zu Fienftäde in der —— 
Mannsfeld. 





Dritter Abſchnitt. 


Hoi ein jeder," der auf das. Steigen und 
| Fallen: der ‚Staaten Achtung giebt, finden, 
daß, nebft.den Sitten auch ihre Spiache 
Biefelben bendes.in ihrem Wachsthume, als in ihrer 
Abnahme begleitet... Die Sprache. ift Die, Ueberliee 
ferung unferer Gedanken; und. wenn dieſe edel, frey, 
und ruhig ſind, fo wird ihnen auch unſere Rede bey» 
des im Schwunge, als ihrem Inhalte nach, gleich· 
kommen. Auf dieſe Weiſe wird eine Zufammer kunft 
von geiſtvollen und verſtaͤndigen Männern, welche. 
die Angelegenheiten einer gs ‚oder‘ eines. Staates 
7 zu 


— uUnterſuchung des Lebens | 
zu beſorgen haben, - wofern fie: anders: ihre Befehle 


nicht etwa unter der Hand von einem Höheren erhal 
ten, natürlicher Weife Redner und Beredtſamkeit | 
bervorbringen. Eben dieſe Maͤnner werden, wenn 
ſie ihre Stadt verlaſſen, und ſich außer derfelben um» 
ſehen, mit-eben. den freyen und ‚glücklichen Ausdrü- 
en vor den Gegenftänden fprechen, die ihnen ber 
Anblick der Natur darſtellet; und wenn in einem weis 
ten Sande viele dergleichen — ** ſind, die eine 
Sporache, aber in verſchiedenen 
fo wird vie Sprache —* den Fer —S 
erndten, und mit neuen Woͤrtern, Redensarten, und 
verblümten Ausdrücen bereichert werden, nachdent 
die Gemuͤthsart oder natuͤrlichen Neigungen der ver⸗ 
ſc iedenen Voͤlker beſchaffen ſind; da zu "Heicher Zeit 
ein jedes feine eigenen wird: genehm halten, weil fich 
ihre Vorſteher in ihrem freyen Staate derſelben be⸗ 
dienen, 
Man kann es nicht ohne ein Fleines Erſtaunen 
bemerfen, was der Anfang des menſchlichen Geſchlech⸗ 
tes vor eine veraͤchtliche Figur auf den Gemaͤ lden 
vorſtellet, die die Alten davon entworfen 


9 . Cum prorepferunt primis Animalia terrie, i f 
„Mutum- et ie ad glandem atque 
propter, 50.51 
V —** et pugnis, Abi fuftibus, atque ita * 
vrutnabant armis, quae poſt fabricauerat vſusz 
"Donec Verba, quibüs voces a nötarent, F 





Nominoguei inuenere * — A 
1 on ar en; inf 
| Dnapi ih A lo Si 


u —*8 Sat. IM. 2 * eu’ 


j 


und den Schriſten des. Homerus. 59 


WW ‚glaubten, allem Anſehen nach, dag die Sprache. 
die erſte Bezaͤhmerinn der Menſchen geweſen ſey, 
und ihren Urſprung von gewiſſen rohen zufaͤlligen 
- $äutten befommen: ‚habe, welche dieſe nackete Gefells 
ſchaſt von herumkletternden Sterblichen von unge⸗ 


fäbe ı ‚von fich gab. **, 


Dieſes zum: Grunde gefege, fo. wird folgen, baß 


fie diefe Laute anfaͤnglich in einem weit hoͤheren Tone 


ausſtießen, als wir itzt unſere Worte thun. Sie 
wurden vielleicht veranlaſſet, wenn ſie in irgend eine 
Leidenſchaft, in Furcht, Verwunderung, oder Schmer⸗ 

zen *** gerierhen; und fie gebrauchten alsdenn eben 


vieſen Laut, wenn entweder der Gegenſtand oder Zu⸗ 


fall wiederfam, oder wenn fie nicht wußten, wie fie. 


at beſchreiben was ſie von ſeiner Gegen⸗ 
wart 


er — *, 2 un @rANmAgS ; zadnsı 7272 
as aulas wer mv av BurnIaun, 8 Moor TE OHPIQ- 
"ANZ ZHN ‚annAAuynuer „AA | x ounuadovrss zoarus 
SWEITAE , x vous sdrusde , "ua TaXvds avgoumy zu 
ex⸗de⸗ aan sa On wi Hapngapevd ‚AOTOZ sun as 

y 2UTasxıvacas, Era "Iroxgal. wgos Niwowi. 
Ta! 7 wexns Iyarıdarras rar aydgurai) dusı u 

y ⸗a⸗ ——⏑⏑⏑——— emogadn em Tas vouus 
» vakınaı za wgeopegsdhgs une Te Poraung u Teoowisa- 
ITW na TuS avrönaras uwo, Tu Öerögar ‚xapmss. Kaı 

’ — ver umo * arms. de Band, vxo TH 
 evußdgovros Idleromerss — Tas Pavas 6’ AEHMOY. 
“x EITKEXYMENHE song, ex 78 nalolıyov AIAPOPOYN 


BL 772 777 Pe 6. fi Alodoe · Saxta Pi. ar, 


Kr Kar yae sıX0s ardgunss. EN IPEIA AsyS To _ xeore⸗ 

„sw Barns zuagdes yardai, vous 78 weafns x Tu 

zearloırus auras, x va IIAOH xus rss DAZXONTAZ - 
Rare * xæ⸗ —Ao——— — 
ul. — Meran — 


60 unterſuchung des Lebens 


wäre fühleten. Es konnten auch nicht — 


oder der Ton gewiß ſeyn; ſondern wenn ſie, durch 
die Wiederkunft der Leidenſchaft, in der ſie dieſelben 
erfunden hatten, angereizet, ihren Schlund weit auf⸗ 
thaten, und verfchiedene von dieſen lautenden Zei 
chen sufammenfeßeten, fo ſchienen fie felbige alsdenn 
zu fingen, Daher bedeutete avdzew anfänglich nur 
bloß fprechen , oder eine Stimme von ſich geben, 
welches ißt, mit: einer kleinen Verkuͤrzung, &dew; 
fingen heißt. Und daher rühren auch die alte Mey⸗ 
tung, die uns fo ſeltſam vorkoͤmmt daß die Poeſie 
„eher, als die Profe geweſen ſey ,, ; m — 
Der Erdbeſchreiber Strabo, ein: —— und 
mit dem Alterthume wohl bekanmer ‚Mann, ergäßlet | 
uns, daß Radmus, Pberesydes und‘. 
am erften den Wohfklang von der Rede — 
und das in eine Proſe verwandelt haͤtten, was 
her allezeit Poeſie geweſen wäre... Und der ſoſe 
bewunderte Beurtheiler des Erhabenen, hat in * 
Ueberbleibſeln einer Abhandlung, die wir unglücflicher 
Weiſe verloren haben, folgende merkwuͤrdige Gedanken: 
„Die Abmeſſung der Wörter, ſaget er, koͤmmt | 
„eigentlich der Dichtkunſt zu, weil dieſelbe die ver · 
ſchiedenen Leidenſchaften und ihre Sprache vorſtel⸗ 
„let, ſich der Erdichtungen und Fabeln bedienet, wel⸗ 
‚che natürlicher. Weife MWopiklang u und Harmonie her⸗ 
„vorbringen. Aus dieſer Urſache erklaͤreten ſich die 
Alten in ihren gewoͤhnlichen Unterredungen lies 
Det in I DORt, als in — > —— 


* Marder‘ * weis 70 ER vn —— en. J 
ELLE ar war Aubesı. . Kar Mu mas mudos aa mie 
Wars 


und der Schriften des Homerus. -6ı 


Haͤtte ich es mit einem andern zu thun, fo wuͤrde 
ich mir die Mühe nehmen müffen, den Zufammen- 
“hang zwiſchen dem erſten und. legten: Theile diefer 
Meynung zu zeigen: allein Zw, Hochgebornen 
‚werben leichtlich einfehen, daß et dafuͤr hielt, daß das 
geben der Alten weit mehr allerley-Zufällen und Ges 
fährlichfeiten ausgeſetzet geweſen ſey, als da die 
Staͤdte erbauet waren, und die Menſchen von der 
Geſellſchaft und einem gemeinen Weſen befchüger 
wurden; und daß folglich ihre Reden auch weit hitzi⸗ 
ger und verbluͤmter geweſen ſeyn muͤſſen. Erlauben 
ſie mir nur hinzu zu ſetzen, daß die Zuſammenſetzung der 
Namen, Tragödie und Comödie, Tex ywdıaz'Ko- 
pudız, welche Vorſtellungen der alten Lebensart ma» 
ven, unftreitig beweiſen, daß fie urfprünglich gefüns 
gen worden, da fie: gefpielet, und nicht mwiederholet 
wurden, wie fie itzt geſchehen. Ich zmeifle auch im 
geringften nicht, daß nicht die erften Dinge, melche 
in Griechenland der. Schrift anvertrauet worden, 
als Drafel, Gelege, Zauberzertel, Weißagungen, in 
Verſen abgefaffer gewefen, Und doch hießen fie nur . 
bloß, Eren, Worte oder Neden *; wie fie aud) die 
a u sank Sof 
Mei, de ar apuoın zaraczwalerau. " Tavrapa zaı 0 
was Sumargss MaAdor Tas oixsıss way Aoyns n aalat. 
— Aovyus #egı METPOT, awoszasuar. 
6Es ſind noch ei Spuren von dieſem poetifchen 
Schwunge in den Abfchilderungen der morgenlandi: 
ſchen Sitten geblieben, welche in den alteften Nach: 
.. Fichten der Mauren und Spanier aufbehalten find; 
wo auf jeder Geite Mährchen vorkommen, und die 
Geſpraͤche von verliebten Materien in einer frepen 
Versart fortlaufen. Als zum Erempel: 


Abena- 


‘62 Unterſuchung des ebeus | 
erſten Rsmer;; saus eben demi-Grunde,; FATA 
nannten, von einem Worte; runde Er 
von ſich geben, oder ſprechen bedeutet deutet sr 


Ef 2) Äh J—— 








anc 3 Abenainar! ; — 
20 Moro de la Moreriat its: re — 134 13332 
id 0 >El dia que tu ‚nacifie al aan 
nd 57 Ghandef’ fennales avia: Mur I N 


u. 2. Bflava Ja: Mar en Calma di no 
dl 2. Ba: Luna;Eftava — men 


Maoro que en tal figno — nn san 
137 Ne deve dezir Mentira. —— 
And in eben dem Geiſte: Ahr ı mariepe 
= Reduan! fife te acuerda *8 
lg > 0. que me difte la Palabra, —— In — 
5. Que me darias a Jar— 
1 en una noche ganada: ‚ ara 
"2%. Reduan! di tu lo cumples ° °  .lny - 
darede paga doblada: II SPRITZEN E 
J fi tu no lo cumplieffes  vls 


defterrarte he de Granada, J— 
Hiſtor.de las Guerras eiviles —— 


Dieſe Romane ſind ſo alt, daß ſie von den Arabern | 
als Beweiſe ihrer Gefihichte gebrauchet werden. | 


® FARI: Das hiervon abgeleitete Wort war anfangs 
in der. einzelen Zahl nicht gebräuchlich ; fondern fie 
nannten diefe Dinge gemeiniglich Fata Jovis , ich 
glaube von dem alten Drafel zu Dodona, dag. dem 
Juviter geheiliget war. So ſaget Virgil der große 
Nachahmer der alten Sprache: Et fic Fata Jovis 
poſeunt. Aeneid. VI. Jedoch nach der Zeit erhielt 
es, vonder Wichtigkeit des Inhalts, die gegenwaͤr⸗ 
tige — Die wrichen machten, da ß e ſi ch 


doch dem fen, wie ihm: fen, fo ift fo viel gewiß, daß 
die erften Theile der Sprachen, die fuͤt Mutter⸗ 
ſprachen gehalten werden, größtentheils raube, uns 
abgeaͤnderte, unperfönliche einfplbichte Wörter find, 
welche gemeiniglich die -heftigften Leidenſchaften 
und Gegenſtaͤnde ausdruͤcken, die am meiſten ruͤhren, 
und ſich in einem einſamen wilden Leben von ſelbſt 
| 


EzR,: 52 Pr . 2 1?) 
4 sis 3,4 3 J u I 


Nun ' 3 Dit: % U 33% IE "Aus 
einer genaueren Nichtigkeit zu -befleißigen anfiengen, 
ein zufammengefegted Wort von dem einfachen Sara, 
und nannten es Orrpara; nicht nur Reden, fondern 
Reden Gottes, ©xos Dara: Gate yıntı m 
° Ha.diefer Weg den Urſprung einer Sprache aufzu⸗ 
„‚fpüren, diefelbe in ein ungemeines Licht feget, fo wird 
es nicht undienlich ſeyn, dieſes mit ein paar _folchen 
Exempeln zu erläutern, die am meiſten mit‘ der or⸗ 
dentlichen Art zu leben verbunden find. Die beyden 
gebraͤuchlichſten Wörter, die im Sebraͤiſchen Speife 
und Nahrung bedeuten, Lechom und Terepb, bedeus 
. ten ju gleicher Zeit dag eine Sechten, und das andere 
Raub oder Gepluͤndertes. Gur heißet auswärts 
geben reifen, und die beygefügte Net deffelben, ers 
ſchrecken, in Surcht feyn: und Ger oder Gur, ein 
_ Seemder, und ein junger Loͤwe. Das alte Wort im 
Sriechiſchen, daß Reichthum bedeutete, Ana, bedeu⸗ 
. tet urfprünglich nicht8 anders ald Raub, die Frucht - 
des Krieges und der Geeräuberey , und koͤmmt von 
Aaw, abigo, her, von welchem das noch gebräanchliche 
Wort ano feine Zeiten bildet: und die vielen ver> 
Beisein Wörter, die fie haben, Gutes und Befferes 
mit anzuzeigen, baben\.ihren Urfprung von der 
Staͤrke und GBemeltibätigkeit bekommen.‘ Dieſe 
verſchiedene Bedeutungen eines und eben deffelben _ 
Worts, welche bey allen Mutterfprachen wahrzuneh: 
men find, muffen denenjenigen, Die mit ber befondes 
| sen 


r + BEL. 


I, 


— 


64 Hnlinterfuchung des Lebens 
Aus ei ‘Folgerungen: erheller, daß —— 
Sp die auf Die oben, befchriebene Art gebilder 
worden, voll’von Metaphern, und zwar der fühnften, 
vermegenften und nactuͤrlichſten Metaphern bat ſeyn 
muͤſſen. "Denn Wörter, die gänzlich von der rohen 
ie nein r und: in Een * Leiden⸗ 
Br fehft, 


— Art und — derſelben betann find, zu 
einer ſtarken Heberzeiigung dienen. Die ausnemachte 
Urſache davon iſt die: Berbindung ‚welche, dieſe ver: 
ſtchiedenen Bedeutungen mit den damals: herrſchenden 
Sitten hatten. Einige von diefen Verbindungen find 
in einer wohleingerichteten Lebensart, und bey der 
Veraͤnderung der Sitten verloren gegangen : . andere 
- aber bleiben noch beftändig,, als zum Erempel: 30: 
..nab, Caupona, Hofpita, und Sonab, Scortum, er 
retrix, Hhasbar, reich werden, und Bhaſar, 
Zehenden bekommen, ein, Hrieſter ſeyn nebſt 
dert andern von eben der Art. Allein es giebt. —* 
einen Begriff von einer ſehr abſcheulichen Lebensart, 
wenn mir finden, daß das Wort RKarab, welches fo 
- „viel. heißer, lg ſich naͤher zu jemanden mad * Er 
binzumachen, zu gleicher Zeit fo viel eek er "ald 
.. Fechten Brieg fuͤhren; und davon. koͤmmt das Wort 
RKerab, eine Schlacht, ber. Diefes. erinnert mich - 
an das erfchreekliche Bild, ‚welches uns —— 
re bat. ; 


u 
De 


Hr xgoras nina Gurss ar 'arandar la PR 
‚Bene ngsıccw de Tor nTroVA dare. Ku —* 
nn Zehen Emmsigıns gas Madnn. BB. % 

Der Bater- Ricci ſaget in feinem. chriſtlichen Zuge 
nach China ausdruͤcklich daß ihre Sprache bloß in 

‚einfplbigten Wörtern beſtehe. Eben dieſes ſcheint 
auch bey den alten Aegyptern ſtatt gefunden zu haben, 
fo, wie wir es ſelber an dem größten Theile der Bor: | 
— Sprachen bemerken: hnunen. AIR, 


- 


und der Schriften des Homerus. 65 


ſchaft, als: Schieden, Zorn ; odverMangel;! (welche 
gar leichte'den Menſchen einen Laut auspreſſen, ) 
erfunden worden, werden dieſes fanatiſche Weſenund 
Schrecken ausdruͤcken, seine Geſchoͤpfen begegnet, 
die wild und wehrlos leben *.Wir muͤſſen uns 
ihre Rede, als gebrochen, ungleich und ſtuͤrmiſch vor⸗ 
ſtellen. Ein Wort oder Laut vertrat, nach) Befchaf- 
fenheit feiner Gleichförmigfeit mit vorfchiedenen Des 
griffen, die Stelle fuͤr ſie alle, eine Eigenſchaft, die 
wir oͤfters faͤlſchlich fuͤr Staͤrke und Nehdruck hal⸗ 
ten, da fie doch ein wirklicher Mangel fr 
Jedoch laſſet uns nunmehro «einen aber Weg 
nehmen, und ſetzen, daß die Umſtaͤnde der rohen Ges 
ſellſchaft ein wenig beſſer geworden; daß ſie anfangen 
ihre kauderwelſche ſelbſt gemachte ·Sprache zu ver⸗ 
ſtehen, in einer ertraͤglichen Sicherheit leben, und ſich 
in Freyheit befinden, ſich rund und ſich herum umzu⸗ 
ſehen: in Be a wird die — und 
RE ——— das 
*At varios Lnure — —;X kübegit 
Mittere; et —2 — nomina rerum. 9 
rg — — —J 
x Nam fnit ——— tempus, cum in agris 'homings 
. . paflim, — more vagabantur, et — —— ferino 
vitam propagä ant; nec ratione Animi quicquam, ſed 
pleraque viribus Corporis adminiftrabant. Nondum 


diuinae religionis, non humani offieii ratio colebatur. — 


Nemo legitimas viderat muptias; non certos quisquam 

infpexerat Liberos: hon jus aequabile, quid vtilita- 

tis haberet, acceperät. Ita‘propter errorem atque 

infeitiam, caeca ad temeraria dominatrix animi cupi- 
nouditas ; ad fe explendam viribus * —— 

— —— Satellitibus. 

* =» we .:M, T. Ciceronis ———— Lib, 1. 


3 Band, E 


66 . Unterfuchung des Lebens 
das Erftaunen nachfolgen. ‚Die Verwunderung ift 


die eigene Leidenſchaft roher und unerfahrner Sterbli· 


chen, wenn fie von Furcht befreyet find. Der große 

„Kunftrichter unter den Alten hat fie den jungen 

‚Leuten zugefehrieben : ein mwißiger Kopf von den 

-Meuern leget fie dem Frauenzimmer bey, und einer 
‚von den feineſten Aufſaͤtzen, die in unferer Sprache 

geſchrieben find, fehränfer fie auf die YTarren ein. 
‚ der Kindheit der Staaten etwas ähnliches von der 
Öffentlichen Berfaflung an fich haben: fie haben nur 
diejenige Art, ſich auszubrücen, welche ihnen die 
rauhe Berbefferung der Zufälle, die vielleicht erſchreck⸗ 
lich’ genug geweſen, und die fie ausgeftanden, erthei- 
len Eann. Sie find unwiſſend und ohne Endzwecke, 
und werden von der Furcht regieret, unddem Gefähr- 
ten derfelben, vem Aberglauben. Es ift eine unge 
* Leere in ihrem Verſtande; ſie wiſſen weder, 
was ſich zutragen wird, noch auch nach was vor ei⸗ 

ner Ordnung die Dinge ihren Lauf nehmen werden. 


Ein jeder neuer Gegenftand frifft fie unbereitet an; 


fie ftarren und fperren das Maul auf, wie Kinder, 
melche die erften deutlichen Borftellungen befommen. 
Se Worte druͤcken dieſes ‚was fie fühlen * aus; 
nd 
rg menla no — —RX — 
Kivorrss un nxosor aA one ——— J * 
Artyaıoı neg@aıcs » Toy mungor KW 
EQvpov sin Farra. Au). ‚IPOMHO@ETE: 
Diefe Nachricht von den erften Eterblichen iſt von 
dem gelehrten und fcharffinnigen Weltweiſen beſtaͤtiget: 


Üınos va Tas mewrus, sure yayanıs yon, ar un DIo- 


GE 


Es ift gewiß, daß die Menfchen überhaupt in 


Ps 


und der Schriften des Homerus. 67 
und gleichwie die Entfernung von dieſen Laufſchran⸗ 
ken der Unwiſſenheit und Verwunderung bis zu 
dem Stande eines weiſen und erfahrenen Mannes, 
den wenia Dinge in Verwunderung fegen, und dem: 
die Schickfale der Völker , und die Gefege und 
Schranfen unferes Zuftandes befannt find, fehr groß 
ft: ſo iſt auch nach Proportion die Sprache beſchaf⸗ 
‚fen, und trägt die Zeichen von den dazwiſchen aufge 
fürten Schaufpielen an fich. 

Es wäre etwas leichtes , Diefe Mennung mit vie⸗ 

fen grammatifalifchen Erempeln zu bemeifen; allein 
fie koͤnnen nur von Männern verftanden werden, die, 
wie Ew. Hochgebornen, e8 in ihrer Gewalt ha⸗ 
ben, ſich derſelben nach ihrem Belieben wieder zu er⸗ 
innern. Ich will nur bemerken, daß die Türken, 
Araber, undı Indianer, und überhaupt die meis 
ften Einwohner des Orients, eine ein einfames $e- 
- ben führende Art von Volk find. Sie reden nur fel« 
ten, und niemals lange ohne Bewegung; wenn fie 
aber, nach ihrer Art zu reden, ihren Mund aufthun, 
und einer feurigen Einbildungskraft freyen Lauf laß 
fen, fo werden fie poetiſch und voller Metaphern. 
Das Sprechen ift unter fo einem Volke eine Sache 
von Wichtigkeit, wie wir aus ihren gewöhnlichen Ein: 
leitungen abnehmen fönnen; denn ehe fie ihre Ge 
danfen zu eröffnen anfangen, fo berichten fie, daß fie 
ibren Mund auftbun; daß fie das Band ih⸗ 
ver uch loͤſen; — ihre — erſchal⸗ 
2 len 

eus Tıyog u, euuus sa" was FES Fugovras na 


TUR BIANTUS , WE% na Atysraı xaTa Toy Yayava. 
en Torırin. Br 


63 Unterfichung des Lebens‘ 


len — und mit ihren Lippen ſprechen 


wollen *Dieſe Eingänge haben eine große Aehn⸗ 
lichfeit mie den alten Arten der Vorreden in dem 
Homer, Hefiodus ımd Orpheus,/ worinnen nn 
nen Dirgil zuweilen ‚nachfolget. = = 
Wenn demnad) eine unverbrüchliche und hoth⸗ 
5 Verbindung zwiſchen der Gemuͤthsbeſchaf⸗ 
fenheit einer Nation und ihrer Rede ſtatt findet, ſo 


muͤſſen wir glauben, daß in dem Anfange einer je⸗ 


den Sprache eine Vermiſchung von Einfalt und 
Verwunderung angetroffen werde; und daß ſich die 
Mundart mit den Umſtaͤnden und Neigungen eines 
Volks zugleich verbeſſern muͤſſe. Wenn wir die, 
welche chomer redete, naͤher betrachten, ſo finden 
wir, daß ſie keine urſpruͤngliche iſt, ſondern von 
‚andern weit älteren abgeleitet worden‘. Doch. fehei> 


net. fie von einem ſehr Eleinen Stamme , den die 


‚Pelasger ** und alten Einwohner der  mitternädht- 


lichen Theile von Griechenland redeten, entiproß 


fen zu ſeyn. Den größten Theil ihrer Zufäße befam 
fie von Afien, ram REN > 


* Man fehe die arabifchen Dastschräße, ) nee aus 


diefer Sprache uͤberſetzet ſnd. 

** Te yaynızss yap cm eyw was EU 

Ins TIEAAZTOY, runs de yns AERNYETRS 1 mar 

Eus Ö” Avaxtos suAoyus szaWwuo ihr 

Tevos TIEAASTDON' nv Te xagreras — 

Kaı wacay Aluν us de AAyos egxeras 

Zrguum TE mwgos Qvrovros mAıs ngurw. * 
Aα. IKETIAEZ. 


« 


und der Schriften des Homerus. 69 
die Vermittelung von Cypern und Rrera *% Dies 
fe; amd andere Inſeln, welche vornehmlich unter der 
Bothmaͤßigkeit Der Rarier flunden, wurden am 
erften bevölkert ‚und im den zum geben norhmwendis 
gen Künften unterrichtet. | Sie liegen den Kaufleus 
ten,’ die aus den itzt benamten Laͤndern ſeegelten, am 
bequemſten; und es waren entweder Aandelsleute, 
oder Perſonen, die ſich wegen irgend einer verwege⸗ 
nen That, die ſie zu Hauſe **verüber hatten, ges 
nörhigee ſahen, auswaͤrts zu reiſen, welche die erſten 
Unterweiſer der alten Griechen abgaben **8.. 
Dieſe Zufaͤlle begegneten einer Himmelsgegend, 
welche die Menfchen eben nicht zur Einfamfeit ges 
neigt macht, und den Müßiggang verbietet.‘ Die 
Mothrvehbigfeif der: Arbeit und Erfindung ; ein 
wachfender Handel, und, mehr denn fonft irgend et⸗ 
was, Die Menge von niemanden‘ abhangender Res 
gierungen, und aufeinander eifrigen Städte, brachte 
gar bald eine edlere Sprache auf, als irgend eine 
von den Müttern war, Sie war ap eins 
u ae  RRLEHZ RR fälig, 
* (Kenn n 2 warn erıurdı 74 Yaraoon PB web van 

„EAAHNEN aögunera zegı ıuı Iaraccay warlar. 
 Agısoreri. ‚Hörırix. PB. 

* Danaus, Kadmus, u. f. w. Siehe die Marmora 
Arundel. Epoch. 9. betreffend Neyraxoyrogos: UND die 
Bee Anmerkung. h 

* To⸗ PTTEEL 2777777 xeovor, 7; Kyle ev rois Baedapois 

Toy —R& — ngievv apxev: Kaı Aavaos ner 4 
„Aryualıs Geuyan, Aepyos xæ ⁊ x. Kudlos ds 0 Zudwvog 
"ou eßaoıravos. Kages TE Tas Nuoss narwusr. TleAo- 
— de ovuracns o Tayızıs Hero) autalnce. 

ö . -Iroxgal. EAsın; Eyrwwıov, 


— a — und — wie =“ * 
Ihre politiſche Schreibart wuchs mit ihrer buͤrger⸗ 
lichen Verfaſſung, und war in ihrer Groͤße, als ſie 
die meiſten Angelegenheiten von dieſer Art, und von 
der aͤußerſten Wichtigkeit zu beſorgen hatten: 
und wenn ſie ein wuͤſtes kriegeriſches Volk ihrer Frey⸗ 
heit beraubt hatte, ſo nahmen ſie ihre Zuflucht zu der 
Weltweisheit und Gelehrſamkeit. Die Rathsver⸗ 
ſammlungen eines freyen Staates werden vermittelſt 
des Sprechens unterhalten, und dieſes fuͤhret gar 
bald die Wohlredenheit und die Kuͤnſte zu uͤberreden 
ein. Wenn dieſelben —* oder in dem gemeinen 
Weſen gefaͤhrlich werden, ſo legen ſich die Menſchen 
auf minder ſchaͤdliche Gegenſtaͤnde. 
Dieſes waren die merkwuͤrdigen Zeitpunfte, mel 

che die griechifche Sprache durchgangen if. | 
‚gieng ganz gemächlich durch Diefelben „ und * 
Zeit von einem jeden einen Eindruck zu bekommen. 
Sie daurete lange , und überlebte die lateinifche 
weit, wie fie auch vor derfelben ihren Anfang nahm, 
Die Urfache war, daß die Griechen, mitten unter 
allen Unruhen ihres Landes, dennoch beftändig Frey⸗ 
beit und Befchäfftigung genug hatten, entweder mit 
öffentlichen Angelegenheiten oder mit der Gelehrſam⸗ 
feic, um etwas von ihrem Geifte und ihrer Sprache 
am $eben zu erhalten, welche allemal unferen 
Glüdsfällen folgen, und ſich nach unferen Umftänden 
und Zuftande richten wird *. Denn wovon reden 
wir denn wohl anders? Aus — Grunde muß 

eine 


e Format enim ı Natura prius nos Zune ad omnem 
Fortunarum habitum — Horat. — 


und der Schriften des Homerus. 7r 
eine blühende und gluͤckliche Nation, die im Anfange 
Feine übertriebene Zucht gehabt hat, und nad) einer 
‚fangen Bemühung und vielen Berfuchen zur Boll 
kommenheit in’ allen Friedens, und Kriegesfünften 
gelanger ift, eine ſolche Nation muß die edelfte 
Sprache reden; fie hat aber auch Dagegen wegen der 
Unbeftändigfeie der menfchlichen Dinge, für ihre 
Dauer feine Sicherheit, 

Nach fo einer: Ausführung erwarten Ew. Zoch» 
gebornen fonder Zweifel, was endlich zulegt here 
aus kommen wird? Es iſt diefes, mein Lord! 
„Da die griechifche Sprache, Durch den oben er- 
„wähnten Fortgang, fo weit gebracht war, daß fie 
„alle die beſten und vortrefflichften Empfindungen 

„der Menfchen ausdrücken Fonnte, und einen hins 
SR Vorrath von ihrem urfprünglichen, 

„in Erftsunen fegenden, metaphor iſchen er⸗ 
ſten Anfange behalten hatte; in diefem zeitpunkte 
Achrieb Homer. 

Sch weiß nichts, das uns von der Wahrheit 
diefes glücklichen Umftandes beſſer überführen fönnte, 
als wenn wir die Erſcheinungen der Gottheiten 
betrachten, die er in fein Gedichte eingeführet hat. 
Der größte Theil derfelben ift natürlich , und fie find, 
wenn mir die ägyprifchen Allegorien, welche er ges 
meiniglich feinen Göttern * in den Mund legt, auss 
‚nehmen, in der herrſchenden Sprache des Landes er⸗ 
sähler. Es ift in der J— iu einer Regel ges 


macht, ua 


* Wenn der Dichter — in ſeiner eigenen Perſon 
erwaͤhnet ; fo führt er fie gemeiniglich mit gar, fie 
ſagen, ein. 


72 Unterſuchung des Lebeng 


F I: man den gemeinen Begebenheiten, 
bes. Lebens ihre einfaͤltige Tracht ausziehen, und ſie 
„einer höheren Gewalt zuſchreiben ſolle, damit ihre 


„Wuͤrdigkeit unterſtuͤtzt werde; dem; lebloſen Dingen 
„aber muͤſſe man ein: Leben ertheilen, ‚und fie. mit 


„einer Perfon und‘ ſich dazu ſchickenden Eigenfchafe 
Iten bekleiden: Allein es glauben wenig, daß die 
gewoͤhnliche Sprache zu der damaligen Zeit se 
taphoriſche Kleivung getragen habe. Indeſſen wür> 


de es fonft nicht zusentfchuldigen feyn, wenn man poe ⸗ 


tiſche Ausdruͤcke in den Mund eines andern, als des 


Dichters ſelbſt legen wollte; Es wuͤrde wirklich eine 


falſche Schreibart ſeyn, und es iſt ein gemeiner 3 


Sehler in vielen vortrefflichen Werfen, Den große 
Abichreiber des Homerus, welcher ein. 

würdiges. Gedichte aus den: zwey ‚andern. verfertiget 
hat, ſcheint einem recht aufrichtigen Richter, in die⸗ 


ſem Stuͤcke ſeiner Urſchrift nicht, gleich gekommen zu 


ſeyn. Es iſt der ſinnreiche Monſ. de la Motte, 


von dem ich rede, welcher den Aeneas für einen bey 


weiten zu großen‘ Dichter: hält und geſteht, daß er 
nicht umbin gekonnt: habe, ‚biefe uneigentliche Urt 
fich auszudrücken, Durch das ganze andere und dritte 
Buch der Aeneis zu fühlen ; allwo der Held in feiner 
Erzählung niche minder verbluͤhmt und figuͤrlich iſt, 
als der Dichter ſelbſt in der übrigen u 50. | 


Daß Virgil fo lange nad) dem Feldzuge Des 


— und in einer, für die- damals üblichen Sit⸗ 
‚ten 


* Siehe Boileaus Dichtkunſt. 


* Difcours fur P Ode: et Refponfe "4 Refle&ion de 


Monf. Defpreaux fur Longin. 


/ 








und der Schriften des Homerus. 73. 


ten viel zu ausgeputzten Sprache gefchrieben hat, das 
Bias Sebler nur deſto merklicher. Allein, in 
dem trojanifchen Zeiten hatte ihre, Sprache. ſowohl, 
als ihre Sitten, noch vieles von der morgenlandiſchen 

rt am ſich Ihre Gottesgelahrtheit war, eine Fa⸗ 

l, und ihr moralifcher Unterricht, ‚eine allegoriſche 
Erzählung. Wenn Drismus um den $eichnam 
feines erfchlagenen. Sohnes „bath,,. forteöftete ihn - 
Achilles mit einer parabolifchen Geſchchte von den 
Gefaͤßen, aus welchen Jupiter einem jeden Men⸗ 
ſchen feinen Theil von Gluͤck und Ungluͤck austhei— 
let*; und Glaukus erzaͤhlet dem Diomedes: 
„Wie die Blaͤtter der Baͤume erſt hervorſprießen, 
„und hernach abfallen; 6 find Pie — der 
sfterhlichen Menſchen rn. ren sh 


Vierter Abſchutt 
Jet der Mütter, von welcher Seife, — 


abſtammet, den gemelnen Sitten, unter wel⸗ 
hen fie gebildet ift, und dem Ecitifchen“ Zeitpunkte 
br Dauer, hat den vornehmſten Einfluß in dieſel⸗ 
be die Keligion des Landes, und die Sitten der 
Zeiten. Dieſe letzteren Härten mir unter den ges 
meinen Sitten der Nation begriffen werden fon> 
nen; allein ihr Einfluß, vornehmlich) in die Art und 
den Geiſt der Sprache, iſt groß genug, um eine 
Pefondere Betrachtung zu verdienen. 

Ich werde bald Gelegenheit haben, * ler 
fprung beydes der oe Zee als Be: 
J az 

* Dias Pr Kai ir 





uUnterſuchung des ebens 


ur 
te näher zu unterfuchen. Vorige ift es 
hinlänglid) zu fagen, daß fie von der großen Murter 
beiliger und bürgerlicher Stiftungen, dem Rör 
nigreiche Aegypten herfamen. Diefes weife Volk 
ſcheint die Zuͤgel der menſchlichen Leidenſchaften, 
und die Art, eine weitlaͤuftige Geſellſchaft zu he 
ren, fehr zeitig bemerket zu haben. Sie fahen die 
allgemeine Neigung der Menfchen, dasjenige zu bes 
wundern, was fie nicht verftehen, und eine Ehrfurcht 
für unbefannte Kräfte zu hegen, von denen fie fü ch 
einbiſden, daß ſie ihnen viel Gutes oder Boͤſes zus, 
fügen Fönnen, Sie richteten ihren gottesdienſtlichen 
Glauben, und ihre feyerlichen Ceremonien nach die⸗ 
ſer Gemüchebefchaffenheit ein ; machten ihre Gebräus 
‘che gebeimnigvoll, und: überlieferten ihre allegoris 
fehen $ehren unter vielen Binden einer tiefen und 
frommen Heimlichkeit. 3973 


Q TEKNON!ZYAETOIZI NOOIZIL DIEAAZEO, TAOZEHN 

EYMAA’ BIIIKPATENN ZTEPNOI2I A"ENSEO OHMHN”. 

So fomm, mein Sohn! berbey mit achtfamem Ge: 
muͤthe, 

Die Bun halt im Zaum; bewahre in der Bruſt 

Den Goͤtterſpruch — 


Daher koͤmmt jene Menge von zen En 
zahlungen die Götter betreffend, welche die erften 
griechiſchen Weifen, die nad) Aegypten reiſeten, 

gewiß verſtunden und * Juͤngern auslegten **, 
si unter 


Bi Oepeus we Meseuier. In fragment. Oehınoı Erur. 
** Diodorus, der Sicilier, füget, nachdem er die na⸗ 
gürliche Bedeutung der Allegorie, daß —— * 
ohn 


\ 
N 


* ax 


und der Schriften des Homerus. 75 


unter welche ich, nach einigen Gefchlechten, : den. 
Heſiodus und Homer rechne, Allein da ſie nach⸗ 
bero indie Hände gewiſſer, mit einer: hißigen Ein⸗ 
bildungskraft begabter Menfchen geriethen, welche, 
glaubten, daß fie fo gut erfinden: fönnten,, als ihre: 
Lehrmeiſter, wurden: den erftern-wiele muͤndlich übers 
lieferte Erzählungen angebänget ; Die zumeilen unges 
ſchickt genug/ zuweilen 'aber fo befchaffen waren, 
dag fie in einer buchftäblichen Erzählung ein ertraͤg⸗ 
liches Stuͤck ausmachten, aber; lauter Berwirrung 
anrichteten, wennman fie. bey der Allegorie an- - 
wenden. wollte. Dergleichen find alle die IPOI 
AOTOI, (heiligen Weberlieferungen.) deren fo 
ofte von dem Herodotus gedacht wird, mit der Er⸗ 
Flärung, daß er es nicht wagen wolle, fie bekannt 
zu machen; und von’ eben Diefer Arc ift auch der 
©EIOZ. AOTOZ, die göttliche Ueberlieferung, 
die Drpbeus feinem liebften Schüler empfiehler, 
und von dem erften Vater zu einem ganz anderen 
Endzwecke angeführet war *, S. ; 
Dieſer allegorifche Gottesdienſt fand, da er nach 
Griechenland verpflanzet wurde, an demſelben ei-· 
—— nen 
Sohn des Jupiters und der Ceres, oder daß der Wein 
die Frucht der Erde und der Feuchtigkeit ſey, dieſe 
merkwuͤrdigen Worte hinzu: ovußarn de vera awah 
Ta Ta dmzuna, dia zwr OPÖIKNN  TIOIHMATDN, xaı 
TE FAGNCAYOUNE NAT Tas TaAITAS, wur ar 5 Sans 
weis anugreis ssopew va ala magos. Buß. y. Welches 
die eigentliche Befihaffenheit und Abficht der orpbis 
ſchen Sebrauche deutlich zu erkennen giebt. 
"_# Eis da @EION AOTON PArlas, Turw wgoredeme. 
Iuftin. Martyr. O Aoyos wapawsTinos areos EAAyvas, 





nen ” eine chen" Beähfeifehe — 
Boden.) Erſchlug in den: Gemuͤchern der Grie⸗ 
chen. tiefe Würze, "als welche graͤulich unwiſſend/ 
und von keinen Nebenmeynimgen worher eingenom⸗ 
men waren Sie machten von ihrer eigenen Art 
Zuſatze jr demſelben Hund er war in wenig Men⸗ 
ſchenaltern ihren Sittenreinverleiber, mit der Spra⸗ 
che verwiſcht, und gewann einenallgemeinen Glau⸗ 
ben.“ Sdo war er befehaffen, ais Homer in der 
Belt erſchien Er hatte feine: munterſten Kräfte 
serreicher, und die Anmuth der Neuigkeit und Ju⸗ 
„gend noch nicht· verlorenDas iſt die Kriſis, 
Werte ſich (ein jeder befleißiget, in der herrſchenden 
Schreibart zu reden; und dieſes mit der fruͤhzeitigen 
metaphoriſchen Art der Sprache zuſammen genom⸗ 
men / macht einen: wichtigen Grund aus, warum 
wir in den’ alfen Schriſten —* a. Allegorie 
— 3 la rl man 
Wir haben Bänfige ——— wie * der feſte 
Slaube einer Sekte macht, daß die Menfchen im 
der genehmgehaltenen Redarr fprechen und ffhrei- 
ben. Sie’ führen diefelbe in ihre Angelegenheiten 
ein, fpielen auf fie an in ihren Ergoͤtzlichkeiten, und 
enthalten. fich ihrer in feinem Theile des, $ebens; 
vornehmlich. wenn fid) Die DR in ihrer Blüche, und 
gluͤcklichſtem Zuftande zeiget. Denn Ew. Hochge⸗ 
börnen wiflen, "daß dieſe Dinge bey. den Alten ih⸗ 
ren Frühling und Sommer ſowohl halten, als. 
die natüiclichen Gewaͤchſe; und daß, fie nach einer ges 
wiſſen Zeit, gleich, den alt gewordenen Pflanzen, die 
Schönheit und Leben verloren, nicht geaghret wur⸗ 


den, und zuletzt gar vergiengen. 
Was 


chri ten des Homerus. 77 


Was die Dichtkunſt weiter vor Vortheile von 
einer ſo gebildeten Religion einerndten kann, das 
wird weiter ‚unten zu erſehen ſeyn. Laſſet uns nuu⸗ 
mehro die. Sitten der Zeiten betrachten, darunter 
ich die Handthierungen und Studien. verſtehe, die 
im Schwange I find, Fund denenjenigen, die fie in ein 
nem vor zuͤglichen Grade; befigen, ‚bie meie eo 
gumeg? vbringen, 4 
Sie folgen benfalls den: Stäcsumftänden einer 
Marion, Bey dem obengedachten Foregangte find 
Diejenigen Künfte, ‚die dem menfchlichen, Leben. den 
‚größten Nutzen verfchaffen, ich meyne die, fo-unfere 
natürlichen Mängel erſetzen, die erſten, welche ihre 





‚Erfinder berühmt machen ; mit der. Zeit aber, wenn. 


ſich der Reichthum eingefunden hat, ziehen die Aus⸗ 
beſſerer des Bergnuͤgens und die, Spfinber der 
Pracht unfere Aufmerkfamfeit auf fichs -, 

Aus den Nachrichten, die wir allbereite von dem 


Zuftande Griechenlandes gegeben haben, iſt leicht 


‚zu ſchließen, daß, „da; Homer lebte, die Erſte⸗ 
„ten noch beftändig die vornehmften gervefen ſeyn 
„muͤſſen. Ein gluͤcklicher Umſtand, der ihn für 
zwey Laſtern bewahrete, welchen der vortreffliche 
Londgin den Verfall der Dichtkunſt ſchuld giebt; 
für einer unerſaͤttlichen Begierde nad) Reichthum, 
und was cr aryevesarov Tla$os nennt, eine. nieder- 


trächtige Muth benebmende Leidenſchaft, für 


Die Liebe zu en Be au 
ıffen waren zu der Zeile in der &tar die 


gehe aaa — und der Ei für ð das 


3* gemeine A 


E; Di ryes Trnun nd. cin Aauger. 
| | 


ef 


78° Umterfirhung des Lebens 1. 


gemeine Beſte der geliebteſte Charakter. Ein 
Mann , der feine Stadt tapfer verttheidiget ihre 
Herrſchaft erweitert, oder fein Leben für ihre Sache 
eingebuͤßet hatte, ward als ein Gott verehret: die 
Siebe zur Freyheit und Verachtung des Todes, nebft 


ihren edelften Folgen, der Ehre ’ Reduchkeit und 
Maͤßigkeit/ waren Wirklichkeiten. Die Noth 


erforderte, wie ich geſagt habe, dieſe Tugenden *, 


Ohne fie fand feine Sicherheit des Lebens oder Gluͤck⸗ 
feligkeie ftatt. Denn da ein jeder Staat, das will 


fo viel fagen, beynahe jede Stadt, von ihrer krie⸗ 


‚gerifchen und anwachſenden Nachbarinn beneidet wur⸗ 
de, fo mußte man eines von beyden erwählen, ſich 
entweder mit der Schärfe der Waffen zu vertheidi- 


gen, oder auf eine fchimpfliche Art der Untevorügtung | 


Und Sklaverey zu unterwerfen. 
„Und es ift fein Wunder, wenn ein Menfch, der 
dieſe Tugenden von der TTorh und den Dingen 
\ \ „felber lernet, felbige beſſer verſteht, als ihn die 
' „Schulen oder — darinn — ——— —— 


„nen; 


*0 * * xbeo⸗ axeiroc, Cdie Seiten des Thefeus, | 


 Eurz vor. dem trojaniſchen Kriege) nreyner arsgwna sh, 

.xugw AV EEYoIS, x Kwodeo vaxgını „.x0 cunaTw e@- 
“Mais pas eoınav zmeeQuns xaı RramaTEs. mpas der va 

an Gvouı Xeunass swieizas, ade wei arA 'vBes: vu 

xaporlas vmegndara, naı amoAavorras 705 dvranews e ow= 

Farı mas minpin , amı Tw agaren , ‚Amledas Ti, as 
- Napaıgn vo wagarınla. Ada de xaı dinaservm xaı 
A 70 ı0or as vo PiAartpmmeor , ws ‚wroiun TB adınem, 
na bobm 75 Adna, Tu worin swansıras N 
"ı-00plyug wegen To wm augen durauevss. 


 Mwragge @HBETZ. ., « 


— 


und der Schriften des Homerus. 79 


„nen; und daß die Borftellungen folder. wirkli⸗ 
„hen Charakter die Kennzeichen der Wahrheit. an 
ſich fragen, und jene, fo von erdichteren Ver⸗ 
‚ „bienften und erfonnenen Muftern bergenommen 
„ſind, weit verdunkeln. 

So ſehen wir alſo, daß die Gluͤcksumf aͤnde, 
die Sitten und die Sprache eines Bolts genau 
zuſammen verbunden find, und nothmendig einen 
Einfluß in einander haben. Die Menfchen erhals 

ten ihre Empfindungen von ihren Gluͤcksumſtaͤnden; 
find diefelben fchlecht, fo ift es ihre beftändige Bes 
mühung, wie fie felbige verbeffern, find fie.aber 
gu, wie fie diefelben genießen wollen: Und 

diefer Neigung richten fie beydes ihre Auffühe 

* als ihren Umgang, und nehmen die Sprache, 
Mine, und Art an, welche der Beſchaffenheit der 
verſchiedenen Charakter eigen ift. 

In den meiften gtiechifcben Stätten gewon⸗ 
nen eben die bürgerlichen Berfaflungen und Geſetze 
gleich eine ordentliche Geſtalt, als Homer auf. die 
Welt kam *. Die erſten Entwürfe derſelben waren 
uͤberaus einfältig ʒ indem ſie ihren Urfprung von 

—— den 
© Gie hatten feine wohleingerichtete ‚Sammlung vom 
Geſetzen, ober ordentlichen Plan einer bürgerlichen 
* Berfaffung, vor dem Onomakritus. So ſagt Ari⸗ 


‚ ftoteles, Ovouaxpurs Yaronays agurs da L£i7) Noyo= 
Serum. Daul.o. 


* —E yag wexass Nouxs Aay amABS Mas wo Aupßapızas. 
„, Rridngopogsrre yag 0 EAAnın, za Tas yuraszas — 


70 map ala. Ova Ta 10mm vu aggain an zu 0 


— sundn KanTar fl. 


 Agınor Ha. 8. 


a Unterſuchung des Lesengtnn 


oh Bein ſen der damals herrſchenden rohen Le⸗ 


bensart erhielten,’ Das große Geſetz der Gaſtfrey⸗ | 
beit machte den vornehmſten Theil der Unterweiſung 
aus. Einem Fremden Leid zuzufuͤgen, der feine 


Zuflucht unter euer Dach genommen, an eubem· Ti⸗ 


ſche mit geſpeiſet / oder ſich ben euren Feuer nieder⸗ 
gelaſſen hatte, das ward zur groͤßten und allerverab⸗ 
ſcheuungswuͤrdigſten Gottloſigkeit gemacht. Die 
übrigen waren don gleicher Art; allgemeine Verbote 
der Gewaltthaͤtigkeit, oder ſich Anordnungen von 
Sitten die wir für unnoͤthig oder barbariſch halten 
twirden. Die Stämine fiengen nur erſt an, inner» 
Halb ihrer Mauren’ und neuen umzäunten Städre in 
Sicherheit zu feben, und hatten noch weder Zeit noch 
Geſchicklichkeit gehabt, ‚eine. häusliche gute Verfaſ⸗ 
fang over yunftmäßige Gefege einzurichten; und noch 
vielweniger ‚ an öffentliche gute Anordnungen zu den⸗ 
fen, wie ſie ihre Bürger aufziehen wollten. Sie 
iebten nach der Natur und wurden von dem 
natuͤrlichen Gewichte der Leidenſchaften regieret, 
fo vie es in eine jede menſchliche Bruſt gelegt iſt. 
Dieſes machte‘, daß fie ohne allen andern Zwang res 
Deten und bandelten, als den ihnen ihre eigenen an⸗ 
gebornen Begriffe von dem Guten oder, Boͤſen, 
Rechten oder Unrechten anthaten, nachdem ein 
jeder von innen getrieben wurde." Dergleichen 
„Sitten geben die narirlichften Gemaͤhlde, und be⸗ 
„queme Worte an die Hand, fie zu ſchildern, 
Sie häben eine ganz befondere Wirfung auf, die 
Sprache nicht nur in fofern als fie natürlich, fon- 
dern auch in ſofern, als fie aufrichtig und Auf, ſind. 
So lange als- eine. Nation einſaltis und nn, 
eibt, 





und der Sthriften des Homerus. gu 


bfeiber, fo bekoͤmmt alles, was fie fagen, von der 


Wahrheit ein Gewichte. Ihre Empfindungen find 


ſtark und redlich; und dieſe bringen allemal gefchickte 


Worte hervor, fie auszudrücken *. Ihre Leidenſchaf⸗ 
ten find aufrichtig und vechefchaffen, nicht verfälfchee - 
oder verftellt, und brechen in ihren eigenen und unge» 


kuͤnſtelten Redensarten und ungezwungenen Ausdruͤ⸗ 
‚den aus. Gie; find nicht zu der Plauderhaftigfeie 
und ‚den kleinen artigen Manieren gewoͤhnet, die eine 


gefünftelte Rede entkräften. Sie find auch nicht mie 
Spisfündigkeit und falfhem Wiße angefüller, als 
welche ſich beyderfeits in einem jeden Sande erſt fpäte 
zeigen, und in Griechenland lange nach den troja. 
nifchen Zeiten zum Borfcheine kamen. Und dieſes 
ift, nach meiner Meynung, die Urfache, „.mwarum Die 


„meiſten Nationen an ihren alten Dichtern ein fo " 
„großes Vergnügen finden *,,, Wir fühlen, be 


fie eine zierlihe Schmeicheley und eine geſchminkte 


Falſchheit an fid) nehmen, den Nachdruck ihren 


Worte, und die Wahrheit ihrer Gedanken. 
In dem gemeinen eben ift der wißige und ats 
tige Mann anigo, fonder Zweifel, der vorzüglichfte 


Charakter: allein,er ift nur eine mittelmoͤßige Per, 


fon und fein Held f; weil er eine Perfon vorſtellt, 
N: | fuͤr 
—3 Quin ipſe (Tiberius) compoſitus alias, et velut elu- - 


‚&tantiuın Verborum, folussus promtiusque loquebatur, 
quotiens fubveniret. I) Tacitrus. 


—— Graecorum ſunt antiquiſſima quaeque 
Scripta vel Optima — — 8 1Y 
| Horat.ad Auguftum Ep I. Lib. III. 


. + Bellus Homo, et Magnus vis idem Cotta vidıri: 


Sed qui beilus Homo eft, Cotta prfil/us Homo eft. 
“ Martial. Epigramun. Lib. 1. 10, 
13 Dand. 


! 


82» Unterfuchung des Lebenß 


für welche ſchwerlich ein Pag oder Raum in einen ; 
epiſchen Bedichte zu finden iſt. Bey einer Sache 
von Wichtigkeit, da die Gefahr erheblich ift, und die 
Ausführung Behutfamfeit und Much erfodert, witzig 
thun, das iſt pofienveißerifch und abgeſchmackt. 
Virgil roußte die Wichtigkeit diefer Nachahmung » 
der alten Sitten fehr wohl; und borgte von dem | 
Ennius feine altgewordenen Ausdrücke, und. den 
ftarfen veralteten Schwung feiner lehrreichen Gedan⸗ 
‚Een. ga er hat fogar viele alte Gebräuche angenom» 
men, die bey Opfern, Spielen, und Einweihungen 
üblich waren, ja felbft Gefeßformeln, nachdem es die: 
Einrichtung feines vortrefflichen Gedichtes zulaffen 
wollte, Kt Kate 
we « 4 ⸗ 
Fünfter Abſchnitt. 
Ondem wir die Urſachen entwerfen, die den größten 
Einfluß in eine Sprache haben, werden wir auf 
einen Gedanfen gebracht, welcher den wahrhaftig. 
Tugendhaften Vergnügen erwecen muß. Wir 
< finden, daß ohne Tugend Feine wahre Dichrkunft 
ftatt finden kann. Sie hängt von den Sitten einer 
Nation ab, welche ihren Charakter bilden, und ihre . 
Sprache befeelen. Sind ihre Sitten. rechtfhaffen 
und aufrichtig, fo wird ihre Rede denfelben ähnlich 
feyn, und ihnen Gerechtigkeit wiederfahren laſſen. 
Und wenn wir höher- fteigen, und fie nicht nur als 
rechtſchaffen, fondern auch als edel und beldenmäfs 
fir vorausfegen, wie wir thun müffen,. wenn mir von 
Sitten reden, die ſich für die Dichtkunſt ſchicken ſol⸗ 
len, was iſt dieſes anders, als die Tugend ſelbſt, in 
— | aller 


und der Schriften des Homerus. 83 


aller ihrer Hoheit und Glanze? Ew. Hochgebornen 
muͤſſen dieſelbe zuweilen in dieſer herrlichen Kleidung 
geſehen haben, und werden es mir vergeben, wenn ich 
mich in die Unterfuchung eines fo liebenswürdigen Ge 
genftandes einlaſſe. ft dasjenige, was wir. den Hel⸗ 
denmuch nennen, ‚wohl in der That etwas anders, 
als eine uneigennuͤtzige Liebe zu dem menfchlichen Ger 


ſchlechte und unſerm Baterlande, die feine Befabs . 


. ren erfchreden, und feine Beſchwerlichkeiten er. 
miüden ? Wenn er diefeg nicht iſt, fo. muͤſſen die gefel« 
tigen Seidenfchaften, und die. edeljten. Neigungen, in 
einem epifchen Gedichte die Dberhand haben. Es iſt 
wahr, ſie koͤnnen ſich veraͤndern, und in verſchiedenen 
Charaktern auf eine verſchiedentliche Art zeigen: Sie 
koͤnnen ferner. ihre Schatten haben, und muͤſſen zumei- 

n auf einem dunklen Grunde entivorfen werden, um 
&. eine Erhöhung zu geben; allein fie müffen 
doch allemal Die vornehmſten F Figuren auf dem Ges 
mälde fenn, wenn fie anders ein wirkliches und dauers 
haftes Bergnügen verfchaffen follen. 
Jedoch es biethet fih ein anderer Schluß dar, wel⸗ 


der fo feltfam zu feyn fcheint, daß man nicht weiß, 
was man damit machen fol. Denn Elinge.es nicht 


etwas verrätberifch an dem Hofe des Apollo, zu ſa⸗ 
gen, daß ſich eine ausgezierte Sprache für einen 
: großen Dichter: nicht ſchicke? Und doch befürchte ich, 
wenn anders der Sag wahr ift, „.Daß niemand etwas 
„fchön befchreibt, als was er gefehen, und in Feiner 
„Sprache und Mundart mit Fertigfeit und als. ein 
„Meifter vedet, als in der, an die er fich gewoͤhnet 
„bat, ,, wir werden Demfelben benpflichten müffen. 

Wem es nur bekannt iſt, was man eigentlich fuͤr die 


3 Auss 


— 


uUnterſuchung des Lebens J— 


ie der Schreibart hält, und welches die Ge 
genſtaͤnde find, die gemeiniglich i in diefer Art abgehan⸗ 

belt werden, ber wird es mir leichtlich vergeben, wenn 
ich mir Fein Bedenken mache, diefen Schluß daraus 
zu ziehen. Ich will nur bemerfen, daß das, was wir 
Auszierung nennen, eine Sprache verringert. Es 
machet manche Wörter veraltet; es fperret uns in 
einen Winfel ein, erlaubet uns nur eine einzige Gat⸗ 
tung von artigen Redensarten, und beraubet uns 
mancher vielbedeutender Wörter, und ftarfer fhönee 
Ausdrüde, welche wir, wie Dirgil, auf die Gefahr 
wagen muͤſſen, altoäterifch und baurifch zu feheinen. 

Eine Sprade, die durch und durch nach dem heus 
tigen Verſtande ausgezieret ift, wird niemals zu der 
Einfalt der Sitten herabfommen, die zu der epi⸗ 
ſchen Dichtkunſt unumgaͤnglich nothwendig erfor⸗ 
dert wird: und wenn wir die Sitten erdichten, 
muͤſſen wir uns auch ebenfalls bemuͤhen, die Schreib⸗ 
art nachzuahmen. Ich habe allbereits gezeiget, was 
vor einen ſchlechten Fortgang wir von einem ſolchen 


Verſuche erwarten koͤnnen; und es wäre etwas leichtes, 


mit Exempeln zu beweiſen, daß weder Gelehrſamkeit 
noch Witz hinreichend iſt, uns fuͤr Vergehungen in 
dieſem Stuͤcke zu bewahren. Allein es iſt eine un—⸗ 
- angenehme Arbeit: Saffer ung dahero lieber ein Bey⸗ 
fpiel erwählen, wo wir eher loben, als tadeln, koͤnnen. 


Der Name Kenelon ftellt uns das Bild eines 


Mannes vor, der fi ich durch alle liebenswürdige Eigen 
fhaften bervorgethan bat. Gleich einem mächtigen 


Zauberer, erweckt er in unferer Einbildungskraftächte 
Tugend, fürftliche Wiffenfchaften, und anmurbige 


Sirten. Seine vollfommene Kenntniß des Alter⸗ 


’ 





\ 


” und der Schriften des Homerus. 85 


thums, und ſeine reiche Einbildungskraft ſchien ihn 
geſchickt zu machen, die Folge der einfaͤltigen und lehr⸗ 
reihen Odyßee zu fchreiben. And doch wiffen wir, 
daß fein bezauberndes Werk der Eritif * nicht entgans 
gen iſt, und daß nur folche Theile davon derfelben auss 


geſetzt find, die eine Dermifchung der alten und 


neuern Sitten verfuchen, das ift, wenn er den alten 
Heldenmuth mit Staatstünften vereinigen, und 
die Dichtkunſt Staatsgruͤnde predigen laffen wollen. 

Man wird es vielleicht nach dieſem für überflüßig 
halten, wenn ich bemerfe, daß ein mit einer unum« 
fchränften Gewalt verfehener Hof, einen fchädlichen 
Einfluß, beydes auf die Verfchiedenheit der Charaktere 
in einer Nation, als auf den Umfang ihrer Ausfprache 
haben muß. Wir dürfen uns nur rund um uns hers 
um umfehen, wenn wir gewahr werden wollen, wie 


manche von den feinften Sändern in Europa unter - 


betrüglichen Geſetzen, und einer willkuͤhrlichen Regies 
rung feufzen, und unfelige Bemweife von der Wahrbeit 
dieſer Anmerfung abgeben, Unter ſolchen Regieruns 


gen werden niche nur Sachen von Wichtigkeit nach * 


Gefallen regieret, ſondern es muß ſich auch jedermann; 
in dem gleichguͤltigſten Umſtande des Lebens, nach 
dem Muſter des Hofes richten. Exempel haben 

eben ſo viel Macht, als Befehle; man darf nur nach 
einer Kopey beydes reden und ſchreiben, und kein 
—— Wort darf die Ohren des ſich irrenden 
J 53 Großen 


* — * Avantures de Telemaque. Eine eben fo 


grauſame als unbillige Schrift ;_ ohne eine andere Ge: 
‚ Iegenheit zu haben, als die das Feuer. einer. erhabenen 
— und die Unvertraͤglichkeit der Sitten 


| dargereichet 


. 





86 Unterſuchung des Lebens 


Großen berühren. Auf diefe Weiſe verlieren manche 


- Dinge ihren Namen, over werden Durch uneigentliche 


Benennungen gemildert; und wo man dieſe gun 
haben kann, fo rufet man Umſchreibungen herb 
unſere Furch zu bezeugen, daß wir jemanden — 
gen möchten, wenn wir die klare Wahrheit * 
* * 

Es iſt mich außer dieſem etwas erſtaunliches daß * 
in ſo einem Lande einen durch die Geſetze beſtaͤtigten 


Zwang in Abſicht auf das Schreiben giebt; welches 


noch weit aͤrgere Folgen nach ſich ziehen muß. Was 


vor ein beweinenswuͤrdiger Anblick ſind nicht dieſe 


Laͤnder heutiges Tages, die vor Zeiten die Muͤtter der 


Gelehrſamkeit und Scharfſinnigkeit waren? Wie uns 


fruchtbar find fie an aͤchter Gelehrfamkeit! Wie ger 
Dreher iſt das wenige, das fie: hervorbringen, und 


das die Kennzeichen’der Gewaltſamkeit und des uns 


natuͤrlichen Zuftandes an fich trägt, in welchem es 
einpfangen und zur Welt gebracht iſt! Anftatt diefer 
männlichen Öefinnungen, welche-der Tugend und dem. 
$after Gerechtigkeit toiederfahren laſſen; anſtatt die⸗ 
ſer kuͤhnen Abſchilberungen von Meuſchen und Dine 
gen des — nee (des Jahr⸗ 

hunderts, 


* Da # " Cardinaf Richelieu die Ei une Akademie 
; genoͤthiget hatte, den Cid, ein Stuͤ des berühmten 
Corneille, in die Cenſur zu nehmen, fchrieb der Ders 
faſſer einen Brief an den Liebling des Cardinals, M 
de Boisrobert, darinn er ihm meldet: Jattens avec 


beaueoup d’Impatience les ferttimens de PAcademie, 


afın d’ En ce que dorefenavant-je dois — 
Ausques la, je ne pnis travailler — — & 
nolſe einployer un Mot en feurete 
M. Peliffon. Hift * — rnit. 


— 


* und der Schriften des Homerus. 37 . 


| 


hunderts, daran wir am meiften Antbeil nehmen, ) 
muͤſſen fie ſich damit begnügen, daß fie die überbfies 
bene Stüdfe von Wiönchshiftsrien durchſehen 


‚ ‚und ausbeflern, und die fegenden der Heiligen ſamm⸗ 


den. Oder wenn fie es wagen, vernünftig zu res 


‚den, fo muß es von weit hergeholten Dingen und 


von allgemeinen Säßen feyn, die von ihrer Zeit ent, 
ferne find, ohne daß fie eine Vergleichung anftellen, 


“oder. die geringfte Anwendung machen dürfen. 


So iſt ihr Zuſtand beſchaffen; da wir mittler⸗ 
Toeile unfere Inſel mit einer innigen Freude, als eis 


nen glücklichen Beweis von der Verbindung jwifchen 


der Freyheit und Gelehrfamkeit anſehen koͤnnen. 
Wir finden unſere Sprache maͤnnlich und edel, von 
einem weiten Umfange, und zu einer groͤßern Ders 
fehiedendeit | der‘ Shhreibart, und der Charaktere ges 
ſchickt, als eine von den heutigen Sprachen. Wir 


ſehen, wie unfere, Kuͤnſte verbeſſert werden, unſere 


Wiſciſchaflen hoͤher ſteigen, und alles von einem ſo 
großmuͤthigen und ſo feeyen Geiſte befeelet wird, 


daß e8 den deuflichiten Beweis von der glückfeli- 


gen Beſchaffenheit unſerer burgerlichen Berfoffung 


abgiebt. 
Vergeben ſie es mir, mein Lord, wenn mich ein fo 


angenehmer Gedanfe, an deffen Anmuch Sie felbft ſo 


ni Antheil haben, von einem traurigen Gegen: 


ande abgezogen hat. Man kann niche ohne Mit 
leiden an einen armen Dichter denfen, Der unter den 
Schrecken der Inquifi tion fhreibt. Er weiß nicht, 
ob nicht diefer Vers einem ehrwürdigen Vater In⸗ 
quificor, ein anderer einem ehrwuͤrdigen Water 
PERF Inſpector, verdächtig vorkommen; ob nicht 

DZ J 5 4 a” 55 dieſes 


g8 Unteeſuchum des Lebens 


dieſes Gleichniß den verordneten Vater Rebiſor 
ſtutzig machen, und dieſe ag dem — 
ſelbſt gefaͤhrlich ſcheinen moͤchte. 
Es iſt alſo Fein Wunder, wenn der in Shchrecen 
geſetzte Verfaſſer, den, anſtatt der Muſen, ſo ſchwar⸗ 
ze Geſpenſter beſuchen, von einer ungeſtalten Frucht 
entbunden wird. Ihtle geiſtige Erſcheinung 
jeden freyen Gedanken daͤmpfen. Das Gemuͤt 

darf ſich nicht empor heben, ſondern muß ſich unter 
dem paniſchen Schrecken einer Cenſur beugen, die 
von dem weltlichen Arme, zu ihrer deſto groͤßeren 
Gewalt, vertheidiget wird. Und koͤnnen wir wohl 
einige Anmurh oder einigen Wis in einem Werke 
erwarten, das in fo erb&cmlichen Umſtaͤnden em- 
pfangen und gebildet wird, Mein, gewiß nicht ; ja 
wir dürfen in einer Furzen Zeit gar Feine Schriften 
mehr erwarten. Denn bie Vater erhalten uͤber⸗ 
haupt ihren Endzweck, und in einer Nation, wo ih⸗ 
nen einmal die Macht, diefes thun zu koͤnnen, anver⸗ 
trauet iſt, richten ſie die Sachen in kurzer Zeit ſo 
ein, daß ſelten jemand etwas anders ſchreibt, 
als ſe al % Et nie Dinge find der Ga 
gen» | 


“ En — 4 ein Buch durch ſechs Gerichtshoͤfe 
geben, ehe es bekannt gemacht wird." 7) Wird ed exa⸗ 

miniret von den Examinador Synodal des Erzbil 
thums, welchen der Dicsrins dazu verordnet hat 
2) acht ed zu dem Berichtäfchreiber des Königreichs, 
darinn es bekannt gemacht werden fol, Chronifta de 
Caſtilla, Arragon, Valencia &c. 3) Wenn ed von die⸗ 
ſem gebilliget worden, fo erhält es die Erlaubniß von 
bem Vitecins felbft, die ein Notarins — 
muß ein Zrepheitsbrief von Seiner Majeſtaͤt dazu 


— 


und der Schriften des Homerus. 89 


genſtand fehon mancher Abhandlung geweſen: ich 


erwähne derfelben bloß darum, um den Grund der 
Antipathie zwiſchen denſelben und den höhern Arten 


der Schriften zu zeigen. ° Es würde fehr unnörbie 


feyn, wenn man fich im eine -weitltuftige Befchreie 


. bung des toͤdtlichen Einfluffes der Torannen einlaffen 


wollte: da fo gar ein Mann, der unter einer auf 
das Beſte eingerichteten, Regierung lebt, zu fehr nach 
den Sitten derſelben gebilder wird, als daß er in die: 
fer urfprüngfichen und uneingefchränften Abbildung 
Der Menfchen, der epifchen Dichtkunft, vortreffs 


lich fenn Eönnte, 


Es fönnte, als ein Einwurf: gegen dieſe Mens 
nung, von denen, welchen der Wacherhum und die 


Zeitläufte der Gelehrfamfeit befannr find, angefühs 


vet werden : „Daß man gleichwohl‘ bemerfet habe, 


„daß die Zwifchenzeit, zwifchen der höchften Freyheit 


„und der Sclaverey eines Staates, der Welt einige 
„edle Früchte gezeiget habe. Die Sache ift un 
ſtreitig; und wir dürfen, wenn wir die Urfache davon 


entdecken wollen, nur die Stufen betrachten, nach 


F5 wel⸗ 


erhalten werben; und ein Secretaͤr unterzeichnet den⸗ 


ſelben. 5) Wenn es gedruckt iſt, fo kommt es zu dem 


Corrector General por, fu Mageſtad, welcher es mit der 


von dem Picarius unterfchriebenen Copey vergleichet, 


damit nicht etwas eingefchaltet oder verändert werde, 


Br Und 6) fihäßen 68 die Herren im großen Ratbe, wie 


hoch ed roh verkauft werden ſolle. In Portugallivird 
‚ein Buch fiebenmal überfehen, ehe es öffentlich bekannt 
i E werden darf. Sch habe bey einigen Titel- 
« blättern derſelben lachen müffen, auf welchen zu defto 
giPhexer, Sicherheit des Kaͤufers, Die Worte kunden: 


m todas as Licencas neeeflarias, :  - 
RE LIETEF.NFE R u 


J 


90Unterſuchung destebeng un 


‚ welchen eine-Regierung ihre Rechte werlieret, und det 
Willkuͤhr einer einzigen Perfon ausgefegt wird. ., .. 
Es wird dieſes Ungluͤck überhaupt an Die Thüreder 
Derdeibniß geftellet, und das mit dem größten 
Rechte. Hochmuth und Ueppigkeit ermangeln fels 
ten, wenn fie ihren völligen Wachsthum erreicher, 
einen Staat in Verzuͤckungen zu fkürzen, und für eis 
nen Beherrfcher reif zu machen, Sie machen die 
Menfchen geneigt, unter gewiſſen Abfichten, zu geben 
und zu nehmen, welche nach und nach, wichtig genug 
werden, bey jedermann ein Verlangen darnach zu er» 
wecken; allein es ift auch zu gleicher. Zeit Feine Zeit 
auf der Welt, da man die Menfchen fo vollfommlih 
kennen lernen kann. Wenn die Anerbiethungen ver» 
führerifch find, und die Beftechungen hoch fteigen '*, 
fo entdecken alsdenn die Menfchen, was fie werth, 
und um welchen Preis fie ſich feil zu biethen und zu 
verkaufen, Willens find. Die wahrhaftig tugend» 
haften zeigen fich nach ihrer Weigerung, mit einem 
ern sera sr. nA 
* Biduo per vnum ſeruum, et em ex gladiatorio Iudo, - 
confecit totum negotium. ’Accerfiuit ad fe, promifit, 
‚interceflit, dedit. , Iam vero o Dii boni, rem perdi- 
tam! etiam Nodes certarum Mulierum. atque "Adole-.. 
fcentulorum nobilium Introdudiones nonnullis Iudici- 
bus cumulo fuerunt.  Cicero,da er die Befchichte von : 
der Befreyung des Clodius durch’ den Beyſtand des 
Craſſus an den Atticus ſchreibt. Lib-I. Ep. XIII. 
Die Beftechungen des Curio, um die Parteyen zu 
verändern, und fein Vaterland ju betrügen, beliefen ſich 
‚auf bundert H-S,, oder. 80729 Mund Gterlinge, 
3 Schillinge, 4Pf. : Er brauchte diefes und noch fünfs 
. mal mehr, wenn er ſich von. feinen Schulden befreyen 
wollte: denn diefelben beliefen fich auf ſechsn Don“ 
dert H-S, das iſt, 48437 5 Pfund. 


m: ? 


und der Schriften des Homerus. 91 


doppelten Glanze; und derjenige, welcher einer Ver⸗ 
ſuchung miderftanden hat, giebt, wenn feine Schwäs 
che entdecket und gehörig angeivender worden, der ans 
dern nach, und beftimmt feinen Werth. Die Mens 
fehen find in dieſem Stücke gewiſſen indianifchen Fe- 
dern gleich: fie zeigen fich nicht in einem Lichte alleie _ 
ne zu ihrem Vortheile; fondern die Unordnung und 
die Gefahren, die in dergleichen Zeitlauften häufig 
ſind, bringen alle. ihre. Leidenſchaften in Gang, und 
Drehen fie in alle Geftalten, deren fie nur fähig find. 
Und diefe Befchaffenheit der Zeiten, und der Menfchen 
liefern ung, wenn fie wohl beobachtet, und richtig ab« 
conterfaiet- werden, die vortrefflichen Stüde, deren 
‚wie oben gedacht haben: A 
Außerdem haben die Zeiten folcher heftigen Bes 
ftrebungen. eine Art von Freyheit, die nur ihnen eigen 
it. Sie erwecken einen freyen und gefchäfftigen Geift, 
der ſich über das ganze Sand ausbreiter, Jedermann 
ht fich, bey dergleichen Gelegenheiten, als Herrn von 
ſelbſt, und daß er dasjenige werden kann, wozu 
er ſich nur zu machen im Stande ift. Er weiß nicht, 
wie hoch er feigen koͤnne, und es halten ihn Feine 
‚ Gefege in Ehrerbiethung, als die fich zu der Zeit 
ohne Kraft befinden. Er entdecket feine Wichtigfeie, 
verfucher feine Stärke, und wenn fich verborgene Ber: 
dienſte, oder eine bishero im Zaum gehaltene Herz⸗ 
haftigkeit, bey ihm befindet, fo zeige er fie gewiß, und 
laͤßt fie öffentlich, ausbrechen. Und diefem zu folge 
ſehen wir, daß die Köpfe, welche in folchen Zeiten 
hervorgebracht werden; große Beweife von ihrer Ge⸗ 
ſchicklichkeit und Fähigkeit ablegen, * vornehmlich in 
politiſchen Verrichtungen und Bürgerlichen Angeles 
N - ANA | i gene 


% 


92, Unseeflrhng des gobens 


genheiten, i ın dem weiteften Berftande z Br Die abs 
firaften Wiffenfchaften find die Frucht der Muße 


und der Ruhe ** ; aflein Diejenigen, weldye ſich auf 
den Menfchen beziehen, und ihre Abſicht auf das 


menfchliche Herz richten, werden am beften i in Der 


dienungen und Gefhafften erlernet. 


Es war zu der Zeit, da fich Griechenland i in. einer 
ſehr ſchlechten Ordnung und Ruhe befand, mitten une 
ter den Kinfällen und der Verwirrung ber wanderne 
ben Stämme, als Homer ſein unſterbliches Gedich⸗ 
te hervorbrachte. Und da Italien zerruͤttet, da die 
kleinen Staaten wider einander verbunden waren, 
mit einem Worte, in der Hiße des gegenfeitigen Ei 
fers und. Blutvergießeng dee Guelfen und Bibel’ 
Iiner, da nahm Dantes von feinem Baterlande Ab- 
riffe, und machte die ftärfften Abſchilderungen von 
den Menſchen und ihren Leidenſchaften, die in der Ge⸗ 


fhichte der neuern Dichtkunſt ftehen. Der Berfafe 


fer der Aeneis lebte zu der Zeit der Unordnung und 
des Unterganges feiner Republik. Er fahe die Bes 
herrſcherinn der Welt zweymal der gefeglofen Macht 


A Kaube werden ;. er fahe ihre bürgerliche Vers - 


faſſung 


— Thucydides, —— * Demoſthenes unter den 
Griechen, und Cicero, Virgil und Horaz unter den 


Roͤmern, waren Zeugen von den en —5 | 


ober Verſuchen, die man auf die öffentliche Freybei 
‚wagte. Einige überlebten diefelben, und einige blieben 
in ihrer Vertheidigung. 

** Kay zpwrov supuYucar (sy BErısnuay) rarois roi⸗ some * 
— —— vonror Berg 
‚sunshoaV sum yalındaın %ralen core vepeav eHyos · 

Apior. wera ra Qurin.a.ro * 


Lı 


/ 


und der Schriften des Homierud, 93 


faſſung zerſtoͤret, und auf die Köpfe ihrer tapferſten 
ar Preife gefeßt, * fie mr ber Be * 


und noch mehr, mein Lord, es war zu der Sei 
da. das ungluͤckliche Britannien i in alle Trübfale der‘ 
bürgerlichen Wuth verfunfen war, als unſer geift- 
volles Gedicht zur Welt kam. Es ift wahr, der 
Grundriß des verlounen Paradiefes hat wenig 
mit unfern ‚gegenwärtigen Sitten zu thun. Es han» 
delt von einem höhern Inhalte, und läßt fid) nad) 
dem Maaßſtabe der menfchlichen Handlungen nicht 
abmeſſen. Dem allen ohngeachtet aber hat es doch 
einige Aehnlichkeit mit den Verrichtungen der Men⸗ 
ſchen; und der Verfaſſer, (welcher den Fortgang un⸗ 
ſers Elendes gefehen,) hat es mit. alle den geſchick⸗ 
ten. Bildern ausgefehmücker, die ihm feine Keifen, 
feine Gelehrfamfeit und Erfahrung an die Hand ge 
ben fonnten. | 


Jedoch, da wenige na, denen bie Se 
lehrſamkeit ausgeſetzt gemwefen, der Kenntniß Ew. 
HSochgebornen entwiſchen, fo werden Dieſelben ver- 
muthlich fragen : Wenn eine ausgezierte Sprache 
„und der Gehorfam, mit welchem man fid) einem uns 
„umfchränften Hofe unterwerfen muß, mit den ed» 
„lern Arten der Dichtkunſt nicht beftehen fann, wie 
„koͤmmt es denn, daß die neuere Lomödie die alte 
„übertrifft, die doch alle Freyheit der Sprache und 
„der Sitten genoß, da die andere im Gegentheil un« 
„ter dem Einfluffe der Ueppigfeit und der KAMEN, für 
„der macedonifchen —— in die Hoͤhe wuchs7? 


Ein 


* — — gelehrter und ſinnreicher Scrifeh 
ler will es nicht zugeftehen, daß dieſes wahr. Je 


* 


Unterſuchung des Lebens ni 


„der alten Comoͤdien bediente man fich, nach feiner 


„Meynung, die Gitten zu verbeflern „die Tugend 
' „beliebt zu machen, und die Misbraͤuche in dem 


— da die neuere hingegen damit 
„ufrieden ift, ſich mie Kupplern und garſtigen Hus 
„ten, mit dem alten groben Kerl, dem Davüs, oder 


„ge oder ſchalkhaften Poſſen; und eine art 


„Auſt, oder alberne Kurzveie vor! 


Jedoch wenn wir auch iefes, was man voraus 
ſetzt, als gewiß annehmen; fo wird ung die verfhies 


dene Natur der Schriften eine Erläuterung hierinn 


‚geben. Nichts kann einander mehr entgegengefegt 
ſeyn, als die Schreibart, die Sprache und die Sitten 
der Comödie, der epifchen Dichtkunft if. Das, 
was ſich für die eine auf das beite ſchickt, das fcheir 
nee für die andere am menigften zu taugen; und der 


am mindeften comifche Charakter ift wohl der Cha⸗ 
rafter einer ‚erhabenen Seele unb eines großmuͤthi⸗ 
gen Mannes. Es ift wahr in einer fo vollkoͤmmli⸗ 


hen Democratie, als die zu Arhen war, Eonnten 
die Schranfen des Luft: und Trauerfpieles nicht gar 


zu gewiß beftimmet, und von einander abgefondert 
werden. Ob gleich das Trauerfpiel die erhabenen 
Charaktere, und das Luftfpiel die niebrigen Ri 

N) 


verſchitztem Knechte des Haufes, “und feinem jungen | 
Herrn aufzuhalten. Der Schauplag fagt er, iſt 
allemal zu Achen, und der ganze Inhalt befteht i in 
„einem kleinen Hiftörchen von einem liſtigen Betru⸗ 


und der Schriften des Hemerus. 95 


war — 


ſolchen Staate, beſtehen konnte; und welche ſonder 
Zweifel den Vorzug Haben muß, wenn ein unmaͤßi⸗ 
ges Gelächter, wenn Die, Freyheit, in den Tag hin⸗ 
ein reden, und der hoͤchſten Wuͤrden, und beſten 
Maͤnner in der Nation ſpotten zu duͤrfen, dieſer Art 
von Schriften vortheilhaftig iſt. Wenn aber dieſe 
Freyheit oft gemisbrauchet worden, und wenn das 
Drama eines edleren Schwunges faͤhig, und ein 
feineres Vergnuͤgen zu verſchaffen im Stande iſt; 
wenn mehr Wahrheit in die Sitten gebracht, und die 
Menſchen und ihre Naturen auf eine —— 
BEA re 


* Pinxit et Demon (AHMON) Athenienfium Argu« 
mento quoque ingeniofo. Volebat namque varium, 
‚iracundum, injuftum, inconftantem, eundem exo- 
‘ rabilem, clementem, mifericordem, excelfum, glo- 
‘ riofum, humilem, ferocem, fugacemque, et omnia 
‚ pariser oftendere. w 

Plinus, de Parrhafio, Lib. XXXV. . 10. 


4 I Poeti Comici, per farci accorti de gli Andamenti 
del mondo, piacevolmente, Nozze, Fefte, Conviti, 
- . Roffianefimi, Putanefmi, Ladronezzi, Truffe, Men- 

. sogne, Amori et Odii, tali appunto fü per le Sec- 

“ ne rapprefentano, quali folete fare et fofferire voi 

Huomini, 


Speron. Speroni. delle Ufüre. 


— 


6 unterſuchung dee eben 


Ait vorgeſtellet (werden konnen/ ſo muß fie rn f 
Bale” der neuern —— weichen · 


alt: I 1 va ß 5 f 


Ich muß‘ aber‘ doch geſtehen daß / da die — 


— zu Athen die Oberhand hatte, und der 
Poͤbel ſich in dem Beſitze dieſer unbeſchraͤnkten Ge⸗ 


walt fahe, die ihm Perikles in die Hände gegeben 


hatte, und Kleon ausuͤbte, daß waͤhrend dieſer Zeit 


Ariſtophanes und ſeine Nachfolger Urbilder hat⸗ 
ten, von denen ſie ihre Abriſſe nehmen konnten; und 
in dieſer Abſicht waren ihr Witz und ihre Schriſten 


die uns theatr aliſch und falſch vorkamen, * | 


und wahr, Allein dieſe wilde und freche Regies 


rungsart wurde nicht fo bald durch Die Furcht von 


außen (melde allemal eine ordentliche Einrichtung 
zu Haufe zumege bringt,) im Zaume gehalten, als die 


Karo K' AryaIcı, die Männer von Fähigkeit und‘ 


Verdienſten ſich hervorzuthun und in ihrer Groͤße zu 


zeigen anfiengen. Es wurde eine Abſonderung ger 


macht. Die Sitten wurden gebildet, und die ſchoͤnen 
— beobachtet und geehret. SET 


Hier kam die neue Comödie empor. Die unflärie 
gen Zoten «wurden verbannet, und Wienander 


fehrieb.. Das iſt zu einer Zeit, "da die Freyheit noch 
nicht verloren, fondern nur die Auswuͤchſe derfelben 


befchnitten ; da die feurige Gemuͤthsbeſchaffenheit die ⸗ 


fes witzigen Volkes nicht unterdeücker, fondern nur 
ordentlich angeführet war, Go wahr ift es, „daß 
„alle Arten der Schriften, vornehmlich aber die poes 


en, fh — den Sitten der Zeiten richten, 


vin 


| 


U \ 

und der Schriften des Homerus. 97 
in welchen fie an das Licht gebracht werden „. Die 
beſten Dichter nehmen ihre Abriffe von der Natur, 
und liefern uns Diefelben fo, als fiefie finden. Wenn 
ſie einmal diefes große Urbild aus dem Gefichte ver. 
lieren, fo fehreiben fie falſch, ihre natürlichen Gaben 
mögen auch noch fo groß feyn. Laſſet uns den Tors 
quato Taſſo, und den reißenden Ariofto, als 
Zeugen von der Wahrheit diefes Sages, anfehen. 
Beyde waren mit einem fruchtbaren Wige und glück 
lichen Ausdrüdfungen begabt: Beyde aber verließen 
dag Leben, beyde wenderen ſich zu Iuftigen : Wefen 
und uropifchen Charaftern, und füllten. ihre Werke 
mit Herereyen und Erfcheinungen an, welche bey 
den Neuern die Stelle des Wunderbaren und Erhas 
benen erfegen, j ! 





Pd 


13 Band, G VII. 


>) Auszug der neueſten 


PEN 
Da 


x rg 


Auszug Be 
der neueften pboffatifhen 
RE — 


Natuͤrliche Beſchaffenheit der andſdaß 
ten an der Hudfonsbay*, _ 


ie Engländer Haben von den Sandfhaften an 

ü R der Hudſonsbay viere im Beſitz, wo fie 
| Niederlagen haben, und die fi) auf achte-. 
Halb Grad erftrefen. Herr Robfon, welcher fich 
einige Jahre dafelbft aufgehalten, hat nur die beyden 
nordlichften gefehen, und. ftellet. diefelben gar nicht fo 
fehlecht vor, als man fie ſich fonft wohl einzubilden 
pfleget. Die Natur ift gegen feines ihrer Kinder - 
eine Stiefmurter; und Die, fo fie am meiften verlaf- 
fen zu haben fcheint, haben ſich öfters nur allein über 
ſich felbft zu beſchweren. Die Einwohner diefer nor 
difchen Gegenden würden fie nicht mit andern weit 
angenehmern vertaufchen, und die Engländer gewoͤh · 
nen In; rot IE dafelbft zu — Die, ſo auf 
dem 


” Aus — Soſerb Robſons: Account of (ik Years Re- 
‚fidence in Hudfons-Bay, from 1733 to 1736, and 1744 
to 1747. In Detav 1752. —— verlegt von 
Dayne und ? 


* * 


phyſikaliſchen Merkwuͤrdigkeiten. 99 
dem Fluſſe Churchill, zehn Meilen von feiner Muͤn⸗ 
dung an hinauf geſchiffet find, haben daſelbſt anmu⸗ 
thige Wieſen, ein fettes und fruchtbares Erdreich, 
und Gebuͤſche voller Beeren und Fruͤchte angetroffen. 
Selbſt die Landſpitze der Kequimaur in Norden 
und Mordoften bringe allerhand Arten von Rüben, 
Lactuken, und verfchiedene andere Saamengewaͤchſe 
hervor. Die Englander haben in ihrer nordlichen 
Veſte im Winter Pferde und Kühe erhalten, und im 
Srühlinge zieht der Schnee eine Art eines Gewölbes 
über das Erdreich, worunfer die Pflanzen zween big 
drey Zoll hoch wachſen Fönnen. Die Veſte YXRork, 
die zwiſchen den Fluͤſſen Hayes und Nelſon, in eis 
nem um zween Grade füdlicher, als der Fluß Chur⸗ 
chill, liegenden Landſtriche, gelegen ift, gewaͤhret noch 
viel größere Vortheile. "Das Erdreich ift dafelbft 
befier, Das Vieh befindet fich wohl darauf, und die 
Pflanzen, befonders die Erbfen und Bohnen, gedeyen 
vollfommen. Es giebt dafelbt verſchiedene Gegen. 
den, die den Winden nicht ausgefegt find, und arbeite 
fame Leute würden fich in diefen Gegenden alle Noth⸗ 
wendigkeiten des Lebens um defto leichter verfchaffen 
fönnen, je mehr. der Landbau die Strenge des Wins 
ters vermindern, und das Aufthauen befördern würs 
‚de. Die Abwechfelungen der Witterungen find in 
der ganzen Bay allgemein und befrächrlih. Sie 
‚rühren von den Winden her, die bald nordlich, bald 
ſuͤdlich find, und folchergeftale die ſchnelleſten Abwech⸗ 
felungen von Sommer und Winter verurfachen. 
Man darf auch in diefem Sande nicht ausgehen, ohne 
fi) wider die ftärfften Anfälle der Kälte zu vermah« 
ven; und ein Fremder thut wohl, ſich niemals allein 
| G 2 einer 


Aus zug der neueſten 


einer aus zuſetzen. Wenn im — * 4 
Wind Weſtſüdweſt iſt, ſo iſt die Hitze außerordent · 
lich, und je ſtaͤrker der Wind wehet, deſto ſtaͤrker ſetzt 
die Hitze an. Wenn hingegen der Wind anderwaͤrts 
herwehet, fo iſt die Winterfälte fehr ftrenge. In- 
deffen verfichert doch. Herr Robfon, daß er bey der - 
gleichen Witterung öfters ‚unter. ‚freyem Himmel am 
Feuer gelegen, und ſich nur bloß mit Gefträuche von 4 
den Bäumen wider den Wind bedeckt habe. Defe 
ters findet man. Fröfche und andere Fiſche in Eis» 
fchollen eingefroren, die aber, wenn es thauet, wieder 
aufleben und ganz munter ſind. Wenn nun.das 
Clima in diefen Eisgegenden, mo bie Engländer ihre 
Niederlagen baben, ‚von folder Befchaffenbeit: ift, 
» wie muß es nicht. weiter Iandeinwärts fen? Man. 
follte nur den Indianern nachahmen, mit. ihnen ‚die _ 
ſchoͤnen Fluͤſſe hinauf ſchiffen, deren Muͤndungen be 
kannt find, und ein Land anbauen, das die Unwiſſen 
beit und Faulheit unangebauet liegen läßt. Diefe 
Fluͤſſe find alle auf einige Hundert Meilen, ober bis 
auf den ysften Grad ſchiffbar. Ihre Ufer ftehen | 
- voller Bäume; fie wimmeln von Fifchen , und. die 
fruchtbaren Felder, die fie bewäffern, ſollen niemals, 
wie die Ufer, von Schnee bedeckt ſeyn. Die Heer- 
den würden darauf die vortrefflichfte Weide finden, x 
Korn und Saamen würden ſchoͤn wachen, und das 
Wild und Gevögel würde den Jaͤgern zu thun genug 
geben. Bielleicht würde man aud) in dieſem Lande 
verſchiedene Mineralien entdecken koͤnnen. Eine 
ganze indiſche Nation hat ihren Namen von dem 
Kupfer, woraus ſie ihre Werkzeuge zubereitet. Es 
wi eine Bleygrube, und man hat auc) zwiſchen 
den 





phyſikaliſchen Merkwuͤrdigkeiten. 101 
den Fluͤſſen Churchill und Nelſon Zinnober ge⸗ 
funden. Noch weit vortheilhaftere Schaͤtze aber, die 
dieſes Land geben koͤnnte, ſind die Pelʒwerke. Eben 
diejenige Hand, welche die Thiere in Norden dem 
cofte ausfeßet, befleidet fie auch mit Pelzen, welche. 
die. Menfchen eben fo gut nugen fönnen, als fie, . 
Die ‘Biber, Baͤre, Fuͤchſe, Marder, Hermeline, find 
häufig in diefen Gegenden, und der Vortheil, den 
man daraus zieht, hat kein Verhaͤltniß mit dem, den 
ein erweiterter und beſſer eingerichteter Handel ver⸗ 
ſchaffen wuͤrde. Auch die Gewaͤſſer geben ihre Reich⸗ 
thuͤmer. Außer den ſchon gedachten Fiſchen in den 

Fluͤſſen, ſind ihre Muͤndungen ſowohl, als das Meer, 
voller Wallfifhe und Meerfübe. Man dürfte nur, 
die Esquimaur Dazu gebrauchen, um weitlaͤuftige 
Magazine mit Thran und allerhand Elfenbeine an⸗ 
zufüllen. Diefes Sifchervolf, das die Indianer, wel⸗ 
chen die, Engländer den Gebrauch der Waffen gelehe 
vet, von ihren. Küffen vertrieben haben, wofelbft fie. 
ehedem wohneten, lebt igt mehr nordwaͤrts, gewiſſer⸗ 
maßen zerftreiet. Der Vorrath von Fiſchen und 
Thrane, den dieſe Wilden in den neun Wochen, die 
im Sommer zum Fiſchfange taugen, anſchaffen, erhaͤlt 
un ganzen Winter, und fie koͤnnen noch dazu den. 

Kiffen, die ihnen. begegnen, von ihrem Ueberfluſſe 
2” abgeben, , Herr Robſon glaubt, wenn man fie. 
nur. aufmunterte, und fie in ihren alten Wohnungen, 
befchüßte, Daß der Vortbeil, den man alsdann von 
ihrem Fiſchfange ziehen Eönnte, den Vortheil der 
Grönländifchen und den in der — Davis 
weit en wuͤrde. 


Heat 4 FEN N at 7770 re ie, { 
}, © 3 II. ‚oe 


12 | Auszug der AR 


u. Medicinifche Anmerkungen von- den 
mineralifchen Waſſern zu Bearn*. 


Die Quelle der warmen Waffer zu. Bearn, lege 

‚in dem Thale Oſſau, ſuͤdwaͤrts Bearn, in den py⸗ 

renaͤiſchen Gebirgen, vier Meilen von Pau. Die- 

| ſes Thal iſt ſehr weitläuftig und eines der. ſchonſten 

im ganzen Sande. Die Waſſer fallen endlich in ein, 
kleines, wuͤſtes, mit hohen Gebirgen umzaͤuntes Thal. 

Sie ſind lau, riechen wie bebruͤtete Eher, und ſind 
öligt, feifenartig und geiftreich. . ‚Man pflegte ſich 
fonft der warmen Geſundbrunnenwaſſer nur wider die 
Wunden und Gefdywüre, aber ſehr ſelten wider innerli⸗ 
— kheiten zu bedienen. Da aber gleichwohl bey, 
ſolchen Krankheiten auf ihren innerlichen ı oder außerli 

chen Sizz nichts ankommt; ſo iſt es der Mühe werth, 

Beobachtungen, die in diefer Sache ein gewiſſes Sy» 
ftem veranfaffen Fönnen, zu ſammlen und zu vergleis 

hen. Her —— hat hierinn einen Verſuch ger 
macht. Die Gewaͤſſer reinigen Die Wunden, ‚und 
erleihtern die Heilung derfeiben, gleichwie fie das, 

Abblaͤttern der „Knochen umd Kuorpel beſſer, als i ita 
gend eine andere Arjtney befördern. “Sogar die aͤl 
teften Geſchwuͤre, von welcher Beſchoffenheit und, 

as fie auch feyn mögen, widerſtehen der heilfamen, 

iefung diefer Gewaͤſſer ſehr felten. Herr Dar 

deu vieth deren Gebrauch einem Kinde, deffen & e 

ſicht, ‚Schenkel, Beine a Aerme und re Sn 

Ge⸗ 


* Aus folgender Scpeife Differtation WR * —— 
nerales du Bearn; parM.de Bordeu;,Pere; D. en Med. 
de la Faculté de Montpellier, & Medecin de Pau, en 
Bearn, 1750. In Duodez, Paris, bey Guilleau. 


rn ! 


I 


phyſikaliſchen Merkwuͤrdigkeiten. 103 
Geſchwuͤre ſaßen, und das zugleich ein ſchleichendes 
Sieber Hatte, Diefes Kind ward durch den Ges 
brauch diefer Bäder und das Einfprigen in die tief⸗ 
ften Höhlen der Geſchwuͤre, in fehr kurzer Zeit da» 
von befreyer, Nachdem Here Bordeu einige ns 
cifionen hatte machen, und das Kind von dem Waſ⸗ 

ſer trinken laffen, fo hörte das Fieber auf, und Die 
Geſchwuͤre fihloffen ſich völlig. Durch den innern 
Gebrauch diefer Waffer find auch verhärtete, filtus 
löfe und andere alte offene Schäden geheilet worden, 
woraus erhellet, daß fie diegenigen Ausführungen 
wieder berftellen muͤſſen, deren Stellen dergleichen 
fließende Schäden vertreten haben. Herr Horde 
fchließt daraus, mit einer Einficht, die die Contradi⸗ 
ction des DVerftandes der Wundärzte genennet zu 
werden verdienet, daß es bey vielen Geſchwuͤren nicht 
fo fehr darauf anfomme, an den verfegten Theil, als 
vielmehr an die Wiederherftellung derjenigen untere 
brochenen Ausführungen zu denken, die fie veranlaffet 
hatten, Bloß die vortrefflichen Wirfungen haben 
es endlich dahin gebracht, daß Herr Bordeu das 
alte Borurtheil wider den innern Gebrauch diefer 
Waſſer, bey vem gemeinen Haufen hat überwinden 
‚Können. ' Eben fo ift es ihm auch mit den Eiterbeus 
fen, die einen Siftelfchaden zum Grunde haben, und 
mit völligen Fiftelfehäden, die fehr alt und tief gewe⸗ 
fen, gelungen. Man Fann von den Fifteln eben das 
behaupten, was vorhin von den offenen fließenden 
Schäden überhaupt gefage worden ; denn die mei⸗ 
ften rühren von einer Unterdrückung gewiſſer Aus⸗ 
führungen ber, die die Fiftel nur erfegen fol. Man 
muß alſo dabey zu folchen Arztneyen feine Zuflucht 
— %- - | \ G 4 neh⸗ 


104.  YHuszug der neueften 


nehmen, wie diefe mineralifchen Waſſer, innerlich ges 
braucht, find, die die Ausdünftung befördern und die 
Ausführungsgänge eröffnen. Eine Menge anderer 
Geſchwuͤre nad) higigen Krankheiten, auch folche in 
den Gelenfen, wobey die Knochen angegriffen ‚ge 
weſen, alte Gefchwüre in der Blafe und den Gedärs 
men allerhand. Gefchwulften, Flechten und. mehr 
Krankheiten der Haut, find durch diefe Waſſer befe 
fer, als durch andere Arztneyen erleichtert worden, 
Sie ftillen, während des Bades, Die reißenden 
Schmerzen und felbft die Convulfionen. Durch Auf 
ferlichen Gebrauch und Gurgeln haben fie Zahn. 
fhmerzen geftille, und find in. den Krankheiten eines 
gefchroächten Magens, in der Colif, dem Erbrechen, 
der Unverdaulichfeit, dem gefchwollenen Magen in hart» - 
nädigen Durchfällen, und der Bleichfucht, die fo ſtark 
vom Magen herrühret, fehr dienlich befunden worden. 

Die Geſchwulſten der Eingemweide des Unterleibes- find 
davon gewichen, und in der Krankheit eines Sohnes 
des Herrn Sordeu bat diefes Wafler ein rechtes 
Wunder gethan. Dieſer Knabe hatte, nach einem 
faulenden Fieber, Eiter im Urine, wie aud) durd) 
den Auswurf und Stuhlgang von ſich gegeben. Er 
war abgematter bis zum Sterben: allein unter dem - 
Gebrauche diefes Waſſers kamen, mit der Bermins 
derung des Eiters, der Appetit und die Kräfte wie - 
der. Diefe Waſſer find der Bruft ganz -ausneh» 
mend heilſam, indem fie nad) der: Haut zu freiben, 
die Yusdünftung der Lunge befoͤrdern und einen flare 
ken Auswurf verurſachen. Daher hat ſich Here 
Bordeu endlich gewaget, ſie fo gar wahren 
Schwindſuͤchtigen einzugeben, und iſt mit dem ge⸗ 
— 8 N \ met» 


1 


phyſikaliſchen Merkwürdigkeiten. 105 


meinen Verfahren. der. Aerzte in diefen Krankheiten, 
da fie nur ſtillende, befänftigende Arztneyen, und 
Milch und Syrupe verordnen, ſehr ſchlecht zufrieden, 
Hiervon und. vom Erfolge der Kur wird in folgen⸗ 
| “ Auffage, vom Mh der Mil, mehr ger 
| ag —2 


werden. 


. IM. Vom Gebrauche der Milch bey 
Kranken *. - 

— de Borden beſchwert KR ch fehr über den 
seöben Misbrauch, den man in der Prari mit der 
Milch treibt. Er hat die Praris der Arztnenfunft 
in einem Lande getrieben, wo jedermann bloß von 
Milchſpeiſen lebte, und hat angemerkt, daß: fie eben 
denjenigen Krankheiten unterworfen :gewefen, die den 
Weintrinkern eigen find,und daß fie erfchlaffer, weich" 
lich und zu irgend ftarfen Arbeiten unvermögend gemes 
fen find. Wenn man durdy den Gebraud) der 
Mitch nie Eingeweide von Spannungen. befreyen 
und fchlaffer machen: will, fo ift: zu bedenfen, daß 
man dadurch zugleich den: Magen ſchwaͤche, moher 
öfters Efel, Schwachheit und Gefchmulften ihren 
Urfprung nehmen.; Man: muß das zarte Tempera« 
ment der Kinder, die die Mitch fo gut verdauen, 
nicht mit dem, trockener und gaflfüchtiger, vom Stus 
Dieren oder von Ausfchweifungen entkräfteter Perſo⸗ 
nen, oder unftäter und unruhiger Srauenzimmer ver» 
werhfeln, die allerhand Eigenfinne haben. ‚ Herr de 
Sorden iſt überzeugt; ud or —* gleich anfangs 

iim 


ig des Herrn de Rose Differtation fur * Eaux 
Wenig du Bearn. pa ris, in Duodez 1750. u 


ws 


1060. Auszug der neneffen 7 


im Magen: faft eben fo gerinnen müffe, toie wenn fie ' 
in einem Gefäße ftehen bleibe, und er fehließe diefes 
unter andern aus der geronnenen und zähen Mil, 
welche die Kinder ausbrehen. Da nun der Ma: 
gen eines Erwachſenen viel trocfener und ſtaͤrker ift, 
als bey Kindern, fo hat die Milch nicht Zeit genug, 
darinn zu gerinnen, und made alfo, da fie zuge 
ſchwind fortgehr, oder auch, meil fie ſich ſchuͤttet und 
fauer wird, allerhand Uingelegenheiten. Herr Bor⸗ 
deu merfer außerdem an, daß in der Prari diejenis 
gen Fälle gar felten:vorfommen, wo die beglaubteften 
Shriftfteller seine durchgängige Erfchlaffung‘ oder 
eine durchgängige Spannung: aller: Theile unfree 
Mafchine annehmen. Er behauptet, daß eine fehr 
ſchwachſcheinende Perſon einen  erftaunlich. ſtarken 
Magen babe, daß das Gleichgewicht der verfchiede 
nen Theile aufgehoben, und einige erfchlaffet, andere - 
zufammengezögen feyn Fönmen, welches verurfachet) 
Daß die Milch nicht fo, wie bey einem Kinde durchs 
gehe. Die Natur hat den Kindern in ihrem erften 
Alter eine fehr wäfferichte und Teichte Mitch beftimmt,. 
die aber dicker wird, nachdem die Kräfte des Kindes 
zunehmen, und die endlich zu ſchwach fir daffelbe 
wird. Daher muß man ihm alsdann feftere und 
ſchwerere Nahrungsmittel reichen + denn felbft die 
Schwere oder das Gewichte der Nahrungsmittel 
träge etwas zu einer guten Verdauung bey, indem es 
der Wirfung des Magens einen gewiſſen proportios 
nirten Widerftand entgegen ſetzet. Wenn die Milch, 
wie man gemeiniglich fage, ein fchon fertiger Milch- 
ſaft wäre, warum würde fie fi denn, wenn fie lange 
+ m den Brüften einer Amme verweilei, nicht in Blut 
a ee ee bver⸗ 







— 






phyſitaliſchen Merkwuͤrdigkeiten. 107 


| verwandeln, j anſtatt darinn ſauer zu werden und zu 
? Wie oft wiederfaͤhrt nicht eben dieſes 
Me Milch auch im Magen ?: Weldhe Huͤlfe ann 
man bey Inmphatifchen Gefchtwulften und bey Vers, 
| ſiopfungen, von welchen. doch die meiſten langwieris 
gen Krankheiten entftehen, von der Milch Hoffen ? 
Daher fümmt es, Daß man fie. mit magenflärfenden, 
fchweißtreibenden und dergleichen Arztneyen ver 
miſcht. Wenn fie alsdann einige gute Wirfung, 
thut, fo fcheint diefes vielmehr von dem mwirffamen 
Mittel, das man dazu gethan hat, als von der Milch 
felbft herzurühren. Endlich merke Herr de Bor⸗ 
den auch an, wenn man bey alten Gefchwiiren oder - 
Sontanellen Milch verordnet, daß davon der Aus. 
fluß der Materie oder der Säfte vermehret, und das 
Fleiſch blaß und ſchwammigt wird, ja endlich derge⸗ 
ſtalt erſchlaffet, daß kaum die Wunde zuheilen kann. 
Es gehört fi), etwas wirkſames zu verordnen, das 
die flüßigen Theile unfers Leibes bis in die teten 
Haarroͤhrchen hinein freibt, Damit fie die unterdrück- 
ten Ausführungen wieder, erſetzen: allein dieſes kann 
man von einem fo. ſchlappen Siqueur , als die Milch 
iſt, gar nicht erwarten. Herr Bordeu wendet die⸗ 
ſes alles auf die Geſchwuͤre in der Lunge an, die er 
mit Williſio fuͤr Arten von Fontanellen hält, Er 
bemerfet, daß die Haut der meiften ſchwindſuͤchtigen 
duͤrr und trocken iſt, und daß die Ausduͤnſtung gleich» 
ſam durd) die Wunde der: unge forrgeht. Daher, 
meynet er, ſollte der Arzt auf die Wiederherftellung 
diefer Ausduͤnſtung am meiſten feine Gedanken rich. 
ten, und bedenken, daß ſich das Geſchwuͤr ſelbſt zu⸗ 
heilen wuͤrde, wenn dieſe ne ‚von Feuchtigkeiten, 
die 


+ 


4 


Ka,‘ 
„A 
J 
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die es hindurch laffen muß, ſich nicht mehr dahin zies 
ben koͤnnte, und daß eben um deswillen die groͤßten 
Aerzte ſolchen Kranken oͤfters das Reuten und andere 
leichte Leibesübungen anpriefen *. Dieſen Betrach⸗ 
tungen zu Folge findet Herr de Bordeu, daß die 
Milch den Auswurf nur vermehre, daß die Lunge 
öfters damit ganz überladen werde, der Magen in 
J BET A Eee 


* Mie alicklich wurden wir in der Praxi feyn, wenn zur 
„Eur der Schwindfucht dieſes als die Hauptfache, erz 
fordert würde, daß man die Ausduͤnſtung wieder her⸗ 
ſtellete! Herr de Bordeu giebt aber hier ohne Zweifel 
der Vergleichung der Lungengeſchwuͤre mit den Fonta⸗ 
nellen zu. viel nach: denm es iſt falſch, daß alle 
Schwindſuͤchtige Feine freye Ausdünftung haben fol 
ten, vielmehr iff das langfame Fieber der Schwind⸗ 
“ füchtigen eben fo, wie das, bey andern Verlegungen 
der Eingemeide, mit baufigen Schweißen verbunden. 
2) Es wird umfonft angenommen, daß die Natur die 
Materie der Ausduͤnſtung durch das Loch in der Lunge 
führe... Die Natur der Sache bringt es ſchon mit fich, 
dag ein Geſchwuͤr Materie von fich giebt, wenn auch 
gleich alle Ausführungen vollfommen gut von flatten 
gehen. 3) Es iſt falſch dag ein Lungengeſchwuͤr durch | 
‘die wieder hergeſtellte Ausduͤnſtung follte geheilet wer⸗ 
den koͤnnen. Es gehoͤret nicht allein die Reinigung, 
ſondern auch das Zuſammenwachſen der Wunde bazu; 
und da dieſes letzte die beſtaͤndige Bewegung der Lunge 
hindert; fo kann die Ausduͤnſtung ſo viel als nichts 
Jur Befoͤrderung der Heilung beytragen. 4) Ich weiß 
eben nicht, ob es ein guter Rath waͤre, Leuten, deren 
- Bunge ein Geſchwuͤr hatte, das Reuten zur Leibesuͤbung 
zu empfehlen, noch weniger iſt zu glauben, daß dadurch 
große Dinge gethan worden wären. Man muß alfo 
Diefen Ausipruch des Herrn de Borden mit vieler Ein? 
ſchrankung annehmen ©’ Anm. desikeberf 


2 


phyſikaliſchen Merfwirdigfeiten. 109 


Unordnung gerathe, die Verdauung ſchlecht von ſtat. 
ten gehe, nnd der Kranfe nach und nach ſchwach 
werde. Alle diefe Zufälte zeigen ſich beſonders un- 
ter. dem Gebrauche der Milch, wenn das Fieber nur 
ein wenig lebhaft iſt. Es folgt alſo, daß, wenn e8 
ja Fälle giebt, wo die Mitch gute Dienste thut, doch 
auch viele ftatt finden, mo fie fehr ſchaͤdlich iſt, Daher 
alfo wenigftens der Misbrauch derfelben von Rechts: 
megen vermieden werden follte, | 
Man fieht wohl, daß. alle diefe Betrachtungen 
darauf abzielen, die guten Wirfungen der besrnis 
eben Waller in ver Schwindfucht auf eine fiegreis 
ehe Art zu erheben, wie denn auch verfchiedene hieher 
gehörige Beobachtungen beygebrache worden find. 
Herr de Bordeu will damit eine angehende $ungen» 
ſucht, Zehrungen nach Blutſpeyen, $ungengefhmüre, 
die mit Berftopfungen der Eingeweide verbunden 
gemwefen, ja endlich auch Schwindſuchten im höchften 
Grade, wobey die ‘Beine gefchmwollen, die Haare aus⸗ 
gegangen, und alle die ſchrecklichſten Zufälle vorhan⸗ 
den geweſen, glüclid curiret haben. Die Wafler 
haben in allen diefen Fällen auf die Art zu wirfen 
gefchienen, daß fie die verlohrnen Ausführungen, ents 
weder der Ausdünftung, oder der Galle, oder des 
Urins, oder des natürlichen Geblüts, wieder herges 
fteller, am öfterften aber, daß fie den Magen in beſ⸗ 
fern Stand gefest, und einen fo ftarfen Appetit era 
reger haben, daß es gefährlich gemefen feyn würde, 
demfelben völlig genug zu thun. Da aber diefe 
- Kranfheiten ſich von Zeit zu Zeit wieder einftellen, 
fo muß man aud) den Gebrauch diefer Waffer zu 
verfchiedenen Zeiten wiederholen, ja Herr de m 


— 


Ausʒug der neueſten ——— 


deu iſt ſelbſt ſo guͤtig, zu geſtehen, daß es Sthwind· 
füchtige gebe, denen die Waſſer nicht helfen wollen; 
und daß alfo fein Mittel nicht allgemein ſey. Ohne 
diefes Geftändnig mürde es auch in der That ſchwer 
fallen, den Herrn de Bordeu zu vertheidigen, wenn 
feine gefer mit einem Credat Judaeus. — bi ng 
Buch zufchlügen, 


IV, Urfachen. der heutigen teen 
# Handlung auf Minorca. ie | 


» Jedermann weiß, mie, ſchlecht die Handlung « auf 
Dice Inſel getrieben wird. Herr Armftrong * hat 
ung die vornehmften Urſachen hiervon mitgerheiler; 
er fagt, wie folget: Die Kupfermünen, welche bey den 
Einwohnern diefer Inſel im Gange find, find ihnen 
nicht wenig nachteilig; allein fie haben diefe Ungele⸗ 
genheit bloß ihrer eigenen Unentfchlüßigkeit suzufchrei« 
ben. Die einzigen Waaren, fo fie verhandeln, find 
"eine gewiſſe Art Käfe, welche die Italiener ſehr lieben, 
ferner Wolle, Wein, Honig, ? Wachs und Salz. Here 
Armftrong ſchaͤtzet die ganze Summe dieſer verfcies 
denen Stücfe auf 18100 Pf. Sterling. Dahingegen 
müffen die Einwohner der Inſel alle ihre vornehmiten 
Rothwendigkeiten von auswärtigen Orten herfommen 
Iaffen. Getreide, Rindvieh, Branntwein, Tabadk, 
Leinwand, Stoffe, Bücher, Reliquien, Agnus Dei,und 
eine Menge von Etcätera J von andern Orten 

| ‚ber, 
8 In einer — zu London in — le 
Schrift, welche den Titel führer: The Hiftory of the 
Island of_Minorca, by John Arimftrong, Efqu. Engineer 
in ördinary t6 His Maiefty; nebſt einer Charte vonder 
Inſel, und zwo Kupfertafeln. ‘ 


/ 


phyſitaliſchen Merlwuͤrdigkeiten. zu 


err Armſtrong rechnet Das, was ihnen jaͤhr⸗ 
5 Sie Waaren koſten auf 71200 Pf. Sterling, mo» 

von, die erfte Summe abgezogen ‚wird, 53100, 
Se. übrig. bleiben. Sie müßten alſo nothwen⸗ 
dig banquerout machen, wenn fie nicht das, mas, Die 
Engländer bey ihnen perthun, ſchadlos hielte. re 
zroilchen erhellet doch) hieraus, daß fie fich unmöglich 
bereichern koͤnnen, da fie befonders ſo viele Taren zu 
bezahlen haben, und die Geiftlichen ihnen fo viel Auf⸗ 
lagen abfordern. Sie müßten, um. ſich aus dieſem 
lende zu erretten, mehr Fleiß und Geſchaͤfftigkeit, we⸗ 
niger Unwiſſenheit, Proceſſe und Feſte der Heiligen 
haben. Sie vermehren jährlich ihre Weinſtoͤcke; 
allein die ihnen den Wein abfaufen, lehren fie, ihn eben 
fo gern, als fie, zu trinken. Sie fönnten ſich fonft auf 
verfchiedene Art eine vortheilhafte Handlung jumege 
bringen. Der Baummollenbaum, der den Malthe⸗ 
fern fo vortheilhaft ift, Fönnte zu Minorca eben fo 
gut fortfommen. Es koͤnnten Maulbeerbäume das 
felbft wachſen. DieDlivenbäume find Häufig ; allein 
fie werden vernachläßiger. Der Hanf, der $ein, die _ 
Roͤhre, die Schiefer, der Thunfiſch an ihren Küften, 
deffen die Einwohner in Languedoc und Provence 
fo viel verfchiden, alles diefes bierhet ihnen umfonft 
Neichthümer dar, Man hatte eine ergiebige Bley⸗ 
grube auf der Inſel entdecket; allein ihre Trägheithat 
fievernachläßiger. Der Selsftein fönnte vielleicht wohl 
werth feyn, wenigftens für Ballaft nach England 
übergefchiffet zu werden, und die Marmor, die an 
Schönheit und Mannigfaltigfeit die aus andern Laͤn⸗ 
dern übertreffen, würden gewiß daſelbſt fehr geſuchet 
werden. Die ng könnten mehr Taback ziehen, 
oder 


oder boch Hefe fo dick, als fie — IT 


Maftir, die-Darten, befonders aber das Wachs, det 
Honig und dus Sal, würden in andern. Häfen be 


betraͤchtliche Sachen feyn. Die Einwohner von Ma⸗ 


ſorca zeugen ihren Saffran ſelbſt; —5 die von 
Minorca, die ihn eben fo, wie Ne ihren Ragouts 


Brauchen, wollen! dieſe Pflange nicht anbauen. Was 


kann man endlich wohl von Leuten hoffen, die, wenn 
man ihren was vom Pfropfen ſagt, ‚antworten, daß 


niemand beffer wiſſe, als — — ein Baum wachſen 


6 “ ‘ 

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’ von 4 4 ii 1 — » 
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— ee Tale ä— —— — 
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des erſten Stücs im Greneßnten Sa 





N) Ein aͤchter Brief. von einem, ialienifipen Seren, über i 


den Biß der Tarantul 
2) Theodor Thorkelfohn Widalins Abhandlung ı von den 
islaͤndiſchen Eigbergen 
9) — von der Zubereitung der * Caſtanien 
ur 


— 


af Ealilche, Abhandlung. von denen im Bfute ee | 


bandenen Fifentheilen, durch gewiſſe chymiſche Ver⸗ 
ſuche dargethan, und nebft einem Rh Verſu⸗ 

che mit dem Eiſen in der blauen Farbe — 

J ne Abhandlung vonder Tuberofe 46 
6) Unterfucbung des Lebens und der Schriften des Ho— 

| merus, aus bem Englifchen überfegt von C. W. Agri⸗ 


57 
2 Aucng der neueften phyfi iEalifchen —— 
4 


’ 
A 


E72, ns 


. 


2% 
» 





HSamburgiſches 





Wiuheſin, 


geſammlete Schriften, 


—*— und den angenehmen | 
Wiſſenſchaften ragen 











Des dreyzehnten Bandes zweytes Stück, 
Mir Königl, Pohln. und Churfürftl. Saͤchſiſcher Frepbeit. 
Hamburg und Leipzig, 


mom Chriſt. Grund und Adam Heinr. Holle, 
1754 





Dun utlorbn is 


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* sorifebung 
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— —— und phyſtalſhet 
„ BeoBahtungen | 


des 92. Hills. 
Sied eat er Verſuch 


IR 
1% in 


(©. des 128. ar p. LE 


je. on eiher ekonbet und 6 neh * 
Eſchriebenen ſchwammartigen Pflanze, 
die ‚auf den Oberflächen von Pre 
— jeninfufinen erfcheint. 

» 0 Sch habe in dem vorigen Verſuche 
emnte daß wir die Rn die wir unterſuch⸗ 
* cn, 





16 Fortſetzung der, microfeopifehen 


‚gen; gedoppelt gehebt. Die eine Art derſelben ließe en 
wir offen, und dem freyen Zugange der Luft bloß ge⸗ 
ſtellet, die andere aber ward fo gur, als möglid), "ber 
decket, und mit einer naßgenrächten Blafe zugebuns 
den. Wir funden, daß. fo wohl die al en als auch 
die bedeckten Gefäße mit lebendigen Einwohnern 
gleich ftarf bevölkert waren. Wir hatten verfchier 
dene Tage mit der Unterfuchung dieſer fonderbaren 
Greaturen zugebracht. Der Topf, welchen wir ges 
öffnet hatten, ward, fo bald ſich die lebendigen Crea⸗ 
turen in den offenen Töpfen zeigten, wieder zugebun« 
den, und blieb eine Zeitlang ganz ftille beftehen. Die 
- Einwohner unfers offenen Gefäßes behielten alle ihre 
lan] ‚und wir waren nunmehro bögierig zu 
ehen, ob es denen, die fi) in dem vermacht en Ge⸗ 
faͤße befunden, eben fo gut ergangen waͤre. 

Als wir daſſelbe öffneten, geriethen wir in eine an⸗ 
genehme Verwunderung über eine neu hervorges 
brachte Sache, die ihre Schönheit über die ganze 
Oberflaͤche der Infuſion verbreitet hatte... Der Sefer 
wird zum $achen bereit feyn, wenn er höret, d die 
ganze Schönheit. darinn beftanden, daß die Infuſion 
ſchimmlicht geworden. Allein was ein unachtſames 
Auge wie ein Nichts uͤberſieht, oder mit tauſend an⸗ 
dern Begriffen unter dem Namen einer Faͤulung 
vermiſchet, das unterſuchet ein philoſophiſcher Be⸗ 
merker bis auf den Grund, und es ſchlaͤgt ihm gar 
ſelten fehl, fuͤr die Muͤhe feiner Unterfuchung dur) 
Die Entdeckung einer Schoͤnheit oder Seltenheit be⸗ 
5* zu werden. 

Dasjenige, was Leute, ‘denen bie Werke der Par 
tur nicht, ſonderlich bekannt find, wuͤrden oben abge 

nommen, 













| und phufifali obachtungen. m 


nommen, und weggegoſſen haben, ſchien uns eben der 
ſchaͤtzbarſte Theil zu ſeyn. Die Einwohner dieſer 
Fluͤßigkeit hatten wir vorhin ſchon zur Gnuͤge bes 
trachtet, und funden alfo hier ein neues Feld voll 
Wunder vor uns. Wir fuchten uns nur bloß zu 
überzeugen, daß die Greaturen in der Infuſion noch 
lebten, und darauf fiengen wir an, den neu hervor⸗ 
gebrachten Gegenſtand zu unterfuchen. | 
Gleichwie die. vorigen Ereaturen zum Thierreiche 
gehörten ; fo gehörte dieſe neue Sache augenfchein« 
lich zum Pflanzenreiche. . Was man mit dem bloßen 
Auge daran fehen fonnte, war eine duͤnne und glatte 
Rinde von einer grünlichten Farbe, die wie ein Stuͤck 
feines Leder ausfah, ſo ganz eben über die Oberfläche 
der Materie ausgebreitet war, woraus eine Menge 
Fleiner Stengel: bervorragete, welche Fleine runde 
Köpfe trugen. Diefe fchienen bey dem erften Anblide 
fehr Fleinen Nadeln ähnlich zu feyn, die in die Haut, 

fo die Infuſion bedecfete, Hineingefchlagen wären. 
Da mir Bemerkungen von diefer, Art gar nicht 
ungewohnt waren, fo wußte ic) gar wohl, daß dasje⸗ 
nige, was wir hier fahen, einer fernern Unterfuhung: 
nicht unwuͤrdig wäre; allein es befand fid) in einem 
Zuftande, der zu einer folchen Unterfuchung nicht zum 
beiten geſchickt war. Ich war überzeuget, daß die: 
Rinde aus einem Haufen von Pflanzen beftünde,, 
wovon eine die Geftalt der andern verderben mußte, 
weil fie gar zu dicht an einander ftunden, ‘Der ges‘ 
ſchwinde Wachsthum diefer Fleinen Pflanzen war mir 
bekannt, und id) verfprach daher meinem edlen Freun«. 
de, dasjenige, mas wir wünfchten, den folgenden Tag: 
vollkommen und in eigentliche Geftalt zu fehen. Wir, 
Er; . 23 ſchnit, 





ſchnitten etwa den —— Thell der Rinde ab, En: 
alſo fo viel wort der Oberfläche der Infuſion bioß/ und 
* das Gefaͤß wiederum, wie vorhin. 
Der Fortgang der Natur in ihren Dflanzennerfen 
iſt gewiſſermaßen der Größe derſelben gemag. Da 
die Eiche, wie die Naturforfcher uns fagen, hundert 
Jahre waͤchſt „hundert in ihrer Vollkommenheit 
bleibt, und eine eben ſo lange Zeit zu ihrem Verfalle 
Hr p gerathen diefe Eleinen zarten Dinger, unges 
fähr in fieben Stunden, aus dem Zuftande des Saas 
mens zu ihrem vollkommenen Wachsthume, bleiben 
etiva eine ober zwo Stunden in ihrer, Vollkommen⸗ 
“ beit, und alsdenn verwelken ſie, und machen ihren 
Nachkoͤmmlingen Pag, und es bleibt nichts als die 
Scale oder Rinde unten am Boden übrig, die der 
jungen Saat zum Grunde dienet. Ich hatte bemer« 
fet, daß ein jeder runder Kopf, den wir auf der ges. 
meinfehaftlichen Rinde fahen, mit reifendem Saamen 
beladen war, welcher gar bald würde abgefondert wer⸗ 
Den, und daß zivar einige von den Saamenförngen 
unmittelbar auf die Rinde fallen, und fich folglich mit: 
den übrigen Pflänzgen vermifchen, andere aber ohne 
Zweifel auf die entbloͤßte Oberfläche der Infuſion 
fallen, und uns daſelbſt die Pflaͤnzgen in einem ſolchen 
Zuſtande darſtellen wuͤrden, darinn ſie deutlich konn· 
ten bemerket werden. 

Wie ich mir es vorher vorſtellete, fo gieng es — | 
Als wir den folgenden Morgen unſer Gefäß eroͤffne⸗ 
ten; war der Theil der Oberfläche der Infuͤſion, die 
wir bloß gelaffen Hatten, gleichfam mit weißen Flecken 
bedecket, und es war nicht ſchwer, einzuſehen, daß ein 
— von dieſen Flecken eine von den Pflanzen wäre, 

die 


yyſikaliſchen Beobachtungen. 19; 


| bie wir — wollten.) Dem bloßen ‚Auge, 
ſchienen fie weiter nichts, als ſchlechte Klumpen von 
einer weißen Farbe zu feyn, Die nicht einmal fo. groß, 
als der dritte Theil des Durchmeffers des kleinſten 
Madelfopfes waren ; als wir fie aber vermittelfteineg. 
mäßigen Bergrößerungsglafes ‚betrachteten, fonnten 
wir Deutlich fehen, daß ein jeder Klumpen eine tunde, 
‚oder beynahe runde Rinde wäre, worauf fich eine 
Menge Eleiner Spigen in die Höbe richtete. : Die - 
Dflanzen waren noch fehr frühzeitig, fie hatten den. 
gehörigen Umfang ihres Grundes noch nicht erreichet, 
auch ſtunden die Köpfe noch nicht auf den Stengeln, 
welche bey den andern eine fo artige Figur machten. 
Alles, was wir itzo entdecken fonnten, beftund darinn, 
Daß die Ecken dieſer Kinden, rundlicht eingeferber; 
und ihre Oberflächen zwifchen den Stengeln, die, eben, 
a bervorgefchoffen, einigermaßen Förnigt wetan a 





7 


Leute, die mit Bergrößerungsgläfern noch nice 
Br umzugehen wiffen, werden aus der Handhabung 
der verfchiedenen Dinge, deren in. diefen Verſuchen 
erwaͤhnet wird, fernen, die verfchiedenen Arten der 
ſelben auf das portheilhaftefte anzuwenden, Es iſt 
allezeit am beſten, bey der Unterſuchung eines Gegen⸗ 
ſtandes, der vieles verſpricht, mit einem Glaſe von 
einer geringen Vergroͤßerungskraft den Anfang zu 
machen, und fo ferner ſtufenweiſe zu dem Gebrauche 
der groͤßten zu ſchreiten. Auch iſt es am beſten, die 
Dinge zuerſt, wenn es angehen will, in ihrem natiir- 
lichen Zuftände zu befehen, und fie nachgehends ftufen» 
weile in andern Öeftalten und Stellungen zu betrach⸗ 

ten. Durch dieſes Mittel vermeiden wir die Irr⸗ 
H a4 thümer, 


ns p 


120 Fortſetzung der micröfcopifchen . 
thuͤmer, welche den Werfen dererjenigen ihren Wer 
benehmen, die fonft eine Zierde diefer Wiſſen 
würden geweſen feyn; denn dieſe unterſuchen Air 
ehe fie, das Ganze betrachtet haben, und fehen Die Ges 
genftände in den willführlichen Berdrehungen derſel⸗ 
ben an, ehe ſie ſich ihren natuͤrlichen und ordentlichen 
Zuſtand bekannt gemacht haben, verfallen daher im 
Irrthuͤmer, die wir uns ſchaͤmen zu ſehen, und ver 
fehlen folcher Wahrheiten, die fie bey einem ordent⸗ 
lichen Verfahren nothwendig hätten entdecken muͤſ⸗ 
fen, wenn fie auch nut Vor fo forgfältig —* Due 
| fen wären: 
Nachdem i wir. alles sort — was ih bei 
Geſichte darftellete, fo wie die Pflanzen auf der Fluͤſ⸗ 
figfeic ſchwommen, in welcher ſie gewachſen waren; 
ſo brachten wir in dem Waſſer eines der hohlen Glaͤ⸗ 
ſer an, welche dazu gemacht ſind, Dinge, die im 
Woaſſer vorkommen, mit dem Waſſer um ſie herum 
unter dem foco des doppelten Vergroͤßerungsglaſes 
zu halten. Wir thaten dieſes an ſolchen Stellen, wo 
zwo oder drey von dieſen Pflanzen ganz nahe an ein⸗ 
ander ſtunden, und hatten das Gluͤck, ſie alle ganz 
und unverletzt mit dem Waſſer wegzunehmen, wel» 
ches ſich in dem hohlen Glaſe um ſie geſamm⸗ 
let hatte. Dieſe ſetzten wir auf die Platte des Mi-· 
erofcopii in dem Glaſe, und als wir nur ein kleines 
Vergroͤßerungsglas anbrachten, ſo konnten wir erken⸗ 
nen, daß dasjenige, was auf der Rinde das Anſehen 
von Koͤrngen gehabt hatte, in der That eine Art —* 
hohlen blaͤtterichten Erhebungen war, die aber m 
un Rinde einerley harbe un Einrichtung en 

‚und 


a und phyſikaliſchen Beobachtungen. 2 


und in allem, ausgenommen in in der Figur/ ſchwam⸗ 
micht waren. 

"Die becherförmigen: Schwänme, ‚erfihiebene, von 
den’Lichenibus, und: einige andere von den unvolls 
fommerern Pflanzen, wie fie mit Unrecht von den 
Schriftſtellern genannt werden, deren Werkzeuge des 
Fruchtbringens auf Stengeln figen, haben eine blät« 
terichte und rindenartige Materie zu ihrem Grunde. 
Die gemeinen — von ſo vielen Arten, die 
- an den Mauern und alten Bretern ſitzen, haben die— 
ſelbe, und in vielen von ihnen ift fie dieſem Schwam⸗ 
mie, beydes ihrer Natur und ihrem Urfprunge nad), 
vollkommen ähnlich; Sie ift gemeiniglichigeründer, 


anden Enden eingeferbt, und.auf der Oberfläche fürs 


nicht, oder, wenn man e8 deutlicher fieht, bläftericht. 
Es iſt in der That eine Nehnlichfeit zwifchen: diefen- 
Schwämmen, und die meiſten von den gewöhnlichen 
Arten zeigen ſich anfänglich in der Geſtalt eines gel⸗ 
ben oder grauen Fleckes an der Oberfläche des Stei⸗ 
nes oder Holzes, woran ſie wachſen, ‚eben fo als die 
Schwaͤmme auf der Oberfläche des Waſſers; ſie vers 
breiten in beyden Fällen ihren Diameter, und bringen 
nachgehends die Stengel hervor, worauf: die Werks 
zeuge des Fruchtbringens ſitzen. 

Da das Herumſchwimmen dieſer Fleineh Pflans 
* uns Gelegenheit gab, fie in verſchiedenen Stel 
lungen nach einander zu ſehen, fo ftellten fie fich uns 
ein oder zweymal auf eine ſolche Art dar, vermittelſt 
welcher wir gar deutlich ſehen konnten, daß Wurzeln 
zur. Unterhaltung der Rinde in das Waſſer hinab 
giengen. . Diefe Eleinen Schwämme find in diefem 
von den Seepflanzen unterſchieden, die * 

5 alle 


| 


wu 


2 Sortfeging der mictoſtobiſchen I 


afle von) einer flachen Rinde erheben⸗ die auf einem 
Steine, oder einem andern dichten Koͤrper verbreitet 
iſt, ohne daß ſich die gerihgften Wurzeln dabey zei: 
gen, die ſie mir NRahrung verſorgen Fönnten, > Bey 
den Seepflangen wird die· Mahrung durch die klei⸗ 
nen $öchergen eingendmmen;, die in alfen Theilen ih». 
rer Dberfläche offen find 5!’ Hier aber wird die Rinde 
durch ordentliche: Wurzeln, wie die gemeinen Pflans 
jen, oder um noch eine genauere Bergleichung zu mas 
chen, wie die Waſſerlinſen, die Fleinen Nymphae, 
der Waflerfoldate, oder Die: andern Pflanzen ernaͤh⸗ 
ret, die häufig oben auf dem Waffer ſchwimmen, und: 
wiewohl fie durch) die Wurzeln ernähret werden, for 
faffen fie doch dieſe Wurzeln nicht in den Schlamm 
hinab, fondern fie empfangen ihre Nahrung unmite: 
telbar von dem Waffer. Da wir Gelegenheit hat- 
fen, diefes zufälliger und unvollkommener Weiſe zu 
ſehen, fo machte ung ſolches eifrig, die ganze Sache, 
fo genau, als möglich, zu entdecken. Es koſtete uns 
einige Mühe, ehe wir Gelegenheit befamen ‚unfern 
Endzweck nad) Wunfch zu erreichen; doch. vermite 
telſt eines Pferdehaares, davon wir das eine Ende an 
der Seite des hohlen Glaſes feſt klebten, das andere 
aber an eine der Pflanzen befeſtigten, fanden wir ein 
dittel ‚fie in eine ſolche Stellung zu bringen, in wel⸗ 
cher wir die Einrichtung der unterften Theile volle 
kommen betrachten konnten. ° Die äußerfte Fläche 
des Untertheiles war viel glätter, als die Oberfläche, 
und war einigermaßen der äußerften Fläche eines di⸗ 
fen Pergaments ähnlich. Aus verſchiedenen Thei ⸗ 
len derſelben giengen in kleinen Entfernungen die 
rg heraus, Es waren folches weiße, ſchoͤne 
und 


—* 


und phyſikaliſchen Beobachtungen. 123: 
und durchſichtige Faͤſergen. Sie waren ſehr kung 


und zart, doch an den aͤußerſten Enden mit einer Art 
von Furteralen verſehen, in. welche ſie, wie Degen in) 
die Scheide, , geſtecket wurden. Es kamen allezeit 
ihrer drey von einem Flecke — und giengen nicht 


perpendiculaͤr ins Waſſer hinab, ſondern wurden von 
dem Mittelpunete bis zu den aͤußerſten Enden vers 
breitet. * 


Wir Bis wärend bieſer ——— wie 
denn ſolches denenjenigen, die die Einrichtung der; 


Dinge: in der Welt bemerfen, niemals fehlen Fantt,; - 


7 


eine vortreffliche Gelegenheit, die Vorſorge der Nas 


tür für alle ihre, Werke zu bemundern.: Wir hatten: 


von Zeit zu Zeit Mengen von den thierifchen Eins 


wohnern des Waffers , fo wie wir es damals einfar ⸗ 


ben, um die Pflanze, die wir betrachteten, herum 


fpielen fehen, wodurch uns denn öfters das Geſicht 


war benommen worden. Wir hatten bemerfer, daß 
dem Getuͤmmel diefer Creaturen um fie herum die 
Bewegung zuzufchreiben wäre, die fie langſam nach 


| verfchiedenen Theilen des Waffers berumtrieb. Kaum 


hatten wir aber diefe Pflanzen in fo weit fennen ges 
fernet, als ihr gegenwärtiger unvollflommener Zu⸗ 
ftand e8 ung erlaubete, fo entdeckten wir, bey Unter⸗ 
fuchung der Iebendigen Einwohner des Waflers, daß 
Dasjenige, mas wir fürseinen Zeitvertreib und ein 
Spiel gehalten hatten, eine weit wichtigere Befchäff- 
tigung gewefen war, indem dieſe Thierchen auf die 


| gedachte Art von den Pflänzcyen ihre Nahrung fuch 


ten. Wir fahen nunmehro, daß jie Stüden von als 
fen Seiten der Pflanzen abriff jen, und fie mit eben: 
der MRROINEDe verzehrten, die wir an ihnen bemerket 

hatten, 


⸗ 


124 Fortſetzung der mickofeopifchen 
hatten, als ſie die Stuͤcken von dem Saamen ver⸗ 
jehreten, von welchem fie ihren Urſprung zu "haben. 
ſchienen. Es iſt eine. Sache, die ſich noch nicht be⸗ 
ſtimmen laͤßt, wie diefe Thiere oder diefe Pflanzen, 


die ihnen Nahrung verfchaffen, in das Waſſer foms 


men. Wir fehen, daß die eine Art in gleicher Anzahl 
ſo wohl in dem vermachten, als in dem offen ſtehen⸗ 
den, die andern aber allein in dem vermachten Wafe 
fer Hervorformmen „daß alfo ihr Urfprung von Eyern 
oder Saamen, deren erftere: von alten Thieren bins 
ein geleget worden, der andere! aber iin wer. Luft ge⸗ 
fhmommen ‚ auf feine Weiſe anzunehmen: iſt. Sie 
mögen indeſſen hinein kommen, wie fie wollen, fo ſe⸗ 
hen wir doch, daß die Natur dafuͤr ſorget, daß ſie 
von ſolchen Arten ſeyn moͤgen, die einander nutzen 
koͤnnen, indem die Pflanzen ſehr geſchwinde hervor⸗ 
kommen, und die Thiere mit Mahrung verſorgen. 

Die Natur brachte die Theile dieſer Rinden zum 
wenigſten eben fo geſchwinde wieder hervor, als. die 
zahlreichen, wiewohl nur Eleinen Berderber, fie ver⸗ 


zehren konnten; und da die allgemeine wachſendma⸗ 
chende Kraft beftändig fortwährte, fo nahmen fie 


von Stunde zu Stunde an Größe zu, bis fie den ber 
flimmten Grad derfelben erreicher hatten, und fo 
groß, als der Kopf einer mittelmäßigen Nadel mas 


ren. Diefe ganze Zeit zeigte ſich nichts, fo zum Jubes 


hör des Fruchttragens dienen konnte, als die Sten« 
gel, worauf folches ftehen ſollte. Diefe fiengen wir 
nunmehro an, mit einer forgfältigen Aufmerkfamfeit 


zu betrachten, und funden, daß fie allmählig größer 


wurden. Als fie ihre beftimmte Höhe ar 
ats 


+ 


und phyſitaliſchen Beobachtungen. 125 


„hatten, und nicht eher, Fonnten wir die erfte Er 
‚fcheinung der runden Köpfe bemerken, die in den reis 
* Pflanzen zuerſt unſre Aufmerkſamkeit auf fi 
hatten. Es war leicht zu ſehen, daß ſie 
J Dichte Körper, und auch nicht ‚vollfommen gle 
auf ‚der. äußerften Flähe waren. Sie fihienen 
ſchwammigt und raub, und wir fahen mit der Außer» 
ſten Berwunderung, daß fü fie von dem Augenblide an, 
da fie zuerft erfchienen, in einer kurzen Zeit mehr, 
‚als dreymal fo groß wurden, als. fie zuerft geweſen 
‚waren. Mun fonnten wir deutlich feben, daß fie aus 
einer Menge Dinner Körper zufammengefegt waren, 
bie wie Strahlen aus einem Mittelpuncte heraus 
ſchoſſen, in einer ziemlichen Entfernung von einander 
Funden, und weil fie.alle von einer Länge waren, die 
Figur rund madıten. : | 
Das gedoppelte Microfeopium. tar nicht. fo bes 
quem- zu diefer Unterfuchung, als ein ſtark vergroͤßern⸗ 
des einfaches Glas. Wir brachten an dem zur Uns 
terſuchung undurchſichtiger Koͤrper gewoͤhnlichen Zus 
behoͤr ein fehr ftarfes Bergrößerungsglas an, und eis 
nen noch unreifen Kopf dieſer Pflanze in den Focum 
deffelben. Der Stengel, worauf derfelbe fund, war 
ein ſchoͤner glaͤnzender flebrichter Cylinder, hohl und 
vollkommen durchſichtig. Die Farbe deſſelben war 
blaͤulichtweiß, und; feine aͤußere Flaͤche vollkommen 
eben. Der Kopf ſahe nicht anders aus, als eine 
große Kugel von der ſchoͤnen, weißen, ducchfichtigen 
und Flebrichten Materie, die, wiewohl in nicht fo 
‚großer Menge, die Seiten des Stengels bebeckte 
Daß wir nur einige-fehr Pleine runde — 
‚einigen Theilen davon, wie kleine Klumpen entd 


konn ⸗ 










Fonnten. Während der Zeit, daß wir unſre Augen 
darauf gerichtet Hatten, Fonnten wie dieſe Rfintpeh 
oder Puͤckelchen fih auf der Fleinen Kugel immer 
ar erheben fehen, und es folgfen venfelden iriimer 
‘andere Fugelförmigte Koͤrperchen. Als nun dieſel. 






mmes niche ſo 
Aue 11: 1 


und phyſikaliſchen Beobachtungen. 127 


dicht ft, und daß die Strahlen deſſelben an daB 
gen viel weiter auseinander ftehen. > 


Bey genauer Unterſuchung funden tie, daß * 
jede derſelben ohngefaͤhr bler ig runde Kuͤgelchen aus · 
machte, die alle von derſelben Groͤße, von derſelben 
blaͤulichtweißen Farbe, und mit der Flebrich. ' 
ten Materie, die den Körper der Kugel ausmachte, 
bedecket, durch nichts anders als durch ihre Kies 
brigkeit verknuͤpft waren Der Strahlen waren un« 
„gefahr 26 an der Zahl ; an ihrem Grunde ftunden 
fie etwas näher bey einander, doch nicht fo, daß fie 
‚fi 5 beruͤhrten an den eeſten Enden 


— — 


* 


Hben an dem Stengel zwiſchen dieſem und rund 
herum auf ihrem Grunde ſtand auch eine große Ans 
zahl kurzer und fehr Fleiner Stengel, die gleichfalls 
"mit einem Kopfe gefeönet waren. ‚Diefe Stengel 
‚ftiegen nicht höher, alg die zwey unterften Glieder 

‚der größern Strahlen, und ihre Köpfe: waren von 
- einer länglichten, efigten Figur und flunden aufge _ 
richtet... Die Stengel waren eben fo bläulicht-weiß, 
‘als der allgemeine Stengel, und mit derfelben durch» 
ſichtigen klebrichten Materie bedecket; die Köpfe 
aber waren blaßgelbe und trocken. Die wir unfere 
Beobachtung fortfegten boeſt einer von dieſen Koͤpfen 
mit Gewalt auf· Der ganze Umfang des Kopfes 
warb nunmehro von einer Wolfe eines ‚auffteigenden 
Staubes non derfelben gelbichten Farbe bedecket, ſo 
daß er nicht deutlich konnte geſehen werden. Indem wir 
dieſes bewunderten, folgte noch ein anderes Berſten 
von derſelben Art, wobey eine: friſche ——— 
1979 Stau 





128 Fortſetzung der microfcopifthen 
Stauberfolgte. Darauf kam noch ein anderes; und 
das gieng fo weiter: fort, ſo daß es in.einer Zeit von 
zwo Minuten, oder länger, nicht möglich war, etwas 
von bem Kopfe zu erfennen, und man Eonnte weiter 
nichts.fehen, denn daß er.in einer Wolfe von fo fei⸗ 
nem Staube N eher einem Kaus 
che, als einer Materie, die aus dichten — | 
ſtuͤnde, ähnlich fabe. A 
Als diefe Verwirrung vorbey war, Fonnten wir 
fehen, daß alle länglichte, winflichte Köpfe, die an 
den kürzern Stengeln faßen, nach einander, fo wie 
‚der erfte, geborften waren, und. daß ein jeder Derfel« 
ben beym Berſten eine Duantirät feines Staubes 
von ſich gegeben hätte. Der Staub felbft war nut. 
mehro theils herab gefallen, theils aber lag er auf 
den Kugeln, die an den Strahlen des Kopfes waren. 
Diefe waren nunmehro, an ſtatt, daß fie vorhin eine 
glarte Dberfläche zeigeten, über und über mit diefem 
Staube bedeckt, und die Elebrichte Materie, womit fie 
befeuchtet waren, machte, daß der. Staub an allen 
Theilen ihrer Oberfläche feſt ſitzen blieb. Dieſe Kuͤ⸗ 
gelchen ſahen nunmehro auch gelb aus. "Die kleinen 
winklichten Körper an den kurzen Stengeln hatten 
nunmehro ihre Geſtalt gaͤnzlich veraͤndert. Sie 
waren bis an den Grund an den Fugen ihrer verſchie· 
denen Ecken geborften, und machten nunmehro ein 
jeder die Figur eines regelmäßigen Sternes von acht 
Spitzen aus. Brei 
Aus dieſem Berichte erhellet deutlich, daß dieſer 
kleine Schwamm zu der Anzahl derer Pflanzen gehoͤ⸗ 
re, die männliche und weibliche Werkzeuge des Frucht- 
tragens, oder wie man gemeiniglidy zu reden pflegt, 
EIER maͤnn⸗ 


J 


m hi \ 
und phyſikaliſchen Beobachtungen 129 
maͤnnliche und weibliche Blumen haben, die an dieſer 
einzelnen. Pflange ganz unterſchiedlich zu bemerken 
ſind. Die Koͤpfe, welche auf den kurzen Stengeln 
ſtunden, waren augenſcheinlich die ‚Antberae; oder 
Apices, und die Stengel die StamminoDieſe mach⸗ 
ten alſo die ganze maͤnnliche Blume aus; denn hier 
iſt kein Kelch,/ noch Krone, oder des — zu ſehen. 
Als dieſe nun aufbrachen, ward ihr fruchtbar machen · 
des Mehl, in der Geſtalt des feinen Staubes, der 
einer Wolke von Rauch ähnlich war, Herausgelaffen; 
und hatte fih auf die Rügelhen der langern Strah⸗ 
len feſtgeſetzt, um das Werk Der Schwaͤngerung da⸗ 
durch zu vollziehen. In ſo fern kam alles mit der 
Natur und dem Endzwecke des Mehles in den groͤßern 
Pflanzen überein, allein daß die,Antherae in eine ſo 
regelmäßige Figur eines Sternes mit acht Ecken auf⸗ 
brachen, war eine ſonderbare Schoͤnheit, die ſich bey 
keiner Art der groͤßern Pflanzen findet. Denn in 
den ſchoͤnſten Blumen brechen die Aurkierae auf eine 
unbeftimmte Weite, und geben ihr Mehl; in einem . 
eben fo, woͤlkichten Staube von ſich, fiesnehmen aber 
nachgehends Feine-befondere Figur au: Diefe-aber 
werden, wenn fie das; gethan haben, wozu fie beſtimmet 
ſind, ‚Die ſchoͤnſten und anſehnlichſten Theile der 
"Pflanze, und ein jeder, der fie in ihrer erſten Geſtalt 
nicht geſehen ‚hätte, würde! fie. natürlicher Weile für 
ordentliche Blumen gehalten haben, die aus acht re 
lichten Blättern beftünden.. 
Die männlichen: Fortpflanzungstheite dieſer — 
Pflanje waren nunmehrd zur Genuͤge betrachtet wor⸗ 
den, und es blieb noch uͤbrig, auch die Beſchaffenheit 
hen weiblichen zu unterſuchen. Dieſe behielten noch 
43 Dandı x. - Ämmer 


130 Fortſetzung det mieroſcopiſchen 


immer ihre urfprüngliche Eugelförmige Geſtalt, ni 
wurden aber durch. den Staub, der aus den maͤnnli⸗ 
chen Blumen: auf fie gefallen war, und fie über und 
über bedeckte, ganz rauh. Wir brachten das aller« 
färffte Vergrößerungsglas dabey an, und zwar ein 
- weit ftärferes, als gemeiniglich bey dieſem Bergrößes 
rungsgeräche verfauft wird. Es war in der * 
von der erſten Groͤße der wilfonifeben-Gläfer, und 
furz, das ftärkfte einfache Vergrößerungswerfzeug, 
das die menſchliche Kunſt nur faͤhig geweſen iſt, zu⸗ 
wege zu bringen. “Die Area, die diefes Glas ein: 
nimmt, ift fo klein, und die gehörige Entfernung feines 
Foci iſt fo ſchwer zu treffen, daß es fich eben nicht mit 
großer Bequemlichkeit gebrauchen läßt; doch einer 
accuraten und geübten Hand falle nichts fo fchwer, 
oder fo unmöglich, als einer folchen, die in dergleichen 
Dingen niche ſo geuͤbt iftz und wiewohl das Geſicht 
dadurch ziemlich beſchwerlich iſt; ſo erſetzet doch die 
Staͤrke und Deutlichkeit alle Befehtwerlichkeiten. Es 
. vergrößert ganz erſtaunlich/ und zeiget alles mit einer 
ſolchen Richtigkeit, als wir noch niemals unter dem 
gedoppelten Vergroͤßerungsglaſe angetroffen haben, 
wo das Bild durch drey Glaͤſer gehen muß, ehe es zu 
dem Auge gelanget, und folglich niemals ſo accurat 
oder rein iſt, weil es durch die Unvollkommenheit aller 
dieſer Glaͤſer nicht gaͤnzlich richtig vorgeſtellet wird. 
Soo viel habe ich fuͤr noͤthig gehalten, von dem Nu⸗ 
gen der einfachen ſtarken Bergrößerungsgläfer bey 
den allergenaueften’Unterfuchungen zu fagen; denn 
ic) weiß, daß die Befchwerlichfeit, die mit dem Ges 
brauche derſelben verfnüpfet ift, verurfacher hat, daß fie 


unverdienter Weiſe i in eine fchlechte — geraden 
+ find, 


und phyſikaliſchen Beobachtungen. 13 
find, welche. Hintähfegung aber allen künftigen Untere 
fuchungen fehr nachtheilig feyn wird. Das Heels 


wenboefifche Microfeopium, und die Microfeopia 


aller andern. Autoren, die die kleinſten Dinge der Nas 
eur fo erftaunlich genau gefehen, und der Welt eine 
Begierde zur Unterfuchung derfelben eingeflößer has 
ben, find, wie wir vernommen, einfache Gläfer von 
diefer Arc geweſen. Faſt alle große Entdeckungen, 
dadurch diefes Inſtrument berühme geworden, find 
vermittelſt einfacher Glaͤſer gemacht. Dieſe ſind die 


‚eitzigen, durch deren Huͤlfe man den genauen Wegen 


der Natur in ihren Fleinften Werfen nachſpuͤren kann 
Es muͤſſen fih auch diejenigen, denen bloß der Ges 
brauch des Spieljeuges des gedoppelten Microfcopit 
befanne ift, nicht wundern, daß fie’ den Entdeckungen 
ſolcher Männer nicht folgen Eönnen, die fich der ein⸗ 
fachen Glaͤſer bedienet haben; auch müffen fie Leute 
feines Betrugs oder einer Ausſchweifung der Einbil⸗ 


dungskraft befchuldigen, die bey ihren Unterfuchungen 


ein Werkzeug gebrauchet, welches dasjenige, wodurch 
fie fich vergeblicher Weiſe bemühen, ihren Fußſtapfen 
folgen, am wirklichen Werthe fo fehr übertrifft: 
a8. doppelte Microſcopium ift ein Inſtrument für 
diejenigen, die ſich an den Bergrößerungskräften bei 
luſtigen wollen ; dieſes aber müffen diejenigen Fennen 
und gebrauchen, die wirkliche Entdeckungen zu ınde 
chen millens find. Die Verſchiedenheit des Lichts, 
fo bey dem. Gebrauche der gedoppelten Vergroͤße⸗ 
rungsalaͤſer auf die Objecte fällt, giebt den Dingen 
öfe ein fo verfchiedenes Anfehen, daß daffelbe Ding 
kaum daſſelbe u ſeyn fcheint. Bey dem ’einfachen 
BE ifE das Geſicht zwar dunkel, doch 
J2 gewiß; 


132 Fortſetung der microſcopiſchen mi 


gewiß; ‚es iſt allezeit daſſelbe, und wiewohl ein Auge,; 
das nicht dazu gewoͤhnet iſt, kaum weiß, was es aus 
einem Objecte machen foll, fo-fehlet es doch einem ges 
übten *Bemerfer niemals, alles mit einer zureichenden . 
Deutlichkeit, und fo richtig und. accurat zu fehen,daß : 
es ihn vergnügen muß. Ich hoffe, Die Bemerfun« 
gen, die in diefen verfchiedenen Berfuchen befannt ges 
macht find, werden von vielen mwiederholet werden. 
Ich felbft Habe ſie ſo oft wiederholet, daß ich feſt über. 
zeuget bin, daß ein jeder Theil derſelben ganz genau 
und richtig ſey; und ich wollte gern ein Werkzeug 
anpreiſen, welches itzo zwar wenig gebrauchet wird, 
das doc) aber, weil ich fo vieles Damit entdecket habe, 
muß gebrauchee werden, wenn man mir mit, einiger, 
Hoffnung eines glücklichen Ausganges folgen will. 
. Die Wahrheit Diefer Anmerkung von dem verſchie⸗ 
denen Nutzen des einfachen und geboppelten Ders 
größerungsglafes Fann fich nicht deutlicher zeigen, als 
bey der. gegenmärtigen Unterfuchung. Als das. gen 
Doppelte Bergrößerungsglas. mit, allen feinen Vor⸗ 
theilen und mit allen feinen Kräften. gebraucher ward, 
fonnte es doch von den weiblichen Sortpflanzungs« 
werfzeugen dieſes Fleinen Schwammes en 
jeigen, als daß Die verſchiedenen ee able, len 
von Kugelchen wären, die durch keinen Stengel, oder 
durch Feine Haut mit einander, verfnüpft wurden, fon. 
dern bloß vermittelit einer Fiebrichten Materie, womit 
fie, bedeckt waren, an einander, hiengen. Ben der 
genauejten Betrachtung, Die vermittelft Diefes, In— 
ruments gefchab, zeigete ſich auf ihrer Dberfläche, fo 
kange fe lo mar, weite nichts, al, eine eniscnige 
Bedeckung von einer gebt, (heinenben RE 










“ * 


I 
5, 
u 


und phyſikaliſchen Beobachtungen, 33° 
und als fü e mit dem Staube des Mehles bedeckt war, 
ſah man nichts mehr, als eine unbefchreibliche Menge 
ovaler Körper, oder Körngen diefes Mehles, die eine 

piße Figur Haben, welche über jeden Theil der Ober⸗ 

flaͤche ohne Ordnung ausgeſtreuet waren. 

Als hingegen ein Kuͤgelchen von einem der Strah⸗ 
len eines andern Kopfes durch das einfache Vergroͤſ⸗ 
ſerungsglas betrachtet ward, ſo entdeckte ſich ein neuer 
Schauplatz der ——— Dieſes Kuͤgelchen 
war von einer der Pflanzen genommen, deren Anthe- 
rae noch nicht geborffen waren, und es war fofgtich | 
noch i in feinem urfprünglichen Zuftande, und mit dem 
Staube diefer Körperchen noch nicht bedecket. Die 
Oberflaͤche, die bey allen vorigen Bemerkungen glatt 
und einfoͤrmig geſchienen hatte, zeigete nunmehro eine 
große Anzahl unordentlicher Erhoͤhungen. Als dieſe 
genau unterſuchet wurden, ſo ſchien eine jede davon 
von einer dreywinklichten F Figur zu ſeyn. Sie waren 
nur ſehr wenig über die Oberflaͤche erhaben, und wa⸗ 
ren von der klebrichten Materie, die die ganze Flaͤche 
umgab, auf eine folche Art bedecket, daß es unmoͤglich 
mar, wenn fie nicht fo. genau, als von uns gefchah, 
beobachtet wurden, gewahr zu werden, Daß fie über die 
übrige Fläche hervorrageten. 

In der Mitte einer jeden von dieſen winklichten 
Erhöhungen fund ein Körper, der die Figur eines 
Segments von einer Kugel hatte, und wovon ich bes 
merfen Eonnte, daß in der Außern Fläche deffelben eine 

- große, Menge gücher waren. Dieß war alles, was 
fih in dem-gegenroärtigen Zuflande des Hbjects zei⸗ 
gete. Da wir aber gewiß überzeugt waren, daß dieſe 
— der weibliche Fortpflanzungetheit dieſes 

J3 Se 


MR — 


ung der meroltobiſchen 


2 





134 Fortſt 
Gewaͤchſes waren; * war es gar nicht ſchwer, zue ent⸗ 
decken, daß dieſe — zu den Zellen des Koͤr⸗ 
— worinn der Saamen Kas —— 


Ir 


‚Hs mir eines von RR Aigle di mie eg bh | 
der Schwaͤngerung beſchaffen war, zur Genuͤge unter⸗ 
ſuchet hatten, ſo waͤhleten wir. ein ſehr ſchoͤnes von 
denen, die mit dem Mehle ven den geborſtenen An- 
theris eines andern Kopfes bedeft war. Bey. der 
Betrachtung deflelben durch unfer Vergrößerungsalas 
anden wir, daß dag Mehl, fo Elein die Theilhen 
deſſelben auch waren, aus kleinen Koͤrnchen beftund, 
die eine volllommene ovale Figur hatten. Ihre Farbe 
"war braun, und fiel einigermaßen ing Gelbe, und die 
Oberfläche derfelben war runzlicht, oder gewiſſermaßen 
netzfoͤrmig. Wiewohl diefe KRörnchen über jeden 
Theil der Dberfläche des Kügelchens zerftreuet lagen, 
fo Fonnten wir Doch fehen, da fie an einigen Dertern 
Dicker waren, ale an andern. An einigen Stellen 
lagen fie in der That wie eine Art von Eleinen Hügeln, 
und als wir es genauer unterfuchten, fo fanden wir, 
daß folches allezeit über einer von dieſen dreyeckichten 
Erhöhungen war, oder um mich anders auszubrücen, 
daß die Stigmara der Frucht allezeit unter einem Haus 
fen von diefem Meble verborgen lagen. 

Was für einer Kraft es zuzufchreiben war, daß 
die Kuͤgelchen von dieſer feinen Materie ſich eben an 
ber Stelle fo ſehr gehaͤufet hatten, die für ihre Wir- 
fung eigentlich) beftimmt war, ſolches ſcheint eben " 


und phyſikaliſchen Beobachtungen. 135 


ſo leicht zu beſtimmen zu ſeyn; die Sache ſelbſt aber 
zeigte ſich ganz deutlich, und der Endzweck war eben 
ſo augenſcheinlich. Die Abſicht der Natur war, daß 
dieſe ſchwaͤngernde Materie, oder. vielleicht eine noch 
einere Subſtanz, die aus diefen berſtenden Kuͤgelchen 
ausgieng, einen Weg-zu ben Hoͤhlungen finden 
llte wo der Saame lag, und dieſe Kuͤgelchen wa⸗ 
ren in großer Menge über den — gchaͤufet 
die dahin fuͤhreten. | 
aa BEBITEE, 
Die Impraͤgnation der * Anfänge des Em: 
bryo in, den. weiblichen. Gefchöpfen, beydes unter den 
Thieren und Pflanzen, feheint zu der Zahl derjenigen 
Geheimniffe der Natur zu gehören, die ung ganz uns 
erforfchlic) find, und durch Subftanzen (ausgerichtet 
zu werden, die gar. zu fein find, und fich unferer Nach» 
forfhung gänzlichientziehen. Es hat ſehr lange ger 
mwähret, ehe die Welt die Theile der Blumen, die zu 
dieſem Endzwecke dienen, hat fennen gelernet. Das 
Piftillum , welches das weibliche, und dieStamina und 
Antherae,-fo die männlichen Werkzeuge find, welche 
beyde ſich an den meiſten Blumen ganz deutlich zei⸗ 
gen, wurden fuͤr bloße Ueberfluͤßigkeiten der Natur, 
und für Ausmachfungen gehalten, die feinen andern 


—J die —— ae der en 
find, amd. daß die ganze Blume, nebit allen ihren 
bunten Blättern und Farben, bloß zu einer Unter 
flügung und Vertheidigung derfelben beftimme fey. 


— re 





ws Fortſehhing der mltoſcbbiſchen 


Es war nicht ſo bald entdecket, „daß * verſchie⸗ 


—* Theile mit den Zen igungewerk zeugen der Thies 
re übereinftinmren 5 s ward auch ſchon, (wie denn 
Leute von einer lebhaſten Einbildungskraft ben Den 
erſten Anfange einer Entdeckung ſchon en 
vollkommenes zu haben’ glauben/) behauptet / da 

die vorhin beſchriebenen Loͤcherchen beſtimmet waͤren, 
die kleinen Kuͤgelchen des · Mehls einzunehmen / und 
daß dieſe Kuͤgelchen die eigentliche ſchwaͤngernde Mas 
terie wären, welche zu dem inwendigen Saamen ges 
brache wurder Die Entdeckung, daß die Antherae 
hohle Koͤrper waren/ und daß zu gehoͤrigen Zei⸗ 
ten aufbrachen und diefeg Mehl heraus ließen/ ward 
für einen hinlaͤnglichen Beweis davon gehalten, Al⸗ 
lein die Freude uͤber dieſe Entdeckung ſchien vergeb⸗ 
lich zu ſeyn; denn ſo ſubtil auch die Theilchen des 
Mehls fetöft von den größten, Pflanzen: dem bloßen 
Auge zu feyn fcheinen, fo zeiget ſich do‘, wenn ‚fie 
durch das Vorgrößerungsglas unterſuchet, und mit 
den Loͤcherchen, wodurch fie ‚gehen follen‘, verglichen 


werden, daß fie biel zu groß für: dieſelben find, .wie 


denn auch die Deffnungen einiger dieſer weiblichen 
Werkzeuge nicht anders, als’ durch: das Vergroͤße⸗ 
zungeglas fünnen geſehen werden. wi 


Man bat gefunden ‚ daß: eben bieſ⸗ Theilchen des 


Mehls, ſo klein als fie auch feheinen , nichts’ anders 


"als Capfeln find, die eine noch unendlic, feinere Ma⸗ 
terie enthalten, fo in Geftalt eines’ Dampfes aus den 


Deffnungen derfelben heraus geht, wenn fee, ing 
Waſſer geleget werden , als worin fie ‚berften. ‚Die 


Materie, die aus diefen Theitchen einiger und wahre 
—— Weiſe aller Pflanzen — y: — 


und phoſtkaliſchen Beobachtungen. 137 
ſehr fen, daß eine Glaͤſer ſtark genug geweſen find, 


die beſondern Theilchen, woraus fie beftehen, zu ent» 


_ 


decken. Dieſe Materie kann nun freylich fein genug 
fenn, in die kleinſten Oeffnungen zu dringen, die eben 
fo unmerklich ſind, "ats die ſubtilen Theilchen dieſer 
Materie felbft, und ſolchergeſtalt den inwendigen 
Saamen ſchwaͤngern. Dieß ſcheint ein ‚vernünftiges 
Syſtem der Schwaͤngerung zu ſeyn, fo weit als es 

und nach demſelben kann die dichtfehelnende 
Beſchaffenheit der’ Stigimatun ‚einiger ——— eb 
nesweges zum Einwurfe dienen. 


In dem gegenwaͤrtigen Falle waren die Sen | 


gen, ob fie gleich‘ durch die ſtarken Vergroͤßerun 3. 
glaͤſer zu fehen waren, doch kaum den vierzii ent 


Theil ſo groß als die Kügelchen des Mehls, diein Haus 


fen darüber lagen. Es ift Außerft ungereimt, an zu⸗ 
nehmen, daß eine Saugungsfraft; wovon man hat 
vorgeben wollen, daß dadurch dieſe Sache ausgerich⸗ 
tet wuͤrde, oder daß eine andere mechaniſche wirken⸗ 


de Urſache die Kraft haben follte, zu machen, daß fo 


größe Körper in fo kleine Höhlungen hinein kommen 
fönnten. Nimmt man aber an, daß die Kügelchen, 
wovon bier die Rede ift, mit den Kuͤgelchen des 
Mehls der großern Pflanzen einerley Beſchaffenheit 
haben, und daß ſie ſelbſt nur bloße Behaͤltniſſe einer 


8 fubtiten Materie find, fo ift der Proceß i in fo fern deut⸗ 


lich, daß, da fie haufenweiſe über die Stigmata der 
weiblichen Werkzeuge, und alle um die Seffiningen 
derſelben herum liegen, die ſubtile Materie, womit 
fie angefüllee find, wenn fie berſten und diefelbe her» 
aus taffen ; in die Deffnunden‘ falten müffe, die dazu 
dienen, diefe Maserie zu dem noch unbefchwängerten 
ee ! J 5 v Saas 


38 Fortſetzung der mierofeopifihen.: 
Saamen zu führen ‚: da: fie denn. ohne wunderthärige 
Kraft z zu dem Orte bingebracht werden, wo fie £ dass 
jenige ausrichten, mozu fie. beftimme ſind. 

‚So ftelle. ich ‚mir ‚überhaupt .dem; Lauf der Natur 
beh der Fruchtbarmachung dieſer kleinen Pflanze vor. 

ie Frucht, oder ‚die. Capſel, welche den Saamen 
enthält, ſteht nur, in einer kleinen Entfernung von 
den Antheri is oder Eapfeln, welche. das ſchwaͤngernde 
Mehl enthalten, ; Es finden ſich Deffnungen, welche 
bie inwendigen Theilchen der Mehlkuͤgelchen zudem 
noch ungeſchwaͤngerten Saamen hinab fuͤhren, und 
—* klebrichte Materie, welche einen jeden Theil des 

iblichen Kuͤgelchens, inſonderheit aber die Stigma- 
— bedecket, dienet die Mehlkuͤgelchen, die, wenn die 
Antherae berſten heraus kommen, ſo lange feſt zu 
halten, bis ſie felbft gleichfalls berften , und ihre in ⸗ 
nerlichen Theilchen ‚recht, über die Muͤndungen aus ⸗ 
ſchuͤtten, welche die; Theilchen zu dem. inenbigen 
Saamen zu führen beftinmet ſind · 

Hier findet ſich ein eben ſo vollkommenes und — 2 
Fiches. Zubehör, als irgend in einer geößern Pflanze, 
und wir, haben nur Werkzeuge nöthig, es zu fehen, 
um Ehrerbiethung dafuͤr zu haben, und es zu bewun⸗ 
dern. Das Vergroͤßerungsglas thut in der That in 
Anſehung unſerer Begriffe nichts geringers, denn 
daß es neue Welten hervorbringt, und unſerer Bes 
trachtung neue Reihen von Weſen darleget. 

Als wie in fo ferne der. Natur: in Anfehung. der 
Eincichtung der Theile diefer Pflanze und des Ge⸗ 
brauches derfelben zu ihrer Fortpflanzung. nachge · 
püßrer batten, fo wid meten wir EEE | 

PER ante Wire 


Mn Me 


OR 
* 


und phoſitaliſchen Beobachtungen. 139 


Wirkung alles diefes fhönen und. ordentlichen Zube« 


\ 


börs auch noch einige Stunden. Zu diefem End» 
zwecke bedienten wir ung. des Bergrößerungsglafes, 
an welchem ein bewegliches Gelenk angebracht war, 
durch deſſen Hülfe wir die Pflanze. zuerſt betrachtet 


lee und wodurd wir nunmehro vermittelſt eines 


ftärkeren DBergrößerungsglafes der Frucht von der 


Schmwängerung an bis zur Hervorbrinaung der.neuen 
Pflanze nachzufpüren entfchloffen waren. Ein ‚fol 


ches Unternehmen. würde bey; der. gemeinen Art von 


Pflanzen, deren Wachsthum viel langſamer von.ftats 
ten ‚geht, und. deren erftes Hervorbrechen unter der 


‚Erde gefchieht, fo wohl ſchwer, als. auch höchft lang» 


weilig gewefen feyn 5: bier aber. hatten wir Gelegen 


heit, folches an einer Pflanze zu thun, deren ganze 


Zeit ihres Dafenns von dem Embryone in dem Sag» 
men an, bis zu der abfallenden Pflanze, die ihre Wir⸗ 
fung gethan hatte, nur einige wenige, Stunden wäh» 
rete, und deren erſtes Hervorſchießen in freyer 
Luft, und auf ‚der Fläche einer flüßigen Materie ge: 


nahe. —* 
Die legte Unterſuchung, die wir mit einem einzelnen 


Kügelchen oder einer Capſel vornahmen, die von ei- 
nem der reifenden Strahlen genommen: war, zeigte 
ung, daß die Stigmata derfelben vier und zwanzig an 


der Zahl waren, "und in gleichen Entfernungen von 
> einander ftunden ; ingleichen, daß die Capfel, da fie 
‚gebrochen war, eben fo viele Behältniffe oder beſon⸗ 


dere Zellen für den Saamen hätte, wiervohl ſich die⸗ 


ſes kaum mit einigem Grade der Gewißheit beftim« 


men ließ. Bon diefer legten abgefonderten Bemer⸗ 
fung wandren wir unfere Unterſuchung auf: eine fehr 
gut 





| auf biuhende Pflanze i in ib vörnfinen Zuffans 

de Auf der Oberfläche des Waſſers. Ihre Anthe- 
rae waren bereits eine Zeitlang Heböen gervefen, 
und die Kuͤgelchen woraus Die verſchiedenen — 
len beſtunden waren folglich mit dem Pulver bede⸗ 
cket/ ſo aus biefen Koͤrpern herausgelaſſen war. Es 
wahrete nicht lange, ſo ſahen wir das äußerfte Kür 
gelchen eines der Strahlen, ohne einige außerliche 
Gewalt, oder andere ſichtbare Veranlaſſung abfallen, 
und auf: der Oberflaͤche des Waſſers ſchwimmen. 
Das aͤußerſte Kügelchen eines andern Strahls fiel 
aud) gar bald ab, wie der erfte, und da auch die uͤbri⸗ 
gen diefem Erempel folgten, fo ward der ganze Kopf 
ordentlicher Weiſe in einen Pleinern Umfang. einge⸗ 
ſchraͤnket. Nach einigen Augenblicken, worinn faft 
nichts weiter vorgieng, fiel eine andere Reihe von 
Kügelchen, eben fo, wie die erfte ab, und endlich fies 
Ien fie alfe auf diefelbe regelmäßige Weife, nach einte 
gen Zwifchenzeiten ab, der Kopf ward alfo je länger, 
je kleiner, bis endlich nichts mehr an demfelben ibrig 
blieb, als die geöffneten Afıtherae, ohne ihrem Mehle 
An: det Spitze des Stengels. " 

Da indeffen die Pflanze in dieſem Zuſtande für 
eine ganz verfehiedene Art hätte mögen angefehen 
werden, ſchwommen die Kuͤgelchen, Die allmaͤhlich 
von den Strahlen des Haupts abgefallen waren, in 
Menge auf der Flaͤche des Waſſers. Der groͤßte 
Theil derfelben fügte ſich zu den Seiten der Rinde, 
oder des Kuchens von Pflanzen von derfelben Art. 
Einige von den andern borften vor unfern Augen, 
und gaben ihren Saamen hervor. Die trübe Ber. 
ſchaffenhet des darunter befindlichen BEN: hin⸗ 

derte 


und phyſikaliſchen Beobachtungen. rar 


| derte uns, die Wirkung der Natur ſo genau zu ſehen, 
als ‚wir, es wuͤnſchten, wir nahmen unſere Zuflucht 
daher wiederum zu. dem gedoppelten: Microſcopio 
und. dem. concaven Glaſe, worinn wir vorhin Die 
wachfende Pflanze gefehen hatten u ©; 
Dieſes fuͤlleten wir mit dem klareſten Waſſer, und 
—*5 eine Quantitaͤt reifer Koͤpfe der Pflanzen 
aus unſerm Topfe daruͤber, da wir denn die Oberflaͤ⸗ 
che des Waſſers mit Kuͤgelchen bedeckt funden. Wie 
hielten beſtaͤndig die Augen darüber, bis fie anfien⸗ 
gen zu. berſten. Hier funden; wir, daß die.gar zu 
gehäufte Anzahl nur Verwirrung: verurſachen wiirde, 
wir. fonderten daher. den größten Theil davon ab, 
thaten wieder. feilches Waſſer hinzu, ‚und. behielten 
zuletzt einige wenige in einem guten Zuftande; ‚bie 
von andern nicht gehindert wurden, und mit Bes 
quemlichkeit konnten bemerfet werden. ‚Hier gelang» 
ten wir zu derjenigen Entdeckung, ‚Die uns den gan⸗ 
zen Fortgang der Vegetation vollkommen deustich 
machte. Wir hatten. derſelben von ihrer erſten Er⸗ 
ſcheinung in der Geſtalt einer ſchlechten Rinde, bis 
zu dem Reifwerden des Saamens nac)gefpühret, 
Es blieb alfo. nur noch übrig, Die. Luͤcke zwifchen dem 
Zuftande des reifen Saamens und. der Erfcheinung 
biefer Rinde auszufüllen, und, dieſes zu thun hatten 
wir nunmehro — und — Gele. 
arbeit. . 2 
Es borſt gar bald ein Kügelchen.o ‚vor unden; Au⸗ 
den und wir ſahen einige wenige Saamentdener aus 
demfeiben heraus kommen, Nach einigen Augen: 
blicken fielen immer mehr und mehr heraus, bis i 
xzer Zeit Die, ganze Flaͤche des Waſſers damit 
nee decket 


292 Fortſetzung der microſcopiſchen 
decket war." ‚She waren vollfommen rund, und von 
einer weißen Farbe, Die Anzahl derfelben: mar ſo 
groß, daß es unbegreiflich ſchien warum ſich dieſe 
lange nicht auf eine erſtaunliche Weiſe vermehrete! 
So kam es uns zwar vor, die wir diefe Kuͤgelchen 
in dem Zuſtande, worinn wir ſie geſetzet hatten, un 
in welchen ſie ſich außerhalb des gewoͤhnlichen We 
ges der Natur befunden, betrachteten ; allein da die⸗ 
fe vorfichtige Haushälterinn für alle ihre Werke au 
das’ befte, bequemſte und vollkommenſie ſorget, fo i 
fein Zweifel, Daß nicht auch diefer fehr große Webers 
fluß von Sadmen in ihrer allgemeinen Haushaltung 
feinen Nutzen haben muͤſſe; und da fie das Waffer 
ſchon vorher mit Millionen gefräßiger Thiere bevöl 
kert hat, fo ift es wahrfcheinlich, daß diefer Saamen 
denfelben zur Nahrung beftimme ſey. Ju diefem 
unnatürlichen Zuftande war die Oberfläche eines in 
Bergleichung mit der Frucht ziemlich geraumen Um» 
fanges von Waffer von diefem einzigen Kuͤgelchen 
dermaßen mit Saamenkoͤrnern bedecket, daß wir uns 
genoͤthiget ſahen, uns zu deſto befferer Betrachtung. 
mehreren Platz zu machen. Wir goſſen etwas von 
dem Wafler weg, und ehaten frifches art deffen Stel. 
le, bis-von der urfprünglichen Zahl der Saamenföre 
ner nicht mehr denn ungefäßt zwölf — blieben. 


Wir — op eine Stunde mit der Betach⸗ 
tung dieſer Koͤrner zu, allein es fiel waͤhrend dieſer 
Zeit nichts veraͤnderliches damit vor. Sie ſchwom⸗ 
men in dem Waſſer fo aufs gerathe wohl herum, 
oder fegten ſich an die Seiten des Glafes, Wir 


OR durch einen Zufall etwa eine Stunde lang 
von 


amd phyſtlallſthen Beobachtungen, 143 


vor unfrer Betrachtung abgehalten, als wir aber 
nach Verlauf derſelben wieder kamen, funden wir 
eine fehr merfwürdige Veränderung. Zwey oder 
drey von den Körnchen haften angefangen zu ſchieſ⸗ 
‚fen, und die übrigen, die vorhin Feine Veränderung 
‚gelitten hatten, waren: nunmehro zweymal fo groß 
aufgefchmwollen ‚als fie vorhin gewefen. Es währes 
te nicht lange, ſo fahen wir das Hervorfchiegen an 
verfchiedenen von ihnen wiederholen, es geſchahe fol- 
ches auf eine fimple und bey allen BI eine — 


men gleiche Weiſe. st 


Das Saamenforn brach an einer Seite; in einer 
mic der. Dberfläche des Waſſers gleichen Höhe auf) 
allwo fich eine tänglichte Erhöhung zeigte. Dieſe 
verbreitete ſich, ohne ihre Geſtalt zu veraͤndern, bis 
ſie ungefaͤhr viermal ſo groß war, als das Saamen⸗ 
korn, und da fieng ſie allmaͤhlich an, fich vollends zu 
verbreiten und zu entwickeln. ¶ Dieſes Hervorgeſchoſ⸗ 
ſene nahm nunmehro einen ſolchen Raum ein, daß 
der Körper des Saamenforns dagegen ganz geringe 
war, und weil die Verbreitung in einer zirfelförmts 
aen Figur gefchahe, fo ward d aamenforn das 
durch ganz eingeſchloſſen, und dem Geſichte entzogen; 
wiewohl es endlich gar genau den Mittelpunct des 
ganzen Körpers muß —— — ER 

Wir ſahen — andere von den — 
tdenemn auf gleiche Weiſe hervorſchießen und ſich in 
eine eben fo runde Figur verbreiten. Solchergeſtalt 
ward die flache Rinde gebilder, die wir zuerſt Bender 
— der Pflanze auf der Flaͤche der u | 

lichen 


144 Fortſetzung der mierofeopifchen 
lichen Fluͤßigkeit bemerket hatten, und ſolchergeſtalt 
hatten wir der Vegetation durch ihren ganzen Lauf 
nachgeſpuͤhret. Es iſt ſonderbar, daß die Grundla⸗ 
ge der Stengel, welche die Köpfe in dem vollkom⸗ 

menen Zuſtande der Pflanze tragen, ſchon in der. Plan- 
tula ſeminali da zu feymfcheint, «und foıgar, wenn fie 
noch in dem Körper des Saamenförnchens iſt. Wir 
fpürten denenfelben „fo weit als moͤglich, nach, und 
es fehlte uns niemals, ſie ganz Deuclich, und zwar 
in: einiger Erhöhung, über die Oberflaͤche, ſelbſt 
"bey der erfien Entwicelung des Hervorſchießens, zu 
fehen. | MER F 
Solchergeſtalt ſindet ſich und lebet eine Pflanze, 
die, fo viel wir noch wiſſen, bloß auf der Oberflaͤche 
einer beſondern Fluͤßigkeit hervorgebracht wird, wel⸗ 
che letztere aus einen kuͤnſtlichen Infuſion des: Saas 
mens einer Pflanze entſtanden iſt. Sie wandert 
alſo/ gleich dem Ephemeron unter den Thieren, 
den ganzen Lauf ihres Lebens in einem Tage herdurch, 
ind bringe junge Pflanzen hervor, die ihr ſelbſt aͤhn⸗ 
lich find, und die zum Theil einem Inſekte zur Nahe 
rung dienen, das, wenn es auch noch viele hunderte 
male größer waͤt als. es wirklich iſt, dennoch von 
dem bloßen Auge nicht wuͤrde koͤnnen geſehen wer⸗ 
den. Und ſolchergeſtalt zeiget das Microſcopium in 
dieſer Pflanze eine ſolche Ordnung der Werkzeuge, 
welche der Ordnung der allervollkommenſten Pflanzen, 
wie wir ſie nennen, voͤllig gleich und in den kleinen 
Thierchen einen ſolchen Gliederbau und ſolche Werk ⸗ 
euge zur Bewegung und: zus, Genießung der Nah⸗ 
g, dergleichen unter allen groͤßern Werken der Na⸗ 
ur kaum zu finden iſh un ah ud ana 
nacht! | Der 









Der achte Verſuch 


Bon einen Inſekte das auf den vom — 
god beſchadigten Zweigen von Fruchtbaͤumen 
lee „gefunden worden . 
iun 


ar Die Gefundgeit einer mir fehr — Paſen 
noͤthigte mich, viele Jahre nach einander, mich in 
dem angehenden Fruͤhlinge außerhalb des Dampfes 
von London aufzuhalten. Ich wohnte bey dieſer 
Gelegenheit in einem Theile von Chelſea, wo ein 
kleiner Garten hinter dem Hauſe war, in welchem 
viele Baͤume ſtunden, die aber ſeiten Frucht brachten 
Die allgemeine Krankheit dieſer Baͤume war das, 
was man Mehlthau nennet, und dieſer Strich ent⸗ 
gieng der gedachten Beſchwerung nur ſehr ſelten. 
Wenn andere Gegenden nur einigermaßen litten, ſo 
waren diefe Bäume ganz. und gar unftuchtbar, und, 
bey vortheilhafterern Jahreszeiten fragen fie Be 
nur ſehr wenig. 


Die Gelegenheit, die ich allhier a, kägtige 
— anzuſtellen, bewegte mich, der Beſchaf⸗ 
fenheit dieſer Baumkrankheit nachzuforſchen, und Die 
Bemerkungen, welche ich uͤber die Baͤume in dem 
Striche, wo ich mich eigentlich aufhielt, anftellete, 
feitete mich auch zur Unterſuchung derer, Die in glück. 
fihern Gegenden lagen. Sch bin durch die Folge 
dieſer Bemerkungen dahin gebracht worden, von die⸗ 
| 4J Sache ganz anders zu denken, als ſonſt gemeinige 
fich geſchieht; meine befondere Meynung hat aber 
nicht bloß meine Bemerkung, fondern die Vernunft 
ſelbſt gi Unterftügung. Die * durchgehends an⸗ 


* ade and, genom« 





genommene u ‚von, dieſe mn Unglügte ift, daß 

fie von gewi fekten herrühre, wovon man glau⸗ 
bet, daß fie, durch befondere. Winde) zu den Baͤumen 
gebracht werden; allein dieß iſt ade nur eine unna⸗ 
tuͤrliche Beltimmung, „die von ‚Bemerkungen und 
Verſuchen nicht unterftüßet wird, fendern wir werden 
auch von einer Unterſuchung dadurch abgehalten, die 
bie ganze Sache nad) dem Syſtem einer weit beffert 
Phitofophie, und durch) Die Unrerftügung einer Aehn · 
lichkeit mit allem übrigen gewöhnlichen aaftes Der 
Natur haͤtte erklären können, 

Es iſt gar wohl befannt, daß ſowohl hieriſche 
Subitangen, als auch Pflanjei, ‚wenn fie ſich ihren 
Verfalle nähern, auf einmal ein Neſt und eine Vor⸗ 
rathekammer für Inſekten mancherley Art werden, 
die, da fie noch in ihrem ‚gefunden Zuftande waren, 
weder Wohnung noch Unterhalt in ihnen finden konn · 
ten. Wir fehen auch), daß Feine von diefen, ſo frey 
fie auch während ihres gefunden Zuftandes von Ans 
feften feyn mögen, niemals, weder zufälliger Weiſe, 
noch auch durch unſere eigene Befoͤrderung in den Zu⸗ 
ſtand gerathen, der zur Unterhaltung ſolcher Inſekten 
geſchickt ift; ſondern die Natur ſelbſt bevoͤlkert fie au⸗ 
genblicklich mit Tauſenden derſelben, wiewohl es uns 
unmöglich iſt, zu vermuthen, woher fie kommen. 
Man lege nur ein Stuͤcklein einer ‚thierifchen Sub» 
tan; der $uft bloß, man verfiße nur einen Theil von 
einer Pflanze, oder laſſe ſolchen auf andere Weiſe i in 
Faͤulung gerathen, man tauche nut ein Saamenkorn 
in Waſſer, oder lege ein Blatt dem Thaue ‚bloß, fo 
verfchaffee der, veranderte Zuſtand dieſer Dinge ‚einer. 

oder der ‚andern, Art von oe Some elek 


Nah⸗ 


und phyſikaliſchen Beobachtungen, 147 
Nahrung; auch find ſie nich fo bald in einen ſolchen 
— — da ſich ſchon Thiere in Menge dar⸗ 
auf finden, die nur bloß davon ihren Unterhalt Haben 
fönnen. So lange das Fleiſch noch auf dem Körper 
des Thieres geblieben war, fo lange das Blatt, der 

engel oder der Saame noch mit der Pflanze vera 
knuͤpft war, und entweder Nahrung von der Wurzel 
oder dent Umlaufe der Säfte erhielt, Fonnte feine 
Creatur von einer folchen fehmarogerifchen Art Zutritt 
‚zu ihnen befommen. ERBEN Seh N, 

Wir fönnen aber die Aehnlichkeit fortſetzen; denn 
es ift Feine beffere Arc zu urtheilen, wenn. die unmit⸗ 
telbaren Urſachen und Mittel vor ung verborgen find; 
gleichwie fid) in dem Fleiſche eines Thieres, fo noch 
mit demfelben vereiniget, das aber durch einen Zufall 
in Faͤulung gerathen ift, eben fo gewiß Inſekten fin« 
den werden, als wenn es von dem Thiere abgeſondert 
wäre, eben fo haben mir auch) Feine Urſache zu zwei⸗ 
fein, daß nicht ein veränderter Zuftand ‘der Fluͤßig⸗ 
keiten, entweder eine Fäulung, oder etwas fo der Fau⸗ 
lung nahe koͤmmt, eines Ziveiges, der an einem Baus, 
me bleibt, eben fo wohl Inſekten zu einem Aufenthalte 
und zur Nahrung dienen fönne, als eines ſolchen Zwei⸗ 
ges, der von dem Baume abgefondert if, — 

“ Diefes find die Grundfäge, worauf ich das neue Spa 
ſtem von dem, was wir den Mehlthau an unfern Fruchte 
bäumen nennen, zu gründen willens bin. Ich halte das“ 
für, daß man die Urfache davon überfehen, und die Wir⸗ 
füng mit derfelben vermifchet, oder für diefelbe anges 
nommen habe. Die Menge der Inſekten, die auf den 
Blättern und Zweigen der von Mehlthau beſchaͤdigten 
Bäume gefunden werden, balkınaa gemeiniglichfürdie 

Ya J Ur⸗ 


a. 


148: Sortfegung der mieroſcopiſ 


Urſache, daß die Zweige zu gewiſſen eiten in Qn fatt 4 

rathen, und d — 7 — — verde rar h ein u 

gegen durch wiederholte Berfuche übergeuget daß die, 

Sefüeinung diefer — auf die Beſchadguns der 
Daume erſt erfolge 


Sch habe. bemerket, da die Säfte der Shiere und, 





| ai, fo. fange fie in ihrem geſunden Zuſtande ſi ind, 


und in ihren ‚gehörigen Canälen herumlaufen, für eine, 
Menge Inſekten feinesweges zur Nahrung dienlich 
ſi nd, denen fie Doch, fo bald ſich ihr Zuſtand veraͤn⸗ 
dert, bochſtapgemehin ‚geworden, ungeachtet fie dieſel⸗ 
ven Nu niemals Beh ‚Eine den, Pad 


eine. 5 ea Pen fen, {eh ‚Säfte Au. einer. 
Nahrung, ‚für Inſekten zu machen; ;. eine Naͤherung 
zur Fäulung, das ift, eine Stodung kann blches ſchon 
ARE Es, wird, nicht, mehr als eine zufällige: 

— ag nat ab ober, Künflich, fen, erfor 
dert, eine ockung in den Saͤften eines janzen Baus. 
mes ober in einem. befondern Zweige deſſelben zu vers, 
urfachen, und alsdenn. kann man ſehen, daß ‚er im 

tande fey, ı eine Menge von Thieren, —— 

ihren Unterhalt vorhin nicht ‚auf, demſelben finden 
nahen. Und wir,haben vorhin ai — 55 Ep, 
— schen, Bob. Baum Whale, 
Zuftand geſetzt fey, dieſe Ereaturen, folcher elle t zu 
unterhalten, da ſich ſchon T uſende auf — 


‚zeigen, ob wir gleich “AR wiſſen, wie, warum und 


Bi woher? are 


IRRE — VV——— Mr Ma RL LC BRETT ei 
—— 3 Da 
sh % Pi; ’ y. x f 
% 


and vhoſttaltſchen SOON i49 


Daß biele, PBwohl natürliche als Einfttiche Zufaͤll 
ind, welche dem ordenttichen und frenen Fluſſe d 
Säfte in den Pflanzen Einhalt thum koͤnnen iſt au« 
genfheinlich; und eben fo angeifcheintich- ft ee, daß 
dasjenige, was nur in geroiffen Theifen und: zu ges 
weile Zeit, eine —— von Are it ver ſachet, 





ra Bu} 


— die —— barumet de an 
Ein Winter, der Härter als gewöhnlich in, — 
allemal viele von unfern Fruchtbäumen toͤdten, und 
| diejenigen, die Darunter leiden, find allezeit die ſchwaͤch⸗ 
ſten. Wenn an einem Bauine einige Zweige ſchwaͤ⸗ 
“her find, als die übrigen, fo leiden dieſe, da indeſſen 
die andern davon kommen. Was ein ganzer Wins 
ter an vielen oder an ganzen Bäumen thut, das kann 
‘ein wenig unzeitiger Froſt an wenigen Bäumen, oder 
an den ſchwaͤchern Theilen derſelben thun. Die Art, 
wodurch ein Froſt einen Baum verletzet, beſteht dar- 
inn, daß er feine Säfte ſtockend macht; und es ift 
{ daher fein Wunder, daß ein nicht gar zu ffarfer Froſt 
* ſolchen Schaden im — zu einer Zeit er⸗ 
regen 


* 





raum nm die e Sie fig And, wehrt doch 
im Winter nicht weſchehen ann, ae Umlauf mat- 
ter, A) ‚die ee weder fo. Häufig, ‚noch auch an und 
u: ich fo.flüchtig geweſen. 
N ee find Die Anmerkungen und, Gründe, ver· 
micteiſt deren wit hoffen fönnen, zu einer, wahren Er⸗ 
enntniß; diefeg Phaenomeni zu gelangen, welches die 
eubegierigen, ſo lange in Verwirrung, gefest und. 
verleitet. hat. Ein Froſt, der. ſich zu einer Zeit zu⸗ 
traͤgt, wenn die Säfte i im Fluſſe ſind, wird eine Sto⸗ 
ckung derſelben veturfachen, Ye Au — durch⸗ 
gaͤngig oder nur, an gewiſſ —2 die ent⸗ 
Br beftändig, oder. au nr ie itlang waͤhret. 
Iſt der Froſt nicht ſonderlich ſtark, ſo uͤberwindet die 
Rraft des Baumes denſelben unter Bei BR des 
erſten Sonnenſcheins. Iſt er heftig er, fi Keen er 





mehr oder weniger, nachdem der ark oder 
ſchwach iſt. Iſt der Baum — kann er 

ganz und gar vergehen, oder wenigftens in ſo Kar 
durd) und: Durch. befchädiget. werden, ‚daß er in dem 
Jahte gar Feine Frucht trägt. Iſt er nur zum Theile 
ſchwaͤchlich, fo. wird der Zufall folchen ſchwachen Theil 
rühren. Wo eine Verlegung, geſchieht da findet 
fic) eine fortgefegte. Stockung der Säfte, das iſt da 
findet ſich eine Naͤherung zu ihrer Faͤulung, und ſie 
werden durch dieſe Veraͤnderung in einen Zuſtand 
gebracht, i in welchem ſie Thieren Nahrung geben koͤn⸗ 
nen, denen es ſonſt unmoͤglich wuͤrde geweſen ſeyn, auf 
ihnen zu leben. Die Natur bringe in ihrem gewöhn« 
lichen unveränderten Laufe Die Tiere e zudem Bau⸗ 
me, die dazu gebildet find, von deffen veränderten 
Säften zu eſſen. Der Sm ober kranke auftand 





% 


ar 
! 


und phyſikaliſchen Beobachtungen. xx 
des Baumes, und die Inſekten, die ſich deſſen zu Nutze 
machen, werden zugleich entdecket, und Leute, die n 
weiter zuriick denken, halten die Creaturen, die he 
ein ſolches Ungluͤck genähret werden, für ‘die Urfache 

Wenn dieſe Juſekten, die allezeie auf folchen be 


ſchaͤdigten Baͤumen gefunden werden, die wirkliche 


Urſache des Mehithaues wären, fo würde es den 


Menſchen unmöglich ſeyn, ſolchen durch die Kunſt 


hervorzubringen·So aber iſt es möglich, einen ſol⸗ 


chen Mehlthau, wenn man will, zu verurſachen, da: 
durch, dag man den Baͤumen, oder einigen Theilen 
derfelben, entweder ihre gehörige Verpflegung entzieht, 
oder fie auch ſonſten verleget, zumal wenn die Yahs 
veszeie dazu befdederlich ift. Die gedachten Inſckten 


werden fich auf den durch die Kunſt verletzten Baͤu⸗ 
mien eben fo haͤufig, als auf deneneinfinden Die zus 


fälliger Weife find verletzet worden, Ich Habe durch 


wiederholte Verſuche gefunden, daß, gleichwie von 


zween Bäumen, wovon der eine fkarf, der andere aber 


ſchwach von Nanir ifk, der fchwache vom Mehithaue 


beſchaͤdiget toird, wenn der ſtarke davon koͤmmt; alfo 
auch von zween Baͤumen, deren einer mit Fleiß 


ſchwach gemacht, der andere aber in feinem natürlichen 


2 beſſern Zuftande gelaffen worden, der ſchwache beſchaͤ⸗ 
diget werde, wenn der andere gut bleibt, und daß ſich 
Tauſende von Inſekten auf dem einen finden, da ſich 


— 


auf dem andern nicht ein einziges zeiget. Wenn ein 


großer Theil der Erde von der Wurzel eines Bau⸗ 
mes, der in einer ganzen Reihe anderer ſteht, wegge⸗ 


nommen wird, und die übrigen in ihrem natürlichen 
Zuftande bleiben, fo wird diefer eine, wenn die Wit» 
— — terung 





terung — unfeeunblich. iſt, verletzet BEN 


da hingegen allg andere frey durchgehen. ı Auch habe 


id) es möglich, ‚gefunden, eben daffelbe durch Binden 
an einem einzigen Zweige eines Baumes zu thun, der 


fonft gefund war. Auf biefe Art habe ih Millionen 
von diefen Inſekten auf einen einzigen ‚Zweig, eines 


Apricofenbaumes zu Chelſea gebracht, da hingegen 
alle übrigen Zweige davon befreyet waren. Sch habe 

dieſes vor den Yugen verſchiedener fehr geſchickter 
$eute gethan, die ich erfuchte, Zeugen eines jeben — 
der Operation zu ſeyn. 


Es erhellet alſo aus alles Bien, daß die Bir 


kung des Froſtes dahin. gehe, die Säfte in den 
Fruchtbaͤumen ſtockend zu machen, und den Umlauf 
derſelben zu hindern; daß dieſe Wirkung nach der 
Staͤrke und, Schwaͤche des Baumes, gleichfalls. ftär« 
Fer oder ſchwaͤcher ſey; und Daß ein Baum, der 
durch die Kunft gefchwächet worden, oder ein Theil 
eines Baumes, ‚ der ducd) Binden verleget-ift,. Das 
durch befhädiget wird, wenn ein flarfer Baum oder 
die unverlegt gelafjenen Theile eines Baums-nichts 


leiden. Es erhellet gleichfalls, daß der Schaden, 


den der Baum leidet, in der Hemmung. des Umlaufs 


feiner Saͤfte beftehe, fo daß diefelben erftarren, oder 


gerinnen ; daß diefe Gerinnung und. Hemmung der 
Bewegung ihn in einen Zuftand feße , der der Faͤu⸗ 
lung nahe fommt, und daß er in. Diefem Zuftande 


Inſekten Nahrung geben koͤnne, die niemals erman · 


geln, gegenwaͤrtig zu feyn, wenn ſich eine ſolche Nah⸗ 
rung fuͤr ſie findet. Solchergeſtalt zeiget ſichs, daß 


dieſe Inſekten den Mehlthau nicht verurſachen, ob 


fe ſich deſſen gleich zu Nyon machen, und daß man 


ihnen | 





\ 


a 


und phyſikaliſchen Beobachtumgen. 1533 


ihnen eben ſo wenig die Urſache der Faͤmung der 
Säfte in dieſem Falle, als beyrandern Thieren und 
Pflanzen, in deren Faͤulung ſie oder andere — 
werden, beymeſſen koͤnne 

Nachdem ich in fo ferne den ungebäßnren age 
dieſer Unterſuchung nachgegangen bin, und mich be⸗ 


muͤhet babe); durch Schluͤſſe, die durch Erfahrun⸗ 


gen beſtaͤrket worden, zu beweiſen mas die Verlegung 
an Fruchtbäumen, fo ein Mebiehau genennet wird, 


nicht fey und was fie wirklich ſey ʒ fo werde: ichyqu 


denn unmittelbaren Endzwecke diefes Verſuchs/ nam 
lich dem Inſekte geführer, weldyes-auf Bäumen, die 
ſolchergeſtalt verleger worden, gefunden und der Ber, 
„urfahüng «des Schadens beſchuldiget wird.” Die 
verfchiedenen Baͤume, die in verſchiedenen Jahren 


verletzt werden, und ſelbſt die verſchiedenen Baͤume 


deſſelben Jahres / and dieſelben Baͤume in vor ſchiede⸗ 
nen Jahren zeigen beſondere Arten von Inſekten. 
Diefemzu Folge ſollte es das Anſehen Haben, als wenn 


verſchiedene Inſekten von der Matur faͤhig gemacht 
waͤren, einen Mehlthau zu verurſachen, oder daß faſt 


alle Inſekten in gehoͤriger Anzahl eine folhe Faͤhig · 
keit hätten. © Allein eine beſſere und vernuͤnftigere 

Aufloͤſung diefer Erſcheinung ift diefe, daß, wenn Die 
Saͤfte der Baͤume dureh dieſen Zufall verleget werden, 


oder durch einen Froſt gerinnen, deffen Kraft zu ſcha⸗ 
deſn ſtaͤrker ift, als die Kraft des Baumes den Scha⸗ 
den zu überwinden, fie alsdenn eine Nahrung ver: 


fehtedener Inſekten werden ; und gleichwie die ver- 


3 ſchiedenen Arten von Bäumen und Pflanzen in ih⸗ 
- rem natürlichen Zuftande ihre eigene befondere Rau⸗ 
pen, und zwar einige 54 zwo oder drey Arten 


naͤh⸗ 





154 ortſchung der neroſcopiſch 


naͤhren, ſo verſchaffen fieiaudh, wenn: fie flergetae 
durch einen Zufall verändert find, einigen 
kleinern Inſekten, und einige davon derfhiedenen As 
ten derfelben Nahrung. N 
Wenn wir die Blätter — — Dflanzen zer⸗ 
(ofen, und fie in ihren eigenen Saͤften, ohne einigen 
Zufaß, faulen laſſen, ſo werden wir finden, daß die 
gaͤhrende Materie ganz lebendig wird; und daß fich 
Thierchen von allerley Art darinn geigen, wenn fie 
mar bloß im: Sommer in die frene Luft gefteller wird, 
Der. Solantum bringet in dieſem Falle einen haarige 
ten Wurm , der Hünerdarm einen glatten, der Hol 
lunder eine große und. das Johanniskraut eine Eleine 
Ar ‚hervor. Dieſe fönnen nun freylich won Fliegen: , 
eyern derfchiedener Arten eneftehen, die ſo gar vor uns 
fen Augen dahin geleget werden und wenn wir die 
Inſekten die gehörige Zeit uͤber behalten, ſo koͤnnen 
wir dem ganzen — — ſie wieder zu 
Fliegen werden ji ‚gleiche: 
fehen wir, wiewohl die Mittel —— die Au⸗ 
gen fallen, wenn die verſchiedenen Baͤume in einem 
Obſtgarten vom Mehlthaue gerührt: gefunden wer⸗ 
den, das iſt, wenn die Saͤfte zum Stocken und we⸗ 
nigftens der Fäulung nahe gebracht ſind, daß fie eben 
fo, mie die vorhin gedachte zerftogene Materie, mit 
lebendigen Ereafuren bedeckt find, und wir entdecken 
auf dem Apfelbaum ein Inſekt, auf) dem Kirſchbaum 
ein anderes, auf dem Pflaumenbaum ein drittes, und 
fö weiter , wiewohl mit eben fo wenig Regelmäßig 
feit und Gewißheit, als in.dem andern: Falle, da ſich 
zwar ein allgemeiner Unterſchied an den Jnſekten in 
Anfehung der Materie zeiget , wobey aber: 10. 
| | elbe 





* 


* phyſtkalſchen Beoba htungen. asz 
ſelbe Materie bisweilen zivo Arten, und ——7 





dene ſo zerſtohene fi ale Art hervor. | 


bringe AN 


Ih hatte untenfehiedfiche Arien, in dem ——— 


bes Gartens, wo ich meinen Verſuch anſtellte, bemer⸗ 
ket, allein die Creatur, welche die Materie zu dieſem 
Verſuch abgegeben. hat, und eine von.den fonderbar- 
ſten und ſchoͤnſten derfelben iſt, war auf einem Zwei⸗ 
ge eines Baums hervorgebracht, wovon der uͤbrige 


Theil in einem bluͤhenden Zuſtande war, die Verle ⸗ 
tzung dieſes Theils aber von dem ‚Fünftlichen: Mittel 


des Bindens herruͤhrte, wozu noch ein maͤßiger Froſt 
gekommen war... Der Zweig welchen ich mir aus⸗ 
geſuchet hatte, mar. einer von den, ſchoͤnſten und ſtaͤrk⸗ 
ſten an dem Baume. Die jungen Sproſſen deſſelben 
waren das vorige Jahr ziemlich dicht abgefehnirtem Er 
war; voll von dem, was die Gärtner Trageholz nen⸗ 
neten, und verſprach eine ziemliche Menge von 
Fruͤchten. As ich den Zweig an zu binden fieng, 
und uͤber dieſes noch alleriey andere Mittel, die mir 
einfielen, um die gerinnende Wirkung des Froſtes zu 
befördern, anwendete, ſo ſchrumpften die Blaͤtter zu- 
ſammen/ und der ganze Zweig gewann ganz ordent · 
lich und natuͤrlich das Anſehen eines ſolchen, der von 
dem, was man Mehlthau nennet, beſchaͤdiget wor⸗ 
hen, ‚. da. indeffen: alle andere Theile, Des Baumes 
‚vollkommen ‚gefund waren, , Die Wirkung diefes 
- Mittels zeigte ſich erft nach zween oder drey Tagen. 


Anfänglich fehien es, ‚als nenn es dem Zweige vor- 


theilhaft wäre, und er ſchien viel ſtaͤrker zu werden, 
J alle andere Theile des Baumes; allein den 
ten Morgen ſenkten ſich die Blaͤtter, von der Zeit 

an 


— 





156. Serteung der nich 


an wurden ftörje länger je welker "und der ig be 
. fam har. + kraͤntlicheres Anfepen. a 
des fehlten Tages, nämlic) zween Tage nah dem 
serften  Eränffichen Anſehen des weiges, entdeckte ich 
Inſekten darauf, ein ſehr deutlicher Beweis daß die 


Jrieren eine folche Krankheit nicht verurfachen. Es 


zeigten ſich jedoch an dieſem Morgen nicht elwa eini. 

ge wenige hie und. da, ſondern der ganze Zweig mar 
mit ihnen bedecket. Sie krochen allenthalben auf der 
Rinde, haͤuften ſich um die Knoſpen und die Blaͤt 
ter waren damit bedecket, kurz, ein ſolches Heer von 
Werderbern kann man fich nicht leicht vorſtellen. Cs 
war feine junge Brut, die aus Eyern hervorgekom · 

men, oder von Würmern herrührte, die aus Eyern 
ihrer Alten gehecket worden, ſo dieſelben an dieſem 
Theile der Pflanze bingeleget ‚hatten. Es iſt im. 
möglich , daß die allgemeiite Ordnung der Natur al. 
ten Inſekten eben einen Zweig haͤtte anweiſen ſollen, 


welchen nicht natuͤrliche Urſachen, ſondern bloß mein 


Verſuch zw ihrer Nahrung eüchtig gemacht hatte. 


‚Sie waren in ihrem völligen Wachschume, als ſie 


ſich zu erft zeigren, daß fie ir nicht erſt damals aus 





‚Eyern konnten hervorgeksmmen ſeyn; und wenn ie 


auch; nach der „gersöhlichen Urt der‘ Veraͤn 
‚der: fliegenden Inſelten, von Wuͤrmern 
waren, ſo konnte ſolches doch nicht auf dem Sie 
. heſchehen feyn, weil zu dem Fortgange einer ſolchen ft 
‚fenweife geſchehenden Veränderung Feine Zeit geive 


war ; auch waren die Wuͤrmer vorhin gar nicht He | 


‚dem Zweige gefehen tworden ‚welches‘ doch nothwen · 


eig —— pe —— ei 


Mege war. 
Woher 


— 


Ä und phyſikaliſchen Beobachtungen. 1 


Woher fie gefommen, das. ſcheint ſehr ſchwer zu 


fagen;; diefes wird aber die Art, wie fie gefommien,, 
einigermaßen begreiflich mache», daß fie namlich. alle, 
geflügelt waren, wiewohl ich niemals nachher geſehen 
babe, „ daß fie ſich ihrer Fluͤgel bedienet; aud) fonnte, 
ich bey der genaueſten Durchfuchung aller Bäume, 


in, den benachbarten Gärten und Feldern nirgends, 
as entdecken, das ihnen aͤhnlich geweſen wäre,. 


s waͤre natürlich genug geweſen, zu vermuthen, 
daß ſie gleichſam als eine Colonie von irgend einer 
groͤßern Gemeinſchaft hergeſchickt worden, allein das 


Mitel, weiches fie zu dieſem einzigen Zweige gefuͤh · 


tet, war. nicht Die einzige Schwierigkeit bey diefer 


eynung, indem nirgends eine folche geneatz 


von ihnen zu finden war. 


u glei) diefe Creaturen dem Elaren Yugeufcheine 
nad), nicht die Urfache der Beſchaͤdigung waren, ſo 
hatten fie doch, wie ich nunmehro fand, an dem An 
ſehen, welches der beſchaͤdigte Zweig nachgehends an⸗ 


nahm, einen beträchtlichen Antheil. Die Rinde, die 


anfänglich. nur los zu ſeyn ſchien, ward nunmehro 
voller Runzeln, und die Blaͤtter, die anfaͤnglich nur 
gehangen, und matt und welk zu ſeyn geſchienen hat⸗ 
ten, waren nunmehro um die Koͤrper der Creaturen 
Bla aufgewickelt. Man konnte gar leicht ſehen, 

dieſes von den Wunden herruͤhrte, ſo die ne 
klen ihnen durch ihr Freſſen verurfachten. Und in: 


fo ferne, allein nicht weiter, verurfachen die Einwoh⸗ 


ner der vom Mehlthaue beſchaͤdigten Zweige oder 
dasjenige, was wir auf ihnen ſehen. Die 


—28 der Ol und der Dberfläche der. 


* * Zweige 


— 





158° Fortſehung der mieroſcopiſchene 


Zweige růͤhret von dem durch die Verwundung ver 
aͤnderten Laufe der Säfte ber, allein die Krankung | 
diefer Säfte felbft hat ganz andere Urfachen. 
Es war an den Bewegungen diefer Crearuren 
leicht zu ſehen, womit .fie ſich befchäfftigten, und fie 
waren fo zahlreic), daß es eben fo leicht war, Gele 
genheit zu finden, alle ihre Verrichtungen auf einem 
oder dem andern Theile des Zweiges zu gleicher Zeit 
zu ſehen. An einigen Stellen fahe man Hanfen von 
ihnen gleichfam fpielend Hinter einander anlanfen; an 
einer andern waren fie fo gehäufer, daß fie einander 
auf den Nücken kletterten; an einer dritten ſchwun⸗· 
gen ſie ihre Fluͤgel, und an den meiſten Stellen wa⸗ 
ren ſie ganz ſtille, hatten nicht den geringſten Schein 
von Bewegung, oder gar vom Leben, und fraßen, 
wiewohl die Art ihres Freſſens bey einer fo allgemei⸗ 
nen Beſchauung nicht ſo leicht zu fehen war. 
Ich nahm verfchiedene von ihnen einzeln von dem 
Zweige herab, und als ich eines davon ausgeſucht 
hatte, das groß, gefund und ganz war, fo ftellee ich 
es vor einem kleinen VBergrößerungsglafe, in einem 
ſolchen Geftelle, das gemeiniglich zur Unterſuchung 
undurchſichtiger Körper gebraucht wird. Ehe ich et⸗ 
was davon ermähne, was es durch dieſes Glas für 
ein Anfehen gehabt, wird nicht undienlich ſeyn zu ſa⸗ 





gen, daß es dem bloßen Auge fo groß, als eitt Fleiner' @ 
Floh zu feyn, und eine dunkle [hmwarzgrüne Farbe zu 
haben fchien.' "Außer den Flügeln Fonnte man gar’ 





und phyſikaliſchen Beobachtungen. 159. 
Auge, an einem Inſekte entdecken. konnte, welches 
rien — aa einen ‚von. den. —* Se. | 
n iſt · ort Ph 

Die ale Geftale, bie, es ra bie Hülfe des 
Vergrößerungsglafes zu haben’ ſchien, war die Ge 
ſialt eines. länglichten Thieres, das am Kopfe nur 
ſchmal gegen. das entgegen gefeßse Ende des Körpers 
aber immer ftärfer ward. Der Leib war- dic, ‚ges 
ruͤndet, und ſchien aufgeblaſen zu ſeyn, und die uͤbri⸗ 
gen Glieder waren nach der Größe deſſelben ſehe 
duͤnne. 

Der Kopf iſt geruͤndet, und die Augen find nue 
£lein, aber ſehr ſchoͤn. Sie ſind ganz tief, ſchwarz, 
aber ſehr heil und glänzend, und ftehen an den Sei 
ten des Kopfes ziemlich weit voneinander, der voͤr⸗ 
dere Theil endiger fich, anſtatt ſich in der. Geſtalt eis 
nes Mundes zu oͤffnen, in eine länglichteunde dünne 
Mafchine, die dicker als die Beine ift, und beydes i in 
der. allgemeinen Figur, und geriffermaßen im Ge 
‚ brauche mit dem. hen bed IOBaR Di Me 

Der Unterſchied zwiſchen beyden-ift, daß diefe Mas 
ſchine am Ende fpigig, und das einzige Werkzeug iſt, 
wodurch die Nahrung in den Leib des Thieres ge⸗ 
bracht wird. Dieſe Maſchine iſt ſehr ſchoͤn einges 
richtet; da wo ſie am Kopfe feſt fißer, iſt ſie am weis 
teſten, und wird von da bis. zu der. Spitze allmählig. 
enger» Ihre Farbe it. ein helles und glänzendes 
- Grün, und ziemlichermaßen durchfichtig. Sie beftes 
het aus nicht weniger, denn acht Öelenfen, welche wie 
die Gelenke unſerer neuern Fernglaͤſer in einander 
laufen, und kann folglich durch die Kraft, die das 
leben ſie nach Gefallen hervor zu ſtoßen und z “ v 

ruͤ 








160 Fortſetzung der microſcopiſchen 


ruͤck zu ziehen, nachdem es die Gelegenheit erfordert, 


verlängert und. verkürzet werden. Ihre Spige iſi 
hart ı und fedr ſcharf. Mich weit von dem aͤußerſten 


7 


Ende hat ſie zwo laͤnglichte Deffnungen , an jeder | 


Seite eine" Auch zeiget fich eine zivkelförmige Muͤn⸗ 


dung; um die Saͤfte der Pflanze in dieſe Maſchine 
hinein zu bringen, welche Muͤndung aus dem äußere 
ften Ende des unrerften Gelenkes hervorgeftoßen wird, 


und die vielmehr ein Anhang diefer Mafchine, als 


ein Theil derfeiben zu ſeyn ſcheint. Dieſes aͤußerſte 


Ende des Rüffels koͤmmt nicht anders zu fehen, als 
wenn diefe Creatur gezwungen wird, e8 hervor zu 
ftoßen, wenn der obere Theil derfelben zwiſchen die 
Zange geklemmet wird, die einen Theil des Vergroͤſ⸗ 
ferungszubehörs anemacher. Wenn es folchergeitale 
hervorgeftoßen ift, fo zeiger es ſich deutlich, auf was 


für Art die Creatur frißt. Dieſe Spige findet ihren 
Weg in die Rinde des Zweiges, oder in das Blatt, 


und führet ja erfte Glied des Ruͤſſels mit fi) Hin» 
zunde, Die es machet, bringt einige von 







gende Kraft, melche alte Ruͤſſel der Inſekten zu has 


us ihren Gefäßen heraus, und die fau« 


ben fcheinen, ziehe mehr davon heraus, welches alles 
in die Deffnungen an den Seiten diefer Spiße eitte 


genommen wird, die allenthalben hohl zu feyn ſcheint, 
außer unmittelbar an dem außerften Ende, 'und an 
der zirfelförmigen Deffnung zmwifchen dem Lmfange 
des Theiles, wo der Nüffel ‚befeftiger ift, und dem 


Dinge, den das Ende des Ruͤſſels mache. Alle 
‚Säfte werden durch die faunende Kraft) Tängft der 
mzen Höhlung des Ruͤſſels zu dem Körper des Thie= 






m binauf gefuhret, und daſeibſt in einen Magen ges 
RM 


und phyſttaliſchen Beobachtungen. 161 


bracht, der gegen die durchgängige Größe. der Ereatur 
für fehr groß zu. balten ift, und der die ungemeine 
Ausdehnung des Körpers verurfache. RO 
Recht an der Stirne des Kopfes, zwiſchen den Aus 
gen, aber etwas höher hinauf, ffehen ein Paar An- 
tennae oder Hörner, wie fie gemeiniglich genennet 
werden. Diefe find von einer befondern Einrichtung 
und von hoͤchſter Schönheit. Sie find dünner, als 
der feinfte Zaden, und etwas länger, als der ganze 
Körper. Sie fommen dem bloßen Auge als fchlechre 
Faſerchen von einer fehwärzlichten Syarbe vor; bey 
einer genauern Betrachtung aber zeiger fichs, daß fie 
von einer fehr Eünftlichen Einrichtung find, Eine 
jede ift aus ungefähr 14 Gelenken zufammengefegr, 
und diefe alle haben diefelbe regelmäßige Fugelförmige 
Figur, fie find aber eins ums andere von einer tiefen 
Purpur und einer glänzenden fchwarzen Farbe. Die 
Gelenke find unten am größten, und werden big zur 
Spitze allmählich Fleiner, wo fie unbefchreiblich klein 
find. Unten find fie an einem länglichten oder elli— 
ptiſchen Körper befeftiget, der nicht fomohl eines von 
den Gelenken, als vielmehr eine Art von Unrerftügung 
des Ganzen iſt. Diefer ift in dem Kopfe befeftiger, 
‚und. machet bey der Zufammenfügung mit dem eigene: 
lichen unterften Gelenke der Antenna eine Art von 
‚ Krümmung oder eines Knies. Die abwechfelnde 
purpurrothe und ſchwarze Farbe der Gelenfe find 
 bende fehr glänzend und fehon. Die Gelenke felbft 
find vollfommen rund, fo daß fie fih nur in einem 
ſo fleinen Punete ‘berühren, daß man fich wundern 
muß, wie fie an einander befeftiget ſeyn koͤnnen; und 
‚überhaupt haben fie vollfommen das Anfehen einer 
ü 33 Band. Hals⸗ 


162 Sortfegung der microfeopifchen = 


Halsfchnur, auf welche eins ums andere ſchwarze und 
purpurfarbene Knöpfe gezogen find. Der Bau der 


Hörner diefes Inſekts ift nicht alles, was merfwürdig 
an demfelben ift; fie werden auch in einer ganz andern 
Richtung, als bey den meiften andern Creaturen, die 
dergleichen haben, getragen; denn gleichwie folche 
gemeiniglicy entweder ruͤckwaͤrts gebogen find, oder 
mehrentheils aufgerichtet ftehen, fo werden diefe un 
mittelbar vorwärts geftoßen. | 

Der Kopf zeige weiter nichts merkwuͤrdiges, außer 
daß der hintere Theil deflelben, zumal gegen die Zus 
fammenfügung mit der Bruſt zu, eine fo glatt polirre 
- Oberfläche hat, die dem belleften Glanze ausgearbei- 
teter Edelgefteine den Vorzug flreitig mache. 

Der ganze Körper iſt von einer dunfelgrünen Far⸗ 
be, die etwas metallähnliches an fi) hat. Die Bruft 
ift furz und dick, oben aber flach. Sie hat ein tie 
feres Grün,“ als der Kopf, und in der That einen 
Anfag vom Schwarzen, und der gelblichte oder me 
tallähnliche Glanz, der gerwiffermaßen an dem Kopfe 
wahrgenommen wird, ift an diefem Theile kaum zu 
fpüren. Die ganze Oberfläche ift vollfommen glatt 
und glänzend, fie hat aber an jeder Seite ungefähr 
in der Mitte zroifchen den Eden und dem Mittels 
puncte einen fchönen Zierraty. Dieß ift eine breite 
gerade Sinie von einer tiefen und fchönen Purpurfar- 
be, von eben der Art, wie die purpurfarbenen Glies 


der der Hörner, nur daß fie noch fchöner und gluͤhen⸗ 


der ift. | 
und fo dick, daß er aufgeblafen zu ſeyn ſcheint. Seine 
Farbe ift ein ſchoͤnes Dunfelgrün, mit einigem Anfaße 

| vom 


Der $eib ift von einer mehrentheils ovalen Figur, 


| und phyſikaliſchen Beobachtungen. 163 


vom Schwärzlichen, bat aber auch einen ſchoͤnen 
Glanz von einem metallähnlichen Gelben. Laͤngſt den 
beyden Seiten laufen zwo Reihen Flecken von eben ders 
felben fehönenPurpurfarbe,als die Linien auf der Bruſt. 
Sie madyen an jeder Seite dee Leibes zwo Linien aus, 
die mit der einzelnen Linie an jeder Seite übereinftim« - 
men. Diefe Purpurfarbe wird von dem bloßen Auge 
gar nicht gefehen, und es ift ganz fonderbar, daß wir. 
feine einzige von den wirklichen und ächten Farben 


des Inſekts, weder die Purpurfarbe, noch das Grüne, 


noch das Gelbe, noch das Schwarze, fondern eine ver. 
mifchte Sarbe feben, die eher einem bräunfichen 
Schwarz, oder einem dunfeln Eifengrau, mit einer 
Mifhung von Braunem, als irgend einer andern 
Farbe gleich ſieht. 


' Die ganze Oberfläche des Seibes ite eben fo merlich 

poliret, als der Hintertheil des Kopfes und die Bruſt. 
An dem binterften Theile ftehen gleichfam ein Paar 
Hörner, Die gewiffermaßen den Antennis des Kopfes 
ähnlich fcheinen, wenn fie mit dem bloßen Auge geſe— 
ben werden; fieht man fie aber durch das Vergröße- 
rungsglas, 0 befindet man fie ganz anders,’ Gie find 
nicht halb fo lang als die Antennae, fie find nur 
ſchlechtweg eingerichtet, unten weit, und laufen gegen 
die Höhe immer ſpitziger zu. Sie haben feine Ge⸗ 
lenke, auch Feine fo ſchoͤne Abmwechfelung von Farben, 
fondern find bleichgrün. Sie erheben fich von den 

beyden Seiten des Hintertheils des Leibes, nicht weit 

von dem äußerften Ende deffelben, und ihre Richtung 

geht rückwärts, fo wie die Antennae gerade vorwärts 

»gerichtee find. - Der — Hoͤrner laͤßt ſich 
mit 


— 


164 Fortſetzung der mieroſcopiſchen | 


mit feiner Gewißheit zeigen, fie geben indeſſen der 
Creatur ein ſehr ſeltſames Anſehen. 
Dieß Thierchen hat ſechs Fuͤße, die alle —— 
hends von einer ſchoͤnen bleichgruͤnen Farbe ſind, aus- 
genommen an den Gelenken, wo ſich einebraune Farbe 
zeiget, und wenn fie in ihrer gewöhnlichen Stellung 
im Stande der Ruhe find, fo fteht das Knie, wo das 
mitteljte Gelenfe fo mag genennet werden, höher, als 
der Rüden. Sie find ſchlechtweg eingerichter, auss 
genommen an dem legten oder unterften Gelenke, wo 
fie verfhiedene Einfchnitte oder queerdurchgehende 
Linien haben, welche dieſem — ** das Anſehen ge⸗ 
ben, als wenn es aus verſchiedenen andern Gelenken 
zuſammengeſetzt wäre. An dem aͤußerſten Ende dies 
ſes Gelenfes, und zwar an jedem Beine, ftehen drey 
fcharfe Klauen oder Zehen, von einer Enochenhaften 
Subftanz und ſchwarzen Farbe, welche beftimmt zu 
feyn fcheinen, etwas recht feft zu halten, und womit fie 
fich ſelbſt auch feſt ſetzen koͤnnen. 

Sie haben vier Fluͤgel; dieſe ſind, gegen das ganze 


2 Thier zu rechnen, von mittelmaͤßiger Groͤße. Die 


beyden aͤußerſten ſind groͤßer und von einer viel ſtaͤr⸗ 


kern Beſchaffenheit, als das innere Paar; fie werden 


aber alle viere gemeiniglich aufgerichtet getragen. 
Ihre Hauptfarbe ift ein blaffes Braun, mit einem - 
Anfage von einer hellen Silberfarbe. Das äußerfte 


Paar ift-dunfler, und hat am wenigften von der lege 


ten Farbe, das innere ift blafler, und die unterfte Flä- 
he infonderheit iſt am filberfarbigften. Der auswen- 
dige Nand eines jeden Flügels des oberften Paares 
ift mit einer Arc von breitem. Bande, oder mit einer 
— eingefaßt, ſo viel dicker iſt, als der übrige Theil 
De 


— 


und phnfifalifchen Beobachtungen. 165 
des Flügels, und eine tiefe Chocoladenfarbe hat. Der 
innwendige Rand bat eine fehr fhmale und dünne 
Einfaffung von derfelben Farbe, wiewohl etwas blafe 
fer, und es laufen zwifchen- diefen Einfaffungen drey 
Reihen Stecken von derfelben tiefen Farbe, Die Außerite 
Reihe davon iſt die größte, die innerfte aber ift nur 
fehr Elein. 

Die untern Flügel haben gar Feine Einfafjung, die 
‚durch eine befondere Farbe unterfchieden wäre, auch 
feine ordentliche Reiben oder Linien von Flecken, fon 
dern ıwenn fie genau unterfuchet werden, fo findet man, 
daß fie über und über mit Eleinen Flecken von derſel⸗ 
ben Arc beſprenget ſind. 

‚So wunderbar iſt der Bau dieſes fo wenig geach⸗ 
teten und fo unbeträchtlichen Thieres, das Durch die 
Unwiſſenheit derer, die es zu ſehen bekommen, mit 
einer Menge von andern Thierchen vermiſcht wird, 
die doch gar ſehr davon unterſchieden ſind, und dag 
felbft unter diefem Haufen bloß als der Urheber eines 
Schadens bekannt üft, deflen es ſich zwar zu Nutze 
machet, aber doch in der That kein Vermoͤgen hat, 
denſelben zu verurſachen. 





166 Beobachtungen J 
EEE ee een 
a : 


Joh. Gottfr. Zinns, 
 außerordentlichen Mitgliedes der koͤnigl. Geſellſch. 
der Wiſſenſchaften zu Goͤttingen, 


Beobachtungen an kranken 
Koͤrpern. 


Aus dem II B. der Comment. Soc. R. Sc. Gotting. 
| 364.©. 


I. Beobachtung. | 
Eine wäßrichte Geſchwulſt (Oedema) 


am Fuße, welche von einer Preffung der 
Schenfelblutader entſtanden. 


| 9 ey einer Woͤchnerinn, von bey nahe dreyßig 
Jahren, kam nad) einem ſehr ſchweren Ges 
baͤhren, weil fie wenig für ihren Körper be» 

forget war, die Geburtsreinigung (Lochia) gänzlich 
“ing Stoden. Kurze Zeit darauf. entjtund an dem 
ganzen rechten Fuße, von der Weiche an bis an die 
Ferſe, eine ödematifche Geſchwulſt, welche Die rechte 
Schamlefje mit einnahm, und wobey die Frau zu⸗ 
gleich ven Appetit verlor. Diefe Geſchwulſt nun zu 
vertreiben, wurden alle Hülfsmittel, die nur Die Arzt 
neykunſt gewähren Fann, wiewohl ohne Erfolg, ges 
braucht. Es wollten weder diaphorerifche noch 
} | 84 harn⸗ 


an Eranfen Körpern. 167 


| Gacnteeibende, noch purgierende Mittel helfen ; und 
' der Dunft geiftiger Sachen, und das Reiben, machte 
der Patientinn fehr große Schmerzen. Man machte 
eine Inciſion in die Haut des Schenfels, um das Waf: 

fer durch ein Fontanell auszuleeren ; allein es floſſen 
nur wenige Tropfen heraus: denn das Serum war 

in dem zellichten Gewebe, nachdem es allen flüßigen 
Theil in fich gezogen, faft zu einer zitternden allerte 
gerorden. In einem halben Jahre endlich ftarb 

dieſe Frau in einer Engbruͤſtigkeit. Ben angeſtell⸗ 
ter Section fand man, daß gewiffe um die Schenfel» 

ader herum liegende Weichdruͤſen, welche verhärtet 
und fehr vergrößert waren, die innere Weite der Ader 

ſehr vermindert hatten. 


II, Beobachtung. 
Ein an der Gebaͤhrmutter hangendes 
| Fleiſchgewaͤchs. 


Eine Frau von ſechzig Jahren kam in das Kran⸗ 
kenhaus, um ſich die eine Bruſt, welche mit dem von 
einer innern Urſache entſtandenen offenen Krebſe be» 
haftet war, abloͤſen zu laſſen. Außerdem aber klagte 
fie über Schmerzen in der. Gegend des Heiligbeins, 
oder, wie man gemeiniglich zu fagen pflegt, im Rreu⸗ 
ze. Die Bruft wurde von dem fehr erfahrnen Wund⸗ 
arzte, Herrn Pallas, abgefest : und die Frau war 
Hierbey überaus ſtandhaft, obgleich die verhaͤrtete 
Geſchwulſt mit einem Theile an dem Bruftmuffel 
bieng. Als nach einigen Tagen ein wenig weiter 
unten ſich einige Be zeige, wurde dieſe auch aus- 


4 geſchnit⸗ 


16 Beobachtungen Be 


gefchnieten, und die Wunde ließ ſich ſo an, daß man | 
fich die ftärffte Hoffnung auf eine gute He lung mas 
chen fonnte. Bey diefem allen aber en zwar die: 
Schmerzen im Kreuze auf ; allein die arme Frau: 
fieng fih zu brechen an. Diefes Brechen fonnte 
durch feine Kunſt geftillee werden, und es wurde ſo⸗ 
gleich alles.unverdauet, auch fo gar die ſtillenden Arzt⸗ 
neyen ſelbſt, wieder wehgebrochen wodurch die F Frau 
nach und nach ſo geſchwaͤcht wurde, daß man einige 
Tage vor ihrem Tode kaum den Puls fühlen konnte. 
Das Brechen hörte zwar von fich felbft auf; es folg« 
te aber fo gleich darauf ein Zerfließungsdurchfall, 
(Diarrhoea colliquatina) der ihr in zwmeenen Tagen: 
das Garaus machte. Als man den teichnam oͤffne⸗ 
te, fand man in dem Unterleibe alles gefund, außer 
daß vie Öallenblafe, wegen des langen Faſtens, auf 
eine wunderbare Art ausgedehnt, und der Magen 
fo zuſammen gezogen war, daß er faft nicht weiter als 
der Darm war. In dem Becken aber fand man 
eine erftaunliche Gefchmulft, welche daſſelbe ben nahe 
ae ausfüllte, und faſt zwo Fäufte groß war: ihre 
Subſtanz war härtlicht, faferiche, zäbe, fo, daß fie: 
den Namen eines Fleiſchgewaͤchſes zu verdienen fehien, 
Diefe fleifchichte Mafle Fam aus dem Halfe der Ger 
baͤhrmutter heraus, an welchem fie fo angewachſen 
war, daß fie nicht, abgefondert werden Fonnte, und. 
lag zmwifchen ver Gehährmutter und der Blaſe. In⸗ 
deſſen habe ich nicht gehoͤret, daß ſie jemals uͤber eine 
Beſchwerlichkeit bey Laſſung des Urins geklaget. 
Kamen nicht die Schmerzen im Kreuze aus einer 
Preſſung der benachbarten Theile her? Was war aber 
die Urſache des ſtetswaͤhrenden — ? ne 
nicht, 








an Franken Körpern. 169 
nicht, der Geſchwulſt zugeſchrieben werden zu Fün- 
nen? Warum wurde die Patientinn aber nicht vor 
| de Operation mit Brechen — da DE die 
| Geſchwulſt ſchon da war? | 


— Bi Beobachtiing 
Nähte der life welche 


bey einem Maͤgdchen von eilf Jahren mei⸗ 
ſtens verwachſen geweſen. an 


« Ein Mägdehen von eilf Jahren verlor durch eine 
| * Laͤhmung faſt alle Bewegung ſolcher Ger 
ſtalt, daß außer den Bewegungen, welche nicht von 
dem Willen abhaͤngen, den Bewegungen der Gefichts» 
muffeln, und derer, die zur Stimme und zum Schlu= 
Ken dienen, in allen übrigen Theilen, die Bewegung 
‚und Empfindung unterdrüct war. An den Berrich- 
fungen der Seele aber und den finnlichen Werfzeus 
gen mangelte nichts... Als nad) ihrem Tode der Kopf 
geöffnet wurde, fand man die Knochen der Hirnfchas \ 
le fo mit einander verbunden, daß fich weder einige 
Spur von der Kranznaht, noch von der Pfeilnaht 
zeigte. Die Schlaffnochen waren mit den Knochen. 
des Hinterhaupts ‚ wie auch die Knochen des Keil« 
beins mit den Schlaffnochen, an vielen Drten züs 
fammen gefloffen. Kann man die Urfache der führe 
mung nicht von der Zufammenwachfung der Hirns 
fchalenfnochen herleiten? Ich —* Ye Gerippe 
ſelbſt —— A | 


— IV. Berb⸗ 


— 


mo Beobachtungen 
| IV, Beobachtung. 


Eine Portion der zottichten Haut 
(Membrana villofa) des Maftdarmes, wel: ’ 
che durch den Stuhl weggegangen. 


‚Bon einem Manne von ungefähr funfzig Jahren, 
welcher außer einer convulfivifchen Engbrüftigfeit mie 
den fchleimigten Haͤmorrhoiden behaftet war, gieng, 
als er zu Stuhle ſaß, eine weiche ſchwammichte, di. 
‚de, ausgehöhlte Haut durdy den Hintern ; fie war 
fehr ftinfend und faft wie eine ‚halbe Hand groß. 
Hierauf wurde viele Tage lang eine eiterichte Mater 
rie häufig ausgeführer. Als er lange Zeit darauf 
wegen der convulfivifchen Engbrüftigfeit wenige Gra⸗ 
ne Meerziwiebel (Squilla) einnahm, Elagte er fo gleich 
über Schmerzen in dem Maftdarme. Itzo aber 

befindet er ſich fehr wohl. 


V. Beobachtung. - 


- Einer ledigen Weibesperfon von dreyßig Kahren, 
welche ſchwere Arbeiten zu thun pflegte, uͤbrigens ſehr 
geſund war, wurde die eine mit dem offenen Krebſe be 
haftete Bruft abgeſetzt. Sie hatte diefes Uebel von einer 
Preſſung der Bruftdrüfe (glandula mammaria) be- | 
fommen, weil fie ſich täglich ftarf mit der Bruft auf 
den Hebel legte, vermittelft deffen die Walker den 
Balken, worunter die Preffe liegt, herum drehen. 
Als fie in das Krankenhaus Fam, waren ſchon einige 
Druͤſen unter der Achſel (Glandulae fubaxillares) 

feirrhös und verhaͤrtet: die Dadurch entftandene Ges 


ſchwulſt 


/ 


an Franken Körpern. - 1 


ſchwulſt aber verlor ſich von der Vereiterung der 
daran befindlichen Wunde fo, daß man nachmals 
nicht einmal den Ort, wo fie geweſen, finden konnte. 
Die ziemlich große Wunde aber wurde, ohne den 
geringiten fchlimmen Zufall, fehr gut gebeilet. Fürch» 
ten fich nicht faft alle für dem Abſetzen einer Bruft, 
wenn die Achfeldrüfen ſchon verftopft find ? 


ee ee ee ee Ze a ee ee ee ee ze ee X 


| 111. 
Johann Lorenz Withofs, 
eines Sohnes 


von Joh. Hildebr. 
Doctors der Arztneykunſt, und der Facultaͤt derſelben 
auf der Univerfitat zu Duisburg vormaligen Aſſeſſors, 
nunmehrigen Profeffors zu Hamm, 


Anatomie des menfchliche 
| Haares. 


Aus dem IT B. der Comment. Gotting. 
368 Seite. 


F aß man bisher noch keine vollſtaͤndige Hiſto⸗ 
3 rie des menſchlichen Haares gehabt, ſcheinen 

vornehmlich folgende zwo Urſachen verhin⸗ 
dert zu haben: erſtlich, weil die zur Phyſiologie des 
Menſchen angewandte Erfahrungen bloß an den 
Haaren der Thiere angeſtellt worden; welchen man 


doch 


——— a" 
172°, Anatomie 
doch feinen: andern Nusen zugeftehen Eonnte, als 
das fie den durch das menfchliche Haar ermüderen 
Beobachter Durch eine angenehme Leichtigkeit erquicke 
ten. Anvdern Theils, weil man nicht aus etlichen 
taufenden, fondern aus wenigen Haaren, Schlüffe 
hergeleitet. Hieraus ift man alsdenn in Irrthuͤmer 
und unvermeidliche Widerfprüche gefallen. Denn 
diefe Werkzeuge fißen in der Haut an Zufammen« 
flüffen ſtockender und. öfters unreiner Säfte, die die 
reichiten Duellen nicht einerley, fondern vieler und - 
mannigfaltiger Krankheiten find. Diefe Berändes 
rungen aber von der natürlichen Beſchaffenheit un« 
terfcheiden zu fonnen, muß man nicht etliche hundert 
Haare, auch nicht von einem Menfchen allein, vor 
das Microfcop bringen. Da id) nun diefe Gelegen« 
heiten zu Irrthuͤmern vermieden zu haben glaube, 
fo will ich eine Beſchreibung des Haares, die, ob fie 
‚gleich nicht vortrefflih, Doch wenigſtens gewiß ift, in⸗ 
deſſen durch diefe kurze Abhandlung mittheilen ; bis 
einmal ein größer Werfchen , deſſen erften Theil ih 
vorm Jahre heraus zu geben angefangen, völlig ans 
Licht tritt. Man finder alfo Bier nur den Kern der 
ganzen Frucht. *— | “ 

Die Derter, wo die Haare eine fonderliche Dicke, 
Laͤnge und Dichtigfeit befommen, find die ganze obere 
und hintere Gegend des Hirnfhäbels; ferner der 
Nacken, die Schläfe,der Eingang des Gehörganges, 
auch die Augenbraunen, die beyden Augenlieder ; bey 
den Mannsperfonen die obere und untere Lippe, und 
das Kinn, weswegen auch das ganze Geficht, indem fie 
bis an die Stirn hinauf fteigen, mit einem haarigten 
Kreiſe umgeben ift. Weiter der Umfang umdie Warzen 

| —— der 


* 


des menfehlichen Haares. . 473 


der Brüfte, die männliche Bruſt, die Achſelhoͤhle, die 
Schaam, wo ſie nach dem Nabel herauf eine pyra⸗ 
midaliſche Figur machen; der Hodenſack, die Gefäß: 
naht, (perinaeum) der Hintere, die äußere Seite faft 
des ganzen Arms, der Handwurzel, (Carpus) der 
Mittelhand (Metacarpus) und die erfte Gliederreihe 
der Finger ; das ganze inwendige und auswendige 
Dickbein, die Fahle Fläche zu oberft und äußerlich, 
welche eine Hand groß ift, ausgenommen; das gan« 
ze Schienbein allenthalben; endlich die obere Gegend 
des Mittelfußes und der erften Sliederreihe der 
Zahen. — 
Die Haare, welche außer dieſen Oertern auf der 
Haut wachſen, ſind ſeltener, weicher und kuͤrzer; auch 
nicht bey allen beſtaͤndig an einerley Dertern. Zu— 
weilen find auch, vornehmlich bey haarichten Manns» 
perfonen, öfters die Thränendrüschen (carunculae la- 
erymales) mit einigen Haaren beſetzt. Daß in ver 
flachen Hand und auf den Fußſohlen Fleine Haare 
gefunden werden, bat, meines Willens, einzig und 
allein Prater angeführer, welches aber wider den 
Augenfchein it. Es find auch mwidernatürlicher 
Weiſe in inwendigen Dertern mehr als einmal Bis 
ſchel Haare, die jedoch nicht allezeit, in einer fetten 
Materie verwicelt gervefen, in der großen Thraͤnen⸗ 
druͤſe, (glandula lacrymalis) über dem Ohre, in den 
Halsmufkeln der Dchfen, im Herzen, im Nege, in 
den Gedärmen, in den Harnwegen, im Everftocke; 
in der Gebährmutter, in den Hoden. Daß derglei- 
chen in dem Magen gefunden werden, ift gewiß: daß 
ſie aber darinn gezeugt werden, hieran habe ich noch 
— zu zweifeln. Von einer haarichten Zunge 
| bat 


\ \ 


174 , Anaten 
hat Zacutus Lufitanus, welchem man aber öfs 
ters nicht viel glauben darf. Daß übrigens nicht 
alle nur von der Gattung der Außerlichen Haare find, 
auch nicht von ungefähr auf foldye Art entftehen, wie 
Morand meynte, machen aud) diejenigen Haare ge» 
nugfam glaublich, welche der Herr von Haller, wie 
in den englifchen Transactionen, und alsdenn in dem 
bamburgifeben Magazin, nachmals auch in 
der hamburgifchen Bibliothek befehrieben worden, in 
dem weiblichen Enerftocke gefunden bat. | 
Altenthalben aber, wo die Haare entweder der 
Natur gemäß äußerlich auf dem Körper, oder wider, 
natürlicherweife in den innern Theilen wachen, befin 
der fich eine für fie fehr geſchickte ölichte Mutter, und 
zähe Materie. Daher find an feinem Orte mehrere 
und längere Haare, als auf dem Kopfe, in der Ach: 
ſelhoͤhle, an der Schaam und Deffnung des Mafts 
darms: denn diefe Genenden find mit den meiften 
Ferthöhlchen verfehen. Wo hingegen diefe Hoͤhlchen 
(folliculi) nicht vorhanden ſind, da ſind auch keine 
Haare. Daher entſpringen die meiſten Haare aus 
dem Fette; die kleine Wolle aber aus dem Koͤrper 
der Haut ſelbſt. Die Nervenwaͤrzchen wuͤrden den 
dritten Sitz derſelben ausmachen, wo nicht der hoch⸗ 
verdiente Ruyſch erſtere Hauthoͤhlchen einmal fuͤr 
Waͤrzchen gehalten. Daß aber die Haare tief und 
feſt in dem Knochen der Hirnſchale geſteckt haben, 
wie vom Rommel, einem Arzte zu Ulm, erzaͤhlet 
wird, Fann, wenn e8 ja wahr ift, nicht anders als wi⸗ 
dernatuͤrlicher Weiſe geweſen ey. 00, 
Auch das bloße Auge unterſcheidet ſchon an jedwe⸗ 
dem Haare, das nicht verſtuͤmmelt iſt, 1) ‚einen lan⸗ 
—* gen 


* 


des menfehlichen Haared, 175 


gen und dünnen Faden, und 2) ein meiftens dicfe- 
res, allegeit aber durchfichtigeres Knoͤtchen: jenes 
wird der Körper der Haare, diefes die Wurzel oder 
der Knollen derfelben genennet. Die größern Haare 
auf dem Kopfe, Barte, Schaamgegend uf. f. haben 
ihre ganze Wurzel und auch einen Theil ihres Kör- 
pers in einem geriffen befondern Bläschen, welches 
das Höhlchen der Haare ift, ſtecken. Die kleinen 
Wollhaͤrchen ſtecken ohne dieſen Behälter, wenig» 
* iſt er nicht ſichtbar, unmittelbar in der Haut 
elbſt. 

Das ausdehnbare Hoͤhlchen oder Saͤckchen wird 
von einem zarten und in eine kugelfoͤrmige Geſtalt 
laufenden Haͤutchen gemacht. Die Laͤnge uͤbertrifft 
die Dicke um etwas, und der Grund deſſelben iſt alles 
zeit folbichter, als das obere in eine engere Röhre zu⸗ 
laufende Ende. Die Größe richtee fich nach der ver- 
fehiedenen Größe der Wurzeln; jedoch ift es viel 
größer als die Wurzel, welche in diefem überleyen 
und ziemlich beträchtlichen Zwiſchenraume fehr locker 
ſteckt. Die Farbe deſſelben ift nicht allezeit einerley ; 
fie ift gelb, weißgelblicht, weiß, und fällt zumeilen aus 
dem Himmelblauen ins bleyfarbene (liuidus). Die 
Sarbe der Saͤckchen läßt ſich auch nicht aus der dunfeln 
Sarbe der Haare erklären : denn es ift öfters weiß, 
und umgiebe gleichwohl ein ſchwarzes Haar. Die 
Duelle der Farben ift alfo nicht hier in dem Körper 
der Haare, wie Kourneau mennte, fondern anders 
mo zu fuchen. Außer den Nerven durchlaufen dafı 
felbe überall Blut: und Pulsadern, welche zwar über: 
aus zart find, bey dem allen aber das eingelprüßte 
Wachs begierig genug in fich ſchlucken. Hieraus 

u nun 


7168Anatomie· > 
nun dunſtet ein geriffer zarter Liquor, der fich aber 


doc) etwas in Fäden ziehen läßt, in den überleyen 
Raum; und wird fichtbar, wenn man das Saͤckchen 
mit einer Nadel, die vorher mit einem feidenen Laͤpp⸗ 
chen forgfaltig abgewifcht worden, hinein fticht,, und 
es druͤcket: denn es ſchwitzt alsdenn eine Feuchtigkeit 
heraus, die meiftens weißgelblicht ift. Die Kraft der 


4 


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Nerven aber wird durch die Entzündung fichtbar ge« 


macht, welche, wenn man ein einzelnes Haar allein 


ausraufet, und dadurd) Die Haut reizet, fo gleich dar- 


auf entſteht: desgleichen erhellee folche auch aus der 

Wirkung, die das Auszupfen der Haare rıAmorg- 
xav, welches auch vom Aretäus von Cappadocien 
angepriefen wird, ben finnlofen Leuten hat, da dieſel⸗ 


ben dadurch wieder zu fic) ſelbſt gebracht werden, 


In diefem Saͤckchen nun iſt die Wurzel der Haare 
als in einer fchlaffen Kapſel eingefchloffen , ‚und fteige 
faft von unten an in demfelben herauf. Diefe erfenner 
man bey Haaren, die noch im beften Wachsthume 
find, an der Farbe und an dent ziemlid) ftarfen Zus 
rücftreben. Sie ift einigermaßen weichlicht; aͤußert 


ben dem allen aber, wenn fie leicht gepreft wird, ei 
nige Elafticität.: brauche man aber ftärfere Gewalt, - 


fo wird der ganze Knollen leicht zufammengedrüdt 
und platt, Jedoch iſt er allezeit härter, als die fluͤſ⸗ 


fige Gallerte, aus welcher Fourneau ihre Wurzeln, 


ich weiß nicht auf was Art und Weile, zufammenges 
-feßt findet. Man wird nicht Teiche zwo Wurzeln fin- 


den, die in Anfehung der Figur nicht fehr von einans 


der unterfrhieden wären, Indeſſen fheinen dieſe Ge⸗ 
fege der Nasur aus dem ungeheuren Haufen Beob⸗ 
* achtun ⸗ 


AR des menſchlichen Haares. 177 


achtungen einigermaßen" klar zu’fehn. "Die Knollen 
der längften Haare, die auf dem Köpfe, dem Kinne, 
‚der Achfelhöhle, der Schaam und den daran liegenden 
Oertern wachfen, find entweder ehfoͤrmig oder edliche, | 
Die Haare der Augenlieder und Augenbraunen find 
mit Wurzeln verſehen, die mehr hoͤckericht und rund 
oder Fugelförmig find. " Die kleinern Haare auf dem 
Dickbeine, Schienbeine, Arme und übrigen Kötper, 
‚welche man die Wolle nennt, haben mehr länglichte, 
duͤnnere, die nicht fo Deutlich von dem übrigen Koͤr⸗ 
pet der Haare unterfchieden find. Von den Naſen⸗ 
haaren ſind gar zu wenig Erfahrungen vorhanden, 
als daß man eine allgemeine Wahrheit daraus zie⸗ 
ben koͤnnte. Die Wurzeln aber werden an ven 
Ausgänge der Haare fait alle etwas dünner; einige 
viel, andere'wenig. Sie find auch in Anfehung der 
Figur und Größe überaus mannigfaltig : vergleicht 
man aber die Größe-derfelben mit der Sänge, oder 
Höhe und’ Dice, fo iſt fie faſt allezeit der Größe 
der Haare felbft proportionirt, Jedoch haben die 
Haare, welche durch die Länge der Zeit grau gewor⸗ 
den, meiſtens die Fleinften Wurzeln, ob es gleich die 





längiten find. ° * 
Wenn das Fichte zwifchen die Knollen und dag 
Vergrößerungsglas fällt, fo ficht alles weiß und glaͤn· 
jend, wie ein gereinigter Salpeter: diefer Glanz aber 
verſchwindet geſchwind, wenn der Knollen mit einer 
feidenen täppchen gelind abgemifcht wird.” Wird aber 
ber Knollen fo zwilchen Das Sicht und dne Miferucopse. 
ſtellt daß das erftere dirchfältt, fo wird ein varbinr: 

ausgefpannterfupferner D- ah ziemlich Deutlich dutch: 
zufeben feyn. Daß aber nicht der ganze Knollen leich 
13 Dand, M durch· 


/ 


Rz 


178 SUHR ae Ar —* 


durchſichtig iſt/ machen die unzaͤhligen fehr kleinen 
Kat befi ichen a as welch 
dunkeler als die peu une find... 
Der Knollen beſteht aus einen sroepfachen 7 
ang ; ‚einer äußern und einer, innern. Die äußere 
I ein aus vielen Plättchen, die ſich durch Schaben 
leicht von einander ſondern laſſen, beſte endes Haute 
hen. - Die von einander. gefonderten Plättchen find 
faſt durchſichtig, außer daß viele ganz, weiße Puncte 
darinnen find , Die ganz; und, gar Fein Sicht Durch, ſich 


laſſen. Bey einem; frifchen ‚Haare fpringen dieſe 


Plaͤttchen, wenn ſie geſpannt werden, geſchwind wie · 
der zuruͤck; bey einem alten und welken aber geſchieht 
ſolches nicht. Es laufen ſehr viele Aeſte von Ner⸗ 
ven, Puls: und Blutadern hinein, und verbreiten ſich 
allenthalben darinnen. Vielleicht entſtehen die ganz 
weißen Puncte durch das Zerſchneiden. Die Faͤ⸗ 
ſerchen aber, welche nach dem Chirac, bey den Thie⸗ 
ren aus der Haut entſpringen und unten in den Knol⸗ 
len hinein gehen, ſind bey dem Menfchen nicht vor- 
handen. Diefes Häurchen macht das Blaͤschen der 


Wurzel. Schneidet man diefes auf, fo koͤmmt die 


zwote Subftanz zum Vorſchene, welches ein Saft 
iſt, der zum Theil zaͤhe, und oͤfters mit fluͤßigen und 
luftigen Troͤpſchen vermiſcht iſt; theils auch aus Fa» 
ſern beſteht, die ſich, wenn der Knollen zerſchnitten 
wird, zuſammen krauſen. Einige von dieſen Faſern 

gehen bis an die obere Gegend des Knollens, wo⸗ 
Telbft. fie augenfcheinlich. enger- zufammen geben, Itzt 
beſagter Saft befindet ſich in den Zwiſchenraͤumen 


ihres Gewebes, indem ſie auf mancherley Art durch 
einander gewirkt ſind. Beyderley Rn: dee 


ag 





des menſchlichen Haares. 179 


Wurzel iſt ein Mark, welches der vortreffliche Here 
von Haller nach der gewöhnlichen Analogie ein jel⸗ 
‚lichtes Gewebe nennt. Liegt übrigens gedachter Saft 
‚etwas lange anı der Luft, fo entftehen darinnen glaͤn⸗ 
er Höhlchen: und lichte Huͤgelchen. Vermuth⸗ 

lich hat dieſer wegdunſtende Saft dem Chirac, als 
er folches geſehen/ Gelegenheit gegeben, hier ‚ein ges 
wiſſes drüfenhaftes Häuschen zu behaupten. Eben 
dieſer Saft macht es auch, daß der gepreßte Knollen 
‚platt. bleibe, und ſich nicht, wieder‘ in feine io: Sin 
hoͤhung begiebt u...) 

Auswendig ſind an dem ofen ar unten, Ahei 
le der Wurzel fünf „fedr felten-fechs Anhänge, die in 
Anſehung des Knollens, ſehr zart, durchfichtig, weiß, 
ſehr zaͤhe, und oͤfters noch ‚einmal ſo lang als der 
Knollen ſind. Die kleinſten derſelben find gerade, 
Die laͤngern aber auf mancherley Art geſchlaͤngelt: 
und dieſe haben ſehr oft an dem aͤußern Ende, wel⸗ 
ches nicht an dem Knollen haͤngt, ein dichtes Kogel. 
hen, das feſt angewachſen, durchſichtig und eben⸗ 
falls weiß iſt; es zerſchmelzt auch nicht, wenn man 
es nahe an eine, Flamme bringt. Außer dieſen An—⸗ 
hängen giebt es noch andere Fleine Hocer in großer 
Menge: welche aber nach Art der Zaͤhigkeiten bey 
der Wärme leicht zerfließgen , und wenn man nur mit 
dem Griffel darauf koͤmmt, ſich leicht wegſtreichn 
laſ en. —— 

— Aus dem Anterſten —— der Wurzel entfiche 
der Koͤrper der Haare mit einem rundlichten und 
ſehr weichen Köpfchen, welches: ich bey fünf Haaren 
durchbohrt gefehen babe, Aber aud) der. ganze Koͤr⸗ 
J der Haare ſelbſt iſt, ſo weit als er ſich unter dem 

M 2 Ober 


1 Anatomie 100 


Oberhaͤutchen (Epidermis) befindet, allezeit weiße, 
‚als der übrige über das Dberhäutchen hervor rag * 


de Theil’ der Haare." In dem Koͤrper der Ha 


aber felbft koͤmmt, was die, Structur anbetrifft, fol. 
gendes dreyes zu bemerken vor : 1) der äußerliche 


Ueberzug ; 2) die innere Roͤhre; 3) das innerfte 


Mark. Und nunmehro ie von jenweben beſonders 
werden. — — ——— 


* Lu 


"Die Haare ift, gleich wo fie aus dem Knollen hei, 


‚ai koͤmmt, mie dern Häuschen des Knollens, wel 


ches hier meiſtens ein ſehr kurzes Roͤhrchen macht, 


genau: umgeben. Mit diefer Röhre ift fie ungefähr 


eine Linie lang’ offenbar umgeben, und durchbohrt bey | 


weiterm Fortgange entweder bloß die Haut, oder ein 
Nervenwaͤrzchen⸗ oder ‘aber ein Schleimdrüschen, 
Ceſicala ſebacea) oder endlich bloß das Oberhaͤut⸗ 
hen. Das von dem vortrefflichen Boerhaave 


fo genannte Scheidchen welches von der Haut hin · 


zu koͤmmt, zeige ſich nicht, Daß ſie aber von dem 
Oberhaͤutchen ein Futteral bekoͤmmt, iſt augenſchein · 
lich; jedoch iſt es nicht uͤber zwo Linien lang, und 
macht die bey ihrem erſten Anfange weichere Haare 


feſt durch feine Teocendeit. Die übrige Schale 


des ganzen Stammes ift von ihrer Art, durchfichtig, 
am meilten in der Spige, denn anderwärts find tn. 
‚glaublich fleine und dunflere Winden: ferner fcheine 


auch ein fehr fchöner Gang durch, wovon hernach 
geredet werden foll. Die grauen Haare, welche je 


doch aber nicht flecficht oder gelb find, werden, wenn 


man fie in Waſſer einmeicht, fo durchfichtig als die 


ar Haare, welche faft alle Kinder haben. Bey 


aaren von Kindern ift die Schale weich; bey er⸗ 
wach · 


Rh 





des menſchlichen Haares. 18 


achfenen ‚geuten hingegen ‚fo. hart, daß es recht 
ppt, wenn ‚man fie zerſchneidet. Sie iſt ſehr 
elaſtiſch, und wenn ſie abgeſchabt wird, ſo rollen ſich 
nicht nur die Stuͤcken derſelben ſehr gefchiwind zuſam · 
men; ſondern ſie loͤſet ſich auch, wenn eine Haare 
quer durchgeſchnitten wird, von der neuern Subſtanz 
etwas ab, und zieht ſich — ſo, daß dieſe Sub⸗ 
ſtanz hervorragt. Bey den laͤngern Haaren aus 
der Naſe it die Haͤrte und Elaſticitaͤt am größten 5, 
nad) diefen fommen die Haare an, der Scham ; hier⸗ 
auf die Haare im Barte, die Haare unter den. Ach⸗ 
fen, die Kopfhaare u. ſ. La Dieſe faft hornichte: 
Schale bleibet, auch unter freyem Himmel, über hun» 
dert. jahre ganz. Ja bey demjenigen Körper, Der 
im fechszehenten „Jahrhunderte „auf der, appiſchen 
Straße ausgegraben worden, ‚find die Haare über» 
saufend fuͤnſhundert Jahre unperdorben — Ü 
entweder dieſes find Die Ueberbleibfel des Leichn 
der. Lulliolg. des Kicero Tochter , oder der Pr 
la, deren Statius mit $obe gedacht, geweſen. Di 
Schweißloͤcherchen aber, welche, wie Poʒ ʒio von den 
Sauborſten ſaget, dieſe Schale wie ein Sieb mar 
chen, parallel laufen, und ſich mit der Höhe vermin⸗ 
dern, find ‚bey der menfehlichen ‚Haare nicht vorhan · 
den. Es iſt auch fein: faferichtes Gewebe da, wel ⸗ 
ches die Schale umgaͤbe, und deffen Loͤcherchen ge⸗ 
nau auf beſagte Schweißloͤcherchen traͤfe, wie Poz⸗ 
zio von den Sauborſten ruͤhmet. Denn die an der 
menſchlichen Haare, vornehmlich von dem Kopfe, 
ſich zeigenden eingedrückten tinien, oder Furchen, wel⸗ 
che der Herr Baron von Wolf gefehen,, find nur 
leichte Eindrücke, die von den Dünnern Haaren, - 
M ie 


Pr 
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fie auf den groͤßern gelegen in die dochgkett enge ii 
die Schale überfchmiere wird, gemacht worden. Die 
Locherchen aber, welche man öfters fieße,berben offenbar’ 
von diefem ausdinftenden Safte, wovon auch zuweilen 
leere Gruben entftehen, gemacht. Daher werden 
auch die aͤſtichten Faͤſerchen, welche, wie Derbeyen, 
Blancard und andere anführen, wie Baͤumchen 
durch die Schale Taufen), vergebens gefücher, Die 
Farbe der Schale fetbft iſt weiß; auch fo gar bey 
dunkelbraunen Haaren : Bey fehr fehwwargen Haaren 
ſieht man darinnen ſchwarze Streifen. Alſo ſteckt 
eigentliche Farbe der Haare nicht in diefer Schale, 





gZunachſt unter ig Schale laufen nach der ganzen. 
A. der Haare hin ſehr zarte und elaſtiſche Röhre 
chen, die nicht fo durchſichtig als die Schale ſind. 
= find an Farbe’ ein wenig dunkler als die Farbe, 

pr: wi Haare iftz jedoch etwas heiter, als die 
Farbe der innern Subſtanz. Sie zeigen ſich, wenn 
man die Haare zerfchneidet, niemals Hohl, fondern 
allezeie dicht und ausgefülte: Sie find, fo viel als 
die abnehmende Dicke der Haare erlaubt, parallel an 
einander gefuͤgt. Zumeilen habe ich bey einer Kopf⸗ 
haare ‚fechfe, bey eier Haare aber von er Schaam, 
und" bey: einer von den großen Naſenhaaren fuͤnfe 
zählen können. "Allein außer dem Räume, welcher 
zum Marfe. gehört, ift noch einer übrig, darinnen fich 
nicht alles völlig unterſcheiden laͤßt und man kann 
ohne Furcht einen Irrthum zu begehen, fagen, daß 
die ganze Haare aus zehn Roͤhrchen beſtehe. Ob 
dieſe Röhrchen aber in einem einzigen Kreiſe, oder in - 
— IR Kteifen berumftehen, laͤßt — 9 


N 


Is 


des menſchlichen Haares. 183 


ba mai nice all gleich und auf einmal überfeßen 
an cwiß | agen. g 
An find unter fi ch und mit der Schale, | 
ums ah RU umgiebt, durch ſehr viele uͤber⸗ 
aus jarte Querfaͤden verbunden, die elaſtiſch, dunkel, 
ügermaßen durchſi chtig ſind, und nicht immer in 
leicher Weite von einander abſtehen. Wenn die 
Spiße der Haare gefpalten ift, fo find dieſe Fäden , 
zetriſſen. Von dem Urſprunge derſelben ſoll gleich 
hernach geredet werden. 
Die obgedachten Röhren, welche vermittelt dieſer 
Fäden mit einander ‚verbunden find, formiren in der 
Mitte, längft der ganzen Haare hin, die Spiße aus⸗ 
genommen, einen ausgehoͤhlten Gang. Diefen Gang; 
Fann man nicht bey allen Haaren in einem Stuͤcke 
fehen, fondern. er wird in vielen Haaren durch öfters. 
darzwifchen fommende Knoten oftmals unterbrochen, 
und fo verdunfelt, daß man ihn von dem übrigen. 
Körper der Haare nicht. unterfcheiden kann. Bey 
krauſen und gedreheten Haaren macht er bald die mit · 
ul Achſe der Haare aus, bald (d berühret er, indem . 
er zu wiederholten malen von der Mittellinie abwei⸗ 
het, die Schale. Der Durchſchnitt deffelben ift viel 
kleiner, als der Durchſchnitt der ganzen Haare. Der 
ere iſt allezeit zum winſgſten achtmal kleiner, als 
letztere. 
ee ift er ganz, voll: ſolglich fü nd die Haare, 
| Ian hohl, aber nicht fee. Er iſt aber mit zweyer · 
er erfuͤllet; mit einer — — ERS, 
en, welche aufammen, das Mark ausm 
"Die erfte Hüßfge Materie ift etwas zähe, und (äße 
ſich oftmals zu Faͤden ziehen; jedoch) find viele kleine 
M 4 Kuͤgel⸗ 








184, Kia 8 Anatomie 9 Erg —* 


Kuͤgelchen, oder luftige und glaͤn mb ehe di 
meiltens, nachdem man fie zu Ge ichte befommen, ze 
fpringen, damit vermifcht. _ Dieſes iſt der wi —* | 
Sitz der Farbe in der Haare. In ſchwarzen Haa· 
ven iſt fie ſehr ſchwarz, und in helle ſchwarzen nicht. 
fo ei Die andere feite Subftanz iſt ein Ge⸗ 
webe von ſehr fubtilen und glänzenden 
aus dem Körper des Knollens ſelbſt entſpringen. Sie, 
laufen kreuzweis uͤber einander, hin, und formiren ein. 
Netz: daher macht das feuchte Troͤpfchen, welches 
zuweilen in einem ſolchen Loͤchelchen haͤngt, eine Arc 
eines Plätechens oder Haͤutchens. Uebrigens wer⸗ 
den die horizontalen Plaͤttchen, welche die Haare eines 
Igels erfuͤllen, bey dem Menſchen nicht gefunden. 
DBeyderlen Subſtanʒ fuͤllet eigentlich den mitteiſten 
Gang aus: jedoch nicht einzig und allein; ſondern 
ſie wird vielmehr von den Roͤhren ſelbſt unterbror. 
chen, und formiret Die. Faden, wodurch bie Roͤhren 
mit einander verbunden ſind. Wenn alſo dieſe Sub⸗ 
ftanz vertrocknet, fo fpaltet die Spiße auf: ‚daher, 
ſperret fich diefelbe bey der Wolle, bey den Augenlies 
dern, Augenbraunen und Nüfenhaaren fehr felten,, 
bey den Haaren auf der Schaam und unter den Ach» 
fein nicht fo felten, "oft aber bey den ———— wel· 
ches die längften find, von einander,  .., 

"Da alfo das Mark von Natur feuchte if da * 
— als die Haare iſt, und den unter dem Ober⸗ 
häutchen hervorbrechenden faftigen. Theil enthält; ‚da, 
end ich fich daffelbe ſchon in dem Knollen zeiger: ſo 
bielt Leeuwenboek faſſchlich dafür, daß es nur eine 
PN von Marke Ei und ‚von. * Vertrocknung ent⸗ 
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des menfchlichen Haared. 185 - 


* 
‚Die äußere. Flaͤche der meiften Haare wird durch 
viele überragende Theiichen,, deren zumeilen bey einer | 
Portion, von, einer Haare, die nicht über zwo und eine‘ 

rheinlandiſche Linie Lang. ift, acht. und zwanzig gezaͤh⸗ 
let werden, uneben: gemacht. Ein Theil derfelben, 
der mancherley Figur, hat, iſt fo helle wie ein Glas, 
und ‚bleibt von dem-mehlichten Staube in.den Haupt: 
haaren zuruͤck. Den von den kleinen Schuppen des 
Oberhaͤutchens übrig gebliebenen Theil, befümme man: 
öfters. bey. der Wolle: zu ſehen. Die, dritte Gattung 
iſt sähe und kugelfoͤrmig, zerfließt bey den Kopfhaa⸗ 
ren, wenn man ſie an die Flamme eines Lichtes bringt, 

und, ſcheint bey den Haaren unter. den Achſeln ſehr 
dicke. Die vierte Gattung begreift, verſchiedene uns 


| 

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gleichartige Unreinigfeiten, Safern, Plättchen, Flecken, 
die aus der Luft drauf gefallen ſind, unter fi. 
Wenn man .diefes alles abwifcht, fo; iſt Die Ober⸗ 
fläche.der Haare ‘glatt: und rund : außer daß bey den’ 
Haaren unter den Achfeln und auf: der Schaam viele 
derfelben auf mancherley Weiſe gefrümmer und ge» 
drehet find, bald. Hohlfehlen, bald. Schneiden haben, 
und folglich geftreift oder eckicht ausſehen. &o find’ 
ohne Zweifel diejenigen geweſen, welche Bartholin, 
Spiegelund Barbette viereckicht genennet haben. 
Sie laufen bey der Spitze fo duͤnne zu, daß die fleis 
nern an den Yugenbraunen, in der Naſe, u. f. f. faft 
fegelförmig find... Zumeilen befinden ſich bey einer 
gelpaltenen Haare, außer ‚vorbefagten Unreinigkeiten, 
einige abgeriſſene Stüce, welche von denen, die nicht 
aufmerkſam genug geweſen, fuͤr eine Art von Aeſten 
gehalten worden: bringt man aber mehrere derſelben 
vermittelſt einer Zange zuwege, fo; verſchwinden ſo⸗ 
aschlot M 5 gleich 


Fi die Cinbiliüngen von den Aeſten, BR 


len taufend Haaren, die ich vor das Microfeop ge : 
bracht, habe ich nur wiere, wo ich mich recht erinnere, 


fo. ſind es gewiß nicht mehr gewefen, knoticht gefehen, 
Die’ Knoten find alſo nicht unter die natürtichen Bes 


er 


fchaffenheiten der Haare zu rechnen; fonderhtoie oe 


unfer berühmter Here von Haller ganz recht geſagt 


hat, entweder Fehler des Beobachters, oder Kranke, | 


Ben BO —97 
Die Krãuſelung der Sadre ift dreyerley: entwe· 


ber ſie laufen in einen Ring zuſammen, oder aber ſie i 


machen Schneckenlinien, oder aber’ fie find geſchlaͤn⸗ 
gelt. Die Haare unter den’ Achſeln und auf der’ 
Schaam find‘ auch bey denen‘, welche fein“ Fra 
Haar auf dem Kopfe haben, meiftens lockicht. 


groͤßern Haupthaare ſind nur zuweilen am Ende Ä 


Eraus, weil Die Laͤnge und Schivere derſelben der, 


Beugung widerſteht. "Die kleinſte Wolle aber be⸗ 
wahret die Kraft, welche die Saͤfte nach geraden gi⸗ 


nien treibt, und in einer geringen Lange nicht viel 
gebrochen wird, vor der Zuſammenkruͤmmung Die 
vornehmſten 5*— Urſachen der ſtarken Kraͤu⸗ 
ſelung ſind die Waͤrme, das Temperament, und eine 
Hinderniß, die der Haare, welche aus der Haut her⸗ 
aus gehen will, entgegen ſteht. Die Kraͤuſelung 
nimmt nach Proportion ab oder zu, als die Haare: 


nafß. oder trocken werden : die Haare find alfo gewiſſe 
natuͤrliche Inſtrumente, welche die Feuchtigkeit der 
Luft anzeigen, und find auch zu Hygtometern nicht 
ungeſchickt. Spiegel hat beobachtet, daß die Haare 


nn 


ne - = 


der Schaam bey den Weibern Fraufer, als beyven 


IL 


Jungfern find?’ und wenn dieſes gewiß iſt, ſo es : 


des menſchlichen Haares. 197 
ſolches von dem Alter der meiften Bereicathete Mei: 
bes erfonen, und von dergleichen das Temperament 
ändernden Urſachen, Herjuleiten zu feyn. 

Mit der Sänge ver Haare verhält fichs in diefen 
und den benachbarten Ländern nach folgender Ord⸗ 
nung: die erften find die Haupthaare, hierauf folgen 
der Bart, die Schaam mit den daran liegenden Theis 
len, die Haare unter den Achfeln, die Haare um: die 
Warzen der Brüfte herum und auf der, Bruſt der 
Mannsperfonen, an den Füßen, an den Armen; bier» 
auf Die Augenbraunen, der Augenlieder, die Haare 
in der Naſe; alsdenn die übrige Wolle " Das 
Haupthaar, welches bey den Weibesperfonen länger, 
als bey den Mannsperfonen, ift in diefen Sändern fell» - 
ten über eine Elle lang. Denn das Haar, welches 
ein gewiſſer Mann von adelichem Stande und Amte 
in dem‘ Fuͤrſtenthume Minden hatte, und welches 
zwo Brabanter Ellen lan war, iſt etwas ſehr ſonder⸗ 
bares und außen "Die Haupthaare wach · 
ſen hrlich ungefähr. auf vier‘ vheinfändifche ‚Zoll, 

as größte Gewicht.derfelben beläuft fich, wenn fie . 
nicht mit Pomade eingeſchmieret worden, auf unge⸗ 
zehn gemeine Unzen: ein ganzes Pfund aber 
hat Herr Wideburg. Die groͤgte Laͤnge des Bar- 
ei eine und ein Vierthel Brabanter Elle. Die 
größte Sänge'der Haare an der Schaam einer Wei- 
besperſon wär fo groß, daß ihr diefelben bis unter die 

ie herunter hiengen. Die Haare unter den Ad}. 
fein. waren bey einen Bauer aus dem Blßthume 
le A) theinländifche Zolle lang. | 

nge,der Haare iſt in verfchiedenen Thei- 
len Wr; 2 mancherley. Ich habe daher fo viel 
gezaͤh⸗ 


— 


J 


138 Aunatomie ae 


gerähet, als, auf einem Kaume * Mr den, 
welcher ein Vierthel eines rheinlaͤndiſchen Zolles 
war, und die verſchiedenheit der Zahl Nö, 
tie folgende Tabelle anzeigt.., Auf. 


der Scheitel El —— * Y 
dem Hinterhaupte — — — 
dem Borderhaupte nm 
Dem Rinne). 7 14. 6 
der Schaam BEE EEE — 34 
dem Borderarme: 0 min 
dem Knochen der Bunel des kleinen NCnd tn 
Fingers ne 416 n 
Dre vordern Släche des es Diekbeins aß 


Die größte Menge der Haare war alfo ben dies 
ſem erwachſenen Menſchen, der nur mittelmaͤßig haa · 
richt war, auf der Scheitel. Nimmt man nun die 
kleinſte Zahl, welche 211 ift, i in Die Kechnung, fo kann 
man , wenn man die mit Haaren bewachſen⸗ Fläche 
des Kopfes ausmißt, ungefähr wiſſen, wie viel Haa« 
re auf der, ganzen hintern und obern- Gegend des 
Kopfes zum wenigſten ſeyn muͤſſen. Viel jahlreis 
cher aber muß nochwendig das Haar geweſen ſeyn, 
womit ein gewiffer Tartarus fo bewaffnet war, ‚daß 

er ſich nicht nur vor aller, üblen Witterung; fondern 
auch. vor den Pfeilen befchügen koͤnnen, wie Bus⸗ 
bec, ein Mann, deſſen Andenken zu verehre n iſt, 
glaublich macht. So mie aber ihre ange nicht ei⸗ 
nerley iſt, ſo iſt auch die Menge derſelben nicht alle⸗ 
zeit gleich, ſondern wird durch mancherley Zufaͤlle 
bald vermehrt, bald vermindert: denn man ſieht 
—* ſelten Weibesperfonen, bey ‚welchen. ‚der — 

druͤckte 


— 


des menſchlichen Haares. 189 
druͤckte Monatsfluß durch Feine andern Ausfuhrun· 
‚gen  erfegt wird, mit Bärten; wovon ſchon Hippo⸗ 
krates Erempel an der’ Phernfi,, des Pytheus 
Gemahlinn, und der Namyſia, des Görgippus 
Sean, anführe. 

» Der Durchſchnitt der Bar iſt na der Ber. 
ſchiedenheit des Ortes ind der Farbe auch verſchie— 
den.“ Aufreiner Fläche, die ic) den vierten Theil ei, 
nes Zolles gleich machte, zählte ic) —— we * 


— ſtunden, und fand 
3 BOHREN) i 
‚von den ganz (hwerjen St; monde 
„von den braunen... ustPis karlaseir®, ah 162 ., 
‚von den weißgelben sr rin 


Folglich ift diefen Crfarungen * Durchſchnitt ve 
Kopfhaare nicht, größer als. +45 Des vierten: Theils 
eines rheinländifchen. Zolls. Der Durchſchnitt des» 
jenigen Ganges, welcher. mitten durch.die Haare nach 
der Sänge hinlaͤuft, ift zum wenigſten achtmal Fleiner 
als der Durchfchnitt der ganzen Haare: folglich hat 
der Durchſchnitt diefes Ganges höchitens des 
vierten Theils eines Zolles zu feinem Maaße. Uebri⸗ 
gens ift auch der Durchmeffer der Haare nach der 
Verſchiedenheit des Ortes, worauf fie fich befinden, 
verfchieden. Die dickſten find auf Der Schaam, als» 
denn fommen der Bart und die Haare unter den 
Achſeln; hierauf die längern Haare in der Naſe und 
die Kopfbaare ; nachgehends die Augenlieder und 
‚ Augenbraunen ben erwachſenen Perfonen. Allein 
bey diefen habe ic) mich des erftern Maaßes nicht be- 
dienet. Endlich fo hat auch jedwede Haare nie 
allenthalben gleiche Dicke. 
| Bon 


\ 


490 Kir} il Alnatomie nt 300 


Von der Härte iſt ſchon etw Bu werben Sie 
üben hauptſachlich von der Schale; her , und iſt in 
—— ap sp en —5 


= den. ah der „Kinder; bey Pännern,itifie, 
‚größer als bey Weibesperfonen. Jedoch habe ich 
Kopfhaare ‚vom, einem ——— geſehen, wel⸗ 
"che ſchon vor einigen Monaten, vom: ‚Kopfe, abge⸗ 
ſchnitten waren, und bey dem allen, als man ſie in 
Bimbelchen zufammen gebunden, bh Man damit 
vieb, wie Schweinsborften raufiheren. Die Alten 
hielten — — welche ein hartes — * Haben, für 
— u Me A DE HN 5} udn! 9) * ih: bins? 
— membra güiden et. a per" brachia 
NDLD s "0 Setae ap 9 
Promittint atrocei nimm ; mn ee.) | ar 9 

— rn min Bu ie ——— 
—92 vi i vs H 1 ar & 
Die Stärkeumd Seftiafeit der Haare;, oder das 
Yufam amenhaͤngen ihrer Theilchen zeigen folgende an 
den ee angeftellte Verſuche in etwas an. 
Das hierbey angezeigte Gewichte ſind gemehne: "Sorge. 


Eine Kopfhaare von 5 Br in der 308, ‚ ehe 


fie, Berti, * OR) u 
An liege 1 4 Es win‘, 
— 12 — ’ Be i J | 
di BE u — 4 5 





des menfchlichen Haares. 191 


folglich kann jedwede Haare leicht vier Loth tragen. 
‚Wenn ‚man ſich nun Die Anzahl der Haare auf dem 
Kopfe vorſtellt, fo wird, man ſich in.der That über 
die erftaunliche Stärke der Kopfhaare ‚eines Mens 
fen, deſſen Bartholin gebenfet, und welcher einen 
‚eifernen Ambos von vier Hundert Pfunden mit den 
Haaren feines: Hinterhaupts fort: bewegte, nicht fo 
gar. fehr. verwundern. Daher haben die Alten die 
Kopfhaare der Weiber zuweilen anftatt der Seile, zu 
den Steinfchleudern und andern, dergleichen Kriegs- 
inftrumenten ‚ zuweilen aud) eine Floͤße damit fortzu⸗ 
ziehen, gebraucht. A arnud e 


In der Kindheit iſt die Farbe der Haare li 
und glänzend ;. in dem maͤnnlichen Alter wird fie 
Dunkler ; im hohen Alter verfchwindet fie gänzlich, 

und es bleibt der, feiten. Subftanz. die Weiße des 
Schnees übrig. , Die zarte Wolle wird langfamer 
als die übrigen Haare, die Haare der Schaam 
aber gefchwinder als die Kopfhaare dunkel. Die 
Bewohner Falter Himmelsſtriche defommen lichte, 
die aber „ unter ‚warmen Himmelsſtrichen woh— 
nen „.. befommen, fhmarze Kopfhaare. Die abge» 
riſſenen Stüden der Schale von einer ganz ſchwar ⸗ 
zen Haare zeigen ſich offenbar mit ſchwarzen Strei⸗ 
+ fen: „woraus abermals. erhellet, daß der Saft des 
Marfes bis zur Schale gelange. Lionel Wafer 
bat an den. Haaren der Einwohner des americani 
ſchen Meerbufens eine Milchfarbe an den Haaren 
bemerfet. Grüne Haare, welche, außer ben denen, 
die in Kupfer ‚arbeiten, rar find, haben Borell, 
Bartholin und Hanneus geſehen. Ich ‚babe 


einen 


192 Na‘ | 
einen juhgenMenfhen gefehen)beffen Ropfhaare am 


rechten Siiläfe gelb, am linken: grau, und an den’ 
übrigen Oertern des Kopfs dunkelbraun waren: er 
hatte dergleichen. Haare ſchon von feinem neunten 
Jahre an gehabt. Daß die Haare, vornehmlich die 
Kopfhaare, öfters in wenig Stunden ſich aus einer 
geden 'andern Fatbe ins Graue veraͤndern lehren &f- 
empel. Ordentlicher weiſe kommt das Graue meiſtens 
an den Schlaͤfen, alsdenn an dem übrigen Kopfhaa. 
re, nachmals an den Augenbraunen / weiter ben den 
Augenliedern und Naſenhaaren, zum Vorſcheine; 
und zuletzt koͤmmt es an den Bart ‚die. Schaam und 
an die Haare unter die Achfeln. Kraufe Kopfhaare 
werden fpäter' grau als die geraden. Bey jungen 
Leuten find zwar’ oftmals Büfhelchen" Haare, vor 
nehmlich auf dem Kopfe grau; ein voͤllig graues Haat 
aber iſt bey ihnen fehr rar: jedoch wird es zuweilen 
gefunden. Ein Exempel hierbon iſt Ludewig det 
neunte König in Ungarn, welcher achtzehn Jahre alt 
gemwefen, da er ein ganz graues Haar gehabt? es iſt 
aber bey ihm auch alles frühgeitiger, auch der Tod 
ſelbſt, denn er ift nicht alt geworden, 'gefommen. Es 
iſt nicht nicht alles Graue fo felt, daß es nicht wieder 
abgienge ; denn außer dem, daß viele Thiere im 
Winter grau werden, ihre natürliche Farbe aber den 
Sommer über wieder befommeir, fo gedenft auch 
Donat eines gewiſſen Rathsvermandten, deffen Haar 
vom Alter grau geworden, jedoch zülege eine grͤn. 
gelblichte Farbe von fich ſelbſt wieder an ſich genom⸗ 
men. Eines andern Mannes von fünf und fünfzig 
Jahren, der den Krebs gehabt, "und deffen graues 
Haar, nachdem der Krebs ausgefäjnitten und en 
4 * gehei⸗ 





¶ des mieifehlichen Haares 199 - 


geheilet worden‘, wiederum ſchwarz geworden/ führe 
| der Herr Graf von Garaye an. | 
Einige Haare werden, weil ſie der Menfch mit 
| aufdie, Welt bringt, auryryevass genennet, und find 
die. ‚Kopfbaare, die Aılgenboauneit; die Augenlieder 
und viele aflenehalben befindliche fehr zarte Wolle, 
die. nachmals ausfällt, ‚aber zur Zeit der Mannbar⸗ 
keit wieder waͤchſt; jedoch wegen dieſes Ausfallens 
vom Verheyen mit Unrecht fuͤr unvollkommen ge⸗ 
halten wird: weil fie gleichwohl in Anſehung ihres 
Baues von andern nicht unterſchieden iſt.· Andere, 
die erſt nach der Geburt. bey dem Menſchen wach⸗ 
ſen, werden oͤsego Yereis genennet, und find Die Haas 
re in der Mafe, im Gefichte, in den Ohren, unter 
den Achfeln, auf der Bruft, sum die Warzen: der 
Brüfte herum, auf der Schaam, auf der Geſaͤßnaht 
dem Hodenfakfe, dem Hintern, dem Dickbein, dem 
Scyienbeine, den Zehen „ der Schulter, dem Elfen 
bogen, den Fingern ‚und vielen andern Theilen. 
Manga Kite, ‚mit unregee auf dieſe Unterſchei · 
dung. 
Es iſt ihre | felteneg, daß A100 Haare in einem 
Schweißloche ſtecken; von dreyen aber fieht man es 
faft niemals ‚wo es nicht auf dem Kopfe ift. Je⸗ 
doch Stecken, wie der Herr von Zaller ganz recht er⸗ 
innert, die meiſten einzeln in einem eigenen Loche. 
Die Haare haben bey ihrem Ausgange aus dem 
Oberhaͤutchen nicht nur alle eine ſchraͤge Richtung, 
ſondern ſind auch an verſchiedenen Oertern, nachdem 
es ein gewiſſer Endzweck erfordert, bald nad) dies 
fer, bald. nad) einer andern — gerichtet. 
13 Sand. N Die⸗ 





194 Anatomie des menſchl. Haares. 
¶Dieſes iſt nun die anatomiſche Hiſtotie der Han 
1; ; jedoch ift es nunseigentlich der Kern davon; und 
hierauf habe ich, nachdem ich fierendlich durch viele 
Geduld. zur Gewißheit gebracht, eine P Phnfiologie 
der. Haare gebauet, welche: bereits feitseiniger Zeit 
zum Drucke fertig iſt. Allein ich legefie bier nicht vor, 
weil fie fich ſchwerlich in einen engern Raum brin⸗ 

gen läßt. Was aber die Urfache ift, daß bey dem 
- männlichen Gefchlechte der, Bart und bey beyderley 
Gefchlechte die Haare unter den Achfeln und auf der 
Schaam erftlich zur Zeit der Mannbarkeit hervor ⸗ 
kommen, habe ich in der Abhandlung von den Ver⸗ 
ſchnittenen/ die nunmehro dem Drucke uͤbergeben 
werden ſoll, bereits aus hierzu noͤthigen Gruͤnden 
—— und ins —* Lu * re — | 





A — J 195 
u — 
er | IV. m. * 
dedann Gottfried Zinns mi 
— 


Berhirtungn des kleinen und 





großen Gehirnes. 


Aus dem ILB. der Comment. Gotting. 4316, 


n% habe nunmehro zum. andernmale eine Bere 

härtung des Fleinen Gehirns bey Kindern, . 
bey denen die Fugelförmigen Drüfen (glan- 
dulae conglobatae) verftopft gewefen, gefeben. Die 
erſte habe ih vor drey Jahren bey einem folchen 
Kinde von der Größe einer Hafelnuß gefehen: biera 
von aber ift feine. genaue Befchreibung vorhanden, 
Die andere Beobachtung iſt dieſe. * 
Auf der linken Seite war eine Portion des kleinen 
Gehirns, die zum wenigſten zwo Unzen ſchwer gewe⸗ 
| fen, zu fünf verhärteten Geſchwuͤlſten von verſchiede⸗ 
ner Größe geworden. Diefe Gefchwülfte hiengen uns 
| ter fich zufammen, waren etwas hart, gelb, und ver» 
| härteten £ugelförmigen Drüfen fehr ähnli In 
einigen Orten war noch eine Spur von rkel⸗ 
kreiſen der aͤußern Subſtanz des Gehirns uͤbrig, die 
| an andern Orten gänzlich verfchrunden waren, fo 





dag die Mafle einformig und nicht mehr organifch 
N 2 war. 


196 Bon Verhaͤrtung des Sehen 


war. * Das duͤnne Hfenhährtheh , welches Hoher 
verhaͤrteten Subſtanz ſehr leicht abgeloͤſt worden, 
ſchwimmt in der Fluͤßigkeit, worinnen es aufbehal: 
ten wird/ fren; in der Mitte aber hieng eine ſehr dir 
cke Verhaͤrtung ſolchergeſtalt an der harten Hirn⸗ 
haut, daß fie kaum ohne eine Zerreißun weggenom⸗ 
men werden konnte. Die daran liegenden Rh 
des duͤnnen Hirnhaͤutchens waren ſtark mit Blute er⸗ 
fuͤllet Alle zuſammen geſetzte Diiifen | des (2 

pers waren, fo nd Nr mid) gern" FEINEN m fan, ehr 
geſund. 19453 


4 ‚ 
% 


Diefen waren andere drey Verhaͤrtungen ich | 
unaͤhnlich die ich bey einer erwachſenen Weibes 
ſon in der aͤußern Subſtanz des Gehirns ne er 
einen Seitenknochen (Os bregmatis) beobachtet babe, 
and Deren jede faft die Größe“ eine rn Muſcatennuß 
hatte. Die verhaͤrteten Theile wären mit der har⸗ 
ten Hirnhaut, die dafelbft viel dicker war, fo sufanie 
men gewachfen, daß fie nicht davon abgeſondert wer⸗ 
den konnten. Der Seitenknochen ı war an dieſem 
Orrte fo dünne, wie ein Papier geworden, und ſo nach 
ihrer Form ausgehoͤhlt, daß ſie darinnen * in | 
Grube (Sinus) lagen. Re 





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von den 
einen Eighergen 





\ Sy ir ofen Ben Wndet die et und wan 
betrachten, wie ſich das Eis durch Die 
Kunſt Herborbri ingen laſſe; um zu feben, 
" wit dadurch nicht etwan auf die Spuren geleitet 
werden, die ung zeigen muͤſſen, wie die Natur ſelbſt 
Bierinne zu Werke gehe: da diefe fich nicht ſelten eis 
nerley Mittel zu bedienen pflegt, um einerley Abfich« 
gen zu erreichen. > Es iſt befannt, daß der unermüs 
dete Fleiß der Naturforſcher unter" einander entdecket 
hat, daß das Waſſer in einem Glaſe, wenn es gleich 
in einer warmen Stube ift, durch Schnee, Salpeter 
und gemeines Kuͤchenſalz koͤnne in Eis verwandelt 
werden. Wir wollen die Worte des Latinus Tancre⸗ 
W bus von dieſer Erfahrung ſelbſt anführen Wenn 
Ana 1 Solpeter und Schuee mie einander vermiſchet, 
— 5— * NE pe ur KA 


* ‚Lib. 3. de Each, et er t. Reh, 27. At vero wi nitrum 
4 niuemque vna mifcueris, mox phialam cum. {ale nitro 
et niue ‚permiztis agitaueris: jam aqua. in phiala « con- · 
tenta non folum frigidiffima, —— ‚ed etiam durs 
“ala He N: Y 






198.’ Sortfegung 


„und ſchuͤttelt darnach das Glas mit dem Schnee und 
„dem Salze; fo wird das Waſſer im Glaſe nidyt nur 
„fehr kalt, fondern gar zu hartem Eife werden. „„ Wolfe 
gang Hildebrand Lib.4. Magiae Nat. bedient fic) bey 
diefem Verſuche eines Stück Eiſes, welches auf dereie 
nen Seite dergeſtalt glatt gemacht iſt, daß es bequem 
auß einen Tiſch gelegt werden kann, auf welchem er 
zuvor ein wenig Salz geftreuet; und alsdenn derfis 
chert er, daß ſolches Stück Eis dergeftalt feft an den 
Tifch friere, Daß es ſich kaum mit großer Mühe wie» 
der davon wegreiffen laſſe. Ich will nur noch an« 
ftatt aller überflüßigen: Beweife ‚den Ausſoruch eines 
Thomas Bartholin hier anfuͤhren; Wenn man 
„den auf dem Tifche zerfchmolzenen Schnee mit ge⸗ 
„meinem Küchenfalze vermiſchet, ‚fo wird er fo feſt 
„an. den Tiſch frieren, daß er. nicht ohne große Muͤ⸗ 
„be, Davon weggebracht, oder. wieder aufgeloͤſt wer⸗ 
. „ben kann „ *. Eben dieſer berühmte Mann: er» 
zählet, daß der: Herzog von Mantua vor einigen 
Jahren ein geheimes Pulver, ‚welches das Wafler 
auch micten im Sonmer. in ſehr kurzer Zeit in Eis 
verwandelt, beſeſſen habe ; und er glauber, daß dafs 
felbe aus Salz und Salpeter müffe gemacht gewefen 
ſeyn. Einen gleichen. Berfuch ſieht man auch: bey 
dem Cabeus, Lib. 1. S. 46. 2. 3. welchen Bartholin 
auch ohne alle Beweiſe für glaubwuͤrdig hält. Und 
alſo haben wir geſehen, wie dieſer Verſuch von den 
gelehrteſten Maͤnnern angeſtellt worden. * 
„ER ON NET A ‚Hier 
_* De vfu Niuis cap. 6. Niuem in menfa Pe fi 
“fali communi iunzeris, tam arete inter fe et menfam 
" compingitur, vt fine ingenti conatu haud feparari pos- 
fit aut inde diflolui. TER 


von den islandiſchen Eishergen. 199° 


Hier koͤmmt aber num die Frage, wie das Salz 
und der Schnee durch den Körper des Glaſes, deffen 
fi) doch die Chymilten bey dem Diſtilliren der fub- 
tileften Spiritus: vornehmlich bedienen , in das dar: 
inne enthaltene Waſſer wirfen fünne ? doch diefes 
wird fich leicht beantworten Taffen, wenn wir ein we⸗ 
nig auf die Natur des Glaſes Achtung geben. ı Ein 
englaͤndiſcher Schriftfteller Hat in feinen Anmerfun- 
gen über des Anton Neri Artem vitriariam‘, ‘oder 
Kunft Glas zumachen, wo er der Möglichkeit das 
Glas biegfam zumachen widerfpricht,, unter andern 
folgende Steller „Die Theile derer Metalle , die 
„ſich mit vem Hammer ziehen laffen, müffen überaus 
„dichte und feſt an einander hangen, und dabey fehr 
„leicht ihre Geftalt bis auf die aflerfleinften Theil 
„chen verändern koͤnnen. Keines von beyden aber 
"finder man bey den Glaſe. Denn der Sand und 
„die Salze, als die Materien, daraus das Glas ger 
„macht wird, haben feine folche Figur, die ihren 
Theilchen erlauben, einander fo Dichte zu berühren. 
„Alle Salze überhaupt geben zu erfennen, daß fie beſon⸗ 
„dere Figuren haben müffen, welche vi auc) in dem 
gewaltigſten Feuer nicht fahren Taflen: mie dieſes 
„durch mehr als einen Verſuch leicht zu erweifen ift. 
»Diefe Figuren find unterfchiedlich, nach) der: untere 
ſhiedlichen Beſchaffenheit der Salze. Der Sal 
„peter-und alle alfalifche Salze Haben etwas fcharfes 
„und beißendes bey fich ; und wegen diefer Kraft zu 
. „beißen und aleichfam zu brennen, fcheinen fie aus eis 
„ner unendlichen Menge: fpigiger Theilhen zufame 
men gefeßt zu ſeyn. Was den Sand anbetrifft, fo 
„iſt feine Geſtalt eben fo * ja unendlich unterſchie⸗ 
| 4 | „den 5 





'200 


„den, — die ET 


„Wer follte ſich nun vorftellen, daß dieſe Verſchie⸗ 


„denheit der Figuren des: Sandes dergeſtalt mit den 
„befondern und beftimmten Figuren der Salze vers 


„einiget werden Fönnen, daß auch die kleinſten Theils 
Ichen derſelben einander genau beruͤhren, welches 


„doch bey allen Metallen, die man mit. dem Ham» 


„mer ziehen kann, unumgängtich noͤthig iſt ? Dars 


„aus denn Flärlic) erhellet, wie verſchiedene Geſtal-⸗ 


„ten die Theile des Glaſes haben, wie wenig dieſel⸗ 


„ben einander auf das genauefte berühren, und wie 


„leicht alfo noch immer kleine Zwifchenräume übrig 
„bleiben Eönnen, die vonder Materie des Glaſes 
„nicht ausgefüllt worden. ;, , Von dem: gemeinen 


Glaſe gefteht Borrichius, daß es ſolche unmerkliche 


Zwiſchenraͤumchen habe: weil ſelbſt eine zwey oder 


dreytaͤgige Flamme nicht im Stande ſey, den Thei« - 


len des Sandes und des Salzes alle ihre Winkel, 


‚Eden und Spigen zu benehmen. Eben: diefes ber 


kraͤftiget D. Hiddens, welcher überaus dünne und 
‚zarte Glasfugeln, die aber doc) ganz waren, gebla⸗ 
fen ; und als er diefelben mit gemeinem Waſſer ans 


gefülfet, wahrgenommen har, daß das Waffer in fehr 


Eleinen Tröpfchen durch) das Glas gebrungen und 
diefes alfo nach und. nach ausgeleeret worden x : weil 
die Zwifchenräumchen, welche gerade durch das zarte 
Glas gegangen, nicht vermögend geweſen wären, das 
Waffer aufzuhalten. Auch, erzählet Borrichius, dag 


= 


Glaͤſer, die nur wenig gebrannt worden, und viel’ Salz 


in fi haben, vor einfallendem Regenmetter gleich» 


fam einen falzichten Schweiß von ſich geben. Alſo 


Bm; ‚denn das Glas einen. BR an ſolchen 
Schweiß. 








von den islandiſchen Eishergen. 201 


Schweißloͤchern, dadurch die feinen und ſpitzigen Theil 
chen, die der oben angefuͤhrte englaͤndiſche Schrift⸗ 
ſteller dem Salpeter und andern Salzen zueignet, in 
Menge dringen koͤnnen. ne 
Be N Br N de R 5. a m Ye 2 
Nunmehr kommen wir auf die Wirkungen det 
Salze, davon Bartholin in dem oft angeführten 
Buche, de vfu ninis Cap. 2. fpricht , es ſey wahr: 
ſcheinlich daß der Schnee durch das Salz, das er in 
fih hat, und durch den noch dazu kommenden Froft 
dichter gemacht werde,» Denn wenn dasjenige Sal;, 
welches: der Schnee aus, der bloßen: Luft und ihren, 
Ausdünftungen bekoͤmmt, den Schnee ſchon zuſam⸗ 
men haͤlt: wie vielmehr muß: denn nicht die weit 
größere Menge der in der, Erde befindlichen Salze, 
wann fie noch von dem Froſte unterflüget wird, dar» 
zu beyfragen koͤnnen? Von der Kraft der Salze, 
die Körper derb zu machen, redet Kircher in Mundo 
fubterraneo ‚folgendergeftalt: In centro falis latet 
"formale quoddam: coagulatiuum, ſpiritus nempe 
ſalis inuiſibilis, qui rebus omnibus confiftentiam 
virtute fua fixatina confert. : Huius- virtute metal- 
la etmineralia fuam acquirunt corpulentiam. In 
falis intimo throno et centro eft aliquid immutabi- 
le et omnia coagulans. Terra pura nihil alind eft, 
quam fal coagulatum, in cuius centro ille ſpiritus 
delitefeit , qui virtute ſua omnia figit , denſat, ani- 
mat. Virtutes omnes in hoc terreno globo a fale 
dependent: reliqua terra non niſi excrementum 
eſt. Wer ſollte nun nicht begreifen koͤnnen, warn 
die ſpitzigen Theilchen der Salze einmal durch die 
unzähligen Zwiſchenraͤumchen des Glafes zu dringen 


j * 
2o220Fortſetzung 


faͤhig ſind, daß es ihnen dann auch leicht fallen wer» 
de, das Wafler in Eis zu vermandeln, fo bald die 
Kälte des Schnees dazu koͤmmt, welcher felbft, nach 
Bartholins Meynung, voller Salz ift, und da dieſes 
nach der Ausſage und den Erfahrum: gen der Chymi⸗ 
ften der erſte Urheber aller Coneretion in den Koͤr - 
pernift. Doch wenn es noch nicht ‚jur Gnuͤge bes 
wiefen ift, daß der. Schnee Galze in ſich habe, fo 
wird foldyes, mie wir hoffen, durch folgende Stelle 
des gelehrten Lucas Debes, Faeroae referatae pag. 
108. außer allen Zweifel geſetzt werden :) „Die 
„Urſache, fpriche diefer , warum die Chymiten den 
»Salpeter einen Monarchen‘ ‚von Morden nennen, 
„it diefe, weil in dem Schnee aus Norden oder 
„Nordoſt ordentlicher Salpeter iſt. Daher braus 
„‚chet man, warn man zur Zubereitung des Galpes 
„ters oder ander dergleichen chymifchen Sachen kei⸗ 
„ne bequemere flüßige Materien haben fann, an des 


| „ren Steffe nur folhen Regen oder Schnee, der aus 


„dem Norden oder Mordoft gefommen. „ Und 
mas find die Irrwiſche, welche fid) fo oft bey dem 
Schnee Sehen laſſen, wohl anders, als folche Ausdüns 
fiungen, die vom Salpeter herfommen ? ? Denn daß 
der Salpeter ſolche Ausduͤnſtungen von ſich gebe, 
zeiget die Nachricht, welche man bey dem Borrichius 
de ortu et progrefii ıı Chemiae p. 108. findet : daß 
namlich in der Werfftärte eines Chymiſten aus dem 
Salveter ein Koͤrper gefahren, welcher wie ein Cars 
bunkel im Finftern geieuchtet habe. Sollte man 
‚nicht hierinne die Urfache fuchen koͤnnen, warum der 
vornehmfte Eingang des Tempels des Vulcanus in 
ker gegen Norden Be wie diefes Diodo⸗ 

| * 





von den islaͤndiſchen Eisbergen. 203 
tus Lib. 2. cap.-ır. und Herodotus erzählen ? Dies 
fen Unterfchied der Weltgegenden hat auch fehon Par 
trus Lotherus wahrgenommen, welcher febreibt, daß 
eine Ange durch die Retorte getriebener Schwefel in 
Zeit von einem Monate, wenn das Wetter darnach 
iſtz noch eine Unze aeben koͤnne. Denn warn das 
Werter aus dem Mittage fomme, und naß fey, gebe 
es mehr 5 mann es aber trocken fer, und fomme aus 
Mitternacht, pflege es weniger Schwefel zu geben. 
Alſo fieht man, daß die füblichen Winde mehr 
Schwefel, die nordlihen aber mehr Salpeter bey 


ſich führen. Doch wir Ben wieder zu unferer 
Bst kommen. s 


"Da anche dargechan PETE daß Sal; 
oder Salpeter und Schnee, infonderheit wann die 
Kälte noch dazu koͤmmt, das Waffer in ein folches 
Eis verwandeln Fönnen, das fich fehr ſchwerlich auf⸗ 
loͤſen läßt: fo glauben wir mit gutem Grunde 

ieraus zu ‚fliegen, daß es auf eben dieſe Weife 

dem Urfprunge unferer ‚Eisberge zugegan- 
gen. Daß, diefe viel Salpeter in ſich haben müffen, 

iſt Daher wahrſcheinlich, weil die umher liegenden 

Weiden von Denen Ausdünftungen der. Eisberge, die 
fie beſtaͤndig befeuchten, fetter und fruchtbarer als 
andere Wiefen werden. Diefe Kraft aber fruchtbar 
zu machen, ift dem Salpeter eigen : da im Gegen 
 theil,andere allzu feharfe und, beißende Salze, wie 
Diejenigen, die in den Ausdünftungen des grönländis 
ſchen Eiſes herrſchen, welches manchmal von der See 
Auf unſere Kuͤſten getrieben wird, Die Unfruchtbarfeie 
‚mit ſich bringen. Daher hat auch Ybimelec) dievon 
ihm 


204 Gortſetzung 


ihm dem Erdboden gleich gemachte Stadt hit Salze 
beftreuet. ‚Einen noch ftärfern Beweis hiervon giebt 

die große Menge von Mineralien, die man in diefen 
Bergen antrifft, und. die mehrentheils Salze zu ih⸗ 

ren Gefährten zu, haben pflegen. Man findet da⸗ 
felbft viele bald ganze, bald wie in: dünne Täfelchen 
zerfchnittene oder zerfpaltene Steine, welche. inwendig 
bunt ſehen, und bald wie mit fehönen Pünctchen:bes 
fprengt find, bald mit noch ſchoͤnern Adern prangen, 
Die wie. Gold, Silber oder Meßing glänzen : und ich 
will es. denen, die, ſich auf Bergwerfsfachen verfte> 
ben, ‚zu. prüfen überlaflen, ob folche Metalle nicht 
wirklich darinne ſtecken *. Auch. die Flüffe, die von 
diefen Bergen herunter fallen, geben die deutlichiten 
Spuren folcher Mineralien zu erfennen, und wann 
fie groß werden, führen fie oft ganze Stuͤcken davon 
mit fich. fort, dergleichen mir vielmals von denen in 
der Nachbarſchaft mohnenden Leuten gezeiget worden, 
Iſt alſo in dieſen Bergen Salpeter genug vorhans 
‚den, jo kann derfelbe hier deſto ſtaͤrker wirken, da 


m 


*Dieſes iſt vor wenigen Jahren verfucht worden, da der 
Herr Horrebow, den Ihro Fönigliche Majeſtaͤt von | 
Dänemark dahin geſchickt hatten, einige folche Steine 
‚ an bie königliche Gefellfchafe der, Wiffenfchaften in 
.. Kopenhagen überfchiett bat: welche fo.reich an Golde 
Silber, und andern Metallen befunden worden, al 
aus irgend einem Bergwerke in der Welt: ungeach: 
‘man folches, wegen des Falten Landes, darinne fie e 
zeuget waren, gar nicht vermuthee hatte. Daher 
., würde man es wohl der Mühe werth gehalten haben, 
Bergwerke in Jsland zu, bauen, wenn 266 
„Mur nicht am Holge mangelte, welches zu koſtbar ſeyn 
wuͤrde, von andern Ländern gu Bringen. 10 
RER | 


* 







von den islandiſchen Eisbergen. 20 


fih nicht erſt durch einen andern Körper , wie bey) 
den angefüßrten Verſuchen durch das Glee, zu drin 
gen brauchte. Es wirket gerade in das Waſſer, das 
es verwandeln ſoll: und Froſt und Schnee laſſen eß 

ihren Beyſtande gar nicht fehlen. Die Some 
laͤßt ihnen auch Zeit genug, das, was fie ihnen etwan 
im Sommer nehmen möchte, wohl dreyfach wieder 
zu erftatten und einzubringen, indem fie ihnen nicht 
mehr als ungefähr drey Monate mit allzu warmen 
Safe beſchwerlich fälle. Das Wafl er, daraus) 
diefes Eis entftehr, koͤmmt vermurhlich, wie Andere 
Düelfen, aus unterirdifchen Höhlen hervor, darein ſi ch 
Waſſer aus dem Meere durch verborgene Canaͤle ers 
gießt, deffen Ausdünftungen’ darnach Durch Die inne _ 
lihe Wärme des Erdbodens in Die Höhe fteigen, und 
wenn fie nicht weiter kommen Fönnen, ſich wie Die Re— 
gentropfen in den Wolken verſammlen und zu Waſſer 
werden, und alsdann weiter durch die Erde ihren 
Ausgangsfuchen? "wie diefes von dem Cartefius und 
von den gefchicteften Naturfündigern dargethan wor» 
den. So bald es aber hervor, koͤmmt, oder mur in. 
ten bis an das Eis gelanget, wird es durch die Ges 
walt der obengedachten Materien demfelben gleich 
gemacht. Und auf folhe Weife hat die Erde, ‚mit 
Denftande des Waſſers, der Luft, und ihrer eigenen 
Mineralien, nad) unferer Meynung, diefe ungeheure 
Frucht hervorgebracht: weiches felbft durch den goͤtt⸗ 
lichen Ausfpruch: Aus weſſen Leibe ift das Eis ge⸗ 
‚gangen? bey dem Hiob im 38 Cap. 20 V. beftätiger 
zu werden fcheint. 

Wollte uns jemand ben Einwurf machen, daß das 
Meer in den Graͤnzen des Nordpols ſchon laͤngſt 


ganz 


206... GSortſetzuug 
ganz zu Eife geworden feyn müßte, wenn. das Satz 


eine fo. große Kraft hätte, als wir ihm zugeſchrieben 
haben: ‚fo ift es ja bekannt, daß an den Küften von 


Grönland, und weiter, hin gegen Norden, eine uns - 


glaubliche Menge Eis iſt, welches in großen Stuͤcken 


wie ganze Berge auf der See ſchwimmt. Daß aber 
diefe nicht ganz zufammenftieren koͤnnen, macht die 
beitändige Verwegung des Meeres und der Wellen, 
‚welche diefen Laſten niemals Zeit laffen, ſich mit eins 
ander zu vereinigen, fondern machen, daß fie Oft mit 
einer; entfeglichen Gewalt an einander ftoßen, und 


wenn. Schiffe darunter fommen, fo thun fie ihnen 


einen eben fo großen Schaden, als die Klippen, ja wohl 
noch mehr, weit fie weit aus der See hervorragen . 


97 


* Pitton de Tournefort erzaͤhlet in feiner Relation d’un 


"Voyage du Levant, "Tome troifieme, lettre ıg. Daß er 
ſelbſt in dem nordlichen Theile von Perfien und Arme: 


nien, die zwiſchen dem vierzigften und zwey und vier⸗ 


zigſten Grade der Breite nach Norden liegen, wie auch 
in der chineſiſchen Provinz Leaotung und in der chine⸗ 
ſiſchen Tartarey, ſo kalte Naͤchte mitten im Julio und 
Auguſtmonate gehabt habe, daß ſogar das Waſſer zus 
gefroren; und ſchreibt dieſe Kalte dent’ vielen Salpe⸗ 
„ger zu, welches dieſe Länder im größten Ueberfluſſe in 
ſich haben. So berichten auch Biflelius im Argonau- 


tieo Americano lib. 14. cap. 2, und Frezier in ſ ame: 
ricanifchen Reife, daß auf den Bergen in dem ſuͤdlichen 


und nordlichen America, unter dem drey und zwan⸗ 
sigften Grade der Breite, von dem daſelbſt in großer 


Menge befindlichen Salpeter Winde. entfteben, die eis 


sen fo fcharfen und empfindlichen Froſt bey fich fuͤh⸗ 


‚zen, daß fie Dadurch oft Menſchen und Vieh umskeben 


bringen. Wenn nun der Salpeter in Ländern, die der 


Mittagslinie weit naher liegen, und alſo weit nd | 
eyn 


von den i8tändifihen Ebergen 207 


J ua IE 
r *8 


| Age: 

—— —“ iſt * en fi fern: is. 
bergen, dal fie ſich von einem Orte zum andern be— 
wegen: und ic) glaube, wenn fie den alten Griechen 
bekannt geweſen wären, fo würden diefe unfehlbar 
dafuͤr gehalten haben, daß ſie ein Leben oder gar eine 
Gottheit in: ſich haͤtten. Denn ſie beobachten hier⸗ 
inne nicht einmal eine gewiſſe Zeit; ſondern gehen 
bald im Sommer weiter hervor, im Winter‘ aber zur 
ruͤck; bald ziehen fie ſich im Winter hervor, und im 
Sommer wieder zuruͤck. Man fieht aber, daß fie 
am meiften fortrücfen, wenn fie die meiften Flammen 
und Waſſer von ſich geworfen haben. Das: habe 
ich vom denen in ihrer Nachbarſchaft wohnenden Leu⸗ 
ten ſelbſt erfahren; welche feſt darauf beſtanden ſind, 
ungeachtet ich mit Fleiß das Gegentheil behauptet. 
Und hieraus erheller, daß das darinne eingeſchloſſene 
Waſſer, von welchem einige glauben, daß ſie ſo ſehr 
aufſchwellen und aufgeblehet werden‘, an dieſer Bewe⸗ 
gung keine Schuld habe. Sie viren vor, aufs meifte 


ungefähr 200 Schritte manchmal aber nur 100, 60,20, 


und ſo weiter. Sie gehen aber weniger sure, und 
aa mehr Zeit: dazu. Doch findet man, daß 
ſie oft über 100 Schritte zurückgehen; und daß ihre 
Theile oder Stuͤcken alsdenn bald wie die’ fteileften 
un: und nich wenn fe abgebrochen ‚wären, her⸗ 
vorra 


* muͤſſen, als Islamn, eine * — Gewalt ar | 
warum jollte.er den nicht in diefen Falten nordlichen 
Gegenden noch vielmehr eben das im Großen thun 

koͤnnen, was wir oben gefeben, daß er in den Verſu⸗ 
ir im Kleinen gerhan hat? 


208 nl Boxen in 


vorragen, und dazwiſchen unzählige — zei⸗ 
gen; bald aber find fie niedrig und eben, und verire⸗ 
ten die Stelle einer Bruͤcke, welcher ſich die Reiſenden 
ſehr wohl bedienen koͤnnen, wenn es ſonſt nicht moͤg⸗ 
lich iſt, uͤber das auf * Seiten befinblich ya 
zu oammen mon ee 
Die Urfache — ——— iſt nicht 
zuiergeünden: Man vergleiche nur die Wirkungen 
der Kälte, die man fonft in andern Faͤllen fpührer, 
mit denen, die in unſern Eisbergen vorfommen: 
Mann das Waſſer zufriert,, ſo nimmt es einen’größ 
fern Raum ein, als zuvor: wielleicht weil der Froſt 
feinen: Theilen eine andere Geſtalt giebt, und denen⸗ 
ſelben nicht erlaubet, ſo nahe anıeinander zu kommen, 
als wann es.flüßig iſt. Daher muß das Gefaͤß, 
darinne das zugefrorne Waſſer enthalten iſtnoth⸗ 
wendig ausgedehnet werden, oder wie Glas, Toͤpfe 
und dergleichen, welche mehrentheils zugleich einigen 
Knall von ſich geben; zerfpringen. · Eben diefes ſieht 
man: an Fleinen Hügeln : mann die Darinne ver⸗ 
fehloffene Feuchtigkeit dem Frofte des Winters niche 
mehr‘ widerſtehen kann, ſo ſpringen ſie nicht ohne 
Geraͤuſche oft mitten von einander: wann aber der 
Sommer koͤmmt; wird dieſer Schaden wider durch 
die Waͤrme geheilet. So iſt es auch mit den Eisber⸗ 
gen. Ihre unzähligen Oeffnungen und Kluͤfte wer⸗ 
den im Sommer mit dem Waſſer von dem zer⸗ 
ſchmelzten Eiſe angefuͤllet. Im Winter friert die⸗ 
ſes ganz und gar zu, und dehnet ſich alſo mehr a 
als es feine Gefäße wohl sulaffen, "Daher. braue 
es Gewalt, und zerſprenget dieſelben, und 3 
auf die Seite, bis es Plag bat. Eine zulängliche 
Menge 


1 


von den islaͤndiſchen Eisbergen. 209 


Mähge des Eifes iſt auch ohne Zweifel eben fo wohl 
fähig, eine große Laſt zu bewegen und durch die Kraͤf⸗ 
te ihrer Elaſticitaͤt von ſich zu floßen, als eine Men⸗ 
ge Pulver, Klippen zu zerfprengen. Man hörer da⸗ 
bey in diefen Bergen, wann fie ſich bewegen, ein fo 
großes Knallen, als wenn Flinten oder Canonen dar⸗ 
inne losgefchoffen würden: und diefes koͤmmt davon, 
wenn ihre Stuͤcken entweder aus einander fallen, 
oder auch an einander ſtoßen. Wann nun das Eis 
durch die Wärme des Sommers aufgethaut wird ; 
fo ift es natürlich, daß die Berge wiederum zuſam⸗ 
men fallen. Das Waffer fliege dahin‘ wo eg am 
eriten Platz finder, und laͤßt die Klippen und den 
Sand ganz entblößt zurüce, wie ein Gerippe, wel« 
ches Fleiſch und Haut verlaffen haben: und wann 
dieſe Klippen wiederum in ihrem Grunde Eis haben, 
und daffelbe von der Wärme angegriffen wird, fo 
fälle nothwendig die ganze Saft über den Haufen, und 
wird} dem übrigen gleich gemacht. Und auf diefe 
Weiſe ziehen ſich die Berge wieder zuruͤck. Weil 
aber in Island die Kaͤlte weit laͤnger anhaͤlt, als die 
‚Wärme, inſonderheit auf den Bergen, wo Die Son⸗ 
ne:niemals fo ftarf, als in den Thälern wirker : ſo iſt 
Teiche zu errathen, warum diefe-Berge immer mehr 
zu: als abnehmen , und warum fie mehr vor» als 
ruͤckwaͤrts gehen: da die Sonne niemals fo viel aufs 
loͤſen kann, als der. Froft des Winters und ber Sal 
peter zu Eife gemacht haben . 

"Was aber ver Froft und das Eis hier fuͤr eine 
Kraft habe, Fann man aus denen Steinen fchließen, 
welche das Eis, das ſich zuruͤcke gezogen, Hinter ſich 

laͤßt, und. bie oft fo mirbe geworden find, daß man 
13 Dand. >) fie 





210 Fortſetzung 
ſie mit der Hand reiben kann; —— find 
auch wie ein Stück Brodt in Eleine Sr ei 
ſchnitten, doch fo, Daß diefe Scheibd;en im Grunde 
noch alle aneinander fefte bangen 2, daß fie aber vor⸗ 
her ſehr hart geweſen ſeyn muͤſſen, zeigen diejenigen 
Theile zur Gnuͤge, die noch unverſehrt geblieben. 
Sonſt trifft man auch in den Spuren dieſes Eiſes 
Sand und fleine Steine an, die das Auge mit ihren 
verschiedenen ſchoͤnen und bunten. Farben ergögen, 
Wir wollen aber hier. nicht. weiter von. denenfelben 
reden : fondern.da wir nunmehr, fo viel es unfere 
Kräfte erlaubet, unfer DBerfprechen erfüllee — 
hiermit unſere Eleine Arbeit befchliegen *. 





3 Bir baten ein Dnar. Zweifel, die ung bey y einigen Stel. 
len diefer Abhandlung vorgefommen find, mit Fleig 
bis zulegt anzuführen gefparet, um zu verfuchen, ob fie 
ſich nicht alle auf einmal follten auflöfen laffen. Es 
fragt ſich namlich bey dem 6ten $. Ob denn die Aus⸗ 
duͤnſtungen aus unterirdijchen Höhlen ——— ſind, 
ſo viel Waſſer zu geben, daß ganze eins daraus 
entſtehen koͤnnen? und zum andern bat der Herr Ver⸗ 
faſſer eben dafelbft zwar ermiefen, daß Waffer, Schnee, 
Salpeter und Froſt die Urfachen diefes Eifes ſeyn 
muͤßten; er hat aber nicht erfläret, auf was fuͤr Art 
‚und Weiſe daſſelbe in die Höhe geſtiegen und zu Ber⸗ 
‚gen geworben. 

Ehe wir aber weiter gehen, wollen. wir ein Yaar' N 
"Bücher ermährten, die ung zum Theil den Weg bab: 
‚nen follen: Das erfte ift des berühmten venetianifchen 
Abts Anton Lazaro Moro Unterſuchung dev Berandes‘ 

rungen des Erdbodeng, darinn er ſehr wabefcheinlich er 
wielen bat, daß ale Infeln, alles feſtes Land, und ale, 
Felſen und Berge, zwar nicht ai einmal, fondern nach, 
und nach,aus der Gee durch) um teritbifehes Feuer ent⸗ 


Minden feyn müffen. ER * ng | 
X nar- 





von den islaͤndiſchen Eisbergen. au 


ÜNEnarrationes Kiftoricae de natura et conftitutione Islan- 
‚ti diae forinatae et transformatae per eruptiones ignis, ex 
antiquiſſimis Islandorum manuſeriptis hiſtoriis annali- 
bus relationibus conſcxiptae, Hafniae typ. Io. Hoepfneri, 
1749. Diefes Teßtere iſt in Copenhagen als eine afa= 
demiſche Streitſchrift gefihrieben und öffentlich ver- 
Ss theidiget worden, eben zu der Zeit, da man eine deut⸗ 
ſche Ueberfegung des erſtern in Leipzig zum Drucke 
 Beförderte: und der Verfaffer diefer Streitfchrift, wel: 
cher damals, wie mir diefes bekannt iſt, noch Fein Ita— 
lienifch, als die Driginalfprache des erſtern Buches, 
verſtund, und alſo vermuthlich von demfelben noch 
nichts gewußt, oder e3 Doch zum wenigften noch nicht 
> gelefen hatte, bat eben das von feinem Baterlande ing 
beſondere, theils aus den Gefibichten deffelben, theils 
"aus den darinne überall vorkommenden deutlichen 
Merkmaalen vormaliger Feuersbruͤnſte, auf eine ges 
ſchickte Weile behauptet, was jener von dem ganzen 
bewohnten Erdboden erweislich gemacht hatte... Wir 
wollen den von diefen beyden ausgeführten willfübrs 
"lichen Sag, der, fo viel und bekannt ift, noch zur Zeit 
“von niemanden iſt widerleget worden, bier als eine 
Hypotheſe zum Grunde einiger von unfern Muthmaſ⸗ 
fh um zu sehen, wie weit er uns behuͤlflich 
w koͤnne, die vorgefommenen Schwierigkeiten zu 
neben. = — —— 
Was die erſte Frage anbelanget, fo koͤnnen wir dies 
ſelbe hier nicht gleich entſcheiden, ungeachtet wir ſie 
lieber mir Nein, als mit Sa, beantworten wollten. Wir 
"wollen aber nur feßen, daß das aus unterirdifchen 
Behältniffen hervorquellende Waffer nicht einen zu— 
länglichen Stoff zu fo vielem Eife geben koͤnnte; fo 
koͤnnte doch wohl anderes Waffer eben diefes thun. 
Damit man die Möglichkeit hiervon einfehe, fo wollen 
wir den Verfaffer im zten $; zugeben, daß das von 
"den um diefe Eisderge berumliegenden andern Bergen 
zerſchmelzte Eid und Schnee in die benachbarte hies 
drige und fandichte Gegend darinne dieſe Eisberge 
ONRä nach 






212.000 Ferefekung 0 
\ 


nach dem Berichte unfers Verfaſſers im aten . und 
des Eg. Olauii Enarr. Hift, de Isl. $. XXXIH. p.37. liegen, 
- zerfloffen ſey; und Darnach im Winter zu Eife gewor⸗ 
den, deffen ganzliche Aufloͤſing bey darauf folgender 
Wärme der Galpeter uud die einmal erlangte Dicke, 
welche die Strahlen der Sonne nicht durchzudringen 
im Etande find, verhindern. Iſt e8 nun alle Jahre 
fo fortgefahren, daß der Sommer. jederzeit weniger 
aufgelöfet, ald der Winter dazugefegt hat, fo bat dag 
Eis viele Lagen auf einander befommen müffen, und 
Diefe bat es auch wirklich. ——— — 
Doch, wie ſind die großen Steine und Klippen 63. 





die Warme ded Sommers etwas ind Eis Dimeingefuns 
en, und der Winter hatte fie darauf nicht nur ein— 
frieren laffen, fondern wenn neues Waffer von dem . 
zerſchmelzten Schnee und Eife darauf gekommen wäre, 
waren ſolche Klippen durch eine neue Lage entweder 
ganz, oder doch halb bedeeft worden, Wenn nun auf 
diefe Weife vielmald nach einander neues Eid und neue 
Felſen auf die alten gefommen find, und immer neue 
Lagen gemacht haben: fo haben diefe Gteine nothwen⸗ 
Dig fehr-unordentlich, einige hoch, andere tief im Eife 
liegen, und noch andere daraus bervorragen muͤſſen, 
nachdem, wie fie der blinde Zufall hineingeführet hat. 
Und dieſes ficht man auch inder That. Daß aber. folche 
- Berge Sand und große Klippen, und zwar ſehr wrie 
1 — N we un 


/ 


Ü i 


und big ind Meer hinaus von ſich werfen, zeiget Ola⸗ 
vius in dem angeführten Buche $. CXXXX- p. 134. 


von den islaͤndiſchen Eisbergen. 213 


"mit dieſen Worten: Huius quadrantis (orientalis) litus 


in pluribus locis immutatum eft Aufturiöklorum (mon- 
tium glacialitim orientem verfus tacentium) faeuitia, 
Qui egeftu faxorum cinerunque litus in mare vsque 
operuerunt. ‚Eben diefer Olavius ſagt, daß diefe Ge> 
gend im Anfange niedrig aber fruchtbar gemwefen, dar: 
auf aber fey fie vom Sande oder Schutte bedeeft wor⸗ 
- Den, den die umliegenden Berge ausgeworfen haben. . 
"Er ſpricht $. XXXIIE p. 37- Pumicum cinerumque 


hic immenfa adeſt copia, quorum magna pars poftea 


eructata fertiliftma fubmiffae terrae ſpatia aperuit, 


x dur hodie Se/heima - fandur , Lomagnups - fandur, et 


reidamerkur-fandur, appellantur. Und diefer letzte 


iſt diejenige mit Sande und Eife angefüllete Gegend, 


davon unſer gegenwärtiges Werf handele. Allein un⸗ 


fer Verfaſſer foricht im zten $. es fen nicht wahrſchein⸗ 
Lich, daß das Eis die Klippen einen fo weiten Weg auf 
"dem flachen Sande (in plano) wie ein Keil getrieben 
habe, da es micht durch die Enge des Raumes dazu 
genoͤthiget worden. Er fagt alſo, daß das Land da⸗ 


ſelbſt flach und nicht abhangig ſey; und er verdient 
bierinne um defto mehr Glauben, weil er es felbft ge- 


- fehen bat. Doch der Widerfpruch zwifchen beyden 
hebt fich ſelbſt dadurch auf, daß jener von dem erffen 


blühenden Zuftande der Gegend, diefer aber von dem 


itzigen reder, da fie von Sand und Eife HE uͤberſchuͤt⸗ 
geh und dent ubrigen Erdboden gleich, ja weit höher 
gemacht worden. Geſetzt aber, daß fie niemals nie> 


Driger, als das umliegende Land gemwefin waren, fo 
koͤnnten ja die Felfen durch Erdbeben, welches daſelbſt 


nichts feltenes iff, von den benachbarten Bergen dar: 


auf ſeyn geworfen worden: oder auch durch unterir⸗ 


diſches Feuer, Daß diefes in dem meiften Eisbergen 


vorhanden fey, beweifet folgendes Zeugniß des Ola⸗ 


vius in feiner obengenannten Schrift 6. XXXTIE p. 37. 
wo er ſelbſt vor denen im dieſem oͤſtlichen Vierthel 
| 23 Islands 


2 KR 


\ | > N AP X END R 
214 ‚yr Be. Fortſetzung 1 339 # 4 
4 D# ‚ Une J ar . h 


‚ 1 , > 
Islands befindlichen Eisbergen redet: Name pluri- 
bus. loklis fine. riuofis: montibus- erupit.ignis, quales 
. funt,:Derefa-iökull, Solbeima-iökull, Knappafels-iökull 
„et Mirdals : ibkull. DaB fie aber auch große Steine 
von fich werfen, erhellet aus dem X. $- p- 11. Saxa et- 
iam vaftiflima,. quae taın cito nequit ignis ‚peruadere; 
illaefa eructat, perfuſa interdum fulphuris fuligine. 
Doch diefes iſt ſonſt bey den bekannteſten feuerſpeyen⸗ 
den Bergen nichtd ungewöhnliches. , Und wenn ‚Die 
Gewalt des Feuers nicht Fark genug geweſen iſt, die 
Klippen fo weit weg zu bringen, bat doch wehl folches 
durch Erdbeben, oder durch eben die Kraft gefchehen 
koͤnnen, Durch welche Diefe Berge fich felbft bewegen. 


- Bill man hingegen Tieber fagen, daß die Klippen 
ſchon vorher im Gande geſteckt ‚haben, und daß viel⸗ 
leicht beyde zugleich von dem Feuer der benachbarten 
‚Berge ausgefpien worden; fo wird die Möglichkeit | 
diefer Mepnung ſich eben fo leicht behaupten: laffen : 
und mir wollen zugleich unfere Muthmaßung von dem 
Emporfleigen diefeg Eiſes vorbringen.. Wir wuͤnſch⸗ 
ten aber nur, daß alle unfere Leſer die beyden obens 
angeführten Buͤcher, des Herrn Abts Moro und des 
Herrn Olavius, zuvor ſelbſt möchten gelefen haben, 
Damit fie daraus überzeuger würden, baß wir dem un: 
terirdifchen Feuer bier Feine größere Kraft beylegen, als 
dieſe beyden gelehrten Schriftfteller aus den glaubwür- 
digſten Nachrichten eriwiefen haben, daß es in den be: 
Fannteften Theilen des Erdbodend, und. befonders in 
Island, felbftanden Tag geleger babe: denn hier würde 
es viel zu weitlauftig fallen, alles ausführlich zu ber 
mweifen. Wir fegen alfo, vornehmlich, die Hypotheſe 
des berühmten Abts Moro bey der unfrigenzun Grun⸗ 
de: und fchliegen daraus, daß, wenn alle Berge, ſo⸗ 
. „wohl diejenigen, die aus lauter fruchtbarer Erde, ald 
‚die, aus den raubeften Klippen und Felſen beſtehen, 
durch unterivdifches Feuer — Kind, welches er= 
wahnter Abt aus den. wichtigfien Gründen fehr ag 
J | chein⸗ 


von den islaͤndiſchen Eisbergen. "arz 
ſcheinlich Yargethan hat : fo koͤnnen auch wohl unfere 
Eisberge durch eben dieſes Feuer feyn in die Hoͤhe ge⸗ 


trieben worden. ‚Die Menge des Schwefeld und an⸗ 


= > 


‚derer Mineralien, die in der mit ihnen vermengten 
"Materie und in ihren fandichten Grunde ſtecken, Fönnte 
"wohl zureichend feyn, fie zu entzuͤnden und zu bewegen. 
"Man finder im ihnen und um fie herum die deutlichften 
Merkmaale vormaliger Feuersbruͤnſte, als Aſche, ge⸗ 


brannten Kalt, Bimſteine und andere verbrannte und 
ſchwarz angelaufene Steine, die an ihrer Oberfläche 
gleichſam Wellen haben, dadurch fie zeigen, daß ſie 
ehemals fließende und brennende Materien geweſen 


ſeyn müffen, die darnach, als fie die Hitze verlaſſen 
"bat, zu Gteine geworden. Diefe a ge des Feuers 


erzaͤhlet Olavius in feinem ganzen Er zäblet 
. aber mit umter diefelben die Fleinen ek die jer= 


ſpalteten und die mürbe gewordenen oder caltinirten 


Steine, derer unfer Berfaffer am Ende feiner Abhand⸗ 
Jung erwahnet : und es ſcheint noch ungewiß zu fehn, 
"ob fie diefe Geftalten durch den übermäßigen Froſt 


"oder durch Das Feuer bekommen haben... Endlich zei⸗ 


gen auch die ‚alteften und neuern Nachrichten, welche 


Olavius anfuͤhret, daß die meiſten von ſolchen Eisber⸗ 


gen in Island ehemals zu einer oder der andern Zeit 


gebrannt haben. Selbſt der — Hekla iſt ein 
I berg. 


Da nun dieſes — iſt, und da das Eis niche 


—— in die Hoͤhe zu bringen und in Stuͤcken zu 
brechen iſt, als ganze große Klippen: warum ſollte 
denn das Feuer nicht auf eben die Weiſe in jenes ge— 
wirket haben, als die Erfahrung gelehret hat, daß es 


im diefe gewirfet. Nun finder man bey dem Abt Moro 
die Nachricht, wie einige Infeln nicht vor langer zeit 
entftanden find; wie man anfangs im Meere eine große 


"Bewegung und Kochen wahrgenommen; wie hernach 


aus demfelben eine Klippe hervorgefommen und im— 
mer in die Höhe geſtiegen; wie diefelbe endlich ange: 
24 fangen 


216 ° oe 


"fangen bat Feuer- zu fpeyen, und Aſche, Steine, Mine⸗ 
ralien und dergleichen auszumerfen; und wie endlich 
alles Diefes zu einer fruchtbaren Inſel geworden, darauf 

- die erften Klippen und die umliegenden großen ausge⸗ 
‚ worfenen Haufen Erde die Berge ausgemacht haben. 
Könnten denn nicht auch hier die Klippen mit ſamt dem 
vorher nur Fach gemefenen Eife ſeyn aufgebrochen und 
in die Hoͤbe geworfen worden? Sie brauchten nur auf⸗ 
«gebrochen zu werden, fo daß die Stücken eine andere Lage 
s Friegten, und entweder auf einer andern Geite, oder 
"auf ihrem Rande gerade ader ſchief zu fliehen kamen, 
wie Carteſius ſich den-Uriprung der Berge vorſtellet; 
fo winden fie ſchon weit höher feyn, als das flache 
> Und wenn man ſonſt auch nicht begreifen koͤnn⸗ 
te, wie die Felſen hoͤher als das Eis zu ſtehen gekom⸗ 
men, fo. wird ſolches hierdurch klar werden. Wenn 
namlich ein ſolches ungeheures Stuͤck eines Eisberges 
auf cine andere Seite geworfen worden, oder gar das 
Oberſte unten gekehrt und die vorher im Grunde ge⸗ 
weſenen Klippen mit ſich losgeriſſen hat, welches deſto 
kichter geſchehen koͤnnen, da ſie in dem Sande nicht 
feft geftanden haben: fo muffen ja die Klippen. wit 

„derjenigen Geite, welche das Eis bisher ihnen zuge⸗ 
kehret hatte, und in welche fie eingefroren find, einer- 
ley Schickſal haben. Koͤmmt dieſe oben zu liegen : 
fo fienen fie auch eben; liegt fie auf der Geite, an ſtatt 
daß fie vorber auf der Erde fag: fo müffen fie fich 
ach eben das gefallen faffen: und wenn die Sonne 
dazu koͤmmt und ibre Einfaſſung zerſchmelzt, müffen 
fie gar herunter follen. Bewegt fich aber ihre Woh⸗ 
nung: fo werden fie mit beweget. Stoͤßt ein anderes 
Stück Eis oder Felſen an diefe Eteiye, oder wenn fie 
felbft herunter fallen: fo müffen fie nothwendig ihre 
fharfen Eden verlieren, wenn fie welche haben. Und 
alfo ift es Fein Wunder, wenn ihre Geftalt mehren: 
teils etwas in die Kunde fat, F. 3. weil fie ir den 
Eisbergen beſtaͤndig von Froft und Hitze, Be 

offer, 


u 
.. 


* 


vom den islandiſchen Eibergem 217 


. Woaſſer IR ke feste von ————— 
J anögufbeben — >46 chad vie ni 
rrınjen 
"Die entfeglihen 4 Rläfte; Dre men bald mehr ald 
——— in dieſen Eisbergen antrifft, koͤnnen auf ver⸗ 
| zfihiedene Weifeet be SM das Eis von dem Feuer 
saufgebrochen worden: ſo muſſen ja zwiſchen Denen 
Stuͤcken, die auf den Kaud gerichtet ſtehen, ſo tiefe 
Rluͤfte kommen ind: die Stuͤcken und ganzen Theile 
der Berge groß ſind. Friert das Waſſer, mitiwel- 
chem der Sommer die tiefem: Oeffnungen der Berge 
‚angefüllet hat, ganz und gar zu: ſo erfordert es wie 
der Verfaſſer dm Ten 5. augemerkt hat, mehr 
und zerbricht fein Behalemf mit. Gewalt alsbald 
fpringt das Eis von einander, und zwifiden den Stil: 
den entſteht eine Kluft. Wird der Grund des flachen 
Eifes entweder von der Sonne oder von dem unters 
irdifchen Feuer an einem Orte mehr ald an dem an⸗ 
dern gefchwäacht und niedrig, gemacht: ſo wird dag 
Eis, dem der Grund, entzogen worden, vermöge feiner 
| Schwere, von dem andern abgebro n, und durch eine 
Kluft —— Uebrigens glauben —* daß das 
dem Grund, dev Froſt aber und die Sonne 
iche: diefer Eisberge am 24 en wirke. 
er Salneter herrſchet in beyden fugleich, und wider 
ſteht denen vhnedem ſchwachen und ſchiefen Strahlen, 
mit welchen die Sonne alle Jahre auf * kurze Zeit 
ſein froſtiges u} verheeret J— 


Dieſe Gedanken von dem RR und der Bes 
fehaffenheit unferer Eisberge, haben mir nicht umhin gee 
font, bey einer fo erwünfchten Gelegenheit gelebrtern 
Lefern zur Pruͤfung darzuftellen. Wir können ung 

dabey ihrer —— ſo wenig, als ihrer Gewißheit 
ruͤhmen. Daß ung aber die angenommene Hypotheſe 
vor andern gefallen hat, hoffen adurch wenig⸗ 
ſtens entſchuldigen zu können, m wahrſcheinlich 
und vor andern geſchickt zu kon gefchienen, die vor 
a 235 kommen⸗ 








218 Fortſ. von den island. Eisbergen. 
kommenden Knoten Aufzulöfen. : Wenn wir uns nun 
irren, fo haben wir doch den Grund, darauf wir nes 
bauet haben, nicht zuerſt gelegt, noch zuerfl angenonts 
men noch als den’ einzigen, wahren imd felten, jeman⸗ 
den aufzudringen geſucht. Wir geben vielmehr unfere 
Muthmaßungen nur für. Muthmaßungen aus. Denn 
ei nicht eine jeden Anfaͤngers Werk, von den Ge: 
heimniſſen der Natur etwas gewiſſes und zuverlaßi⸗ 
ges zu ſagen; vielweniger aber iſt es demſelben an⸗ 
ſtaͤndig, etwas fuͤr ganz ausgemacht auszugeben, von 
deſſen Wahrheit er nur durch den Beyfall gelehrter 
und ſcharfſichtiger Richter. verſichert werden kann. 
MWie gluͤcklich werden wir uns alſo fchägen, wenn wir 
dieſen erhalten! ins tu 750202 Rn: 


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Ri een" We ir 
der phoſtt atiſchen 


Merkwuͤrdigkeiten. 
Rochtiche von einer Frau, deren gnochen 
weich und biegſam geworden”, 


(03 giebe "eine feltene Krankheit der Menfchen, 
9 die darinn befteht, daß ihnen die Knochen 
bey lebendigem ibe weich und biegſam wer⸗ 
den, fo daß die Glieder von der geringſten Urſache 
eine andere Figur annehmen, als ihnen natürlich iſt. 

Man hat von diefer Krankheit verfchiedene gedruckte 
Beobachtungen, und" kann darüber des Dr. Lamas 
berts, zu Touloufe 1700 herausgefommene Ber’ 
fehreibung eines ſolchen Kranken, ferner die Ada’ 
Hafnienfia, Obf. 24. Tom. 35 den Sernelium, 
de abditis rerum Caufis, lib. 2. cap. 9; Hollier, 
Obf, 7; die Sylloge des velchius die Confulta- 

tiones des Nicol dus Fontanus; die Bibliotheque 


* y 
fi . N - 
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—44 — 1 ———— Ad 
ERRNTEN . \m N 





Rälfonnee Tom. 37. Part. IT. p. 262. Tom. 36. P. 


‚I. p. 331 ; oder die Pbilofopbicaltransactionen, 
wie ie auch Scharſchmidto Sammlungen und viele 
—* | | andere 
ea y7 Kia \ — & ' 
— gps —* Koifrhaf de Scavans 17352. — Art. III. 
von dem pariſiſchen Arzte, ren D.Morand. 


— 


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— 9 
NR id 


220: Auszugder neueſten 


andere nachleſen.Erſt Fürzlich hat Here Dr. Mo⸗ 


rand zu Daris eine gleiche Beobachtung unter folgen» 


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demTitel bekannt gemacht; Lettreadrefleea Meflieurs 


les Auteurs du Journal des Sgavans, au fujet d’une 
Obfervation communiquee‘a la’F acult€ de Mede- 


eineza.] fleınbleevdu prima Menfis de Septembre, 


1752. Cr beichreibt darinn den Zuftand der Patien« 
tinn, wie er fiefelber angetroffen, mit folgenden Wor⸗ 
ten: Der erfte Anblick diefer Frau, die in einem 


Bette auf dem Rücken lag, worinn man, fo zu far. 


gen, nur die Hälfte eines Weibes antraf, war fo bes 


fchaffen, daß er fich nicht allzuwohl befchreiben ab 
Inzwiſchen iſt es doc) möglich, ſich einigen Begriff, 


davon zu machen, wenn man ſich ein Weib vorſtellt, 


die. weder Füffe, noch Schenkel, noch Huͤften hat, die, 


dem Anſehen nach, alle dieſe Theile niemalen gehabt 


zu haben ſcheint, und deren ganze Taille ſich bey der 


Schaam, oder dem untern Theile des Beckens en⸗ 


diget. Alle die Theile, welche die unteren Glied» 
maßen ausmachen, find von der Kraft der Muſteln, 


die fie bewegen, auf eine fonderbare-Weife zuruͤck 


gezogen worden; ‚und weil die Kochen. Feine Feſtig ⸗ 


keit mehr befaßen, fo konnten fie ihnen nicht dem, 


gehörigen Widerſtand thun. Daher haben fich 


die Füße und Schenfel nady und nach gegen die, 
Senden. und. Geitentheile des Rumpfs hinauf gezo⸗ 


‚gen, dergeftalt,. daß der linfe Schenkel nicht anders‘ 


ausfieht, als wenn er fich unter den Rücken, der, 


Kranken fehieben wollte, die alfo auf diefer Seite 

den Kopf x leichter Mühe auf ihren Fuß flügen 
koͤnnte. 

n 


Die rechte unterſte Extremitat beruͤhret 


phyſikaliſchen Merkwuͤrdigkeiten. 221 


noch nicht alle Seitentheile des Rumpfes, wie bie 
linke: indeſſen naͤhert ſie ſich ihnen doch von Tage 
zu Tage mehr, gleichwie ſich auch die Huͤftbeine 
unnatuͤrlich wenden und drehen, fo daß fie dei 
Kaum des Beckens verändern muͤſſen. Die Zehen 
find niederwärts umgebogen. Ob nun gleich: die 
‚Kranke fid) weder bewegen, noch ihre Stellung 
verändern kann, fo verrichtet fie doch die natuͤrli⸗ 
chen: Nothwendigkeiten ohne Mühe oder Beſchwer⸗ 
niß, weil die dazu beftimmten Theile, wegen der 
gewaltfamen Berfchiebung der Schenfel, ein wenig 
erhaben find. An einigen Orten ift die Bruft auf 
die Lunge niedergefunfen, wovon die Kranfe ein be 
fihwerliches Athemholen und Blutauswerfen befoms 
men bat, das. ihr den Garaus machen wird. Der 
obere und vordere Theil des Bruftfnochens ſcheint 
frummgebogen und aufgelaufen zu ſeyn; dahinge⸗ 
gen. der untere hineinwärts zu geben ſcheint. Der 
Theil der Schlüffelbeine, der mit .den Bruftfnochen 
zuſammenhaͤngt, ſteht unnatuͤrlich weit heraus, 
Vermuthlich wird es mit dem Ruͤckgrade nicht ana 
ders befchaffen ſeyn: doch hat man Feine Unterfus 
hung dafelbft anftellen koͤnnen. Die Arme und 
Hände ftellen wieder. eine ganz andre Ausficht dar. 
Sie liegen auf verfehiedenen Fleinen Polftern auge 
geſtreckt, die man überall untergelege hat, mo die Kno⸗ 
chen ſich gebogen haben, und die man aud) beftändig 
wieder anders degt, nachdem es noͤthig fcheint, Diefe 
oder jene Gegend zu unterftüßen, damit. der Schmerz, 
den ſie von Zeit zu Zeit empfindet, Dadurch gemaͤßiget 
werde, Das Achfelbein (hunerus) iſt in der Mitte von 
B— innen 


222... . Auszug der neueſten 
innen nach außen gebogen, gleichtwie der Cubitus und 

Radius linfs und rechts, dergeftalt, daß der Ellenbo⸗ 
gen,oderbey nahe die Mitte desrechten Arms, von dem 
Malleolo interno des Fuffes, und der mittlere Theif 
des linken Arms ‘von dem obern Theile des Schien» 
being unter der Kniefcheibe unterftügt wird, Sins 
deffen hat man doch, vermittelft eines dazwiſchen lie. 


"genden Eleinen Polfters, verhindert, daß fich diefe 


Theile einander nicht berühren. Alle diefe verfchie- 


dene Beugungen des Arms-und Ellenbogens geben 


1 


ihnen das Anſehen, als ob ſie zerbrochen waͤren. Die 
Kranke kann ihre Glieder ganz und gar nicht ge— 
brauchen; außer daß ſie den Arm im oberſten Ge⸗ 
lenke bewegen, und die Finger ein wenig aus ein⸗ 
ander beugen kann, ohne ſie doch zu kruͤmmen. Die 
ganze rechte Hand iſt geſchwunden. Das Gelenke 
der Hand iſt an der Seite des Daumens wie zer⸗ 
knirſcht; die: Singer und das Gelenfe er find 
auswärts gebogen. Die linfe Hand . nicht ges 
ſchwunden, fondern dit, und fcheint uͤbrigens nicht 
verändert zu ſeyn. Am Kopfe iſt nichts außeror- | 
dentliches zu fehen. Die Zähne find ſchwarz , und 
das Zahnfleiſch ift angelaufen und blutig, ° Das 
Geſicht iſt nicht entftellt, und fcheine einem gefunden 
Menſchen zuzugehören. Bey dem allen’ befinder 
fih die Patientinn wohl, und alle natürliche Ver» 


“richtungen gehen: gut bey ihr von ſtatten. Auch 


ihre Reinigung koͤmmt zu gefeßter Zeit: nur daß fie. 
ein langfames Fieber hat, welches ſich durch eine ftarfe 
Hitze verfchlimmert ‚wenn ihr eins oder Das andere 
Glied 3 ſchmerzen anfaͤngt. In ſolchem Zuſtande 

ſind 





| | phyſikaliſchen Merkwuͤrdigkeiten. 223 


ſind ihre Gliedmaßen ſo ſchmerzhaft, daß ſie nur 
bloß mit ein paar Tuͤchern bedeckt werden darf; und 
dieſer allgemeine Schmerz verhindert auch, daß 
man durchs Anfuͤhlen nicht genau erforſchen kann, 
wie weich ihre Knochen ſind, und ob ſie ſich, wie 
in andern Beobachtungen gemeldet wird, wie ein 
Wachs hin und her beugen laſſen. Dieſes Bay 
ſpiel lehret, wie weit das Elend in unſern Koͤrper 
einreißen, und wie entſetzlich er zugerichtet werden 
koͤnne, ehe der Tod vom Schickſale hinzugelaſ⸗ 
ſen wird, eines ſolchen Jammers ein Ende zu 
machen. ih ca 13.2.) RE DE 





Indalt 


| Inhat sr 
des giveyten Stückes im Deggehnten Bande 
» Fortſetzung der nttceöfeäpifeen rn bnfiftifhen 

Beobachtungen des Herrn D Kill a 


5 oh. Gottfr. Zinns verfhiedene Beobachtungen an 
franfen Körpern 166 


3) Withofs Anatomie des menſchlichen Haares 171 


4) Joh. Gottfried Zinns Beobachtungen von Verhaͤr⸗ 
tungen des kleinen und großen Öehirnes 105 _ 


5) Sertfegung der a von itäeifgen Eis. 


bergen 2 | 197 
6) Auszag der neuen * it Rerwůrdig 
keiten 0.219 
a es oo 
/ 
L) 


Hamburgiſches 


oder 






geſammlete Schriften, 


Aus der 


Raturforfchung und den angenehmen 
Wiſſenſchaften überhaupt, 


/ 





Des dreyzehnten — drittes Stuͤck. 


— und —— 
— Georg Chriſt. Grund und Adam Heinr. Holle. 
1754. 














I 


2 Mbrecht von Haller, 


Ei | von den 
empfindlichen und veizbaren Theilen 
—— des 


| | | " 
menſchlichen Körpers. 
den 22 April 1752 in der Kön. Gef. der W. zu Göttingen 
Be, vorgeleſen. 


“ 


7 Aus dem II Bande der Comın. Soc. Reg. 8Sc. 
Gotting. ©. 114. 


— 


“or einigen Monaten, hochgeehrteſte 
IL Mitglieder, trat hier in Göttingen die 
Inauguraldiſputation de Icritabilitate 
von meinem guten Freunde, ehemalis 

@ gem Schüler und Hausgenoffen, Herrn 
D. Tobann George Zimmermannen, ans ticht. 
Die zu diefer Sache gehörige Verſuche hat er theils 
in meiner Gegenwart felbft erben und ich: werde 

| 2 ſie 





228 Bon den empfindlicher Theilen 


‘fie auf eben diefe Art anführen, wie id) fie mir aufges 
zeichnet habe, theils hat er andere eigene. Was ich 
hiervon nicht felbft gefehen, werde ich aus deffen Dif- » 
fertation beybringen. Ich babe auch. viele andere } 
Verſuche ſeit dem Jahre 1746 in Gegenwart diefes 
guten Freundes ſelbſt angeftelfet, und vom Anfange 
des 1751 Jahres an, auf Hundert und neunzig leben« 
dige Thiere auf mancherley Weife unterfucht. Sch 
babe in der That hierbey mir felbft verhaßte Grau« 
ſamkeiten ausgeüber, welche aber doch der Nutzen für 
Das menfhliche Gefchleht und die Nothwendigkeit 
entfcehuldigen werden; da fich doch gleichwohl der 
mitleidigfte Menfch des Fleifches der Ihiere ohne 
Vorwurf, und ohne fih ein Gewiſſen drüber zu 
machen, zu feiner Speife bedienet, Uebrigens würde 
das vollftändige Tagebuch von Berfuchen, welches 
ich bey mir liegen babe, wegen der großen Menge 
der Verſuche hier her zu feßen zu weitläuftig werden. 
Sch habe das allgemeine und beftändige aus den Er« 
folgen gezogen, und werde Ihnen folches vortragen. 
Es ift aus diefen Erfahrungen eine Probe einer 
neuen Einteilung der Theile des menfchlichen Koͤr⸗ 
- pers entfprungen, wobey ich mich Feiner andern “Be: 
nennungen bediene, als.daß ich die Theile des Koͤr⸗ 
ı pers in reizbare und empfindliche unterfcheide, und 
fie von denen abfondere, welche weder reizbar noch 
empfindlih find, ine Theorie aber, warum 
beyderley Eigenfchaft in dieſen Theilen niche ift, in 
andern Theilchen des menfchlichen Körpers hingegen 
ſtatt finder, eine folche Theorie, fage ich, kann ic) nicht 
verfprechen ; denn ich bin uͤberzeugt, daß die Duelle 
diefer beyderley Kraft in dem innerften Baue vers 
‚borgen 


des menſchlichen Koͤrpers. 229 
borgen liege, und daß fie viel zu ſubtil iſt, als daß 
man fie mit Hülfe des anatomifchen Meflers, oder 
des Bergrößerungsglajes, entdecken koͤnnte. Von 
dem aber, was ſich nicht mit dem Meſſer oder dem 
Microfcop entdecken läßt, mag ich nicht viel muth⸗ 
maßen, fondern mic) ganz gern enthalten, dasjenige 
zu lehren, was ich felbft nicht weiß. Es ift eine ftolze 
Art der Unmiffenheit, andere da führen wollen, wo 
man felbft nichts ſieht. 10 


Um fo vielmehr aber habe ich mir vorgenommen, 
die Materie meiner Abhandlung felbft auszuführen, 
weil diejenigen Beränderungen, welche aus meinen 
neuen Berfuchen folgen, von einem weitläuftigen Um⸗ 
fange find, und einen Einfluß in die ganze Phnfiolo» 
gie, Pathologie und Ehirurgie haben; und weil Dass 
jenige, was id) Durch Verſuche gefunden, den ange 
nommenen Meynungen fehr zumider ift. Und bie 
ftärffte Urfache, warum ich folche Graufamfeiten bes 
gangen, ift gemefen, weil ic) leicht worausfehen konn⸗ 
fe, Daß die gegenwärtige Meynung wegen ihrer Un⸗ 
wahrfcheintichfeit niemand: gefallen koͤnne, der niche 
überzeugte. würde, Ich habe daher für nöthig gehal⸗ 
ten, die Verſuche zu wiederholen, und zu vervielfaͤlti⸗ 
gen, damit die Zweifler mit einer Menge einſtimmi⸗ 
ger Zeugnifle gleichfam uͤberſchuͤttet würden, ; und da⸗ 
mit mich) nicht etwa ein Irrthum, der zufälliger Weife 
entftehen koͤnnte, betroͤge. Ich bin überredet, daß 
die groͤßte Urſache der Irrthuͤmer dieſe gewefen, daß 
ſich die meiſten Aerzte weniger, oder auch wohl gar 
keiner Erfahrungen bedienet, ſondern an ſtatt deren 
die Analogie zu Huͤlfe genommen. | 

P 3 3% 


230 Bon den empfindlichen Theilen —— 


Ich bin auch zu dieſer Unterſuchung dadurch noch 
mehr aufgemuntert worden, da ich geſehen, daß die 
Reizbarkeit von berühmten Männern ſolchergeſtalt 
angenonmen worden, daß fie auf dieſe Wirffamfeit 
der Fafern ein faft allgemeines Syſtem der Bewe 
gung in dem menfhlichen Körper errichtee, und alle, 
Berrichtung der Faſern, der Gefäße, der Merven, 
der Muffeln, kurz, ver ganzen menfchlichen Mafchine, 
von diefer einzigen Reizbarkeit hergeleitethaben: mie 
id) in der That aus des berühmten Herrn Johann 
Sriedrich Winters im Jahre 1746 zu  Franeder 
gehaltenen Rede, aus Herrn "Johann Lups Difl. 
de Irritabilitate, aus Heren Wilhelm von Magny 
und J. G. J. la Motte Sage, Ergo a Valorum 
audta aut diminuta irritabilitate omnis morbus gefes 
ben. Und diefe Meynung ift mit derjenigen nicht eis 
nerley, nach welcher alle Bewegung aus der Empfins 
dung hergeleitet wird, und deren J. G. Krüger, 
SE, Anton Nicolai, Robert Whytt, 5. St. 
Delius, und andere große Phyfiologen zugethan 
ind, F 5 | 3 i ’ 5 P . 
h Denjenigen Theil des menfchlichen Koppers, wel⸗ 
her durch ein Berühren von außen Fürzer wird, nenne 
ich reizbar: fehr reizbar ift er, wenn er durch ein 
leichtes Berühren, wenig aber, wenn er erftlich durch 
eine ſtarke Urfache, ſich zu verfürgen, veranlafiet 
wird. . | a Z 

Empfindlich nenne ich einen folchen Theil des Koͤr⸗ 
pers, deffen Berührung fi) die Seele vorfteller; und. 
‘ben Thieren, von deren Seele wir nicht fo viel erfen- 
nen fönnen, nenne ich diejenigen Theile empfindlich, 
bey welchen, wenn fie gereizet werden, ein Thier offen- 

866 | bare 


des imenfchlichen Körpers. 230 


bare Zeichen eines Schmerzes oder einer Beſchwer⸗ 
lichkeit zu erfennen giebt. Lnempfindlich nenne ich) 
hingegen diejenigen Theile, bey welchen, wenn fie 


gleich gebrennt, gehauen, geftochen, und bis zur Zers 


ſtoͤrung zerfchnitten werden, fein Zeichen eines 


Schmerzes, fein krampfichtes Zucken, Feine Veraͤn⸗ 
derung in der Lage des ganzen Koͤrpers, erreget wird. 
Denn es iſt bekannt, daß ein Thier, welches Schmer⸗ 
zen empfindet, den leidenden Theil von der Urſache, 
die den Schmerz macht, wegzuziehen fucht, daß es 
den verlegten Schenfel an ſich zieht, wenn es in die 


Haut geftochen wird. fich fchürtelt, und andere Zeichen 


von fich giebt, Daraus man erfenner, daß es Schmerr 
zen hat. 

‚Meines Bedünfens kann einzig und allein aus 
den Erfahrungen erfläret werden, welcher Theil des 
Körpers empfindlich, oder: welcher reizbar ift. Was 
aber die Phnfiologen und Aerzte von der Gegenwart 
diefer Eigenfchaften, ohne darüber angeftellte Erfah⸗ 
rungen, zu erklären unternommen, ift felbft Die Urſache 
und Duelle der Irrthuͤmer, nicht allein bey dieſen, 
fondern auch bey andern Dingen, gewefen. - 


Da Boerhaave die Nerven für den wahren FR 


Men Grundftoff des menfchlidyen Körpers angenom« 
men hatte, fo durfte er nicht viel weiter gehen, um 
auch diefes zu bejahen, daß faum ein Theilchen des 
menfchlichen Körpers fen, welches nicht empfinde-oder 
fich bewege a): und diefe Meynung, wider welche ich 
anderwärts verfchiedenes erinnert b), ift faſt durch 
ganz feanepe angenommen worden. 

| P 4 Die 
a) Inſtit. rei medie. n. 301. LTR — BD 

zbo Comment. in Praciect. Boerh. 1. c. 


rg 


| 232 Bon den empfindlichen: Theilen 


Die einfachen: Theile des menſchlichen Körpers 
find die Nerven, die Schlagadern, Blutadern, die 
Eleinen Gefäße, die Haͤutchen, Musfelfafern, Faſern 9 
der Sennen, der Baͤnder, der Knochen, und das zel⸗ N 
lichte Gewebe. 94 

Die zuſammengeſetztern Teil find die Muskeln, | 
Sennen , Bänder, Cingeweide, Drüfen, große Be 
hälter, Ausführungsgänge, große Puls- und PER 2 
. adern, 

Diefes fen nur obenhin gefaget : denn wir braus 
hen diefe Dinge bier nicht ausführlich und mit Fleiße 

durchzunehmen, weil wir bloß ein Verzeichniß der 
Theile des menfchlichen Körpers geben. 
Welche aber von diefen Theilen empfindlich. find; £ 
will ich nunmehro aus folgenden Berfuchen lehren. 
Ich habe bey lebendigen Thieren von mancherley 
Gattung und von verfchiedenem Alter denjenigen Theil 
entblößet, von welchem die Frage war ; ich habe gex 
wartet bis das Thier ruhig gewefen, und zu fehreyen 
aufgehört, und wenn es ftille und ruhig gewefen, fo 
babe ich den entblößten Theil durch Blaſen, Wärs 
me, Weingeift, mit dem Meſſer, mie dem Aegfteine, 
(Lapis infernalis) Bitriolöle, mit der Spießglasbuts 
ter, gereizet. Sch habe alsdenn Acht gehabt, ob das 
Thier durch Berühren, Spalten, Zerſchneiden, Brenz 
nen,’ Zerreißen, aus feiner Ruhe und feinem Still 
fehmweigen gebracht würde ; ob es fi) Hin und bee 
wirfe, oder das Glied an ſich zöge, und mit der 
Bunde zuckte; ob fich ein krampfhaftes Zucken in 
Diefem Gliede ereignete, oder ob nichts von dem ale 
len gefchäbe. Ich habe die oft wiederholten Erfol⸗ 
ge, fo, wie fie ausgefallen find, aufgezeichnet, Denn 
= eo BT nd. 37 was 





/ 


des menſchlichen Körpers. 233 


was: liegt mir daran, ob die Natur auf dieſe ‚oder 
jene Art empfindet! oder was für eine, Unbeſonnen⸗ 
heit wuͤrde ich nicht begehen, was fuͤr einen Ruhm 
wuͤrde ich erwerben, wenn ich einen Erfolg erzaͤhlete, 
davon der allerleichteſte Verſuch, den ein anderer 
Zergliederer wiederholen koͤnnte, das ION 
zeigte. 


An der Ordnung der Verſuche wird meines Be 
Dünfens nicht viel ‚gelegen ſeyn: ich fange alfo von der 
äußerlichen Haut (cutis) an. Denn von den Ober: 
häutchen ift gewiß, daß es Feine Empfindung har, 
weil es leicht von dem rauchenden Salpetergeifte fo 
gebrannt werden kann, daß es eine lange daurende 
gelbe Farbe an ſich nimmt, und gleihmohl demjeni, 
gen, welcher den. Berfuch an ſich anjtellt, Feine Des 
(dwerung mad. 

‚Der malpighianifche Schleim Ein bey den Ber: 
fuchen ſchwerlich von den Dberhäutchen abgefonvdert 
werden. Ich babe alfo damit feine Berfuche anges 
ftellt ; weiß aber gewiß genug, daß er niche em⸗ 
pfinblid) iſt. 

Die Haut iſt empfindlich, und zwar unter 
Theilen des menſchlichen Koͤrpers in einem über: 
aus ftarfen Grade: denn man mag fie reizen, mo 
man will, fo wehflaget das Thier, es ſchuͤttelt ſich, 
und giebt alle Zeichen des Schmerzes , fo viel als in 
feiner Gewalt fteht, von fih. Die Haut hat mir 
daher zum Maaße der Empfindlichkeit gedient: und 
denjenigen Theil des Körpers, wobey, wenn er gereizt 
wird; das Thier ruhig bleibt, da hingegen eben dafs 
felbe Thier ‚, wenn es an ber daran liegenden Haut 

5 gereis 


. 234 Don den empfindlichen Theilen 
gereizet wird, zeiget, daß es Schmerzen empfindet; | 
habe ich als wenig empfindlich angenommen. 
Das Fett und das zellichte Gewebe fchmerzen 
nicht, mie befannf, und von andern Schriftftelleen 
gezeiget worden. Was vom Dionpfius dem Tyrans · 
nen erzählet wird, und von den Schweinen den ges 
‚meinen Leuten befannt ift, wenn man fie namlich mit 
einer Nabel ſticht, daß nicht eher Schmerz erreget 
wird, bis diefelbe durch) Das Fett Durchgegangen, und 
das darunter liegende Fleiſch berühret hat, kann hiera 
von ein zulängliches Erempel abgeben c). a 


Das Sleifch der Muskeln fhmerzet, ob es wohl 
dieſe Eigenfchaft vielmehr von den Nerven, als von 
fi) felbft hat. Denn wenn man den Merven eines 
gewiſſen Gliedes, wenn es nur einer iſt, oder Die vor⸗ 
nehmften Stämme, wenn es mehrere find, bindet, 
fo wird Das ganze Gfieb unempfindlich; das: Thier 
wird auch durch die Gewaltthaͤtigkeit ‚ welche man 
dem Gliede anthut, das durch Die Unterbindung der 
Nerven feiner Freyheit beraubet worden, nicht ae= 
rühref. Daß aber alle Muskeln fehmerzen, ift ſehr 
wohl bekannt, ja auch die Hoͤhlen und weit ausge⸗ 

ſpannten Muskeln, der Magen, die Gedaͤrme, die 
Dlafe, find hiervon nicht ausgenommen. , . . 


Schmerzet aber gleich der Muskel, fo — 
und ſchmerzet doch die Senne in der That nicht. 
Dieſes iſt das Erſte, das ich den angenommenen 
Meynungen entgegen ſetze, und worinnen mir kaum 
jemand Beyfall geben wird. Denn alle, und die 

| neuer 


c) Comment. Boerh. T. III. n. 333. not. 2 ©.) 


des menſchlichen Körpers. 


neueſten Schriftfteller, REN Bde la Faye 
2. Heiſter e), J. R. C. von Garengeot f), 
‚pflegen die Wunden der Sennen für die gefährlich» 
ften und faum für heilbar zu halten. Eben ver Mey- 
nung find auch Boerhaave und diefes großen Mans 
nes Schüler und Nachfolger Berbard van Swier 
ten g), ingleichen Olaus Acrell h), und Franz 
Quesnai i) von den Wunden der Sennen. 


Indeſſen werde ich ſo gleich zeigen, daß itzt be. 
Anden: Mennung nicht vollig von mir berftammt : 
Denn daß eine Senne fehr unempfindlich fen, bat 
fehon der fehr erfahrne Wundarzt, Hiob von Me⸗ 
Even k), der fo gar die Senne der Knieſcheibe zum 
Exempel anfuͤhret, erinnert. Daß einem lebendigen 
Hunde das Reizen der Sennen feine große Beſchwe— 
rung gemacht, bezeuget Brianus Robinſon ); 
und daß das Fleiſch empfindlicher ſey, ſich auch bey 
Verletzung einer Senne keine Bewegung aͤußere, hat 
George Thomſon m) wahrgenommen; eben 
kin .n auch Joh. Doniel Schlichting n) 

beym 


d) Beſ die neue Ausgabe des Dionyſiſchen Werkes 
pag. 680. 681. 
e) Inttit. Chirurg. p. 423. edir. 1737: 
“£} Operat, de Chirurg. W. III. 57 
g) T.I.n. 163. p. 238. 
h) om frifka for. p. 261. faq. 
4) de la füppur. p. 222. ©)" 
 k) Obf; ce. 62. J X OD 
1) animal oeconom. p. so. | 
m) anatom. of human. bon. p. 170. 
n) traumatograph. p. 213.. REN "Nat. cur. vol. IR 
27 6 


J 


236 Don den empfindlichen Theilen 


beym Menſchen und bey Hunden geſehen. Dieſe 
wenige aber haben viele und faft lauter beſondere 
Exempel angeführer. 

Ich habe meiltens die Senne der geraden Aus⸗ 
ftrecfemusfeln (redti extenfores) des Schienbeines, | 
oder die Senne des Achilles entblößt, und geſto⸗ 
den; ich habe einen Theil der Faſern zerſchnitten, ich 
| habe einen Schnitt bie zur Hälfte gethan, und die 
ganze Senne ſo zerſchnitten, daß die andere Haͤlfte 
ganz geblieben: welchen Zuftand der Senne Boer⸗ 
haave vornehmlich für gefährlich halt. Ich babe 
vom Jahre 1746 an an Hunden, Böden, Ratten, 
Kagen, Kaninchen und fonft in mancherley Thieren, 
Dielen Berfuc mehr als hundertmal, und ag mit 
einerley Erfolge wiederholet. 


Aus diefem Stüfe von Verfuchen erhellet dub; | 
daß das gereizte Fleiſch zwar krampfhaftes Zucken 
bekoͤmmt, keinesweges aber die Senne; und daß, 
wenn man dieſelbe gleich allenthalben fticht und reißt, 
dennoch Feine Bewegung in dem Musfel erfolget : : 
gleichwie uͤberhaupt keine Zuſammenziehung in der 
Senne wahrgenommen wird, wenn fich der Muskel 
zufammenzieht, wie id) wohl hundertmal, und vor 
mir ſchon Willis o), gefehen. - Es ift alfo offen. 
bar, daß in der Senne weder Werkzeug der ipehne 
dung noch Bewegung fey. | 

Das hier, deſſen Senne geriffen, 2 ar 
chen worden, ijt allezeit ruhig —— hat kein Zei⸗ 

chen 


0) de motu mufeul. p. 118. Wan n ef Bier au des | 
Bagliv Werke p. zu7. 


des menſchlichen Koͤrbers. 237 


chen eines Schmerzes von ſich gegeben, und iſt, wenn 
es losgelaffen worden, und es iſt auch nur ein gerin⸗ 
ger Theil der Senne ganz geblieben, leicht und ohne 
Beſchwerung fortgelaufen.. Ich habe einen Hund, 
dem beyde Sennen des Achilles halb durchbohret was 
ren, auf beyden Hinterfüßen geben, und einen Bock, 
dem beyde Sennen des Achilles zur Hälfte durch» 
fchnitren waren, frey laufen fehen. Bey einem an= 
dern Hunde, dem bloß der Solaeus ganz geblieben 
war, und bey dem die zerfchnittenen Sennen der Wa» 
denmusfeln (Gaftrocnemii) fid) in eine Art 'eines 
Knotens zurück gezogen Hatten, habe ich, weil das 
Thier bewacht wurde, Feinen Zufall beobachtet. Auch 
find die Wunden aller Sennen fehr leicht und bloß 
durch Hülfe der Natur, ohne die geringfte Arbeic 
und Mühe, ohne den geringften Zufall, gebeilet. Es 
ift alfo ganz und gar nichts wunderbares in derjeni= 
gen Beobachtung, melde ©. de la Faye p), 
erzählet, da, nachdem die Senne des zweykoͤpfichten 
Musfels zerfchnitten gewefen, Feine Steifigkeit in 
dem Gliede erfolge ift: auch ift es feine ftrafbare 
Kuͤhnheit gemefen, da Johann Desling q) und 
andere, die Sennen haben zufammen nähen laffen. 
Nachdem auch diefer Verſuch an einem Hunde ge 
mache worden, fo ift der Wundarzt Bienaiſe zu Uns 
ternehmung diefer Operation aufgemuntert wors 
den r). Auch bat J. G. Zimmermann in der 
Aponevroſe des Unterleibes, als fie mit Vitrioloͤle 
beruͤh⸗ 
p) Um angeführten Orte p. 681. Not.a. 

9) Bel. die von Bartholin herausgegebenen Epift, 
pofthum. p.n.XV. | 

7) Verduc eper. de chirurg. c. 32. 


238 Von den empfindlichen Theilen 


berühret worden, Feine eh wahrgenom · 
men: s). a 

: Da id) dieſen Erſols geſehen, ih die Unfas 
6 keiche gefunden : in die Muskeln gehen Nerven; 
in die Sennen aber feine, , Hieronymus Kobris ; 
cius hat fhon bekannt, daß er nicht glauben koͤnne, 
daß der Nerve zur Senne gehe, weil er vorher in 
eine Art eines Haͤutchens ausliefe t); und Leeuwen⸗ 
hoek geſteht billig u), daß er durch das Mikroſcop 
felten, und nur in der Dberfläche der Senne, Ner⸗ 
venfaͤſerchen geſehen. | 

Da alfo von den Nerven alle RR in —9* | 
menfclichen Körper berrührer, fo ift es nichts Auf 
ferordentliches oder Unwahrſcheinliches, daß die von 
Nerven entblößte Senne nicht empfindet... Ich ‚babe 
aber aud) mehr als einmal bey den Menfchen ent- 
blößte Sennen gefehen. Ich bin durch. die an.den 
Thieren angeftellte Berfuche fo kuͤhn geworden, daß ich 
bey einem jungen Menfchen von Stande den an feiner 
Hand entbloͤßten Beuger (F lexor) des dritten Gelenkes 
des Zeigefingers mit einer Zange anfaßte, da denn der 
Kranke nicht einmal empfand, daß er damit beruͤhrt 
wurde. Ich habe geſehen, daß die Senne des langen 
Supinators wegen einer Blutſtuͤrzung mit gewaͤrm⸗ 
tem Terpentinoͤle umgoſſen worden, welches in der Hau, 
den herbeiten Schmerz gemacht; und doc) feinen Zus 
fall veranlaffer hat, welches ſchon eine alte Erfahe 
rung iſt. ‚Denn die Wundärzte haben vorlängft 
fehr warmes Del, das in bie Wunden der Sennen 

J * 

s) In angef. Diff, p. 16. 

t) De fabric. mufeul. p. 27. 

u) Epift. phyfiolog. p. 443. 





des menſchlichen Körpers.” 236 


gegoffen wird, für ein herrliches Mittel gehalten : 
wovon Doch "gleichwohl Die Senne, weil fie ſowohl 
als die Haut davon’ berühree wird, ſtark ſchmer⸗ 
zen würde, wenn fie die geringfte. Empfindlichkeit 
‚hätte. ah a —X — 
Wir wollen daher unſere Furcht vor den Wunden 
der Sennen, ſie moͤgen geſtochen, gebrannt, gehauen 
und geſchnitten ſeyn, ablegen. Der Kranke wird, 
wenn er gleich eine große Senne verloren, hinken 
und das unvermoͤgende Glied herum führen koͤnnen: 
denn das iſt offenbar, daß man die Glieder , mern 
die Einfügungen Der Muskeln in’ die Knochen jer: 
fehnitten worden, nicht mehr regieren kann. Außer 
dieſer Lähmung aber hat man nichts zu befürchten, 
und auch diefem Uebel hat die Natur durch ein neues 
‚zellichtes Gewebe und: durch die Nebenmuskeln fo 
vorgebauer , daß öfters durch die zerfchnittenen Send 

nen der Bewegung der Glieder nichts abgeht, 
Woher ift aber die wunderbare Einftimmigfeie 
bey einem Irrthume fo vieler Schriftftefler , welche 
fonft Gelehrfamfeit und vielerley andere Dinge billig 
verehrungswuͤrdig gemacht haben, gekommen ? 
Nichts ſcheint mir glaublicher zu feyn, als daß die 
Berwirrung unter. den Aerzten daher rührer, Daß fie 
veugos ſowohl für den eigentlichen Nerven, als für 
revoy und für suvderges alfo für Nerve, Senne und 
Band genommen haben x). Auf einen verlegten 
Merven aber folgen, wie gleich gefagt werden fell, 
‚die heftigften Zurälle Solchergeſtalt glaube ich, 
wenn beym Aderlaffen in den Mediannerven. und 
UT viel: 

2) Gulen, de vfu part. L. XV, 


240 Bon den empfindlichen Theilen 


vielleicht bisweilen i in einem Aftedes Mufeulocutanei; 
welche vorher. in die Medianader herunter gelaufen; 
- zerfchnitten geworden, daß Die. graufamen Aufälle das 
von bergerühret , welche Det Senne des zweykoͤpfig⸗ 
ten Musfels, worauf gedachte Ader liegt, zugerechs 
net worden find. Ein berühintes Erempel an dem 
Könige von Frankreich, Carln dem. VIII, ift bes 
Fanntrmaßen vom: Pareus befchrieben worden, Fer—⸗ 
ner, fo müffen nunmehro die öftern: Klagen über den 
tiefen Sitz der Paronychie in der Scheide der Sen⸗ 
nen der Beugmüsfeln, (flexores) die nur neulich 
vom R. J. C. Barengeot wiederholerworden y), und 
man wird die Schuld von den Sennen auf die groß 
fen Nerven, welche bier und da nad) der ganzen Laͤn⸗ 
ge des Fingers hinlaufen, werfen muͤſſen. 
Die zunaͤchſt an den. Sennen liegende Theile ſind 
die Bänder und die Kapſeln der Gelenke (Ca- 
pfulae articulationum): jene find. mit unterdem Na⸗ 
men veugos befchrieben worden, diefe find ſowohl we— 
gen der gefährlichen Wunden an denſelben, meil’fie 
berühmte Männer befchuldiger,; daß bey dem menſch⸗ 
lichen Körper in ihnen vornehmlich der Sis der Gicht 
und des Podagra wäre z). 
Bey den Berfuchen felbft Habe einige Schwie 
rigkeit gefunden; denn da man die Haut wegneh⸗ 
men, und bey den engen Gelenken Fleiner Thiere 
| bey 
y) Operat. 2 Chirurg. n. III. p. 286. 301. 302. 
z) Boerhaave aphorifm. de cognofe. et curand. morb, 
1254. 1259. mo jedoch diefer berühmte Mann auch 
die Nerven mit ald einen Theil annimmt, in welchen 
diefe Krankheiten ihren Sig — 


4 
4 











des menfihlichen Körpers. 241 


bey nahe von einander zerren muß, Damit die ver« 
wundende und reizende 4 in die Höhlung ‚des 
Gelenkes gebracht werden kann: fo hat es oftmals 
‚gefchienen, als wehflagte das Thier nur aus- der 
Urfache, weil ähm die anhängende Haut berührt 
worden, Jedoch iſt der Verſuch öfters, auch mie 
den Giften, gelungen. Als die Einlenfung des Dick» 
beins mit dem Becken, oder die Kugel, voll Bitriol 
öl gegoflen worden, fo har das Thier bey diefem ges 
waltigen Gifte, bey welchem ich doch gefehen, daß die: 
davon berührte Gebahrmutter eines Kaninchens ine 
nerhalb einer Minute verzehret werden, nicht ges 
ſchryen. inigemal habe ich auch in das Gelenke 
Des Kies, woran man, weil es faft bioß liegt, eher 
etwas thun Fann, mit Bitriolöle oder Spiesglass 
butter getränfte Stäbchen gebracht; ich habe ferner 
die Seitenbänder die aͤußerliche und innerliche Flaͤ⸗ 
che der Kapfeln, die haversſche Drüfe, das Band 
der Kniefcheibe gebrannt + und bey dem allen fein 
Zeicyen einiges Schmerzes verfpüret. Ja diefe Wun⸗ 
den , welche insgemein für die fchlimmiten gehalten 
werben, ſind wunderbar gluͤcklich geheilet: denn die 
verletzten Gelenke ſind bey den Thieren bloß durch 
den Balſam des Speichels, oder auch wohl ohne den⸗ 
ſelben, geheilet worden. Die Verſuche ſind an dem 
Hunde, an der Katze und an dem Bocke öfters wie⸗ 
derholt worden. So hat fchon vor diefem Wilhelm 
Mauqueſt de la Wiotte a) das Ausſtreckeband 
bes Schienbeins (Ligamentum extenforium) unem _ 


pfindlicy gefunden. Ich habe mich fonft einer par 


| e) Chir. compl, n. 365. 
233 Band, 


242 Bon den empfindlichen Theilen 
del bedienet, welches leichter angeht. Man machet 
einen Schnitt in die aͤußere Flaͤche des Gelenkes, 
entbloͤßet die Kapſel, öfe Kniefcheibe, das von der - 
Kniefcheibe an das Schienbein laufende Band, und 
das äußerliche oder innerliche Seitenband. Alsdenn 
ſchabt man die äußere Flaͤche der Kapſel und des 
Bandes ab, und ſticht mit einer Nadel in die innere 
Flaͤche, ſo def die Spiße derfelben in die Haut felbft 
gebt. Auf folche Are bat man feine Empfindung 
eines Schmerzes von dem Thiere verfpürer, bis die 
Spige der Nabel durch die Kapfel des Gelenkes Hin. 
durch gewefen, und in dag unter der Haut liegende 
zellichte Gewebe gedrungen. Ich habe diefen Bere 
fuch mit dem Meffer und der Nadel gemacht, und 
öfters wiederholet. 


Daher feheint es aus den erffaunfichen Schmer« | 
zen, welche geute, die mit dem Podagra oder der Gicht, 


behaftet find, ausſtehen müffen ‚ daß ver Sig des 


Schmerzes, "welchen man in der unempfindlichen 
Kapfel vergebens fucht, und an einem folchen Orte 
auch nicht findet, mo entweder gar feine, ober doc) 
gewiß fehr fchwerlich Nerven gezeiget werden Fönnen, 
in der Haut felbft, oder in den unter der Haut liegen= 
den Nerven fey. Und die Natur. bat billig die Eme 
pfindlichfeit von einem folchen Orte, wo eine beſtaͤn⸗ 
dige Bewegung vorgeht, weglaffen wollen. Daher 
fchreibe ih, menn die Wunden in den Gelenken 
ſchwer heilen, folches der zufliegenden ranzichten und 
faufenden Klebrichkeit zu, welche die Wunde der 
Kapfel nicht zubeilen läßt. Bey dem Hunde ift fie, 
obgedachtermaßen, nicht ſchwer geheilt. 3 
Etwas 


| des menfchlichen Körpers. - 


Etwas ähnliches von den Bändern und nn 
ift das Rnochenhaͤutchen; und bey einer Frucht, 
wo diefes dicfe und fleifchichte Häuschen von Knochen 
zu Knochen in einem Stücde fortgebt, und in der 
Mitte das Gelenfe in fich faffer, ift alles eine. Das 
ber ift es mir gar niche wunderbar vorgefommen, daß 
es die Natur derfelben an fi) hat, und ebenfalls un« 
empfindlich ift. Ich habe unzählige Berfuche am 
Schienbeine, am Dicfbeine, an der Ferſe, am Mit⸗ 
telfuße (Metatarfus), und endlih am Hirnfchalen- 
haͤutchen, welches von der Art des Knochenhaͤutchens 
if, angeitellet. 

Die Aerzte, Zergliederer b) und Wundaͤrzte, welche 
anders denfen, und ihre Meynung von den Alten 
haben, werden mir vergeben, daß ich ihnen hier 
derfpreche: fie werden das, was ich bier 5 
und das faſt wider die Meynung des ganzen menſch⸗ 
lichen Geſchlechts iſt, nicht verwerfen, wenn ſie den 
Urſprung der angenommenen Meynung in Erwaͤgung 
ziehen, und unſere Verſuche und Erfahrungen mit 
denen vergleichen wollen, woraus dieſe Meynung ent⸗ 
ſprungen iſt. Ich habe wohl hundertmal das Kno—⸗ 


chenhaͤutchen geriſſen, geſchnitten, gebrannt, und das 


Thier iſt ruhig geblieben, die jungen Zieckelchen haben 
ohngeachtet deſſen geſogen, da ſie doch, als man mit 
an die Haut gekommen, geſchryen und Convulſionen 
bekommen haben. Ich ſehe aber auch, daß Herr 
W. Cheſelden bereits vor mir. behauptet bat, daß 
das Knochenhaͤutchen unempfindlic) fey. ; 
| ! 22 0 Man 
b) J Clopton Havers. Nesbis 


human. ofteogen. p. 6. Phil. Ad, Boehmerus ofteolog. 
p-31. Daverney tr. des Malad. m os I]. p.431:. 


244 Bon den empfindlichen Theilen 


Man darf ſich auch nicht wundern, daß ein Theil 
nicht emofindet, in welchem ebenfalls keine Nerven 
gezeigt worden; und Mobere Nesbit c) ſchweigt 
felbft davon ſtille: wiewohl er aus der vorausgefegten 
Empfindlichkeit des Knochenhaͤutchens auf die unficht: 
baren Nerven, die er nicht beweifen Fonnte, fchließt. 
Denn die vielen Merven, welche auf dem Hirnfcha» 
Ienhäutchen liegen, Fommen nicht von dem zehnten, 
fondern von dem zwenten Paare der Halsnerven; fie 
laufen von den dritten und fünften Nerven zur gane 
zen Haut des Kopfes, und theilen derfelben ihre Ems 
6 mit. 

Ueber die Empfindung der Knochen iſt geſtritten 

en, und ich habe auch keine eigene Erfahrungen 
* denn es iſt ſchwer, bey der grauſamen Pein, 
welche bey entbloͤßten Knochen nicht wegbleiben kann, 
neue Schmerzen zu unterſcheiden. Daß die Zaͤhne 
Empfindung haben, iſt bekannt; eben die Urſache 
aber, welche mich uͤberredet, daß in den Zaͤhnen Em⸗ 
pfindung iſt, uͤberredet mich zugleich, daß in den Kno⸗ 
chen keine iſt. Denn man kann die kleinen Nervchen, 
wo ſie in ihr Loch hineingehen, leichte zeigen. Ich 
habe bey großen Knochen niemals einen Rerven ge⸗ 
funden d), welcher mit der Puls» und Blutader dur) 
den Kanal des Knochens gegangen wäre; und meine, 
vielen Unterfuchungen der Pulsadern müßten mid) 
doch auf Nerven geführet haben, wenn welche vor⸗ 
handen wären; aniglienst in ‚ber ſo weiten und ent⸗ 

blaßten 


ce) Am angeführten * | 
ed) Nerui ad ofla nulli Riolan.-Enchirid, p. 425. Al. 
Montoo. 1. c. p. 16. 








des menfehlichen Körpers. 245 


bloͤßten innern Flaͤche der Hirnſchale, und in den zu⸗ 


bereiteten Stuͤcken der naͤhrenden Pulsadern des gan⸗ 
zen Koͤrpers. Zwar ſchreibt Anton Deidier e), 
daß die in ein Fleiſch aufgeloͤſeten Knochen eine ge 
mwaltige Empfindung hätten. Allein bey einer fo 


großen Krankheit Fann leicht ein Irrthum vorgegan- 


gen feyn: und Franz Imbert f) ift ein gegenfei- 


tiger Zeuge hiervon. Ich habe in der That bey fehr 


gefunden Menfchen, die wohl bey Sinnen gervefen, 
die Hirnfchale, ohne daß fie Empfindung gehabt, mit 
dem Trepane durchbohren fehen. 

Daß das innere Mark ftarf fchmerze, Haben die 
meiften, als &. von Deventer s), Ambrofius 
Pareus h), und Joſeph Duverney i) gefchrie 
ben: allein es ift fehr unmwahrfcheinlich, ſowohl weil 
es eine Fettigkeit iſt, als weil niemand Nerven in dem 
Marke geſehen hat. 

Bon der Art des Knochenhaͤutchens ift das 
harte Häuschen, welches ſowohl das Gehirn bedecfet, 
als über: den Knochen gefpannet ift, und durch Ges 
faͤße anhaͤngt, auch in Vertiefungen (puteos) der 
Hirnfchale Pulsadern abgiebt, fo wie die Pulsadern 


‘von den Knochenhäutchen in die Vertiefungen der Are 


fäße (Epiphyfes) der Knochen zu gehen pflegen. 


Wenn alfo gleich die Zergliederer dieſem Haͤutchen 
‚einen prächtigen Namen geben, wenn ihm gleich 


N 3 Anton 
5; anat. raif. p. 6 
£) Quaeft. med. xit. p- 33. 


) van: Beenfickten p. 80. | 4 et:- 


h) adminiftr, anat. p. 83. 
i) Mem. de Yacad. des Science. 7700. p. 203. wobey 
auch eine Erfahrung angefuͤhret wird, X 


246 Bon den empfindlichen Theilen 


Anton Dacchio oder George Bagliv eine. dem 
- Herzen ähnliche Kraft zufchreibe ; wenn gleich. die 
Aerzte gemeiniglid) den Sit der ſchwereſten Krank · 
heiten in dieſelbe ſetzen: ſo aͤndern dieſe Meynungen 
doch die ewige Natur der Dinge nicht. 

Sch habe anderwärts-gezeiget, Daß das. Hatte 
Häutchen, tie die übrigen Decken des menfchlichen 
"Körpers, aus dem dichter gewordenen zellichten Ges 
webe entftehe k): welche Analogie auch Herrn Joh. 
Gottfr. Zinns, eines fleißigen Zergliederers und 
unfers mertheften Freundes |) , ingleicyen I. Geor⸗ 
ge Fimmermanns m) und endlich ‚meine eigene 
Erfahrung, vielfältig bejtätiger haben ; ; daß nämlich 
diefes harte Häutchen, welches eine ihren Abſtaͤmm⸗ 
lingen nicht unähnliche Mutter iſt, mit Vitriolole, 
Spiesglasbutter, Salpetergeiſte, gebrannt, mit dem 
Meſſer geſchnitten, oder mit einer Zange zerriſſen, und. 
auf alle Art und Weife verlegt werden Eönne, ohne 
daß das Thier etwas dabey leidet, oder die geringſte 
Empfindung einer Gewaltthaͤtigkeit zu erkennen giebt. 
J. G. Zinn, und unſer beruͤhmter Mitbruder, J. 
Friedrich Mekel, haben bey einem Menſchen, bey 
dem durch den Beinfreffer der Hirnſchale die harte 
Hirnhaut entbloͤßt worden war, ‚gleichfalls unem- 
pfindlich gefunden, : Allein auch die Altern Aerzte, 
als J. B. Carcan n), und vor ihm Galen felbft, 
find, wenn fie gefchrieben, en = ante Haut die 


ſchaͤrf⸗ 
k) Prim. Lin. phyfiol. n.XL 
-1) Experim. circa corpus callofum cerebellum ete. Got 
. ting. 1749. p. 28. faq. ten 
em) p- 6. c. etc. - or ei j 
n) De vulner. cap.'p. 139, —— Kin 


des menfehlichen Körpers. 247 


ſchaͤrfſten Arztneyen vertragen koͤnne und erfordere, 
ohne Zweifel durch die Erfahrung ſelbſt erinnert wor⸗ 
den. Daß aber die Decke des Gehirns kein Muskel 
ſey, zeigt die Vergleichungsanatomie. Bey dem Zit⸗ 
terfiſche (Torpedo) ift die harte Hirnhaut ſo hart als 
Knorpel 0). 

Da diefes Häutchen fo unempfindlich und fo unbe. 
weglich iſt, wer kann glauben, daß der Sig der Kopf» 
ſchmerzen darinnen fey, oder daß es durch feine Kräfte 
dem Herzen die Geiſter zufuͤhre? Die franzöfifchen 
Wundaͤrzte haben daher mit Rechte die Kühnbeit, 
und fehneiden diefes Häuschen ohne Bedenken auf, fo 
oft als ausgetreten Blut oder Eiter darunter liege. 
Man fann aud) den Sig der Hirnwuth (Phrenitis) 
oder der Tollheit nicht wohl in die harte Hirnhaut 
ſetzen, wo man nicht behaupten will, die Mängel dies 
fes Häutchens fchadeten dem: daran liegenden Theile 
des Gehirns. 

Es wird nicht unnuͤtze ſeyn, wenn wir hier ein we⸗ 
nig von dem Wege abweichen. Daß bey dem allen 
das Gehirn eine Bewegung habe, und daß daſſelbe 
wechſelsweiſe auf und niederſteige, behauptet J. 
niel Schlichting p) wider die Sophiſten, und if 
auf die eure, welche das Gehirn unter die unbeweg⸗ 

lichen Theile des Körpers fegen, nicht mittelmäßig 
boͤſe. Ich mundere mic) über die Kühnbeit diefes 
Mannes, da ich gewiß gewußt, wie feſt die harte 
Hirnhaut an der Hirnfhale hängt, und wie voll ge— 
pfropft der ganze Kopf iſt, daß nichts weiter hinein 
24 | kann:; 
0) Steph. Lorenzini. 
PD Memeir. prefentes T. I. p.114. ſqq. 


(% 
248 Bon den empfindlichen Theilen 
Fann: und ich glaubte, man koͤnne ihn zwar nicht 
durch Das Anfehen anderer Schriftfteller, oder aus 
Gründen (a priori) widerlegen, jedoch aber ihn mit 
den Waffen felbft angreifen, mit welchen er uns bee / 
freitet. Ich machte daher bey Hunden Löcher in 
die Hirnfchalen, weiches mit einem fpisigen Meißel 
und Hammer ziemlidy bequem, und beffer als mit 
dem Trepan, wodurch auch das Gehirn in einem 
weitern Umfange entblößet wird, geſchehen kann. ch 
habe den Verſuch an Hunden, Böden, Ratten, Froͤ⸗ 
ſchen, Kasen und andern Thieren oftmals wiederho⸗ 
let, und in der harten Hirnhaut, oder vielmehr in dem 
ganzen Gehirn eine Bewegung gefunden, dergleichen 
Schlichting befchrieben. Ich Habe nämlic) wahr: 
genommen, daß das Gehirn bey dem Ausarhmen in 
die Höhe, und unter dem Einathmen nieder fteigt, 
Ich habe es, glaube ich, wohl zwanzigmal gefehen: 
denn ich habe bloß wegen diefer Bewegung wohl 
über dreyßig Verſuche angefteller, und ſowohl ich, als _ 
Herr Walsdorf, welcher von diefem Berfuche ches 
ftens ein befonderes Werkchen fchreiben wird, haben 
feibe geſehen. te 
Diefe Sache machete feinen geringen Eindruck bey 
mir; nicht etwa weil eg mich verdroß, daß ich wider 
legt war: denn follte ich mich nicht freuen, fo oft als 
ich einen Irrthum ablege, und das Wahre, als das 
—— aller Sachen, gleichſam in einem neuen Lichte 
ehe? | — e% 
Sch war unzufrieden, daß ich feinen Grund ein» 
fahe, wie das Athemholen mit der Bewegung des 
Gehirns in einer Verbindung ſtuͤnde: denn wir ‚ent 
pfinden ein Misdergnügen, wenn wir eine Sache fo 
wenig 


des menſchlichen Koͤrpbers. 249 


wenig begreifen, daß ſie uns gar andern Dingen zu⸗ 
widerſprechen ſcheint. 

Allein eine wiederholte Beobachtung hat allen dies 
fen Widerfpruc) aufgehoben. Die harte Hirnhaut 
und auc) das Gehirn, beweget ſich nicht, wenn man 
nicht die Hirnfchale wegnimmt, und folglid) das we« 
nige Hinderniß aus dem Wege räumt, welches diefer 
Bewegung des Gehirns bey einem lebendigen und 
gefunden Thiere widerfteht. Schlichting gefte- 
het felbft, Daß es nicht bewegt werde q). Ja die 
Bewegung im Gehirne zeigt ſich erſt lange nicht, big 
man bie harte Hirnhaut mit dem Ringer oder einem 
Inſtrumente von der Hirnfchale losmacht, und da⸗ 
Durch von dem Zufammenhängen mit den Knochen 
Der Hirnfchale, wodurch fie unbeweglich gemacht wird, 
befreyet. Man Fann auch von diefer Lebereinftim« 
mung bes bewegten Gehirns mit dem Athembolen 
nicht auf einen lebendigen und gefunden Menfchen 
fchliegen. Denn wenn ſich die harte Hirnhaut niche 
bewegt, fo lange als fie fejt an der Hirnfchale hängt, 
und wenn nur erftlich alsdenn das Gehirn bey dem 
Ausäthmen in die Höhe aehoben wird, wenn die 
Harte Hirnhaut won der Hirnfchale abgelöft iſt: fo 
bemweift die Erfahrung nichts von dem Zuftande ei« 
nes gefunden Menfchen, bey welchem diefes Häuts 
hen allezeit an der Hirnfchale hängt. - 

Ferner ſo habe ich gefunden, daß diefes in dem 
Gehirne nichts befonderes iſt; fondern ‚bey wieder 
holten Berfuchen .gefehen, daß fich beyde Stämme 
der mar in der ganzen Bruſt und dem Unter⸗ 

ei a leibe, 

— An angeführte Orte p- 6, 


Bi 


250 Bon den empfindlichen Theilen 
leibe, die Schlüffelblutadern: (Subelauiae) , der obere 
Theil der $eberader (Bahlica), und endlich Die Drofe 
feladern (Jugulares) , ebenfalls wechfelsweife. bewe⸗ 
gen, und daß ihre Bewegung beftändig mit dem 
Athemholen übereinftimmer. Denn alle diefe Blut» 
adern fchwellen bey dem Einächmen auf, und fehen 
von dem durchfcheinenden Blute viel blaulichter aus : 
fie werden aber offenbar platt, bleic) und leer, fo bald 
als das Thier Athem holet. Was alo J. D. 
Schlichting gefehen , ift dem Gehirn im geringften . 
nicht eigen, und fcheint einzig und’ allein von der 
Leichtigkeit herzuruͤhren, mit welcher das Blut Aus 
der rechten Herzfammer in Die erweiterte $unge 
läuft : daher leeren fi) auch, wenn Athem geholet 
- wird, die Hohladern in das Ihr und in die rechte 
Herzfammer, welche alsdenn geraumer ift, aus r). 
Unter dem Ausäthmen gefchieht in allen das Gegen- 
theil; die zufammen gepreßte Lunge widerſteht dem 
Herzen, und das Blut des Herzens widerftreber dem 
Blute der Glieder : daher fchmwellen die großen 
Blutadern, unter welchen die Droffeladern find, fo 
ſehr auf, und das Gehirn wird von dem zuruͤck ges 
haltenen Blute fo ftarf aufgetrieben 5). Es ift uns: 
nicht unbekannt, daß durch ein ‚lange anhaltendes 
Einaͤthmen, welches nach unferm Willkuͤhr gefches 
ben kann, felbft das Blur, welches fich Durch die fun» 
ge beweget, aufgehalten wird t). Mur das aber 
Sehaupten wir, daß bey dem natürlichen Laufe des 
EEE AN — Althem⸗ 
xy) prim. lineae phyſiol. n. 292. * * 
5) An angeführtem Orte n. 297 
t) Eben daſ. n. 294» | 


Ex, 


des menfchlichen Körpers. 251 ; 


Athembolens das Blut zu der Zeit, da mir einäth- 
men, leichter ‘in die $unge fommt : wiewohl nad) 
Erfüllung derfelbigen und verhinderten Durchgan— 
ge des Blutes in. die linfe Herzfammer, endlich. 
diefe von dem Einäthmen entftandene Befchaffenbeig 
der Zunge, ſowohl eine allzu große Erweiterung der 
rechten Herzkammer, als in den Blutadern eine Sto⸗ 
ckung des Blutes verurſachet. 

Es wird mir erlaubet ſeyn, nur noch dieſes beyzu⸗ 
fuͤgen, daß die Aderhoͤhle, welche laͤngſt dem ſichelfoͤr⸗ 
migen Fortſatze hinlaͤuft, nicht ſchlaͤgt, auch wenn die 
Hirnſchale weggenommen iſt; und daß auch ihr Blut, 
wenn ein Schnitt in dieſelbe gemacht wird, nicht 
ſprungweiſe heraus läuft, fondern in einem beſtaͤndi⸗ 
‚gen gleichen Fluſſe, wie bey den Blutadern zu ges 


ſchehen pfleget, bleibt. Was alfo anderwärts wider 


das Schlagen der Aderhöhlen des Gehirns von mir 
gefchrieben worden u), wird hier durch diefe Erfah: 
rungen beftätiget. ‚Allein auch bey der harten Hirn» 
haut, die voll Gefäße ift, und überall von Blutadern 
Harret, die fie abgiebe, und welche vornehmlid) aus 
der Oberfläche der: großen Aderhöhle heraus gehen, 
iſt nichts von dem Wachfe in der Aderhöhle gefuns 
ben worden, wovon Doc) Die Pulscdern fo ffarf auf 
seſhwolen waren. 

Nach den Aerzten aus der Rablianifejen Scule,und 
— vornehmlich dem Gohl, denen die Lebens⸗ 
geiſter verhaßt ſind, ſoll ſie die Natur der Nerven 
fo weit beſitzen, daß die Hirnhaͤute ſelbſt das Werk— 

zeug der Empfindung waͤren, und wenn he von den 
* Br 
) Een: ad inftit. Boerb. 1.235. . * 


252 Bon den empfindlichen Theilen 
Gegenftänden erſchuͤttert würden, wie die Saiten zit« 
terten. Dieſe Theorie bin ic) auf mancherley Weife 
durchgegangen, und habe ſie widerleget; und ich 
ſehe, daß meine Beweiſe nicht nur dem gelehrten Hrn. 
Malcolm Flemming gefallen Haben, ſondern auch, 
daß die neueſten Vertheidiger der Meynung ſind, 
daß die Seele den Koͤrper regiere, die verſtoßenen 
Geiſter wieder annehmen: worinnen ein neulicher 
Schriftſteller von der andern Secte, Robert 
Whhytt, felbft beſtimmt. 

Indeſſen hatte ich noch einen vollkommenern Be⸗ 
weis, daß das Vermoͤgen der Empfindung, was fuͤr 
eines es auch wäre, nicht in den Haͤutchen der Ners 
ven fey. Und von der harten Hirnhaut it, wie ich 
genugfam weiß, Flar, daß fie die Außerliche Umklei— 
dung der Merven nicht ausmache, und gleichwohl Has 
ben die meiften Zergliederer dieſes Häutchen für die 
Umfleidung der Nerven gehalten. Es ift aber noch) 
Das dünne Hienhaͤutchen uͤbrig, welches die einzelnen 
Markſchnuͤrchen, die dem kleinſten Faden gleich ſind, 


in ſich faßt und umgiebt, dergleichen faſt hundert in 


einem Stamme des fünften Paares der Nerven find. 


Wenn ich 3 jeigen werde, daß diefes dünne Hirnhäute 

pfindung fen, fo fcheint nicht ein Schat» 
ten eines Grundes übrig zu bleiben, warum man 
den Nervenhäutchen die Empfindung, welche in dem 


chen ohne € 


Marke ihren Sitz hat, zufchreibe. Ich babe einen 


Verſuch an Hunden und Boͤcken angeftellt, und ihn 


oftmals wiederholet. 


Ich habe die harte Hienhaut von der 


und von dieſer Haut wiederum das dünne Hirnhaͤut⸗ 


chen entbloͤßt: dieſes habe ich mit Spiesglasbutter 


beſtri⸗ 


— 





des menſchlichen Koͤrpers. 233 


heſtrichen, denn das Vitrioloͤl verſchlingt gleichſam 
die Haͤutchen zu begierig und verzehrt ſie; mit dem 
Meſſer aber laͤßt ſich das duͤnne Hirnhäutchen — 
ſchwerlich reizen, ohne das Gehirn dabey zu beruͤh⸗ 
ren. Das mit der glaͤnzenden merkurialiſchen Rin⸗ 
de uͤberzogene duͤnne Hirnhaͤutchen wurde verbrannt, 
ohne daß das Thier im geringſten gewehklaget, noch 
den Koͤrper beweget, noch Convulſionen bekommen 
haͤtte. Stach man aber in das Gehirn, es mochte 
nun langſam oder geſchwind geſchehen, ſo erfolgten 
die heftigſten Convulſionen, welche den Koͤrper des 
armen Thieres faſt wie ein Bogen zufammen kruͤm ⸗ 
meten. | | 

Wenn das dünne und harte Hirnhaͤutchen, wenn 
das Knochenhäutchen, ohne Empfindung ift, fo ſcheint 
auch. offenbar zu fenn, dag die andern Häutchen eben. 
falls nicht empfindlich ſind. Und da ich auch zu 
dem Ende das Darmfell von den geraden Musfeln 
entblößet, welches von mir oft wiederholer worden; da 
ich das Ribbenfell von den Muskeln wiſchen den 
Ribben und den Nerven befreyet, welches zwar ein 
ſchwerer Verſuch iſt, den ich aber Doch einigemal ges 
macht, und zwar fehr glücklich an einem Zieckelchen, 
welches ein gelaffenes Thier ift; da ich ferner in den 
Herzbeutel (Pericardium) gefchnitten oder Denfelben ge 
reizet: fo habe ich niche die geringfte Empfindung, noch, 
die geringfte Veränderung bey dem Thiere wahrgenoms 
men. Herr Storch hat, als demfelben das Darmfell 
mit einer drenfchneidigen Nadel durchftochen worden, 
nichts gefühlet, wie aus der aufgezeichneten Hiftorie ſei⸗ 
ner Krankheit, moran er geftorben, erhellet. Ich hoͤre 
p viele gelehrte Männer bierwider ſchreyen, welche 
| den 


254 Bon den empfindlichen Theilen 

den Sig des gewiß fehr heftigen Schmerzes.bey dem 
Seitenftechen in das Ribbenhaͤutchen geſetzt haben, 
und denen wir die Gründe ihrer Meynung felbft une 
tergraben, wenn wir behanpten, daß das Kibbenfell 
ohne Empfindung ſey. Was Fann ic) aber anders: 
erzählen, als was ich gefehen? - | 

Es darf auch niemanden allzu widerfinnifch ſchei⸗ 
nen, was mir einigen Krankheitslehrern entgegen fe= 
Sen. Hermann Boerhaave x) haf vorlängft be⸗ 
merfet, daß das Nibbenfell, wenn wir einäthmen, 
vielmehr erhoben werde, indem die Nibben näher 
zufammen fommen, und deren Zmifchenräume ſich 
vermindern ; da fie hingegen bey dem Ausaͤthmen 
von einander gezogen werden, und das Nibbenfell 
ausgedehnet wird. Bey dem Seitenftechen aber 
haben die Patienten, wenn fie einäthmen, Schmer« 
zen: fie haben daher Schmerzen, wenn das Nibben« 
fell weniger leidet, und hingegen weniger — 
zen, wenn es ausgeſpannt wird. 

Unſer großer Lehrer pflegte daher den Sitz ves 
Seitenſtechens nicht in das Ribbenfell zu ſetzen; er 
fuͤgte hinzu, daß die Muskeln, welche die Ribben an⸗ 
ziehen, dabey entzündet zu ſeyn fehienen: ung aber ift 
Hinlänglich, wenn wir fagen, daß die größten zwifchen 
den Ribben befindlicdyen Nerven, es mag nun ſeyn 
auf was fuͤr Art es wolle, leiden. 

Von dem Mittelfelle (Mediaſſinum) it ebenfalls 
außer Zweifel, mas von dem Kibbenfelle geurtheilet 
— weil es uͤberdieß ſehr zart und dem je 

ehr 


| Pr In den Vorlefungen, die unter ER Titel: Praxis 
medica 1745. herausgekommen fi find, T. IV: p. 162. 


des menfchlichen Körpers. 255 
fehr ähnlich if. Denn alle diefe Häuschen find ob» 
ne Nerven, und von der Natur des zellichten Gewe⸗ 
bes: fie fi nd alfo billig ohne Schmer;. | 

Wir wollen mit Unterfuchung der Häutchen wei⸗ 
ter gehen. Die Puls» und Blursdern fcheinen 
nicht zu fehmerzen ; ; ſie ſcheinen, fage ih: Denn 
wenn man einen Merven reizt, oder anfaßt, fo weh—⸗ 
klaget das Thier ; wenn aber eine Pulsader ergrife 
fen wird, fo empfindet es nicht. Ich will hierbey 
der Rerven nicht vergeſſen, welche in den Haͤutchen 
der Hals» Zungen» Shlaf. Schlund: Lefzen⸗ thy⸗ 
roidiſchen Pulsader (Arteria carotidis, lingualis, 
temporalis, pharyngea, labialis, thyroidea) und 
Aorte bey dem Herzen von ung gezeigt zu werten 
pflegen, auch nice weiter zu gehen feheinen. Es ift 
billig zu glauben, daß an diefen Dertern die Pulsa« 
dern empfinden, in fo fern Nerven an denfelben lie 
gen; übrigens aber eine ftumpfe oder gar feine Em— 
pfindung heben. Die Menfchen felbft, denen ich die 
Pulsadern habe unterbinden laffen, und deren es 
nicht wenige geweſen, haben niemals über das Band 
wenn e8 angezogen worden, geflaget. 

Daß die Häutchen des Magens und der Ges 
därme, welche die Matur der äußerlichen Haut an 
fich haben, empfindlich find, verſteht fich leicht. Sole 
chergeftalt ift das nerbichte Häutchen der Blaſe, die 
aud) von der Haut felbft abftammt, und von der Na—⸗ 
tur der Harngoͤnge, Mutterſcheide und Ge⸗ 
baͤhrmutter iſt, empfindlich. 

Daß das Herz auch empfindet, erhellet nicht aus 
meinen, ſondern aus anderer Erfahrungen: es iſt 


aber ai ein Muskel und hat Nerven, Ich felbft 
- habe 


256 Don den empfindlichen Theilen 


re, dem man die Bruſt öffnet, kann man ſich kaum 
Hoffnung machen, daß es bey einer fo großen. Mar« 


4 
RB 


| 


babe feine Erfahrung davon: denn bey einem Thie⸗ j 


| 


ter von einer andern leichten Empfindung Bee | 


wird. 


Hingegen was bie eigentlichen Eingeweide an⸗ J 
betrifft, die unge, die $eber, die Milz, die Nieren, 
ſo habe ich aus Erfahrung, daß fie entweder gar Feio 


ne,.oder doch eine fehr ſtumpfe Einpfindung haben: 


denn ichhabe bey allen, wenn ic) fie gereizet, oder 
Stuͤckchen davon heraus’ gefchnitten,, oder mit dem 
Meſſer hinein geftochen, nichts ähnliches einer Ems 


pfindung erfolgen fehen. Hiervon Fönnen die Ber: 
fuche des Herrn J. ©. Zimmermanns y), wels 
che diefes ebenfalls beftätigen, nachgefehen werden, 


Daher koͤmmt es, daß die Gefchwüre in der Sunge 


unfhmerzbaft find, und ein in den Nieren befindlis 


cher Stein öfters fehr lange Zeit verborgen Pen 


und nicht erkannt wird. 


Wollte jemand einwenden, dieſe Eingeweide: haͤt⸗ 


ten Rerven ;. fo werde ich darauf antworten: diefe 





Eingemweide feheinen nicht ganz und gar ohne Ems 


pfindung zu fenn ; dieſe Empfindung ift aber ſtumpf, 
wie in einem jedweden Theile, der in Anfehung feiner 
Größe fehr wenig Merven bat. Denn alle Einge⸗ 
weide haben große Gefäße und, Fleine Nerven; aud) 
die Seber, die Milz und die Nieren befonders.. 


Die Drüfen überhaupt haben eine ftumpfe Ems 


—— die ſie von den Nerven, welche ſie oͤfters 
durchlaufen, bekommen. a. * die Verhaͤr⸗ 


—* j 


y) An angeführtem Drtepa. an 


J 


| 


ea SE RAM > Lie a x 

des menſchlichen Körpers. 257 
kungen und Sadgefhmwülfte (tumores cyftici) un⸗ 
ſchmerzhaft. Und es ift zu vermundern, daß nur 
neulich Here Theophilus von Bordeu, einfchars 


- fer Richter ro Sa viele Nerven der Druͤ⸗ 


fen’ als ausgemacht voraus ſetzen, und auf diefer 
Borausfegung ein ganzes Lehrgebäude errichten koͤn⸗ 
hen, in welchem gelehret wird, daß die Drüfen ihren 
Saft nicht durch” eine Zufammenpreffung , fondern 
durch eine Reizung abfcheiven. Daß aber in die 


groͤßten Deüfen, und die Bruſtdruͤſe (Thymus) 


keine Nerven laufen, welche bekannt waͤren, daß die 
thyroidiſche Druͤſe kleinere Nerven habe, als irgend 
ein Muſkel, der zehnmal kleiner iſt, und daß es Feine 
Drirfe giebt, die einen größern Nerven bekoͤmmt, läßt 
ſich Teiche zeigen." Ferner fo wird man auch finden, 
daß bey offenem Munde, ohne den geringften Huns 
ger nach Speife der Speichel bloß von dem Antriebe 
des zweybaͤuchichten Muffels hervor quillt, wovon 
die Erfahrung Teiche anzuftellen if, Die Brüfte 
find von der Art der äußerlichen Haut und überhaupt 
nervicht. 3 my 

Das männliche Glied ift, weil es hautiche und 
nervicht, empfindlich, und übertrifft in Anfehung der 
vielen Merven leichtlich alle andere Theile des Kür. 


pers. Die Zunge hat eine fcharfe Empfindung, 


daher fühle fie nicht nur, fondern ſchmeckt auch, und 


iſt mic fehr ſtarken Nerven verfehen. - Eine gleid 


Empfindlichkeit hat au) das Auge, vornehmlich das 
neßförmige — fo gar von dem Lichte 






verleßet wird, wie mam aus dem Schmerze und aus 
der Entzündung, die die blißenden Sonnenftrahlen 
nach ſich ziehen, abnehmen Fann. Auch das Ader- 

13 Dand. R haͤutchen 


on den empfindlichen Theilen | 


Ru „> (Choroiden) und der Regenbogen ſcheinen 


Empfindung zu haben. Bender Hornhaut aber 
ſehe ich nicht, daß ſie Nerven hat denn ſie kann öfe 
ters ohne Schmerz mit einer‘ durchſtochen wer · 
den; daß auch die Empfindu ſo wohl in dem 
Regenbogen, als vielmehr in dem netzfoͤrmigen Haͤut⸗ 
chen ſehr ſcharf ſey, beweiſe ich folgendermaßen. Man 
öffne einem lebendigen Thiere mit einer: fpigigen und 
binnen Nadel die Hornhaut ; man weize oder zer⸗ 
fhneide den Regenbogen, fo-wirb er ſich niche fo fehr 
zufammenziehen, ‚als wie er ſich von der geringſten 
Hinzukunft eines neuen Lichtes zuſammen gezogen ha= 
ben würde. Man fieht daher, daß der Kegenbogen 
nicht deswegen enger wird, weil er felbft.empfindlidy 
ift ; fondern deswegen, meil das neßförmige Häuts 
chen leidet. Eben diefes erbeflet aus dem fchwarzen 
Staar (Aunsuoh s), da der ganze Regenbogen uns 
beweglich, ift, weil der Sehenerve unbrauchbar gersor« 
den, und daher das neßförmige Häntchen die aloe Hi 
fenden Lichtſtrahlen nicht empfindet. 
Endlich fo muß wohl der Sig der (härfften En 
pfindung in dem Nerven, als der Duelle aller Em⸗ 
pfindlichkeit ſeyn. Denn wenn man denſelben be- 
ruͤhret, reizet, ja nur bindet, fo. ift es demjenigen, 
welcher es nicht erfahren, unglaublich), was für eine 
große Beängftigung und Schmerz die Thiere zu era - 
fennen geben. Und ich habe erfahren, daß bloß 
durch) Unterbindung der größern Nerven, nicht allein 
des achten Paares, fondern der E lieder ſelbſt, nach) eis 
nigen Tagen die Hunde gi en; woraus ich felbft 
erbindungen folcher großen | 
:ines Gliedes zu fürchten ano 
v gefan⸗· 










des menſchlichen Körpers, asp 


gefangen“ «Ein zerfehnittener Merve aber hat, wenn 
man ihn unter dem Orte wo er Durchfchnitten wor⸗ 
den, gereizet, bey dem Thiere Feine beſchwerliche Em: 
pfindung; erreget. Es ſcheint daher niche), daß die 
Empfindung durch das Zufammenlaufen des einen 
Merven in den ändern (Anaftomolis) fortgepflanzes 
a u a la a 
Wir haben alſo geſehen, welche Theile empfindlich 
find; die Nerven nämlich, und die Theile des Koͤr⸗ 
pers, welche viele. Nerven haben: dieſe aber verlie: 
— Empfindlichkeit, ſo bald als der Nerve, 
der in einen ſolchen Theil gehe, gedruͤcket, unterbun— 
den, oder zerſchnitten wird. Die Verſuche ſind ſo 
bekannt, daß. es hinlaͤnglich ſeyn wird, wenn ich mei⸗ 
ne Leſer auf die Erläuterungen über den Boerhaave 
verweife z), Der Merve empfindet alfo allein, und 
bey dem Nerven: weder. das harte, noch das weiche 
Häuschen; fondern einzig und allein die marfichte 
Subitanz, welche aus dem Gehirne koͤmmt, und von 
dem weichen Hirnhäutchen umkleidet wird. 





2) De irritabilit. n.284. not. 0000 —4 2) 
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een ei genfehlägader und en 
anatomiſchen Wahrnehmungen. 


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RT iR mch u, TR, 


$ as Andenken der befonbern Gewogenheit, bie 
fie für mich hegen, ift mir jederzeit höchit 
angenehm und ich mollse daher ſehr wün- 

ſchen, da fie ehegeftern hier geweſen waͤren. Denn, 
gleichwie fie, als ic) mid) zu Bologna, aufgehalten, 
unfern anatomifchen. Uebungen „gütigft beyzumohnen 
pflegten: fo würden fie ige. eine, , meines Erachtens 
fehr ſelten r aber und dem wackern Herrn Jo⸗ 
Snchi, deſſen vortreffliche Gemuͤthsgaben 
ihnen vollkommen bekannt ſind, ganz neue und uner⸗ 
! ui N nebft uns ‚aerßen haben. Wir 
* Gaben 


“ PN 4 










an der eigenen Qungenfehlagader. 261 


haben naͤmlich eine Beutelgeſchwulſt an der eigenen 
Lungenſchlagader (arteria bronchiali) angetroffen, die 
mit einer Blutgeſchwulſt begleitet war. Von dieſer nun 
habe ich mich entſchloſſen, ihnen ſogleich Nachricht zu 
ertheilen, damit ſie ſehen, daß es mir niemals an 
Bereitwilligkeit fehle, ihnen zu dienen. Daß ich 
aber nicht, ich ſage nicht lateiniſch, ſondern italieniſch 
ſchreibe, ungeachtet ich dieſes die ganzen vierzehn 
Jahre, da wir uns doch, wie es die Gelegenheit mit 
ſich gebracht, öfters durd) Brieſwechſel mit einander. 
befprochen haben, niemals: gerhan habe: dieſes ge⸗ 
fchieht in der Abficht, um mich bequemer und kürzer 
auszudrüden; weil ich glaube, die anatomiſchen Kunſt⸗ 
wörter wuͤrden mir, wegen der hergebrachten Ge⸗ 
wohnheit, ſie lateiniſch zu lernen, leichter beyfallen. 
Es haben mich aber auch noch andere Urſachen von 
dieſer Sprache abgeſchrecket. Doch dero unglaub⸗ 
liche Staͤrke und Liebe gegen mich richtet ig: auf 
und machet mir Muth. 

Da wir aus gewiſſen Zeithen. vorausfahen, daß 
der Sitz der Krankheit im Oberleibe waͤre: ſo zer⸗ 
gliederten wir faſt nichts als deſſen Hoͤhlen. Wir 
öffneten alſo zuerſt die rechte, Seite, weih wie. glaub⸗ 
ten, daß biefe ohne Mangel wäre; damit wir defto 
ſicherer und leichter zu der entgegengefegten ſchadhaf · 
ten kommen konnten. Hier nun fanden wir einiges 
blutiges Salgwafler, und der untere Lappen der. Lunge 
war an das Zwerchfell angewachſen: die zween uͤbri⸗ 
gen Lappen aber waren gleichſam mit ſtarken Baͤnden, 
wie man oͤfters beobachtet, an die Ribben befeſtiget. 
Als wir hernach die linke Seite oͤffneten, fanden wir 
| vr vis: Blut, Denn da. wir das Bruſtbein auf 
R3 * 





* ei der innere‘ “ — Theil des 
Blutes an heraus zu laufen, welcher auf dem dickern 
und bereits geronnenen ſchwamm, wie bey Dem Blute, 
welches ſich nach einem Aderlaſſe geſetzt hat, und kalt 
worden iſt, zu geſchehen pflege. Nachdem wir dieſes 
ausgefchöpfer Hatten, fahen wir, daß die ‚unge, welche 
dem Augenmaaße nach faft um den dritten Theil klei⸗ 
ner als die rechte war, an die Ribben durch die be⸗ 
reits gedachten Baͤnder, und vermittelſt der Beutel⸗ 
geſchwulſt, die ich wegen der Aehnlichkeit der Sub» 
ftanz nicht befjer als Parenchyma zu nennen weiß, wie 
auch unſer Here Bianchi fuͤr gut befand, ſehr feſt 
an Das Zwerchfell angewachſen war. Dieſer Paren⸗ 
chyma, welches, wo es am dickſten, uͤber zween Quer⸗ 
finger did war, umgab den aufwaͤrt ehenden 
Schlund, nebſt der Luftroͤhre und den aufſteigenden 
Blutgefaͤßen, bis an die Schluͤſſelbeine; herunter⸗ 
waͤrts aber lief es uͤber die Aorte und das nervichte 
Stuͤck des Schlundes hinweg, bedeckte beſonders den 
linken Theil des Zwerchfelles oben und unten, gieng 
bey deſſen aͤußern Anhaͤngen in den Bauch), und hieng 
an der obern Seite des Magens an, vier Querfinger 
von dem Orte, wo der Schlund in denſelben einge⸗ 
füget iſt. Als wir daher den Ort fucheten, woher 
eine ſolche Menge frifches Blut gekommen war, fo 
konnten wir denfelben nicht finden, bis wir den Herz« 
Beutel, in welchem, wie natürlicher Weiſe zu geſchehen 
pflegt, etwas weniges von Feuchtigkeit enthalten war, 
aufgefchnitten, und den Anfang der Horte entbloͤßet 
man -Diefe nun fehnitten wir hernach unter ihrem 
ogen der Laͤnge nach auf, und fanden, als wir den 
Be hineinſteclten / * IM ‘welches der- dufröpre: 
di gegen 


an der eigenen Lungenfchlagader. 263 
gegen uͤber war, naͤmlich da, wo die Schriftſteller 
angegeben haben daß die eigene Lungenſchlagader in 
ſie hineingeht, und welches zur linken Hoͤhle der Bruſt 
gehörete. Wir urtheileren alſo, das Blut wäre aus 
diefem Orte, oder aus dieſem $oche herausgeſchoſſen; 
weil die Horte, als wir durd) die gemachte Deffnung 
bineinfahen, ‚innerlich allerwegen unverleßt war: und 
es Fand fich bald hernach auch wirklich ſo. udeflen 
Dachte ich, (denn fie werden erlauben, daß ich bey 
einer Dunkeln Sache das thue, wodurch ich ihnen meine 
 Meynun g beſſer ‚erklären kann) ich dachte, ſage ich, 
die eigene Lungenſchlagader waͤre ehedem bey ihrem 
Anfange zerſprenget oder ſehr geſchwaͤchet worden, 
und das Blut waͤre daher durch die Zwiſchenraͤume 
der Faſern und Haͤute, aus welchen die Luftroͤhre, der 
Schlund, und die andern umliegenden Iheile befiehen, 
ſowohl aufmäres: als unterwärts an der Aorte und 
dan Schlunde bingelaufen, worauf es nad) und nach 
geronnen, und theils in Faſern, wie es ſeine Art iſt, 
theils in Klumpen verwandelt worden. Wenn ſie 
ſfich dieſes vorſtellen, wertheſter Here Beccari, ſo 
werden ſie vielleicht die Sache begreifen, die ich, da 
ic) fie erklaͤren will, nicht zu erreichen glaube. Ich 
muß ihnen alfo nach diefes fagen, daß bey diefer Per: 
5 das in die Zwiſchenraͤume der Haut ausgetretene 
Blut nicht zu einem Stuͤcke Fleiſch geworden, wie 
wir ehedem bey Herzgewaͤchſen (Polypis) geſehen bar 
ben, bey denen gleichfam viele Schichten Fleiſch über 
einander lagen. Denn der fehmarze Theil diefes 
Diutes, welcher dem ganzen Parenchyma eben diefe 


Farbe gab, fonnte, ungeachtet er hart geworben war, | 


im warmen Waſſer SM leichtlich aufgelöfer 
wer⸗ 


264 Von einer Beutelgeſchwulſt 
werden; die Faſern aber, in welchen dieſes gero 
Blut ſeibſ enthalten war, waren ohne einige au 
nung alferwegen in einander geflochten, und umgaben 
die Aeftchen der über ven Schlund: Binlaufenden Ner⸗ 
ven. Das Parenchyma ſelbſt aber ſteckte in einem 
dünnen und weißen Haͤutchen, das wir für Das ge⸗ 
meinfchaftliche und äußere diefer Theile hielten, durch 
welche das Blue gleichfam deftiffivet war. Vermit— 
telſt dieſes Parenchyma hieng der Herzbeutel mit dem 
Zwerchfelle, die Lunge mit der herabſteigenden Aorte 
und dem Zwerchfelle ſelbſt zuſammen. Der nervichte 
Theil des Zwerchfelles aber war, wie ſchon gedacht, 
drey Querſinger dicke, doc) nicht an allen Orten, weil 
naͤmlich die Geſchwulſt, oder das Parenchhma, bey 
dem Loche des Schlundes dicker war, an den uͤbrigen 
Theilen aber nad) und nach abnahm. Ich muß hier⸗ 
bey noch erinnern, daß, ohne das Zwerchfell zu zer⸗ 
reißen, Feine Trennung geſchehen konnte. Daher 
glaubten wir, die Bluttheilchen waͤren in deſſen Zwi · 
ſchenraͤumen angewachſen. Nunmehr wollen wir 
den Ort, wo fich die Schlagader zu ‚erweitern: ange» 
fangen hat, genauer betrachten. Die Mündung der 
eigenen $ungenfchlagader mar fo weit, daß ich mit 
dem Daumen hineinfommen konnte. Sie machete 
einen dicken und gleichfam caflöfen Ring, der bey 
_ Berührung der Luftröhre nad) und nad) dünner wur⸗ 
de, fo daß man ſah, er fen vor Eurzem zerriffen, wie 
mau aus einigen: Eleinen berumhängenden Stüdchen 
erkannte. In der Subſtanz diefes Ringes war eine 
andere Mündung eingefchnitten, die gleichwohl Feine 
Deffnung hatte, als wenn die eigene ———— 
eebem einen herpeen — gehabt haͤtte; wel⸗ * 
$ 


an der eigenen Lungenſchlagader. 265 


ches fh, wie die Schriftfteller erinnern, zuweilen er⸗ 


eignet. Hieraus ſcheint zu erhellen, mie hoch die 


Neugierde, der Zergliederer , auch in Unterſuchung 
der geringſten Dinge zu ſchaͤtzen iſt. Denn haͤtten 


ſie uns dieſe Schlagader nicht kennen gelehret, ſo 
koͤnnten wir den Det, dieſer Beutelgeſchwulſt nicht fo 
eigentlich anzeigen. Ueberdieſes war die ganze 
Kruͤmmung der Aorte weiter, als ſie gewöhnlich. zu 
ſeyn pflegt, doch aber nicht dünner: » Ihre ganze ins 


nere Fläche aber, wie auch das ganze herabfteigende | 
Stuͤck, war mit weißen. Flecken geſprenget, wie man 


bey: dergleichen Fällen, fchon beobachtet hat: welche 
Flecke die innere‘ Fläche ſowohl rauh machten, als 


auch deutlich durch dieſelbe aͤußerlich ducchfihienen, 


— 


Wenn aber die innere Haut der Schlagader ſelbſt 
von den andern abgeloͤſet wurde, ließen: ſie ſich leicht 


abſchaben. Daher vermuthen wir, nach. des; Heren 
WMorgagni Kegel; welcher ‚gelehret hat, daß fich 


bey den Erweiterungen der Aorte, in. ihren bie, und. da 


verſteinerten Haͤutchen, deutliche, Zeichen eines zer⸗ 
frefienden Wefens äußern, Daß dieſe Flecke in unferm 


alle der Anfang eines Durchfreſſens geweſen. Das 
Herz war nicht gar groß. Die, Ohren, beſonders 


das linke, war klein und zuſammengeſchrumpft. In 


dem Eingeweide des Unterleibes haben wir nichts 
widernatuͤrliches wahrgenommen, als daß die Milz 


runʒlicht und klein war⸗ Kan en * 
— ausſah. 


So viel kann id) — von dem Sige und der 
Art der Krankheit melden. Finden fieweiter etwas, 
und wielleicht werden fie durch meine Schuld noch 


5 ul: 


| ai dergleichen finden, was * dabey noch a; | 





256 Bon einer Beutelgeſchwulſt 


ift: fo belieben fie mich nu, wenn fie es der Mühe 
werth achten, darum zu befragen. Vielleicht werden 
fie durch ihre feharkfinnigen Fragen das, was ich im 
in habe, herauslocken, und gleichfam heraus⸗ 
ea A Be ne 
Nanmehr muß ich noch die Gefchichte dieſer Krank⸗ 
heit befchteiben, und dasjenige, mas ich drey Tage 
vor des Kranken Tode, mit allem möglichen Fleiße 
‚ beobachtet, als den Inbegriff der ganzen Krankheit, und 
beſonders, was ich in Anfehung der Natur und Art fchon 
den erften von gedachten: drey Tagen erfahren, und 
entdecket hatte, berichten. Der Kranke war bey meis. 
nem Herrn, dem Cardinal von Wia, Käufer, ;drey 
und vierzig: Jahre alt, ſehr munter, dem Anſehen 
nad) ſtark, "mittelmäßiger und unterfegter Statut. 
In der Jugend war er den Mäuerern andie Hand 
gegangen, und'hatte, wie er denn harter Natur dar, 
und ſich darauf viel einbildete, Laſten auf den Schule 
tern getragen, zu welchen ſeine Kraͤfte in dieſen Jah⸗ 
ren kaum zureicheten: bey welcher Gelegenheit er 
auch mehr als einmal von hohen Gebaͤuden herunter 
gefallen iſt. Nachdem er erwachſen war, fieng er 
an, ſich bey vornehmen Leuten in Dienſte zu bege⸗ 
ben, und ward fuͤr einen guten Läufer gehalten, 
Sehszehn Jahre darauf nahm er eine Frau, mit 
welcher er drey ‘oder vier Kinder erzeugte, und gegen 
die er ſich in eanlien Gefprächen über die Bruft zu 
beffagen pflegte gegen mich aber oft über viele Blä« 
Hungen, Lenden und Magenfchmerzen, welcher 
Schmerz, feinem Berichtemacdh, bis an das Bruft- 
bein gieng, wie wir nicht felten bey hypochondriſchen 
Zufällen zu bemerken pflegen: . welchen Beſchwerun ⸗ 


an der eigenen Lungenſchlagader. 267 


gen ich, ſo wie ich mir die Krankheit vorftellete, mit 


gelinden Arztneyen, oder Terpentin, oder bittern im 


Waſſer abgekochten Kräutern abzuhelfen gewohnt 


ward. Vermittelſt dieſer Huͤlfsmittel befand er ſich 


binnen einigen Tagen beſſer, und verrichtete das Sei⸗ 
nige wie der Gefimdefte, Allein dieſes Jahr, da er 
wegen ſeiner Hausgeſchaͤffte ʒwanzig Tage uͤber Land 
geweſen war, während weichen er taͤglich viele Stun 


den durch Gebirge, die bereits mit Schnee bedeckt 


waren, reifen mußte, und für Bruſtweh nicht reuten 
konnte, kam er vorigen 14 Jenner ſehr muͤde nach 
Haufe, und legte ſich durch die Krankheit faſt gang 


entfräfter, ins Betre. "Als ich ihn befuchete, erzaͤh⸗ 


lete er mir, er empfaͤnde ein neues Schlagen in der 


Bruſt und in der Gegend des Bruſtbeines Růckens | 


und der Schulcerbläfter, zumal des linken, einen um 
erfräglichen Schmerz, vor dem er nicht im Bette 
bleiben koͤnnte, der aber etwas nachließe,, wenn er 
mit niedergebeugten Haupte auf dem Bauche läge, 
und warme Tücher auf den Rücken und die Vruft 
legte; und er Härte diefe Acht Tage durch weder 
Tag noch. Nacht ſchlafen koͤnnen. Er fegete Binzu, 
er hätte einen bittern Geſchmack im Munde, und 
würde von Blähungen gequaͤlet, die, wenn fie auf⸗ 
ſtiegen, durch eine ihm unbekannte Hinderniß, wie er 
ſagete, zuruͤckgetrieben würden; da er hingegen, 
wenn fie fortgiengen, große Leichterung verfpürete 5 
und er wäre drey Tage vorher, ehe er nad) Häufe ger 
fommen, des Nachts von einem Froſte uͤber den‘ Hans 
zen Leib befallen werden, und wegen Verſetzung des 
nd bald geftorben; Härte ſich aber an ev 


fo 


7 


»68 Von einer Beutelgefhtwulik‘ Hr 


ſo wohl, Speife als eine bittere Materie von f — ge· 
brochen, wieder erholet. 


Dieſes erzaͤhlete er mir von frehen Sacen Das 
übrige entdeckte ich, indem ic} ihn ausfragte und be⸗ 
fabe, . Das Geficht fahe nämlich wegen vielen Blue 


tes bieyfarben aus. Die linfe Droffelader; ſchlug 


etwas ;. die rechte aber ſehr ſtark. Er befam des 
Tages zwey bis dreymal, ſo gar im Bette, einen klei⸗ 


nen Schwindel, nebſt einem kalten Schweiße auf 


dem Kopfe. Die Fuͤſſe erſtarreten ihm am Tage, 


oͤfters. Wenn er auf der Reiſe bergauf gegangen 
war, hatte er anfangs nicht zu Athem kommen Fön 
nen; hatte aber hernach, wenn die Bruſt, wie er 
ſagte, nach und nach warm geworden, wie ein geſun⸗ 
der Menſch geathmet, und die Reiſe fortgeſetzet. 
Das gedachte Schlagen in der Bruft fühlte ‚man 
nicht, wenn man die Hand auf das Bruſtbein oder 
den Ruͤcken legte: Der Kranke mochte auf dem Ruͤ— 
en, oder.auf dem Bauche, oder auf der Seite lie 
gen. Das Herz aber ſchlug fehr matt, eben.fo, wie 
die Schlagadern an ber Börderhand; ungeachtet hier 
der Puls, regen einiger‘ ‚Spannung der Haͤute der 


Schlagadern hart zu feyn fchien, dergleichen wir ge 


ſaͤget (erratum) nennen koͤnnten: doch erinnere ich, 
daß er ehedem einen ſogenannten geſchwungenen Puls 


— gehabt hat. Dieſes ſcheieb ich feiner fee 


bensart zu. Denn ich habe, bey folchen Säufern, 
wenn fie-übrigens gleich). gefund gewefen find, allezeit 
dergleichen. Puls zu beobachten. geglaubet.. Damals 
aber war er ungleich, weil naͤmlich einige Schläge 


ſchwaͤcher als die andern, waren: aber niemals blieb 
; er 


a aka 0 tagt nl er each. pen 
RE EB — a an Ei en 


a ee 


an der eigenen Lungenfihlagader. 269 


er aus; doch mar er sallezeit felten (rarus). Die 
Achſeln, desgleichen die Arme, hatten ihm in ſeinem 
Leben nicht wehe gethan. Indeſſen wagte ich eg 
doch, wegen der Heftigkeit des Schmerzens, ob 
mich gleich die erſt vor kurzem von mir entdeckte, 
aber wie ich beweiſen kann, bereits allzuweit 
gekommene Krankheit, und die Mattigkeit des Pul⸗ 
ſes, haͤtten abſchrecken ſollen, ihm eine Ader oͤffnen 
zu laſſen. Weil ich aber waͤhrend der Zeit, daß das 
Blut lief, merkete, daß der Puls noch matter wurde, 
ließ ich aufhoͤren und Die Ader verbinden. Mach 
dem einiges Blut weggelaſſen war, fieng ſich der 
Schmerz etwas zu vermindern und der Schlaf auf 
einige Stunden einzufinden an. Das mweggelaffene 
Blut war nicht fehr dicke. Den Tag vorher, che 
er farb, empfand man das Schlagen, wenn mail die 
Hand aufides Kranken Bruftbein legete, und er auf 
dem Rüden lag, wie etwas Klopfendes oder gleich 
fam ſchwappendes. Eben den Tag wurde er, als er 
ſich, um etwas zu effew, im Bette aufrichten wollte, 
über das ganze Gefichte roch, und empfand über den 


ganzen Unterleib eine ſtarke Hige, und auf dem Kopfe 


einen falten Schweiß. : Bald darauf verlor fich 
alles diefes wieder, und er. aß. Mac) Verlauf des 
dritten Tages nad) feiner Zurücfunft, als er zween 
oder drey Loͤffel frifches Waſſer zu fich genommen 
hatte, (Faltes Getränfe aber vermehrte, wie er gefaget 
batte, das Uebel, ) wurde er ohnmächtig , kam aber 


doch bald wieder zu ſich: zwo Stunden aber darauf, 
welches der letzte Zufall war, verfiel ex wieder darein, 


und gab den Geiſt auf. So viel mag hiervon ges 
| Nun: 


\ 


y 
———___ 
z 





27 "Bon einer Beutelgeſchwulſt | 


"Munmehr, da das Schreiben ohnedem ſchon die 
ren uͤberſchritten hat/ Sie aber alles zuͤtig auf⸗ 
zunehmen “pflegen, ich mag fagen, was ich ‚will wer⸗ 
den Sie mir verzeihen, wenn ich daſſelbe noch nicht 
ſchließe. Ich will ihnen daher Theile das melden, 
was ich wege der von dem Rivin entdeckten Deff- 
nung des Trommelfelles, ‚welche unfer Herr Bian⸗ 
chi nebſt mir beobachter hat, und wovon ich ehedem 
muͤndlich mit Ihnen gefprocdyen, ‚und ſchriftlich ges 
nauere Nachricht zu ertheilen verfprochen | habe: 
Theils auch, befonders auf Anregen eben Diefes Freun⸗ 
bes, Damit ich ihnen nichts, was wir bey diefer Zer- 
gliederung wahrgenonmten, verhalte, was wir wegen 
der Klappe des Grimmdarmes bey eg — 
beobachtet haben. r 

Fürs erſte nun haben wir, damit it: Mein Wort 
halte, vor ungefähr drey Jahren, eines zehmjährigen 
Rnabens Leichnam geoͤffnet. Diefer war ertrun« 
fen, und wir wünfchten daher das zu erfahren, mas 
andere verfichert haben, daß die $unge in dieſen Faͤl⸗ 
fen nicht mie Waffer erfüllee wird, und daß dergleis 
‚hen Leute nur erftickten, weil fie nicht Athem holen 
koͤnnten. Dieſes num bewies der Zufall des gedach⸗ 
“ten Knabens vollfommen. Denn da das Maul, . 
wie bey $euten, die mit dem böfen Wefen behaftet 
find, die Luftroͤhre und die Naſe voll Schaum wa⸗ 
ren, und die Spitze der Zunge zwiſchen den Zaͤhnen 
ſteckte und abgebiſſen war, fand ſich doch in der ums. 

ge fein Tropfen Waffer, ja das Wafler war nicht 
\ einmal in den Magen gedrungen, in welchem wie nur 
ein wenig Feuchtigkeit fanden, die er kurz vor dem 
Anfall, wie wir vermutheten, getrunken Daten! Als 


ich 2 


an der eigenen Lungenſchlagader. 271 


ic, nun, damit ich zur Sache komme, in. deſſen lin· 
Ohre ſachte uͤber das Trommelfell mit einer 
Schweinborfte hin und. ber, fuhr „ befonders an ben 
Orte, wo die Haut ſchlaff iſt, und wo Rivin, wie 
uns Muͤnnich belehrte, ſeine Oeffnung ——— 
zu haben, gemeldet hat „zeigte ſich, nicht anders, Kt; 
wenn.ich einen äußerlich. gelegenen Dedel weggeho⸗ 
ben haͤtte, auf einmal ein rundes Loch, welches doch 
unſerer Vermuthung nach durch gedachte Borſten 
—— und —— war. KEN. da wir — 


—* nie aus einem, m Huden — 2 hat 
te; und daß dieſe ringfoͤrmige Figur, ob wir gleich 
die in das Loc) geſteckte Borfte Hin und her zogen, 
und wieder inne hielten, dennoch einerley blieb, und. 
ihren Rand unverlegt beielt, ‚Und ob wir gleich 
noch an andern Drren auf das Häutchen druͤckten, 
ich will nicht ſagen, eben ſo geſchickt, wie das ale 
mal, Doch gewiß weit ſtaͤrker, fo Fopnten wir daſſelbe 
doc) nicht zerreißen: Daher wir * ſte glaubten, wir 
hätten Rivins Loch geſehen, Ich muß aber Hier 
nicht vergeffen „daß Diefer Knabe öfters Ohrenlauf 
gehabt, wie wir von denen, die ihn gekannt hatten, 
erfuhren, niemals aber ſchwer gehoͤret hatte. Viel. 
leicht werden ſie gerne wiſſen wollen, wie es mit dem 
rechten Ohre befchaffen geroefen? Das Trommelfell 
war bereits zerriffen worden, als wir den Gehörgang 
geöffnet, um zu demfelben zu kommen. In diefeg 
Juͤnglings Haupte fanden wir die Adern fo wohl des 
dünnen, als des dicken Hirnhaͤutchens, nicht fo rrohh 
vom Bohne als von Luft. aufgelaufen. - 


272 Bon Yiner: Beute elge d 


Was die Klappe des Gevärtnäänges anbelangt, 
fo fahen wir deutlich, daß ſie aus zwiefachen gleiche 
ſam halben mondformigen Haͤutchen, ‚oder Fallen, 
(valuulae conniuentes) wenn man es ſo nennen will, 
oder, welches ich vielleicht mie Wahrheit fagen Fan, 
aus Fortſotzen Des Krummdarmes die den Grimm: | 
darm erhuben, beftand. Dieſer ihre Ränder waren 
die genug , fo das ihre Außerften zuruͤckgeſchlagenen 
Faſern eben das zu thun ſchienen, was der bogenfi oͤr⸗ 
mige Knorpel‘ in den Augenliedern thut. Beyde 
hatten eine ungleiche Hohe» Denn, diejenige, wel⸗ 
che nach dem Grimmdarme zulag / war um den Rand 
höher‘, als die andern, die nach dem Blinddarme jü 
fag. Sie ftunden ein wenig von einander ab; doch 
fo, daß ſich die Spalte leicht verſchließen ließ, wein 
man naͤmlich den Rand der oberſten ein wenig nieder⸗ 
druͤckete und nach der andern beugete. Denn als⸗ 
denn ſchloſſen beyde Raͤnder vollkommen an einander. 
Und wir glaubten, auf dieſe Art verſchloͤſſe ſich die 
$uft oder das in den Grimmdarm geſpritzte Weſen, 
den Eingang in den Krummdarm: wie ‚wir erfuh⸗ 
ren, wenn wir duch nur mit der Hand darauf druͤ⸗ 
cketen. Dieſe Ränder findet man nicht in allen 
Klappen des Grimmdarmes eben ſo ſtark, wie bey 
der itztbeſchriebenen. Denn, unſer oft belobter Freund 
hat ſechs bis ſieben Stuͤcke Gedaͤrme von Menſchen 
verſchiedenes Alters, die er erſt aufgeblaſen, hernach 
aber getrocknet hat; in welchen zwar die zwey Haut» 
chen oder Fortfäße von ungleicher Größe da find, die 
aber, als fie noch friſch waren, nicht fo dicke, unb 
gleichſam ringförmige Ränder zu haben fchienen, als _ 
das ibtgehachte. Doch auch die Spalte iſt nicht von 

eg 





Er 


an der eigenen Lungenfchlagader. 273 


gleicher Größe. » Bey gemiffen Leichnamen, in wel⸗ 
chen diefe Häucchen zufammenwachfen, wenn fie ſich 
den Wänden der Gedaͤrme nähern, ift fie enger: in 
andern aber weiter, bey welchen fie nämlich noch von 
einander getrennet, eben dieſe Waͤnde erreichen. So ' 
verhält es ſich in einem von den fieben ißtgedachten; 
als in welchem, ungeachtet der Krummdarm allezeit 
auf einerley Art, nämlich unter einem fpisigen Winfel 
in den Grimmdarm bineingeht, dennoch ein Zwi⸗ 
ſchenraum von wenigftens drey bis vier Linien bleibt: 
‚in einem andern aber von eben diefen Stücken, die 
alle, bis auf das zulegt von uns geöffnete, gleich, tro⸗ 
«fen find, bleibe Faum eine halbe Linie Raum übrig. 
Daher hat eben diefer unfer Freund bey denenjenigen, 
- in welchen die gedachte Spalte nicht fo enge ift, ehe» 
dem beobachtet, daß der Durchgang der Luft und 
des Waflers aus dem Grimmdarme: in den Krumms 
darm zwar gehemmet, aber nicht gänzlich gehindert 
wird, Woraus man leicht fehen Fann, daß zumei- 
len, ohne daß eim neuer Fehler an der Klappe des 
Grimmdarmes dazu fümmt, Clyſtiere wieder wegge⸗ 
brochen werden fünnen, wenn nur die Spalte nicht 
von Natur gar zu enge ift. Denn wenn fie allzu 
weit ift, wie ic) bey einem von diefen beyden neulich 
beobachtet habe, fo ift kaum zu glauben, daß die Klap⸗ 
‚pe, wenn er die Darmgicht befommen hätte, bey den 
großen Schmerzen und Convulſionen nicht ſchlaff ges 
worden, und die Einftire mit untermifchtem Kothe 
nicht durch Brechen weggegangen feyn follten. 

Sie fehen nunmehr, mwertbefter Herr. Beccari, 
daß ic) ihnen nicht ſowohl meine eigene, als vielmehr 
fremde, oder. wenigftens unferm Herrn Bianco ger 

13 Dand. S meine 


>74 Von einer Beutelgeſchwulſt 
meinſchaftliche Beobachtungen/ geſchrieben babe, 
Doch ſowohl feine befondere Guͤtigkeit, als die voll⸗ 
kommene Gemeinſchaft, die wir ohne alle Zwiſtigkeit 
in Anſehung dieſer Dinge beobachten, haben mich 
veranlaſſet, daß ich es an dieſem zwar geringen aber 
aͤchten Beweiſe meiner Zuneigung gegen fie 9* das 
be wollen ermangeln lafien, u. ſew w 'n 


Zweytes 
Sendſchreiben 


‚von eben demfelben, an eben denfelben, 
von eben biefer Materie, | 


Mein Herr. AR 


Sie werden mir zu verzeihen belieben, daß ich von 
eben der Sache noch einmal an ſie ſchreibe, von der 
ich ſchon einen ſehr langen Brief an ſie habe ergehen 
laſſen. Ich habe bemerket, daß ich einige, ſowohl die 
Zergliederung, als die Geſchichte der Krankheit be⸗ 
treffende Umſtaͤnde vergeſſen habe, an denen ihnen 
doch vermuthlich etwas gelegen ſeyn wird. 

Was alfo das erſte anbetrifft: fo verdienete viel« 
leicht diefes beobachtet zu werden, daß die eigene Lun⸗ 
genfchlagader bey diefem Manne zwar von der herab» 
fteigenden Aorte, aber faft zween Querfinger unter den 
obern zmwifchen den Ribben hinlaufenden Schlagadern 
ihren Urfprung nahm. Ich habe mid) nicht einmal 
auf dag befonnen, was unfer Herr Bianchi von der 


Schlundſchlagader vermuthete, daß fich nämlich das 
Blue um den Schlund herum aus —— ergoſſen 
be— 


— 


an der eigenen Lungenſchlagader. 275 


habe, wie man leicht Daraus urteilen, ann, weil die 


Schlundſchlagader, aus der eigenen $ungenfchlag« 


aber, wie Munich bezeuget, entfpring. Doch 
man kann von, dem Urfprunge dieſer Schlag⸗ 
ader hichts gewiſſes beſtimmen. Denn Heifter zäh: 
let dieſelbe, wie ſie gar wohl wiſſen, unter die Faͤchſer 


der abſteigenden Aorte, und ſondert fig von der eige⸗ 


nen Lungenſchlagader ab. Hingegen Rupypſch ftimmet 


mit feinen von beyden überein: fondern hat fie fo 


gezeichnet, als ob fie von dem Stämme der obern Rib« 
benfchlagader, der zur linken Schlüffelbeinfcjlagader 


‚gehöret, entiprünge, von welchem Stamm er öfters 
| ſelbſt die eigene Lungenſchlagader hat ausgehen ſehen. 


Wegen der Geſchichte ver Krankheit muß ich noch | 


benfügen, Daß der Patient öfters einen trockenen Hu⸗ 


ſten gehabt hat: und, ſo viel ich mich erinnere, oft 


ohne eine merkliche Urfac)e zu huſten iſt gewohnt ges 


weſen; welches auch diejenigen, mit Denen er Umgang 


gehabt bat, verfichern, von denen ich auch gehöret habe, 


daß es ihm übel aus dem Munde-gerochen. Er 
‚pflegte auch Tabaf zu rauchen: ich weiß nicht, ob aus 


einer eingebildeten Nothwendigkeit, oder zur: Luft. 
Diefes wenige habe ich Bo beyzufügen DA rathſam 


befunden, * w. 





II. Neue 


375 Anmerfungen uͤber die Aart 
ee 
2 | IM. | * 

Neue woſ kaliſche Anmerkungen * 


uͤber 


die Art das Getreide 
— — erhalten. 


Niß vtile et quod facimus, Aulta ef — * 
Phaed. Fab. L. III. fab. ıg. 


| Aus des Herrn Deslandes Recueil des differens 
Traitez de phylique &c, p. gr. _ 


14 habe vor einigen Jahren Gelegenfeit a * 


habt, verſchiedene Kornboͤden zu beſuchen, 

und, ſowohl uͤber das daſelbſt verwahrte Ge⸗ 

treide, als auch) über das häufige Lingeziefer, welches 
daſſelbe verzehrete, wichtige Anmerkungen zu machen. 
Dieſe Anmerkungen wurden an Perfonen von Stande 
gefchickt, die ſehr eifrig für das Vaterland find, und, 
den Völfern eine Erleichterung zu (Haffen fuͤr eine 
ihrer vornehmſten Pflichten achten. Ich wurde 
ernſtlich erſuchet, dieſe Arbeit nicht ae, fons 
dern vielmehr den bereits gemachten Betrachtungen 
noch gründlichere beyzufügen. Mein Geſchmack, der 
erſte gluͤckliche Erfo— , die allen Maturforfhern fo 
de, müßten mit diefen Bitten 
nothroendig tibereinffimmen. Ich fieng alfo an, alles 
-aufzufuchen, was mit diefer Sache, woran dem ge- 
meinen Wefen fo befonders viel liegt, verwandt A 
— 





das Getreide au BER 277 | 


ſeyn fchien ; ich befragte mich bey verſchiedenen Korn⸗ 
haͤndlern, inn · und außerhalb Landes; ich nahm da, 
wo ich mich meiner Augen nicht mehr bebienen Fonnte, 


das Bergrößerungsglas zu Hülfe: Kurz, ih famme _ 


lee eine große Menge Erfahrungen, worunter viel— 
leicht einige, wegen ihrer Neuigkeit, vorzüglich ſeyn 
werden. Alles diefes nahm ich zufammen, und brachte 
ein Werfchen heraus, woraus man, wie ich mir 
fhmeichle, wird einigen Mugen ſchoͤpfen koͤnnen. Ich 
ſage dieſes nicht, um etliche geringe Entdeckungen zu 
ruͤhmen: ſondern denjenigen Eifer zu befriedigen, 
welchen jeder rechtſchaffene Mann fuͤr das gemeine 
Beſte hegen muß * 

Kann ich des Landes Wohl mit Rath und a ver⸗ 

mehren: 


So tadle man nur nicht; mein Lob mag ich nicht 


hören. 


Das einzige, was ich hiebey erinnern muß, it siehe, Hi 


daß ic) meine Anmerkungen fo abgefaffet habe, daß 
fie die Errichtung der öffentlichen und koͤniglichen 
Kornböden, wofern man an einer fo vortheilhaften 
Anftalt arbeiten wollte, erleichtern Fann. Alle Fürs 
ften und Staatsbebieike, 

tes zu „Herzen gehen Läffen ‚ haben, wie jederman 


die fich das Beſte des Staa · 


weiß, hiezu den Entwurf gemachet, und die reichen | 


Sabre fo zu. nugen gefucher, ‚daß fie die allgemeine 
Noth in theuren Zeiten verringerten. Ich finde ſo 
gar, daß Ludwig der Fromme, der erſte von unſern 


— 
* 


WE Walch Koͤni· 


* Si quid rn erga bene feci, aut — — 


Non videor meruiſſe laudem, culpa caruiſſe arbitror. 


* 


8 


273 Anmerkungen Über die Art 


Roonigen ift, welcher, während der langwierigen Hun ⸗ 


gersnoth unter ſeiner Regierung, dieſerwegen ſehr ges 
meſſene Befehle gab. Allein, ſo ein edler Entwurf 
iſt bishero nicht ausgefuͤhret worden, ſondern voͤllig 
ohne Wirkung geblieben. Man darf dieſes nicht ſo 


wohl dem allzu bekannten Leichtſinne der Franzoſen 


zuſchreiben, die ihre nuͤtzlichſten Unternehmungen bald 
wiederum fahren laſſen; als vielmehr der Natur der 
Sachen ſelber, worinnen ſich verſchiedene Hinderniſſe 
gefunden haben, die man nicht fleißig genug zu uͤber⸗ 
winden geſuchet hat. Dieſe Hinderniſſe koͤnnen auf 
eine geringe Anzahl gebracht werden; und ich will 
meine Gedanken daruͤber frey eröffnen, nicht, um fie 


voͤllig zu vernichten, ſondern nur um ein merkliches 


zu verringern. Denn, wenn Anſtalten nur ein wenig 
wichtig find, fo Darf man ſich nicht einbilden, Feine 


Hinderniffe zu finden: es ift genug, daß ſich ech 
A die man findet, ee — > 


’ 
J 


Von der Wahl des Getreides. 


— Korn und aberhaupt.das zu des sehe Um 
terhalte gehörige Getreide läßt fich nicht alles aut 
aufheben. Was in Falten Laͤndern waͤchſt, werbirbt 
und verſchimmelt eher, als was in heißen Gegenden 
eingeerndtet wird. Es wird uͤberdieß gerne von unzaͤh⸗ 
lichen Arten von Ungeyiefer gefreſſen, worunter eine 
immer gefaͤhrlicher als die andere iſt, "Nachdem fie oͤf⸗ 
tere ſchwer wahrzunehmen, und noch ſchwerer zu töd- 


‚ten find. Was für: einer Urſache kagn man fonft 


dieſe verfchiedene (Güte: des Getreides zufchreiben, 
; wenn 





das Getreide zu erhalten. 279 


wenn es nicht die verfchiedene Sage der Oerter mas 
chet, die von den Sonnenſtrahlen mehr oder weniger 
erwaͤrmet, und mehr oder weniger befruchtet werden ? 
Man weiß, daß dieſe Strahlen ihre Stärfe und ih» 
ren Nachdruck je mehr verlieren , je fchiefer fie auf 
die Erde fallen, und je mehr fie durch die ihnen im 
Wege ftehende Luft gebrochen werden, Diefes ge 
fhieht in den Falten Weltgegenden, und zum Theil 
in den gemäßigten. Sonſt haben auch die Natur 
kuͤndiger, in Abficht auf Diefe Gegenden, noch zwo 
merfwürdige Erfahrungen angemerfet, Die erfte 
iſt, daß darinnen die feuchten und naffen Jahre weit 
‚gemeiner, als die trocknen; und Diejenigen Monate, 
in welchen es am meiften vegnet, der Junius, Jus 
lius und Auguft find : eben. diejenigen, wo fie eine 
gleichfoͤrmigere und anhaltendere Hitze bebürften. 
Die andere iſt, daß den Sommer uͤber, bey Tage die 
groͤßte Kaͤlte gegen Aufgang der Sonne herrſchet, und 
daß dieſe Kälte die Thermometer ordentlich merkli⸗ 
cher zu fallen zwingt, als ſie die Mittagshitze ſteigen 
laͤßt. Dieſe Erfahrung ereignet ſich beſonders an 
denjenigen Orten, die nahe am Meere liegen, ober 
‚von einem Fluſſe durkbfihnitten werden, Iſt es nun 
‚ein Wunder, wenn das. Getreide nicht die erforder. 
liche Hitze genieße ; als die ganze Zubereitung, Die 


es, ua einer vöhligen Reife: ‚zu: gelangen, nöthig R 


bat ® ? 


„Mangel der Sonne, oder vielmehr der Hige, die Guͤ— 


te des Getreides verringern kann; und die Erfah. 
‚rung zeiget es täglich. Wie viele Pflanzen haben 


s —8 ganzen Nusen in der Arztneyfunft verloren, 
4 Ä wenn 


Es ift nichts leichter. zu begreifen, als daß der 


280 Anmerkungen über die Art 


wenn man fie aus Aſia und America nad) Europa Ä 


brachte ?_ Wie viele Bäume haben an Stärke und 


Höhe abgenommen , wenn man fie aus einem war» · 


men $ande in ein älteres verfeßte ? Man feheint: fie 
dadurch, dag man fie von ihrer natürlichen Luft ent» 
fernet, zur Luſt geringer zu machen, und nach und 
nach ihre natürliche Art zu verderben. Um bier et» 
was anzuführen, das ung genauer angeht, fo will 


ich ſagen, daß wir ſo gar in Frankreich Pflanzen ba 


ben, die, wenn man fie aus einer Provinz in die an⸗ 
dere verfeger, nicht mehr kenntlich find, und allen ih. 


ren Ruhm verlieren. Dergleichen ift das Wayd⸗ | 


kraut, oder Ifatis fatiua vel latifolia. (S. Bauh.) 
Sie giebt in Oberlanguedock, für alle Arten von 


Stoffen, eine fehöne blaue Farbe ab: fie hat aber 


in der Normandie weder eben diefen Beftand, noch 
eben dieſe Eigenfchaften ; weil es da an der, zur 


rechten Kochung und Zeitigung ihrer Blätter, beno⸗ 


thigten Hiße fehler. ben fo verhält es fich mic der 


Wolfswurz, (Napel oder Aconitum’caeruleum, feu - 


Napellus, (S. Saub.) "an dem befonders Die 


Wurzel, in den mittägigen Provinzen- des Reiches, 
ein ſehr gefährliches Gift iſt; da fie in Bretagne, 


auch in der Eleinften Kinder Händen, Feine boͤſe Wir. 


fung thut. Ich koͤnnte viele andere aͤhnliche Beyſpiele 


— 


anfuͤhren: allein es iſt kein —— nicht 


uͤberzeuget waͤre, und wuͤßte, daß die So 
nebſt der beſondern Beſchaffenheit, jeder Erde, den 
Saft in den Stand ſetzen koͤnne, unendlich viele ver⸗ 
ſchiedene Arten an ſich zu nehmen. 

Wenn in einigen unſerer Provinzen die Jahre alle 


zu naß find, und derjenige dicke Nebel, welchen die 


Acker⸗ 


nhitze, 





Das Getreide zu erhalten." 281 


Aderleute und Gärtner Mehlthau nennen, oft fälle; 

fo fchlägt alles Getreide um. Beſonders verdirbt _ 
der Hoden dergeftalt, daß das Brodt, wozu er ge 

nommen wird, gefährlich zu eflen ift, und. den Krebs‘ 
verurſachet. Dieſer verdorbene Rocken heißt in 
Sologne verdorretes, und in Gatinois gehoͤrntes 

Korn: (blee cornu.) 

Ein gewiſſer Beweis von dem, was ich erſt vor⸗ 
getragen habe, iſt dieſes, daß das Getreide, welches 
man aus Africa, und: befonders aus den Gegenden 
um Tunis und Algier, bringt, fih in Frankreich 
länger. hält, als das, welches bier waͤchſt. Die 
‚Kaufleute aus Provence , Die. mit dieſem Getreide 
den ftärfften Handel treiben, führen es zwar ordent, 
lich nach Genua ,' woraus es, als aus einer fruchtbas 
ren Duelle, in alle übrige Theile Sstaliens koͤmmt. 

Allein, es wäre, vermittelt einiger Vorſicht, leicht, 
diefen Handel dem Reiche nüglicher , und fo gar um 
vieles ftärfer zu machen. Zu Maltha hebt man dag 
‚Getreide, welches man aus Sicilien kommen läßt, 
viele Jahre hinter einander auf, und hat, aus Furcht 
eines unverhofften Friedensbruches, oder einer Bela- 
gerung von den Türfen, beftändig einen überflüßigen 
Vorrath davon. | 

Zau der Güte des aus Africa kommenden Korns muß 

“man noch feine Fruchtbarkeit ſetzen. Ein Scheffel 
Saamengetreide, das in gutes Erdreich gefaet wird, 
trägt alle Jahre ordentlich über funfzig Scheffel. 

Plinius, der Naturfündiger erzähler, daß dem Au⸗ 
guft einer von feinen Gtatthaltern ‚aus einer africa- 
niſchen Gegend, wo er in deffen Namen regierte, eine 
gar — ‚Seltenheit uͤberſchicket habe. Dieſe 
J S5 | war 


232 Anmerkungen uͤber die Art 


war ein Kornhalm, der in ſeiner Aehre bey vierhun⸗ 
dert Koͤrner hatte. Nero bekam ein faſt aͤhnliches 
Geſchenke; naͤmlich einen Halm mit dreyhundert 
und ſechzig Koͤrnern. Wenn Plinius, in Anſehung 

dieſer zwo Begebenheiten, keine Unwahrheit ſchreibt, 
welchen Vorwurf: "er ſich öfters machet, fo kann 
man ſagen, daß dieſe zweenen Faͤlle unter diejenigen 
feltenen gehören, in welchen: die Natur manchmal 
ihre übermäßige Frengebigkeit zeige. Wir haben 
hievon auch einige Benfpiele:: nur ſcheint es, als 
hätten fic) die Naturforfcher in Deutſchland das An⸗ 
denken dieſer Wunder der Natur, in ihren gelehrten 
Tagebuͤchern mehr, als in — Laͤndern geſchehen, 
zu ala, bemüber. 

Die Römer, welche fo J ſo vorfichtig, und auf 
die Erhaltung ihrer Unterthanen fo fehr bedacht was 
‚ren, holeten alle ihr Getreide aus Aegypten, woman 
wegen der ordentlichen und heilfamen Ueberſchwem⸗ 
mungen des Nils gervaltig ftarfe Erndten hatte. Es 
gieng jährlich eine anfehntiche Flotte von Alerandrien 
ab, welche Getreide nach Kom führete, und deswegen 
deſſen Nährerinn hieß. Dieſes Getreide ‚hielt. fi) 

ſo lang, als man für dienlich achtete, und wurde. we; 
gen diefer vortbeilhaften Eigenfchaft felber dem ita- 
lienifchen vorgezogen. Daher betrachteten die Roͤ⸗ 
mer Aegypten, als eine ihrer reichften und wichtig— 
ften Eroberungen ; und Aegypten: rühmte ſich auf 
feiner Seite trotzig, daß es zwar in die Knechtſchaft 
‚gebracht, aber feinen Liebermwindern unentbehrlich waͤ⸗ 
re. Die Römer hatten allerdings ihre öffentlichen 
Kornböden ; fie waren viel zu erleuchtet, als daß fie 


derſelben Mugen niche haͤtten einſehen ſollen * 


das Getreide zu erhalten. 283 
ſie huben dieſelben fuͤr das in Italien eingeerndtete 
Getreide auf. Die Erbauung dieſer Kornhaͤuſer 
war unter der Regierung des Tiberius Gracchus, 
dieſes fuͤr des Volkes Nutzen ſo eifrigen Tribunen, 
angegeben worden: und als ſein Bruder, Cajus, ſie 
bauen zu laſſen, auf ſich genommen hatte, ſo fuͤhrte 
er das Werk ſelbſten, und vollendete es mit einem 
Pracht und einer Geſchwindigkeit, welchen die Roͤ⸗ 
mer allein gewachſen waren. 
Alles dieſes vorausgeſetzet, will ich frey — daß, 
wenn man oͤffentliche Kornhaͤuſer anrichten wollte, 
die zwo folgenden Kegeln nüglich und gut: zu beob⸗ 
achten wären. Die erfte iſt: man muß Fein Getrei · 
de darein legen, das nicht aus Den mittaͤgigen Pro⸗ 
vinzen fommt. Da aber diefe darunter leiden koͤnn⸗ 
‘ten, und die Märkte zum Schaden und Verderben 
des Volkes wüfte würden ; fo hindert nichts, Daß man 
nicht, aus einer Provinz in Die andere Zufuhre für 
Zufuhre geftatte, und einen nüglichen Taufch treffe. 
‚Hierauf fönnten die Dberauffeher und ihre vornehm- 
-ften Zugeordneten mit leichter Mühe fehen z- und 
duͤnkt mich, es wäre dieſe Sache, auf welcher ein 
Theil der-allgemeinen Gluͤckſeligkeit berubet, aller ih» 
rer Wachſamkeit und Geſchicklichkeit wuͤrdig— 
Man weiß aus den beſondern Umſtaͤnden von 
"Srankeeic), umd aus den vortrefflichen Nachrichten - 
des verftorbenen. Heren Marfehalls von Bauban, 
daß bisher Fein fo fehlechtes Jahr geweſen ift, wel -⸗ 
ches nicht fo viel Getreide gebracht haͤtte, als allen 
Einwohnern zu ihrem Unterhalte noͤthig war., Wenn 
auch ganze Provinzen einer verdrießlichen Hungers⸗ 
gi. und allem Unglücfe, welches diefelbe ae 
zieht, 


284 Anmerkungen über die Net 


zieht, ausgefeßt waren, fo hat diefes von dem Geize 


und den Kunſtgriffen ſolcher Leute, welche den Ge⸗ 
treidehandel allein hatten, und ihnen. daffelbe heimlich 
entzogen, hergerühret. Was für ein Verbrechen ift 
diefes! und mas für eine Strafe verdienen fie! Die 


heilige Schrift fcheine dag, mas in dieſem Sallezu 


Dun ift, felber vorgefchrieben. zu haben, wenn fie er- 


zähle, was für Maafregeln Joſeph nahm, um den 


fieben unfruchtbaren Jahren, welche Aegypten dro— 
beten, vorzukommen. Es iſt gut, fagte er, daß 
man Öetreide aufbebe, und in den Städten 
auffehütte, und daß es unter der Gewalt des 
Röniges bleibe ; das ift des Vaters des Bol. 


kes, desjenigen, der, {hm zu helfen, in der u ver 


bunden ift. 
Das andere und unvergleichlich nuͤtzlichſte märbe 


ſeyn, wenn man dem einheimifchen Getreide dasje- 


nige vorzöge, das man, vermittelft eines wohl einge» 
- richteten Handels, aus Africa befommen koͤnnte. Der 
° König müßte, wie erft gefagee worden, diefe Hand» 
lung allein treiben, damit die Unterhändler nicht be« 
trügerifch oder ungerecht verführen. : Um dieſes zu 

bewerkſtelligen, müßte man die bey det fanzsfifchen 
Paſtey (Baltion de France) bereits angelegte Pflang- 
ſtadt fuchen nugbarer und ficherer zu machen, ja po 


gar mit neuen Zufägen zu vermehren. Diefes wür- | 
de, wegen der Eiferfucht der Ungläubigen, die bes 


ftändig wider die Europäer wachſam find, Geſchick. 


lichkeit und Sorgfalt koſten. Hierauf muͤßte man 
ſich entſchließen, zu Toulon und zu Marſeille Pro⸗ 


— bauen zu * * — * 


und 


m 


das Getreide zu erhalten. 285 


und zugleich nicht allzutief im Waſſer giengen. Dieſe 
Proviantſchiffe muͤßten in der Barbarey auf den Ge⸗ 
treidekauf fahren, und, ohne ſich mit unnoͤthigen Ko— 
ſten zu ſchaden, fo gleich durch die Straße von Gi 
braltar fegeln, damit fie zu Rouen und zu Nantes auss 
laden fönnten. Diefe Schiffahrt würde, wenn man 
die rechte Zeit in Acht nähme, weder lange noch ge- 
fährlich feyn. Die zur Uebernahme diefes Getreis 
des beftellten Abgeordneten müßten daffelbe unpar» 
teyiſch und wohlbedächtlich unterfuchen, und in die 
öffentlichen und Föniglichen Kornhaͤuſer fehaffen. Es 
ift leicht zu erachten, daß diefe Magazine an dem 
Ausfluffe großer Ströme liegen muͤſſen, damit das 
Getreide in die entlegenen Provinzen, nachdem fie 
Märkte halten, weniger oder mehr verfehen find, 
Mangel oder Heberfluß haben, deſto bequemer Fann 
abgeführee werden. | 

Ich merke Hier im Vorbeygehen an, daß die 
Sranzofen ihr Getreide bisher bloß aus den König. 
reihen Tunis und Algier geholet haben. In Fez 
und Marocco ift Diefer Handel verborben, wenn man 
nicht Pulver, Gewehr und andern Kriegsvorrath das 
gegen giebt; welches aber die chriftlichen Fürften ih» 
res Nutzens halber ebenfalls nicht thun wollen *, 
Ssndeffen Holen doch die Engländer, jeitdem fie 
—— Her⸗ 


* Den Mahometanern Kriegesvorrath zu ſchaffen, iſt in 
Frankreich jederzeit für einen Fehler, der ſich gar nicht 
entfchuldigen laßt, gebalten worden; und einer der 
Scheingruͤnde, deren man fich bedienete, den bekannten 
Jacques Eoeur, der Carls des VII Yusgeber war, und 
‚alle fein Geld in Handen harte, zu ſtuͤrzen, war diefer, 
daß er den Sarazenen Gewehr verkauft hätte. 


286 —— über die Art 


Herren. von Gibraltar füde etwas Getreide, von 
Tanger. ur 

— — duͤrfen ſi * wenn es — — 
Jahre giebt, und viel geregriet bat, feinen. Vorrath 
von Getreide ſammeln. Dieſes Getreide verdirbt 
bald, und nimmt, ih weiß. nid)e was für sein zaͤhes 
und Elebrichtes Weſen an, daß es einem, wenn: man 
eine Hand vollnehmen voill, nicht in die Hände rollt, 
fondern zwifchen den Fingern Hängen bleibt. Eben 
diefes geſchieht bey demjenigen Getreide, das vom 
Seewaſſer naß geworden ift, wenn man eg nachges 
hends auch noch fo forgfältig: getrocknet hat. Diefe 
Erfahrung verdienet, um fo.viel-forgfältiger gemerket 
zu werben, je mehr fie zur Entdeckung vieler Betrüs 
gereyen und Misbräuche dienen fann. Das Ges 
treide, welches man in gemeinen Jahren erndtet, haͤlt 
ſich i in Frankreich ziemlich lange, beſonders wenn es 
in tuͤchtigen Kornhaͤuſern verwahret wird. Allein, 
matt thut wohl, wenn man auf dieſe Magazine ges 
nau Achtung giebt, und fie fo. gar öfters verneuert ; 
die aeringfte- THARIONFH würde ihnen yum Baders } 
ben gereichen. 

Gemeine Kahre nenne ich diejenigen, von welchen 
Die Nrarurfündiger angemerfet haben, daß das Nies 
aenmafler darinnen 19 bis 20 Zoll hoch wächft, und 
‚öfters Mordwinde wehen. Die falpetrichten Theile, 
weiche dieſe Winde bey fich führen, und damit Die Luft 
erfüllen, tragen vieles zum Wachsthume der Pflanzen 
bey. Die naffen Jahre find diejenigen, wo der Re⸗ 
gen 25 bis 25 Zoll hoch fteigt, un wo der Schnee,der 
fonderlich haufig im Februar: fälle „machet, daß die 


großen Fluͤſſe austreten. 
IL, Bon 


1 


das Getreide zu erhalten, 237 
II 


Son der Art die Kornbehättnife 
zu bauen. 


——— ich von der Wahl des Geireides, wel⸗ 


de: die genauefte und forgfältigfte Au merffamfeit | 


fordert, geredet habe, fo. muß ich, der. Drdnung me 
gen, von der Wahl der Kornbehältniffe, oder der 
zum Getreideaufſchuͤtten dienlichen Oerter reden. 
Diefes iſt einer der wichtigften Theile meiner Ab= 
andfung. 
Ohne Zweifel wären die beften Getreidebehaͤltniſſe 
Diejenigen, die unter die Erde in Felſen gegraben, und 


vor Luft und Waſſer fi icher ſind. Die Alten, welche 


von demjenigen, was zu oͤffentlichen guten Anſtalten 


gehoͤret, nichts vergaßen, hatten dergleichen unterivdis 


ſche Behältniffe, worinnen fie ihr Getreide bewahre— 
ten, an verfchiedenen Orten. SPlinius ſaget folgendes 
davon:*. Doch am beften wird es, wie in Raps 
padocien und Thracien gefchiebt, in Selfen bes 
wahrer, die fie Betreidekeller nennen, In Spa» 
nien und in Africa wird vor allem darauf ges 
feben, daß der Boden trocken ſey; und bier: 
auf Stroh untergeleger. Ueberdieß wird das 
Getreide mit ſammt den Aebren binein ge 
Inter Man ſeht auch dergleichen Behaͤltniſſe 


- 


 # Veilifime tamen feruantur in ferobibus, quos Siros 
vocant, vt in Cappadocia et in Thracia. In Hifpania \ 
‚Net Africa, ante omnia vt ficco folo fiant curant; mox - 


vt palea fubflernasur. Praeterea cum fpica ſua con- 
| duntur, | | 


in 


298 — E— uͤber die Art 


in einigen von unſern Schtöff ern. Diefe Magazine 
folfte man, wenn: fie einmal mit auserlefenem. Ge 
freide gefülfet find, nicht eher öffnen, als bis man bes 
fchloffen hätte, diefes Getreide auch aufzuzehren. Ich 
weiß aus gewiffen Erfahrungen, daß es fich auf diefe 
Weiſe fieben bis acht Jahre hinter einander halten 
Fann; und von ungefähr hat man zu Amiens und 
zu Troves folche unterirdiſche Derter entbecfer, wo es 
ſeit vielen Jahren war verſchloſſen geweſen. Dieſes 
Getreide war weder verdorben noch ſchimmlicht. Die 
Urſache iſt, Daß die äußere Luft nicht in dieſe unterir⸗ 
difchen Behältniffe eindringen, noch Eleine Eyer-von 
Ungeziefer, die nichts als einen geſchickten Ort, wo fie 
ausfriechen und fich entroicfeln Fönnen, nöthig Haben, 


hinein fuͤhren kann. Man bat aus‘ den, ſowohl in. 
England als in Franfreich, gehabten Erfahrungen 


erlernet, daß diejenigen Koͤrper, die in der freyen Luft 
am erſten aufgeloͤſet werden, und verberben, i in einem 
Iuftleeren Raume fich nicht einmal verändern. Ders 
gleichen find, die Butter, das ungefalzene Fleifch, vie 
Blumen, das Obſt. ch habe gefehen, daß Erdbee. 
ren und Himbeeren ſich vier Monate lang unter einer 
Glocke, woraus man alle Luft genau ausgepumpet 
hatte, gehalten haben. 

Alles, was man nur wider dergleichen Magazine 
einwenden Fann, ift, werin es anders eine Antwort 
verdient, dieſes daß fie große Summen zu bauen 


Foften würden. Ich gebe diefes zu, ja ich befenne 


noch, daß dergleichen Werfe zu unternehmen, reiche 
und mächtige Fürften — Allein, darf man, 
wenn es auf das gemeine Beſte ankoͤmmt, etwas 
ſparen? Iſt dieſes ag der vornehmfte Gegenftand 

einer 


das Getreide zu erhalten. 289 


. einer weile wand erleuchteten Regierung? Man jeiget 
ben alt Cairo einen großen mit Mauern unigebenen 
Pag, welchen die Türfen noch io Joſephs Kornhaus 
nennen. "Sie ſuchen hier jederzeit einen uͤberfluͤßigen 
Vorrath von Huͤlſenfruͤchten und Getreide zu erhal⸗ 
ten. Ungeachtet, allem Anſehen nach, dieſes Werk 
nicht von dem Erzvater, von welchem es den Namen 
hat, herruͤhret, ſo ſtimmen doch alle Reiſende darin⸗ 
nen uͤberein /daß es feiner wuͤrdig iſt, und einen wohl⸗ 
thaͤtigen Füůrſten, einen Trug, oder — 
verat * 

Sn anf Africa giebt es ſeht tiefe euren; die 
mitten in Felſen gegraben, und zu allen Zeiten trocken 
find. Die Araber nennen fie Mutamores. Der 
Eingang in dieſe Brunnen iſt ſehr enge; und kaum 
kann ein Menſch, der ſich biegt und kruͤmmet, durch · 
kommen. Allein, fie werden nach und nach weiter, 
und koͤnnen zu unterft wohl’ 35 Schuhe im Durchs 
meffer haben: welches ihre ordentliche Weite. ifk- 
Wenn diefe Brunnen fertig, und mit Fleiß gereiniget 
find, fo lege man getrocknetes und zerhacktes Stroh 
darein, womit der Boden und die Seiten gleichfam 
tapeziret werden. Man Täße hierauf‘ das Getreide, 
nachdem es zuvor etliche Tage an der Sonne gelegen 
ift, hinein haufen, und wartet, bis der Brunnen voll 
üft, um ihn zu zu machen. Dieſes gefchieht auf eine 
ganz einfältige Are ; indem man Eleine Stücden Holy 
jerfchneidet, und unter einander flicht. Man decket 
endlich alles mit Sande zu, und ſchuͤttet vier bis fünf 
Schuh hoch gute Erde darüber, die abhängig gemacht 
wird, Damit fich das Regenwaſſer nicht darauf aufs 
halten kann. Das Getreide *F ſich, beſonders in 

13 Band. dieſen 





290 Anmerfungerüiben, diegiet 


dieſen unterirdiſchen Behaͤltnſſen ohne gu verder⸗ 
ben, oder; ſchlechter zu werden, ‚eine, ſehr geraume 
Zeit. Es geſchieht ‚manchmal ‚ganz daß —— 
ſchumeherren die unter einer, willfüßrlichen und un⸗ 
umſchraͤnkten Regierung alles zn furchten haben, die: 
ſelben vergeſſen, und ſie erſt lange Jahre nach ihrem 
Tode wieder gefunden werden. .uce in 
Ob ich gleich, diefen unterirdiſchen Behaͤltniſſen 
den Borzug einraume, ſo fann man ſich doch, da fie 
große Koſten erfordern, an ihren, Statt, ‚der ordentlis 
chen Kornbehäleniffe fehr wohl bedienen, wenn nur Die 
dabey befindlichen Fehler verbeſſert werden. Diefe 
Fehler find, erſtlich die Feuchtigkeit, welche man an 
Orten, wo viele Thuͤren und Fenſter ſind, nicht wohl 
vermeiden kann, und die gleichwohl das Getreide nach 
und nach zur Faͤulniß bringt. Der zweyte Fehler 
iſt ein allzufreyer Durchzug der aͤußern Luft, die un⸗ 
zaͤhlich viele Eyer von Ungeziefer mit ſich Führer, und 
auf allen Seiten ausſtreuet. Der dritte iſt die Gewohn⸗ 
heit, da man das Getreide in einem Haufen auf den Die⸗ 
len liegen läßt, und zween ganz ver ſchiedene Jahrgänge, 
als z. E. einen trockenen und, einen naffen, vermenget. 
Man kann fich leicht vorftellen, daß, ein angeſteckter 
und verdorbener Jahrwuchs auch alles. übrige Ge—⸗ 
treide anfteefen Fan, Und wie ſchwer iſt es, dem 
Uebel, wenn es einmal angefangen bat, und fich immer 
weiter und weiter auszubreiten ſuchet, abzuhelfen? 
Unter den drey erſtbeſagten Fehlern ſind die zween 
— leichter zu vermeiden, als der dritt, Man 
darf ſich nur derjenigen Vorſicht bedienen welche 
allen Baumeiſtern bekannt ift, aber von ihnen zum 
PR in den ı Preningn, ee aus 
den 





das Getreide zu erhalten. agı 


den Yılgengefoget wird. Das’ erfte Stück derſelbi⸗ 
gen ift, daß man ſowohl zu dem Boden, als zu dem 
Zimmerwerke der; Getreidebehältniffe, Fein anderes, 
Als auserleſenes und recht ausgetrocknetes Eichenholz 
nehme." Backfteine, und Marmorſteine ſelbſt, wuͤr· 
den ſich nicht ſo gut zu dieſen Böden ſchicken, "und 
dem Getreide, ich weiß nicht, was für einen unange⸗ 
nehmen Geſchmack geben, welchen die Kenner’ Zies 
gelgeſchmack nennen. Die "übrigen Arten der 
Borficht und Sicherheit find folgende: Man muß 
auf den Getreideböden, fo viel möglich, keine Oeffnun⸗ 
gen machen, als gegen Werften und Norden, oder ges 
gen Nordiveft; man muß Sorge tragen, damit fi) 
die Thüren und Fenfter genau ſchließen: und in dies 
fer Abficht iſt e8 gut, wenn fie auswaͤrts aufgehen, 
und die ordentliche Art, fie zu bauen, ein wenig ver⸗ 
- Andere wird; man muß alle Mauern dieſer Behält« 
niſſe mit altem und ſattſam getöfchtem Kalfe überzies 
ben; man muß zufehen, daß nirgends eine Deffnung 
bleibe, wo fih das Regenwaſſer einfchleichen, und, 
teil es ftille ſteht, Keine erzeugen kann, welche dag 
Getreide fchlecyterdings verderben. Es ift bekannt, 
daß die Feuchtigkeit dieſes allein bewerkſtelligen kann; 
wie ſie denn oft bey den zwiebelartigen Pflanzen ma⸗ 
het, Daß die Zwiebeln Wurzeln treiben, ungeachtet fie 
nicht i in die Erde gelegt werden, | 
Um zu beweifen, wie leicht das Getreide auswächft, 
will ich eine merkwürdige Begebenheit aus ben 
Vleuigkeiten der Republik der Gelehrten 
(Nouwelles de la Republique des Lettres) anführen. 
Der Anmerker, welchen wir dieſe Begebenheit zu 
danken haben, iſt einer der —— ne 
weſen. 


x 


298 Saiten w — 


«HP 


Ränden, J dieſe rue einen um von A und 
Elebrichter. Materie in. feinem Magen; fönnten gefun⸗ 
den, und darinnen Wurzeln geſchlagen haben. Man 
gab ihm zum; Gluͤcke etwas zum. Brechen an, und 
wurde. dadurch auf dieſem Argwohne beſtaͤtiget. Man 
ſah wirkliche Haberkoͤrner, welche ——— wa⸗ 
ren, als wenn ſie in ordentliche Erde geſaͤet geweſen 
waͤren: ‚allein, fie hatten nichts, als fehr dünnes und 
ſchwaches Stroh, ohne Körner, getragen. . Was den 
drieten Fehler betrifft, fo Fann man Fein einfältigeres 
Mittel dawider erdenfen, als daß man ‚von Bretern 


eine gewiffe Anzahl, Schichten macht, und. das Ge. 


treide dadurch, nach feiner verfchiebenen Güte, von 


einander abfondert, Damit nicht eines dem andern 


durch die Vermiſchung ſchaden kann. Dieſe Sache 
iſt gar nicht ſchwer ins Werk zu richten. Will man 
noch ficherer gehen, und fich nicht vor dem erjten Auf: 
wande feheuen, ſo kann man. jeden Getreideboden in 
verſchiedene Kaͤſten eintheilen, die ſtark und dichte, 
allemal ungefaͤhr zween Schuhe von einander entfer⸗ 
net, und ſaͤmmtlich, eine gewiſſe Menge Getreide zu 
faſſen im Stande ſind. Dieſe Kaͤſten laſſen ſich auf 
verſchiedene Arte verfertigen. Allein, was ‚ich da⸗ 
bey ſchlechterdings nothwendi finde, it diefes, daß 
ſie alle von genau jufemmengefügten, gleichen, und 





innwendig mit eifernem Bleche befchlagenen eichenen 


Bretern ſeyn muͤſſen. Um die Koften zu —2 
en 


WE Getreide zu erhalten·e a3 


| kann man fic desjenigen bedienen, weld)es das 


* 





V 
rl 


ne Modell heikt, und im Neiche derfertiget 


Wenn ein jeder Kaften frey fteht, und das Getreide‘ 
ungefähr in Dem einen verdirbt, fo werden die audern 
unverfehrt bleiben; und alfo wird man nicht klagen 
Fönnen, daß ein ganzer Boden angeſteckt ſey. Noch 
mehr, da man unter dieſen Kaͤſten nur einen nn, 
dem andern aufthun wird, fo wird man das: Getreide‘ 
nach dei verfchiedenen Jahrgaͤngen unterfcheiden, und⸗ 


nach und nad) verzehren fönhen welches an denen 


Orten, wo alles unter einander Ttegt, Und nichts abge⸗ 
ſondert ift, nicht gefchießt. Meines Erachtens muͤßte 
diefe Eintheilung der Käften ſich fehr wohl in den’ 
Kloͤſtern ſchicken wenn man indenfelben eine Gattung 
oͤffentlicher Getreideboͤden anlegen wollte. Dieſe 
Kaͤſten wuͤrden beſtaͤndig unter den wachſamen Augen 


obrigfeitfichet Perfonen, und daher’keine Zerſtreumg 


des Getreides zu befürchten, fenn. 


Pe 
u 


In einigen Provinzen hat man eine beſondere Ge⸗ 
wohnheit, welche ren ift, daß man fie betrachter- 
Wenn man "einen Getreidehaufen gemachet Bat, ſo 
Befprenger- man deſſelben obere Flaͤche mit ein wenig 
Waller, iind Beneget fie fo lange, Die fie eine parte 
Rinde bekoͤmmt. Dieſe Arbeit wird‘ viele’ auf ein⸗ 


ander folgende Tage wiederholet: ſie ſchlaͤgt aber ſel⸗ 


ten gut aus. Denn ſo bald die Rinde trocken iſty 
ſo bald befömmt fie verfchiebene Spalten und Riſſe, 
welche denen Eleinen Tierchen, die fich beſtaͤndig bey 
dem Getreide aufhalten, einen Eingang verftatten. 


‚Diefe Thiere verwaſten um fo’sielmehr, je werde. · 


’ 


ser fie arbeiten, "und je weniger man ſich ihrer ver⸗ 
muthet. 66 


—* 73 In 
Jr ’ : 


Arne nerkungen über die Art 


ganz Niederbretagne wird: das Getreide auf: 
ehr. beſondere Weiſe verwahret. Man ſuchet, 
wenn es geſchnitten iſt, einen Plas von ungefähr fünf: 
bis- ſechs Schuhen im. Durchmeſſer aus, den man 
ſorgfaͤltig reiniget, und mit hoͤlzernen Walzen gleich. 
mache. Man nimmt.hierauf die Achren zuſammt 
ihren Stengeln, und leget ſie auf dieſem Platze in 
Ordnung, giebt aber Acht, daß man die Aehren in 
den Mittelpunct hringe. Man leget ſie dergeſtalt 

neun bis zehn Schuhe hoch, über einander, und. bes 
ſchweret fie zu oberſt mit großen Erdſchollen. Wenn 
dbieſe Magazine mit aller gehörigen Sorgfalt verfer⸗ 
tiget worden ſind, das iſt, wenn man zwiſchen den 
Aehren keinen Platz leer gela en, und fie: wohl unter 
einander gemenget hat, ſo ‚halten fie ſich drey ganze, 
Jahre. So bald ſie aber nur. an einem Drte leiden, 
Be Maulwuͤrfe oder ae drein kommen, 

bald ftehet — alles.übrige in: Gefahr. 

In einigen deutſchen ‚Städten, wo es öffeneliche 
Kumplufer giebt, werden, die Garben ganz aufgeho⸗ 
ben, und in den Scheunen niemals mebr,als.man ver⸗ 

jehret, abgedrofchen, wenn man bey diefer Weife Ann 
Eihaben verfpüret, jo wird er. anders woher ** 
RöR/inden ſich Res . weit länger, halt. 
her Au. yasni! °C 
San dem Ungeziefer, welches das Ge | 
treide verzehrt , und der Art, es davor 
Pi bewahren. - —— 
Die Naturkändiger. haben ſehr wohl angemerfer, 
baß jedes Ding „‚‚meldes.die Natur, hervor bringt, 
em befondern Seinde an geroiffen Thieren habe, 
7 welche 









N 


— — 


das Getreide zu erhalten! 205 


welche nichts als feinen Untergang füchen.' Dem 
Getreide ‚geht. es faft eben ſo. Ein zahlreicher 
Schwarm von Ungeziefer Iebet bloß zu feinem Schat . - 
den, und’ arbeiter allein an feinen Berderben. > Ein ' 
Rheil davon: war den Alten unter dem Namen der 
Kornwuͤrmer (Curculiones oder Gurguliones) be+ 


kannt: andere find erft von den Neuern, und beſon⸗ 


ders von dem: finnreichen Anton Seeumenhoedt, und 
dem DBerkaffer feines Auszuges;, Micolaus Hartfoes 
ker entdecket worden. Ich will. zu demjenigen, was 
ſchon vor mir geſaget worden sone neue An⸗ 
merkungen fegem co 1’ { 

Das gemeinfte in nee Kornböden de 
findliche Ungeziefer iſt eine befondere Art Naupen, 
die fich manchmal ausbreiten, meiſtens aber inKlume 
pen beyſammen hängen. Es iſt ziemlich ſchwer, fie 
in dieſem Zuſtande zu uͤberrumpeln, und wenn man fie 
Br zu unterſcheiden. Diefe Raupen find die Fleins 


ct — — —— 


en, die ich kenne; einige haben vierzehen, und andere 


- fechzehen Süffe: Ihre Farbe iſt dunkel und ſchwaͤrz⸗ 


lich· Die gruͤnen find, wenigftens bier zu Sande; 


ziemlich felten ; man findet fie aber‘ gemeiniglicher in 


EI ar | 


den’ Morbländerit, Wenn diefe Raupen ein gewifles 
Alter: net — ka zertheilen ſie ein wenig; 
* | 


3 4 | 
Man bat. HR dem Tode des Seren Sartfoeter einen | 
J critiſchen Yuszug aus Leeuwenhoecks Briefen ge⸗ 
— an welchem er lange gearbeitet hatte. Dieſer 
in Szug darf niemanden hindern, die Briefe ſelber nüt 


Wergnůgen zu leſen, ungeachtet unter einer unzaͤhligen 


Menge feltener und merkwuͤrdiger Anmerkungen, viel⸗ 
„leicht Keiniae unnüge, unuͤberlegie ‚ja gar: falfche; wer: 


ir 
F 


206 Anmerkungen üben die Art / 
und kommen unter die. Getreidekoͤrner, wo ſie nur 
noch etwas an einander hängen, Hier ſpinnen ſie 
eine Art von Seide, ſie machen ſich Schalen, wor⸗ 
aus endlich Schmetterlinge kommen, die vier Fluͤgel 
haben, aber alle ſehr ſchwach ſind, wenig fliegen, und 
ſich beſtaͤndig an die Mauern der Scheunen und Bö: 
den hängen. Es iſt kaum zu glauben, wie fruchtbar 
diefe Schmetterlinge find, und wie viel ſie Ener ha⸗ 
ben, die wie Trauben an einander haͤngen, und mies 
derum, wie gefagef, jandere Raupen hervorbringen. 
Man fiehe bier nichts als eine beftändige Zeugung, 
und anftatt, daß fie ausfterben follten, vermehren fie 
füh von Tag zu Rage m msn... 
. Die andere Are von Ungeziefer, welches dem Ger 
treide fchader, läßt fich: unter das Gefchlecht der Käs 
fer zählen, und machet auf den Böden ein taubes und 
unangenehmes Geſumſe. Sie haben ſechs Fuͤße, und 
in Anſehung des uͤbrigen Leibes, einen ſehr dicken 
Kopf. Aus dieſem Kopfe gehen zwey Hoͤrner her⸗ 
vor, die wie Scheeren ausſehen, und den Krebsſchee⸗ 
ren ziemlich aͤhnlich ſind. Nichts iſt leichter, oder 
gefraͤßiger, als dieſe Thiere. Sie laufen fo ge 
ſchwinde, daß man glauben ſollte, fie flͤgen. Ich, 
meines Orts, habe ſehr ſorgfaͤltig auf fie Achtung ger 
geben, diefelben aber niemals fich von der Erde erhe⸗ 
ben, oder die Mauern hinauf Elertern fehen. Einige 
haben gefchrieben,, fie I dren Mäuler,, weh 
falſch iſt: fie haben nur eines, welches fehr gi 
voller Zähne if. „Sie find afcenfarbig, und haben 
Kleine: weiße Striche. Was: bey dieſem Ungeziefer 
das. merfwürdigfte ift, iſt die Mühe, welche fich das 
Weibchen giebt ehe es Eyer a; | 
| fe | 





dag Getreide zu erhalten? 297 


ſchiedene fehr große und faftige Körner; es Höhlet 
fiesein wenig aus, um. eine Art einer Wiege zu bes 
kommen/ und leget in jedes ein Eys. Das Thier, 
voelches ausfriecht, finder fogleich eine Nahrung, wel ⸗ 
 desihm dienlich iſt, und. die es fich micht, felber ver- 
ſchaffen koͤnnte. Niemals finden ſich zwey Ener in * 
einem Korne, und die Urſache hievon iſt, wie ic) 
glaube, dieſe, daß zwey Thiere ſich nicht Darinnemer- 
halten oder leben koͤnnten. Der Mutter Vorſicht 
koͤmmt alfo ihrer Nothdurft zuvor. ig 
Die. dritte Art von Ungeziefer , das, ich wahrges 
_ nommen habe, ift’ein fahr beweglicher Wurm ‚bee 
aus acht Ringen beſteht. Man würde. feinen Kopf 
nicht. unterfeheiden koͤnnen, wenn: nicht. zwey kleine 
roͤthliche Hörner, die wie eine Scheere ausſehen, aus 
demſelben heraus giengen. Dieſe Hörner können 
bohren; und wenn ſie ſich kreuzweiſe uͤber einander 
ſchlagen, auch ſchneiden, zwiſchen denſelben ſieht 
man einen kleinen Ruͤſſel, aus welchem dieſer Wurm 
viele ſehr klare und etwas klebrichte Faden hervor⸗ 
ringt/ und: ſich Dadurch. an alle umliegende Körper 
anhaͤngt, und einen fichern Weg machet. Diefes 
Gewebe ift dem Gewebe der Spinnen ziemlich ähn- 
kich, und davon bloß in fo, weit unterfchieden, daß die 
Spinnen ihre Fäden aus dem Hintern fpinnen. Die, 
befagten Würmer leben: nicht ‚über. zwey Monate, 
Wenn fie ſterben, fo fpalten fie ſich nad) ihrer voͤlli⸗ 
gen $änge von einander, und wenn, diefe. ihre erfte 
Hülfe welk worden ift, fo koͤmmt eine Fliege mit goͤl⸗ 
denen Flügeln heraus, die aber weiter nicht felteneg 
oder befonderes an ſich hat. | Diefe Fliegen paaren 
fih im Fluge, und erzeugen neue Wuͤrmer. 
ni a Dieſe 


298 Anmerkungen uͤber die Ak 


Dieſe dr in, me von Ungeyiefer habe ich auf den 
Getreidebe welche ich beſuchen koͤnnen, wahrges 


nommen.’ "OH me Zweifel kann es, mac) jedes Landes 


Art), Rn unzaͤhlich viele andere geben. Der bes 
eühme- Taveernier hat einer ganz befondern Gattung 


erwäßner, welche er an verſchiedenen Orten gen ke. 


und der Türken gefunden hats u nn, m 


Ans der" erftigegebenen Veſchreibung kann 2* — 


fehen, was fiir Unordnungen dieſes mannigfaltige Un⸗ 


geziefer auf einem Boden verurſachen muß. Dasjenige/ 


welches Hoͤrner wie Zangen oder Scheeren hat, bohret 
das dickſte Holz durch, und gruͤbt ſich in alten Mauern 
Nefter aus: esfcheuer und“ verfehoner nichts; was 
ihm in den Weg koͤmmt. "Viele Handwerker , als 
Brodt und’ Dafterenbefer;, : wie auch Rauchwerks⸗ 
haͤndler, beſchweren ſich Darüber: weil dieſes Unge⸗ 


ziefer einem Theile der ' bey ihnen brauchbaren Mas 


terie ſtark nachgeht. Wenn fie in einen Boden 
kommen, fo kommen ſie mit großem Haufen; fein 
| Verwahrungsmittel und feine Hinderniß hält fie zu · 

ruͤcke. Sie nagen die Fleine Hilfe, die jedes Getreis 
deforn umgiebt, in die Werte an, und freffen es nach⸗ 
hero in Eile auf. Hiedurch wird der ganze Boden 


voller Hülfen, oder grober Schalen, welche endlich 


nichts als Kleyen geben, und das gute —— ſo 


daß ihm nicht mehr zu Helfen iſt, anſtecken. 


Ich habe hieraus zu zwo wichtigen Anmerkungen | 


Gelegenheit genommen. Die erſte iſt, daß das in 


warmen Laͤndern gewachſene Getreide ſich laͤnger, als 
alles andere, Hält, weil die äußere Haut um daſſelbe 
eine fehr große Härte befümme. , Diefe Haut wider 


ſteht den. —— ln welche das Hattriäs 


ah cigſte 


J 


2 


Das Getreide zu erhalten 209 - 


cigſte und bewehrtefte Ungeziefer darauf thun mag. 


Aus eben Diefem Grunde hält ſich das: alte Getreide, 
das ſich fehon gut gehalten hat, moch beffer als das 
neue, wenn es Darunter gemifchet wird. Jenes iſt 
zu harte und zu trocken; und man kann faum etwas: 
davon abfdjneiden. - Diefes hingegen ift viel wei⸗ 
cher, zarter und: feuchter; es öffnet ſich und giebt 
leicht nach. Die andere Anmerkung iſt dieſe: daß, 
da eben dieſes Ungeziefer das dickſte Holz durchfrißt 
ich fuͤr dienlich achte; die: Getreidekaͤſten mit Blech 
zu beſchlagen, und ſie vor einer allzu nahen Gefahr 
zu bewahren. Anſtatt des Bleches koͤnnte man ſich 
auch des Bleyes bedienen, und fie damit eine oder 
anderthalb Linien dicke, ausgießen. Ja ich wollte 
dem. Bleye noch den: Vorzug geben, weil es die be= 
fondere Eigenfchaft hat, daß es alle — bi man 
darein leget, trocken. haͤlt. Inn! 

"Was die Raupen beriffe, fo friechen fie. * 
hörlich auf den: ‚Getreidehaufen. ‚berumy und. nagen 
auf dieſe Weife deffelben Huͤlſen durch, worauf fie es 
ſehr begierig durchfreſſen. Allem Anſehen nach laſ⸗ 


ſen ſie auch einen gewiſſen ſcharfen und brennenden 


Saft darauf fliegen; der. dieſe Haut — 

und: ſie um ſo viel eher zerfreſſen hilft. 
Wenn ſich dieſe Raupen in Schinetterlinge * 
Fliegen verwandelt haben, ſo ſcheinen ſie in keinem 
beſonders gefährlichen Zuſtande zu ſeyn. Denn ſie 
genießen waͤhrend deſſelben wirklich nichts. „Allein, 
da dieſes die Zeit iſt, in welcher fie fich paaren, ſo 
bringen ſie bald eine neue Zucht hervor; fie legen 
ungählich; viele Ener, die nachhero ausfriechen. Des: 
— man am EM wenn. man ſie zu ker; 
tt eit 


300 Anmerkungen uͤber die Ant 


Zeit verfölgerzund ausrottet. Ich habe hierzu gen 
Mittel gefunden, die man für gewiß und untruͤglich 
achten kann. Das erfte iſt, daß man auf allen Boͤ⸗ 
den die Mauern mit Kalfe, den man erft recht durch» 
gearbeitet hat, überftreiche, und darnach mit ftarfen 
DBürften(brofles) von Zeit zu Zeit abreibe.⸗ Man 
kann ſich dergleichen Buͤrſten mit wenigen Koſten 
leichtlich aus Holland bringen laſſen. Dieſe geringe 
Vorſicht wird verhindern, daß ſich die Schmerter- 
linge nicht Daran anhängen‘, oder mit einander paa⸗ 
ren. Denn es ift bekannt, daß fie diefes niemals 
ebun;. wenn ſie nicht flilte figen und Ruhe haben. 
Wie Cato und Columella erzählen, | fo rieben die Als» 
ten eben diefe Mauern mit dem: Salze vom Dele, 
und einer dazu gerruahben Erde⸗ zu WEN i 
tenmalen abi) | 
Das Wweyte Mittel if, fe man auf jedem Bo⸗ 
den vier füpferne Lampen imgleicher Weite von ein. 
ander aufhaͤnget, und im jeder alle vier Wochen ge« 
ſchwefelte Techten brennet: Der Geruch undKRauh 
dieſer Tochten wird unfehlbar alle Käfer und Flie⸗ 
gen ‚> womitder Boden’angeftecker ift, umbringen. 
Mur muß man vorher i in Acht nehmen, daß man das. 
Getreide, es mag in Koͤſten eingefchloffen ſeyn/ oder 
in Haufen: auf den Dielen aufgefchütten liegen, mit 
hölzernen Schaufeln zu unterft und zuioberft wende 
und herum arbeite, und hierauf Thüren und Fenſter 
verfchließe, Damit fi ich der Rauch nicht aus dem Bo⸗ 
den hinaus ziehe. Im Falle, der Noth kann man 
diefes Näuchern auch öfters wiederholen, und man 
wird jederzeit fpüren, was esifür Nutzen und Vor⸗ 
theil bringe, Ueberhauet iſt dem Ungeziefer pa 
1275 mer. 


- 


ſuch Le 


mehr, a und zu dig RER: FERTERE 
beförderlicher, als angebrennter Schwefel) Die Er- 
fahrungen Davon. hat man überall auf dem Lande, an 


Orten, wo jerfallenes Mauerwork und Schutt liegt, 


und in den Spitälern, welche die Unfauberfeit nody 
beträbter und efelhafter macher, als die verſchiede⸗ 
nen Krankheiten, welchen man barinnen abgußeifen 


vv. 


Lnterfuchung en innern — 


—— Gerſten⸗ und andern Getreide⸗ 
| koͤrner. 


"ag fehmeichle mir, daß man doojenige was ich 


bisher von der Art, das Getreide zu erhalten, geſaget 


habe, ohne Muͤhe gefaßt haben wird. Die Yusüs 
bung davon wird weder lang, noch ſchwer, noch koſt⸗ 
bar ſeyn. Allein, da mir dieſe Sache ſehr wichtig 
ſcheint, und überbieß den beften Naturfündigern etwas 
unbekannt ift, ſo will ich fie mit einigen noch) gründs 
lichern Anmerkungen betätigen : jedoch olles fo ab» _ 
handeln, daß man aud, mit einer halben Auf 
merkfamfeit wird ‚einigen. Nusen daraus fchöpfen 
Fönnen. Ä 
Es find an — Weizen. Rocken⸗ Gerſten und Ha⸗ 


a drey Dinge zu betrachten: 1) Die Hülfeund 
aͤußere Schale, melche nach der Verſchiedenheit der 


— 


Jahre, und noch mehr der Laͤnder, worinnen es waͤchſt, 
haͤrter oder weicher, dicker oder duͤnner iſt; 2) der 
Keim, welcher in dem Korne ſtecket, und die Pflanze 
im Kleinen vorſtellet; 3) die mehlichte Materie, 
welche dieſen Keim umgiebt, und zu deſſen Wachs» 

thume 


zoe Anmerfungenüber Die Art 


thume und Mahrung dienen muß. Alles dieſes ins 


beſondere betrachtet, enehäte unendlich vie Merkroürs 


— 


diges und zeuget von dem der alles gemacht dat, 
und‘ in‘ feinen Werken munderbär iſt — 


I wirt nicht von. dem Sirohe veden, as dem y 
Sen dem Rocken, der Gerfte und dem Haber 
zum Stamme Dienet. Allein, wie alle berühmte 
Kraͤuterkenner, die felber durch diefes Wunderwerk 
gerühret werden, CH jo iſt nichts. kuͤnſtlichers 
ausgearbeitet/ oder weislicher eingerichtet. Denn 


erſtlich befoͤrdert die Hohe des Halmes die Zeitigung 


ſtufenweiſe, und laͤutert den Nahrungsſaft, der ſo 
verduͤnnet werden muß daß er nichts, mehr „als eine 
Art eines Rauches iſt; gleichwie die Duͤnne deſſel⸗ 


ben verhindert, daß dieſer Saft, wenn er einmal in 
die Pflanze gekommen iſt, nicht ausdunften, oder ver⸗ 


dorben werben kann. Zum andern dienet die Eiit 
richtung diefes Stammes, der rund und hohl iſt, 
dazu, daß er feiter, dauerhafter ı und fehrverer zu zer⸗ 


brechen wird, und giebe ihm zugleich die nöthige 


Stärke, damif er nicht unfer dem’ Gewichte der Aehre, 
fo groß eg feyn mag, erliegen darf. Endlich) fü " die 
Knoten am all BIER. eine EC einer 

Siebe, — 


* Gebt OR Bott die Ehre: “feine Werke find volle 
Eommen, und alle feine Wege gerecht. Der Bau 
der Natur iſt unferer Aufmerkſamkeit gedoppelt wuͤr⸗ 

dig; weil alle einzelne Theile derfelben, ſowohl für fich 

betrachtet, an Schönheiten umerfchöpflich, als auch, 
alle zufammengenommen, deutlich auf einen einzigen 
Endzweck gerichtet find, welches den — 
und — Anblick ee 


yo. 


das Getreide zu erhaltene: 303 


Bit, wh die weſentlichen Theile des Saftes, der 
die Aehre ſteigen, und zu deſſen Nahrung * 
— —— und * mac. gasıta chin | 


ch RN 
1 Gnl 7°% a 


N sitze? sh 43? nach 
Die Hilfe * —— ‚Hau: ſcheint in allen PR 
tensoon Getreide sdazungemächer zu ſeyn, daß ſie den 
Keim bewahre, und vor allen aͤußerlichen Zufaͤllen 
vertheidigeJe einfaͤltiger dieſer Endzweck ſcheint, 
jemehr iſt er der weiſen Haushaltung der Natur ge⸗ 
maͤh· Die Huͤlſe beſteht aus zween heilen ‚die, 
wenn fie aus einander gegangen find ‚.fich wiederum 
zuſammen begeben; aber fich «gleichwohl wicht. mehr 
fo genau fehließen-fönnen; daß fiiniche eine Art einer 
Marbe; welche: einige die Furche (Sillon) nennen, 
hinterlaffen ſollten, Will man diefes ſelber mit Aus 
gen ſehen, fo darf man. nur ein Gerſten⸗ oder Haber. 
korn in ſiedendes Oel werfen. Man ſiehet bald, wie 
es weicher und um ein merkliches dicker wird, nah» 
dem ſich dieſe zwey Blätter, oder zween heile der 
Hülfe, aus einander begeben, und zu trennen fuchen. 


| Eben: diefes gefchieht in der Erde, wo diefe Körner 


von einer: gelinden. Wärme und fal sigten Feuchtigkeit 
ermeichet tverden, welche die Hülfe überall durchdrin⸗ 
gen, und eine innerliche. Säurung verurſachen, Die 
der Säurung eines Teiges aͤhnlich iſt. Dieſe Saͤu⸗ 


rung iſt hinlaͤnglich, die innern Theile der Pflanze zu 


eröffnen, und alles, mas fie zuſammen hält, ‚los zu 


machen. Ein neuer Beweis von dem, was id) hier 
ſage, läßt fich an dem Geflügel, als Tauben, Hinern, 


wälfchen Hünern und zahmen Rebhünern ſehen. Als 


kes dieſes Geflügel naͤhret fich faſt allein. von Getrei⸗ 


de, und ſchlucket es begierig hinunter, ohne es vorher 


uu 


304 Anmerkungen über Die Art i 
zu fauen, ddee mit dem Schnabel zu jecbeißen. Diefe 
Körner kommen ganz in den ſogenannten Votmagen, 
wo fie durch einen gewiffen Saft / welchen die daſelbſi 
befindlichen Druͤſen von ſich geben, befeuchtet und er⸗ 
weichet werden Sie gehen hierauf) in’ den eigentli⸗ 
chen/ oder nervichten Magen,und werden daſelbſt 
durch kleine Erſchuͤtterungen uͤnd wiederholte Stoͤße 
vollend aufgeloͤſet. Ihre Huͤlſen trennen ſich in zween 
Theile, und laſſen die dieſen Vogeln dienliche Nah⸗ 
rung herauslaufen, ohne Ban Annie u bey⸗ 
en fönnen.. iR anna un * Kur 
Der Keim iſt bijernige, was in jeberPpflange einer 
* faͤhig iſt; er iſt / wiewohl unvollkommen, 
und ſo zu ſagen, im Kleinen die Pflanze ſelbſt, mit 
allem demjenigen, was zu ihr gehoͤret / und ſie vor an⸗ 
dern Dingen kenntlich machet. Dieſer Keim iſt mit 
demjenigen, mas ich die mehlichte Materie nenne, um⸗ 
geben; und dieſe beſteht aus unendlich vielen kleinen, 
weißen und durchſichtigen Koͤrpern/ die beynahe wie 
Kugeln ausfehen: "Man kann fie nicht anders, als 
durch ein gutes Bergrößerungsglas fehen, und'miß 
noch dazu das Korn recht gefchickt zerfchneiden. "Wenn 
diefe Fleinen Kugeln durd) die Wärme der Erde in 
Bewegung gebracht werden, fo fchleichen fie fich in die 
Zwiſchenraͤume bes Keimes ein, breiten ihre Theile 
allmählich weiter aus, und nähren ihn fo Tange, bis er 
Wurzeln treibt, die den Saft der Erde an fich ziehen 
Eönnen. Sie machen aber auch daß das Korn ause 
wächft, wenn es unordentlich auf den Boden geſchauet 
wird, und anfängt warm zu werden. 
Wenn das: Getreide gemahlen wird, fo chellen fi 6 


* Kugeln, weil fie ————— unendlich oft, 
Bram 


\ 


i das Getreide zu erhalten. 305 


und geben das, was wir Mehl nennen, Die Keime 
find nicht ſo weiß und durchſichtig, und geben alſo, 
wenn ſie in die Muͤhle kommen, den klaren Gries, 
welcher, dem Brodte Geſchmack und Kraft zu geben, 
ſchlechterdings noͤthig iſt. Denn, es bemuͤhen ſich 
alle dieſe Keime, ungeachtet fie zerſtuͤcket und in uns 
endlich Eleine Theile vermandele find, noch beftändig, 
wiederum rege zu werden und in Bewegung zu kom⸗ 
men; fie machen auch allein, daß der Teig fauer wird, 
und das Brodt in die Höhe geht. Sie haben aber 
auch auf der andern Seite ein natürliches Beftreben, 
ſich von einander abzulöfen, und durch ihre Bewegung 
die Faͤulniß zu verurfachen. | 

Eine Erfahrung, welche in dieſem Falle entſchei⸗ 
dend ift, iſt dieſes, daß, wenn man Mehl am Ofen 
trocknet, und hernach in Tonnen verwahret, die eben⸗ 
falls am Ofen getrocknet worden, ſich dieſes Mehl viele 
Jahre nach einander halten kann, ohne daß man eine 
Verſchlimmerung oder Verderbniß dabey beſorgen 
darf. Allein, man mag auch noch ſo viele Sorgfalt an⸗ 
wenden, ſo iſt es unmoͤglich, ein Brodt daraus zu ba⸗ 
een, das indie Höhe gegangen iſt. Die Urſache, wel⸗ 
che die -Handiwerfsleute davon: ‚angeben, ift diefe, daß 
auf gedachte Weife alle Keime getoͤdtet worden find, 
Eben fo ift das Getreide, welches man aflzulange in 
trockene Orte, wohin Feine Luft koͤmmt, eingefchloffen 
bat, zwar vor allem Verderben ſicher: allein, zum Uns 
gluͤcke, bleibt das daraus gemachte Mehl, wenn es nicht 
mit anderm vermifchet wird, ohne geben. Kurz, Die 
Keime find dem Getreide, das man aufheben will, fo 
wohl ſchaͤdlich, als nuͤtzlich; fie fcheinen die erften Triebe 
— ganzen Raͤderwerkes der Natur zu J— 

* Band. u V. Ans 


306 Anmerfungen — — 
—VV—— * — * 
Anmerkungen ‚über das im Mehle 
‚befindliche Ungeziefer. 


‚. Als. eine igabe muß ich hier beyfuͤgen, daß niche 
allein das Gerreide, fondern aud) das Mehl, fein be» 
ſonderes Ungeziefer hat. Dieſes Ungeziefer iſt ſehr 
klein, es beweget ſich muͤhſam, und huͤpfet mehr, als 

daß es laufen ſollte. Es hat laͤnglichte Koͤpfe, die 
ſich, wie ein großer Bohrer, zufammenfpigen. Statt 
der Zähne hat es Fleine Stacheln, Die aus dem Maule 
hervorgehen, und ihn, ſich eine geſchickte Nahrung 
zu bereiten, dienlich find. Was ich an dieſem Unger 
ziefer beſonders finde, iſt dieſes, daß es mit dem Mehle, 
worinnen es entſteht und ſein Leben zubringt, einerlen 
Farbe hat; und eben deswegen nicht leicht wahrzu⸗ 
nehmen if. Es erfordert dieſes viele Aufmerkſam⸗ 
keit, und ſolche Augen, die nicht ein jeder hat. 

Dergeftalt nimmt;vielerley anderes Ungeziefer die 
Farbe der Orte an, in welchen es lebet, und der Koͤr⸗ 
per, an welche es ſich anhaͤngt; oder, eigentlich zu reden, 
es lebet in feinem andern Orte, und hängt fich an kei⸗ 
nen andern Körper, als gerade an denjenigen, der mit 
ihm: einerley Farbe hat. Dergleichen thun die mei⸗ 
ſten gruͤnen Raupen, die, nach Beſchaffenheit der 
Baͤume und Pflanzen, wovon ſie ſich naͤhren, und 
worauf ſie ſich aufhalten, hell, oder, dunkelgruͤn ſind. 

Es ſcheint, als ſagte ihm ein beſonderer Trieb, daß es 
hier _ficherer feyn, nicht fo. leicht erfannt, und, fo zu 
fagen, feiner Larve beraubet werden ſollte. 

=. Das Mehl, welches aus England koͤmmt, ift viel 
echt das meißefte in der Welt: .. die — 


Segel e 


| das Getreide zu erhalten. 307 
welche es ingroßer Menge erzeuget, find ebenfalls weiß, 
Diefes haben ſchon die englifchen Naturfündiger, und 
unter andern Thomas Mouffere, und der berühmte 
Johann Ray, angemerket. Beyde nennen dieſes Un⸗ 
geziefer Motten (Teredines), oder Mehlwuͤrmer 
(Vermes farinarii), und erinnern, daß man fie bald 
voller geben und hart anzufühlen, bald aber fehr weich 
undfaft ohnedie geringfte Bewegung finde, : Meineg 
Grachtens zeiget diefes ihren abwechſelnden Zuſtand, 
die Zeit ihrer Geſundheit und Krankheit an. Unſer 
Mehl iſt uͤberhaupt viel ſchwaͤrzer, als das engliſche; 
man nimmt alſo wahr, Daß die darinnen ziemlich ge⸗ 
fchwinde wachfenden Würmer eben dieſe Farbe bes 
kommen, und den aufmerkfamften Augen entgehen, 
So viel laßt ſich gewiß und überhaupt verfichern, daß 
alles Mehl, welches feucht geworden, und moderiche 
und ſchimmlicht viecht, „anfängt voll Würmer zu wer⸗ 
den. Dieſer Geruch iſt ein untrügliches Anzeigen, 
—— man ſich gar keines Irrthums befuͤrchten 
Minius, der Naturkuͤndiger, hat ebenfalls ange. 
merket, daß ehehin kein Getreide ſchwerer geweſen ſey, 
oder weißeres Mehl gegeben babe, als das italieni- 
fhe:* Man bat, faget er, Italien wegen feines 
weißen Mehls glücklich gefchäzer. — 
Wenn gleich übrigens dag engliſche Mehl weißer, 
als das unſrige iſt, fo ift doch das daraus gebadene 
Brodt desivegen nicht beffer. Es zerfällt leicht, und 
bleibt niche feft beyfammen: wird es alt und troden, 
fo ift es wie Kreide. Es ift Teiche zu erachten, wie 
ae yaais 2 uu —beſchwek· 


€ Et Kortunatam Italiam frumento canere candido, 


308 Anmerkungen über die Mt 


beſchwerlich dieſes bey dem taͤglichen Sebrauche ſeyn 
muß, beſonders auf dem Lande, wo es oft an friſchem 
Brodte fehlet, und die Wirthſchaft erfordert, daß man 
allezeit ein Gebaͤcke altes habe, wenn man ſich mit fri⸗ 
ſchem verſehen will. Selber in Frankreich hat nicht 
jedes Mehl gleiche Schwere oder Güte, fondern iſt dare 
innen. nach den Provinzen unterſchieden. Das befte 
Brodt, das man effen kann, iſt dasjenige, welches in 
Paris und der umliegenden Gegend gebacken wird? 
felber: die Ausländer, die fo verſchiedenen Geſchmack 
haben, bekennen diefes, Allein, dieſes ruͤhret nicht ſo 
wohl von der Beſchaffenheit des Mehles, welches von 
allen Orten dahin gebracht wird, als vielmehr von dem 
Waſſer und dem Backwerke ber. Die Haupeftade 
bat: ordentlich die beten Handwerksleute, und dieſe 
Handwerfsleute werden noch dazu durch die Gewinn⸗ 
ſucht angereizet, und ſuchen, es einandet’jubor‘ zu thun. 
Ueberhaupt muß man, dem erſten Anblicke nach, dem 
Mehle aus ver Picardie den Vorzug geben, weil es 
dem engliſchen ſehr nahe koͤmmt: es nimmt aber nach 
etlichen Tagen, ich weiß nicht was fuͤr ein trockenes 
und mageres Weſen an, das keinen rechten Teig dar⸗ 
aus werden laͤßt. Will man es alſo mit Mutzen ge⸗ 
brauchen, und in einen Zuſammenhang bringen, ſo muß 
man es mit eben fo viel anderm vermengen. Au 
verfchiedenen Erfahrungen, die ich in diefer Sache ge⸗ 
habt habe, habe ich gefunden, daß fih das Mehl aus 
Bretagne hiezu vollfommen ſchicket, und das Brodf 
gefünder, und am Geſchmacke angenehmer macht. 
Allein, beydes hält fich nicht lange, und das daraus 
gebackene Brodt läßt fich, wenn es alt — auch 
nicht noch einmal backen. Be 
Wenn 





>. 
. 


das Getreide zu erhalteit: 309 
+ Wenn man Mehl ſuchet, welches ſich aufheben laͤßt, 


— —* wobey man gar Feine Furcht oder Mistrauen bes 


gen darf, fo muß man es erſtlich in Öuienne, in der 
Gegend um Nerac ſuchen. Zweytens in der Land⸗ 
ſchaft Aunix, wo zu merken iſt, daß man recht trocke⸗ 
nes und gutes ausfuche. Drittens in der Norman⸗ 


die, und, um den Handel bequemer zu machen, zu 


Havre, oder zu Cherboury. Diefe Arten von Mehl 
haben vor andern den Vorzug, daß fie fi) über die 
See führen laffen, und die falzichte Luft, welche dafelbft 
ausgehauchet wird, und andere gebensmittel verderbet, 
nicht anziehen. Deswegen wird auch, fowohl in un 
fern, als den englifchen Pflanzitadten, ſtark damit ge 


handelt, und weder Geld noch Mühe gefparet, deflelz 


ben vor allen andern habhaft zu werden. Nur ift 
guf, wenn man merket, daß faft alles Mehl aus der 
Mormandie nicht gebeutele iſt. Es iſt daher anfang» 
lich etwas rauh: allein, man gewohnet es bald. Die 
Natur hat weislich gewollt, daß die Menſchen mit 


einander handeln, und einander wechſelsweiſe helfen 


follen, Weil aber Ehrgeiz und Gewinnfucht, die an 
neuen Erfindungen fehr fruchtbar find, fich vereinis 
‚gen, und das nämliche fand aller Darinnen gewachſe⸗ 
‚nen Sebensmittel berauben würden; fo hat fie eben. 
falls gewollt, daß man einige derfelben ihrer Natur 
nach nothwendig auf der Stelle verzehren muß, und 
mit leichter Muͤhe ausfuͤhren kann. | 


\ ee EURO re END 


u 3 IV. Com- 


30 Abhandlungen der Goͤtting. 
a a a * 


‚ Commentarii ° J— 
Societ. Reg. ‚Sc. ‚Gotting. Tomus n. ad ann. 
1752. Gottingae ap. Vid. ‚Vandenhoekii. . 


1733, 


| Abhandiungen 
der Goͤtting. Koͤnigl. Gefellf. der 8. "2 
auf das Jahr — — 


Goͤttingen, bey Bandenhöts Witwe TR 
2 Alph. 83. 15 RE 


uerft werden verfchiedene genannt, sel * 
der Geſellſchaft aufgenommen worden. Sir 
Hans Sloane und der Herr Reichshofrath, 
Heinric) Chriſt. Freyherr von Senkenberg, find zu 
auswärtigen Mitgliedern erwählet worden, der erſte 
aber iſt den ı1 Jenner 1752 geftorben. Herr Dr. Joh. 
Gottfried Zinn, Prof. Ertr. der Medicin zu Göttin 
gen, ift zum außerordentlichen Mitglie +3 der phyſi⸗ 
ſchen Elaffe erwählet worden. Bisherige Zuhörer 
und nunmehrige Correfpondenten der Gefellfchaft 
find die Herren, Joh. Friedrich) Camerer, M. Sa: 
muel Luther Geret, Dr. jonas Sidren, M. Balthafar 
Sprenger und Dr. Joh. David Hahn. Von aus» 
mwärtigen find zu Correfpondenten ernennet worden, 
Herr Dr. oh. Philipp Lorenʒ Withoff, D. Ge. Chriſt. 
Oeder, 


Koͤnial Geſ. der WW: zu 
Oeder, Chriſtlob Mylius, Dr. Joh. Caſtiglione und 


Ih ‚Peter Rathiem.» 
Die erfteiunter.den. Abhandlungen iſt Heren J 


Sees‘ Socrates Sanctus paederafta. Don dem . 


Vorwurfe diefes es Laſters, den einige dem Sokrates 
gemacht haben, Befrenet ihn zufanglicy das Still⸗ 
ſchweigen folcher Feinde, die richts würden verfchwie, 
gen haben, was ſie vom Sokrates fhändliches gewußt 
haͤtten, als des Anytus und Melitus feiner Anfläger, 

des Ariſtophanes. Marimus Tyrius hat fchon die 
Belchuldigungen der Alten beantwortet, und Herrn 
Geſnern veranlaſſet zu gegenmärtiger Unterfuchung, 
bloß einiger neuern Wiederholung! derfelben. Dia 
tons Gefpräche, aus welchen man die nieiften Grün- 
de dazu hernimmt, mird von wenigen heut zu Tage 
in der Grundſprache gelefen, die die Schreibarr und 
“einiger Stellen Tieffinnigfeit davon abfchrecfen, auf 
die bisherigen Ueberfegungen aber, darf man fid) gar 
nicht verlafſen. Es handelt zwar von der Siebe aber 
auf feine ftrafbare Art, da Sokrates dem Hippotha⸗ 
les weifet, wenn er vom Lyſides geliebet ſeyn wolle, 
fo müffe er dem Knaben nicht ſchmeicheln, dadurch er 
ihn nur fol, machen würde, fondern ihm vielmehr 
feine, Fehler zeigen. Daß Date denen, die. er Ge⸗ 
ſpraͤche Halten-laffen, und befenders dem Sofrates 
viel erdichtete Dinge in der Mund gelegt, ift ausges 


macht. Herr Gaerzaͤhlet den Inhalt des Gefpräs 


ches ausführlih, und handele bey einer gegebenen 
Beranlaffıng von verfchiedenem, was die Alten, die 
- Phpfiognomie betreffend geglauber haben. Er zeis 
get darauf, daß es bey den Griechen eine untadels 


Hafte und felbft lobenswuͤrdige Knabenliebe gegeben, 
Ua Durch. 


* Abhandlungen der Goͤtting. 


durch welche junge Leute, vermoͤge der Begierde zu 
gefallen, zu Tugenden, und befonderg zur Tapferkeit , 
üm Kriege angetrieben worden. Darauf jeiget Here 
G. daß in Platons Gaſimahle Sokrates durch des 
Aleibiades eigene Erzaͤhlumg vollkommen gerechtfer⸗ 

tiget werde, und aus Kenophons Gaſtmahle läßt ſich 
eben fo wenig eine Beſchuldigung dieſer Art heraus» 
Bringen. Ob Sofrates zwey Weiber gehabt habe, 
laͤßt fih nicht mit Gewißheit ausmachen, wofern es 
aber geſchehen iſt, bat er feinen Vorwurf desivegen 
verdienet, weil die. Athenienfer, um diefe Zeit fol - 
ches zur Bevoͤlkerung ihres durch Kriege erſchopſten 
| landes verſtattet hatten. 

Als ein Zuſatz zu einer Stelle dieſer Abhandlung, 
wo des Sofrates Geftalt mit einem Eſel verglichen 
wird‘, iſt eine Sammlung der Stellen, welche die 
Hochachtung der Alten für die Efel zeigen, corollarium 
de antiqua afinorum honeflate,bengefügt, h 

Herr Profeffor Michaelis handele von dem Were 
the des jüdifchen Sefels vor der babylonifchen Ge 
fängniß. Herr M. hat außerordentliche Mühe und 
Gelehrſamkeit angewandt, mehr die Irrthuͤmer hier- 
innen. zu twiberlegen, als. etwas Zuverläßiges heraus 
zu bringen, ‚Seine Gedanken find geweſen, den 
Werth des jüdifchen Sekels, durch die Bergleichung 
- mit Gewichten, durch die Schägung der Sachen, die 
dafür. haben koͤnnen gekauft werden u. ſ. w. auszur 
| machen, und dieſes führe ihn in eine Menge und 
Mannichfaltigkeit von Unterfuchungen. Bey Gele» 
genheit desjenigen, was David dem Salome zum 
Tempelbaue hinterlaffen, und um die Größe diefer 
Summe glaubwürdig zu machen, die der gr 

er 


I 
Al 


Koͤnigl. Geſ der Wiſſ u B313 


der der Phönizier in Syrien, der Syrer, und. der Ara 
ber konnte zufanımen gebracht haben, wird. der-Keich- 
thum der Harzbergwerke angegeben, aus denen jährlich 


möhrals g0000 Mark Silber kommen. Das Gewichte 
von Goliaths Panzer, welches Sam. XVII 5.5000 
Sekel Erztes angegeben wird, hat Herr M. auch 
vorgenommen. Der Zuſatz: Erztes, zeigt an, daß 
der Panzer noch aus. anderer Materie beſtanden; 


vermuthlich aus Leinewad, die mit ehernen DR 


pen überlegt: war, mehr durch derfeiben Glaͤtte die 
Stoͤße und Schüffe abglitfchen zu machen, als folchen 
felbft zu: widerftehen ‚:welches legtere Amt der Seine- 


tem: Leder gemacht waren. ) Iphikrates und Galba 
hatten, wie Cornelius Mepos und Sueten erwähnen, 
feinene, und daß die Hebräer dergleichen auch gefühs 
vet; erhellet aus 2 B. Mof. XXVIII, 32. In dem 
benachbarten Aegypten, dem Vaterlande der Phili, 
fter ,) waren die: leinenen Panzer ſehr gebräuchlich. 


(Plin H.N.L. XVII 2. Herodat. L. I. c. 47.) 


Man fieht hieraus, daß dev Sefet nicht, wie viele 
gläuben, für den alerandrinifchen, oder fir die römi- 
fche Halbe Unze kann angenommen werden. Clericus 


Körper nicht zu viel, und müffe auch fo groß feyn, 
wenn die Schuppen hätten ſtark genug, feyn follen, 
den Niefen zu fhügen; aber er bedenke nicht, daß die 


Stoͤße auszuhalten, die leinene Bedeckung genug war, 


wie das ſchon angeführte Benfpiel des Galba beym 
Sueton zeige, ben welcher Stelle man des Pitifcus 
Br U 5 a Ans 


y. 


— 


wand uͤberlaſſen war. Tacitus, Hiſt. L. I. c. 79. er- 
waͤhnt Panzer barbariſcher Voͤlker, die aus ſehr har⸗ 


glaubet zwar, dieſes Gewichte ſey fuͤr einen ſo großen 


314 Mhandlirtgern der Goͤtting 


Anmerkungen dieſerwegen nachzuleſen bat. Daß 
dieſe leinene Bedeckung eine große Laſt muͤſſe gehabt 


haben, exhellet daraus, weil Die Aegyptier dergleichen 


Panzer hatten, wo jeder Faden aus 365 andern Faͤ⸗ 
den beſtand, wie Herodot und Plin. ara, O. bezeu⸗ 
gen; ſetzet man zu dieſem Gewichte 250 Pf. Troy» 
geivichte, (fo.viel betragen 5690 Sefel nady den Ge: 
danken derer, die den alerardvinifchen.bier: verfichen,) 


oder 224% Pf. cöllnifch, ſo muͤßte diefe Laſt, mebft 


den übrigen Waffen, auch einen. Riefen zu Boden 


gedrückt ‚Haben. Man muß dabey noch uͤberlegen, 


daß dieſe 250 Pf. bey weiten nicht den ganzen Koͤrper 


zu bedecken wären angewandt worden. Der Ruͤcken 


war ben einen Soldaten, der ſtehen, und nicht wie Die 


Parther fliebend fechten ſollte/ wohl unbedeckt, auch 


die Fuͤße hatten eine andere Beſchirmung: Alſo be⸗ 
deckte der "Panet kaum i11 rheiniſche Quadratſuß, 
welches folgendergeſtalt berechnet wird. Bey dem 


fechgelfichten Niefen Eonnte wohl die Singen zwiſchen 
dem Halſe und den Füßen kaum mehr als 2 Ellen 


betragen, welches 3 rheiniſche Fuß und 7, 776 Zoll 


beträgt. Man feße fie 4 Zuß ; den Körper vome 
zu bedecken, war eine Breite von 3 Fuß genug. So 
bekoͤmmt die Flaͤche des Panzers 12 Duadearfuf; und 
wird ein wenig unter ır haben, wenn man die fänge 
niche völlig 4 Fuß rechner,  -Mimme man alfo diefe 
Flaͤche 12%. an, fo kann man nod) was abrechnen. 
Nun machen * Pf. coͤllniſch Eiſen einen Cubikfuß; 


alſo geben 2245Pf. einen gedierten Fuß Eifen mie ° 


einer Dicke von 5 Zollund 10438 Lin. rheinl. Beträge 


5 die Flaͤche des Panzers joöl Suadrarfuß, fo iſt ar 
Die 


N 


König GE DEETNB. a7 
Dice je) weh der angegebenen, oder 5332 tinien, al: 
lemal die'von den alerandrinifchen Doflmerfchern und 
allen Ilden angene mmene Grꝛoͤße des Sekels voraus. 
geſetzet mian laſſe weil fich das Eifer ſammen ⸗ 
ſchmieden laͤßt, 94— Bruch, ob er gleich faſt ein gan 
Fes beträgt, abgehen⸗ fo bleibt noch eine fo ungeheure : 
Dice übrig, daß unfere Euiraffe, die dach fo gar 
— aushalten, | "nie den fünften Teil davon has 

- Herr M. Hab fich diefermegen in einer Gewehr: 
eier erkundigen laffen, und Die Nachricht erhalten, 
die Euiraffe machten das Mittel von einem ſtarken 
und kleinern Mefferrüden aus, "und liefen an dei 
Seiten dünner zu. > Er hat auchdürd) des Herrn 
von Haller Vorſchub, Maͤaße von bernifchen Harni- 
ſchen bekommen /da denn der alten Dicke drittehalbe 
Pariſerlinien, der neuern eine iſt befunden worden ; 
bekanntermaßen aber haben die Schweizer die für 
ften Harnifche gefuͤhret. Das Erzt an Goliaths 
- Danzer ift. vermurhlich noch dünner als bey unſern 
Cuiraßirern geweſen, da es uͤber Leinwand gezogen 
war, und nur Pfeifen und Degen widerſtehen durfte; 
und eine halbe Linie dicke ift, vermuthlich für diefe 
über die Leinwad gelegte Schuppen genug geweſen. 
alſo ift der Sekel, nach welchem Goliachs Panzer 
angegeben wird, gerviß Fleiner als der 'alerandrinifche 
geweſen. Eben ſo wenig kann man die Spitze an 
Goliaths Spieße ı Sam. XVI, 7. und an eines am 
dern Kiefen feinen 2 Sam. XXI, 16. Darnach rech - 
nen, da die erfte zo Pf. Troy gewogen, oder 24% coͤlln. 
wuͤrde eine Laſt, die auch von einem Rieſen am Ende 
eines langen Spießes nicht zu regieren iſt. Aus die 
jer Probe wird man fehen, wie torgralkig, mühfam 


und | 


as ¶ Abhandlungen den @deting- 


und zugleich ſcharfſinnig Herrn M. Unterſuchungen 
ſind, zugleich aber, wie lehrreich und angenehm ſie 
ihren. Mannichfaltigfeit wegen auch für. Leſer ‚feyn 
fönneir, Die fich fonft eben night für, verbunden achte ⸗ 
gen, von der Hauptſache genaue Kenntniß zu. haben, 
- So aut als ſich bey ſo vielen Schwierigkeiten etwas 
ausmachen läßt, thut ex folgendes dar: Der Sekel 
iſt dreyfach geweſen 5. Denskömigliche 25, der römi 
ſchen Unze, der mofaifhe,zi@gfalben, und der Kaufe 
mannsfefel;, der ungefähr mit dem habyloniſchen Siglo 
oder Greſſo uͤbereinſtimmet, augicher. 4 der-Lnze ge; 
weſen iſt. Die Gera, der zwanzigſte Theil des mo- 
ſaiſchen Sekels war eigentlich eine Meermuſchel, der 
ſich die Alten an Geldes ſtatt bedienet haben.. 
Der Herr von Haller handelt von den Theilen des 
menſchlichen Körpers; welche fuͤr den Reiz empfindlich 
finde Dieſe Abhandlung iſt ſo voll neuer und. wich» 
tiger Verſuche, daß ſie verdienet, ganz deutſch geleſen 
zu werden, und dieſerwegen wird. bier Feine weitlaͤuf⸗ 
tigere Anzeige von ihr getha. 
Herr Tobias Mayer unterſuchet die Parallaxe des 
Mondes, und deſſelben Entfernung von der Erde. 
Er ſetzet, der Mond bewege ſich in der Flaͤche des 
Aequators um die Erde, welches man annehmen darf, 
weil er davon nicht. viel abweicht. Nun weiß man 
aus den Beobachtungen die. Berhältniß des Durd)» 
meffers vom Hequator zur, Are der Erde, imgleichen 
die fänge des Secundenpenduls unter dem Aequator, 
und alfo die Stärfe der, Schwere dafelbft, und folg- 
lich die Stärferder Schwere in der Gegend, wo der 
Mond um die Erde geht, deffen mittlere Weite bier 
fo, wie man mit unbefannten Groͤßen in a 4 
Rech⸗ 





* 





Konigl Geſſ der HWTUBN 307 


Rechnungen verfährt, aebraucher wird. Die Perio⸗ 
de des Mondes um die Erde, dei. die Zeit eines Mos 
nates, iſt auch befannt, und wenn man dazu ven Lehr⸗ 
ſatz nimmt, daß ſich die Eentralfraft verfehrt, wie Die 
Quadrate der periodifchen Zeiten mit den Halbmef- | 
ſern der Kreiſe dividirt verhalten, fo erhält man eine 
Gleihung, aus der Herr M. endlich nach-vollführ, 
rer Rechnung und We gwerfung zu kleiner Glieder, 
die Weite des Mondes von der Ede = 59, 89 7 
(1 in) finder, wo die Ziffern ſich auf den Dan 

meſſer der Erde, als die Einheit beziehen, und r: 
Die Verhaͤltniß der Maſſe der Erde zur Maſſe * 
Mondes iſt. Dieſe Weite kann alſo nicht kleiner 
werden, als 59, 89 des Halbmeſſers der Erde, denn 
ſo groß iſt ſie noch, wenn die Maſſe des Mondes gar 
nichts ift, oder welches eben das’ ‚giebt, wenn der 
Mond feine anziehende Kraft befist. "Diejenigen 
alfo, weiche läugnen, daß die Erde gegen den Mond 
ſchwer fen, wie der Mond gegen fie ſchwer iſt, Haben 
bier’ ein Mittel, ihre Meynung, welche fonft durch 
Feine Erfcheinung unterfiüget wird, um etwas wahr 
ſcheinlich zu machen , wenn fie darthum koͤnnen, daß 
die Weite des Mondes von der Erde nur 59, 89 
Halbmeffer der Erde uͤbertreffe. Aber der neuern 
Sternforfcher Beobachtungen, geben Anlaß, fie für 
größer zu halten, und die Hypotheſe, der gegenfeitis 
gen Schwere ftimmt mit allen Erſcheinungen übers 
ein. "Herr Mayer nimmt mit Heren Dan. Ber 
. nouilli an, die Maſſe des Mondes fen „5 der Erd: 
mafle, woraus denn die gefundene Weite 60, 17, 
une, der Winkel, unter welchen des Aequators Durch. 
meffer 


318 Abhandlungen der Goͤtting. 


2 
“ 


mefler im Monde erfiheine‘, „die Aequatorialpa⸗ 


rallaxe 57 M. 8 Sec: folge. Nun hat Herr Mayer 


durch oft wiederholte Beobachtungen den beindaren | 


Durchmeffer des Mondes in der. mittlern Weite 3r. 


M, 10. Ser; gefunden, woraus die Verhältniß des 


Durchmeffers. des Mondes, zum Durchmeſſer unſers 
Aequators, wie 6: 17, oder wie 32 M. zu 58 M. 40 
©. ſolgt, welche Verhaͤltniß zwiſchen Halleys und. 
Caßinis Beſtimmungen derſelben faͤllt, und, mit des 
de la Hire ſeiner uͤbereinſtimmt, daß alfe bie, heorie 

| bie mit den Beobachtungen eins iſt. 

um fischer, Here M. eben diefes aus‘ —— 
gem zu beſtimmen, zu deren’ Gehrauche er erſt ohne 
Beweis Formeln liefert, die Parallaxen der Höhen und 
des Azimuths der Declinationen und Reetaſeenſio⸗ 


nen, der Laͤngen und Breiten zu finden. Die Pa 


rallare des Azimuths koͤmmt nur ben der von der voͤl · 


ligen Kugeleundung äbmeichenden Erde vor, weil da 


die Berticallinie nicht durch der Erde Mittelpunct 


geht. Er erzäblet hierauf verfchiedene zu ‚feinem 
Zwecke dienende Beobachtungen vom Monde bedeckt 


ter Firfterne, die er und Herr Lowicz gehalten, und. 


feßet auch nach denfelben die Verhaͤltniß des ſchein⸗ 
baren Durchmeffers vom Monde zu deſſen Aequa⸗ 


torialparallaxe, wie 6: 11, wobey er einen Irrthum | 


von 5 bis 8 Ser, nie in "Abrede feyn will. 

Drof. Kaͤſtner betrachtet die Abweichungen der 
Strahlen, die in Glaͤſern gebrochen werden, wegen der 
verſchiedenen Brechung verſchiedener Farben. Daß 
ſphaͤriſche Glaͤſer nicht alle Strahlen die aus einem 
Vunete auffallen, wieder in einem Puncte a 

oͤn⸗ 


gonigl Geſ der Wiſ, USe zig 


koͤnnen, iſt bekannt, und der Verfaſſer hat die davon 
oder von der Geſtaͤlt der Glaͤſer herruͤhrende Abmei. 
hung im I Theile dieſer Schriften, unterſuchet. In— 
deffen ließen fich Glaͤſer erdenfen, Die fuͤr ein gegebenes 
Gefege der Brechung alle aus einem Puncte kom» 
mende Strahlen wieder in einen Punct brachten. Car: 
tefius im feiner Diontrif, und Joh. Bernoulli in der 
VI Ledione Holfpitaliana, haben Diefes gewieſen. 
Eben deswegen haben ſich auch die Künftier fonit eis 
ferig bemühet , hyperboliſche und elliptifche Gläfer zu 
machen, und Newton ſelbſt hat fih damit befchäffti» 
get, bis.er feine Entdeckungen von den Farben felbft 
bey Beranlaffung foicher. Arbeiten machte. _ Denn 
da fahe er: fogleid) ein, daß Gläfer, die alle Strahlen 
von einer Art auf Das genauefte zufammen brädıten, 

foldyes doch nicht bey Strahlen von verfchiebener Art 
bewerfftelligen koͤnnten. In gegenwärtiger Abhand⸗ 
lung, welche als eine Fortſetzung der vorigen anzuſe— 
hen iſt, werden alſo die Fehler unterſuchet, welche da⸗ 

her entſtehen, daß ein Strahl mehr ais der andere 
auf eben die Art einfallende gebrochen wird. Ihre 
Groͤße koͤmmt nur auf die Brennweite und nicht auf 
die, Geſtalt des Glaſes an, und fie find fo beträcht- 
lich, daß der Irrthum, den die Geftalt des Glaſes 
giebt, meiftens gegen ſie nicht zu rechnen iſt. Dieſes 
nun auf die optifchen Werkzeuge anzuwenden, wird 

eine Hypotheſe angenommen. Wenn die Strablen, 
die. von einem einzigen Puncte herfommen, wegen 
. ber Brerhung der Gläfer fih auf dem Boden des 

Auges nicht wieder in einen Punct ſammlen, fondern 
daſelbſt ‚einen ‚Eleinen Kreis ausfülfen, fo wird das 
Sehen undeutlich, und die Undeutlichkeit verhälc ſich 
ft ‘ i wie 





| 
J die Flaͤche dieſes — ———— fit Aus 
"Die Undeutlichkeit folget daraus, weil auf dieſe 
A die Strahlen von jedem Puncte der Sache Ab» 
meichüungsfreife machen werden, die in einander ge» 
ben, fo daß auf einen Punct dee Bodens vom Auge 
Strahlen von ver ſchiedenen Puncten der Sache kom ⸗ 
men; aber aus der allgemeinen Theorie der Empfin- 
dungen iſt klar daß eine Empfindung undeutlich 
wird, wenn auf einen und denſelben Theil des Em⸗ 
Radlms wert ſeuges verſchiedene Dinge zugleich wir⸗ 
ken. Aber dieſer Abweichungskreis im Auge richtet 
ſich nach einem andern gewiſſen Abweichungskreiſe, 
den eben die Brechung der verſchiedenen Farbenſtrah⸗ 
len verurſachet, und ſo laͤßt ſich die Undeutlichkeit aus 
Betrachtung des letztern Abweichungskreiſes, d. i aus 
der Befchaffenheit des ‚optifchen Werkzeuges beftims 
men. Daraus wird alsdenn Huygens Regel von 
Einrichtung der Fernglaͤſer nach einem gewiſſen, das 
man durch die Erfahrung gut befunden hat, und zur 
Grundregel annimmt, beraeien und, ‚I Gebrauch 

erläutert. I 
Herr Seaner handelt von der Parallare die aſtto⸗ 
nomiſchen Netzes. Er hatte im vorigen Theile an⸗ 
gegeben, wie man das Mikrometernetz in den Fern⸗ 
röhren, fo daß es mehr faffere, verbeffernfönnte, Das 
Mikrometerneß miſſet den Abſtand der Bilder der 
verfchiedenen Puncte des‘ Gegenftandes von der Are; 
Jedes aber diefer Bilder iſt ein Vereinigungspunct 
der Strahlen, welche von dem Puncte, deſſen Bild 
es iſt, auf das Vorderglas fallen, und von dieſem ges 
brochen werden. Dieſe Bereinigungspuncte, dieſe 
Scheitel der gebrochenen Strahlenkegel, Kat; RR 
lich 


Koͤnigl Geſ der Wiſſ IB. 321 


lich nicht in einer ebenen Fläche, fondern in einer Rus 
gelfläche, deren Mittelpunct das Mittel des Vorder⸗ 
glafes ift. Aus der Betrachtung, daß diefe Kugele 
fläche von einer ebenen in ziemlichem Abftande von 
der Are niche merflidy abmiche, hat Herr Gegner 
eben im vorigen Auffage, das Feld des Mifrometers 
zu erweitern’gelehrer: Aber da diefe Abweichung, fü 
geringe fie auch iſt, doch einen Irrthum verurfache, 
wenn man fest, diefe Scheitel der gebrochenen Strah⸗ 
lenkegel befinden fi) in der Ebene des. Mifrometers, 
da fie fich wirflich in einer KRugelfläche befinden, fo 
entſteht daraus eben die Darallare, die Herr ©. bier 
betrachtet, und fo viel fich thun läßt, vermeiden oder 
vermindern lehret. Die Art, wie er folches verrich- 
tet, iſt ohne Zeichnungen bier nicht verftändlich zu er⸗ 
aͤhlen. 
Herr Hollmann giebt von ungeheuren Knochen 
Nachricht, die im Amte Herzberg 1751 ausgegraben 
worden. Er bat fie durch den Vorſchub des Fönigl. 
Dberamtmanns, ‚Herrn Panne, erhalten. Die 
Bauern haben ihrer 2; an der Zahl im Mergel ge 
funden, deſſen fie fih, ihre Felder fruchtbar zu ma« 
chen bedienen, und der Mergel felbit bar fich überall 
an die Knochen angehänget. Noch andere von diefen 
Knochen hat Herr H. nicht erhalten, fondern fie jind 
anders zerftreuer worden. Bon Heren H. feinen ge 
hören einige, aber am übelften zugerichtete zu Hirn 
fhädeln, In einem diefer Stuͤcke ift das zellenförs 
mige knochichte Weſen, das fich zwifchen den beyden 
Tafeln des Hirnſchaͤdels befindet, faſt 3 Zoll 4 Linien 
Sondner Maaß dicke. Aus diefer Größe, der vie 
übrigen gemäß find, follte man folgern, die Knochen 
23 Dand, J hätten 


322 Abhandlungen der Gotting. 


haͤtten Elephanten zugehoͤret: Aber Herr H. zeiget, 
daß fie etwas kleiner find, als die Knochen eines Ele- 
phanten, deren Abmeflungen in den philof. Tranſ. ges 
geben werden, daß aud) die Berhältniffe, die bey er- 
waͤhnten Elephantenfnochen find ‚gefunden worden; 
bier. nicht angetroffen werden, und daß endlich die 
ausgegrabenen Knochen, in Bergleichung mit ihrer 
Laͤnge zu dicke find, als dag fie Eönnten einem jun. 
‚gen Elephanten zugeeignet werden, Da fie aber: 
doc) einem vierfüßigen und fehr großen Thiere müfjen 
zugehöret haben, fo muthmaßet Herr H. fie feyn vom 
einem Rhinoceros, welches mit Den Abmeffungen des 
Rhinoceros, das man vor einigen Jahren in Deutſch⸗ 
“ land zur Schau herum geführet, wie der Befiger des 
Thieres folche in feinem gedruckten Zebdei angegeben, 
ziemlich uͤbereinſtimmet. 
Herr H. ſetzt dieſe Unterſuchung in einer andern 
Abhandlung fort. Er beſcheeibt darinnen noch mehr 
der ausgegrabenen Knochen, und unter andern Zaͤhne. 
Er hatte von dieſen Zähnen einen Herr Mefeln:mit- 
gegeben, folchen mit den Zähnen des Nashorns zu 
vergleichen, wenn er daſſelbe auf einer Reife, die er 
vornabm, anträfe. Herr Mefel har es auch zu Pa- 
ris gefunden, und verfichert, daß der Backzahn, den 
ihm Herr H. mitgegeben, des Rhinoceros feinen volls 
kommen aͤhnlich, nur an der Größe unterfchieden ſey. 
Adzeichnen hat er die Zähne beym lebendigen Rhino⸗ 
ceros nicht Fönnen, weil man fie nur auf die Augens 
“blicke zu fehen befommt, da das Thier den Nachen 
öffner, Freſſen zu verfehtingen. Zuletzt befchreibe 
Herr H. noch die Befchaffenheit des Drtes, wo diefe 
Kuochen gefunden worden, welches Hoffnung giebt, 
= N BEE 


— 


Koͤnigl Geſ. der Wiſſe n B. 323 
daß man deren noch mehr finden werde. Herr Nanne 
hai dieſe Beſchreibung Herr Hollmannen uͤberſandt, 
Herr Hollmann aber ſie bey einer dahin angeſtellten 
Reiſe richtig befunden. Eine ſehr wahrſcheinliche 
Muthmaßung Herrn Nannens iſt: an dem Hügel, 
wo ſie gefunden worden, den ein ziemlich tiefes Thal 
von dem umliegenden Harzgebirge abſondert, ſey vor 
dieſem ein Waſſerwirbel geweſen, den die Zuruͤckpral⸗ 
lung des Waſſers von den Harzgebirgen verurſachet, 
und dieſer Wirbel habe die Knochen, nebſt dem Mer⸗ 
gel, in dem fie ſtecken, zuſammengefuͤhret. Die Kno⸗ 
chen werden abgebildet vorgeftellet, und die Erflärung 
Diefer Abbildungen ift beygefüger. | 
Herr ‚Gefner befchreibt einen alten Marmorftein 
zu Eaffel, der Loblieder auf den Aeffulap, die Hngea, _ 
den Telefphorus vorftelle. Die NKegimenter, wel⸗ 
che Sandgraf Earl im vorigen Jahrhunderte den Bea 
netianern zu Hülfe gefchickt, haben ihn 1688 aus der 
Nachbarfchaft von Athen mitgebracht. Das Lied 
auf die Hygea iſt beym Arhenäus zu lefen, und ver- 
fchiedemal herausgegeben worden, das aber auf den 
Teleſphorus kann ſowohl wegen der Sehler, die der 
Arbeiter gemacht, als wegen der Beſchaͤdigung, Die 
der Stein gelitten, Kennern der Altertbümer Anlaß 
geben, ihre Kräfte zu prüfen. Here ©. hat folches 
fo genau als möglich, in Kupfer ftechen laffen, und 
fuͤget demſelben und den übrigen folche Ergänzungen 
und Anmerkungen bey, wie nur von ihm herfommen 
Fönnen. I 
Herr Mayer giebt eine neue Methode, die Werk. 
zeuge zum Winfelmeffen vollfommener zu machen, 
und felbft ein neues Werkzeug zum Winfelmeffen. 
N . Man 


32. Abhandlungen Der Goͤtting 
Man ſtelle ſich zwey Liniale vor, deren eines unbe⸗ 
weglich bleibt, das andere ſich um eine ſenkrecht auf 
beyder Liniale Flaͤche ſtehende Are drehen läßt; kurz, 
fo viel, als ein gemeines Aſtrolabium uͤbrig behalten‘ 
miürde, wenn man von ihm den. eingerheilten halben? 
Kreis, und von feinen beyden Linialen, die ‚Abfichten: 
megnähme. An jedem Ende jedes Linials fey ein’ 
Punct bezeichnet, und dieſe vier Puncte ſtehen von 
der Axe des Umdrehens in gleicher Entfernung, und 
jede zweene Puncte auf einem Liniale liegen in einer 
geraden Linie mit dem Mittelpuncte der Axe des Um⸗ 
drehens. Man nimmt die Weite jedes dieſer Pun⸗ 
cte vom Mittelpuncte der Axe des Umdrehens fuͤr 
den Halbmeſſer an, und beſchreibt, weil ſelbiger zu⸗ 
gleich die Sehne von 60 Br, iſt, einen geradelinich⸗ 
ten Transporteur, der ſich fuͤr dieſen Halbmeſſer ſchickt. 
Man hat alſo allemal den Winkel, den die Liniale 
mit einander machen, wenn man die Weite des Ende 
punctes von dem einen Liniale, und des Endpunctes 
vom andern, mit einem Handzirkel mißt, und auf 
diefen geradelinichten Transporteur trägt, welcher 
folchergeftalt die Stelle des eingetheilten Halbfreifes 
bey den gemeinen Werkzeugen vertritt. Nun find. 
auf Eeinem von beyden tinialen Abfichten; auf das 
bewegliche aber wird auf die gewoͤhnliche Art ein 
aſtronomiſches Fernrohr angebracht, in deſſen Brenn⸗ 
puncte Herr M. ein Stuͤcke Glas mit zwo einander 
ſenkrecht durchkreuzenden Linien, ‚die man mit einem’ 
Diamante darauf ziehen Fann, feet. Wenn er nun: 
mit dieſem Werkzeuge meffen will, mas zwo Linien 
von zwoen Gegenftänden an den Het, wo es ſteht, 
hingezogen, fir einen Winfel mit einander. — 

o 


König Sf der Wiſſ. 35 | 
fo verfähre er folgendergeftalt : Er giebt dem unbe 
weglichen Liniale eine willkuͤhrliche unveränderliche 
tage ; fieht alsdenn durch das Fernrohr nad) einem - 
der Gegenftände, und finder den Winkel, den die da. 
bin gehende Linie mit der unbeweglichen Regel mas 
chet, auf die nur angemwiefene Art. Eben das Vers 7 
fahren wiederholet er mit dem andern Gegenftande, 
und hat alfo den Winkel, den die Linien nach beyden 
Gegenftänden mit einander machen, aus dem Unter. 
ſchiede, oder der Summe diefer beyden Winkel, Man 
Fann bey dieſem einfachen Verfahren nicht über drey 
Minuten fehlen *. Aber diefen Fehler noch zu ver» 


* Man wird den Halbmeffer des Werkzeuges, oder die 
Ehorde des geradelinichten Transporteurs nicht ge; 
nauer als in 1000 Theile eineheilen Fönnen. Nun 

veraͤndern fich die Sinus, fo fange fie zu Bogen unter 
45 Grad gehören, fo fchnell, daß fie von drey zu drey, 
hoͤchſtens von 4 zu 4 Minuten, in Taufendtheilchen des 
Halbmefferd von einander unterfchteden werden, und 
dieſes gilt auch für diefe Sinus verdoppelt,'namlich 

> für dieChorden ihrer verdopvelten Bogen. Alſo kann 

man vermittelſt des geradelinichten Transporteurs 
jeden Winkel; der unter 90 Grad iſt, auf drey Minus 
ten genau haben, und weiter erſtrecket Here M. feinen 

Transporteur nicht ſondern finder Winkel über go 

Grad, durch ihre Nebenwinkel. Man ſetze, der Irr⸗ 

thum der alfo bey einem Winkel kann begangen Mer: 

den, heiße Z. Die Größe: des Winfels, wie man fie 

"finder, ſey =A, da fie AP2 Oder A—Z eigentlich 

ſeyn folltei Man ſetze alfd; es werde der Fleinere Wine 

kel von der Größe A angenommen, ‚der: eigentlich die —* 

Groͤße A—Z hat: Der größere Winkel werde —=B Fe: 

angenommen, da er eigentlih =B+Z ſeyn follte. 
Dieſes beydes find Winkel der Gefichtslinien nach * 

en 


nn. m. - 


vi 


326 Abhandlungen der Goͤtting 
2 er 

mindern, und den Winfel genauer zu finden, bedienet 
fih Herr Mayer einer finnreichen Methode, die fih 
ohne Figuren nicht verftehen läßt, und im Hauptwerfe 
darauf anfommt; er mwiederholet die Arbeit, die für 
einen Winkel, den die Gefichtstinien von beyden Ges 
genftänden mit einander machen, nöthig war, zu ver 
fhiedenenmalen , bis die Regel mit, dem Fernrohre, 
ungefähr eine ganze Ummendung verrichter hat, und 

| | gegen 


den Gegenſtaͤnden, mit der unbeweglichen Regel, und 
alſo koͤnnte der Winkel beyder Geſichtslinien mit ein: 
ander ſelbſt, den man eigentlich ſuchet, eigentlich —B 
—A+22 ſeyn, wenn man ihn bey Weglaſſung der Feh⸗ 
ler Z, nur B—A faͤnde. Es ſcheint daher, als brachte 
Herr Mayers Art, dieſen Winkel zu finden, ihn in die 
Gefahr des doppelten Fehlers, der bey einem einzelnen 
Winkel kann begangen werden. Allein die Hypothefe 
A—Z,B+Z, oderdaf der Fehler, fo begangen wor: 
den, daß bey dem völligen Verfahren ihre Sum⸗ 
me zum VBorfcheine koͤmmt, findet nur alddenn ſtatt, 
wenn ein Winfel zu groß, und der andere zu Klein an⸗— 
‚genommen wird; Würde bey beyden einerley Fehler 
begangen, fo huͤben fich diefelben gar auf, und über 
dieſes laͤßt fich aus der Größe der Chorde leicht beur⸗ 
theilen, ob fie unter dendrey oder vier Winkeln, denen 
ſie zugebören kann, den größeren oder Eleinern zugehoͤ⸗ 
ret, und allenfall$ das Mittel nehmen, daß man alfo 
2 nicht drey Minuten, fondern ungefahr anderthalbe 
Minute fegen darf. ar Meile. 7, 
Das Bedenken Fönnte noch übrig bleiben, daß fh 
die unbemwegliche Regel verruͤcken dürfte, und vielleicht 
» wäre dieferwegen nicht undienlich, ein Baar gemeine - 
Abſichten an felbige zu machen, vermittelff deren man 
: fie nach einem mittelmäßig entlegenen Gegenftande 
richten, und fich dadurch verfichern Fönnte, daß fie ihre 

Lage nicht geändert haͤte. 0, 





— 


König. Gef. der KW, 327 


gegen die andere wieder in eben die Sage ungefähr: 


gekommen ift, die fie ben der erften Arbeit diefer Art 


gegen einandershatten; Dadurch erhält er ein viele 
faches von dem gefuchten Winfel, und der Fehler, 
der begangen werden kann, theilet fich dergeſtalt ein, 
daß man den Winfel auf 20 und weniger Secunden 


genau haben kann *. Die Fehler, welche bey diefer 


Art, Winkel zu meffen, vorfommen koͤnnen, können 


von unrichtiger Abeheilung des geradelinichten Trans» 
porteurs, oder von Fehlern, die man beym Abnehmen 
und Meffen ver. Chorden begeht, oder endlich davon 


berrühren, daß man das Fernrohr nicht nach einem 
einzigen untheilbaren Puncte zu richten vermögend 
iſt. Des geradehnichten Transporteurg Irrthuͤmer 
darf man ſich nur anmerken und in ein Werzeichnig 
bringen, damit man die Winfel darnad) richtig ab- 
meffen kann; wegen deg zwenten Urſprungs der Feh ⸗ 
ler muß man alle mögliche Behurfamfeit brauchen ; 
des dritten Größe aber hat er folgendermaßen bes. 
ſtimmt. Er bat einen Kaum mit zehn ſtarken 
ſchwarzen gleichlaufenden Streichen unterſchieden, fo 
daß zwifchen jedem Paar Striche ein weißer Streifen 
von gleiher Breite mit den Strichen gemefen, die 
Breite hat einer Linie betragen.. Er hat diefen 
abgetheilten Raum, weil er Eursfichtig ift, mit einem 
Hohlglafe Betrachter, und ift fo weit zuruͤcke gegan« 
23 | 4 RER gen, 


Nur möchten vielleicht die vielen Wiederholungen,die 


zu diefer genauen Beſtimmung nötbig find, langweilig 
fallen und ſich dadurch, ob wohl bey Leuten, die nicht mie 
. Heren Mayerd Geſchicklichkeit arbeiteten, größere \ 
a Se aufbänfen, als diefe Wiederholungen vermei- 
—J ut at: 


328 Abhandlungen der Goͤtting 


gen, bis ihm die weißen und ſchwarzen Pläße ver- 
mengt erfchienen. + Seine Entfernung ift alsdenn 30. 
Zoll’ gewefen, und da in diefem Abftande die Breite 
von „5 einer Linie unter einem Winfel von ı M. 54 
Sec. eingefallen ift, fo macht er daraus den Schluß, 
was unter einem Fleinern Winkel als 2 Min. einfalle, 
fey dem Auge nicht mehr empfindlich *. Eben das 
haben auch) andere, deren Geſichte beffer befchaffen 
gemwefen iſt, ihm beftätiger. Alſo kann man durch 
bloßes Abfehen, ohne Fernrohr, einen Winkel niche 
genauer als auf 2 Min. haben; welches Herr M. 
zu Beurtheilung der aftronomifchen Beobachtungen 
anıpendet, und daraus erfläret, warum Tycho und 
Hevel bey allem angewandten Fleiße nicht richtiger 
beobachten Fönnen +. Da nun: ein: Fernrohr den 

| 8 Are Sehe - 


ua N et sing urn 
* Robert Hook feßet ben Winkel unter. dem eine Sache 
‘ einfallen muß, wenn fie noch dem Auge empfindlich 
ſeyn foll, auf eine halbe Minute, und Smith (compleat 
Syſtem of optiks 97.$.) auf zween Drittheil einer Mi⸗ 
nute, wenn man Sachen bey Tage gegen den freyen 
Himmel, z. E. eine ausgefchnittene Scheibe betrachtet 
‚bat. Diefe Art, den Verfuch anzuftellen, iſt alfovom 
Herrn M. feiner etwas verfchieden; vielleicht aber iff 
Herrn M. feine zu der vorhabenden Abficht, da man 
doch meiſtens nicht nach einer ganzen Sache, ſondern 
nach einem gewiffen Merfzeichen Daraufpifiret, genauer. 
eingerichtet. u * 


t Befanntermaßen bat Hook dieſen Einwurf Heveln 
ſchon gemacht; aber Hevel hat von der Scharfe feiner 
. Beobachtungen Halleyen gegenwärtig. überführer. 

Man f. Heuelii Annum Climadter. und aus demfelben 

Roſts aſtronom. Handb. 6 8.‘ Herr, Marinoni eignet 

"gleichwohl den bloßen Abſehen nur eine Auf 

re TE Mi 


4 


- Königl, Gef, der WI. IB. 329 | 
Seehewinkel vergrößert, fo verringert es nach eben 
dem Maafe, den Fehler, der mit dem bloßen Abfe- 
ben fönnte begangen werden. Wenn man z. €. zu 
‚einem ſolchen Werkzeuge ein Fernrohr von 3 Fuß ger _ 
braucht, das zwanzigmal vergrößerte, (und mehr 
Bergrößerung ‚darf man ihm bey Beobachtungen 
auf der Erde wegen der nöthigen Helligkeit nicht ges 
ben, ) fo fieht durch daffelbe eine Sache, die dem 
- ‚bloßen Auge unter-einem Winfel von 5 oder ei⸗ 
ner Minute einfiele, fo groß als dem: bloßen Auge 
- eine Sache, die einen Winkel, von 2 Minuten ma: 
chet. Alfo: Fann man diefen Fehler hierdurch von 
‚den 2 Min, auf die er bey bloßem Auge fteigen kann, 
auf 6 Sec. vermindern. Und da. fich die’ vergröf. 
fernden Kräfte der Fernröhre ungefähr wie die Dua- 
drate ihres Längen verhalten, fo verfertiget Herr M. 
eine Tafel, aus welcher zu fehen ift, wie groß: diefer 
Fehler bey: Fernröhren von der und jener Laͤnge noch 
bleibe. Bey einem Fernrohre von 30 Fuß, parifer 
Maag, wäre er noch 1! Secunde, und bey einem von 
6 Zuß, 4 Secunden. Man wird leicht begreifen, 
. daß Here M. dieſes nicht zu gegenwärriger Abſicht, 
fondern wegen der ee die mit Fernröhren 
tun | 5 Fu ver⸗ 


5 Minuten zu, wenn man fie bey dem Meßtiſchchen ge⸗ 
brauchet. ©. ſ. Buch de re ichnographica. Eben da⸗ 
elbhſt verwirft er den. Gebrauch des Fernrohres beym 
Feldmeſſen, wegen deffen muͤhſamer und’ aufhaltender 
ichtung. Doch bey großen Weiten, und wo man 
„nicht mit den Meftifchen, wie er, fondern mit einem 
Winkelmeſſer arbeitet, fcheint folcher allerdings vor: 
theilhaft. RB ———— 


330 Abbandlungen der Göfting. % 
verſehen werden, überhaupt anfuͤhret*. Ein Fern⸗ 
rohr von 20 Zoll, wie ſich zu ſeinem Werkzeuge ſchickt, 
vermindert dieſen Fehler auf ı2 Sec. Nimmt man 
nun, noch die vorhin angezeigte Arc durch wiederholte 
Abmeffung des Winfels, die Fehler einzutheilen, das 
zu, wo fich auch vielleicht diefe Fehler aufheben koͤn⸗ 
nen, fo fieht man leicht, daß dieſes har bie 
Winkel ſehr feharf giebt. / 

Der Herr von Haller theilet botaniſche —— 
gen mit. Es ſind Beſchreibungen und Abbildungen 
von Pflanzen, davon genug ſeyn wird, den Liebhabern 


der Kraͤuterkenntniß die Namen hier mitzutheilen. 


Die beſchriebenen Pflanzen ſind: 1) Allium vmbel- 
latum, folüis‘Aftulofis compreflis radice reticulo öb- 
dudta. Der Herr von Haller hat es unter dem Nas 
men campeftris iuncifolii fl, alb. vinb. Gerberi er⸗ 


Halten. 2) Allium radice ſimplici folüis gramineis, ; 


vmbella — — bicolore. 3) Porrum — nudo 
| | anci- 


* Diefe — feet bey alle dem für die Sichtigteit 
‚der aftronomifchen Benbachtungen gefährlich, da man 
auf etliche Secunden mit kurzen Be doch der 
Sache gewiß feyn will. Vielleicht iff bey den hinint- 
Lifchen Körpern ihres Lichted wegen etwas empfind- 


lich, da8 man unter eben den Winfel, wenn es ein 


irdiſcher Gegenſtand waͤre, nicht empfinden wuͤrde; 
wie man Körper, die nicht mit eigenem Lichte ſtrablen, 


gewiß nicht ſehen würde, wenn ſie unter ſo unermeß⸗ 


lich kleinen Winkeln uns in das Auge fielen, wie die 
groͤßten Fixſterne; vielleicht thut auch bey den aſtro⸗ 


nomiſchen Beobachtungen die Gewohnheit das beſte, 
daß man aus vielen das Mittel nimmt, on ſich 


die Fehler eintheilen, und oft —— R 


/ 


— 


Koͤnigl Gef. der WEB: 331 
ancipiti, antequam floruerit nutante foliis enhiformi- 
bus, hine paulo eonuexioribus. Gmelini Fl. Sib. T.T. 
p-15.n.18. 4) Allium ſcapo ancipiti teretiufculo 
tolüis enfif: hinc panlo conuexiorib. Gmel, Fl. Sib. 
T.l. p.53. n.7. Diefe Allia füget Here von Haller 
feiner Abhandlung von den Alliis bey, und verbeffert 
eines und das andere in derfelben. 5) Aſtragalus 
- Äiliquis recuruis depreſſis, hirfutis. 6) Aſtrag. caule 
eredto, ex alis fpieifero , filiquis teretibus hirſutis. 
7) Chymen. fi. purpureo filiqu. congeftis articnlatis 
incuruis. En. hort. Gott. p. 65. oder wie der Herr 
von Haller die Pflanze nun nennet: Lathyrus folior, 
parib. quinque fl. racemoſis filiqu.incuruis. 8) Me- 
lilotus foliis hirfutis, rariter dentatis.fcapo pauciflo- 
ro. 9) Teuerium folüis corolatis, crenatis, petio- 
latis, fpicis oblongis denfiffimis. 10) Moldauica 
fol. cordato triangularib. ferratis. ı1) Cataria fl. 
inuerfis. 12) Bltois caule eredto fl. mafculin: cau- 
lem et ramos terminantibus. 13) Trichs fol. ver- 
ticillat. pentafteınon. 14) Chenopodium. caule bra- 
‚chiato, ramofiſſimo fl. fpinulis infidentibus. 15) Se- 
fels foliis glaucis, rad, praelonga, feminib, fubhirfu- 
tis. 16) Rhamnus non fpinof. fol. glabr. crenat. 
17) Einige Anmerfungen: von der Peloria, mo ge— 
wiefen wird, daß diefes Feine neue Arc von Pflanzen, 
fondern ‚nur eine fonderbare Yusartung der. Elatine 
fey, welche zugleich darthut, daß in den Pflanzen die 
Theile nicht alle vorher gebildet find, und ausgemis 
ckelt, fondern gebildet werden, wie ſchon die gefüllten 
Blumen längftens hätten lehren Fönnen. Abbildun⸗ 
gen werden gegeben von 1. 2. 5. 6, 9.11.12, 13.14. 16, 
ER ch Dit * 


Ku N Dr 


— 


Es e 
332 Abhandlungen der Goͤtting. 
Herr Koh. Ge. Roͤderer handelt vom Mondfalbe 
_ (Mola). Er glaubt, ein Mondkalb entftehe, wenn 
die Frucht i in Vergleichung mit dem was fie einfchließt, 
dem gefäßreichen Theile des Eyes, nicht genugfam 
waͤchſt, fondern zu Flein bleibt, dieſer Theil aber fich in 
einen unförmlicdyen Körper vermandelt ‚und fo ans. 
Tageslicht gebracht wird. Er beftäriger diefes durch - 
Geſchichte von Mondfälbern, in denen man die Frucht 
noch fehr Elein gefunden hat, und glaubt, daß die Frucht 
bey der Entbindung von einem folchen Mondfalbe 
meiftens im Blute u.d. g: verloren gehe, deswegen er 
feine Meynung vornehmlich durch die forgfältige Bes 
fhreibung eines ſolchen Mondfalbes, das er in einer 
aufgefchnittenen trächtigen Hündinn gefunden, in 
Vergleichung mit dem natürlichen Zuftande, unterſtuͤ⸗ 
get 
Herr Zinn liefert fünf Beobachtungen- von Krank⸗ 
heiten; ſie ſind meiſtens chirurgiſch, im Lazarethe an⸗ 
geſtellet, und lehrreich. Zur Probe mag die letzte 
dienen: Einer unverheiratheten Weibesperſon von 30 
Jahren, die harter Arbeit gewohnt, uͤbrigens aber 
vollkommen geſund war, iſt die Bruſt, wegen eines 
Krebsſchadens abgeſchnitten worden, den ſie ſich durch 
Druck an die Bruſtdruͤſe zugezogen hatte, da ſie taͤg⸗ 
lich durch Drucken an einer Warlferpreffi e den Ziehr 
pengel herumgetvieben. Us fie ins Lazareth Fam, 
waren einige Drüfen unter den Achfeln ſchon feirrhöß 
und verhärtet, und diefe Geſchwulſt iſt bey entſtande⸗ 


ner Schioärung in der benachbarten Wunde derge 


ftalt vergangen, daß man auch den Ort nicht mehr 


fieht, wo fie gemefen ift, ‚diegiemlich große Wunde 
aber iſt ohne einigen PR Zufall geheilet worden. 


Bisher 


Puh 


E 


Königl. Gef. der Wiſſ. IB. 333 


Bisher haben fich alle vor Abfchneiden der Bruft, 
wenn die Drüfen unter den Achfeln ſchon veritopft 
geweſen, gefürchtet. | 
Herr Withof theilet Die Zergliederung des menfch- 
lichen Haares mit, die völlig deutſch gelefen zu wer: 
den verdiene. tt E 
- Herr Mayer liefert neue Tafeln fir Berechnung 
der Bewegungen der Sonne und des Mondes, Die 
Mondestafeln flimmen mir den Beobachtungen fo 
‚genau überein, daß fie keinen Irrthum von 2 Min, 
und meiltens nicht von ı Min. geben. Gie find der 
newtoniſchen Theorie gemäß, und nach den vom Herrn 
Eulern, dem die Mondtheorie fo viel zu danfen hat, 
dabey angebrachten Kunſtgriffe verfertiget, und auf 
eine geſchickte Art auch) zur Bequemlichkeit der Mech» 
nungen eingerichtet ; dieſes iſt alles, mas fich davon 
fagen läßt. Uebrigens zeige Herr M. aus Verglei- 
hung der alten Beobachtungen mit den neuern, daß 
die Bewegung des Mondes ißo fchneller fen, als vor: 
dem. Er weiſet diefes befonders aus ein Paar ara. 
bifchen Beobachtungen, von Sonnenfinfterniffen , die 
das Borzügliche haben, daß bey ihnen im Anfange 
und am Ende find Sonnenhöhen genommen worden, 
und man alfo die Zeit genau willen Fann. Aber auch 
ſchon die neuern und richtig angeftellten Beobachtun. 
gen der Finfterniffe etwa feit 60 Jahren her entdecken 
diefe Befchleunigung. 
Herr Zinn theilet Beobachtungen von verhärfes 
ten Gefchmwülften ( Scirrhis) des Gehirnchens und 
Gehirns mit, welche diefen Band ſchließen. 


WE & MR 
V. Nach—⸗ 


334 . Rachricht 


LESE ZErE EEE 


| Nahheiht — — 
von einem neuen Witrometer, 


aus einem Schreiben 


DRobert Smith*? an Prof. Kaͤſtnern, 
aus dem Engliſchen überfegt, 


Cambridge 4 April 1754. 


ch Fann dieſes Blatt mit nichts beffer ausfüllen, _ 
> als damit, daß ic ihnen die Nachricht 
| ertbeile, daß unlängft hier ein neues Mikros 
meter.ift erfunden worden, welches alle fchon vorban« 
dene weit übertrifft. Es befteht aus einem Objectiv ⸗ 
glafe, das in zwey Theile zerfchnitten und an das Ob⸗ 
jectivende ‘eines Spiegelteleffops angebracht iſt. Es 
hat keine Schrauben, folglich braucht man dieſelben 
ben Nachte nicht, zu erleuchten; es erfodert auch nicht, 
daß das Werkzeug feſte fteht, wenn man es gebrau- 
cher. Man Eann damit bey fiarfem Winde fo genau . 
als im ftillften Wetter in einem Zimmer beobachten. 
Die Beobachtungen, die man damit anftellet, find fo 
richtig, daß fie auch ofte wiederholet, nie eine Ses 
cunde eines Winfels von einander unterfchieden find, 
und man verrichtet die ‘Beobachtungen mit einer er- 
ſtaunlichen Geſchwindigkeit, ſo daß zehn Beobachtun⸗ 
gen in der Zeit koͤnnen angeſtellt werden die man bey dem 
gemei⸗ 
* Mafter of Trinity Colledge zu Sambeibge, der Ver⸗ R 
a des — Syſtem of Optiks. 


von einem neuen Mikrometer. 335 


gemeinen Mifrometer zu einer braucht. Ich muß 
Ihnen doch Herrn Shorts ganzen ‘Brief an Don 
George Juan herfehreiben, da er fehr wohl zu fefen 
iſt. Er faget: das Mifrometer von dieſer Art, deffen 
ich mic) bediene, und welches das einzige bisher noch 
gemachte iſt, befteht aus einem Ddjectivglafe von 40 
Fuß Brennweite an ein Spiegelteleffop angebracht, 
das2 Fuß Brenn weite hat. Vermittelſt dieſes Mifros- 
meters habe ich die Durchmeſſer aller Planeten gemef» 
ſen, und finde ſie anſehnlich kleiner, als ſie bisher von 
den geſchickteſten Sternkundigern, vermittelſt der be⸗ 
ſten Werkzeuge find beſtimmt worden, Der Durd) 
meſſer der Sonne; wird auch Fleiner gefunden, als ihn 
alleaftronomifche Tafeln geben, Die Berhältniß der 
- Are des Jupiters zum Durchmeffer feines Aequators 
wird anders gefunden,alsHr. Pound fie vermittelft einer 
zu Wanftead mit dem bugenifchen rzofchuhigen Glaſe 
gehaltenen Beobachtung beftimmer hatte. Einandes 
rer Vortheil bey diefem fehr richtigen Werkzeuge ift, 
daß man die Winfel in allen Richtungen fo genau, als 
in der, welche auf die tägliche Bewegung, oder auf den 
Aequator rechtwinklicht ift, meffen Fan, Ich Habe 
mich daher ſo oft als moͤglich bemüher, die Durchmef 
fer des Mondes zu meffen, weil auf diefe Art die Theo» - 
rie des Mondes vollfommen kann gemacht werden. 
- Die Monddurchmeffer, welche ih durch diefe Beobach- 
- tungen gefunden habe, find. von denen, Die man aus 
, Dr, Halleys Tafeln berechnet hatte, nie über 3 Sec, 
aber von denen, die Caßinis Tafeln gaben, oft um ı5 
 Secunden unterfchieden gewefen, daß alfo Hallens feine 
auf eine genauere Theorie gebauet find. So weit Herr 
Short, Des Erfinders Name ift Herr Dolland, 


—— Inhalt 


ZJnhote re 


des dritten Stuͤckes im Wengen Dane. ; 4 


1) — von harter von den Anpfinbtkhen * | 
reizbaren Theilen des menfehlichen Körpers. 27, 


N Herrn Anton Leprotti Sendſcheeiben an Herrn pas | 
cob Bartholomäus Beccari, von einer Beutel» 
geſchwulſt an der eigenen $ungenfchlagader und: 
andern anatomifchen Wahrnehmungen 260 


3) Neue phyſikaliſche Anmerkungen über die At — 
Getreide zu erhalhenn 2276 


4) Abhandlungen der goctingiſchen Föniglichen Geſell⸗ 
ſchaft der Wiſſenſch. auf das Jahr — 310 


» Nachricht von einem neuen Mifrometer, aus einem | 
Schreiben Dr. Robert Smith an Prof. Kaͤſt. 
nern, aus dem Engliſchen an 334 


; i Hamburgiſches 


agazin, 


oder 


geſammlete Schriften, 
Aus der 

Naturforfchung und den angenehmen | 

{ Wiſſe apa überhaupt. 








ne Wen u RT —— 
1 


Des dreyzehnten Bandes viertes Stuͤck. 
Mit Konigl. Pohln. und Churfürfl. Sachſiſcher Freyheie 


— Hamburg und Leipzig, 
behy Georg Chriſt. Grund und Adam Heinr. Holle, 
| 1754 | Bun 






— - — 
ar 





fü AR * * Ri nt 


—5 





Anecdoten und Anmerfungen: 
über 


Chrifina,. 
Koͤniginn von Schweden. | 


Aus den Melanges de Litteratute, .d’ hiffoire & de 
Philofophie des Herrn id’Alembert, 


Defcends du haut des Cieux, augufte Vérite 
Reponds fur mes eerits ta force & ta clarte 17 
Que VPoreille des Rois s’accoütume a tentendre, 
* * ncide —— J. 
—2 
ie Geſchichtskunde iſt die ſchlechteſte von 
"allen menſchlichen Wiſſenſchaften, 
wenn ſie nicht durch die Philoſophie 
erleuchtet wird. Man wuͤrde ſie mit 
ehren Vergnügen erlernen, wenn man, anſtatt 
die Geſchichte fo vieler Prinzen aufzuzeichnen, die 
großentheils nichts, als die Jahrbücher des Laſters 
m Sa — ſich ein wenig mehr 





damit 


340. Anmerkungen über Chriſting, 


damit beſchaͤfftiget hätte, die Gefchichte der Menfchen 
zu fchreiben. Noch ärger if es, wenn man in Diefe 
Gefchichte . eine Menke Begebenheiten einmifcher, 
woran man noch weniger Theil nimmt, als an der 
Geſchichte ſelbſt. Es waͤre zu wuͤnſchen, daß man 
bey jedem Jahrhunderte einen Auszug der wahrhaftig 
nüglichen hiftorifchen Begebenheiten machen und alles 
das übrige verbrennen möchte, Durch diefes Mittel 
‚würden wir unfere Nachkommenſchaft vor der Lber- 
ſchwemmung bewahren, womit fie bedrohet wird, wo⸗ 
fern man fortfährt, die Druderey zu misbrauchen, 
um. der Nachwelt Sachen zu melden, warum ſich Die 
Zeitgenoffen ‚nicht befümmern. Ich zweifle niche 
daran, daß ein fo vernünftiges Verlangen in den Au⸗ 
gen der Gelehrten ein Verbrechen der beleidigten Ge⸗ 
lehrſamkeit feyn wird, das die Schmähungen und 
Berfluchungen aller Zufammenfchmierer verdient ; 
aber zum Gluͤcke find dieſe Verfluchungen weniger 
fürchterlich, als der Fluch) der Herren Theologen. Die 
Meifen follten allein berechtiger feyn, die Menfchen 
zu fehildern, wie fie auch allein das Recht haben ſoll⸗ 
ten, ſie zu regieren. Die Geſchichte und die Men 
ſchen würden fic) fehr gut Dabey befinden, | 
Ich habe mic) nicht enthalten koͤnnen, bey dem 
Anblicke zweener difen Bände von: Denkwuͤrdigkei⸗ 
ten über Chriftina, Königin von Schweden, die man | 
in Holland gedruckt hat, diefe Betrachtungen anzus | 
ftellen. Wenn der Berfaffer diefer Denkwuͤrdigkei⸗ 
ten die Abficht gehabt hat, feine Heldinn kennen zu | 
ehren, fo zweifle ich fehr daran, daß er fie erreichet 
hat. Ich kenne in Frankreich verfehiedene Gelehrte, | 
die es Me sur. find, ekelhafte Schriften zu | 


leſen, 










2 | 
3 Koͤniginn von Schweden. 341 


leſen, und die dennoch fein Werk nicht haben leſen, 
noch den Mifchmafch von Gelehrfamfeit und Citatio⸗ 
nen rubig verdauen koͤnnen, worinn die Sefchichte der 
Chriſtina gleichfam verfchlungen iſt. Es ift ein Bild, 
das ziemlich ſchlecht gezeichnet, in Stücke zerriffen, 
und unter einem Haufen von Schutte zerftreuer ift. 
Inzwiſchen bewog mic) die Begierde, die ich jeder. 
zeit gehabt habe, mir von diefer fonderbaren Prinzefs - 
ſinn, von der man fo verfchieden geredet bat, einen 
- Begriff-zu machen, ich will nicht. fagen, diefe unge 
eure Zufammenftoppelung durchzulefen, fondern nur 
mit einiger Sorgfalt durchzublaͤttern. Ich fah dieſes 
Werk als eine Perfpectiomalerey an, worinn der 
- Maler auf eine ungeftalte Art eine menfchliche Figur 
gezeichnet hat, die man nur aus einem gewiflen Ge 
ſichtspuncte entwicfeln kann, wo fie fich in ihren richtis 
genBerhältniffen und von allen den fremden Borwürfen 
befrenet zeigt, deren Mifchung fie unfenntbar machete; 
Ich habe mich bemüher, diefen Geſichtspunct zu er 
hafchen, aber ich kann mir nicht fchmeicheln, daß ich 
‚ihn gefunden habe, - J 
Doch, dem allen ungeachtet, will ich meinen Leſern 
einige Anmerkungen und Anecdoten mittheilen, welche 
die Frucht von der Durchleſung dieſes Buches ſind. 
Wird ihnen die Zeit dabey lang, ſo will ich mich mit 
dem Abte von Saint Pierre damit entſchuldigen, daß 
mir beym Aufſchreiben derſelben die Zeit nicht lang ge⸗ 
worden; und dann verbiethe ich auch niemanden, zum 
Originale ſelbſt zu gehen, und darinn mehr Vergnuͤ⸗ 
gen zu finden, als ich darinn angetroffen habe. 
Ich war anfaͤnglich willens, nach dieſen 
Denkwuͤrdigkeiten eine Furzgefaßte Geſchichte der 
le 93 Ehrie 


——— 


J 


342 Anmerkungen uͤber Chriſtina, 
Chriſtina zu entwerfen. Nachdem ich mich aber 
beſſer bedacht, ſah ich ein, daß ein ſolches Werk mir 
unmoͤglich gluͤcken koͤnne, weil es nicht nach meinem 
Geſchmacke war. Der einfoͤrmige Schritt und die 
Monotonie der Schreibart, die man fuͤr gut befunden 
hat, dem Geſchichtſchreiber vorzuſchreiben, wuͤrden mir 
beſtaͤndige Feſſeln geweſen ſeyn: ich weiß nicht, aus 
welcher Urſache man darüber eins geworden, die Ges 
ſchichte zu weiter nichts, als zu einer langen Zeitung, 
zu. machen, die in Abficht auf die Schreibart und die 
DBegebenbeiten ganz genau feyn muß. Man will, 
das der Geichichtfchreiber fid) aller Anmerfungen ent« 
balten und fie feinen $efer machen laffen ſoll. Ich 
fuͤr mein Theil bin ſehr wohl damit zufrieden, wenn 
man midy diefer Mühe uͤberhebt; oder ich glaube viel» 
mehr, daß ‚das wahre Mittel dem $efer zu Betrach— 
tung Anlaß zu geben, diefes fey, wenn man felbft eini» 
ge macht, fie mögen nun gut oder fchlecht feyn. Kurz, 
die Anmerkungen fcheinen.mir eben fo nothmwendig zu 
fen, die Gefchichte angenehm zu machen, und felbjt 
um die DBegebenheit dem Gevächmiffe einzuprägen, 
als es die geomerrifchen Beweiſe find, um dem Geiſte 
_ einen dauerhaften Begriff von dem Inhalte der Lehr⸗ 
füße zu geben. Der Gefchichtfchreiber, fagt man, 
ſoll weiter nichts feyn, als ein Zeuge, der ausſagt; 
die Anmerkungen würden ihn der Parteylichfeit ver- 
daͤchtig machen. Aber mich deucht, die bloße Art, 
eine Sache zu erzählen, macht einen Gefchichtfchreis 
ber eben fo verdächtig, als die Anmerfungen es immer 
thun koͤnnen; und wenn er alſo doch in beyden Fällen 
partenifch feheinen Eann, fo ziehe ich die Parteylichkeit 
vor, wobey den $efern die Zeit am wenigften lang 
h x P wird, 


Koͤniginn von Schweden. 343 


wird. Ueberdem kann —* Verdacht der Partey⸗ 
lichkeit nur auf einen Schriftſteller fallen, der die 


Geſchichte feiner Zeit beſchreibt; ich mag immerhin - 


die Chriſtina loben oder tadeln, man wuͤrde mir hoͤch⸗ 
ſtens Schuld geben, daß ich mich geirret habe, wie 
man gleichfalls thun koͤnnte, wenn ich bloß erzaͤhlete; 
aber niemals wird man mich beſchuldigen koͤnnen, daß 
ich ſie haſſe oder liebe. 

Indeſſen, um dieſem Vorurtheile, das ſo allgemein 
feſt geſetzt iſt, nicht ganz und gar zuwider zu handeln, 
fo bedenke man, daß id) nicht die Geſchichte der Chri— 
ſtina ſchreibe; es find nichts als Anmerkungen über 
die wichtigften Begebenheiten von dem; geben dieſer 
Prinzepinn, oder wenn man es lieber haben will, nichts 


als ein mit Anmerkungen begleiteter Auszug aus dem 
Denkwürdigfeiten der Chriftina, eine Unterredung 


mit meinem $efer, ein Brief über diefe Denkwuͤrdig⸗ 
feiten; kurz, alles, was man haben will. Wenn es 
nur darauf ankoͤmmt, den Titel zu verändern, fo müßte 
man fehr widerfinnifch feyn, wenn man ſich nicht be⸗ 
ruhigen wollte. 

Ich verſchone das Publicum mit denen Briefen, 
die Chriſtina in ihrem fünften Jahre an den König, 
ihren Bater, gefchrieben, und worinn fie ihm meldet, 
daß fie ſich Mühe geben wolle, recht zu bethen; “Briefe, 
von denen der Ber faſſer der Denkwuͤrdigkeiten geſteht, 
daß ſie nicht ſehr einnehmend fuͤr fremde ſind, wovon 
er abtr glaubt, daß fie es fir die Schweden ungemein 


find. Auch will ich meine Leſer mit ihrer und ihres 


Vaters Guſtav Adolphs, Nativitaͤt verſchonen, um an 
deren ſtatt dieſen berühmten Sieger einige 
zu en 


* 


Ya & 


344 Anmerkungen tiber Chriſtina | 


*  &o lange er: mit Frankreich vereiniget, und von 
dem römifchen Hofe, der auf die öfterreichifche Mache 
eiferfüchtig war, in geheim- gebilliget, die deurfchen 
Proteftanten wegen Ferdinands Unterdrückung raͤche⸗ 
te, erfcholl ganz Bayern von Gebethern, Befchmö- 
rungen, Litaneyen und Berfluchungen wider vdiefen 
- Prinzen; die deutſchen Mönche predigten, daß er der 
Antichrift fen, und die lutheriſchen Prediger bewiefen, _ 
daß er es nicht fey. Indeſſen verfichert mein Schrift: 
fteller, daß fich diefer Prinz feiner Siege mäßig be 
dienete. Man giebt vor, daß Deutfchland diefe 
Maͤßigung den Gefinnungen zu danken habe, die 
Guſtav gegen die Katholifen angenommen, da er in 
feiner Jugend zu Pavia unter dem berühmten Gali⸗ 
laͤus ſtudieret hatte, den die Inquiſi ition nach der Zeit 
fuͤr einen Erzketzer erklaͤrete, weil er ein großer Aftro» 
nomus war. Aber außer, daß diefe Reiſe des Gu: 
ſtavs nach Italien ſehr zweifelhaft iſt, ſo ſcheint ein 
Land, worinn man das ptolemaͤiſche Syſtem zu einem 
Slaubensariikel machete, eben nicht geſchickt zu ſeyn, 
einen Prinzen auf eine guͤnſtige Art einzunehmen, der 
in allen Vorurtheilen der Lutheraner erzogen war. 
Uebrigens verſichert der Pabſt Urban der VIII, der 
mit allem Eifer eines Pabſtes fuͤr die Religion, einen 
noch groͤßern Haß gegen den Kaifer Ferdinand ver⸗ 
knuͤpfte, daß die Spanier Carls des V der römifchen 
Kirche mehr Schaden gethan, als Guftavs Schweden | 
dem deurfchen Reiche zugefüget hätten: Wenn et» 
was vermögend wäre, dieſes ob verdächtig zu ma» 
chen, fo würde es der vorgegebene Gefchmad an ven 
| Wiffenfchaften feyn, den man dem Guſtav zufchreibt, 
‚ weil er as von der Schlachtorbnung und Kries 
— 


Königin von Schweden. 345 


geskunſt gelefen, Auf eben die Art Fönnte man vor 
geben, daß der verftorbene König von Preußen Die 
Wiſſenſchaften geliebet habe, weil feine ausnehmende 
 tiebe zu feinen Soldaten ihn bewog, den Wundärzten 
der Armee feinen Schuß angedenen zu laffen : die 
$iebe zu den Künften und Wiſſenſchaften ift nicht der 
Fehler der Eriegerifchen Könige; man denkt niche 
darauf, die Menfchen aufzuflären, wenn man mit 
nichts befchäfftiger ift, als fie zu vertilgen. Mein 
Verfaſſer ift inzwifchen von Vorurtheilen für feine 
Monarchen fo eingenommen, daß er eben diefen Ges 
ſchmack aud) Carln dem Zwölften beyleger, der in feie 
nem $eben nichts anders gelefen hat, als Cäfars 
‚Striften. So hat man viele Monarchen wegen 
desjenigen, was fie nicht gethan haben, oft mehr gelo- 
bet, als wegen deffen, was fie gethan haben, und fie 
durch diefe Lobfprüche der Mühe überhoben, fie zu 
verdienen. 

Was mir in der ganzen Gefchichte des Guſtavs 
am feltfamften vorkoͤmmt, find die weifen und philofos 
phifchen Betrachtungen über die Eroberer, die man 
ihm zufchreibt. Man’ follte glauben, daß Socrates 
fie gemacher hätte, und Guftav hätte billig zu dem 
Verdienfte, fie gedacht zu haben, auch noch den Ruhm 
hinzufügen follen, fie auszuüben. Das Uebel, fo er 

dem Haufe. Defterreich zugefüget hat, hat Schweden 
nicht glücklicher gemacht. Mir ift außer dem Czaar 
Meter fein Prinz befannt, deffen Eroberungen feinen 
| Unterthanen. vortheithaft gemwefen; und doch würde 
es in der Moral noch erſt zu entfcheiden ſeyn, ob ein 
Prinz, um die Glückfeligfeit feiner Unterthanen zu 
Ben, berechtiget ſey, ſeine Nachbarn unglücklich zu 
ö 95 machen. 


346 Anmerkungen über Chriſtina, 
machen, : Um die Ruhe des deutſchen Reiches zu ver. 


ſichern, und das oͤſterreichiſche Haus zu demuͤthigen, 


war es nicht nothwendig, daß Guſtav in einem Jahre 


zween Deittheile von Deutſchland anfiel, und feine 


Allürten fo eiferfüchtig und argwoͤhniſch machete, daß 
ihm Ludwig der Dreyzehnte eine Zufammenfunft ab» 

- Schlagen mußte, wobey der König von Schweden alle 
Ehre allein würde gehabt haben. Guſtav behau—⸗ 
ptete mit Recht, daß unter den Königen Fein anderer 
Unterfchied ftatt findet, als der. Unterſchied des Ber: 
dienſtes; aber das vornehmfte Verdienſt eines Mo— 
narchen iſt die tiebe zu den Menfchen, zu der Gered): 


tigkeit, und zum Trieden. Die Könige, die nichts - 
als Macht, oder die fetbft nichts als Tapferkeit befi- 


tzzen, ſind ihren Hofleuten immer die erften von allen 
FKönigen, und dem Weifen die niedrigften. » 
Nachdem diefer Prinz, wie befannt, inder Schlacht 
bey Lügen Durch einen fo fonderbaren Schuß getoͤdtet 
ward, daß man auch ein Geheimniß darunter gefucher 
bat, folgte ihm Chriftina in der Regierung. In 
dem Plane, den der Canzler Oxenſtirn von der Re— 
gierung entwarf, bemerfet man einen Widerwillen 
gegen die defporifche Negierungsart, der dem Anden, 
fen eines Ministers Ehre macht, Er feheine fich für 
eine Kegierungsart zu erflären, die aus der monar: 
hifchen und republikaniſchen zufammengefegt iſt; und 


ich Fann nicht läugnen, daß diefe Regierungsform 


nicht viele wichtige Vortheile Haben follte, ohne jedoch 
die Eüßliche Frage zu berühren, welches die beite Re— 


gierungsform fen, die man nach der Berfchiedenbeit _ 


des Clima, der Sage, der Umſtaͤnde, Des Genies der 
Könige und der Völker verfchieden beantworten Fann. 


Aber 


Koͤniginn von Schweden. 247 


Aber man kann einen fo aufgeklärten Mann, ale Iren. 
ſtirn war, nicht in dem Verdachte halten, daß er, wie ei⸗ 
nige vorgeben, der ariſtocratiſchen Regimentsform den 
Vorzug gegeben, von der das Recht der Natur und 
— ——— —— daß ſie die ſchlechteſte von 
allen ſey. 

Diejenigen, Denen * Erziehung der Chriſtino ante 
vertrauer wärd; harten Befehl, ihr frühzeitig Die Lehre 
einzufloͤßen, daf fie ihr ganzes Vertrauen nicht einer 
Perſon allein zuwenden ſollte; eine Maxime, die ohne 

Zweifel an und fir ſich ſelbſt vortrefflich ift, aber die 
fo viel Prinzen nur gar zu ſehr gemisbrauchet haben, 
indem ſie gegen das Laſter und die Tugend gleich mis» 
trauifch gemwefen, niemals guten Rath angenommen, 
und ſich für klug und ftandhaft gehalten haben, da fie 
doch nichts als halsſtarrig waren. | 

Chriſtina zeigete ſehr früh: einen Durchdringenden 
Verſtand. Man verfichert, daß fie von ihrer Kind» 
heit an ven Thucydides und Polybius im Örundterte 
gelefen,und fehr wohl Darüber geurtheitet habe, Man 
hätte beffer gethan, wenn man ſie die Menfchen, ans 
ſtatt der griechifcyen Autoren, hätte kennen gelehret. 
Die wahre Philoſophie iſt einem Prinzen noch noth: 
wendiger, als die Gefchichte; ich nehme die Gefchichte 
der Bibel aus, worauf fie, nach dem Verlangen der 
fh wedifchen Stände, fehr viel Zeit wenden follte, weil. 
diefelbe, wie fie ſich in einem befondern Memoire aus: 
drüden, die Duelle aller andern Hiftorien iſt. Man 
muß Die Stände loben, daß fie in verfchiedenen Stel» 
len diefes Memoire darauf dringen, daß man der 
jungen Königinn die Gründe der Religion beybringen 
| file; ; aber es ſcheint, als wenn alle andere Vorwuͤrfe, 


zum 


343 Anmerkungen über Chriſtina, 
zum Vortheile diefes einzigen, ein wenig zu fehr:ver- · 
geffen worden: die Folge zeigete, daß man fie nicht 
hätte verfäumen follen, 

Sch will mich in feine umftändliche Ersähtung, 
weder der Minderjäprigfeit der Ehriftina, nod) ihres 
Bejeigens gegen Frankreich einlaffen, nachdent fie die 
Regierung felbft übernommen hatte; ich will aud) 
nichts von ihren Beſchwerden über ihre Allüürte, noch 
von den Klagen erwähnen, die ihre Allürten ver: 
muthlich auch über fie führeten. Es gefchieht in die. 
fen Umftänven oft, daß alle auf einmal’ Flagen, und 
nicht felten haben alle Recht. Diejenigen, die es 
unternehmen, dieſe politifchen Händel aus einander zu 
fegen, fcheinen mie mehr bemundernswerth, als nach: 
ahmlich zu fenn: aber es fcheint, als wenn die Schmwie 
rigkeit, die Wahrheit öffentlicher Begebenheiten, die 
fi vor unfern Augen zutragen, genau zu wiffen, Die: 
jerigen fehr vorfichtig machen follte, Die es wagen, 
“Begebenheiten und geheime Intriguen zu entwickeln, 
die zwifchen zwo oder drey Perfonen vor hundert 
Jahren vorgegangen, und deren Gefchichte durch die. 
‘jenigen, fo die vornehmfte Rolle gefpielet haben, viel- 
leicht fehr verfchieden würde erzähler feyn. 

Ich werde alfo über alle diefe Begebenheiten, ein 
Fluges und richtiges Stillſchweigen beobachten. Ich 
babe nur diefe Schrift, die befondere Geſchichte der 
Chriftina, und nicht die Geſchichte ihrer Regierung 
zum Augenmerke, und ich betrachte fie bloß darum, ei 
nen Augenblick als Königinn, um fie hernad) in ih» 
rem Privatleben defto beſſer und * zu be 


trachten. 
Fuͤr 


Königinn von Schweden. 349 


Fuͤr nichts iſt man der Chriſtina mehr Dank 
ſchuldig, als fuͤr die Achtung, die ſie dem beruͤhmten 


Grotius bezeigete. Dieſer Mann, der durch ſeine 


Schriften beruͤhmt iſt, deſſen groͤßtes Verdienſt aber 
darinn beſteht, daß er der Freund des Barneveldts 
und der Vertheidiger der Freyheit feines Baterlan- 
des gewefen, hatte in Frankreich vor der Verfolgung 
der Gomariften Schuß und Sicherheit gefucht ; er 
misfiel dem Cardinal von Richelieu, weil er ihm in fei- 
nen gelehrten Gaben nicht fehmeichelte. Denn alle» 
zeit muͤſſen fid) die größten Männer den andern 
Menfchen durch eine oder die andere Schwachheit 
nähern. Es fhmeichelt der menfihlihen Bosheir, 
wenn fie den Cardinal von Richelieu mitten in feinem 
Glücfe und Ruhme betrachtet, und fich zugleic) vor« 
ſtellen kann, daß er fich eben fo über den Grotius be» 
ſchweret, als ſich Philaminte in den gelebrren Wei⸗ 
bern über den Clitander beflager *; Er weiß 
es, daß ic) Ichreibe, und doch bat er mich nie⸗ 
mals geberben, ihm etwas vorzulefen. a 
Der Beſchuͤtzer des Trauerfpiels !Yiyrame und 
ber tyranniſchen Liebe, der. den Corneille zugleich 
verfolgete, und belohnte, that nicht nur nichts für den 
Grotius, fondern noͤthigte ihn fogar durd) fein verächtli. 
ches Bezeigen, fi) nad) Schweden zu begeben; Gu⸗ 
ftav Adolxh nahm ihn dafelbft auf, und Chriftina, 
die fein Verdienſt batd einfahe, ſchickte ihn als Am- 
baffadeur nad) Frankreich zurück ; hiedurch fand fie 


ein Mittel, auf eine Art, die ihrer würdig war, eis 


nen 


/ 


*II fait, que dieu merti, je me mele checrire & janai⸗ 


il ne m’a prie, de lui rien lire. 


350 Anmerkungen über Chriſtina, 
nen Mann’ von’ einem fd feltenen Berdienfte zu be 
lohnen, die Holländer zu demuͤthigen, die fie nicht 
liebte, und dem Eardinal eins zu verfegen, über den 
fie, ihrer Meynung nach), Urfache hatte, fidy zu bes 
ſchweren. Grotius alfo, den fein Berdienft, die Un— 
biegfamfeit feines Charakters, und die ausdrücklichen 
Befehle der Chriſtina von aller Art des Machgebens 
entfernten, genoß das Vergnuͤgen, einem Minifter, 
der ihn verachtet hatte, als feines gleichen zu bege» 
gnen. Es ift eine Ehre für die Chriftina, daß fie 
vom Grotius, wie Die Nachwelt, gedacht hat; der 
Beyfall diefer Röniginn war übrigens ju dem Ruhme 
dieſes großen Mannes gar nicht nothwendig; aber 
man muß es doch immer den Prinzen Dank wiſſen, 
wenn fie gerecht find, und die beruͤhmten Männer ih» 
rer Staaten Eennen, die oft ein jeder kennt, nur fie 
nicht. Wenn Chriftina dem Grotius ‚aus feinem 
andern Örunde,. als aus Eitelkeit, Achtung bezeiget 
haͤtte/ fo muß man ie’ felbft für diefe Eitelfeit dan⸗ 
fen; wenn fie bey den Königen, wie bey andern 
Menfchen eine Schwachheit ift, fo iſt es doc) wenig⸗ 
ſtens eine Schwachheit, die zu großen Dingen füh. 
ref. , . i 37 1 N 
Nach dem Siege bey Nördlingen, wo der Prinz 
von Conde und Turenne an der Spiße der franzöfis 
ſchen Krieggvölfer, Die Ehre der Schweden rächeten, 
die einige fahre vorher an eben viefem Orte waren 
gefchlagen worden, fehrieb Chriſtina dem Prinzen ei» 
nen Danffagungsbrief: - Einige Gefhichfehteibet 
geben vor, daß Diefer Prinz in feiner Antwort auf 
diefen Brief geftanden habe, Daß er einen großen 
Theil des Sieges dem Bicomte von Turenne verdan⸗ 
| : fen 


SR Ban 
Koͤniginn von Schweden. 331 
fen muͤſſe. Wenn dieſes wahr iſt, ſo wuͤrde der 
Prinz von Conde feinen Ruhm durch) diefes Geſtaͤnd⸗ 
niß bis. auf den höchften Gipfel gebracht ir aber 
man findet in feiner Antwort nicht die geringite 
Spur Davon. | 
Man wird ſich nicht ——— daß Ehriftina, 
die die Wiflenfchaften und die Kube eben fo fehr 
liebte, als ihr Vater ten Krieg, den weftphälifchen 
Friedensſchluß befchleunigte. Die Heftigkeic der 
Minifter , ihre: Eiferfucht und ihr perfönlicher Haß 
untereinander feßten diefem Frieden größere Schroies 
rigfeiten entgegen, als die ungeheure Menge der An 


gelegenheiten, die durch denfelben mußten ausgemacht 


werden. Die ſchwediſchen Bevoliimächtigeen, die 


+ 


eben fo uneinig unter ‚einander waren, als die fran- 
zöfifchen,, waren der Graf Oxenſtirn, ii Sohn des 
Großcanzlers. von Schweden, und der Hofcanzler, 
Alder Salvius, Dererftere richtete ſich in allen Stuͤ⸗ 


cken nach dem Rathe ſeines Vaters, der der Chriſtina 


misfiel, weil er ihr gar zu nothwendig war, und der 
ſich bemuͤhete, den Friebensſchluß wider den Willen 
der Königinn zu entfernen. Er glaubte, daß die 
Forſetzung des Krieges den Schweden ruͤhmlich, und 
zugleich ein Mittel ſeyn würde, Frankreich zu ſchwaͤ⸗ 
chen, das er als einen gefaͤhrlichen Freund fuͤrchtete, und 


‚ben deutſchen Protenſtanten Vortheile zu verſchaf⸗ 


fen. ‚Er ſchrieb an feinen Sohn, der ſich vor dem 
Labyrinth der Geſchaͤffte ſcheuete: Weißt du denn 
„nicht, mein Sohn, wie wenig das Geheimniß die 
a zu:bewegen und zu Ienfen-auf.fich hat. „, 
Salvius, der Gehülfe des Orenftirns, der von 
ea gefelligen; Charakter war, hatte das ganze Ver⸗ 
2 frauen 


352 Anmerfungen über Chriſtina, 


trauen und die Gewogenheit der Königinn. Uebri— 
gens war diefer Salvius nicht ohne alle Verdienfte; 
Chriſtina, die, wie alle Prinzen, lieber fahe, daß man 
ihr fehmeichelte, als daß man ihr diente, war indeflen 
doch aufgeklärt genug, um Die Ehre ihres Berftans 
des und ihren wahren Wortheil ihrer Kigenliebe 
nicht ganz und gar aufzuopfern, da fie den Salvius 
zum ſchwediſchen Senator machte, ob er gleich nicht 
von einer Familie abftammte, die zu diefer Würde 
edel genug war, hatte fie im Senat eine Rede gehals 
ten, die alle Könige auswendig lernen follten, „Wann 
„es darauf ankoͤmmt, einen guten und flugen Kath 
„zu ertheilen, fo frage man nicht nad) fechszehn Ah» 
„nen, fondern nach Dem, was man zu thun hat. Sal⸗ 
„vius würde ohne Zweifel ein Mann von Fähigkeit 
„ſeyn, wenn er von einer großen Familie wäre. 
„Wenn die Rinder der großen Häufer Fähigkeit beſi⸗ 

„gen, fo werben fie, wie Die andern, ihr Glück machen, 
„ohne daß ich mich jedoch auf fie allein einfihränker 
„will. , Wenn Salvius nur ein mittelmaͤßiger 
Kopf war, fo hätte Chriftina ohne Zweifel dieſe 
Worte bey einer befjern Gelegenheit anwenden fols 
ten. Indeſſen ift fie zu loben, daß fie Verftand ge 
nug gehabt hat, fie zu — und Muth genug, ſie 
zu ſagen. 
1648. Dieſer fo * gewuͤnſchte weſtphaͤliſche 
Frieden ward endlich geſchloſſen, und zwar zum Ver⸗ 
gnuͤgen der meiſten theilnehmenden Maͤchte, aber 
zum größten Verdruſſe des Innocentius des X. Die⸗ 
ſer Pabſt haͤtte gern in dieſem Frieden zwey Vor⸗ 
theile finden mögen, die nicht mit einander beftehen 
fonnten, Die Gmnsthianug: des öfterreichifchen * 
es, 


| 


RKoͤniginn von Schweden. 3 


ſes, die er. als ein weltlicher Prinz verlangte, und die 
Demüthigung der deurfchen Proteftanten, die er als 
Pabft wünfchte ; er gab eine Bulle heraus, worinn 
er der Ehriftina den Titel einer ſchwediſchen Köniz 
ginn weigerte, vermuthlich um fie dafür zu beftrafen, 
daß fie gar zu vielen Einfluß in dag Friedenswerf 
gehabt hatte. . Eme folche Unternehmung würde im 
zwölften Jahrhunderte fehr gut gewefen feyn, da die 
Prinzen noch glaubten, daß fie der Bullen und des 
Gegenfprechens nöthig harten, um Prinz zu feyn ; 
aber fie fam fuͤnfhundert Jahr hernach viel zu ſpaͤt. 
Der Nuncius ließ zu Wien die Bulle ſeines Herrn 
anſchlagen, der Kaiſer ließ ſie abreißen, Innocentius 
ſchwieg ſtille, und niemand Dachte mehr daran. 
Die Liebe zur Freyheit bewog die Chriſtina, alle 
Parteyen auszuſchlagen, die ſich ihr anbothen, ob 
gleich einige darunter ſehr vortheilhaft waren, und 
die Schweden ſie drungen, ſich zu verheirathen. 
Einige ihrer Unterthanen ſchrieben ihr fo gar bey die» 
fer. Gelegenheit in langen Briefen, alle die allgemei⸗ 
nen Säße, Die man fich leicht vorſtellen fann, und 
die ich. mich wohl hüten werde, hier anzuführen. Der 
König von Spanien, Philipp der IV. war einer-von 
den Freyern der Könginn, er ließ aber diefen Gedan. 
fen bald fahren, weil er beforgte, daß er durch dieſe 
- Verbindung würde gezwungen werden, den Proteflane 
ten nicht mehr als Kegern zw begegnen. : Bon allen 
Prätendenten ließ es fich Feiner mehr angelegen feyn, 
als Karl Guſtav, ein Vetter der Röniginn, und Pfalz: 
graf, dem fie ſchon in ihrer Kindheit beftimmt war: 
die Königinn war eben fo taub gegen ihn, als gegen 
feine Nebenbuhler. Allein, es fey nun, daß er ihr, 
13 Band. 3 weni. 


354 Anmerkungen uͤber Chriſting, 


‚weniger zuwider war, oder. daß fie ſchon damals den 
Vorſatz gefaßt hatte, die Negierung niederzulegen, 
fie brachte es endlich ‚fo. weit, daß ihn die Strände für 
ihren Nachfolger ertläreten, und man Fann fagen, daß . 
fie durch diefen Prinzen dem fehmedifchen: Reiche ein 
Gefchenf maihte. Durch dieſe Handlung erhielt fie ' 
auf einmal ihre Freyheit, verficherte die Ruhe von’ 
Schmeden, und Fam dem Ehrgeiz einiger fehwedifhen 
Familien zuvor, die nad) ihrem Tode die Krone hät 
ten koͤnnen ftreitig mahen. Man wies dem Carl 
Guftav ein gemwifles Einfommen zur Unterhaltung 
feiner Hofftaat an, aber die Königinn fagte, es fen 
ein Öeheimniß, der Föniglichen Samilie, y niemale eis 
nem Erbprinz $ändereyen einzuräumen; ein Geheim⸗ 
niß, das gewiß diffen Namen nicht verdiener, und 
das allezeit ein Grundſatz aud) der einfältigften defpos 
tiſchen Prinzen geweſen. Aus eben dem Grunde enes 
fernte Chriſtina den Prinzen Carl Guftav‘allezeit, ſo 
viiel nur möglich war, von den Keichsgefchäfften, fo 
lange fie vegierte; ob fie gleich die Regierung nicht 
liebte, fo konnte doc) ihr unabhängiges Genie: nichts 
leiden, was fie einfchränfen Fönnte, fo Lange fie — 
noch verwalten wollte. 


Be Um diefe Zeit trugen ſich die ——— 
Unruhen zu, der Schleudererkrieg; dieſer Krieg, der 
mehr durch Das laͤcherliche, das auf ihm haftet, als 
. Durch die übeln Folgen berühmt ift, Die er nach ſich 
zu ziehen fchien, die Verbannung des Mazarins, ſei⸗ 
ne Zurück£unft, feine abermalige Verbannung, die 
Gefangennehmung der die laͤemenden Ver⸗ 

ſamm⸗ 


* 


—8 "du ; = 
= , N . \ 


Koniginn von Schweden. 355 


ſammlungen des Parlaments, das damals aufrüße 
rifch und in der Folge bürgerlich gefinnet war, De⸗ 
crete gab, wenn man Schlachten lieſerte, und wider 
. ganze Armeen gerichtlichellnterfuchungen anftellte,Eurz, 
alle die tragicamifchen Begebenheiten, die unfere Ma» 
tion fo gut ſchildern. Die Meigung zur Ruhe, die 
Furcht, daß diefer bürgerliche Krieg einen auswärs 
tigen veranlaffen möchte, und vielleicht der Geſchmack, 
den diefe Prinzeßinn noch immer an dem Prinzen 

von Conde fand, bemogen fie, an diefen Unruhen 
Theil zu nehmen‘; fie ſchrieb an Die Königinn, Anna 
von Oeſterreich, an den Herzog von Orleans, an die 
Prinzen, und felbft an das Parlament, Briefe, die 
Feine andere Wirkungen hatten, als daß fie ihrem: 
Geſandten von dem franzöfifchen Hofe Klagen, und 
von ihrer Seite Verweiſe zuzog, ob er gleich weiter 
nichts gethan hatte, als was ihre “Befehle ihm vor« 
fehrieben. Die Staaten gleichen in ihren bürgerli» 
chen Streitigkeiten den Privatleuten, fie wollen nicht, 
daß fich Fremde darein mifchen follen. Aber diefe. 
Unruhen, die ohne Ehriftina entftanden waren, en⸗ 
digten fich auch bald ohne ihre Vermittelung. Das 
Parlament, das im Begriffe ftand, fich mit diefer 
- Prinzeßinn in Unterhandlung einzulaffen, ward nach 
Pontoiſe verbannt, und war noch glüdlich genug, da’ 
es wieder zurüc kam, um eben den Cardinal zu com⸗ 

plimentiren, auf deſſen Kopf es einen Preis geſetzt | 
hatte. Der Prinz von Conde, der zu den Spaniern 
- geflohen war, verlor alles, außer feinen Ruhm, und 
- Mazarin blieb bis an feinen Tod, Herr Ron 
‚des Königs une des Staats, 


N 32 | 1650, 
J 


356° Anmerkungen über Chriſtina, 


1650. Die Liebe, die Ehriftinafür die beruͤhmten 
Männer hegte, oder die fie wenigftens für. fie bezei· 
gen wollte, erregefe | bey ihr den Wunſch, den beruͤhm⸗ 
ten Deecartes an ihren Hof zu ziehen, dieſen Wies 
derberfteller der Philofopbie, der in Frankreich, feinem. 
- Baterlande, unbefannt war, weil er fich mehr um 
die Wiffenfchaften, ale um fein Gluͤck befümmerte, 
den man zu Rom unter die Fegerifchen Schriftiteller 
gefeßt hatte, weil er über die Bewegung der Erde den 
aftronemifchen Beobachtungen mehr ‚Glauben zus- 
ftelite, als den Bullen der Päbfte, und der in Hola 
land verfolgt ward, weil er andie Stelle des Ge⸗ 
ſchwaͤtzes der Scholaftifer die — * Methode zu phi⸗ 
loſophiren geſetzt hatte. Chriſtina, die einige Schrif⸗ 
* dieſes Philoſophen mit Vergnuͤgen geleſen hatte, 

ließ ihm einige von denen moraliſchen Fragen vorle⸗ 
gen, womit ſich die Philoſophen ſchon ſo lange be⸗ 
ſchafftiget haben, ohne daß fie entſchieden find, und 
ohne daß die Menſchen dadurch gebeſſert worden. 
Unter andern follte er entſcheiden, welches das hoͤchſte 
Gut ſey, das Descartes in den rechten Gebrauch 
des Willens ſetzte, und zwar, wie er ſagte, aus dieſer 
Urſache, weil die Guͤter des Leibes und des Gluͤcks 
nicht von uns abhaͤngen; als wenn der richtige Ge» 
brauch unfers Willens weniger als alle übrigen Din⸗ 
ge dem allmächtigen Weſen unterworfen wäre. Diefe 
Auflöfung, die allem Anſehen nad), niemals einen Un⸗ 
glücklichen weniger inder Welt machen wird, gefiel der 
Chriſtina fo gut, daß fie eifrig wuͤnſchte, den Urheber 
derfelben zu fehen,den fie für einen der gluͤcklichſten Men⸗ 
ſchen hielt, und deffen Zuftand fie am meiften beneir; 
dere. Sie trug es dem n frangöf ſchen Ambaffadeur 
am 





Koͤniginn von Schweden. 337 


am ſchwediſchen Hofe, Herrn Chanut, einem Freunde 


des Philoſophen auf, ihn dazu zu bewegen, wobey er 
aber anfaͤnglich viele Schwierigkeiten fand. Die 


Verſchiedenheit des. Clima war eine von den wichtig— 
ſten Urſachen, warum Descartes ſich zu dieſer Reiſe 


nicht entſchließen wollte. Er ſchrieb ſeinem Freun⸗ 
de, „daß ein Mann, der in den Gärten von 


„Touraine geboren wäre, und fich in ein fand be» 


„geben, morinn zwar in der That weniger Honig, 
„aber vielleicht mehr Milch fey, als in dem gelobten 
Lande, fich nicht leicht entſchließen Fünne, daſſelbe zu 


verlaſſen, um in dem Baterlande der Bären , zwi— 


Iſchen Felfen und Eis zu wohnen. „ Diefer Grund 
war für einen Weifen fehr bündig, dem feine Gefund« 
beit nicht Foftbar genug feyn kann, weil es eines von 


denen Gütern ift, Die von den andern Menfchen nicht 


abhängen. Aber follte man nicht glauben dürfen, 
daß Descartes, der die Einſamkeit liebte, und die 
Wahrheit nach feiner Bequemlichkeit fuchen wollte, 


ſich ein wenig gefürchtet Habe, dem Throne nahe zu - 
kommen? Ein Prinz mag noch fo fehr ein Philos 


foph feyn, oder es wenigftens fern wollen, fo giebt 
ihm doch die Fönigliche Würde einen unauslöfchlichen 
Eharafter, der allezeit diejenigen, die fich ihm nähern, 


wenn man fo fagen darf, ein wenig zuruͤcke ſtoͤßt, und 
der Philoſophie unbequem und beſchwerlich ift, fo fehr 


fi) auch) der Monarch bemühen mag, fie zu beruhigen 
und dreufte zumachen. Der Weile fürchtet die Prin⸗ 


zen, ſchaͤtzt fie zuweilen hoch und flieht fie beftändia*. 


33 Mir 


* Wenn diefe Regel Ausnahmen leidet, mie glücklich iſt 
alödenn der Monarch, zu deffen Vortheile man diefe 
Auss 


# 


358 Anmerkungen über Chriſting, 


⸗ 


Wir ſind fuͤr uns beyde ein gnugſam großer 


Schauplatz, ſchrieb Descartes an einen Philoſo⸗ 


phen, wie er war, den er erſuchte, feine Einfamfeit 
mit ihm zu theilen, zu einer Zeit, da man fid) bemuͤ · 
bete, ihn Daraus zu ziehen. 

Indeſſen, da felbft die Siebe zur Freyheit den. ir N 
nigen nicht widerftehen kann, wenn fie anhalten, ſo 
gieng Descartes nicht lange hernach nach Stockholm, 
und zwar, wie er ſelbſt ſagte, mit der Entſchlieſ— 
fung, der Königinn nichts von feinen Gedanken zu 
verbergen, oder wieder zurück zu gehen, um in ber 
Einfamfeit zu philofophiren. Man fieht aus feinen 
Briefen, daß er mit dem Empfang der Königinn fehr 
zufrieden mar, fiefprach ihn von allen den Beſchwer⸗ 


lichkeiten der Hofleute frey, aber es geſchahe bloß um 


ihm, der Gewohnheit nach, andere dafür aufzulegen, 
die feine Lebensart gänzlich, umkehrten, und die ihn, 
nebft dem ftrengen Elima, nach Verlauf von vier Mo: 
naten, ins Grab brachten. Descartes fand bey Der 
Chriftina viel Verftand und Scarffinnigfeit. Es 
fcheint aber doch, daß der herrſchende Gefchmac des 
Philoſophen fters für die unglücliche pfälzifche Prins 
zeßinn, feine erfte Schülerinn, gemefen ; es ſey nun, 
Daß die Unglückefälle, die er felbft ausgeftanden hatte, 
feine Neigung zu ihr verdoppelten, oder daß er mehr 
Einficht, oder auch nur mehr von derjenigen Geleh» 
rigfeit bey ihr angetroffen, die für das Haupt einer 
die erfte Sufbigung ift; fo viel ift gewiß, * | 

dieſer 


Ausnahme macht! Socrates, der von dem Anytus vor 
dem Areopagus angeklaget ward, würde zum Marcus 
Aurelius feine Zuflucht genommen haben, wenn er zu 
feiner Zeit gelebet. hatte. Ä 





Königin von Schweden. 330 


dieſer Geſchmack, den er vermuthlich blicken ließ, die 
Chriſtina ein wenig eiferſuͤchtig machete. | 


© "Descartes, der aus tiebe zur Philofophie, nicht nur 
dem Gluͤcke, fondern auch allen andern Wiffenfchaften 
abgefaget hatte, und der von allen andern Arten des 
Ehrgeizes, welche die Menfchen beunruhigen, nur den 


Ehrgeiz der Philofophen behalten hatte, nämlich das 


Verlangen, daß man feine Meynungen und feinen 
Geſchmack allen andern Arten des Studiereng vorzier 
then möchte, misbifligte es, daß Chriſtina ihre Zeit 


- + zwifchen der Philoſophie und der Sprachwiſſenſchaft 


theilete. Es war ihm mitten unter der Menge von 
‚Gelehrten nicht recht wohl zu Muthe, momit Chri- 
ftina umgeben war, und die den Fremden Anlaß gab, 
zu ſagen: Schweden würde. bald von Grammatifern 


beherrſchet werden. Er unterftand ſich fogar, der 


- Königinn deswegen Borftellungen zu thun, die fo frey 
und ſtark waren, daß er ſich auf ewig mit dem grie— 
chiſchen Sprachmeifter der Königinn überwarf, naͤm— 
lich dem gelehrten Iſaac Voßius, diefem Gottesge— 
lehrten, der zugleich fo wenig andächtig und fo aberglaͤu⸗ 
bifch war, von welchem der König von Enngelland, Carl 
‘der II, fagete, daß er, außer der Bibel, alles glaube, 
Wenn diefe Borftellungen des Cartefius die Röniginn 
niche abhielten, Griechiſch zu lernen, fo brachte doch 
auch die Freyheit, fo er fich genommen hatte, Feine 
Veränderung in den Öefinnungen hervor, die fie gegen 
ihn hegete, Sie brach ihrem Schlafe die Stunden 
‚ab, die fie ihm widmete; fie wollte ihn zum Dire 


cteur einer Akademie machen, welche fie willens war, 


aufzurichten. Kurz, fie bezeugete ihm fo viele. Ach» 
tung, daß man vorgiebt, die ſtockholmiſchen Gram⸗ 
= | 34 matis 


% 


360 Anmerkungen uͤber Chriſtina, | 


matifer hätten ven Tod des Philofophen durch Gift 
beſchleuniget. Aber diefe Art, fich feine Feinde vom 
Halſe zu fchaffen, fagt Sorbiere, iſt eine Ehre, welche 
die Gelehrten den Großen nicht beneiden. 

Indeſſen, fo viele Achtung Chriftina gegen die Phi: 
lofophie des Descartes bezeugete, fo iſt es doch nicht 
wahrſcheinlich, daß fie ihn, wie einige vorgegeben ha« 
‚ben, i in Staatsfachen zu Rathe gezogen habe. Da 
fie in der beften Staatsfchule von Europa,dem ſchwe⸗ 
diſchen Senate, erzogen war, fo Eonnte fie wohl Eeinen 
Beyſtand von einem Manne erwarten, deffen Kennts 
niß der Menfchen nur in der Theorie beftund, der 
Durch feine Aufführung in Holland gezeiget, wie we⸗ 
nig er. mit ihnen umzugehen wüßte, und den eine Ein= 
ſamkeit von 30 Jahren gewoͤhnet hatte, nichts zu ſcho⸗ 
nen. Man bat fogar vorgegeben, und vielleicht nicht 
ohne Grund, ‚daß fie für Die-Meynungen des Des 
cartes eben fo wenig Eifer bezeuger habe, alg fie Ach« 
fung gegen feine Perfon habe blicken laffen, und daß fie 
feine andern Vortheile aus den Studien der Philoſo⸗ 
phie gezogen, als daß fie uͤberzeuget worden, die alten 

Thorheiten wären wohl fo gut, als die neuern. 

Chriſtina befam in- ihrem Neiche bald wichtigere 
Gefchäffte, als die Erlernung des Griechifchen, der 
angebohrnen Begriffe und der Wirbel, Der Ent. 
ſchluß, den fie gefaffet hatte, ſich nie zu verheirathen, 
beunruhigte das Bolf, das ſich fürchtete, es möchte 
ihm an Herren fehlen. Die Erfchöpfung der öffent: 
lihen Einkünfte, die durch ihre Verſchwendung gang 
in Unordnung gerathen waren, erwedten ein allgemei- 
nes Misvergnügen; und damals Fam fie zum erften 
male auf die Gedanken, die Regierung Re 
| Sie 


Roͤniginn von Schweden. ° 361 
"Sie begab ſich in den Senat, eröffnete ihr Vorhaben, 
"und gab dem Prinzen Carl Guſtav ſchriftlich davon 
‚Nachricht. Diefer Drinz war geſchickt genug, um 
fic) zu verſtellen, und da er vielleicht beforgere, daß 
die Königinn ihren Nachfolger in eine gefährliche 
Berfuchung führen wolle, fo verwarf er Die Anerbie. 
thungen der Chriftina, batd Gott und das ſchwedi⸗ 
ſche Reich, die Koͤniginn noch lange zu erhalten, und 
pralete ſehr mit Geſinnungen, die er gar nicht hatte. 
Die Einſamkeit, zu der dieſer Prinz ſich zwang, nach⸗ 
dem er die Thronfolge angenommen hatte, feine Vor⸗ 
ficht, fih vom Hofe zu entfernen, kurz, die Behutſam⸗ 
feit, die er in allen feinen Reden und Handlungen bes 
‚obachtete, waren aud) für die Blödfinnigften Beweiſe 
‚von feiner Begierde, zum Throne zu gelangen. Er 
fehmeichelte fich vieleicht mit der Hoffnung, da der 
Senat die Abdanfung der Chriftina annehmen, und 
ihm das Vergnügen, zu regieren, werfchaffen würde, 
ohne daß er den Ruhm der Beſcheidenheit verlöre, 
Allein, er betrog fich in feiner Hoffnung. Vielleicht 
hatte Chriſtina diefen Schritt nur darum gethan, um 
ihre misvergnügten Unterthanen zu beruhigen, und 
fih durch ihre Einwilligung von neuem auf dem 
Throne zu befeftigen, oder vielleicht hatte fie auch ge⸗ 
dacht, Daß eine foiche Entfchließung von den fremden 
Mächten als eine herdiſche und den größten Philofo- 
phen würdige That würde angefehen werden, und hatte 
hernach erfahren, daß man diefelbe nicht billigte, oder 
vielleicht wollte fie den Thron aus Eigenfinn behal⸗ 
ten, den ſie aus Eitelkeit verlaſſen wollte; dem ſey, wie 
ihm wolle, genug, ſie gab dem Anſuchen ihrer Unter⸗ 

| Hr nach, oder ſtellete fich wenigftens po. 
35 1652. 


362 Anmerkungen über Chriſtina, 

1652. Chriſtina ſchrieb das Jahr darauf an den 
Herrn Godeau, Biſchof von Venece, von dem wir ſo 
viele Verſe und fo wenig Gedichte haben. Dieſer 
Praͤlat hatte ſie in ſeinen Briefen gelobet; die Koͤni⸗ 
ginn antwortete ihm darauf: daß die Fraͤmoſen, die 


zu leben wuͤßten, ſo ſehr an die Lobſpruͤche gewohnt 
waͤren, daß ſie ſich nicht unterſtuͤnde, uͤber eine ſo all⸗ 


gemeine Gewohnheit zu klagen, fie ſey ihm vielmehr 


\ 


dafiir verbunden. Es fcheint, daß eben dieſer Praͤ⸗ 


lat in feinem Briefe einige Begierde hatte blicken laſ⸗ 
fen, die Königinn zu befehren. Indem fie dem Bi: 
ſchofe für feine gute Abfiche danket, wuͤnſcht ſie zugleich, 


daß er ſo, wie ſie denken möchte, und fcheint ſich zu 


verwundern, wie man ſo aufgeklaͤrt ſeyn koͤnne, ohne 


ein Lutheraner zu ſeyn. Eben ſo wenig katholiſch 
zeigete ſie ſich in dem Briefe, den ſie um eben dieſe 
Zeit an den Prinzen Friedrich von Heſſen ſchrieb, um 
ihm abzurathen, katholiſch zu werden. Dieſe beyden 
Briefe ſollten von einer Prinzeßinn ſehr wunderbar 


ſcheinen, die ein Jahr darauf die katholiſche Religion 


annahm; wenn man nicht wuͤßte, wie wenig Zeit die 


Menſchen brauchen, um ihre Meynungen und ihren 


Geſchmack zu ändern. Ein proteftantifcher Schrift. 


ſteller, der dieſer beyden Briefe erwaͤhnet, bemerkt 


mit mehr Bosheit, als Witz, daß die Gnadenſtunde 


damals noch nicht gekommen ſey: mit mehrerem 


Grunde koͤnnte man ſagen, daß Chriſtina damals von 
den Geiſtlichen noch nicht genug gequaͤlet worden, um 
ihre Lehren zu verabſcheuen. Denn ſo unglaublich 
ungerecht ſind die Menſchen, daß ſie den Haß, den 
ſie gegen die Prediger einer Religion hegen, ungemein 
leicht in einen Haß der Religion of verwandeln. 


Fänge 


Koͤniginn von Schweden 363 
Faͤngt man an, fih von ihnen zu trennen, fo wird - 
dasjenige gleichgültig, fo vorher ehrwürdig war; und 
misbrauchen diefe Lehrer gar ihre Gewalt, fo höret 
dasjenige, was gleichgültig war, bald auf, es zu feyn, 
-Diefe Art zu denken ift ohne Zweifel weder billig, 
noch ‚gründlich, wenigftens wenn es auf die wahre 
‚Religion ankoͤmmt; aber. die Seidenfchaften ſchließen 
ſo, man muß ihnen eben fo behutſam, als einem Kran⸗ 
Een begegnen ; und das ficherite Mittel, die Menfchen 
‚zu lehren gerecht zu ſeyn, iſt deſes, wenn man Rule, 
‚gegen fie gerecht zu ſeon. - | 


- Wenn man übrigens die Gründe ſebbſt unterſucht, 
die Chriſtina dem Prinzen von Heſſen vorlegt, um 
ihn zu bewegen, bey ſeiner Religion zu bleiben; ſo iſt 
es ſehr leicht einzuſehen, daß ſie gegen die ihrige ſehr 
gleichguͤltig war. Ob ſie gleich eine Lutheranerinn 
war, und folglich von der reformirten Religion eben 
fo weit entfernet war, als von der katholiſchen, fo er⸗ 
‚mahner fie doch diefen calwinifchen Prinzen, feine Re⸗ 
ligion nicht zu veraͤndern. Sie ſcheint die dumme 

Heftigkeit zu verachten, mit der Leute, die ſich doch 
fuͤr weiſe ausgaben, ſo viel von Dingen geſchrieben 
haben, die man doch nur glauben muß. „Ich uͤber⸗ 
Zlaſſe es denen, ſchreibt fie, die ihr Hauptwerk aus 
„den Streitfragen machen, fih nad) ihrem Gefallen 
die Hälfe zu brechen. ,, Sie legt dem Prinzen von 
Heſſen feine andere Gründe vor, als die von der Ehre 
der Beſtaͤndigkeit, und von den Vortheilen feines 
Hauſes und feiner Staaten hergenommen find; Grün. 
de, Die in der That nicht würdig find, -in den Angeles 
„ genheiten der wahren BIN zu Rathe gezogen zu 
‘ — Were 





364 Anmerfungen über Chriſtina, 


werden, die aber mehr nach der Eitelkeit und Schwach⸗ 
heit der Menſchen eingerichtet find. 

Ihre Freygebigkeit, die aber ohne Einfi cht md. 
verfchwentberifch mar, erwarb ihr bald die Lobfprüche 
der ſchwediſchen und auswärtigen Gelehrten. Ihr 
Geſchichtſchreiber zaͤhlet derſelben zweyhundert, die 
aber itzund vergeſſen ſind, wie beynahe alle die Lbes⸗ 
erhebungen, die man den Prinzen bey ihrem Leben ge⸗ 
‘geben hat. Die Sobrede des jungen Plinius.auf den 
Trajan, die im Rathe in Gegenwart des Kaiſers ge: 
halten ward, ift fait die einzige, die uns übrig geblie- 
ben ift; der Name des Redners, und der Begriff, 
den ung fein Werf von der Beredtſamkeit der dama⸗ 
ligen Zeiten giebt, haben noch weniger zu ihrer Er⸗ 
haltung beygetragen, als die Tugenden des Prinjen, 
der der Vorwurf derſelben war. Das Werk hat 
nicht den Monarchen uniterblich gemacht, fondern der 
Monarch ift die Urfache, daß das Werk bis auf die 
Nachwelt gekommen ift; vielleicht wuͤrde dieſe Lob- 
rede dem Trajan fogar fehädlich geweſen feyn, Hätte er 
fie nicht fo fehr verdient, daß man die Schwachheit 
vergißt, die er gehabt hatte, indem er fie anhörete, - 

Ich übergehe alle Zeichen der Gemogenheit mit 
Stillfehmweigen, die Chriftina dem Salmafius, diefem 
fo gelehrten und unangenehmen Manne gab, der bey 
feiner übrigen meitläuftigen Gelehrſamkeit auch ger 
lernet hatte, Träume auszudeuten, ich will nichts von 
‚dem Beſuch erwähnen, den Ehriftina bey ihm ab» 
ſtattet, wo fie mit einander das Bud) von den Mit: 
teln fich empor zu ſchwingen, (le moyen de parvenir 
durchgeleſen, ich will aud) nichts von der Fauſtſchlaͤ 
gerey des Herren Meibom und Bourdelot, noch von 

anderr 

























goniginn von Shweden "365 


* eben ſo einnehmenden Bibeln melden. 
Ich uͤbergehe auch die Namen aller derer Gelehrten 
in us, die Chriſtina in ihre Staaten zog, oder die 
fie fon darinn fand, die Briefe, Die fie an fie 
5 und ihre Antworten, kurz den ganzen Brief.’ 
wechſel, den Ehriftina fo wohl mit ihren Untertha- 
nen, als mit Fremden führere. Sie hätte beſſer ge» 
tban, wenn fie anſtatt fo viele Complimentenbriefe | 
an die Gelehrten zu fchreiben, ein wenig mehr Wech⸗ 
feibriefe dem Nicolaus Heinfiug gefchickt hätte, dem 
ſie aufgetragen hatte, Bücher, Manuferipre und Mes 
daillen für fie zu Faufen, und der es niemals fo weit 
bringen fonnte, daß er fein ausgelegtes Geld wieder 
befam. Nichts ift fonderbarer,, als daß der Ge: 
ſchichtſchreiber der Chriftina es unternimmt, fie in 
diefer Abficht zu. rechtfertigen, und Daß er dem Hein. 
fius ein Verbrechen daraus macht, daß er fich über 
das Berfahren gar zu beftig beflaget hat. Die 
Monarchen find es fo gewohnt, fich unter einander 
zu bintergehen, aber es ift ihnen noch nicht erlauber, 
den Privatleutin in biefem Puncte, wie ibtep gleichen: 
zu begegnen. 

Das merkwuͤrdigſte i in diefen Briefen, wovon wir 
reden, ift das Anerbiethen, das Chriftina dem Scu- 
dery that, wenn einem neuern Schriftfteller zu trauen 
iſt, die Zufchrift feines Marichs anzunehmen, und 

ihm noch ein anſehnliches Geſchenk dazu zu geben, 
wenn er den gobfpruch des Herrn de la Gardie, der: 
in die Ungnade der Königinn gefallen war, aus dies 
\ fem Gedichte ausftreihen mollte; Scudery ant» 
wortete auf Diefes Anerbiethen, daß er nie den Altar 
Aeföhte, auf dem er geopfert. babe, ‚wegen ts. 
ts; edlen 


. / \ i “ * 
366 Anmerkungen über Chriſting 
edlen Antwort ſollte man wuͤnſchen, daß das Gedicht 
Alarich beſſer ſeyn möchte, * welt; 

- Unter den Gelehrten, die Chriftina aufnahm, fins 
det man feinen einzigen Engländer. Diefe Nation, 
die nach) der Zeit fo berühmt und fo fruchtbar an 
großen Geiftern geworden, ward damals durch Ver« 
wirrung und bürgerliche Kriege beunruhiget, die den 
MWiffenfchaften eben nicht vortheilhafe find. . Sie 
Hatte eben Carln den I. enthaupten laffen, und dachte 
auf weiter nichts, als auf ihre Freyheit, ihre Ver⸗ 
größerung und ihre Handlung, Die Hinrichtung 
diefes Prinzen machte damals viel Auffehen in 
Schweden: Einige waren nicht übel damit zufries 
den, wie der franzöfifche Ambaffadeur, Herr Chanur, 
fagte, daß man ein öffentliches Beyfpiel habe, daß 
ein König von England abgefegt worden, weil er den 
Vergleich gebrochen, den er mit feinen Unterthanen 
aufgerichtet hatte ; aber alle tadelten die ausſchwei⸗ 
fende Ungerechtigkeit und Wuth diefer Nation, Es 
ift gar nicht wahrfcheinlich, daß Chriftina bey Anhoͤ⸗ 
rung diefer Meuigkeit die Worte gefage habe, die ihr 
einineuer Schriftfteller in ven Mund lege: „Die 
„Engländer haben Recht daran gethan, daß fie ih⸗ 
„rem Könige den Kopf, abbauen laffen, womit er nie⸗ 
„mals etwas gethan hat, Wie foll man dieſe 
Worte mit dem Briefe vergleichen, den fie zu eben‘ 
diefer Zeit an den Sohn diefes unglücklichen Prin⸗ 
zen fehrieb, und worinn fie diefe That des blutduͤrſti⸗ 
gen Parlaments offenbar tadelt? Es ift viel wahre 
fcheinlicher, daß der Abfcheu, den Ehriftina vor dieſer 
That hatte, eine von denen Urfachen geweſen, wes⸗ 
wegen Chriſtina die Schließung des Tractats ver⸗ 

zogen 


Koͤniginn von Schwede. 7 367 
zögerte, ben der Ambaſſadeur des Erommels eben da» 
mals am fehmwedifchen Hofernegociirte. -Diefer Ams 
baffadeur, der nicht anders als mit vieler Mühe feine 
Abſicht erreichete, beklagte fih, daß man ihn bey den 
Audienzen von nichts als: von Philofophle, Bällen 
und Luſtbarkeiten unterhielte, | 

* Unter allen fremden Miniftern, die damals am 
ſchwediſchen Hofe waren, war Feiner mehr bey der 
Königinn gelitten, als der fpanifche Gefandfe, Pie 
‚mentel. ‘Ben der erften Audienz, Die er bey der Koͤ⸗ 
niginn hatte, fprach er nicht ein Wort, und er geftand 
ihr den Tag darauf, daß er vor der Majeftär, die aus 
ihrer Perfon hervor:geleuchtet hätte, verftumme wäre, 
Man Eann leicht denken, wie Chriftina diefe Worte 
aufgenommen. . Pimentel, ver feine Sachen vers 
ſtand, machte ſich diefen erften Vortheil zu Muse, 
um. das Bertrauen der Königinn zu gewinnen; er 
entdecfte bald in ihrem Charakter viel Siebe zu allem, 
was neu war, viele Borurtheile für Diejenigen, die 
zulest gefommen waren, und viel Neigung, ihre Ges 
‚ beimniffe auszufchwagen, wenn fie einmal jemanden 
ihre Gewogenheit zugewandt hatte. Die Gunft, 
| worinn Pimentel bey der Königinn ſtand, war dem 
fpanifchen Reiche nüglich, und erregte bey den Frans - 
zofen und bey den Schweden feibft fo viel Verdacht, 
\ daß die Königinn bald genoͤthiget ward, ihm feinen 
Abfchied zu geben, 2 
1654. Wir find endlich auf den Zeitpunct ges 
kommen, da ‚Ehriftina die Regierung niederlegte 
Dieſes Vorhaben, fo ſie bereits einige Fahre vorher 
\ gehabt hatte, erwachte bey ihr mit folcher Heftigkeit, 
| daß nichts: vermögend war, fie davon abzubringen. 
—R | Es 





# 


bin zufrieden, wenn ich auch nur den Beyfall eines; 


368 Anmerkungen tiber Chriftina, — 


Es iſt wahrſcheinlich, daß der Ekel an den Geſchaͤff⸗ 
ten, und die Begierde, frey zu ſeyn, die vornehmſten 

Gründe geweſen, welche fie Dazu bewogen. „Ich 
„höre immer daffelbe, „ſagte fie, indem fie von den. 
Gefchäfften- redete, „ich fehe wohl, daß ich mich den“ 
„Studien und dem Umgange der Gelehrten allein. 
„überlaflen. muß. „, Es war ihr nicht anders, als 
wenn fie den Teufel fähe, um mic, ihres eigenen | 
Ausdrucks zu bedienen, wenn fie ihre Secretaire ins‘. 
Zimmer treten fahe, um ihre eigene Depefchen zum 
‚ Unterfchreiben zu bringen; und der Berdruß, dem ihr 
die Regierungsgefchäffte verurfachten, flürzfe fie in 
eine fo tiefe Schwermuth,, daß man beforgere,, ihr 
Berftand würde darunter leiden. Cie meldete end» 
lic) dem Herrn Chanut fehriftlich den Entſchluß, den 

fie gefaßt hatte; die Neben, welche ihre Handlung 
veranlaffen‘ möchte, fcheinen fie niche ſehr be— 
fümmert zu haben. Ich bekuͤmmere mich nicht um » 
das Plaudite , ſchreibt fie an ihn, ſchwerlich Fann ein 
maͤnnliches und ftarfes Vorhaben allen gefallen, ich. 









einzigen habe, und felbft diefen könnte ich noch ent: 
behren. Wie angenehm wird es mir feyn, wenn ich 
mid) erinnere, daß ich den Menfchen Gutes gethan 
habe. Herr Chanut hätte ihr antworten Fönnen, 
daß fie in: dieſem Falle noch nicht hätte aufhören‘ 
ollen. a 7,7 uhriR 
r Man hat von der Abdanfung der Chriftina ſehr 
verfchiedentlicy geredet; fie mürde viel allgemeiner“ 
gebilliget ſeyn, (ohne es vielleicht zu verdienen) wenn. 
diefe Prinzeßinn, durch ihre Religionsveränderung, 
die kurz hernach geſchah, nicht alle Zeinde — 
| en 


z 


gontun von Schweden. 369 - 


ſchen Kirche wider ſich aufgebracht haͤtte. Denn 
uͤberhaupt iſt man ziemlich geneigt, die Monarchen 
zu loben, welche die Regierung niederlegen; und man 
hat ſo wenig Kenntniß von den unendlichen Pflichten 
eines Regenten, daß man ſeine Abdankung als eine 
ausnehmende Selbſtverlaͤugnung anſieht. Ich un: 
terſtehe mich, zu fagen, Daß man ſich in feinem Ur⸗ 
theile nicht fo übereilen würde, wenn man dasjenige 
genauer unterfuchen wollte, was der Name eines Mo- 
narchen demjenigen auflegt, der ihn führer; er ift ein 
geborner Sclave der Serechtigfeit und des Wohlſtan⸗ 
des, verpflichtet, die Gefege, Deren Befchüger er iſt, 
vor allen andern und zuerft auszuüben, und er iftdem 
Staate von allem dem Boͤſen, was unter feinem Na⸗ 
men gefchieht, und von allem dem Guten, was nicht 
geſchieht, Kechenfchaft ſchuldig. Wie wenig $eute 
würden Könige feyn wollen, wenn fie es mit der Be⸗ 
dingung feyn follten, in der That Könige zu feyn? 
Wenn alfo ein Prinz die gehörigen Gaben zur Regie⸗ 
tung beſitzt, fo begeht er ein Verbrechen, wenn er fie 
durch eine freymwillige Abdanfung unnüge macht. 
Nichts koͤnnte ihn enefchuldigen, als wenn er fich emen 
Machfolger verfchaffere, der feine Stelle vertreten 
koͤnnte; aber außer daß ein folcher Nachfolger fo fel- 
ten ift, fo haben einige Prinzen oft nach einem entge⸗ 
gengefegten Grundſatze gehandelt, weil fie nichts ale 
ihren Ruhm, und keinesweges die Menfchen liebten. 
In Abfiche auf die Könige, die nur aus Mangel der 
\ Fähigkeit ven Thron verlaffen, fo thun fie weiter nichts, 
als was ihre wefentliche Pfliche ift. Indeſſen befene‘ 
ne ich, daß es gemiffe Pflichten giebt, für deren Er. 
Füllung man den Menſchen Dank ſchuldig iſt, wenn 

13 Sand. Aa ſie 


- 


970 Anmerkungen über Chriſtina, 


fie nämlich. durch diefe Erfüllung großen Vortheilen 
-abfagen. Von dieſer Are ift die Pflicht, von der ich 
rede, und ich würde gern darein willigen, daß man 
die Prinzen lobete, welche die Regierung niedergelegt 
haben, wenn fi: es darum gethan hätten, weil fie ſich 
felbft Haben Gerechtigkeit wiederfahren laffen, und ihr 
Unvermögen zu vegieren einſahen. Aber die meiften 
haben nicht einmal den Bortheil, daß fie diefe löbliche 
That aus einem. lobenswürdigen Örunde gethan ha» 
ben. Die Liebe zur Muße, die ‘Begierde, niedrige 
und fchlechtere Neigungen in Ruhe zu befriedigen, 
find faft allezeit die Triebfedern diefer Handlung, 
Sie glauben, daß ihnen zum Regieren nichts als der 
Wille fehle, und diefer Bill wacht auch oft in dev 
E:infamfeit wieder auf, und quälet dieſelben. Uebri— 
gens ift dag wohl der größte Bortheil, den die Prin 
zen durch ihre Abdankung erlangen Fonnen, daß fie 
auf diefe Art von der Wirklichkeit der Lobſpruͤche ver= 
fihern Fönnen, womit man fie zur Zeit ihrer Gewalt 
überhäufet hat, daß fie die Scmeichler verfhwinden 
ſehen, und mit ihrer Tugend allein gelaffen werden, 
wenn fie fo gluͤcklich find, Tugend zu befigen. Aber 
allem Anfehen nach) [hmeichelt ein: folder Vortheil 
den Monarchen eben nicht fehr, und das Benfpiel der 
Könige, die fich freywillig ihrer Höflinge berauben, 
iſt nicht anſteckend. 

Man verſichert, daß, ehe die Koͤniginn die Krone 
niederlegen wollen, fie willens geweſen, mit dem Prin⸗ 
zen Carl Guſtav eine Art von Vergleiche zu treffen, 
der diefem legten gar zu befehwerlich würde gemefen 
fenn. Sie wollte fi) den größten Theil des Reiches 
GERN gänzlich aa feyn, Die Freyheit 

Be, 


/ 
f 


Koͤniginn von Schweden. 37x 
| haben, zu reifen, oder nach ihrem Gefallen einen Dre 
in Schweden zu ihrem Aufenthalte zu wählen; kurz, 
fie verlangete, daß ihr Nachfolger in den Stellen, die 


fie vergeben hatte, nicht die geringfte Veränderung - 


- vornehmen follte. Carl, der anfänglich gefucht Harte, 
die Königinn von ihrem Vorhaben abzurathen, und 
der fie, allem Anſehen nad), itzund in einer ſolchen 
Verfaſſung fah, daß fie nicht zurückziehen wollte, ver 
warf diefe Bedingungen, und antwortete, daß er nicht 
bloß dem Namen nad) König feyn wolle. Als Chris 
ftina feine Antwort erfuhr, fagte fie, daß fie ihm diefe 
Bedingungen bloß in der Abficht vorgelegt hätte, um 
feine Denfungsart zu erforfchen, itzund aber fähe fie, 
wie fehr Carl Guſtav wuͤrdig fey, zu regieren, weil er 
die Rechte eines Monarchen fo gut Fennete; ſchmeckte 
diefe Rede nicht ein wenig nach der, Komödie ? | 
Um der Königinn indeffen feine ErfenntlichFeit zu 
bezeugen, ließ Carl Guſtav eine Medaille fchlagen, 
mit der Umfchrift, daß er den Thron von Gott und 
der Chriſtina hätte; diefe Medaille misfiel den Stän- 
‚den, die mit Recht behaupteten, daß er durch ihre 
Wahl zum Throne gelanger ſey. Man kann niche 
daran zweifeln, weil es uns der heilige Paulus leh⸗ 
ret, daß das rechtmaͤßige Anſehen der Könige nur 
von Gott herrühret; aber Die Einwilligung der Voͤl 
ker ift das fichtbare Zeichen diefes rechtmäßigen Anſe⸗ 
hens, und verfichert die Ausübung deſſelben. ig 
Die Geiſtlichkeit wollte die Chriftina verbinden, in 
Schweden zu bleiben, aus Furcht, daß fie ihre Kelie 
gion verändern möchte; als wenn diefe Prinzekinn, 
nachdem fie den Thron der Freyheit aufgeopfert hatte, 
nicht das Recht erlanger hätte, fich diefer Freyheit in _ 
A Ya ihrem 


372 > Anmerkungen uͤber Eheiftina, 


ihrem ganzen Umfange zu bedienen, und als. wenn fie. 
nicht zu Stockholm hätte in die Meile gehen. Fönnen, 
öhne die Ruhe des Staats zu ftören. Aber entwe— 
der wollte die Königinn fi) vor den geiftlichen Ber 
folgungen in Sicherheit fegen, die den Monarchen 
ſelbſt fo furchtbar find, vornehmlich wenn fie die Ge» 
walt nicht mebr in Händen haben, oder vielleicht hatte 
fie auch ſchon danıals den Entſchluß gefaflet, ihre 
übrige Lebenszeit außerhalb Schweden zuzubringen; 
genug, fie verließ Schweden noch an dem Tage ihrer 
Abdankung, nachdem fie eine Medaille mit der Ueber. 
ſchrift harte ſchlagen lafien, daß der Parnaß beifer 
fey, als der Thron; eine Medaille, die ihren Gefin« 
nungen eben fo wenig Ehre macht, als die Ueberſchrift 
‚Ihrem Geſchmacke zum Ruhme gereichen fann. Wie 
fi e auf. der ſchwediſchen Gränze bey einem Eleinen 
Fluſſe angelanget war, der damals dieſes Königreich 
von Dänemark abfonderte, fagte fie: fo bin ich denn 
einmal: in Srepbeit und aus Schweden, wohin 
ich niemals wieder zurück zu kehren hoffe? 
Carl Guftav ließ ihr noch einmalfeine Hand und fein 
Herz — aber ſie antwortete, daß a mehr 
eit fey. 
F Sie legte einen Theil ihrer Reiſe in Mannsklei 
dern zuruͤck, und gieng auf dieſe Art durch Daͤnemark 
und Deutſchland, indem fie allenthalben in den Re— 
den, die ihre Abdankung veranlaſſete, eine Pbilofophie 
zeigte, bie weit erhabener war, als die Philofophie, 
die fie zu Diefer Abdanfung bewogen hatte. Der 
Prinz von Conde war eben in Brüffel, als die Koͤni⸗ 
ginn durchreiſete, und fragete, wo iſt die Koͤni niginn, 
welche die Krone ſo freywillig — hat, fuͤr 
die 


NE 


Königin von Schweden. 373 


die wir flreiten, und nad) der wir die ganze Zeit un 

fers Lebens rennen, ohne fie erreichen zu koͤnnen. Ihre 

Feinde geben vor, Daß fie ſchon bey ihrer Ankunfe zu 

Bruͤſſel angefangen habe, ihre Abdanfung zu bereuen;; 

welches gar nicht wahrfcheinlich ift; indeflen verbrei⸗ 
tete fich diefes Gerüche dergeftalt in Achweden, daß 

der Öroßfanzler Drenftirn, der damals zu Bette lag, 

fi) nicht enthalten Fonnte, zu fagen: ich babe es 
ihr vorher gefagt, daß fie es bereuen würde; 
aber fie ift doch immer die Tochter des Gu⸗ 
ftavs. Dies waren die legten Worte diefes großen 
Mannes. 


‚ Schon bereitete fih Chriftina zu ihrer Religions» 
veränderung, indem fie alle Klöfter und Kirchen be 
fuchte, die fie unterwegens antraf, vornehmlich wenn 
diefe Gebäude einige befondere Seltenheiten enthiel: 
ten. Endlich, nachdem fie zu ‘Brüffel die Fatholifche 
Religion angenommen hatte, ſchwor fie zu Inſpruck 
öffentlich das Lutherthum ab, und erwählte fic) diefen , 
eben nicht allzu andächtigen Wahlfpruch: Tata viam 
inuenient, das Schickfal ſoll mein Fübrer feyn. 

* 


1655. Dieſe Handlung war fuͤr die Katholiken 
ein großer Triumph, als wenn die Beweiſe, worauf 
die roͤmiſche Religion gegründet iſt, durch die Den⸗ 
kungsart dieſer Koͤniginn einen neuen Grad der Staͤrke 
bekommen hätten, und als wenn man eine wahre Re⸗ 
ligion nicht aus bloß menfchlichen Abfichten anneb- 
men fönnte. Die Proteftanten ließen im Gegentheile 
aus einer eben fo ſchlechten Urſache eine große Ver · 
zweiflung blicken. Sie gaben vor, daß Chriſtina, 
der alle Religionen gleichgültig wären, die ihrige bloß 

. | Ya 3 | aus 


1374 Anmerkungen über Chriſtina, 


aus Bequemlichkeit verändert hätte, damit fie defto 
gerubiger in Italien leben Fönnte, wohin fie ſich bege- 
ben wollen, um dafelbft die Künfte zu genießen, die 
diefes Land befist. Sie führen zum Beweife diefer 
Gleichgültigfeit einige Briefe oder einige Reden ber 
Chriſtina an, deren Wahrheit man erſt recht beweifen 
muß, wenn man etwas daraus fchliegen will. So 
giebt man vor, daß die Jeſuiten in Löwen ihr eine 
Stelle bey der heiligen Brigitta von Schweden ver. 
fprochen, worauf fie geantwortet habe: ich fübe es 
lieber, wenn man mir eine Stelle unter den 
LDeifen gäbe; eine Antwort, die, wenn fie wahr 
wäre, freylich mehr Philoſophie als Chriftenehum in 
den Beregungsgeiinden ihrer Bekehrung vorausfe- 
Gen würde. Man kann es nicht läugnen, und eine 
gar zu unglücdliche Erfahrung -beweifet es, daß man 
felten eine Religion aus Ueberzeugung annimmt, des 
ren Örundfäge ung nicht von unferer Kindheit an ein 
gepräget find. Der Figennug iſt fo oft der Bewegungs⸗ 
grund einer ſolchen Veränderung, daß rechtfchaffene 
$eute fügar denen, die eine falfche Religion abſchwoͤren, 
gemeiniglich ihre Hochachtung verfagen, wenn fie nur 
im geringften im Verdachte ftehen, daß fie ben diefer 
Veränderung andere Abfichten, als die Wahrheit, 
gehabt haben. Wenn man in feinem vierzigften Jah⸗ 
re Fatholifh wird, fo ift man ; Walker e8 zweymal 
mehr zu feyn, als ein anderer. Die Religionsver: 
änderung ift faſt der einzige Fall, worinn fich ein 
übermäßiger Eifer entfchuldigen läßt. Doc dem 
fey, wie ihm wolle, nur dem hoͤchſten Richter der. 
Menfchen komme es zu, die Bewegungsgründe ihrer 
Handlungen zu erforfchen. am wieder auf die Chri⸗ 


ſtina 


Koͤniginn von Schweden. 375 


ſtina zurück zu kommen, fo laffet uns bloß anmerken, 
daß, wenn fie nur darum Fatholifch geworden, um mit 
defto mehrerer Bequemlichkeit Statuen zu betrachten, 
ſie ſelbſt Feine verdiene habe, und Daß fie dem verädht. 
lichften Monarchen, der jemals regierer hat, nachzu⸗ 
fegen ift, wenn fie fich bloß, um Gemälde zu fehen, 
dee Vorzugs begeben hat, ihren Unterthanen Gutes 
zu thun. 

So viel ift gewiß, daß Chriftina bey ihrem Aufent: 
halte in Rom viel Geſchmack an den Werfen der 
großen Meifter bezeugete, womit diefe Stade ange» 
füllee ift. Als fie eines Tages eine Statue der Wahr» 
heit von dem Ritter Bernini bemunderte, nahm ein 
Cardinal, der bey ihr ftand, Gelegenheit, ihr zu fa- 
gen, daß fie die Wahrheit mehr liebe, als die andern 
Prinzen gewohnte find, ja, antwortete fie, aber alle 
Wahrheiten find nicht von Warmor. 

Ihre Religionsveränderung hatte für ihren Sehr: 
‚meilter, den Biſchoff Johann Matthiä, einen ge 
mäßigten und friedfertigen $utheraner, der verfchies 
dene Borfchläge zur Wereinigung der proteftantifchen 
Kirchen gethan harte, fehr fchlimme Folgen. Die 
Mroteftanten,die der römifchen Kirche den Berfolgungs« 
geift fo fehr vorwerfen, haſſen die Verfolgung nur 
aledann, wenn fie darunter leiden, und Feinesweges, 
wenn fie diefeibe felbft ausüben. Matthiaͤ ward 
ohne Grund angeflaget, daß er an dem Abfalle der 
Chriſtina Theil gehabt habe, und durd) Die Stände 
von feinem Bißthume abgeſetzet. 

Cheiſtina, die niemals einige Neigung für Frank⸗ 
reich gehabt hatte, ward dieſem Reiche auf einmal 
günftig, unDd zwar bey Gelegenheit einiger unanſtaͤn— 

| Aa 4 digen | 


376 Anmerkungen-über Chriſtina, 


digen Reden, welche einige fpanifche Bedienten ſo N 


fie zurück gefchickt hatte, von ihr geführet hatten. Die 


- Bewegungsgründe, die den Gefchmad der Prinzen 


verändern, brauchen nicht ftärfer zu fern, als die, fo 
den Geſchmack der Privatperfonen verändern. Diefe 
Siebe zu Frankreich ward fo lebhaft, daß jie bald den 


Entſchluß faſſete, eine Reife dahin zu thun, und dies 


fer Nation, die in die Monarchie fo verliebt ift, eine 


Königinn zu zeigen, die den Thron verlaffen hatte; 
um zu philofophiren. Sie hielt bey ihrer Reiſe 


durch die franzöfifchen Städte alle die Reden und 
alle die Ehrenbezeigungen aus, wozu die Monarchen 


- verdammt find. Ob ſie ſich gleich vor gar Eurzer 


Zeit in den Schooß der Kirche begeben. hatte, 


fo empfteng fie doch, weil fie noch, immer ein Frauen» 


zimmer und eine Prinzeßinn war, einen Redner fehr 
übel, der fie von dem göttlichen Gerichte und der Ver⸗ 
achtung der Welt unterhielt. Sie kam endlich zu 
FSontainebleau an; fie erftaunte über das Ceremoniel 


des Hofes, und fragte, warum die Damen fo viel 


Begierde zeigten, fie zu kuͤſſen, gefchieht es etwa dar⸗ 
Ben fagte fie, weil ich einer Mannsperfon aͤhnlich 
ehe ? 2 | | 

— beruͤhmte Ninon, die ſie bey ihrer Durchreiſe 
durch Senlis ſehen wollte, war das einzige franzoͤſi⸗ 
ſche Frauenzimmer, dem fie Zeichen ihrer Hochach⸗ 
tung gab. Diefe Perfon, die wegen ihres Wiges, 


Ihrer Denkungsart und Aufführung fo fonderbar war, 
und die es fo weit gebracht hatte, daß fie mit vielem . 
Anfehen die Rolle einer Buhlerinn fpielte; war ges 
ſchickter, als eine jede andere, bey einer Prinzekinn 


einen Eindruck zu machen, die eben fo fonderbar war, 


ob. 


— 


A 


Koͤniginn von Schweden. °. 377 
ob gleich auf eine andere Art. Man muß die Nie 
non wegen des Bezeigeng, das ihr wiederfuhr, loben’; 

aber man muß die Chriftina nicht darum tadeln. © 
Ben Fontainebleau gieng fie nach Paris, wo fie 
abermals Reden und lange und traurige Feftins augs 
ftehen mußte, die man ihr zu Ehren gab, ja fo gar - 
die Tragodien des Collegii, worüber fie dreufte ſpot⸗ 
tete... Sie rächete fih an diefen Schaufpielen we⸗ 
gen des Verdruffes, den ihr alle diefe Feyerlichkeiten 
und Ceremonien verurfadher hatten. Wenn. die 
Schaufpiele in den Collegiis fi in eben dem Maaße, 
als die Schaufpiele auf der Bühne, verbeffert haben, 
ſo urtheile man aus ihrem ißigen Zuftande, wie fie 
damals befchaffen geweſen. 
Chriſtina beſuchte in Paris viele Gelehrte‘, nahm 
Verſe ohne Zahl an, und fehägte fie vermuthlich 
nach ihrem Werthe. Sie hatte feit langer Zeit eine 
große Hochachtung für den berühmten Menage ges 
beget, der uns in feinen Schriften unter einigen nuͤtzli⸗ 
chen Dingen fo viele nichtswuͤrdige hinterlaffen har. 
Auf ihrer Reife von Schweden nad) Sstalien hatte fie 
ihm bey ihrem Aufenthalte in Brüffel gefchrieben, zu 
ihr zu kommen, fie meldete ihm, daß fie die Hälfte 
des Weges gethan hätte, und daß es ihm zufäme, 
die andere Hälfte zu thun. Menage fand es miche 
für guf, fi) wegen einer Königinn Ungelegenheit zu 
machen, die es nicht mehr war. Sie war darum 
‚nicht übel auf ihn zu fprechen. Denn als fie zu Pa. 
ris angefommen war, wo fie nichts, als folche Leute 
fuchte, die ſich durch ihre Wiffenfchaften und durch 
ihren Verſtand berühmt gemacht hatten, gab fie dem 
Menage die Berrichtung, die Perfonen, die zu ihr 
23 ” Aa5 well: 
x 


373 Anmerkungen über Chriſtina, 
wollten, zu ihr zu führen ; eine Stelle, die ein Ge; 
dehrter. Damals zum erften, wahefcheinlicher Weiſe 

auch zum letztenmale bekleidet hat. Weil man eini⸗ 
ges Anſehen dadurch zu erhalten glaubete, wenn man der 
Koͤniginn vorgeſtellet ward, ſo war Hr. Menage kaum 
im Stande, alle diejenigen zw befriedigen, die ihn 
Darum erfuchten; und weil er niemand abwies, fo fagte 
Ehriftina, Menage kennt doch in der That vie Seute 
von Verdienſt. 

Sie hatte Urfache, mit Parie zufriedener zu * 
Per mit dem Hofe, wo ſie nur ein mittelmäßiges 
Glück gehabt hatte. Die Damen: und die Hofleute 
konnten feinen Geſchmack an einer Prinzeßinn finden, 
Die fih wie eine Mannsperfon kleidete, Die die 
Schmeichler abwies, die Denenjenigen ein Compli. 
ment wegen ihres guten Gedächeniffes machte, Die 
ihr eine artige Hiftorie erzählen wollten, und deren 
Geiſt mit einem Worte, wenn! man fo reden darf, 
etwas gar zu Maͤnnliches, für folche nichtswuͤrdige 
Gefchöpfe hatte, ben denen ihr alle ihre Kenntniſſe 
und Einfichten unnig waren. Diejenigen, die fie 

am beften zu Fennen glaubeten, vergleichen fie mit 
dem Schloſſe Fontainebleau, welches groß aber unre: 
gelmaͤßig waͤre. Man wuͤrde ſich uͤber die ſchlechte 
Aufnahme, die man ihr daſelbſt wiederfahren ließ, 
nicht verwundern, wenn man bedenfet, wie wenig 
Eindruck der Czaar, Peter der Große, im Jahre 
1777 auf eben diefen Hof machte, ein Monard), der 
ber die Chriſtina erhaben war. Der größte Theil 
der Franzofen fahe in diefem Monardyen weiter 
nichts, als einen SSremden, der gar nicht die Manie- 
von ihres Landes hatte, aber. Feinesweges einen Prinz 
zen 





„Königin von Schweden. 379 


zen volfer Genie, welcher reifere, um fich zu unterrich⸗ 
ten, und den Thron verlaffen hatte, um fich deffelben 
würdig zu machen. Es fcheint, als wenn unfere Nas 
tion diefe niedrige Art von Aufmerkſamkeit, von der 


Tacitus redet, weiter als eine jede andere getrieben 


habe, eine Aufmerkſamkeit, dienur gewohnt ift, große 
Maͤnner aus Eitelfeie zu ſchaͤtzen, ihren Ruhm in ih: 
. ven Minen fucht, und fich verwundert, ihn nicht dar 
inn zu entdecken. | | 


1657. Chriſtina hatte fo viel Geſchmack an Frank⸗ 


reich gefunden, daß fie kaum in Kom wieder angelanger 


war, als fie ſich vornahm, eine zwote Neife dahin zu 


thun. Man glaubte, daß politifche Abfichten fie das 
zu bewogen, aber diefe Reife ward durch nichts merke 
würdig, als Durch den traurigen Tod des Monalde: 
ſchi, ihres Dberitallmeifters, den fie, wie bekannt ift, 


in Sontainebleau in ihrer Gegenwart ermorden ließ. 
Die Umftände diefer Ermordung find befannt genug, 
aber dasjenige, was nicht fo befannt ift, und was 
noch befremdlicher als die Grauſamkeit der Chriftina, 
fheinen muß, das find die gelehrten Abhandlungen, 
welche die Rechtsgelehrten fchrieben, um fie zu recht⸗ 
fertigen. Diefe Schriften, diefe traurigen Denf: 


maͤler der Schmeichelen der Gelehrten gegen die 


- Könige, befhimpfen ihre Berfaffer, ohne diejenige zu 
entſchuldigen, , für die fie gefchrieben wurden. 


Es thut mir aber um $eibnigens Andenken, und 


um Die Menfchlichkeit leid, daß ich den Dramen dieſes 
großen Mannes unter der Zahl der Bertheidiger ei- 
nes Mordes fehen muß; und noch mehr muß ich 


über feine ngerechtigfeit gegen den franzöfifchen Hof 


£la 


330 Anmerkungen über Chriftina, 
erftaunen‘, ‚indem er fagete, wenn derfelbe die That, 
der Chriftina uͤbel aufgenommen , fo fen eg bloß dar: 
um geſchehen, weil man die vorige Meigung nicht 
mehr für fie gehabt hätte. Die Nachwelt wird es 
fehr befremten, daß man in unſerm Europa, das fich 
für fo menfchlih und gefittet hält, im Ernfte die 
Frage aufgervorfen, ob eine Königinn, die den Thron 
verlaffen, nicht noch das Recht bebaiten habe, ihre 
Bediente ohne einige Form des Proceffes ermorden 
zu laflen. Man hätte vielmehr fragen follen ob es 
der Chriftina, wenn fie auf dem fehwedifchen Throne 
geblieben wäre, erlaubt gemefen wäre, fich. eines fo 
barbarifchen echtes zu bedienen; eine Be die 
vor dem Kichterftuhle des Natur und Voͤlkerrechts 
fi) bald würde haben entſcheiden lafien. Dem 
Staats, deffen Erhaltung den Monarchen heilig fenn 
muß, weil er beftändig bleibt, wenn die Könige und 
Untertbanen verſchwinden, ift Daran gelegen, daß die. 
Menfchen nach den Gefegen gerichtet werden. Den 
Prinzen felbft ift daran gelegen, deren Stärfe und 
Sicherheit die Gefege find.. Die Menfchlichkeit er» 
laubet ihnen zumeilen, die Strenge derfelben zu mil» 
dern, wenn es darauf ankommt, zu begnadigen: aber 
niemals ift es ihnen erlaubet, von denfelben abzuge: 
ben, um graufam zu ſeyn. Man würde den Koͤni— 
‚gen Unrecht hun, wenn man fid) einbildere, Daß dieſe 
Grundfäße fie beleidigen koͤnnten, oder daß nur Muth 
dazu gehöre, fie in dem Schooße einer Monardjie 
verzutragen. Sie find die Stimme der Natur, der 
die Tyranney eben fo verhaße ift, ale ihr ein gerechter 
und weifer König werth iſt. Nach fo wahren Grund- 

— fügen, 


— 


Koͤniginn von Schweden. 381 


fügen, bie fo tief i in das Herz aller Menſchen gegra. 
ben find, ift, meiner Meynung nach, wenig daran gele 
gen, zu entſcheiden, vor welchem Richterſtuhle Chriſtina, 
Die die Regierung niedergelegt hatte, den Monaldeſchi 
hätte follen richten laſſen, ob es hätte in Schweden, 
in Kom, oder in Srankreich geſchehen follen. Es 
ift wenig daran gelegen, würde ich antworten , vor 
weichem Gerichte es gefcheen märe, nur mußte eg 
Ne vor ihrem eigenen Gerichte geſchehen. 

Noch weniger weſentlich ſcheint es mir zu ſeyn, 
wenn man unterſuchen wollte, welches die Urſache der 
Ermordung des Monaldeſchi geweſen; vielleicht iſt 
es fo gar für die Ehre der Koͤniginn nothwendig, 
über diefes Geheimniß eine Dede zu ziehen! es wäre 
abfcheulich, wenn ein Liebeshandel die Urfache derfels 
ben gewefen wäre, wie einige Schriftfteller haben vor- 

geben wollen. Die That der Ehriftina har einen 
Kara Bewegungsgrund nicht noͤthig, um verhaßt 

u ſeyn. 
1657. Weil ihr Frankreich zuwider war, wo der 
Mord des Oberſtallmeiſters einen Abſchen vor ihr 
verurſacht hatte, ſo nahm ſie ſich vor, nach England 
| überzugeben ; Crommwell, der damals Diefes König» 
| reich auf eine befpotifche Het regierte, Die viel weiter 
gieng, als die Tyranney, wofür er feinen König hatte. 
beftrafen laffen, hielt es nicht für vathfam, die Ehri- 
ſtina aufzunehmen. Diefer Mann, der ein eben fo 
geſchickter Staatsmann als gefährlicher Bürger var, 
befürchtete, das Geheimniß feiner Gefchäffte, ven 
durchdringenden Blitzen eines Frauenzimmers aus. 
zufegen, das man für eine Meifterinn in den Staats, 
le hielt. Kae konnte er ſich niche ent« 
ſchließen, 



















392 Anmerkumgen über Chriſtina, 


ſchließen, eine Königinn zu fehen, die drey Kronen! 
für eine Religion hatte fahren laffen, die er haſſete, 
und er fand es nicht für gut, das Geld der Engländer! 
auf einen fo unnügen Empfang anzuwenden. Chris) 
ftina verlor auch bald die Luft zu diefer Reife, und! 
veifete dafür nach der franzöfifchen Akademie, Die da⸗ 
mals bey weitem das nicht war, was fie ißund ift 5) 
weil man ihr nichts beffers zu geben hatte, als eine) 
Ueberfegung einiger Verſe des Lucrez, wider die Vor⸗ 
fehung, die der Cotin gemacht hatte, und denen er) 
wie Patru faget, einige zwanzig von feiner Art entge⸗ 
gen gefegt hatte, um fie zu behaupten. Es ift nicht 
unnüß anzumerken, daß man in eben der Verſamm⸗ 
lung der Königinn einige Artifel aus dem franzöfie 
fchen Wörterbuche vorlas, woran die Akademie das) 
mals arbeitete, man fiel auf das Wort jeu,. worun«! 
ter fich diefe Worte befanden: Jeux de Princes, qui 
ne plaifent qu'à ceux qui les font. Spiele der‘ 
Prinzen, die nur denen gefallen, die diefe Spies 
le machen. | | J 

1658. Endlich kehrte Chriftina nach Nom zu⸗ 
ruͤck, wo fie fi) in ruhiger Muße ihrem Geſchmack 
für die Künfte und Wiffenfchaften, vornehmlich aber)! 
fuͤr Die Chymie, die Medaillen und Statuen in ruhie 
ger Muße überließ. Der Cardinal Azzolini, der eine 
Neigung gegen fie faßte, welche die Verlaͤumdung 
nicht verſchonet hat, brachte die Finanzen der Köniz 
ginn, die theils Durch ihre Verſchwendung und Nach⸗ 
läßigkeit, theils Durch die unrichtige Bezahlung der 
bewilligten fehmedifchen Gelder, in große Verwir⸗ 
rung gerathen waren, wieder in Ordnung. Dieſer 
Gardinal blieb ihr Freund und Bertraufer bis an 


J 





. Königin von Schweden. 383 


feinen Tod. . Man faget auch, daß nicht mehr als 
drey Männer ſich die Hochachtung der Königinn. 
erworben, der Prinz von Conde durch feine Tapfers 
keit, der Cardinal von Res durch feinen Verſtand, 
und det Cardinal Azzolini Durch feine Höflichkeit. 
Wenn man übrigens von dem Charafter der Köni: 
ginn (ließen foll, fo iſt es nicht ſehr wahrſcheinlich, 
daß fie ſehr zur Ueppigkeit oder gar nur zur Siebe ge; 
neigt gemefen, Eine ziemlich übelverftandene Eitel. 
keit war ihre Haupkleidenfchaft, 
Chriſtina war nicht lange in Nom geweſen, als fie 
mit Alerander dem Giebenten Händel befam. Dies 
ſer Pabft war ein eitler und zankifcher Mann, und. 
hatte ſich bereits die Ehre der Bekehrung diefer Prin⸗ 
zeßinn zueignen wollen, von der er doch nur weiter 
nichts als einen Brief erhalten hatte, nachdem fie dies 
fen Entſchluß genommen hatte. Das Antheil, das: 
Ehriftina an den franzöfifchen Angelegenheiten zu neh⸗ 
men ſchien, erweckte dem Pabſte Misvergnuͤgen, der 
Ludwig den Vierzehnten nicht liebte; aber Chriſtina, 
die die Denfungsart Aleranders des Siebenten kann. 
te, und Lirfache harte, ihn zu ſchonen, befänftigte ihn 
von Zeit zu Zeit, indem fie ſich in den öffentlichen: 
Proceßionen den Gegen geben ließ; fie nahm fogar 
ihre Wohnung in einem Kofler, um deſto weniger 
Verdacht bey dent Pabfte zu erwecken, der fie durd) 
Geiſtliche und Mönche ausfpioniven ließ.  Diefer 
Aufenthalt in einem Kloſter brachte die Leute auf die 
Gedanken, daß fie willens fey, fich zur Nonne einkleiz 
den zu laffen; „Die Königinn Chriftina, fehrieb Guy 
„Patin bey diefer Gelegenheit, wird noch alle Sebens. 
„arten durchgehen, wofern fie niche bald ſtirbt; fie 
3 | „bat 
4 | 


384 Anmerkungen über Chriſtina, 


„hat ſchon ſehr verſchiedene Perſonen geſpielt, die von 
„ihrem erſten Stande ſehr entfernet ſind, da man ſie 


„die zehnte Muſe und die Sibylle des Nordens 


„nannte, Man Fann leicht einſehen, ob es wahr. 


ſcheinlich gewefen, daß eine Prinzeßinn, die wider den 


Pabſt aufgebracht war, auf eine fo feltfame Art die 
- Bande noch genauer zufammenziehen wollen, ‚welche 
fie an den Pabſt verknuͤpften. 


zu A 


1650. 1661, Die Urfachen des Misvergnügens, 


die fie entweder wirklich hatte, oder zu haben glaubte, 


vermehreten ſich endlich dergeftalt, daß fie ſich nach 
dem Abjterben Cart Guftavs entfchloß, nach Schwe- 


den zurüc zu fehren: Diefe Reife, deren wahre Ur« 


fachen man nicht wußte, gab den Politicis zu vielen 


Muchmaßungen Anlaß ; ‚fie fiel aber unglücklich aus. 
Die alten Unterthanen der Chriftina vergaßen alles, 
was fie fiir fie gethan, und alle die Liebe, die fie ihnen 
vormals bezeuget hatte, und fahen in ihr weiter nichts, 


als ein Srauenzimmer, das fie verlaffen hatte, um in _ 


einem fremden Sande in dem Schooße einer Keligion 
zu leben, von der fie glaubten, daß ſie Schweden 
fchädlich fen. Die Meffe, die in ihrem Pallafte ziem⸗ 
lich frey gehalten ward, misfiel dem Adel eben nicht fehr, 
der mit nichts als Intriguen und Kriegen befchäfftigee 


war. Aber fie beleidigte die beyden unterften Stände 
des Königreid;s, die Geiftlichfeit, deren Anfehen fie - 
froßete, und den Bauernftand ungemein, deffen Bore 


urtheile fie aufbrachte; diefe beyden Stände weiger⸗ 


sen fich, ihr ihre Einkünfte zu verfichern, indem fie 
überzeugt waren, daß man an $uthern glauben müßte, 


um werth zu feyn, zu leben. Chriſtina mochte im— 


merhin fagen, daß fie als eine Monarchinn nieman« 
| BE den 


| — * 
Koͤniginn von Schweden. 385 
den von ihren Handlungen Rechenſchaft geben duͤrfe; 
man antwortete ihr, daß es ihr nicht frey ſtuͤnde, die 
Grundgeſetze des Reichs aufzuheben. Die Staͤnde 
ließen ihre Kapelle niederreißen, und beurlaubeten ihre 
italieniſchen Almoſenpfleger, die ſie mitgebracht hatte. 
Sie war nur noch dem Namen nach Koͤniginn, ſagt 
ein Geſchichtſchreiber, und derjenige, den fie zum Koͤ— 
nige gemacht hatte, und der fich rühmete, alles von 
Gott und von Chriftina zu haben, mar nicht mehr. 
Allem Anſehen nach wuͤrde Chriftina dieſe Berfol. 
gung durch eine andere beſtraft haben, wenn ſie in 
ihrem Vorhaben, wieder auf den Thron zu gelangen, 
waͤre gluͤcklich geweſen; aber dieſes Vorhaben lief 
auf weiter nichts hinaus, als daß man ſie zu einer 
abermaligen Abdankung noͤthigte. Sie gieng alſo 
nach Rom zuruͤck, und ſah bey ihrer Durchreiſe durch 
Hamburg den beruͤhmten Lambecius, den ſie durch 
ihre Begegnung wegen der Verfolgungen troͤſtete, die 
er damals von den Theologen dieſer Stadt erdulden 
mußte. Dieſe Verfolgungen giengen ſo weit, daß er 
katholiſch ward, um ſeinen Feinden zu beweiſen, daß 
er kein Atheiſt ſey: fuͤr alle andere, außer fuͤr die, ſo 
er überzeugen wollte, war dieſer Beweis entſchei⸗ 
dend. | 
Die Belagerung von Candia, von der die chriftlis 
chen Prinzen damals Zufihauer abgaben, ohne diefer 
‚Stade zu Hülfe zu kommen, ſchien der Königinn von 
Schweden nicht fo gleichgültig zu ſeyn; Sie gab fich 
fehr viel Mühe, den Benetianern Hülfe an Geld und 
‚Truppen zu verfchaffen; und ob diefe Bemühungen 
‚gleich fruchtlos waren, fo waren fie doch fo ftarf, daß 
man fie für eigennüßig hielt; fo gefchickt iſt die menfche 
33 Dand. Bb liche 


386 Anmerkungen über Chriſtina, 


liche Bosheit, ohne Grund auch die loͤblichſten Hand⸗ 
lungen zu vergiften, | | 

2662. Kurz hernach fiel die befannte Sache mit 
den Corſen vor, weswegen ſich der König von Frank⸗ 
reich auf eine Art, die den roͤmiſchen Hof ſo ſehr de⸗ 
muͤthigte, Recht verſchaffete. Chriſtina hatte in die⸗ 
ſer Sache zugleich die Ehre, bey dem Koͤnige fuͤr den 
Pabſt, den ſie nicht liebte, eine Fuͤrbitte zu thun, und 
das Vergnuͤgen, nichts auszurichten. Der Pabſt, 
den es wuͤrde verdroſſen Haben, wenn er ihr das Nach- 
geben des Königs zu danfen gehabt häfte, und ver. 
vielleicht ihre Bewegungsgruͤnde einfah, glaubte ihr 
gar nicht verbunden zu feyn, weil fie nichts ausgerich ⸗ 
tet hatte. Er fuhr fort, ihr mit fo weniger Maͤßi⸗ 
gung zu begegnen, daß fie eg endlich) müde ward, vom, 
Pabſte nichts als Berdruß und Vergebung der Sün«. 
den zu haben, und den feiten Schluß faffete, noch) eine 

mal nad) Schweden zurück zu Eehren. 

1663. Unterdeffen daß fie die ſchwediſchen Stän., 
de hieruͤber ausforſchen ließ, beſchaͤfftigte ſie ſich in 
Kom mit dem Umgange der Gelehrten, und machte: - 
fid) bisweilen auf ihre Koften luftig. Sie ließ unter, 
andern eine fonderbare Medaille ſchlagen, um ſich an 
der Verlegenheit zu beluſtigen, worein die Umſchrift 
derſelben die Gelehrten ſetzen wuͤrde. Ich weiß nicht, 
ob dies Vergnuͤgen ſehr anſtaͤndig iſt. Ein Prinz 
hat ſo viel Urſache, die Wiſſenſchaften zu lieben und 
zu beſchuͤtzen, daß es ſich fuͤr ihn weniger, als fuͤr einen 
jeden andern ſchickt, die armen Gelehrten laͤcherlich zu 
machen: dieſe Sorge muß man ihnen ſelbſt übers 
laſſen, fie laſſen fich biejelbe nur gar zu fehr aigelegen 


ſeyn. 
Die 


vo Röniginm von Schweden. 387 
* Die Bedingungen, die der Senat der Chriflina 
Eünftig, wenn fie fi in Schweden aufhalten würde, 
ſelbſt damals vorfchrieb, da fie bereits abgereifet war, 
um zum zweytenmale wieder dahin zu Fommen, fehies 
nen ihr fo hart zu feyn, daß fie es für gut befand, in 
Hamburg den naͤchſten Reichstag abzuwarten, um 
auf demfelben ihre Rechte geltend zu machen. Von 
bier aus fehrieb fie an den Reichsrath Sevedt Baaf, 
der ihre Angelegenheiten am fehwedifchen Hofe bes 
forgte, daß die Verbindlichkeit, die fie hätte, große 
Angelegenheiten zu fhonen, fie gelebret habe, zu lei⸗ 
den, und ihren Schmerz zu verbergen. Auf diefer 
Keife fand fie in dem Cabinette eines Antiquarii die 
Medaille ihrer Abdanfung, welche fie wegwarf und 
nicht fehen wollte. Diefe Handlung, die vielleicht 
nichts als eine Wirkung ihres gegenwärtigen Vers 
druffes war, ward indeffen mit vieler Wahrfcheintich» 
keit als ein lebhafter Ausdruck ihrer Neue über ihre 
Abdanfung angefeben. i ! NG 
+ Der Reichstag ward gehalten, und man hätte dens 
ken follen, daß fich Die Angelegenheiten Gottes veräns 
dert hätten; dein von allen Ständen war die Geift« 
lichkeit der Ehriftina allein guͤrſtig. WBermutblich 
befürchteten die Geiftlichen, daß fie noch mehr aus« 
vichten würde, als fie felbft Hoffete, wenn fie an den 
Hof Fame, und ihre Forderungen felbft vorbraͤchte; 
und die ſchwediſchen Priefter uͤbeten bey diefer Geles 
genheit Die Marime aus, daß man feinem Feinde eine 
goldne Brücke bauen müffe, Aber der übrige Theil 
der Nation, dem alle diefe Reifen der Ehriftina we— 
nig Hochachtung für fie eingeflößer hatten, und der in 
‚ihrer Aufführung nichts, als ſehr viel Unbeſtaͤndigkeit 
„1 LAN 3b a und 


) 


388 Anmerkungen über Chriſtina, 


und Intriguen ſah, bediente ſich des Rechts, das ſie 
ihm gegeben hatte, und ſchlug ihr beynahe alle ihre 
Forderungen ab. Sie verließ alſo Schweden auf 
ewig, und kam nach Rom zuruͤck, wo ſie ihre uͤbrige 
Lebens zeit misvergnuͤgt zubrachte, indem fie von ihren 
alten Unterthanen übel bezahlt, von Frankreich ver- 
geffen, und felbit von der Nation wenig geachtet ward, 
die fie allen andern vorgezogen hatte, Die Grfennt: | 
lichfeit und die Bewunderung waren, po zu fagen, die 
erften Bewegungen der Römer gegen eine Prinzeßinn. 
gewefen, die Die Regierung niedergelegt hatte, um 
unter ihnen zu leben; aber die Menfchen haben Feine 
dauerhafte Empfindung, als für die Größe und die 
Macht; und felbft die Prinzen, die am höchften ges 
ſchaͤtzet werden, und die es am meiſten verdienen, 
wiſſen nicht, wie ſehr ihnen der Thron nothwendig iſt, 
um ihren Gaben Gerechtigkeit zu verſchaffen, und wie 
viel Verdienſt ihnen in den Augen des Poͤbels, das 
iſt, faſt aller Menſchen, ihre Krone giebt, ſelbſt als— 
dann, wenn ſie dieſelbe am wenigſten noͤthig haben. 
„Chriſtina, ſagt der Geſchichtſchreiber Nani, ward 
„bald nach ihrer Abdankung gewahr, daß eine Könis 
„ginn ohne Staaten eine Gottheit ohne Tempel ſey, 
„deren Dienſt bald verlaſſen wird.,, 

Sie mar noch nicht zu Rom angelanget, als ſi e 
von dem Tode des Pabſtes Alexanders des Siebenten 
Nachricht erhielt. Es iſt nicht unnuͤtz, anzumerken, daß 
dieſer Pabſt beym Antritte der paͤbſtlichen Wuͤrde, 
viel Strenge und Widerwillen gegen den ſogenannten 
Nepotiſmum bezeigte. Dieſe Uneigennuͤtzigkeit war 
der Vorwurf eines Briefes, den der Cardinal Palla⸗ 
vicini vor feine — des ——— Concilii 

an 


Königinn von Schweden. 389 


an ihn gerichter hatte; aber der Pabſt veränderte 
feine Denkungsart oder feine Aufführung fo plößlich, 
und uͤberſchwemmete Rom dergeſtalt mit feinen Nies _ 
poten, daß Pallavicini das Sächerliche diefes Briefes 
einfah, und ihn nicht heraus gab, ob er gleid) bereits 
abgedrucke war. 
Ihm folgte Clemens der Meunte in der päbftlichen 
Würde, feine Regierung, Die gar zu furze Zeit-dauerte, 
ward das güldene Alter Roms genannt. Chriſtina 
‚hatte viel Urfache, mit dieſem Pabfte zufrieden zu 
feyn, er war frengebig, prächtig, ein Freund der Wif- 
fenfchaften und der Menfchen, und fo aufgeklärt, daß 
er die Religion durch die Endigung aller Zänfereyen 
verehrungsmürdig machen wollte. Es wäre in der 
That zu roünfchen, daß e feiner friedfertigen Art 
zu denfen viele Nachfolger haben möchte. | 
Chriftina ſetzte ihre Bekanntſchaft mit den roͤmi⸗ 
ſchen und auswaͤrtigen Gelehrten beſtaͤndig fort. Der 
Verfaſſer der Denkwuͤrdigkeiten giebt ſich die Muͤhe, 
uns bey dieſer Gelegenheit ein Verzeichniß von den 
Gelehrten zu geben, die damals die arcadiſche Akade⸗ 
mie ausmacheten, ein Verzeichniß, das in dieſer Ge⸗ 
ſchichte eben ſo unnuͤtz iſt, als die Liſte, die er von den 
ſchwediſchen Gelehrten giebt, die unter der Regierung 
der Chriſtina gelebt haben. Ich will aus dieſer gan⸗ 
zen Stelle ſeiner Denkwuͤrdigkeiten nichts anders an⸗ 
führen, als den Titel eines Werks des Nicolaus Pal: 
lavicini, der folgendermaßen lautet: Rettung der 
göttlichen Vorſehung durch das große Gut, 
das die katholiſche Aeligion in der Perlon der 
Röniginn von Schweden erworben bat, 
* Tractat ward nicht gedruckt, weil man 54 
Bb 3 Ketze, 






390 Anmerkungen über Chriſtina, 


Ketzereyen darinn zu finden glaubte, Ich bewundere 


die Geduld desjenigen, der fie gezaͤhlet hat. | 


Man fieht aus einem Briefe, ven Chriftina am 


Otto von Guericen fehrieb, wie fehr das Vorurtheil 


‚ wider die Bewegung der Erde in Nom eingewurzele 
geweſen. Diefe Prinzeßinn, die dem Throne abge 


fagt hatte, um frey zu ſeyn, hatte doch nicht die Frey» 
dei einem Fremden dreufte zu fagen, daß fie die Uns» 
yeweglichfeit der Sonne glaube. | 
Sie hatte in Nom viel Umgang mit dem berühm« 
fen Lucas Hofftein, der, wie man fagt, 8000 Fehler 
im Baronius gefunden, und der vielleicht noch mehr 
würde begangen haben, wenn er ihn widerlegt hätte. 
1672. Bald darauf eneftund der berühmte Krieg, 
den Ludwig der Be ganz Europa, das 
wegen der Demüthigung der Holländer eiferfüchtig 
war, mit fo vielem Ruhme aushielt, und der durch 


den nimmegifchen Frieden geendiget ward. Chriſtina | 


billigte es nicht, daß fich die Schweden in diefen Krieg 
gemiſchet Hatten, worinn fie auch in der That nicht 
glücklich waren, Vielleicht war fie auch durch eine 
Schmaͤhſchrift aufgebracht worden, die man in Frank⸗ 
reih wider fie herausgegeben hatte, und wofür fie 
feine Genugthuung erhalten Fonnte. Aber das, was 
ihr am meiften zu Herzen gieng, war die Furcht, daß 
die Bezahlung ihrer Einfünfte Dadurch möchte vers 
zögert werden. Sie fhickte einen Bevollmächtigten 
nach Nimwegen, der ihre Angelegenheiten dafelbft 
beforgen follte, den man als einen Ambaffadeur einer 
Königinn ohne Macht, von der man nichts zu hoffen und 
zu fürchten hatte, empfieng und anhörete. Diefer Be— 
vollmächtigte war ein junger Schwede, mit Namen kr 
| — Kun er⸗ 


N. Koͤniginn von Schweden. ° 391 
derkranz; der wenige Verſtand, und die fehlechten 
Einfichten, die Ehriftina bey ihm bemerkt hatte, Fonts 
ten fie nicht abhalten, ihm ihre Angelegenheiten anzus 
vertrauen ; fie fagte, fie wäre willens, diejenigen, Die 
| ihr dieneren, nicht allein glücklich, fondern aud) Flug 
machen. Indeſſen überfchickten die Schweden der 
re gleic) nach dem Friedensſchluſſe anſehnliche 
Summen; aber dieſe Prinzeßinn verwarf den Vor⸗ 
ſchlag gaͤnzlich, den man ihr that, jaͤhrlich eine gewiſſe 
Summe auf Abrechnung ihrer Forderungen, von 
Frankreich anzunehmen. Wenn man fein eigener 
Herr feyn Fann, anfıvortete fie, fo muß man feinen 
andern fachen, 
679. In dem folgenden Jahre macheten die 
Meynuͤngen der Quietiften, Die, wie fo viele andere, 
die menfchliche Vernunf fofehr demürbigen, ein großes 
Aufſehen in Rom, mo dergleichen Zaͤnkereyen im 
Grunde verachtet, und dem Außerlichen Anſehen nach 
mit vieter Feyerlichfeit beurtheilet wurden; das neue 
Syſtem hatte den Michael Molinos, einen fpanifchen 
Driefter, zum Urheber, der ein großer Gewiſſensrath 
und ſelbſt ein redlicher Mann war, wie der Pabſt 
ſelbſt geſtehen mußte. Dies waren zween Titel, die 
ihm viele Feinde erregen mußten. Diejenigen, die 
eiferſuͤchtig darnach trachteten, die Gewiſſen zu regie⸗ 
‚ren, unterließen nicht, einen gefährlichen Ketzer in ei⸗ 
nem Manne zu finden, deſſen Gedanken von der Spi« 
ritualität mehr Mitleiden als Unwillen verdienen, 
Ehriitina nahm ſich des Molinog, enttveder aus einem 
natürlihen Mitleiden, oder aus Haß gegen die Vers 
folger deffelben, oder auch vielleicht aus Begierde, in 
einer Pen, womit damals ganz Europa befchäfftiget 
3b 4 war, 


392 Anmerkungen uber Chriſtina, 


war, eine anfehnliche Rolle zu ſpielen, auf eine fo_ 
‚öffentliche Art an, daß man fie fogar in dem Ber- 
dachte hielt, daß fie den Meynungen des Molinos zu 
gethan fen, und es fehlete nicht viel, fo hatte man die⸗ 
fer Prinzeginn ein Verbrechen daraus gemacht, daß 
fie gegen einen unglücflichen Priefter die Pflichten der 
Menfchlichkeit erfüllete. Die geiftige Ruhe, die 
Molinos predigte, und diedamals die Aufmerkſamkeit 
der Inquiſition befchäfftigee, gab dem Pasquin Gele 
genbeit, auf: eine luftige Art zu fagen: „Reden wir, 
„ſo ftehen die Galeeren darauf, fehreiben wir, fo. ha⸗ 
„ben wir den Galgen, und halten wir, uns in Ruhe, 
„ſo haben wir die Inquiſition zu befürchten :: was foll 


„man .alfo anfangen ?,, 





Molinos, der. von der Chriftina unterftüget ward, 
hatte in der Perfon des sine von Sranfreich einen 
fuͤrchterlichen Gegner, der durch die Feinde diefes ber 
- daurenswürdigen Keßerhaupts- angetrieben, fehr eif- 
rig auf feine Berdammung in Nom drang. Dies 
felbe ward endlich von dem. Pabft Innocentius dem 
XI. ausgefprochen, der. damals auf dem paͤbſtlichen 
Stuhle faß, und wenn man auch: das gerechte Ber» 
fahren des Pabftes bey diefer Gelegenheit nicht in 
Betrachtung zieht, fo muß man ihm dennod) die 
Gerechtigkeit wiederfahren laffen, daß ihn Fein menfch» 
licher. Bewegungsgrund zu dieſer Handlung ange 
trieben ; man fieht “aus feiner ganzen Aufführung 
‚gegen Frankreich, daß er gar nicht Willens war, den 
König zu ſchonen. Diefer tugendhafte, halsſtarrige 
und blödfinnige Pabft bezeigte fich fo unbiegfam, daß 
‚er unter einem weniger frommen Könige, als Ludwig 
der XIV. war, leicht. eine Trennung — der 
| ran⸗ 


Koͤnmiginn von Schweden. 


franzoͤſiſchen und roͤmiſchen Kirche hätte verurſachen 
koͤnnen. Seine Nachfolger haben weit mehr durch 
Guͤte erhalten, als er durch eine uͤbel angebrachte 
Standhaftigkeit ausrichten konnte, und es iſt etwas 
Merfwürdiges in der franzoͤſiſchen Geſchichte, daß 
See franzoͤſiſche Hof, ohngeachtet ‚feiner Ergebenheit 
gegen den paͤbſtlichen Stuhl, ſich den roͤmiſchen Die 
ſchoͤfen, doch am beften widerfeger bat, und-ihnen nie« 
‚mals Auf eine andere Art, Big, etwas s zuge. 
ſtanden hat. 


Die beruͤhmte Mademoiſelle fe lage die Ya: 
her unter dem. Namen der Madame Dacier bekannt 
ward, ſchickte um diefe Zeit der Chriftina den Florum 
ad often etc. zu; welchen fie eben damals herausge⸗ 
geben hatte, Ehriſtin dankte ihr in ihrer Antwort 
auf eine ſehr verbindliche Art, und ermahnte fie, die 
katholiſche Religion anzunehmen. 


Ich weiß nicht, ob ich bey dieſer Gelegenheit eines 
Briefes erwähnen foll, den der Verfaſſer der Denk— 
würdigfeiten anfuͤhret, und worinn die Koͤniginn von 
Schweden, einen gewiſſen Grafen Vaſato ermahnet, 
ein Moͤnch zu werden. Der Verfaſſer will ſich dies 
fes Briefes als eines Beweifes bedienen, um die Res 
ligion der Chriftina darzuthun, ob er fich gleich in 
verfchiedenen Stellen feines Werfes hat merken laf 
fen, daß er an der Aufrichtigfeit ihrer Bekehrung 
zweifele, denn die Auflöfung diefes Problema fcheine 
ihm von großer Wichtigkeit zu feyn, und viele Un⸗ 
ruhe zu verurfachen. Aber ein Brief, der der Prin- 
zeßinn und degjenigen, an den fie ihn ſchrieb, ſo un⸗ 
wuͤrdig iſt, beweiſet weiter nichts, als wie viel Zeit, 
Sb 5 Chris 


/ 


/ 


394 Anmerkungen über Cheiffinn, 


Chriſtina zu verlieren hatte; er gehoͤret mit zu de⸗ 


nen, die man aus ihrer Gerichte hätte weglaffen 


ſouen pi 

"Eben dieſes iſt auch meine Meynung von der Ver⸗ 
* womit man den vorgeblichen Geſchmack 
dieſer Koͤniginn an der Aſtrologie entſchuldigen wiz, 
Zu einer Zeit, da die Philoſophie, (die gemeinig⸗ 
lich bey dem Throne aufhöret,) noch nicht alle Staas 
en aufgeflävet harte, würde es eben nichts Erſtaun⸗ 
liches fenn, daß eine Röniginn, die ſelbſt nach denen 
‚Dingen. begierig war, die. fie nicht wiſſen Fonnte, für 
eine nichtswürdige Wiffenfhaft, eingenommen gewe⸗ 
fen wäre, auf die fich damals ſehr große Leute legten, 
und die den berühmten Caßini in feiner Jugend bes 
ſchaͤfftiget hatte. Zum wenigſten zeigte Ehriſtina 
einige Einſicht und Kenntuiß der Welt, wenn fie 
fagte, daß die irdifche Aftrologie ihr noch ficherer vor⸗ 
kaͤme, als die himmliſche, wenn man von den Bege⸗ 
benheiten urtheilen wolle, und daß mian die Aſtrolo- 
gie, ſo wie die Arzeneykunft, nur’ darum — 


muͤſſe, um nicht betrogen zu werden. 


1683. Diefe Prinzeßinn fchrieb als Röniginm, 
als eine römifchFarholifche Chriſtinn, und als eine 
Bewundererinn großer Thaten, im Jahr 1683, einen 
Brief an den König von Pohlen, Johannes Go 
biesky, der durch den Entfaß der Stadt Wien, die 
von den Türken belagert ward, dem Kayſer einen fo 
wichtigen Dienft leiftete, und ihn zu gleicher Zeit de: 
muͤthigte. Es fcheint, als wenn Ehriftina dem So. 
biesky den Vorwurf zu verftehen gegeben, den man 
ihm machte, daß er fich nämlich Durch die Beute des 


Krieges gar zu fehr bereichert Babe : — beneide 
| Ew. 


 Königinn von Schweden." 395 - 

Ew. Majeftär, ſchrieb fie, ſo viele Schäge nicht, ich bes 

mneide Ihnen bloß den rühmlichen Titel eines Erretters 

„der Ehriftenheit; und ob ich gleich fein Königreich 

„babe, fo bin ich desfalls doc) nicht von der Vers 

„bindlichfeit Frey, die alle Monarchen Ew. Majeftät 
sichuldig find. „ | 


Indem Ludwig der XIV, den Pabft demuͤthigte, 
Dachte er zugleich darauf, die calviniſche Religion in 
feinen Staaten auszurotten, und mwiderrief im Jahre 
1685 das Edict von Nantes. Chriſtina ſchrieb bey 
dieſer Gelegenheit an den Ritter von Terlon, französ 
ſiſchen Ambaffadeur am fehmwedifchen Hofe, einen 


Brief, den Bayle in fein Journal einrüdte, Sie 


bedauerte in bemfelben das Schickſal der verfolgten. 
Calviniſten auf eine fo theilnehmende und aufrichtige 
Art, daß diefer berühmte Schriftftelfer daher Anlaß 
nahm, zu fagen, der ‘Brief der Königinn ſey ein Reſt 
‚der proteftantifchen Religion. Diefer Reſt der pro 
teftantifchen Religion, Bayle mag auch fagen, was 
er will, war wenigftens fehr zwendeutig; es ift fehr 
wahrſcheinlich, Daß bloß die Rechte der Menfchlich- 

. feit der Ehriftina diefen Brief abgezwungen. Die 
Verfolgung der Reformirten ward zu einem fo hohen 
Grade der Gewaltthätigfeit getrieben, die man $ud- 
wig dem XIV. nicht beymeffen kann; fie war die uns 
gluͤckliche Wirkung der Heftigkeie feiner Minifter. 
Er würde fie verabfcheuer haben, wenn er ein Zeuge 
davon gemwefen wäre. Ich laffe mich Hier in die 
Frage nicht ein, vb der König die reformirte Reli— 
gion in feinen Staaten hätte dulden’ follen; ob zwo 
mächtige Religionen, die aufeinander eiferfüchtig 
TE find, 


396 Anmerkungen über Chriſtina, 
find, in der Länge einem Königreiche nicht gefährli- 
cher find, als es die Ausrottung der einen von bey ⸗ 
den ſeyn würde, ob es in dem Zuftande, worinn die 
Sachen damals waren, nicht beffer würde. gemefen 
feyn, ſich gelinder, Mittel zu bedienen, als offenbare 
Gewalt zu gebrauchen, und in der Stille nah und 
nach Profelyten zur katholiſchen Religion zu machen, 
anſtatt Märtyrer in der reformirten zu machen. 
Dieß find politifche und Religionsaufgaben, wenn 
man fo fagen darf, die eine andere Feder als die mei- 
nige, und eine andere Schrift, als die gegenwärtige, 
erfordern. Aber es feheint doch, Als wenn: igund 
alle Welt darinn einig wäre, daß diefe Verfolgung, 
(die Feinesmeges von Ludwig dem XIV. befohlen wor» 
den, ) mit einer Grauſamkeit ausgeuͤbet worden, die 
beydes, die Religion und die Gerechtigkeit, beleidiget; 
und daß man den König zu eben der Zeit, da man 
ihn wegen feiner richtigen Abfichten lobet, zugleich 
beflager, daß feine Befehle auf eine fo unmenfchliche 
Arc vollzogen worden. Doch dem fey wie ihm wol» 
le, die Gefinnungen,, die Ehriftina in dieſem Briefe 
äußert, machen ihr Ehre, und find eines von den 
fhönften Stüden, die wir von ihr übrig haben, 
„Seyd ihr auch, fehrieb fie an den Ritter von Ter- 
„ton, von der Aufrichtigfeit dieſer Neubekehrten 
„recht überzeuget ? = = „die Soldaten find feltfame 
„Apoſtel » » =. „ich beflage fo viele rechtfchaffene 
„geufe, die an den Bertelftab gebracht find, ob fie 
„gleich irren, fo verdienen fie doch mehr Mitleiden 
„als Haß « > = Sch betrachte Frankreich als einen . 
„Kranken, dem man einen Arm abnimmt, um ein 
„Uebel auszurotteny das die Geduld und — 
| vi | — „te 





‚ Königinn von Schweden. 397 


„tel wuͤrden geheilee haben. „ Sie endiget ihren 
Brief, indem fie die Aufführung Ludwigs des XIV. 
gegen feine proteftantifche Unterthanen dem Bezeigen 
entgegen feßet, das er damals gegen den Pabft beob» 
achtete. Diefer legte Punct ift eben fo überflüßig, 
als ihre italienifchen Declamationen wider die Sreye 
heiten der franzöfifchen Kirche und die berühmten Ara 
tifel von 1682. 


Indeſſen nahm es Chriftina fehr übel, daß Bayle 
diefen Brief öffentlicy befannt gemacht hatte, noch 
mehr aber ärgerte fie fich über die Anmerkungen, die 


er hinzu gefüger hatte, um ihre Bekehrung ein wenig. 
verdächtig zu machen. Ihre Klagen veranlafferen 
eine ziemlich lange Unterhandlung zwifchen dem Phis 
lofophen und der Prinzeßinn, und diefe Unterhands _ 
lung ward endlich zum Vergnügen beyder Parteyen 


geendiget. 


1687. Die Sache wegen der freyen Zuflucht, 


die um dieſe Zeit in Frankreich fo. viel Laͤrm verura 


fachte, machte in Rom nicht weniger Aufſehen. Chris. 


ftina, die ihrem echte anfänglich entſaget hatte, 
wollte ihre Entfagung wegen eines Berdruffes wies 
der aufheben, den ihr die Frechheit der päbftlichen 
‚Gerichtebedienten verurfachte, indem fie einen Miſſe— 
thaͤter bis in ihr Haus verfolgeten, und ihn heraus» 
boleten, Aber diefe Sache, die in Paris mit vieler Feya 
erlichkeit getrieben ward, und von Seiten des Pabiteg 
Bannftrabhlen, und von Seiten des Parlements Des 
creteund Appellationes an ein Fünftiges Concilium ver⸗ 
anlaflete, ward zwifchen der Chriftina und dem Pabfte 
durch die Bermittelung ihrer Beichtvaͤter auf eine 

RN j gelaſſe⸗ 


\ 


398 Anmerkungen über Chriſtina, | 
gelaffene Ark abgehandelt. Indeſſen Eoftete es doch 
eben ſo viel Muͤhe, ſie beyzulegen, als wenn Ebriſti. 
na furchtbar geweſen wäre, 

Da der Prinz von Conde in dem vorpegependen: 
Jahre geſtorben war, fehrieb Chriltina, deren Be⸗ 
wunderung für diefen Prinzen durch fein Unglück nie. 
war vermindert worden, an Die berühmte Mademoi- 
felle Scudery, um fie zu bewegen, einen Helden, der‘ 
ihrer behinrüche. fo würdig fey, nad) ihrem ganzen 
Vermoͤgen zu erheben. Man fiche aus diefem Brie⸗ 
fe, daß Ehriftina dem Tode ziemlich ftoifch entgegen. 
fahe. „Der Tod, fehreibt fie, der. fich nähert, und. 
„der feinen Augenblick nie. verfäumet, beunruhiget 
mich nicht, ich erwarte ihn, ohne ihn zu wuͤnſchen, 
„und ohne ihn zu fürchten. „, 

1688. Indeſſen brach der Krieg wieder in Eu- 
ropa aus. Man fieht aus einem der legten Briefe 
der Chriftina, daß fie es vorher gefehen, was für ei⸗ 
nen Ausgang verfelbe, in Abficht auf den König Ja⸗ 
cob den II, nehmen würde. Diefer Prinz, deſſen 
$eben ſich weit beſſer in einer Leichenpredigt, als in 
einer Geſchichte ausnimmt, und deſſen Verfolgungs⸗ 
geiſt allezeit durch ein vernuͤnftiges Chriſtenthum 
wird gemisbilliget werden, war von einem Throne 
verjagt worden, "weil er eine freye Nation, die ihn 
ganz gerubig feiner Moͤnche und feiner Maitreffen: 
geniegen ließ, quälen wollte, und weil er die Englaͤn⸗ 
der mit Gewalt zwingen wollte, dag zu glauben,’ wo⸗ 
von er fie durch fein Beyfpiel härte überzeugen ſol⸗ 
len. Nach Frankreich geflüchter, in Europa. wenig: 
geachtet, den Spöttereyen des Hofes ausgefeßet, wo⸗ 
hin er ſeine Zuflucht genommen hatte, hat er, wie 

man 





Koͤniginn von Schweden. 399 


man faget, nach feinem Tode Wunder gerhan, da er 
in feinem $eben nie das Wunder hat thun koͤnnen, 
wieder auf den Thron zu ſteigen. „Da ift aber⸗ 
„mals, fehrieb Chriftina bey Gelegenheit diefes Krie- 
„ges, ein großer Schauplag geöffnet, der fehr viele 
„geute zum Weinen und zum Sachen bringen wird, 
„Alles zittert in Rom, nur ich nicht, Meine größte 
„Aufmerkfamfeit ift auf die. Maaßregeln gerichter, 
„die Schweden bey diefer Gelegenheit ergreifen: 
zwird.,, Da fie nod) immer wider Frankreich auf⸗ 
gebracht war, fo feheint es, als wenn fie nicht wünfch« 
‚te, daß Schweden fi) mit Frankreich verbinden 
möchte ; man fagt auch, daß fie fi) aus Verdruß 
‚ über den Pabſt und die Römer, deren fie. müde war, 
Damals mit dem großen Churfürften von Branden⸗ 
burg in eine Unterhandlung megen einer freyen Zu⸗ 
flucht in feine Staaten eingelaffen. : Einige Schrift - 
ſteller haben, ohne zu unterfuchen, ob diefes auch 
‚ wahr fey, daraus den Schluß gezogen, „aß fie Wil⸗ 
lens gemwefen, die proteſtantiſche Religion wieder ana 
zunehmen ; aber wenn fie auch wirklich dieß eben: 
‚nicht wahrfcheinliche Vorhaben gehabt hat, fo harte 
ſie doch nicht die Zeit, es auszuführen. - 


1689. Sie ftarb Furze Zeit hernach, mit Gelaf 
ſenheit und Philofopbie. Man hat vorgegeben, daß 
fie beffer geftorben fen, als Elifaberh, möchte man 
| boch auch fagen koͤnnen, daß fie befler gelebet haͤtte. 
Sie verordnete in ihrem Teftamente, daß man auf 
| ihr Grabmaal nichts als die Worte fegen folle: 
| D. O. M. vixit Chriftina annos LXII. Die Be 
ſcheidenheit und der Stolz der Grabſchriften find bey⸗ 

| de 


| 


de auf gleiche, Art Werke der Eitelkeit. Die Bes 
fcheidenheit fchickt fich beffer zu der Eitelkeit, die große 
Dinge gethan hat, der Stolz ſchickt fich beſſer zu der, 
die nur kleine Dinge gethan har. enn man die 
Grabſchrift der Chriftina nach diefer Regel beurtheis- 
let, fo wird man finden, daß fie nichts als wahr fey, 
ohne groß zu ſeyn. Die Ungleichheit in ihrer Aufs- 
führung in ihrer Gemüchsbefchaffenheit und in ih⸗ 
‘rem Geſchmacke, der wenige Anftand, der fich bey ih» 
ven Handlungen zeigte, der fchlechte Vortheil, den fie- 
aus ihren Kenntniffen und ausihrem Berftande zog, 
um die Menfchen gluͤcklich zu machen, ihr oft unrecht 
angebrachter Stolz, weil er allemal unrecht ange 
bracht wird, wenn er nicht Hochachtung zuwege 
bringt, ihre zweydeutigen Reden über die Religion, 
Die fie verlaffen hatte, und über die Religion , zu der 
fie ſich befaunte, endlic) das herumirrende Leben, fo‘ 
fie unter Fremden führete, von denen: fie nicht gelie= 
bet ward; alles diefes macht, daß man zu ihrem Lo⸗ 
be weiter nichts fagen Fann, als daß fie 63 Fahre ge⸗ 
lebet bat. | Hy 






Icch fage nichts von ihrem Seichenbegängniffe, ihrer 
Bibliothek, ihren Gemählden, ihren Seltenheiten, 
den Medaillen, die auf fie gefchlagen find, und über. 
laſſe allediefe Dinge dem Berfafler der Denkwuͤrdigkei⸗ 
ten; ich will lieber von zwey Werfen, die fie geſchrie 
ben hat, noch etwas fagen. Das eine führet den Ti⸗ 
tel: Penfees diverfes, und ift, wie die meiften Wer- 
ke von diefer Art, eine Sanımlung von allgemeinen: 
Sachen, die man fich nicht einmal die Mühe genom» 
men bat, durch eine epigrammatifche Wendung zu” 

! Ders 


Königinn von Schweden. \ 40, 
verſtecken. Das Sonderbarfte in diefer Schrift iſt, 


| daß man einige Säße von der Neligionsduldung dar⸗ 
‚ inne antrifft, die einigen hoͤchſt überrriebenen Sägen 
| von der Unfehlbarfeit des Pabftes gerade gegen über 
ſtehen. Hat fie diefe legtere als ein Gegengift der 
\ erftern hingeſetzt, ſo kann man ſagen, daß die Arztney 
| ſchlimmer als das Uebel iſt. Das andere Werk iſt 
eine Lobrede des Alexanders, dieſes Eroberers, dieſes 
Abgoͤtzen des Alterthums und Gegenſtandes der Cri— 
tik unſerer ‚Zeiten‘, der wie der größte Theil der ber 

ruͤhmten Prinzen, weder die übermäßigen Lobſpruͤche 
| verdiente, womit ihn die Schmeicheley überhäufte, 

noch die Satyren, die fo viele Gelehrte igund auf ihn 
| madıen ‚ weil fie ‚nichts von ihm zu erwarten haben, 








ihm mehr nachahmenfollen, nicht i in feiner ausſchwei⸗ 
fenden Liebe zum Ruhme und zu den Eroberungen, 
ſondern in ſeiner Größe der Seele, in feiner Faͤhig⸗ 
keit zur Regierung, in feiner- Kenntniß der Mens 
| (hen, in feinen weitläuftigen Einſichten und in fei- 
‚ner aufgeflärten Liebe zu den Künften und Willens 
ſchaften. 








IT. Als 


r EZ m be ka Eat Kun 


L * 
* — 9 
J 1 8 N 4 „anni 


ul. — r 
Abredt von Sale BE (ie 
"von den IM 
" endlichen und veigbaren welen 
des 


menfchlichen K d r pers. 


Bi II. Abſchnitt. 
‚m 208 Vorgeleſen den 6ten Dayı — 


Mir 6 Bunt auf. das Keizbare, 
| welches von dem Empfindlichen fo unters 
| > fchieden iſt, daß es hoͤchſt Empfindliche 

Theile giebt, die ohne alle Reizbarkeit ſind; und 
hingegen giebt es wiederum reizbare, die Feine Ems 
pfindung haben, Ich werde von beyden überzeugen 
de Erfahrungen beybringen, und mit gleicher Sorg · 
falt erweiſen, daß die Reizbarkeit nicht, wie man ins⸗ 
gemein glaubet, von ven Nerven entſpringe; ſon⸗ 
dern aus der Structur des reizbaren Theils ſelbſt 
folge. 

Erſtlich, ſo iſt der Nerve, von welchem alle Em⸗ 
pfindung zur Seele gebracht wird, felbft von aller 
KReizbarkeit entferne. Dieſes ſchein⸗ zwar wunder⸗ 
bar zu ſeyn, indeſſen aber iſt dieſes ſo gewiß als wun⸗ 
derbar. Wenn man einen Nerven reizt, An, | — 









des menfchlichen Körpers. 403 
ven gehen, in der That Frampfhaftes Zucken; "und 
ich weiß Fein einziges gegenfeitiges Erempel. Denn 
ich habe fo wohl das Zwerchfell, als die Musfeln 
des Unterfeibes (bey einer Ratte, ) und den vordern 
und hintern Schenkel vornehmlich bey dem Frofche, 
öfters auf eben die Art, da der Merve gereist wurde, 
Erampfhaftes, Zucken leiden fehen. Man fehe hier: 
von Die hiermit übereinfommenden Verſuche des 
Schwammerdam. Ich babe bey diefer Beob⸗ 
achtung, fo wohl ale George Ihriftian Oeder, 
gefunden , daß, wenn der Merve gereizt wird, feine 
andern Musfeln zittern oder zucken, als diejenigen, 
welche von diefem Merven Aefte befommen a). 
Ich habe auch beitändig gefehen, daß der mit dem 
Meſſer gereizte Merve ein Zucen in dem Musfef 
macht, nicht anders, als wenn er von einem Gifte 
gereizet worden, 

Ein folches Zufammenziehen — wie bey einer 
Be Mustelfafer, gefchieht bey. den Nerven: 

Ich habe öfters bey "Wunden, und vornehme 
lich ben, Froͤſchen, den Nerven mit aufmerkffamen 
Augen betrachtet, und gewartet, was in dem Ner- 
ven vorgehen würde, wenn der Muskel krampfhaftes 
Zucken hätte : ic) habe aber niemals die geringjte 
Spur einer Bewegung in ‘dem Nerven gefehen. 

Ich habe daher einen andern Verſuch vorgenom⸗ 
men, welcher auch zu Berlin von dem gelehrten Hrn. 
Doctor J. Gottfried Zinn angeftellt worden. Ich 
habe bey einem lebendigen Hunde einen langen Ner⸗ 
ven über ei ſubtil eingetheiltes mathematiſches In— 
ſtrument gel gt, ſo daß der Nerve bey der geringſten 
Cc 2 | Bewe— 

a) n. Bi P. * 


404 Von den veizbaren Theilen 


Bewegung, nothmendig von einem Grade des. In⸗ 
ftruments zum andern fortrücfen mußte; ‚alsdenn ha« 
be ich) ihn gereist: allein-er ift unbemweglich geblies 
ben, und nicht um den geringften meßbaren Kaum. 
von den inien, auf welchen er lag, abgewichen. 

Diefes find neue Beweiſe, welche zeigen, daß den 
Mervenfäferchen wider alle Erfahrung eine oſcelliren⸗ 
de Kraft zugeſchrieben wird. 

Weder die aͤußerliche Haut, als der Sitz des Ge 
fuͤhls, weder die Nervenhaͤutchen des Magens, der 
Gedaͤrme oder der Harnroͤhre, find reizbar. Denn 
man muß bier nicht die aͤtzende Kraft. des Birriolöls, 

oder des Salpetergeiftes, welche frenlich die Haut zur, 
fammen ziehen, die zerfchnittenen Nerven, die mit 
‚dem Meffer getrennten Pulsadern zwingen, daß 
fie wie ein Wurm zufammen kriechen, misbrauchen ; 
diefe fauren Geifter erregen auch in dem Häutchen 
der Harnröhre oder der Blafe, oder der Galfenblafe, 
ein offenbares Zufammenziehen. Die $unge ziehe 
fi von dem Vitriolöle audy nach dem Tode zufam«. 
_ men, wie J. (5, Zimmermann b) anführet. Die 
äußerliche Haut, der Schwanz und das Fert ſchrum⸗ 
pfen etliche Stunden nach dem Tode zuſammen, wie 
man bey eben demſelben c) findet. Denn diefe Krafe | 
bat nichts mit dem Leben gemein, und alles erfolge, 
eben fo wohl vier und zwanzig Stunden nad) dem || 
Tode, da aller Verdacht einer Empfindung wegge⸗ 
fallen, wie ich aus Erfahrung habe. 
Hierauf beruht auch Feinesweges die Schärfe der I 
Reizbarkeit und Empfindung. Der Magen ift hoͤchſt 
empfindlich; die Gedaͤrme aber ſind es J 






b) ©. ı7. c) S. 13. 





des mienfchlichen Körperd. 405 
denn fie fchmerzen gewißlich nicht fo ftarf: und gleich« 
wohl habe ich gefunden, daß fie reizbarer find, Das 
böchftreizbare Herz Hat nur eine mittelmäßige Em- 
pfindung, und die Berührung deffelben hat bey einem 
lebendigen Menfchen vielmehr eine Ohnmacht, als ei-⸗ 
nen Schmerz nad) ſich gezogen. 


Ferner fo ift ein Theil deswegen nicht empfindlich, 
teil er reizbar ift: nämlich, wenn der Merve gebuns 
den oder zerfchnitten wird, fo iſt derjenige Theil, wel⸗ 
her mit diefem Nerven verfehen ift, deswegen doch 
noch reisbar. Ich habe den berühmten bellinifchen 
Verſuch öfters wiederholet ; jedoch) aber den Erfolg 
ein wenig anders gefunden, als man ihn insgemein 
erzaͤhlet. Ich faffe und druͤcke den Nerven des 
Zwergfelles (Neruum phrenicum) eines lebendigen, 
oder, weil nichts daran liegt, eines friſch getoͤdteten 
Thieres. Unter dem Orte, wo der Nerve zufammen« 
gedruͤckt wird, reize ich: ſo bekoͤmmt das Zwergfell 
ebenfalls Convulſionen; unterbinde ich den Nerven: 
ſo erfolgt eben dieſes. Zerſchneide ich den Nerven, 
und reize den Nerven unter dem Orte des Schnittes, 
der von aller Gemeinſchaft mit dem Gehirne, und alſo 
von aller Empfindung entfernet iſt, ſo gehorchet das 
Zwergfell gleichfalls, und bekoͤmmt krampfhaftes Zu⸗ 
cken. Wenn ich auf eben dieſe Weiſe den Schenkel. 
nerven zerfchneide, fo verliert das lebende Thier die 
Empfindung, und fann, ohne daß es ein Zeichen eines 
Schmerzes von ſich giebt, allenthalben an dem Schen- 
fel verlegt werden. Gleichwohl aber zittert diefer 
Schenfel, wenn der Nerve gereizt wird: er ift alfo 
deswegen nicht empfindlich, weil er reizbar ift. 

\ | €: 3 | Uebri⸗ 


406 Bon den reizbaren Theilen 


Uebrigens habe ich gefunden, - daß vieles in dieſem 
beltinifchen Verſuche zu groß gemacht wird. So 
viel ift gewiß, daß der gebundene und gereizte Nerve 
Das Zwergfell in eine sitternde Bewegung feße, er mag. 
nun. oberwärts oder untermärts gebunden werden z 
die Unterbindung, welche unterhalb geſchieht, hat aud) 
nichts verfchiedenes von der, welche oberhalb gemacht 
wird; das Iwergfell wird auch niche mehr beweget, 
wenn der Nerve unterhalb gebunden wird, oder ruhet 
nicht etwa, wern es oberhalb gefchieht, Indeſſen 
babe id) gefunden, daß das Reizen feine Wirfung 
beſſer thut, wenn der. Nerve gefpannt, als wenn er 
fchlaff iſ. Wenn man den Nerven preflet, und über 
dem Drte, mo er gepreßt wird, reizef, er mag nun 
unten gebunden fenn oder nicht, fo bleibt er in beyden 

Hallen in Ruhe; und daher fehreibe J. Sriedrich 
Ortlob d), daß alsdenn eine Bewegung in dem 
Zwergfelle vorgehe, wenn Nerve araee wer⸗ 
de e). 


Endlich habe ich auch in je Gliedern der kleine 
Thiere die Nervenſtaͤmme unterbunden, damit das 
Glied gelaͤhmet und unempfindlich wuͤrde. Alsdenn 
habe ich die Muskeln entbloͤßet, diefelben mit einem 
Meſſer gereizet, und gefehen, daß derſelben Faferı 
eben fo hurtig, als erſt, gesittert und gefchlagen; ob- 
gleich in der That die Seele ihre Herrſchaft nicht 
mehr über Diefes at gehabt Hat. di 

; 


a) in praef. ad anatomen rationalem Danielis Ton 
e) An diefer Stelle fehlt etwas in der ui 
Grundfchrift. 


ce’ 





des menfehlichen Körpers. 407 
Ein aͤhnlicher Verſuch laͤßt ſich auch bey Theilen, 


die von dem Körper getrennt worden, anftellen. Die 
Gedärme madjen, wenn fie gleich ſchon von dem Koͤr⸗ 
per getrennt £), und aller Gemeinfchaft mit dem Ges 
hirne beraubet worden, ihre, wurmförmige Bere _ 
gung; und wenn fie mit dem Meffer oder mit Gifte 
‚gereist. werden, fo leiden fie eben die Zufälle, die ich 
gleich anführen werde, und welche ſich an ihnen auf 
fern, wenn: fie. in. ihrer Sage und: mit ihren Nerven 
verbunden bleiben. Eben diefe Erfahrung findet 
auch bey dem Herzen, bey jedweden Muskel, welcher 
aus dem Körper heraus gefchnitten worden, ftatt g)⸗ 

Bey dem Aale fchlägt das Herz zu ganzen Stunden 
in gleichen‘ Zwiſchen zeiten, und mit einer gleichen 
Kraft; es nimmt auch wechſelsweiſe das Blut in ſich, 
und treibt es wieder heraus. : 

Wenn wir nun fagen, das Thier empfinde, wenn 
ſich die Seele einen aͤußerlichen Eindruck vorſtellet: 
ſo empfindet derjenige Theil des Koͤrpers gewiß nicht, 
bey welchem entweder die Gemeinſchaft des Nervens 
mit dem Gehirne aufgehoben, oder der gaͤnzlich von 
dem Körper getrennet iſt. Des Robert Whytt h) 
theilbare Seele hat die Nothwendigkeit eines Lehrge⸗ 

baͤudes veranlaſſet, da ſie in ſo viele Theile geſpalten 
wird, als dem Zergliederer Muskeln oder Theilchen 
Der Eingeweide von dem menſchlichen Körper abzu« 
ſchneiden beliebt. Ich habe den Verſuch oft wieder: 
holet, und die Gedärme geſchwind aus dem Körper 
Cc4° her⸗ 
9 I. Woodward Supplement. pag. 76. 
8) 3.6. Zimmermann ©. 19. 
h) An angeführten Orte 6.383. 


408 Don den reizbaren Theilen | 
heraus aeriffen, fie in etliche, z. E. vier, acht Theil- 
chen getheilet: fohaben fie fich, jedes befonders, wurm · 
foͤrmig beweget, und fich, wenn man fie gereizet, auch 
zufammengezogen. Dergleichen Berfuche hat. Jo— 
bann Woodward an den Gedärmen i), Bagliv 
an dem Herzen eines Frofches k), und vor dieſem 
vor allen 13. Aurelius Severin |) angeftellee. Ich 
babe gefehen, daß abgefchnittene Theilchen und ein⸗ 
zelne Stückchen von einem Herzen auf dem Tifche 
fortaekrochen find. Daß auch die Afterbürde, die 
Häuschen des Eyes ihre Reizbarkeit von feinem Ner⸗ 
ven haben, weil Feiner darinnen ift, auchdes Johann 
Lußius Memung m): ich aber habe von viefer 
Sache feine Erfahrung. Ich finde auch, daß Ber 
orge Bagliv n) eben dergleichen Beweiſe für den 
Sitz des Reizbaren in den felten Theilen gegeben. 
Wir müffen bier auch die Inſekten, welche in der 
That von folher Natur find, daß alles empfindlich 
und alles reijbar an ihnen ift, nicht zum Exempel an⸗ 
führen o). “ 
Unſere Seele aber iſt es, welche ſich bewußt if, 
fib, ihren Körper, und mit Hilfe des Körpers, die 
Welt vorfteliet. Ich bin daher ich, und fein ande 
rer, weil dasjenige, rwelches ich genennet wird, von 
allem dem, was meinem Körper und deſſen Theilen 
wiberfähret, geändert wird. Wenn ſich nun das, 
was 
i) An angeführten Orte ©. 80. 
k) de fibra motrice p.7. 
h) vipera pythia p. 119. 
m) An angeführtem Hrte n. 34. * 
n) de fibra motrice et morbofa p. 7- | 


0) gr des inſect. T. II. p. 34-85 


— 


des mienfchlichen Körperg. 409 
was ein Muskel, ein Darm leidet, auf eine andere 
Seele bezieht, und in einer andern eine Veränderung 
hervor bringt, in meiner aber. nicht: fo üft Diefes nicht 
meine Seele, und gehöret mir, nicht zu. Und wenn 
ein Singer von meinem Körper abgefchnitten ift, 
wenn Fleiſch von meinem Schenfel weggenommen 
worden, fo geht mic) diefes ebenfalls nichts mehr an; 
ich ftelle mir das, was diefe Theile leiden, nicht mehr 
vor, oder ich habe feine Schmerzen mehr davon; es 
‚wird Fein Gedanfe mehr davon in mir erweckt. 
Diefer abgefchnittene Finger alfo, diefer abgeriffene 
Muskel, wird nicht von meiner Seele, nicht von eis 
nem Theife derfelben bewohnet; ich bin nicht in die, 
fem Singer. Diefer Finger, fage ich, ift von meiner 
Seele, welche ganz ift, von welcher fich fein Theil ab» 
fondern läßt, mie auch von der Seele eines jedweden 
andern Menfchen, feiner ganzen Natur nad) gefchie» 
den und getrennet, Denn mein Wille ift auch, nach. 
dem diefer Finger abgefchnitten worden, noch vollfom- 
men, es ift nichts mit von den Kräften der Seele 
meggegangen; dieſer unverftümmelte Willeaber kann 
nun nicht mehr in diefen Finger wirfen: und gleich» 
wohl bleibt diefer Finger reizbar. Die Reizbarkeie 
hängt alfo weder von dem Willen, noch von der Seele 
ab, | h Ä 





Ferner fo zeigen auch die Erfahrungen, daß nicht 
alle Kraft der Muskeln von den Nerven — 
denn wenn gleich dieſe letztern gebunden und abge— 
ſchnitten worden, ſo ſind die Faſern dennoch reizbar, 
und haben eine Kraft, ſich zuſammen zu ziehen. Und 
hierdurch wird vielleicht der Mugen der Merven etwas 
eingefehränkt ; denn fie ſcheinen nur fo viel zur Bere: 
i ec 5: gung 


410 Von den reizbaren Theilen 
sung der Muskeln mit beyzutragen, daß ſie den Wil⸗ 
len der Seele auf denjenigen Theil bringen, welcher 
bewegt werden ſoll; ferner vermehren und erwecken 
ſie, dieſe Vermehrung mag nun geſchehen, wie ſie 
will, die nafürlihe Kraft. der Faſern, dadurch ſi ie ſich 
zu verkürzen beſtreben. 

Ich komme aber wieder if: die So und will 
———— anführen, wodurch id) ausfuͤndig ge 
macht habe, welche Theile des Körpers reizbar, und 
in was für einem Grade ſie folches find. 

Die Außerlihe Haut nehme ic) aus. Das zel: 
fichte Gewebe und das Fett, welches dag Vitrioloͤl 
begierig verfchluckt, ift nach ‚aller Meynung unbeweg: 
lich, wird auch.nicht durch das mindeſte Reizen be; 
mweget; folchergeftalt Haben: weder die Lunge, melde 
die ftärfiten fauren Sifte ebenfalls zuſammenziehen, 
noch die $eber, die Milz oder die Nieren etwas Reiz⸗ 
bares an fi. Denn fie beftehen aus dem zellichten 
Gewebe, das unter allen am wenigften reizbar iſt, und 
aus Gefäßen, die ſich —— — das Reizen ‚nicht 
bervegen laffen. ’ 

Und biefes ſcheint mir ein Merkmal zu ſeyn, wo⸗ 
durch ſich ein Faͤſerchen vom zellichten Gewebe von ei⸗ 
nem Fleiſchfaͤſerchen unterſcheidet: da fie doch uͤbrigens 
einander fo aͤhnlich find, daß man ſich öfters betruͤ⸗ 
get. Wieviele, auch) zu unſern Zeiten, haben nicht 
das zellichte Gewebe, wie auch die runden Mutter: 
baͤnder und die Kapſel des Gliſſon, in weichen eben⸗ 
falls viele Zergliederer Faſern finden, für Muskel: 
haͤutchen gehalten ? 

Ein Faden von dem zellichten Gewebe vergäft 
fih zur Neizung, wie ein Faden vom fodten Fleiſche: 

KB er 


des mienfchlichen Koͤrpers. 41 


er giebt nach, wenn er beruͤhrt wird, er biegt ſich, 


wenn er geſtoßen wird, und ſtellt ſich wieder her, 


wenn man nachlaͤßt. Wenn er zerſchnitten wird, 
ſo zieht er ſich auf beyden Seiten zuruͤck und laͤßt 
eine Luͤcke. Wird aber eine lebendige Muskelfaſer 
mit einem Meffer oder mie Gifte gereizet, fo wird fie 
kuͤrzer; fie zieht ihre Außerften Enden an, und fo bafd 
als man nahläßt, : verlängert ſie ſich wieder, und 
wiederholet gleich —— ieſes Neclaſſen und Zus 
‚Juntiehisben. | 
Die Senne ift nicht J ſo, wie N auch nicht 
empfindet; Keine Kraft des Meflers, oder eines 
mäßigen Giftes erweckt Frampfhaftes Zucken in den 





Faſern derfelben ; feßt auch den Muskel, der fich in 


dieſe Senne endiget, in Feine Bervegung. Wenn 
‚auch gleich eine efeftrifche Sunfe, die aus den Sennen 
gezogen- wird, ftark ift, wie Herr Jallabert p) be 
merket, fo eneftehen doc) auch an den andern fehr fer 


ften und haͤrteſten Theifen des Körpers beige elekeri- 


ſche Funken. 


Die Baͤnder, das Knochenhaͤutchen, das arte und. 


dünne Hirnhaͤutchen, und alle Arten der Haͤutchen find, 
weil fie von dem zellichten Gewebe entftehen, auch von 
feiner reizbaren Natur. Diejenigen, welche in das 
harte Hirnhäutchen, in den Herzbeutel bewegende 
Sleifchfafern gefegt haben, koͤnnen durch diefe Er: 
‚fahrungen überzeuger werden, daß durch das Bren- 
nen, Stechen, Zerreißen des harten Hirnhäutchens, 
oder Des Herzbeutele Eeine fichtliche Bewegung erreget 
werde. Dieſe Erfahrungen ſind ſo wohl bey mir, 


u —* 
9 de electricit. S.79 


— 


u \ ” 


q12 Von den renn Seiten 


als bey dem Herrn Zinn, Walsdorf, Oeder und 
andern wohl hundertmal, und allezeit mit einerley 
Erfolge wiedercholet worden. | 
Daß die Pulsadern reizbar find, füheinen einige 
Umftände glaublich zu machen: naͤmlich, fo wohl die 
imn ihnen befindliche Muskelhaut, als auch am mei⸗ 
ſten die Nothwendigkeit, eine Urſache zu finden, wels 
che macht, daß die Erweiterungen der Pulsader wech⸗ 
felsweife mit dem Drude des Herzens überein kom⸗ 
men, und daß diefelbe enger wird, wenn der Druck 
des Herzens nachlaͤßt. Und es iſt bekannt, daß be: 
rühmte Männer, und nur neulich Peter Senac und 
Roberr Whytt q) den Pulsadern, und meiftens 
den Fleinern Gefäßen, fo viel reizbare Kraft zufchreis 
ben, daß das Herz von den Urfachen der Bewegung 
des Blutes faft ausgefchloffen wird. Ich will auch) 
nicht in Abrede feyn,- daß diefe Hypotheſe nicht die 
größte Wahrfcheinlichfeit habe ; fo wohl wegen der 
| Aehntichkeit mit den Gedärmen, die ihre Fluͤßigkei · 
ten durch die wurmfoͤrmige Bervegung weiter brins 
gen, al8 auch wegen der Hauptpulsader des Seiten: 
wurms, welche z. E. verfehiedene für das Herz ges 
halten haben, und die völlig nadı Art der Gedärme, 
indem fie ſich nach und nad) zufammen zieht, ihre 
Fluͤßigkeiten weiter ſchafft. Ferner auch wegen der 
<hiere, bey denen, wenn gleic) das Herz heraus ger 
riffen worden, noch einige Zeit einige Bewegung der 
‚Säfte übrig bleibe, die von nichts andern, als von den | 
Pulsadern, hergeleitet werden zu fönnen ſcheint; end« | 
lich auch wegen der befondern Entzündungen, 6 | 
dur 







-q) An angefüherem Drte G.95- 





| des menſchlichen Körpers. 


durch den Reiz entſtehen. Denn man hat durch das 
Mieroſcop das Blut in den Fiſchen und in dem Fro⸗ 
ſche wohl noch eine Stunde, nachdem ihnen das Herz 
ausgeriffen worden, mit einer ſchwankenden Bewe⸗ 
gung in den Pulsadern oſcilliren, und in den Blut» 
adern wieder zum. Herzen gehen gefehen ; und wenn 

8 Herz geruhet, und nicht gefchlagen, auch ſich die 
Klemm (Branchiae) nicht bewegt haben, und feine Em. 
pfindung mehr uͤhrig geweſen ift,fo hat man dennoch das 
Blut durch die Gefaͤße des Fiſchchens gehen und wie⸗ 
der zuruͤck kommen geſehen. 

Dieſes mag nun alles ſo ſeyn, ſo beweiſen doch die 
Verſuche nichts dergleichen. Es entſteht bey keinem 
Thiere in der Pulsader, ſie mag aͤußerlich oder inner⸗ 
lich, mit einem Meſſer, oder mit Gifte, oder aber 
mit rauchendem Salpetergeifte gereizet werben, ein 
Zufammenziehen: wo man nicht das. Zufammenzies 
ben nehmen will, das: von dem Bitriolöle entfteht r), 
und welches ebenfalls erfolget, wenn man daffelbe 
viele Stunden nach) einem. vollfommenen Tode auf 
die Ader bringe. Ich habe vor dem Microſcop bey 
lebendigen Froͤſchen die Pulsadern öfters mic Alkos 
hol, mit Salpetergeifte, und nrancherley ſcharfen $is 
quoren vergebens gereizet; ic) habe auch nicht geſe— 
ben, daß eine ‚Bewegung erfolge ift, da doch inwen⸗ 
dig das Blut wie zu einer ealahlee Schmiere ges 
worden, 

Serner habe ich bey <hieren, deren Blur ich mit 
Hülfe des Vergrößerungsglafes circuliren gefehen, 
niemals ein Zufammenziehen in den Pulsadern mahr« 
genommen, So oft id) in Fröfchen und Fiſchen das 


Blut 
J.G. ah ©. 24. 


ca a 1, I 
a1, Bon den reizbaren Then 
Blut viele Stunden’ bewegen geſehen, hobe ich den: 
noch allezeit gefunden, daß die Hautchen der Pulsar 
dern wie gläferne Röhrchen vollkommen geruher. Und 
die auf einer Pulsader liegende Blutader iſt gleich⸗ 
wohl durd) feinen Pulsſchlag bewegt worden, wel⸗ 
chen das Microſcop nicht haͤtte ſichtbar machen koͤn⸗ 
nen. Von dem Verſuche aber, welchen Anton | 
von cheyde s) anführer, daß ſich nämlich eine zer⸗ 
fihnittene Pulsader bey einen Froſche fo uſammen 
gezogen ! habe, daß nichts mehr ae WR habe 
ich öfters den gegentheiligen Erfolg gefehen; naͤm⸗ 
lich, der Schnitt in Die Pulsader hat ſeine Figur bes 
halten, und ift wie ein unbeweglicher Spalt geblie⸗ 
en ‚ bar fih auch weder verengert noch erwei⸗ 


| "6 ich alfo wohl die Reizbarkeit der Puls edein 
nicht gaͤnzlich verwerfe, ſo ſehe ich doch nicht, daß ſie | 
durch Verſuche beftätiget werden fan. | 
Bey den Blutadern kann ich auch ſchwerlich eine 
Reizbarfeit zugeben, denn id) fehe zwar bey deit- 
feiben eine Bewegung, eine Bewegung, die fo wohl 
von dem Athemholen, als von dem Zufammenziehen 
der Hohlader herruͤhret, die ich öfters, und vornehm⸗ 
lich bey Falten Thieren, an dem Herzen habe zuſam⸗ 
men ziehen, und ihr Blut in das Herzohr freiben ger 
fehen. So meiß id auch, daß die Blutader wenn 
fie mit ſcharfen Gifte, mit Bitriotöle, oder mit raus 
hendem Salpetergeiite berühret wird, nicht wenig, 
und offenbarer als die Pulsader, sufanmen gezogen’ 
wird, und daß fie ſich verengert und das Blut aus. 
treibt , wie ich bey Zickelchen und Katzen geſehen. 
| BE De 


s) Obf. 35. 


| des menſchlichen Körmar® Aus. 


Da aber gleihmwohl die Blutadern fich weder durch 
| das Reizen des Meſſers, noch durch mäßige einge 
ſpritzte Gifte zuſammen ziehen‘, in dem menfchlichen 
geben aber wahrſcheinlicher Weiſe kein ſo ſcharfer $i- 
quor, als die Gifte, die Blutadern durchfließt: ſo 
ſehe ich ein/ daß die Blutadern entweder eine ſchwa⸗ 
che oder gar keine Reizbarkeit Haben muͤſſen. 
Die Milchgefaͤße werden von dem Vitrioloͤle 
‚auch zufamımen. gezogen und ausgeleeret. Daß die— 
ſelben feine. mittelmäßige reizbare Kraft haben, er» 
hellet auch daraus, ‚daß fie fi nad) dem Tode, da 
fie Doch ganz voll find „vollig auslceven, und fo zu⸗ 
KENT OFAODER wcheh daß Feine Höhlung übrig 
bleibt. - - a Big 
Die verfchiedenen Ausführungsgänge -baben 
ebenfalls Feine größere Reizbarkeit als die Blutadern, 
Die Gallenblafe, der gemeine Gallengang (Dudtus 
choledochüs) t), der Harngang, die Harnroͤhre, 
ziehen fich zwar zufammen, wenn fie mit einem fchar» 
| fen Gifte beruͤhret werden; ein mäßiges Reizen aber, 
oder das Schaben mit einem Meffer, fcheinen fieniche 

zu empfinden. 00. 

” Der Harngang empfindet nicht einmal das Reis 
zen des Vitrioloͤls; und fcheint daher aller Muskel: 
kraft beraubt zu ſeyn: es’ find auch niemals in diefer 
Roͤhre Muskelfaſern mit genugfamer Gewißheit ges 

zeiget worden. Fan, Ay N It nnd ka 

Wegen der Natur der Harnblafe hat mich eine 

Erfahrung in größere Gemißheit gefeßt. Denn die ⸗ 
ſelbe hat ſich bey einem halb todten Hunde, wenn ſie 

J mit 





t) 1.G. Zimmermann p. 46. vom Vitrioloͤle 


46 Von den reizbaren Teilen: 


mit einem Meſſer oder mit einer Nadel geſtochen 
worden, Iwar nicht allezeit, jedoch oͤfters bis auf die 
kleinſte Weite zuſammen gezogen, und den Urin, da 
der Bauch ſchon aufgeſchnitten geweſen, ausgetrieben. 
Allein ich habe auch geſehen, daß ſie ſich nach dem 
Tode von ſich ſelbſt ʒuſammen zieht, und ausleeret, 


wenn ſie voll geweſen: wie ich dergleichen ee: 


vor diefen aus dem Wepfer.angeführet habe a). 


Daß die Drüfen und Schleimhöhlen ( file —* 


coſi) reizbar ſind, hiervon beweiſen das von einer 
chymiſchen oder mechaniſchen Schaͤrfe verurſachte 
Weinen, und das durch eine ſcharfe Einſpruͤtzung ver⸗ 
anlaßte Troͤpfeln des Schleims der Harnroͤhre und 
andere Erſcheinungen von dieſer Art, daß bey leben» 
digen Thieren fo viel als id) ale nichts iathag 
chen vorhanden iſt. 


Die Gebäbrmucter, vierfüßiger Tiere it — 


falls reijbar, und macht eben fo geſchwind als die Ge⸗ 
daͤrme eine augenſcheinliche kriechende Bewegung, ſie 


mag nun noch in dem Koͤrper, oder aus demſelben 


heraus geſchnitten ſeyn. Es ſcheint auch nicht zwei⸗ 


felhaft zu ſeyn, daß die menſchliche Gebaͤhrmutter 
ebenfalls veibar ift, daß ein großer Theil des Ges 


we 


bährens davon abhängt, und daß fie ſich daher fo 
ſtark zufammen zieht, daß. auch die Hand der Heb⸗ 


ammen davon müde wird und einfchläft. Daher 


wartet, bis der Mutterfuchen von fid) fid) felbft her. 
ausgegangen, wenn es ſch gleich verweilet; und 
hat 


u) de eicut. aquat. p. 250. 


‚bat Rupfch,, wie gar wohl befannt, ganz ficher ger 


y des menſchlichen Koͤrpers 417 


hat ſich hingegen vor der Ausziehung deſſelben ge 
fuͤrchtet. 
Die Keirbarfeit der Zeugungstheile ift zwar von 
befonderer Art, und fo befchaffen, daß fie vornehm⸗ 
lich Durch wollüftige Vorftellungen der Seele, als 
durch) einen Reiz, zur Bewegung angetrieben wer⸗ 
den. Daß ſie aber bey dem allen mit den andern 
Theilen des menſchlichen Körpers von gemeinſchaft⸗ 
licher Natur find, erhellet z. E. aus der Steifigkeit, 
welche von der Menge des Urins, von dem Ueberfluſſe 
des Saamens, von dem Gebrauche der fpanifchen 
Stiegen , ‚von der fcharfen Feuchtigkeit des Trippers 
entſteht. Mit dieſen Reizungen aber mag es ſeyn, 
wie es will; fo ziehen ſich doch in der That die Blut- 
adern ufammen, und die Bewegung des Bluts durch 
diefelben wird verzögert. Robert Whyott, welder 
gegenfeitiger. Mennung ift, und die Steifigkeit von 
einem häufigen Zufluffe des Blutes in die Pulsadern 
berleitet, fcheine die Erfahrung nicht gewußt zu has 
ben, da das männliche Glied fo wohl bey dem Mens 
fchen als bey den andern Thieren, wenn man es un: 
‚terbindet,, Dennoch fteif wird, da doch Fein Verdacht 
wegen eines häufigern Zuflufe des Blutes durch ie 
Pulsadern statt findet. 

Alle Muskeln aber ſind reisbat: fie Faden fo 
viel mir befannt, ohne Ausnahme, nach dem Abſter⸗ 
ben alle von fich ſelbſt, und zittern, ziehen ſich auch 
wechſelsweiſe ʒuſammen und laſſen nah. Bey dem 

Schlafmusfel, bey dem Bruſtmuskel, bey den Rib— 
'benmusfeln Perla: ), bey dem ‚geraden 
Muskel des Unterleibes, bey dem aufziehenden Muss 
fel der Hoden (Creinafter); bey dem Schließmus 

13 Dand, Dd — 9 


a8 Bon den reizbaren Theilen 
kel des Hintern, Habe ic) es felbft, bey dem Schließe 
muskel der Blaſe hat es Herr Whytt 3), und ans | 
dere haben es bey andern Muskeln gefehen. . Bey 
Ribbenmuskeln habe ich öfters mit Vergnügen gefer | 
ben, daß diefe Musfeln, da das Bruftbein megges 
ſchnitten geweſen, fo eine Kraft geäußert, daß fie die 
Ribbenknorpel haben Frümmen und einmärts ziehen 
Fönnen. Sie find, wie ich gefehen, lange Zeit, und 
Länger als das Awergfell veizbar geblieben, Ferner 
-fo ift es eine alte Erfahrung, "die auc) den ‚gemeinen 
$euten befannt y), daß das Fleiſch der Thiere nad) 
erfolgtem Tode von fich felbft zittert: und es läßt ſich 
leicht - aus der Ruhe wieder in Bewegung bringen, 
man mag nun den in ven Muskel laufenden Merven 
reisen, oder den Muskel felbft mit dem Mefler oder - 
mit Gifte angreifen. J. ©. Zimmermann hat 
unferm ähnliche Berfuche angeftellet z) ; und die Mus« 
Eeln der Ochſen hat Woodward a), den Musfel 
des Dickbeins bey dem Menfchen, als der mit einem 
fcharfen Safte berühret worden, hat W. Eroone b), 
bey dem Frofcye Herr Bremond c), Herr Beder 
aber die Muskeln, wenn fie mit Salze berühret wor⸗ 
den, heftig zucken gefehen d). Und bey der erjten 
Erfahrung liegt wenig dran, ob ber Nerve ganz iſt, 
ee: und 

x) ©.9 1 Wi 
y) Hichmor Bau anat. p. 137, B. Langriss de mof, 

muſe. p. 51. - Woodward p..74. L. c- Parfons. de mot, 
- mufe.'p.68. W.Croone de mot. müfe. p.10. Mazini . 

de mechan, medic. p. 13. Hughes Bärbados P-309. 
) S. 19. 96€. 73: 74.75. 79. | ‘ 
b) de mot. muſc. p. 3 | W 
8): Mem. de PAcad. ai Sciences 1739. p. 6 a 
962. | € j 


I - 


& | des menfehfichen Körpers. 419 


und mit dem Gehirne zufammenhängt, oder ob er abs 
geſchnitten iſt €). Dieſes ſey wie es wolle, ſo wird 
9 Muskelfaſer gezogen; fie nähert ſich mit den Auf 
ferften Enden der Mitte, und es eneftehen in dem wire 
Fenden Muskel einige wellenförmige Bewegungen, - 
die quer durchgehen. Das Blut geht, wenn man“ 
das Mifrofeop zu Hilfe nimmt, nicht aus dem wir« 
fenden Musfel eines Frofches heraus, fondern circulia 
ret fo wohl, als vorher. - Es wird auch fein Muskel. 
bey einem einzigen Thiere, wenn er wirket, blaß. Ich 
habe ſchon längft erinnert, Daß des Harvey Beobach⸗ 
tung, die an dem Herzen angeftellet worden, und da 
daffelbe, wenn. es ſich ausleerer, blaß wird f), die 
Urfache eines Irrthums gewefen, worein die größten 


| ae gefallen find. 


Diefe Reizbarkeit der Muskeln ift bey den meijten 
fo befhaffen, daß fich der Musfel von einem Reizen 
etlihemal zuſammenʒieht und wieder nachläßt, bis er. 
endlich, indem die ofcillirende Bewegung nad) und. 
nad, abnimmt, fid) wiederum in Ruhe begiebt 8). 
Diefe Beränderung geſchieht bey dem geraden Muskel 


des Unterleibes offenbar, und bey dem Ribbenmuskel 


(Sternocoftalis), und andern, ohne daß folche Faſern 


‚vorhanden find, welche Hamberger h) und andere 


ohne Noth in dem Herzen angenommen haben. Denn 
bey diefen Muskeln find alle Faſern gerade, und eins 
ander parallel; und Dennoch laffen fie ebenfalls wech« 
Iorpeik nad). Jedoch hat 5* Whytt nicht 
Dd Recht, 
Herr Geder ©. 5. 
) Comment. Boerhasv, n.400. Phyf, prim. un u.4 


2) Wyytt © 18. 
H) In progr. de caufa dilat. 


420 Born den reizbaren Theilen 
Hecht, wenn er ſchreibt i), daß das Zufammenziehen 
aller Muskeln von ſich ſelbſt mit der Erſchlaffung 
abwechſele. Denn in der Harnblaſe iſt in der That 
nichts dergleichen, welche von dem erſten Augenblicke 
der Zeit an, da ſie ſich ʒuſammen zu ziehen angefan⸗ 
- gen, bis zu Ende mit einer fOtEHANEENPAIN Kraft zus 
fammengezogen wird. 
. Der Regenbogen im Auge (Iris) br, worüber 

an ſich wundern wird, feine. Reizbarkeit; wenig— 
In läßt er fid), bereits angeführtermaßen, nicht von 
einer mechanifchen Urfache, z. E. mit einem Meffer 
u. d. g. reizen. Ich finde hiervon in des Herrn 
Whytt Schrift k), daß deflen Erweiterung nicht 
durch eine Musfelkraft gefchehe, weil er nach erfolg: 
tem Tode fehr weit offen bleibt; Di: ich fonft öfters 
gefehen, und igo bey einer Katze fehe, die unter-der 
Marter geftorben, und der die Sehe fo mweit offen 
fteht, daß faft Fein Regenbogen da it. Man bat 
auch gefehen, daß derſelbe bey dem Srofche obne Reiz 
barfeit iſt. 
Unter den Muskeln find einige vorzüglich mit der 
Kraft, fih zuſammen zu ziehen, begabet, und behalten 
diefelbe nach dem Tode des Thieres länger. Hier⸗ 
unter rechne ich vornehmlich das äwergfell, das ic) 
allezeit von folcher Natur gefunden, daß es zu der 
Zeit, da andere Musfeln nach erfolgtem Ableben rus 
ben, fich zu beroegen, oder doch wenigitens, wenn der 
Nerve gereizt wird, zu zittern fortfaͤhrt. 

Ich habe wohl eine Stunde und darüber nach dem 
Zode, da Die Gedärme ſchon geruber, gefehen, daß es 


| reizbar 
1) ©. 293. h Sec, VII. Gr 


des menſchlichen 8 rpers. 421 


reizbar geweſen und gezittert; und eben aa 
Er Fölg bat. Herr Simmermann !) gefehen: auch 
hat J. Jacob Wepfer m) ſchon längit erinnert, 
daß. Nr ‚wenn der Magen ausgeſchnitten wird, das 
Zwergfell zuſammenziehe. Indem ich dieſes er sähe, 

bin ich nicht in Abrede, daß zumeilen auch bey war⸗ 
men Thieren, wenn das Herz ruhet, auch andere 
Muskeln ſchlagen und zittern koͤnnen, dergleichen Ep» 
empel Oeder n) anführet. Jedoch aber koͤnnen als- 
denn meiftens nur das Zwergfell, das Herz, und die 
Gedaͤrme gereizer werden; oder das Herz und die 
Gedärme bewegen ſich von ſich ſelbſt, wenn auch ſchon 
die uͤbrigen Muskeln alle ihre Neigung zur Bewer 
gung verloren Haben. 

Wenn der Schlund über dem Zwergfelle gereizet 
wird, fo zieht. er ſich augenfcheinlich genug zuſammen. 
Ich habe deffen wurmfoͤrmige Bewegung, ohne daß 
er gereizet worden, offenbar gefehen, und wahrgenom · 
men, daß er einen Biſſen auf: und niederwaͤrts ge 
trieben; auch gefunden, daß die wurmförmige Bewe⸗ 
gung, von der Reizung entftanden. Hierdurch glaube 
ich, daß die Ziveifel aufgelöfer find, die ein gelehrter 
Mann vor nicht allsulanger\ Zeit wider die Bewe⸗ 
gung dieſer Muskelroͤhre vorgebracht hat. 

Der Wagen iſt ziemlich reizbar, und wenn er mit 
Gifte berühret wird, fo überfäuft er gleichfam mit eis 
‚ner Surche und niedergedruckten finie. Wird er mit 
dem Meffer gereizet, fo zieht er ſich bey Dem Pforte 
ner und anderwärts zufammen, Sch habe gefunden, 
er | Dd3 da 


1) G. 19: m) de cicut. aquat. p. 155. 
n) de temporali p. 4. 


Von den reizbaren Theilen 


= er —— vornehmlich von dem Gifte zur Linken — 
Pfoͤrtners in eine Art eines Zirkels ʒuſammengejo· 
gen. Wird der Magen geöffnet und mit Gifte bes 
ruͤhret, fo giebe- er auch einen Schaum von ſich, und 
die Lefzen der Wunde rollen ſich zuſammen, wie bey 
den Gedaͤrmen. Ich habe auch den Magen, damit 
man nicht mit Herrn Schwarzen etwas dem Zus 
gange der Luft zufchreibt, bey noch ganzem Linterleibe 
durch das durchfichtige Zwergfell feine murmförmige 
Bewegung machen fehen: eben diefes nimmt man, 
wahr, wenn man durch das entblößete Darmfell Hin« 
einfieht. Bey der Kage und denn Kaninchen habe 
ich gefehen, daß die Bewegung eine Stunde gedauert, 
und bey der Hatte, wie man fie insgemein nenner, 
oder bey der großen Maus, hat fich derfelbe noch zu 
der Zeit beweget, da die Bewegung bey den Gedär« 
men fchon aufgehöret gehabt. 

Ben dem allen hat der Magen, ich weiß nicht mas 
traͤges an fi), wenn man ihn mit den Gevdärmen 
vergleichet. Wenn er bey einem Frofche mit Gifte 
gereizet wird, fo zieht er fich nicht zufammen. Ich 
babe nadı öfters bengebrachten Giften das Wirken 
des Magens, da durch das Reizen ein Brechen erre⸗ 
get wird, einmal völlig gefehen : es gefchah durch 
heftige und kurze fehürternde Stöße, die ploͤtzlich wie» 
derholet wurden ; und ich habe auch einmal den Ma- 
gen von dem fublimirten Queckſilber fih zufammen« _ 
ziehen und breit werden feben, | / | 

Die Bedärme, ſowohl die dicken, als bie dünnen, 
wie auch der Blinddarm bey den Thieren, bey wels 
hen er groß ift, find gewaltigreizbar. Ich habe gefe- 
ben, dap ‚fie, wenn auch bie Muskeln des rt 

* 


- & 
des menſchlichen Koͤrpers. 423 
geoͤffnet und zerſtoͤret worden, dennoch den Koth auge 
getrieben: welches auch J. J. Wepfer und 
Stahl 0) gefunden. Hierzu koͤmmt noch, wider bie 
Meynung derjenigen unter den Neuern, welche dem 

Zufammenziehen Der Muskeln des Unterleibes allzu» 
> viel zuſchreiben, daß der verſtopfte Leib, und durch die 
Faͤuiniß eines Fiebers ſich verhaltende Stuhl, der 
durch feine Willkuͤhr, durch Fein Beftreben des Athem— 
holens gelöfet werden Eann, durch die von einem Kly. 
- ftiere in den Gedärmen entftandene Reizung fogleich 
geöffnet wird. Kein anderer Theil in dem thieriſchen 
Koͤrper faͤhrt fort, ſich laͤnger zu bewegen; ja oftmals 
Länger als das Herz ſelbſt: wie ich vierzehnmal ges 
funden habe; und wenn ſich das Herz länger bemeget 
bat, fo feine Diefes daher gekommen zu feyn, weil der 
Unterleib zuerft geöffnet geworden, und die Gedärme 
erfalter find p). Bey dem allem gefteht man dem 
Herzen, in. Abfiche auf feine gefchroinde Bewegung 
und Dauer derfelben, wie auch anderer Umſtaͤnde we⸗ 
gen, den’ Vorzug zu. Das Opium, welches die 
wurmformige Bewegung Der Gedaͤrme vernichter, 
und dem Körper faft alle Reizbarkeit benimme, läßt 
dennoch, wie wir etlichemal gefehen, das Herz bey 
völligen Kräften und Bewegung. Die Bewegung 
des Herzens hat auch bey nicht wenigen Verſuchen, 
dergleichen ich fieben aufgezeichnet, länger, als die 
Bewegung der Gedaͤrme gedauert. 
Sie haben ſich öfters von fich felbft, wenn fie Bine 
in tube gemefen, entweder von der Falten Luft, oder 
D-d4 von 





r 0) —*— vit. et mort. 
p) Man bef. bier Deren ©. 5, und 3. ©. immer 
mann. 


434 Von den veigbaven Thellen 


von einer verborgenen Urſache zu bewegen ange: 


fangen, und ihre Bewegung it nach und nad) 


heftiger ‚geworden. Ferner habe ic) geſehen, 
daß bey den Gedärmen, wenn fie. ausgeriffen 


gewefen, diejenige Bewegung, welche faft nach 


allen angenommenen Meynungen hätte unterdruͤckt 
werden muͤſſen, vielmehr zugenommen ! welches 


auch -die Mennung des Herrn Felix, unfers vor‘ 


maligen Schuͤlers ift a). Sie werden aber auch 


äußerlich, wenn man fie mit einer Nadel, oder mit 


einem Meffer rißet, und mit Alkohol, oder mit Gifte 


beruͤhret, gereiget: innerlich aber find fie hauptfäch« 


lich ausnehmend reizbar. Wenn man in einen 


Darın ſchneidet, und Gift in die Hoͤhlung deſſelben 
bringt, fo tritt und fließt viele. Galle mit einem 
Schaume herab, und wird auch wechſelsweiſe wieder 
eingeſogen. Ich habe niemals die wurmförmige 


Bewegung offenbarer, als ben einer Kage geſehen, 


welche fublimirtes Dueekfilber bekommen hatte. Die 
Deffnung des zerſchnittenen Darms wird ſo veraͤn⸗ 


> 


dert, daß fie ſich nach demjenigen Theile zuzieht, der 


der Wunde am nächften ift, die auswärts gefehrten 
und aufgerollten tefzen Fehren die innere Fläche der 


zotichten Haut gegen den Darm, und umfaflen den 


zunächft liegenden obern Darm, hängen fi fih auch 
leicht an einen jeden dran liegenden Körper atı. 
Wenn man auch nur den Darm auffebliger, fo zie⸗ 
ben fich ebenfalls die Lefzen zuruͤck. 


Uebrigens ift die mwurmförmige Bewegung ſo 


ſchwer zu beobachten, daß man ir kaum zu einer ge⸗ 


wiſſen 
q) de motu periſtalt. n. n. 


* 


7 menſthüichen Köck ee 


wiſſen Ordnung bringen kann. Jedoch iſt aͤberh aupt 
offenbar, daß ſich der Theil unter der Zuſammenzie— 
Hung erweitert, und dasjenige in fih nimmt, was der 
jufammendejogene Theil von ſich giebt. Wenn man 
alfo einen Theil des Darms mir Gifte berührt, fo 
fo berengert ſich derfelbe, und treibt die zu nachft bey 
ihm befindliche Materie von oben und unten heraus; 
es entſteht alsdenn daſelbſt ein Knoten, Der ſich fo ge- 
nau zuſammen zieht, daß keine Hoͤh | 

| Nochmals oſcillirt der erweiterte Thei | 
daß er fih zuſammen zieht, "and den Unrath über: 
und unfermärts von ſich laͤßt. 


Das Verkriechen des einen Darms in Fon andern 
habe ich bey: einem Kaninchen, welches. Gift befom. 
men hatte, geſehen. Der duͤnne und zuſammen ge⸗ 
zogene Darm, wird von dem naͤchſten weitern Theile 
eingenommen „und begiebt fich auch leichtlich wieder 
heraus: er treibt aber ebenfalls die Speiſen unter 
und über fih. Ferner: fo ift auch ebenfalls gewiß, 
daß ſie die Sage nach der Länge verändern, Und fic) 
‚bald von der rechten nach der linfen Seite ; bald um« 
gefehrt, bewegen. . Ben diefer Bewegung werden 
die nad). der: Länge laufenden Faſern offenbar und 
fihtlich; fo, wie hingegen die Duerfafern bey der Zus 
ſammenziehung mehr zum Vorſchein kommen. 


Bey kalten Thieren ſcheinen mir die Gedaͤrme 
nicht ſo reizbar zu ſeyn: denn ich habe gefunden, daß 
bey einem Froſche, eine Stunde nach dem der Bauch 
geöffnet worden, der Magen und die Gedaͤrme nicht 
reisbar. gemwefen ; die Pewegung des Herzens aber 
ift länger ve 

D» — Wir 







426 Bon den reizbaren Theilen 
Bir kommen auf ſolche Art allmaͤhlich auf das 
Werkzeug, das unter allen am reizbarſten iſt, auf 
das Herz felbft, welches, da es die Urſache aller Ber 
megung in dem menfchlichen Körper iſt, auch zur Be⸗ 
wegung am geſchickteſten ift, und fich von der gering 
ften Urfache reizen läßt. Und es erhellet durch Er⸗ 
fahrungen, daß es vornehmlich bey kalten Thieren ſehr 
reizbar it, und die Gedaͤrme in Anſehung des Ver⸗ 
mögeng fich. in Bewegung bringen zu laſſen, weit uͤber⸗ 
trifft. Denn erſt id bewegt es ſich bey einem kalten 
Thiere nach erfolgtem Tode am allerlaͤngſten, und zu 
vier und zwanzig r), dreyßig s) und mehr Stun⸗ 
den ; bey einem warmen Thiere aber fo lange bis 
das Fett von der Kalte 'geliefert ift, welches der ge⸗ 
meine Zeirpunct der Bewegung in den Muskeln iſt. 
Ich habe gemeiniglich bey dem Frofche’gefehen, daß 
der Puls des Herzens vom Mittage an bis weit in 
die Nacht hinein gebauert ; jedoch felten bis den an 
dern‘ Tag früh gewaͤhret. Machgehends kann man 
es a enn es ſchon ruhet, durch aͤußerliches Rei⸗ 
zen iner Nadel, mit einem Meſſer, durch Auf. 
ftreuung des Salzes t), durch Aufgießung eines 
Giftes, und zumeilen bloß durch warme Dinge, wie 
man beym Woodward findet u), leicht wieder in 
Berdegung fesen. Das Ohr har fih, da es mit 
Gifte gereizt worden, etlichemal zuſammen gezogen; 











und 


) Bey einer großen Otter hat es Charas wahrse⸗ 
nommen, de la theriaque p. 43: 
H Bey der — 3. Caldefi, 
t) Oeder p 

u) An angefetem * P 52. 


 - a: 
i 


’ 


des menſchlichen Körpers, 427 


und ‚eben dergleichen babe ich auch bey dem Herzen 


triebe der Gifte unempf 


geſehen. Jedoch geſchieht es bey dieſen Reizungen 
mit Gifte meiſtens, daß die daraus entſpringende 
Bewegung kurz, nicht ſelten nur an einem Orte, und 
bloß auf derjenigen Stelle iſt, welche gereizet wird, 
Auf eine beſſere Art aber kann das Herz in Bewe— 


‚gung gebracht werden, wenn die innere Fläche gereizet 


wird; und die Bewegung deffelben wird auch durch 





das Blaſen verneuert, Fo gleich gegen alle Ans 


durch eine jede Fluͤßigkeit, auch durch die leichtefte 
unfer allen, Durch die Luft, wenn ſie in die Hoͤhlun⸗ 
gen defielben getrieben wird. Denn man mag Wafa 


ift. Dieſes Ar 


ſer in das Herz einfprißen, oder $uft in beyde Staͤm⸗ 


” 
— 


me der Hohlader, oder-in der Milchbruſtader (Du- 
&us thoracicus) einblafen x), welchen Berfuch ich 
an einem Hunde angeftellet, und wodurch derfelbe 
wieder zur fich felbft gefommen; oder man mag durch 
das Einblafen in die $uftröhre veranlaffen, daß die 
Luft fchlechterdings durch den Weg des. Umlaufes 
aus den $uftgefäßen in das Blue und in die linke 
Herzfammer koͤmmt, welcher Verſuch gemeiniglich 


nach dem Robert Hook genennt, zu werden pflege, 


und den ich ben verfchiedenen Thieren öfters wieder: 
holet : fo wird doch das Herz allezeit in Bewegung 
gefegt. Dieſe Reizung der innern Wände des Her 


zens, welche viel ftärfer als die Außerliche ift, bringe 


eine Zufammenziehung hervor, wiederholte Zufams - 


menziehungen naͤmlich, und wechfelsweife Nachlafe - 
fungen, die nach und nad) immer ſchwaͤcher werden 

| und 
x) Wepfer eieut. aquat. p. 29. 


= 


\ 


428 Don den reizbaren Theilen 
und endlich verſchdinden, Dieſe Reizung benimmt 


auch der Reizbarkeit nichts, wie die Reizungen der 


* 


Gifte thun, welche den Roc, den fie beruͤhret haben, 
faft unempfindlich maı Ich will nicht leicht fa- 
gen, welcher Theil des a Herzens am meiſten 
reizbar iſt. Die Zergliederer gaben insgemein dem 
rechten Herzohr umd. ber rechten: Herzkammer den 
Borzug. Allein ich habe, wo ich nicht irre, gezeiget, 
daß die rechte Herzkammer Fein Borrecht habe, und 
dB die linfe Her;fammerund t 
länger fchlage, wenn die reizende Urſache fänc ger in 
dieſe Seite wirft y). Daß das Gewicht der reizen⸗ 
den Fluͤßigkeit erfordert werde, ſehe ich eben nicht ein. 






Das Herz fhlägt hurtig, wenn es aufgeblaſen wird, 


das heißt, wenn ein fluͤßiges Weſen hinein eommt, 
das taufendmal leichter als das Blur iſt: der Puls 
geht auch von der Luft nicht fangfamer und fräger 


als von dem eingefprigten Waſſer. Meines Erach ⸗ 


tens thut geringe Unterſchied zwiſchen dem ſchwe· 
ren Blute und dem leichtern ben,d tefee Sache nicht 


viel, da ich fehe, daf das Herz einer Frucht von fei- 


nem duͤnnen und leichtern Blute hurtiger und leb: 
bafter fpringe, als bey erwachfenen Perfonen, bey 


denen das Blur ſchwer ift. Daß feine Schärfe das 


Her su reisen erfordert werde, zeigt das Erempel 


mit der Luft und dem Waffer, welche die Reizbarkeit 
viel eher als das Salz vermehren. Der Grund des 


Reizens liege nicht in der Schärfe: denn die innere 


H Flaͤche des Herzens hat — als fie von dem rauchen: " 


© den. 


is In Comment. ER Reg. r recit. d. X. Nov. Tom, 1. 
p- 263. 


des menſchlichen Koͤrpers. 429 


den Salpetergeiſte beruͤhret worden, nicht zuſammen 

gezogen. 
* Mu nun aber fragen wollte, warum das Her, fo 
vie veljbarer als die andern Muskeln fen, dem wuͤr— 
den mir ſchwerlich antworten Eönnen.. Es find hier 
nicht mehr Merven als anderwaͤrts, und fie find viel. 
mehr noch Fleiner als in den Muskeln des Auges, 
Daß aber diefe Nerven empfindlicher find, und da- 
ber dem Reize nicht widerstehen Fonnen, muthmaßet 
Whytt 2). Woher koͤmmt aber diefe fo ſcharfe 
Empfindung des Herzens ? Sind die Nerven mehr 
entblößt, und liegen der innern Hoͤhlung des Herzens 


näher oder find fie geſchickter, fich reizen zu laſſen ?. 


Die Zergliederung. giebt Hierinnen menig Licht, wenn 
man nicht das Ohr zum Erempel anführen will, wel: 
ches gewiß fehr reizbar und zugleich fehr dünne iſt. 
Indeſſen bin ih nicht abgeneigt, diefe Urfache anzu: 
nehmen, wordus ſich aud) die reizbare Natur der Ges 
derme erflären läßt, die ebenfalls bey ihrer Eleinen 
Menge Merven von fehr reisbarer Natur find, Denn 


tie viel die Bloͤße der Merven zu der Schärfe der 


Empfindung beyträgt, erhellet aus dem Erempel der 
Harnröhre und Harnblaſe „ſo oft der uͤberziehende 


— 


Schleim verlohren genangen ; und aus den Exem⸗ 


pel der Gedärme felbft, wenn durch den Abgang des 
Schleims die zotichte Haut entbloͤßt wird, und Blut 
tröpfelt. Die Zeralieverungsfunft aber zeigt dieſe 


Bloͤße fchwerlich ; fie zeigt nidıt einmal leichtlich Die 


‚geößern Stämmchen der Nerven des Herzens. Uebri: 
gens hat man gefunden, daß unter allen Thieren der 
aa, 

2) ©. gır. a 


sa 


430 Don den retzbaren Seifen 


Aal, fo wohl in Anfehung des Herzeng, ai in Anfe 
hung der Muskeln am wenigften reizbar iſt. | 
Aus diefen Erfahrungen zufammen erhellet nun, 
daß nichts in dem Körper veizbar, als die Muskelfa⸗ 
fer ift, der diefes Vermoͤgen fo eigen ift, daß fie bey 
der Berührung Fürzer zu werden fich beftreber. Fer 
ner erhellet auch, dag die Neizbarfeit in den Lebens⸗ 
theilen am größten. fey, und daß das Zwerchfell, wenn 
die übrigen Muskeln ſchon in Ruͤhe find, noch die 
voͤllige Geſchicklichkeit zur Bewegung behalte: und 
wenn dieſes abgeftorben, fo iſt der Magen noch reiz⸗ 
bat : endlich und zuletzt kann unter allen noch die 
Bewegung bes Herzens erreget werden. Dieſes 
alles ſcheint fehr gefchickt zu fenn, die Lebenswerkzeuge 
von denen, die von dem Willen abhaͤngen, zu unter⸗ 
ſcheiden. Ein leichter natuͤrlicher Antrieb iſt bey de⸗ 
nen, welche am meiſten reizbar find ,, hinlänglich. 
Bey den trägern Hingegen entfteht Feine Bewegung, 
wo nicht entiweder der Wille der Seele, oder ein fehr 
ftarfer Reiz, der weit größer als der natürliche ift, 
dazu fommt. Denn wenn dergleichen hinzu fommt, 
fo werben, wie insgemein befannt iſt, die willkuͤhrli⸗ 
en Muskeln von einer Bewegung bingeriffen, die 
man Convulfionen nennt, 

Es wird aber leicht zu ermeifen feyn, daß das 
Vermoͤgen diefe Bewegung hervor zu bringen, von 
allen andern Eigenſchaften der Körper entfernet 
iſt a), Was die Elafticität anbetrifft, fo befindet 
fie ſich auch bey einer ausgetrockneten Fafer, welche 
ihre Reizbarkeit folchergeftalt ig daß fich . 

I. 

a) Zimmermann. in addend, Ocder P Ye 


¶des menfehlichen Körpers, 451 


bey einem Srofche in Feinem Theile das geringfte $e- 


ben mehr zeiget, wenn die Fafern ausgetrocinet find. 


Ferner fo gehörer die Elajticität für harte: Körper, 


die Reizbarkeit aber für die allerweichften.. Der 
Bielfuß ift fo reizbar, daß deffen Körper auch von 
dem Lichte gerühret wird, ob er gleic) Feine Yugen 
hat. Die gallerichten Thiere find hoͤchſt reizbar, ob 


ſie glei) von der Elaſticitaͤt am meiteften entfernet 


find. Robert Whytt füger hinzu b), daß die 


Bewegung des Herzens von fich felbft aufhöre, und 
zuletzt wieder anfange: welches bey Feiner reizbaren 
Faſer wahrgenommen wird; und daß von einer ftäh- 
lern Nadel Feine Reizung entftehe c). Und KDils 
helm Battie erinnert, daß die Fafern bey ermachfes 


nen Menfchen weniger, bey Rindern aber mehr reizbar 
find, da fie doch bey jenen mehr Elafticität haben. 

Da aber die Musfelfafer aus einer Gallerte oder 
aus einer Klebrichkeit (Gluten) und aus erdichten 


Grundtheilen beſteht, fo fraget ſichs, ob die reisbare 


Kraft in der Klebrichkeit, oder ob fie in den Elemen- 
‚ten fist? Daß fie in dem erften Theile der Faſer ih: 
ven Giß habe, ift wahrfcheinlich, weil die Kiebrich 
feit eine Neigung, ſich zu verfürzen hat, und wenn 
man fie zieht, zurück fährt, die Erde aber nimmt, 
wenn fie trocken, unter allen Körpern ihre veränderte 
tage am menigften wieder an fich, und läßt fich zer. 


“reiben: die Elemente nämlich bleiben, wenn fie ein» 


_ 


336) de princip. anim. p. 34. 


mal von einander getrennet worden, von einander ge⸗ 
ſondert. Hierzu kommt noch, daß die jungen Thiere 
aus mehrerer Klebrigkeit, und aus wenigerer Erde 


| "beiten 
b) S. 23. u. f. ER ft 


432 Bon den reizbaren Theilen 


beſtehen; daß aber die jungen Thiere am meiſten 


reizbar find, ift aus der. Geſchwindigkeit des Pulfes 


offenbar, welche bey dem hüpfenden Puncte am hoͤch⸗ 
ſten iſt, und nach und nach von 150 in einer Minute 
bis auf 60 vermindert wird, und bey alten Leuten 


‚wieder bis auf 95 koͤmmt. Ferner ſo ſind auch alle 


fehr erdichte und ſchwere Theile in dem menſchlichen 
Körper, als Knochen, Zähne, Knorpel dieſer reizba- 


ren Kraft beraubt : und die reizbare Fafer felbft, 


wird bloß durch das Austrocdinen und Berfliegen. der 
Kiebrigfeit trag und unbeweglich. 


Wie es aber zugeht, Daß Die Klebrigkeit, bie.dus 


einer todten Lymphe entitanden, in einem Thiere reiz- 
bar wird, ift noch: zu unterfuchen übrigs Robert 
Whytt fagt mit des Stabls Anhängern, die Seele 
trage das Ihrige dazu ben, fie. empfinde.erwas Be: 
ſchwerliches, und. ziehe Die berührte Safer, um die 
ſer Befchwerlichfeit los zu: werden alten ? und 
was dergleichen mehr iſt. 
Ob aber dieſe Theorie gleich ſehr Teiche. ift,. und 


| wir dabey geſchwind davon kommen, ſo ſcheint ſie 


doch mit den Erſcheinungen nicht überein zu ftimmen, 
Und zwar erftlich, fo ift Die Neizbarfeit von der Em- 


pfindlichfeit ihrer ganzen. Natur nach unterfchieden: 


und. es würde fich. anders. ‚verhalten, wenn die. Rei, 


zung von der Empfindung entfprünge, Ja wenn wir 


auch diefes voraus feßten, ſo würden Doc) diejenigen 
Theile nicht reizbar ſeyn, die dem Willen der Seele 
entzogen waͤren; von deſſen Gegentheile wir doch 
durch die Erfahrungen überzeugt werden. Ferner ſo 
bleibt auch das Thier, wenn es geſtorben, noch teize 
bar, und deſſen Theile ziehen fi, wenn —— ie. gereizet 

hs ob {ers 


> 


des menfihlichen Körpers. 433 | 


werden, auch wenn fie von ihrem Körper getrennt, 
oder fonft der Empfindung beraubt find, zufammen. 
Nichts ift gemeiner, als daß man bey dem Frohe 
das Herz fchlagen, und die Musfeln reizbar bleiben 
fieht, wenn aud) gleich das Ruͤckenmark und der 
Kopf abgefchnitten find. Here Whytt macht die 
Zeit des Todes mit ziemlicher Scharffinnigfeit unges 
wiß d), und glaubt, daß das Thier noch Leben habe, 
wenn es auch eine etwas lange Zeit todt gefchienen z 
er beweiſet folches auch aus dem Exempel ertrunfener 
und in Ohnmacht liegender Leute. Da aber gewiß 
iſt, daß die Seele in dem Kopfe ihren Sitz hat, und 
da diefelbe Feine Herrichaft in den übrigen Körper 
hat, auch, wenn die Merven zerftöret oder abgefchnit« 
ten werden, feine Empfindung zur Seele gelanget, 
auch feine Bewegung nach dem Willen der Seele ers 
fotget; da ferner, wenn auch der Kopf oder die Ner⸗ 
ven abgefchnirten werden, die Reizbarkeit dennoch 
vollkommen bleibt: fo erhellet, daß auch die Reizbar« 
feit bleibe, wenn die Seele entweder ihren Siß vers 
laffen, oder deren Gemeinſchaft mit dem Körper un« 
terbrochen worden, und daß fie folglich nicht von der 
Geele abhänge. Diefes ift fo offenbar, daß es nicht _ 
nöthig it, hinzu zu fügen, daß die Keizbarfeit auch 
ohne eine Empfindung der Seele vorhanden fenn Fön» 
ne, wie das Erempel des Herzens beweiſet; und daß 
fie durch feinen Willen vegieret werde, wie ebenfalls 
das Erempel von dem Herzen lehret. Cine Empfin- 
dung aber, welche nicht empfunden“ wird, eine Wir ' 
fung des Willens, welche ohne Bewußtſeyn gefchieht, 
| / und 

.. d) ©. 367. 389: u. f. en 
13 Dand — 


E x) Re AR 
434 Don den veizbaren Theilen: 
und durch feine gegenfeitige Macht des Willens un 
terbrochen werden kann, und dergleichen den Begriffen 
fo mwiderfprechende Dinge nehmen nun gleichwohl die 
Gegnern, 

Was verbiethet ung alfa zu —— die Reizbar⸗ 
ei koͤnne wohl eine Eigenſchaft der thieriſchen Kle⸗ 
brichkeit in der Muskelfaſer ſeyn, vermoͤge deren ſie 
ſich, wenn ſie beruͤhret und gereizet wird, zuſammen · 
zieht; wovon es aber nicht noͤthig iſt, eine weitere Urfas 
he anzugeben, eben fo, wie feine wahrfcheinliche rfache 
des Anziehens oder der Schwere bey der Materie ans 
gegeben werden kann. Die phyſikaliſche Urfache liege 
in dem innern Baue verborgen, und wird durch Ber» 
fu che gefunden, die zwar diefelbe zu zeigen offenbar 
genug, zu Erforſchung der Urfache in dem Baue aber 
allzuareb find. 

Die Reisbarfeit wird durch das Vertrocknen, durch 
die Gerinnung des Schmeeres, bey einem lebendigen 
Thiere aber hauptſaͤchlich durch beygebrachtes Opium 
vernichtet. Ich habe ebenfalls ſo, wie der beruͤhmte 
Her Abraham Assu Boerhaave e), geſehen, 
daß die wurmfoͤrmige Bewegung des Magens und 
der Gedärme dadurch vernichter worben, fo daß fie 
auch von fich felbft in Ruhe kommen, und durch Fein 
Keizen wieder in Bewegung gebracht werden. file 
deffen habe ich fonft bey einer Katze gefehen, daß die 
wurmfoͤrmige Bewegung uͤbrig geblieben. Dur 
eben dieſes Gift wird auch die periſtaltiſche Kraft der. 
‚ Harnblafe gehemmet. Ja ich habe bey einem Fro⸗ 
fche, ven Dpium beygebracht worden, gefeben, daß 

bie 
e) In impetum faciente Hippocratico. 


des menfehlichen Körpers. 435. 


die wurmförmige Bewegung, die Reizbarkeit der Ge⸗ 
daͤrme, und die conpulfivifche Kraft der Nerven aufe- 
gehoben worden. Whytt faget, daß die reizbare 
Kraft des Herzens auch durch das Opium vernichtet 

— ich aber habe nicht geſehen, daß ſie vertilget 

wird f). 


Da übrigens einige berühmte Männer von der ſo⸗ 
‚genannten Ket:barfeıt, als einer neuen Eigenfchaft 
des Körpers gefehrieben, und auch mir die Ehre der 
Erfindung dieſer vorzüglichen Kraft eines belebten 
Körpers zugerheilet; andere hingegen behauptet ha— 
ben, diefe Meynung, die fie für falſch halten, fey nicht 
einmal neu; fo wird es nicht undienlich feyn, etwas 
von der Hiſtorie dieſer Eigenſchaft benzufügen. Es 
find einige dunkele und hie und da von fich felbjt in die 
Augen fallende Erfahrungen zu affer Zeit bekannt ge⸗ 
weſen, und das Zittern des abgeſchnittenen Fleiſches 
ift auch dem Divgil nicht unbefannt gewefen. Daß 
ſich aber die Alten des Verſuches, das Fleiſch zu rei- 
zen, und eine Bewegung hervor zu bringen, bedienet 
‚haben, finde ich nicht. Iranz Sliſſon g), der Er⸗ 
finder der Lebenskraft, welche in den Elementen der 
Koͤrper wohnet, hat, fo viel ich weiß, das Wort Irri- 
tabilitas ausgedacht. Sie foll aus der natuͤrlichen 
‚Derception entipringen, ohne Empfindung fern, und 
zu dem Vermögen des Archäus, der den Körper felbft 
‚ äubereite, gehören h): wiewohl auch eine andere Neize 
barkeit fen, die von der äußerlichen Empfindung, und 

Ee 2 eine 





f) 371. 372. ©: 
g) de ventrictlo et inteftin. c. VIL 
h) n.6. 


Ed { } } 
N 74 ART ? \- 


156 Bon den veizbaren Theilen 


eine andere, die von dem innern Appetite entſtuͤnde — 
u. ſ. f. Er hat auch Erſcheinungen angeführet, um 
daraus zu zeigen, daß diefe Bewegung ohne Empfin ⸗ 
dung entfpringe, und daß dag Fleiſch todter Körper 
ſich bey Berührung feharfer und ftechender Feuchtig« 
keiten zuſammenziehe; Daß ferner bie natürliche Per: 
ception und Reizbarfeit fo darinnen verborgen liege, 
daß fie auch endlich die Knochen und Säfte des Men« 
ſchen reisbar mache k). Er bat auch Grade der 
Keizbarfeit gemacht, und die allzugroße, und die kuͤ⸗ 
| Shen die Boerhaave oft erwaͤhnet, nicht uͤberſe— 
ben 1) 

Lorenz Bellin m) hat zwar von dem natuͤrli⸗ 
chen Zufammenziehen (de contradtione naturali ). 
gefehrieben, und gezeiget, Daß aus Diefem Zuſammen⸗ 
ziehen die verborgen liegende Schaͤrfe, oder eine jed⸗ 

wede Fluͤßigkeit, an die Oberflaͤche der Faſern, und 
nach dieſem vollends heraus getrieben werde: wel⸗ 
ches er auch mechaniſch erklaͤret. Daher lehret er 
auch, daß durch das Reizen ſich die Muskeln zuſam⸗ 
menziehen, die Bewegung des Blutes beſchleuniget 
‚werde, die Entzuͤndung entſtehe, die Ableitung (Re- 
vulfio) und die Ausführung geichehe: er hat aber 
feine Erfahrungen, welche von diefer Kraft uͤberfuͤhr⸗ 
ten, angeftellet. George Bagliv n) iſt der Sache 
näher gefommen, und hat aud) Erfahrungen daruͤ⸗ 
ber angeſtellet. Er — die — eines zer⸗ 

ſchag 

i) n. m. kyes ur 

4) eben dafelbfin.s. 

m) Beſ. unter feinen opufe. de flimulis und un Tradt. 

de fanguin. miflione. 

n) de fibra motrice et morbofa. 


des menſchlichen Körpers, 437 


ſhnittenen Herzens ohne einige Beyhuͤlfe der Ner⸗ 
ven zittern und ofeifliven, auch wechſelsweiſe ſich zu» 
ſammenziehen und nachlaffen gefehen 0): ferner hat 
er gefunden, daß fich jediwede Muskelfafer, wenn fie 
‚zerfchnitten wird, zufammenzieht, und daß dieſes ge 
fehehe, ohne daß die Seele oder die ——— et⸗ 
was dazu beytrage p). 
Von dieſer Zeit an bat bie ſtahliſche Secte viel 
von ihrem Tone geſchwatzet, welches zwar das natuͤr⸗ 
liche Zuſammenziehen der Fibern iſt, das ſie aber 
auch der Seele zugeſchrieben, aber durch feine Er» 
fahrung, fo wie diefe Secte allezeit von der Anato⸗ 
mie nicht viel gehalten, beftätiget haben. 
Boerhaave hat zwar bey der Bewegung des 
Herzens eine ftimulirende Kraft, und eine verborgene 
Meigung zur Bewegung, bie in defjen Abfchnitten 
oder Abrheilungen fißt, angenommen q): da er 
aber gleichwohl alle Kraft ver Muskeln von den Mer 
ven hergeleitet, fo hat er nicht genugfam gefehen, daß 
‚die Urfache der Bewegung in dem Muskel felbft fige, 
und daß zwar. der Nerve den Willen der Seele da 
hin leite r), und das Zufammenziehen vermehre 
und belebe; daß aber doch der Nerve hierbey auch 
entbehrlich ſey: und es erhellet viel deutlicher, daß 
das Nervenſyſtem nichts dazu beytrage, da auch die 
kleinſten Inſekten, wenn ſie auch nicht einmal einen 
‚Kopf haben, reijbar find, Johann Woodward 
—J in dem Supplemente, das nach ſeinem Tode von 
D. Holloway heraus gegeben worden, Erfahrun · 
Ee 3 gaen 
0) ©: 7. pP) ©. 12. be (Mu 
q) infitut. rei med. n. 187. | 
.x) eben daf. n. 402. 


233 Don den reisbaren Theilen 

gen von der Neizbarfeit, die nad) dem Tode übrig 

bleibe, angeführet, welche nicht zu verachten find. 

Alerander Stuart s) hat viel mügliches gefun- | 

den, und auch erinnert, daß die Safer, menn fie 

| — von den Nerven abgefondert worden, reizbar 
leibe. 

Ich habe mancherley, welches zu dieſer Sache ge— 
hoͤret, hin und wieder, aber keine beſondere Abhand⸗ 
lung geleſen, bis ic) in den Commentariis Boerhaa- 
vianis t) diefe Worte im Jahr 1739. gefchrieben,. 

Alſo wird das Herz von einer Urfache beweget, die 
weder vom Gehirne, noch von den Schlagadern her⸗ 
ruͤhret, welche unbekannt ift, und in dem Baue des 
Herzens felbft verborgen liege. Ich habe mich nam» 
lich durch die Natur der Sache felbft gezwungen (es 
fehen, von meinem Lehrer abzugeben. Hierauf 
habe ich nach drey Jahren wiederum erinnert, daß 
in der That jedwede thierifche Muskelfaſer, 
wenn fie gereist werde, fich zufammen siehe, 
und daß fie bierdurch bauptfächlich von einer 
Pflanze unterfchieden fey u); und daß es bloß 
von der fortdaurenden Reizung herrühre, daß die er 
benswerfzeuge zu wirken, fortfahren, wenn die Thiere 
ruhen, a meinem Eurzen Begriffe der Phnfiolo- 
gie aber x) habe ic) die Bewegung ‘des Herzens der 
Kraft des Reize jugefchrieben; und in einer andern 
Ausgabe habe ich die reizbare Kraft der Musfelfa: 
. gi ich meine Wa er ges 

abt, 





* de mot. BUN p. 
t) ad n. 187. inſtit. rei — not. 1. 
u) p. 586. T. IV. a. 1743. | 
x) a. 1747. n. iu3. P. 51. \ 


des menfchlichen Rörners. 439 


habt, umftändficher erhärtet y), auch gelehret, daß 
fie ohne Nerven übrig bfeibe, und von aller anderer 
Eigenfchaft des Körpers unterfchieden fey. Und mer 
diefes nicht annehmen will, der mag mir zeigen, von 
‚welcher Qualitaͤt des Körpers dieſelbe abhänge. Ends 
lich babe ich wegen diefer Sache unzählige Erfah: 
rungen an lebendigen Thieren angeftellet, und die 
Schluͤſſe daraus hergeleitet, Die ich ihnen vortrage, 


Es ift mir fehr angenehm gemefen, daß faſt zu 
eben der Zeit Yobann von Gorter z), und der 
berühmte Herr Friedrich Winter a), in fei 
nee Rede, de certitudine in medieina pradi- 
ca, worinnen er alle Bewegung in dem menfdli» 
chen Körper einer ftimulirenden Kraft, und einer 
reizbaren Natur der Faſern zugefchrieben,, von diefer 
Sache gehandelt. Diefen Männern haben bier und 
da verfchiedene nachgeahmer. Diele Erfahrungen 
bat der Verwandte diefes berühmten Boerhaave, 
Abraham KRaav b) angeftellet, die aber faft eis 
nen andern Zweck, als den unferigen, haben. Meus 
lich aber hat Herr Robert Whytt c) von der ſti⸗ 
mulirenden Kraft, als der Urſache aller Bewegung 
in dem menfhlichen Körper, gefchrieben ; jedoch auf 
‚folche Art, daß die Seele Diefe Reizung empfinde, 
und fid) durch ein erregtes Zufammenziehen von der 
Empfindung einer Beſchwerung zubefreyen fuche, Er 

Ee 4 hat 

V)N. 408. p- 252- 

2) ĩn exercit. de motu vitali. 

) Franeker 1746. fol. 
hbh ) de impetum faciente Hipp. 
e) of vital motions Edimburg 1751. 8. 


/ 


. 440 Bon den reizbaren Theilen 


but als ein meines Bebünfens nicht genugfam billis 
ger Kunftrichter mich und- andere alsdenn nur. zu 
nennen beliebt, fo oft er uns hat tadeln wollen ; und. 


uns hingegen nicht: genennet, fo oft er meine Meys 


nung wiederholet hat. Er hat einige jedod) wenige 


Erfahrungen an fterbenden Thieren angeitellet; die 


Theils zu Beftätigung der Meynung dienen, theils 


‚nicht genugfam wiederholt worden, und deren — 


den unſerigen widerſtreiten. 


Den wahren Weg dieſes vorzuͤgliche Vermoͤgen 
des Koͤrpers ins Licht zu ſetzen, ſind zween von unſern 
Schuͤlern, Johann George zimmermann und 
George Chriſtian Deder gegangen. Beyde ha- 
ben dieſes Vermoͤgen der Faſern, welches dem Ge; 
fege des Anziehens ähnlich it, aus Erfahrungen, 


- ohne eine unnüge Theorie, aus einander. zu ſetzen ge⸗ 


ſucht. 


De la Metrie d) hat das neue Vermoͤgen des 
thieriſchen Körpers zum Grunde des Lehrgebaͤudes 
gelegt, woraus er die Immaterialitaͤt der Seele zu 
vernichten geſucht, und ſich, (weil er niemals ſo leicht 
zum Erxroͤthen geneigt geweſen,) die Erfindung dies 
fes Bermögens, welches feiner Meynung nah Stabs 
len und Boerhaaven unbekannt gemefen, zuge 
fehrieben ; er führt aber Feine Erfahrungen bey feis 
ner Erfindung an. Er hat, wie man mic) genau 
berichtet, Diejenigen Erfahrungen, die feiner gettlofen 
Meynung einigen Schein geben, und von unfern Er: 
fahrungen leicht widerlegt werden, von einem Mene 


ſchen 
d) PHomme machine n, 18. 22- 


J 
— 
* 


| des menſchlichen Koͤrpers. 440 


ſchen aus der Schweiz, der fein Bekannter, auch fein 


u] 


Schüler von mir, und auch Fein Arzt ift, meine Sa- 
chen aber gelefen, und, wo mir recht ift, einiges von 
bem berühmten Herrn B. 5. Albin befommen 
hatte. - Denn wenn die Reizbarfeit in den Theilen 
übrig bleibe, Die von dem Körper getrennt, und der 


Herrſchaft der Seele nicht mehr unterworfen find; 
wenn fie fi) allenthalben in der Muskelfafer befins 


det, aud) der Beyhülfe der Merven nicht bedarf, die 
gleicyfam die Bedienten der Seele find : fo it die 
Seele von dem Bezirke der Reizbarkeit ſehr unter: 
fhieden, und die Keizbarfeit koͤmmt auch nicht von 
der Seele her ; fo ift es auch nicht die Seele, was 
wir in.dem Körper die Reizbarkeit nennen. 









% 


Eee 5 0 JH Außs 


\ ee 4 


4 Auszug eineg Briefes 
****** * er * KK * 
Auszug eines Briefes 

von 


dem Herrn Profeſſor Boſe 
in Wittenberg, | 


aus der Nouvelle Bibliotheque Gerimanique, 
. Tom. 3. Sec. Part.1747.P.44. 


enn man mitten durch einen wohfgefihtife. 

nen gläfernen Würfel ſieht, und zwar fo, 

daß die Ecke oder ein Eörperlicher Winkel, 

bey nahe gegen die Achfe des Auges gerichtet ift, fo 
wird das Licht in den fechs gevierten Flächen des 
Wuͤrfels jedesmal fo zuruͤck geſchickt, daß man darin⸗ 
nen ganz deutlich acht Parallelipipeda entdeckt, worun⸗ 
ter jedesmal zwey einander vollfommen gleich find. 
Richtet man aber diefen Förperlichen Winkel genau 
gegen die Achſe des Auges, fo werden die acht Paral- 
lelinipeda fo'gleich zu eben fo viel vollkommen glei» 
hen Würfeln. Jedermann weiß das, und der Ber 
weis davon ift leicht. . Vor zwey Zapım lieg einer: 
von meinen Zuhörern einen gläfernen Würfel, derglei- 
chen ich mich bey der Erklärung der Gefege der hurlichge: | 
ſchickten * Lichtſtrahlen bediene, auf die Erdefallen. Er 
| war 


+ Löik de la reflexion. Wird wohl verſchrieben ſeyn, 
und der gebrochnen heißen 9— 


14 —* 





J FRE . { 
von Hn. Prof. Bofein Wittenberg. 443 
war zween bis drey Zoll hoch. Durch das Fallen war 
ein klein Stuͤck von einem koͤrperlichen Winkel abge» 
brochen. So bald ich durch den Winkel ſahe, wel. 
“cher dem abgebrochenen gerade entgegen ftand, fo 
ſtellte mir diefer Fleine Bruch eine artige Figur vor, 
‚welche wie zwey einander agfgegen gefeßte Blätter 
ausſahe. Es war eigentlich nur eine bloße Wirfung des 
Zufalls, ich unterließ aber nicht, mir es zu Mugen zu 
machen. Ich war Willens, einige Eörperliche Wine 
kel in meinem Würfel nach verfchiedener Größe ab- 
Schleifen zu laſſen, indem ich gar nicht zweifelte, daß 
man, nach der verfchiedenen äußerlichen Bildung dies 
fer abgefchliffenen Winkel, jedesmal durch den enrges 
gen gefegten ganzen MWinfel gar wunderbare Figus 
ren erblicken wuͤrde. Ich forach Diefermegen mit ei. 
nem Marne, der feine Wiſſenſchaft zwar nicht fons 
derlih mach Regeln gelernet hat, aber.in der Ausuͤ⸗ 
bung derfelben defto geſchickter ift. Ich geftehe hier 
frey , ohne mir etwas anzumaßen, das mir nicht ges 
börer, daß eben dieſer Mann allein feiner Seits eine 
Entdefung gemacht hat, die faſt ganz und gar neu 
iſt. Man nehme aljo. ein gläfernes T'etra&drum, 
da jede Seite wohl gefchliffen, und zween bis drey 
Zoll groß if. Man lafle einen von den vier Für. 
 perihen Winfen, flach oder linfenförmig fchleifen. 
Man tafje alsdenn den andern Winfel mit der ent. 
gegengefegten Grundfläche parallel abnehmen, und 
das Fleine Dreyeck auf der abgefürzten Pyramide, 
welche das Terraödrum von diefer Seite vorftellt, 
glatt fchleifen. Man fehneide den dritten Winkel 
dergeſtalt ab, daß alsdenn jedesmal das größte unter 
% den drey Dreyecken, welche in diefem Winkel zufam: 
— men 





/ i 
* 


444 Auszug eines Briefes von ꝛc. 
men ftoßen, mit einem andern Eleinen ſchiefwinklichten 
Dreyecke gefrönet wird, und alfo der vierte Winkel 
ſich folchergeftalt faft in vier. fehr fchiefe Trapezia 
endige. Man fehe hierauf durch die Fläche des 
Dreyeks, welche einem Winkel des Tetraädri gera- 
de entgegen fteht, fo wird man mit Bermunderung 
durch die eine Fläche ein vollfommenes regulaires 
Icofa&drum , durch die andere einen Stern von Py- 
ramiden, Durch die dritte 
wunderbar ausgehöhlt iſt, 
Beweis hiervon wird entſetzlich verwickelt. Man 
begreift indeflen gar wohl, was man vor ‚ein großes 
Feld vor fic) findet, wen man das Hexaëdrum, das 
Odaödrum, Dodecaddrum und Icofa&drum mit 
verſchiedentlich abgefchliffenen Winfeln betrachtet. 
Ein großer Meßkünftler hätte bier ſchon eine gute 
Gelegenheit, feine Geſchicklichkeit zu zeigen. 











445 


ak ak 


— 
Auszug | 
der neueſten phyſikaliſchen 
Merkwuͤrdigkeiten. 


J. 
Bon einem beſondern WBafferinfefte. 


A $ er Herr Paſtor Schäfer hat eine kurze Be⸗ 
Jſchreibung eines Waſſerinſektes herausgege⸗ 


ben, das ſich in ſtehenden Waſſern aufhaͤlt, 
auf dem Ruͤcken ſchwimmt, und ſich ſehr ſchnell von 
einem Orte zum andern beweget. Herr Linnaͤus 
hat dieſes Thier unter die Claſſe der Monoculorum 
geſetzt; allein Herr Schäfer widerlegt dieſes Verſe⸗ 
ben, und giebt dem Inſekte, weil es Feine Züße bat, 


den Namen: Apus pifciformis. Es ift ein Kupfer 


daben, wo man das Inſekt ſowohl ins $ebensgröße, 
als vergrößert, mit feinen natürlichen Farben vorges 


ſtellet hat *. 


I, Bon einem befondern Agathe. . 
Dom Thomas Mangeart bat einen Agathen 


aus dem Cabinette des Herzogs Carls von Lothrin⸗ 


gen 


| * Die Schrift, welche 1752 in Nürnberg herausgekom⸗ 


‚men, führet den Titel: Apus pifeiformis, inſecti aqua- 
tici Species nouiter detecta breuibusque defcripta, a la«. 
 Chrifl, Schaeffero etc. 3 Bogen, in Quart. 


i 


7 
46 Auszug der neueſten 


gen abbilden laſſen, und beſchrieben, der wegen feiner 

Veränderungen fehr fonderbar ift. Er ftellt von beye 
den Seiten einen vollkommenen Schwan vor; der 
Grund des Steines aber ift graulicht, und mit Fleinen 
rotben Puncten und einigen durchſichtigen Flecken ver⸗ 
ſehen. Wenn man dieſen Stein in die Feuchtigkeit 
bringt, oder ihn drey Stunden lang in naſſes Papier 
ſchlaͤgt, fo verſchwindet der Schwan gänzlich, und der 
Stein hat alsdenn durchgängig nur einerley Farbe, 
nämlich afchgrau. Die durchfichtigen Flecken werden 
fehmäler und dunfler. Wenn er aus der Feuchtigkeit 
herausgenommen wird, ſo erſcheinen in weniger als 
zwo Stunden der Schwan, die Flecken und Farben 
vom neuen wieder, wie zuvor. Aus diefen verjchie> 
denen Erfcheinungen fchließe der Verfaffer, daß diefer 
ganze Agath fo, wie er da ift, natürlich fy. Da er 
aber doch deshalb verfchiedene Menynungen vernoms 
men hat, auch fonft die Urfache fo feltener Derändes | 
rungen nicht zu ergründen vermag; fo bat er dieſen 

Auffag in der Abfiche öffentlich bekannt gemacht, um 
die Naturforfcher darüber zu Rathe zu ‚sieben, und, 
ihre Meynungen zu vernehmen }. 


II Von der Fruchtbarkeit des 
Getreides *. | 


Folgendes Mittel foll vermögend feyn, alle Arten 
von Getreide ungemein viel tragbarer zu machen, als 
fie 

+ Diefe Schrift, telche 1752 zu Brüffel gedruckt morden, 
heißt: Memoire ur les Variations d’une Agathe du 
Cabinet de S. A. R. le Due Charles de Lorraine, etc. 
par Dom. Thomas Mangeart, Religieux, ete. In folio, 
*Aus einer, 1752, zu * in klein Duodeꝛ Peraus: 
6» re] 


/ 


\ 


 pffi kaliſchen Merkwuͤrdigkeiten. 447 


Ei natürlicher Weife feyn würden, Man läßt nim- 
lich Salpeter ſchmelzen, traͤgt in denſelben, wenn er 
im Fluſſe iſt, dasjenige Getreide, was man ausſaͤen 
will, zu 20 bis 30 Granen ein, tät beydes verpuffen, 
und wiederholet dieſes Verfahren, bis der ganze Sal» 
peter zubereitet ift, Der. alsdann wie ein anderes feuer« 
feſtes Laugenſalz an der Suft zerfließt. Hernach 
macht man eine Miſtjauche, aus Ochfen» Pferde, 
Schaf: und Taubenmift, die man in einer Tonne mit | 
Regenwaſſer faulen laffen muß. In dieſe Jauche 
miſcht man die Salpetereſſenz, zu einem halben Pfun- 
de auf go Pfund Jauche, und weichet das Getreide, 
das man ausfäen will, 24 bis zweymal 24 Stunden 
darinn ein, ‚und brauchet es hernach zum Ausſaͤen. 
Der Berfuch fol die Güte diefer Erfindung beftati- 
- get haben, und der Berfaffer beruft fich befpnders 
auf die überaus großen Sonnenblumen, die cr zu 
Vincennes in feinem Öarten gezeuget hat. Gelegent- 
lich merkt er auch an, daß er an einem hohen Ufer 
‚achtzehn Schub fange Öetreidewurzeln und in einem 
Pa aprunen bis fechzig Schuh lange Weinreben. 
Runen gefehen babe. 


aefommenen Schrift, welche den Titel führer: L’A- 
bondance, ou la veritable pierre ——— Bey 
de la Gueite. | 


Ne | Anhalt 


\ h 


7 


Inhalt 


des vierten Stuͤckes im dreyzehnten Bande. 


1) Anecdoten und Anmerkungen über Cheiftina, Koͤ⸗ 


niginn von Schweden 339 


2) Albrecht von Haller, von den empfindlichen und 
reizbaren Theilen des menſchlichen Koͤrpers 402 


3) Auszug eines Briefes von dem Heren Prof. Boſe 


in Wittenberg 442 
4) Yuszug der neueften phyſi kaliſchen Merkwirdig. 
feiten 445 


ED Le — —— 


Samburgiſches 





SITTREn 


oder 


geſammlete Schriften, 


Aus der 
und den angenehmen 
Wiſſenſchaften uͤberhaupt. 





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Des dreyzehnten Bandes fünfree Stud. 
Mit König Pohln. und Churfürftl. Saͤchſiſcher — 


Hamburg und Leipzig, 


aaa — Grund und Adam a Holle, 
1754 
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Kern Erich Pontoppidanuız | 
Abhandlung 
Don den Schickſalen 


der daͤniſchen Sprade, 


und ihrem 


ſowohl ehemaligen als itzigen Zuſtande 
in dem Ren Cimbrien 


dein Sesznathume Schleſwig 







Ka Gabe mir vorgenommen, die ver⸗ 

Sn, re fchiedenen Abwechſelungen und 
rg Scicffale der daͤniſchen Sprache 

I in Cimbrien, oder dem füdlichen 
Theile deſſelben, welcher ist das Herzogthum 
Schleſwig heißt, etwas genauer zu unterſuchen. 
Sie war in demfelben a fo bluͤhend und ar 
als 


go den Sbichalen 


% ats in den übrigen Gegenden des Königreichs Daͤ⸗ 
nemark: fie iſt aber mit der Zeit durch verſchiedene 
> Aufälle verdorben, und endlich von der auslaͤndiſchen 
< fächfifchen ‚oder deutſchen Sprache Mraabe vers 

ſchlungen worden. 

Ich nenne die letztere, in Ynfepung der daͤni⸗ 
ſchen Sprache, nicht fchlechterdings fremd und aus⸗ 
ländifch. Ich gebe vielmehr mit beyden Händen zu, 
daß bende einerley Urfprung haben , und vielleicht 
von der Sprache der alten Ceiten herruͤhren fönnen. 
- Denn , febr viele dänifche Worte , welche mit der 
deutſchen keine Gemeinſchaft zu haben ſcheinen, ſind 
in der That deutſch, oder, daß ich es recht ſage, 
die deutſchen Worte ſind danifi ‚, oder haben zum 
wenigften mit den dänifchen einerley Urfprung. Man 
muß nur ihre Stammmörter recht unterfuchen, wie 
unfer berühmter Polybilter, der Herr Juſtitrath, 
Johann Gramm, in feinen gelehrten Anmerfungen 
über Machters Gloffarking zum Mugen undBergnüs 
gen beyder Völker zu zeigen unternommen hat. Hier: 
aus bin ich felber vollfommen uͤberzeuget, daß die 
Meynung, von welcher ich ehedem weit entfernet 
war, und welche vor fünf hundert Jahren Rode⸗ 
rich Toletan von dem gemeinfchaftlichen Urfprunge 
der danifchen „, deutſchen, und- mehreren Sprachen 
vorgetragen hat, feſte jtehe. Seine Worte lauren, 
wie fie Martin Zeiler Centur. ı. Epilt. 8. anführer, 
alfo: „*Deutſchland, Dänemark, Schwe« 
„den, Norwegen, F landern und England ha⸗ 

„ben 
* Teutonia, Dania, Suecia, Noruegia , Flandria et 

Anglia , vnsm habuerunt Be idiomatibüls tan 

tum ditindtam. 4 


doer daͤniſchen Sprache. 453 


„ben einerley Sprache gehabt ; ; und find nur durch 


die Mundarten unterſchieden geweſen. 


— 


Nimmt man den gemeinen Satz der Islander an, 
daß ſich die Partey des Othins aus Aſien geflüch⸗ 
ter, und ihre ſogenannte aſiatiſche Mundart in dieſe 
tänder gebracht habe , fo kann nicht geläugnet wer: 
den, daß eben diefe Mundart nach. Sachfen gefoms 


men fen , weil der Afiater Nachkoͤmmlinge diefes Land, 


| ſowohl als Daͤnemark und Schweden, bewohnet haben. 


Sch laffe Die Verwandtſchaft der Afiater mit den 


Cimbrern und Teutonen an ihren Ort geftellet feyn, 


weil die Gefchichte von der Wanderung und Bermi: 
ſchung der Voͤlker ein Zankapfel iſt, über welchen 
man bis an das Ende der Welt wird ftreiten, und 
gleichwohl niemals die vermirrten Knoten dieſer Sa: 
che auflöfen ‚. und an das Sicht fegen fönnen. So— 
viel iſt indeflen aus den älteften griechifchen und roͤ⸗ 


miſchen Denfmälern gewiß, und wird faft von allen 


befcheidenen deutſchen Gefchichtfchreibern befannt wer. 
den, daß, aller Wahrfcheinlichkeit nad) , die Teu- 


toner, wenn fie die Stammvaͤter der Deutfchen find, 


eher in Dänemark gewohnet, als Deutfchland be» 


völkert haben. Befonders behauptet Pomponius 


Mela ausdruͤcklich, daß die Teutoner diejenigen Sys 


ſeln, welche iso die Dänifchen heißen , bewohnet 
- ‚hätten, gleichiwie Ptolemaͤus, und andere, die Cim— 


brer nad) Cherfonnefus, oder dem heutigen Juͤtland, 


- fegen. Ich brauche die Teutoner hier nicht weiter, 


‚als in Anfehung ihres Namens und der Natur ihrer 
Sprache. Von diefen, und ihrer erfter Wohnung 
in Dänemark , redet Pomponiys Lib. II. C. 3; al- 


N 513 je: 


44 Boniden Schickſalen 
fo: „* Ueber die Elbe: hinaus‘ iſt der codanifche 


Meerbuſen Schagerrack,) welcher voll großer 


„und kleiner Inſeln iſt. Das gewaltige Meer, wels 


„sches bier einen Buſen machet, u. ſ. w. Hier woh⸗ 
„nen die Cimbrer und Teutoner. „Wiederum Cap. 6. 


„Die dreyßig — * Inſeln liegen nicht weit 
„von einander. Die ſieben hemodiſchen liegen 
Deutſchland gegen über in den Meerbuſen Scha« 
„gerrad. Unter diefen hat Codanonia, welche Die 

Teutoner noch bewohnen , vor den andern, ſowohl 
an Größe, als an Sruchtbarfeit den Vorzug... 

Wenn alfo diefe Teutoner ſowohl ihr Geſchlecht, 
als ihren Namen , aus Daͤnemark nach Deutfch- 
Tand gebracht haben, fo folger von felbften, daß auch 
die Sprache dahin gefommen ift, Diefes und‘ andere 
eben fo unverfälfchte Zeugniſſe, haben den berühm- 
sen, und in den Alterthümern erfahrnen, Ehriftoph 
Gelfarius bewogen , daß er frey geftund , die erfte 
Wohnung der Deutfehen fen Dänemarf , und be 


fonders die Inſeln im Schagerrad geroefen ‚ mworaug 


fie fich zerftreuet und Deurfchland befeget hätten. 
a. mag, faget er, mit diefem Namen * wie 


c 


que inſulis refertus eſt. Acre mare, quod gremio 
Lttorum accipittir &c. Im eo ſunt —— Teutoni, 
Cap. VI.,, Triginta ſunt Orcades, anguflis inter fe 
diductae fpatiis. Septem Hemodes öntra Germaniam 


proiectae, in illo ſinu, quem Codanum diximus. E\ 


‚sis Codanonia, quam adhuc Tentoni tenent, vt magn 

tudine alias, ita faecunditate anteftat.,, 
** Quoquo ınodo illud nomen fefe habet (nam variant li- 
bri) exinde non incertum eft, Tentonos Codani is 
infu 


J | 
„Super Albım Codanus ingens finus, magnis paruis- 





(a 
| 


"ya daͤniſchen Sprache. 455 


568 will, (denn die Bücher FEIR niche mit einane 
„der überein) fo wird doch hieraus ziemlich gewiß,‘ 
daß die Teutonen die Inſeln im Schagerrack, wel⸗ 


„che vom cimbriſchen Eherſonneſus an bis nach Scho⸗ 


„nen liegen, und itzo die daͤniſchen beißen , ja viels 
„leicht auch ein Stüf vom feften Lande in Deurfch« 
„land um den Fluß Chaluſus, (d.i. die Trave in, 
Holſtein,) und was an deſſen Ausfluffe bey diefen In⸗ 


„fein liegt, bewohnet Haben.,, -, Diflert. hiftor,. de 
Cimbris et. Teutonis. 6.7. 

Aus der Betrachtung diefer Umftände möchte eg 
das Anfehen gewinnen , als häfte die Mutterfprache 


‚bes Herzogehums Sclefivig ‚, wenn das Deutfche und. 
Das Dänifche einerlen ift, Feine Veränderung gelitten, 
- Allein hiewider ift zu merken, Daß ic) dieſe Beranden 
zung der Sprache nicht in den allerälteften,, fondern in 


den mittleren Zeitenfuche. Die dänifche und deurfche 
Sprache mögen meinetwegen einerley Urfprung ge⸗ 
habt haben, es ift genug, daß fie von undenklichen 
Zeiten dergeftalt von einander. unterfchieden find, daß, 
ein. Bolf das andere nicht ohne Dolmetfcher hat vera 


ſtehen koͤnnen. Daß aber die Einwohner des Here 


zogthumes Schlefwig, ſowohl als die übrigen Daͤ⸗ 


nen, vor Alters eine von.der deutſcheu ganz, unterſchie⸗ 


dene Sprache gehabt haben, daß dieſe Sprache erſt 
nach mancherley Zufaͤllen verborben,, verſtuͤmmelt, 


und mit der deutſchen bey nahe in eine fey gefcehmol« 
574 zen 


} —— quae a cimbrica Cherfonnefo vsque ad Scan- 

diam fünt, quas nure Danicas appellamus et forte 

— etiam in) confinente Germania , partem circa Chalu- 

' fun amnem (is e. Travam amnent in Holfatia) cius- 
que oſtia, que fubiedta illis infulis funt, incoluiſſe- 


= 


6 Won den Schichſalen 
zen worden, dieſes will ich nie meßrem angehen 


7 


lich — **— | 

Das fidliche Cimbrien wird gegenwaͤrtig zu —* 
deutſchen Ländern gezaͤhlet, welche unter dem Scepter 
unſeres großmaͤchtigſten Koͤnigs ſtehen. Die Pre⸗ 
digten und uͤbrigen gottesdienſtlichen Handlungen 
werden in den mehreſten Staͤdten und Doͤrfern deutſch 
verrichtet; die Landesregierung wird nach den Geſe⸗ 


En, Befehlen und Sprüchen der obern Gerichte 
vertvaltet ‚ bie in eben dieſer Sprache‘ abgefaſſet 


find , und allein die deutfehe Sprache wird in den 
Schulen zum Unterrichte der Jugend gebrauchet. Das 
hero Haben der Herr Hübner , und andere Welcher 
fehreiber,, die ihm gefofgerfind, Gelegenheit genom · 


men , diefe daͤniſche Provinz, wenigſtens mit der 


Feder, ſo viel an ihnen war, dem rdmiſchen Reiche 
zu verbinden, : 
Alten , es läßt ſich nichts veſtowenier leichtlich 
beweiſen, daß die alleraͤlteſte, eigentlichſte und ge⸗ 
meinſte Sprache dieſes Landes keinesweges die deut⸗ 
ſche, ſondern die daͤniſche ſey. Die Reiſenden mer⸗ 
fen dieſes zwar mit genauer Noth, und die mehres 
ften Einwohner , laſſen fi) davon , wenn fie auch) 
Elüger als andere find, kaum überreden ; jedoch, die 
Wahrheit der Sache iſt fuͤr fich Elar, und an 
auf ryegenwen Gründen. BANN. 


| $ I | 1 
Rn man die Einwohner i in vier ‚gleiche ‚Theile 


theilet, fo reden zwey Viertel davon im gemeinen 


Leben daͤniſch, ein Viertel deutſch, und etliche 
wenige, die an den weſtlichen Kuͤſten wohnen, frie. 


« 





| der daniſchen | Spraihe. 457 
ſiſch. Dieſes iſt aber von ſchlechten Leuten, Ind be: 


fonders von Bauern zu verftehen, “welche bey dem 
allen einen Fremden oder Keifenden den fie erblicken, 


fü gut fie Fönnen , deutſch anreden. Wir wollen 


hiervon Lafp. Danckwerths Worte anführen, 
welche in deffen Schlefiv. Holfteinifchen Landess 

befibreibung, ©. 54: 55. alfo lauten : Zu dieſen 
„unfern Zeiten wohnen in diefem Herzogthume Dänen 
„oder Juͤtten, Sachfen und Friefen. Die Juͤtten 

„beſitzen den größejten Theil darvon, fintemal alles, 
„von Koldingen bis mieten, und Die 
„Stay Schleſwig juͤttiſchiſt, oder daͤniſche Voͤl—⸗ 
„ker, fo ſich der daͤniſchen Sprache gebrauchen, 
„etwa die Stadt Flensburg. ausgenommen , fo von 
„Dänen und Deutfchen unsermenget. Die Stade 
Schleſwig, und was ferner von der Schley an bis 
„an die Eyder und gewens: Au belegen, wird meh» 
„rentheils von Sachſen bewohnt, die gebrauchen 
Fich der niederdeurfchen Sprache, wie dann aud) 
„die Einwohner Femern. Auf der MWeftfeefann« 
„te von der Graͤnze oder fchodburgifchen Au an, bis 
„an Tondern wohnen abermal lauter Kürten, her 
mach aber kommen die Nordfrieſen. —* 







Wenn dieſe Worte des Danckwerths von * 
Volke allein, und beſonders von dem Sandvolfe,'ger 


nommen werden, fo haben fie ihre Richtigkeit. Denn 


aus dem Munde diefer Leute, nicht aber von etlichen 


wenigen Adelichen, Kaufleuten oder obrigfeiclichen 
Perſonen, kann man lernen, welches die eigentliche 
und beſondere Sprache in einem Lande heißen muͤſſe. 
m it in Eſthen und. er die uralte) wahre 


f5 R BR: 





» Bon den Schieffalen < 
Die eſthiſche und nicht die EN Wenn 


gleich die letzte in den Städten unter den Kaufleuten 


und auf dem Sande unter den Abelichen gebraͤuchlich 
worden iſt. Denn, dieſe find von deutſchem Herz 
kommen, und haben ihren Urſprung von den deut⸗ 
ſchen Ordensrittern, welche vor vierhundert Jahren 
Das Sand mit Gewalt einnahmen. Gleiche Schick— 
fale Hatte, wie wir in der Folge zeigen werden, das 
Bene Cimbrien. | 


——— — eben ſo feſte, und iſt 


von der eigenen und aͤchten Benennung der meiſten 


Staͤdte, und faſt aller Doͤrfer und Ritterguͤter alten 


Narren hergenommen. Dieſe find augenfcheinlich 
daͤniſch, und zeigen, daß ihre erſten Erbauer und 
Eigenthuͤmer, welche jedem Orte ſeinen Namen gas 
ben, Dänen müffen gewefenfeyn. Woher lernen wir 
wohl, daß vor einigen Kahrdunderten Leute, welche 
wendifch oder flavifch veveten, in den meclenburgis 


ſchen und pomeriſchen Gegenden, in der Marf Branr 


denburg, in Sachſen und Schlefien gewohnet haben? 
Gewiß, wenn auch alle geſchriebene Nachrichten 
verloren gegangen waͤren, fo wuͤrde doch die Sa= 
che’ deutlich genug aus den alten Namen der Derter 
und. Gegenden erhellen, welche allein von der mäch 
tigern deutſchen Nation nicht haben fönnen ausgerot⸗ 
tet und vertilget werden. Dergleichen find Wis⸗ 


mar, Welgaft, Stetin, Demmin, Berlin, 
Ppyritz Pregnitz, Laufnig u. ſ. w. Damit ich 
Diefe Wahrheit zu meinem Vorhaben anwende, ſo 


will er ganz von vorne anfangen, und die Namen. 
einis 


— 


der daͤniſchen Sprache. 459 


einiger Flecken anführen, deren dänifche Endigung 


auf Bye, Drop, oder Strufp, Toft, alle, 
Byll, Mark, Holm, 2ev, und dergleichen, dag, 
was id) behaupte ‚ deutlich zeiger, Es gefteht dies 
fes felbft Danckwerth, wenn! er die in denäußerften 
Gränzen von Deutfchland gelegene Gegend Dänifch« 
wolde befchreiben will, und ©. 155. alfo fpricht: 


„Allhie wird die deutfche, zu verftehen die, nieder« 


- „fächfifche Sprache, Durchgehends geredet, und hoͤ⸗ 


„ren Demnach die Bujſen (Dyen) auf, j und kommen 
„Dörfer an deren Statt. — na? 
J 
Ich uͤbergehe hier die Namen der in ah nordlis 
chen Gegenden, oder in den Aemtern, Appenras' 
de, Tondern und Hattersleben gelegenen les 
den, weil bey diefen gar Fein Zweifel iſt: ich will 
die Nemen anfuͤhren, welche in Angeln: und 
Schwanzen, und folglich in denjenigen Ländern 
vorfommen, die am meiften gegen Süden: liegen, 
Hier finden fih 3. E. die Orte Brodersbye, Tum⸗ 


‚bye, Vielfebye, Ralbye, Meelbye, Rüsbye, 


Ketelsbye, Grumbye, Bungelsbye, Norbye, 


Vindebye, Gerebye. Eben ſo Snarup, Bra⸗ 
rup, Flarup, Rurup, Doſterup, Hoſterup, 
Trelſtrup; wie auch Bundsboll, Trollboll, 
Borsboll, Balle, Rruksballe, Havetoft, 
Ralltoft, Rragelund, Jaldelund, Galdes 
lund; endlich Eſmark, Rafmaık, Lockmark, 
videmart Gevemark, ufmw Ich Ente, N 


wenn es nörhig wäre, biezu nod) ein paar hundert 


aͤhnlich Elingende Namen von Nitterfigen fügen, die 


‚entweder zum Theil oder gar noch nicht verdorben 


und 


6° Bon den Schickſalen \ 


und. verdrehet worden find, ale Rughzeogaard, | 
Roehovet, Simmelmark, Efbelemarf, We⸗ 
ſtergaard, Satrophoim, und andere. Jeder· 
mann kann ſchon aus dem bloßen Tone dieſer Worte 
muthmaßen, daß die erſten Erbauer und Beſitzer 
dieſer Orte niemand als Daͤnen geweſen find, und 
zwar ſolche Danen, die das Deutfche fo wenig, ver 
ftanden ‚ als es die iigen Einwohner von Weel * 
Kolouigen verſtehen | 





Unter den Städte deren n.Mamen wir "bald an: 
führen werden, Fann die Hauptftadt, wovon dem 
- Sande der Name! ‚geblieben iſt, hievon den deutlich⸗ 
ſten Beweis geben. Dieſe wurde, wie jedermann 
weiß, bis auf die chriſtlichen Zeiten, und einige 
Jahrhunderte darnach, Hedebye oder Hadebye ge⸗ 
nannt. Die Endigung Bpye verraͤth ſogleich ihren 
Urfprung. Es gilt uns gleichviel, ob der Dre ſei⸗ 
nen Namen von der unter den Sabeldichtern fo bes 
Fannten. Jungfer Hetha, wie die gemeine Meynung 
iſt, oder. von Haß und Streitigkeiten, oder, von 
- den daran gelegenen Haiden, und waldichten Huͤ⸗ 
geln befommen hat: genug, es würde diefer Mame 
alters wegen vergeffen feyn ‚wenn nicht jenfeits des 
Seebuſens das Dorf Hadebye läge, und das An · 
denfen des alten Namens aufbehielte. Wo itzo Ha⸗ 
debye liegt, da lag ehehin der vornehmite Theil 
der Stade, wie aud) der erftes chriftliche Tempel in 
Däneihatf, welchen, auf Erlaubniß Harald Alags 
der heilige Anfgarius eingeweihet hatte. ‚Bon: Die 
fer Benennung der Stade ſchreibt Cafp. Dand>» 


** S. is * Mi dieſem Namen iſt nicht, 
„wie 


x der danifchen Sprache. 461 
wie man gedenken möchte, der Suͤdertheil der 
„Stadt allein genennet gewefen, fondern die ganze 
„Stade, und zwar von den Dänen,’ wie unter an— 
„dern der Seribent Edelwerdus klaͤrlich anzeiger, 
wenn er fpricht *: Das alte Angeln liege zwi⸗ 
„fchen den Sachfen und Gothen, und feine 
Hauptſtadt heißt auffächfifch Sleſwick, auf 
dDaniſch aber Haitby.,, Sch glaube, der ehrlie 
he Edelwerd irret fich bier, wenn er das Wort 
Schleſwick für ſaͤchſiſch ausgiebt; da vielmehr wich, 
eigentlich viig, einen Meerbufen anzeigt, wo das, 
Meer, roelches gleichſam feine Graͤnzen überfchritten 
hat, durd) krumme Beugungen in das Land hinein 
lauft, und den Schiffen einen fihern Stand ver: 
fchaffer. Daher nannten Die Dänen Danzig ehehin 
Danskvig; daß ich anderer befannten: Dexter, und 
deflen nicht erwähne, daß das ganze Amt Bahus, 
wegen feiner vielen. Häfen und Seebufen Dig - Sis 
den genennet wird. Was das Wort Se anbelans 
get, fo leitet es "Job. Strelov in feinem Chronico 
Guthilandico ©. 28. und Vic. P. Petraͤus de 
Origin. Cimbror. P. IL. $. 177. von dem Worte 
Slaee her, welches Schilf oder Meergras be 
deutet. Diefes wird von dem wallenden Meere in 
großer Menge vor die Ausflüffe in diefem Meerbus 
fen geführer, und derfelbe faſt dadurch verſtopfet; 
es it alfo Slefvig eben fo viel als Tangvug der 
Schilfbufen. Dieſes drücer der vortreffliche 
| Dich. 
* Anglia vetus fita eft inter Saxones et Giotos, habens 


ooppidum capitale, quod fermone Saxonico Slefwick fe. 
' eundum vero Danos Haitby dicitur. a 


* 


462 - ‚Bon den Schickſalen 


Dichter Nicolaus folgendermaaßen aus *: Da wo 
die Stade Schlefivig liegen, die ihrem Na⸗ 
nen vom den Meergraſe bat, da fließt das 
fehnelle Waſſer Stia. Es ift alfo Diefer Name, 
welcher eigentlich.dem Seebufen zukoͤmmt, nachhero 
der daran liegenden Stadt geblieben, und der Stadt 
Sleſwvig an dem Ausfluſſe der Slia eben ſo ergan ⸗ 
gen, wie der Stadt Lemvig, welcher Name, Lem⸗ 
viig, oder Lymviig, eigentlich auch nur dem Ly⸗ 
mifchen Seebufen gebühret, aber gleichwohl auf 
die daran gelegene Stade gekommen ift. Die Deut: 
fehen haben diefen Namen noch unfenntlicher gemacht, 
da fie ihn fo fchrieben, wie fie ihn gemeiniglich aus- 
fprechen, an ftatt, daß fie Slesviig, und et 
Schlefwig hätten ſchreiben follen. — 


Gehen wir von Schleſwich nach Senne, und 
fuchen den Urfprung diefes Namens auf, ob er dä 
nifch oder deutſch iſt, fo darf ich mich hier nicht mit der 
Unterſuchung verfchiedener Mennungen aufhalten, 
weil, wer $uft hat, diefe in Ich. Molleri Ifag, ad 
ti. Cherfon. Cimbr. ©, 260. ı f. nachlefen kann. 
Ich darf nur ſo viel erinnern, daß mir itzo des oft 
angeführten Caſp. Danckwerchs Meynung, die 
ich vor einigen Jahren verworfen Habe, wahrſchein⸗ 
ficher vorfomme. Er muthmaßer, Flensburg has 
be, wegen feiner vielen lautern Quellen, feinen Nas 
men Diensbort, gleichfam Weelensborg, d. i. 
Wandborg, von dem Waffer Mahl befommen, 
* io Weel bege Ich laſſe big an feis 
| nei 
* Nune vbi Slesuictim jacet vrbs, quam müneupat a 

lic exundans vel celer voda Sa) m r% 


— 


der daͤniſchen Sprache. 463 - 


nen Ort geftellet feyn, und gefraue mir aus eben die. 
fem Grunde der Hauptfache auf folgende Weife naͤ—⸗ 
ber zu fommen. In dem nordlichen Cimbrien hat 
die an dem äußerften Theile eines Seebuſens liegende 


‚Stadt Weel, Veyle, die einer der angenehmſten 


Orte in ganz Dänemark, und Flensburg in vielen 
Stuͤcken nicht unähnlih it, ihren Namen ohne 
Zweifel von einem Worte befommen, welches in un 
ferer Mucterfprahe Waſſer heißt. Es zeiger dafs 
felbe nicht überhaupt ein jedes Waſſer an, fondern 
einen ſolchen wafferreichen Dre, dergleichen ſich bier 
und dar an Seebufen finden, die man lateinifch Va- 
dum, (einen Furth) oder mare vadofum nennet, 
und wodurch man zu Fuße gehen, aber doch fahren 
kann. Ein ſolcher Ort Heißt daͤniſch Veyle, und 
hieher haben in Saeland Borre Veyle, und ans 
dere gleichnamige Oerter ihre Benennungen erhals 
ten, auf eben diefe Art hat man Flensburg, wie ich 
glaube, Deilensborg, oder zufammengezogen 
Diensborg genennet. Doch, ich geftehe, daß 
Diefes eine bloße Muthmaßung ift, welche ich, wenn 
man mir etwas geroiffers zeigen koͤnnte, nicht hart. 


naͤckig vertheidigen wollte, 


Aabenraae, woraus die Deutfchen in ihrer 
Mundart Apentade gemacher Haben, foll ohne 
Zweifel nichts anders, als Aaben Dras, ein of 
fener Winfel, beißen, Denn VDrase heiße auf 
deutfch ein Winkel; und diefe Ableitung wird das 
Durch beftätiget, daß bier in Kopenhagen bey der 
reformirten Kirche eine Gaffe ift, welche eben dieſen 


Namen bat, Es ſtand an diefem Orte, ehe vie 


Maus 


# 


464 Von den Schidfalen 


Mauern diefer' Eöniglichen Hauptftadt, ; unter König 
Ehriftian IV, weiter binaus geruͤcket wurden, ein 
Theil der Feftuingemerket; es mag alfo bier ein Dre 
oder Winkel gewefen fen} wo Feine Haufen ftanden, 
en aaben Vraae. Daher hat die Gafle — 
Namen bekommen. 


Haderslev, zuſammengezogen Harsloev ie fehe 
ungefchickt in Hadersleben verwandelt‘ worden, weil, 
die Benennung nicht vom Leben, fondern vielmehr, 
vom Tode und von der Miederlage herzuleiten iſt. 
Eigentlich heißt. es Hatterslov, oder Hatters⸗ 
ſled, und zeiget den Ort an, wo Koͤnig Harald 
Hyldetand den Satter gefchlagen und getoͤdtet hat, 
wie Saxo Grammaticus, der ein —98 


ı 333373 


: „Schlacht er * Äh Be a * —* 
lige Name der dabey liegenden Stadt anzeiget. 
Dieſe wenigen Exempel koͤnnen zur Erlaͤuterung 
der gegenwärtigen Sache hinlaͤnglich ſeyn; und Dies, 
ferwegen halte ich es fuͤr unnoͤthig, mehrere anzu⸗ 


fuͤhren. 


3+ 
Den drirten N womit ich den uralten Ge 
brauch der dänifchen Sprache i in dem füdlichen Cim⸗ 
brien darthun Fann , koͤnnten mir die befannten Stein 
ne geben, worein nunifhe Bchſtoben gegraben find. 
Ay 
* Haraldus Hyldetand Halredien apud Iutiam oppugna- 


tum exftinxit, cuius ocsafum perpes oppidi vveahuln 
indicat. 


⸗ * 


der dänifchen Sprache. 465 
Allein, ich habenur einen, einzigen’ davon‘ unterſu⸗ 
dien koͤnnen auf welchen ich mich ſicher berufen darf 
Diefer iſt indem Amte Appenrade(Wormius ſaget 
aus Verſehen Hadersleben) im Kirchſpiele Meſter⸗ 
lockum, in der Havers lundiſchen Gegend beſind⸗ 
lich, und mit folgenden Buchſtaben bezeichner,nnne 
4 ; nem das ift Mt 5. ü a 147 MNnt 
Alte Forſcher unſerer Alterthuͤmer, beſonders O 
Wormius Möhum. Danie. Lib.' V. p. 343: und’ 
Troch. Arntiel in Cimbr. ——— 
©. 332. u. f. legen dieſes alſo aus; Ulfs oder Rulfs 
Hoer, des Ulfs oder Rulfs Heer. Cs gilt mir 
gleichviel, ob man dieſen Stein dem Könige Rolfo, 
mit dem Zunamen Krake, zuſchreibt, welcher, 
ach der Edda Zeugniffe Part. I. Mytyl. 64. lange” 
vor Chrifti Geburt geleber, mit den benachbarten. 
Sachſen Krieg geführet, und dieſen Stein zum Sie! 
geszeichen gefeget hat; oder, ob man — 
ber ven befannten Herzog der Normaͤnner Rollo, 
olf, oder Bange-Rolf machet. Es foll diefer’ 
allhier feine Armee verſammlet und gemuftert ha⸗ 
ben, ehe er im Jahre Ehrifti 900. in die Niederlan⸗ 
de, Frankreich und England zur Felde gieng ; und 
5 — ihm die vom Cambdenus beſchriebe⸗ 
‚nen Roͤlrichſtonen zugeeignet, als haͤtte er dieſel⸗ 
ben zu Zeichen und Denfmälern feines Gieges ere 
richtet. Ich Fann es auch geſchehen laffen, wenn 
a Stein für ein Werk eines neuern Ulf, 
Dulf, oder Oluf ausgiebt, ber vielleicht weder 
3 Band. N PIE u, 


466 Von den Schickſalen 


König, noch Heerführer, ; fondern ein nur fonft vor ⸗ 
‚nehmer und in in diefen Gegenden wohnbafter Mann 
gemefen ift. Genug, es erbellet ‚der. Gebrauch der. 
dänifchen Sprache aus den darauf befindlichen runi⸗ 


ſchen oder gorhifchen Buchftaben, welche nur bey 


dreyen nordlichen Völkern, und nicht weiter, als; 
ihre Sprache gebraͤuchlich waren. Das lestere ift 
beſonders zu merfen, weil es zeiget, daß die ge 
meldeten runifchen Buchftaben in den mittlern, nicht 
; aber i in den —* Zeiten nn als Dem, 


„Ar: 


fe este, n * man Au a mitten in —— 
puren der alten Cimbrer finden; weil die Nach · 


koͤmmlinge des Odins ſich ebenfalls. dahin verbreitet 
hatten, Allein, man finder daſelbſt nicht eine einzi⸗ 
ge. runifche Aufſchrift, wovon mir eine fo große, 

enge haben. Warum findet man fie dort nicht, 


| fowohl als bier, wenn die Runen fhon zu der Zeit 
befannt waren, welche Bruna⸗Old hieß, und in, 
welcher man die Seichen verbrannte, und die, Aſche 


auf dieſe Weiſe beerdigte? 

Ich erinnere Hier im Vorbeygehen, daß eben bie 
fes die fabelhafte Erzählung des Hrn. Lyſcander, 
in ſemem Danſke Kongers Slaegre: Bog, S. 


35. widerleget, wo er einer runifchen Aufſchrift über, 


dem Grabmaale eines gewiſſen Cimbriſchen Richters 


Namens Veſe, gedentt, welche zu feiner Zeit bey - 


Schleſwig entdecket wurde. Ich habe meine Mey. 
nung von dieſer Aufſchrift in Marmor. Dan. Tom. II. 
p.23. eröffnet, Es ſoll aber dieſe nirgends aufinbender 
Grabſchrift folgende geweſen ſeyn: N 


der daniſchen Sprache. 467 
Si leger Veſe of Hetuͤmby | 
Under aabna Simlum oc. vodum Sty, 


Ob ſchon diefe abgeſchmackte Erdichtung ihre Nich— 
tigkeit ſchon durch die Schreibart verraͤth, fo kann 


doch nicht gelaͤugnet werden, daß fie zur Beſtaͤti- 


gung meiner Meynung diene; und hieran habe ich 
genug. Es flinge nicht ungereimt, daß vor ſechs 
oder fiebenhundert Jahren, als man die Todten nicht 
verbrannte, fondern auf die Felder begrub, in der 
Gegend Schlefwig, oder Hedebye ein gewifler Des 
fe gewohnet Habe, der, mo nicht ein Fuͤrſt oder 
Richter, dennoch von vornehmen Gefchlechte und 
veich gemwefen ift. Denn, das im Sande Angeln ges 
legene Dorf Veesbye wird, beym Cafp, Dank: 
werth, einem gewiffen Veſe zugefchrieben ; und es 
ift nicht unwahrfcheinfich, daß diefes Mannes Grab 
mit einem Steine, oder Grabmaale gezieret gewefen 
if. Die Aufſchrift gieng mit der Zeit verloren, 


da viele taufend runifche Steine zu Gebäuden und 


andern Dingen gebrauchet wurden. 


Man BR ferner zugeben, daß die in Stein ger 
Hauenen Worte durch die gemeine Nede bekannt, 
und zum Spruͤchworte geworden ſeyn; denn, es find 
noch ißo viele. alte Grabſchriften bloß, dem Gerüchte 
nad), bekannt. Diefes ungetreue Gerücht bat niche 
den wahren Schall der Worte benbehalten, fondern 
benfelben nach) der neuen Mundart verändert, In⸗ 
deſſen Bat es davon doch fo viel bewahrer, als ich zu 
meinem Vorhaben brauche, nämlich, daß die alte 


Sandesfprache, nicht die deutſche, fondern die daͤniſche, 
BEN, 1 


* 


468 Bon den Schiefaten 
geweſen iſt, weil fie in den Grabfehriftenzu Erhaltung 
des Andenfens der Berftorbenen gebraucher wurde, 


a j E 4, — 
Ein neuer Grund, woraus dieſe Wahrheit erhel⸗ 
let, läßt ſich daher nehmen, daß im IX, X, und XI 
Jahrhunderte, als der Chriſtliche Glaube hier zu 
Lande geprediget, und Öffentlich eingefuͤhret wurde, 
die der deutſchen Sprache unerfahrnen Einwohner, 
theils daͤniſch, theils frieſiſch redeten, und die vom 
Erzbifchofe zu Hamburg und Bremen abgeſchickten 
Prediger ſo lange tauben Ohren predigten, bis ſie 
durch die Laͤnge der Zeit die Landesſprache lerneten. 
Wer aus Traͤgheit oder Ungeſchicklichkeit dieſes nicht 
zu Stande brachte, mußte ſich eines Dolmetſchers 
bedienen, welcher die Predigt, die in der fremden 
Sprache gehalten wurde, in der Landesſprache, ent⸗ 
weder Wort vor Wort, oder Gag vor Sag nach⸗ 
fagte. Daher entfland in der Kirche ein befonderes 
Amt der Ausleger, welches aus vielen und wichtigen, 
Urfachen fo mühfam und befchmerlich war, daß Koͤ⸗ 
nig Sveno Eſtrith, als erim Fahre 1053 mit dem 
bremiſchen Erzbiſchofe Adelbert, zu Schleswich ei⸗ 
ne Zuſammenkunft hielt, auf deſſen Abſchaffung 
drang; wie in Annal. Ecclef. Dan. Tom, I. p.202. 
gezeiget wird. Es feheint auch der Erzbifchof in 
des Königes Begehren gewilliget zu haben, und 
zwar nicht allein in Anfehung der übrigen Provinzen‘ 
des Königreiches , fondern befonders auch in Anfer 
bung des füdlichen Cimbriens. ‘Denn , es ſtunden 
der daſigen Kirche von dieſer Zeit an faſt zweyhun⸗ 
dert Jahre lauter daͤniſche Lehrer und Aelteſten vor, 
als Gunner, Occo, Hermann, Esbern, Occo 
ll. 


Der dänifchen Sprache. 469 
il, Friederich, Waldemar, Nicholaus, Tycho, 
Eftüd, Bondo, und Beichoid, welches lauter 
Dänen waren, ‚und unter dem. Exzbifchofe zu. $unden 
‚kunden... Sie befucheten alfo die von. ihm angeftell« / 
‚en Kirchenverfammlungen, wurden in den Reichsrath 
aufgenommen, und behielten die daͤniſche Sprache 
ſo lange bey, bis das hoͤchſte weltliche Regiment an 
Ausländer kam. Von dieſen wurden erſtlich Die Bi» 
ſchoͤfe, und durch die Biſchoͤfe die uͤbrigen hohen und 
niedern Geiſtlichen, ja ſo gar die gemeinen Moͤnche, 
dahin gebracht, daß ſie die beurfche Partey ergrife 
fen, und es in. der Sprache, ‚und: im den Sitten den 
Deutſchen nachthaten. Es waren in dem füdtichen 
Cimbrien zwey vornehme Klöfter, welche Herre 
Eloftere biegen, Lömbolm, und Guldholm, 
und nachgehends nad) Rye, oder Königsfeld, ver- 
leget wurden, Dieſe waren, wie anderwärts gezei⸗ 
‘get worden ‚ nach damaliger Art zu reden, Töchter 
des Kiofters Sora, und befamen alfo von ihren er- 
ſten Einwohnern, den Dänen, ſowohl dänifche Sit« 
‚ten, als Gebräudje. Ja e8 waren fogar die Fran 
kennen Bettelmoͤnche, welche ſich in den Staͤdten 
aufhielten, anfaͤnglich Daͤnen: allein, ſie mußten 
ihren auswaͤrtigen Bruͤdern, welche aus Deutfehland 
kamen und die deutſche Sprache mitbrachten, noch 
lange vor Luthers Kirchenverbeſſerung Platz machen. 
Es erhellet dieſes deutlich aus einem Briefe, welcher 
in der Bartholiniſchen Sammlung gefunden, 
und in der Univerſitaͤtsbibliothek zu Kopenhagen ver 
wahre: wird, Hierinnen bittet ein König, deffen 
Name nicht dazu gefchrieben aber, fo viel ſich aus 
Den HaaaNRANDen ſchluͤßen läßt, Johann iſt, den Bor 
G 9 3 ſte⸗ 


470 | Von den Schreien‘ ih 


ſteher ber Francifcaner Mönche fehe Höflich enöde 
tefich Mühe geben, daß die dänifchen Mönche, wels 

che aus Flensburg wären vertrieben , und von den 
eingedrungenen Deutfhen , wider und Bil⸗ 
ligfeit, lange übel gehalten roorden, wieder zu ihren 
uralten Gerechtigfeiten gelangen, und ſich auch die, 
übrigen Klöfter in felbigem Sande wieder zum Schooße 
der daciſchen Kirche wenden möchten, weil fi e doch 
anfänglich zu derſelben gehoͤret haͤtten. Die Worte, 
welche hievon handenn — lauten alfo: Eu Bir haben, 
| UN N 
® Unde, Pariri RevötendeH ! honda veridica relatione 
didicimus,  paternitatem veſtram, forte ad aliquo- 
rum fuggeftionem , feu potius finiftram informatio- 
nem, miniftro regni noftri Dacie , in mandatis ſtri⸗ 
&iffime comififle, ut fratres aliene'nationis ad conven- 
tum Flensburgenfen (de quo aliqui eorum , infaluta- 

to hofpite , diu noctuque et contra voluntatem pro 
tune vicarii provincialis , in fcandalum, veftri ordinis 
fucceflive receflerunt) permitteret introduei , fratres 
noftri regni laboribus et expenſis genitoris noftri chas 
riſſi imi, pie memorie, et fuorum predecefforum in 
principio Reformationis introdudtos , ac poft fugam 
alemannorum iterumreductos (quorum’dodtrina et con- 
verfatio laudabilis: a Clero et populo commendatur) 
faceret reınoveri, quod fane et diffonum et promiflioni 
nobis fadte per J9 generalis vicarii Cismontani, 
penitus eſt alienum. Quas fiquidem literas diligenter 
fecimus obfervari, eo quod fratres aliene nationis ad| 
predidtum locun Flensburgenfem , nobis irrequifitis, ' 
aninime transferri debere,, apertiflime oftendunt : Qua- | 
re veſtram paternitatem , ob noftri regni commodita-| 
tem, ac pacis tranquillitatem , quam potius cupimus 
alıgeri, quam diminui, fimmopere rogamus , quate- 
nus praefatum locum 'Flensburgenfem fub regimine 
fratrum Danorum, per‘ quos fuit primitus reformatus, 
et ad bonum ftatum, in quoeft, reductus (prefato ge- 
‚ultops 
























der daͤniſchen Sprache. - 47 
ehrwuͤrdiger Water, aus glaubwuͤrdigen Machrich. 
„ten vernommen, daß Euer Ehrmürden , vielleicht 


„auf einiger Leute Anftiften, oder vielmehr fälfhlihes 


Angeben, unferem Föniglidy daciſchen Minifter ges 
meſſenen Befehl ertheitet hat, die ausländifchen 
„Brüder in das Stift Flensburg einführen zu laſ⸗ 
„fen, aus welchem einige derfelben ohne Abſchied, fo= 
„wohl bey Tag als Nacht, und wider Willen des 
„damaligen Provincialvicarius zum Schimpf eures 
„Ordens nach und nach entwichen find, dagegen wols 
„let ihr die Brüder aus unferm Reiche, welche durch 
„die Bemühungen und Koften , unferes lieben Ba: 
„ters feligen Andenfens , und deffen Vorfahren im 
„Reiche gleich zu Anfangeder Kirchenverbefferung dar» 
„ein gefeget, und nad) der Alemannen Flucht aufs 
„neue eingeführet worden find ; auch in Anſehung 
„ihrer Sehre und ihres Lebens von der Geiſtlichkeit 
„und dem Volke gelobet werben , daraus vertrieben 
„wiſſen. Es fehicker ſich diefes gar nicht, und iſt 
„dem Berfprechen, welches ung der Generalvicarius 
„jenſeits der Gebirge durch Briefe gethan hat, ganze 
„lich entgegen. Wir haben diefe Briefe fleißig auf 





„heben laſſen, weil fie augenfcheintich zeigen, Daß. 


„man feine ausländifdye Brüder, ohne unfere Ge 
nehmhaltung in gedadytem Flensburg einführen duͤr⸗ 
»fe. Deswegen bitten wir Euer Ehrwürden, um 
unſers Reiches Bequemlichkeit, Friede und Si⸗ 
| © | cher⸗ 


294 
" nitori noftre chariſſimo eis fideliter afiftente) perma- 


“ mere. Alios quoque conuentus in Ducatu noftro Hol: 


fatie fituatos, ad gremium prouincie Daciane et regi- 
men miniftri prouincialis noftri regni Dacie, prout ab 

. antiquo fuerant , noftro intuitu ac favore, reducere 
dignetur et velit, 


x 


472 .Bonden Schickſalen — 
cherheit willen, welche wir lieber vermehret als ver⸗ 






„ihrer Gewalt bleiben laſſen. Eben fo bitten wir 
„a 
22 





hat. Denn, es war allezeit mit dem daͤniſchen, nie⸗ 
mals aber mit dem roͤmiſchen Reiche, vereiniget und 
verbunden, ob es gleich in den folgenden Zeiten, aus 
Unwiſſenheit, von vielen mit Holſtein verwirret, und 
mit dieſem Namen benennet worden iſt. Dieſe Un⸗ 
bedachtſamkeit beſtreitet der gelehrte und behutſame 
Johann Woller mit einem gerechten Eifer, wenn 
er in feiner Ifagog, ad Hiſtor. Cherfon, Cimbr, ©. 2. 
fhreibt : * „Das füpliche Cimbrien theilet ſich in 
- KAAPIUD ABB N. „die 

* Difpecitur pars Cimbriae auftralis in Ducatus duos, 

Slesuicenfem atque Holfaticum. Quos lieet PR. 

GHENI- 


der danſchen Sprache. A 


bie ʒwey Herzogthümer,Schlefwigund-Holftein Wir 
wundern uns zivar nicht, „wenn Unwiffende und 
„Ausländer, aus einer alten, aber. falfchen, Ge 
wohnheit zu reden, dieſelbigen mit einander verwir⸗ 
„ren: allein denjenigen ‚Die gelehrt und der Ge 
„ſchichte ihres Vaterlandes kundig ſeyn wollen, ver⸗ 
eihen wir es gar nicht, wenn fie eben. dieſen "Seh. 
„ler begehen, und fich nicht ſchaͤmen, zu behaupten, 
„Daß. die Einwohner, des Herzogthumes Schleſwig 
„mie Recht Holfteiner genenne werben. Dieſe Leu⸗ 
„te muͤſſen lernen, daß dieſe zwey Herzogthuͤmer von 
„allen Zeiten her ganz verſchiedene Umftände, verfchie« 
„dene. Regierungsformen, Nechte, und,endlic) auch 
„in den alten Zeiten berfdiedene Regenten gehabt 
„haben, Sie muͤſſen willen, daß Holftein ein Theil 
„und wor des römifchen Reiches ; Schleswig. aber 
| gs 4 MO 
| — inueteratae, federroneae — confuetudi- 
ni morem gerentibus, confundi haud miremur ‚merito ta- 


"men; jis indignamur, qui, cum inter literatos et rerum pa- 
triarum Efron velint'cenferi, in ‚eundem errorem tur- 


ET TER Ye} 





Holfatos San; —— non erubeſeunt. "Difkant 
hi, diverfifimam ab omni aeuo vtriusque, ducatus fu- 
’ iffe eonditionem , .diuerfam regiminis formam, diuer- 
fa iura, dinerfor denique prifeis teınporibus Principes, 

" Difeant Holfaticum Germaniae eſſe parteın et feudum 
Imperii Romani; Slesuicenfem autem ab illius iurisdi- 

‚ &ione immunem, regno Danico propipri nexu deuin» 
„eiri. Legant hoc fine praeter epiftolam Godfchalchi 
ab Ahlefeldt , Epife, Slesu, ad Camerae Imperial, iu. 
dices an, 1526. exaratäın, et a I, A. ‚Cypraeo editam, 
Matt: Chemnitü Jun. Aulae Gottorp: Caneellarii, an, 
1627. defundti ‚(eriptum poflhumum an. 1629, exeur 

ſum: Bericht von der Gelegenheit uf w. | 


„von deffen Oberherrſchaft frey, und mit Dänemarf | 
„näher verbunden ift. Man kann zu dem Endeden 
»Drief nachlefen , welchen der Biſchof von Schleſ⸗ 


„die kaiſerlichen Kammerrichter geſchrieben, und J. 
„A. Cypraͤus herausgegeben hat ingleichen des 


„verftorbenen Martin Chemnitzens, Schrift, wel⸗ 
„he 1629 nad) feinem Tode unfer folgenbem Titel 


„Unterfchied der 


474 Don den Sitfater 





»tDig, Sodfchalch von Alefettr ‚ im Jahre 1526. an . 


„gottorpifchen Kanzlers, des jüngern im Jahre 1627. 





„berausfam: Bericht von der Gelegenheit und 
yden HerzʒogthuͤmerSchleſ⸗ 
„wig und Holſtein, worinn erwieſen wird, 

„daß Schleſwig eine Pertinenz und Lehn det 
„Rrone Dänemark ſey, das roͤmiſche Rech 
„aber kein Recht darauf prätendiren koͤnne 
„iveil es von demfelben durch Gränzen, und 

„ſonſt in allem unterfchieden iſt. | 


Den von Mollern angeführten Brief fchrieb God. 


ſchalch von Ablefeld zur Zeit der Meformation, 
als er ſich wünfchte, ein Glied. des roͤmiſchen Rei⸗ 
ches zu ſeyn, damit die Römifch » Katholifche Kicche, 


wenn er diefes nur im geringften darthun Fönnte in 


Sicherheit feyn möchte. Er enthaͤlt, unter andern, 


folgende Worte: * „Indeſſen ift Schlefwig jederzeit, 


„ſowohl in geiftlichen, als weltlichen Sachen, offen» ı 


shaft geftanden, und von den eh in allen weltli⸗ 


„barer und bekannter Weife, unter dänifcher Herr⸗ 


chen 


* 


® Interea Slefuicum — ſubfuit fuperioritati Daniae, 


tam in temporalibus quam in fpiritualibus , palam et 
publice, feruanturque per Laicos in — iudiciis 
fecularibus leges Danicae , a tanto tempore, citra cu- 
äus contrarium non eft memoria hominum. 


der daniſchen Sprache. 475 
schen. Gerichten nach den dänifchen Geſetzen gefpro« 
„hen worden ; und dieſes feit ſo umdenklichen Zeis 
„ten, daß man ſich des Gegentheils gar nicht erin- 
„nern Fann.,, Freylich ift es nur allzu gewiß, daß 
diefes Sand anfänglich ſowohl Gefege als Dbrigfeiten, 
und alfo auch die Sprache von Niemanden, als von 
yon Dänen, bekommen hat. Diejenigen Juͤten, 
Juͤthen, Guthen, oder Gothen, welche ſowohl dem 
‚füdlichen,, als dem nordlichen Cimbrien den Namen 
gegeben haben, haben’ vielleicht, als fie aus Goth⸗ 
land kamen, zuerſt in dieſen Gegenden, bey der Slye 
angelander ; oder auch anderswo, weil ich mich niche 
völlig auf die Erzählung des Petraͤus gründen will. 
Indeſſen ift fo viel wahrfcheinlich, daß die Gothen 
da, mo ißo Gortorp liege , ihren vornehmſten Sitz 
gehabt, und demnach ihre gothiſche Sprache allda ein» 
geführet Haben. Wenn Saro Brammatitus in 
feinem IVren Buche von des Königes KDermund 
Statthalter in Schleswig, Namens Frowin, und 
deſſen zween Söhnen Ket und Dig erzählet, daß fie 
noch etivas vor Chriſti Geburt den Tod ihres Vaters 
an dem Könige in Schweden, Atislaus, gerochen hät: 
ten ; fo meldet er ©. 64, man hätte es ihnen übel 
ausgeleget, daß fie zu Vollziehung ihrer That einan« 
der gemeinfchaftlich geholfen, und durch des Atis— 
laus Tod dem dänifchen Namen eine Schande zus 
‚gezogen hätten, da man den Gefegen und dem alten 
Gebrauche nah, Mann vor Dann fechten, zweenen 
widerſtehen, und bey der Dazmifchenfunft des drit⸗ 
ten die Flucht ergreifen müßte. Stephanius ſchlieſ⸗ 
ſet hieraus, daß die Schleſwiger Daͤnen ſeyn muͤß⸗ 
ten, weil ihr Verſehen der ganzen daͤniſchen Nation 








„einzigen fochten, * ganzen, bänifchen Nation zum 





7 | J— dert 
* Hic etiam audies, Slesuicenfum delictum, quo contra 
vnum et ſolum duo dimicarunt, Danieae gentis conuitio 
ludibrioque adſeribi. Quare Slesuicenfes Danos olim 
habitos eſſe, hinc firmiter colligas. Quod annoto 
contra quorundam opinionem , qui regni Danici ter- 
minos, citra quam par eft „ migrant ‚. Holfatos. (Sles- 
vicenfes) Germaniae adferibentes, quod iure meritifi- 
no prius Dania vendicauit. Nam quorfum alioqui 
Slefuicenfium dixiffet ? — 





doer daniſchen Sprache. 477 
dert — mit Krieg überzogen , und einen 

König aus ihrem Gefchlechte auf den englifchen Thron. 

ſetzeten, viele daͤniſche Worte unter dieſe Mundart 
miſchet haben; allein, ic) glaube, daß die cimbrie 

(6 An Sande Angeln übliche Mundart, ſchon im er⸗ 
ften Heerzuge, unter Sengiftes und Horſtes An⸗ 

ſuͤhrung nach Britannien gekommen fey, und ‘daß zu- 

gleich Hieraus erhelle, wie diefe Sprache Damals eis 
gentlich fen befchaffen geivefen. Ich will zum Ep 
empel. tun einige Worte anführen , welche mir iho 

beyfallen , und theils cimbrifchen Urfprung haben, 
eheils von den Englaͤndern auf cimbrifche, d. 1. auf 

eine etwas rauhe, und. zärtlichen Ohren Harte Art, 

ausgefpröchen werden. "Dergleichen find Beaft, Bel- 
hi, Bolfter, Bow, Bull, Clow , Cow, Crawl, 
Drown , Fork, Gap, Glow, Gnaw, Grow, Our, 
Mani, ‚Want, und andere, Jedoch ich Habe nicht 
nöthig, mich langer bey ungewiſſen und dunklen Zei⸗ 
ten aufzuhalten, ° Herzoh Canutus, König Eriche, 
‚dee girtigen, oder Eye goods, Sohn, befam dieſes 
Sand von feines Vaters Bruder, Nikolaͤus, als 
ein Lehen, und wurde alſo der erjte eigentliche Hera 
‚dog in Schleſwig. Er war zugleich König der Obo⸗ 
£riten, und erhielt vom Kaifer Lotharius den Titel 
eines Königes der Vandalen: allein, er trug den 
noch Schlefwig von Dänemark zu gehen. Er rich. 

tete den Staat nad) Den dänifchen Gefegen ein, 

und bekam daher den dänifhen Zunamen La— 

ward, d. i. ein Bewahrer der Geſetze, meil er un. 

gemein auf Recht und Billigfeit fahe, und die all. 

gemeine Ruhe, befondersdurch Verfolgung der Raͤu⸗ 

ber, beförderte, welche damals die Wälder beſetzt, 
vr. batsen, 


43 Bon den Schickſalen 
re „und die Straßen, un icher machten...» ‚Sein 
nfel, Waldemar IT, gab im Jahre 1240 ‚feinen 
Untertanen, ein Gefeß,, welches fie mit. den nördli- 
hen Cimbrer n gemein haben ſollten, nicht in: Deutz 
fcher, fondern in dänifcher Sprache: Diefes Geſetz 
heißt heut zu Tage das juͤtiſche Geſetz, und wurde 
etliche Jahrhunderte durch nicht anders, als dänifch, | 
gelefen. So kann auch nicht geläugnet werden „daß 
man von dem Urnehoveds Landsting, oder dem 
ſchleſwigiſchen gandgerichte , Jo wie von dem Gerich- 
‚ te zu Wiburg imnordlichen Eimbrien, an den Dan« 
nehof, oder den daͤniſchen Reichsrath zu appelliren 
pflegte. Dieſes war ‚eine der, vornehmſten Bedin ⸗ 
gungen, unter, welchen Koͤnig, Chriſtoph I, feines 
Bruders Abels Sohn, dem Herzoge Waldemar, 
im Sabre 1254 dieſes Land, zu Koldingen, als ein 
$ehn überließ. Er mußte nämlich angeloben , daß 
alfe Streitſachen, welche in dem Gerichte Urnehos 
veds Ting nicht koͤnnten ausgemachet werden, wie 
bisher vor den daͤniſchen Reichsrath fommen ſoll · 
ten, von welchem der Herzog, als. ein koͤniglicher 
- Bafall, ſelbſt ein Beyſitzer war. Man ſehe Ar. 
Zolefeid Tom.I.p. 241. Bis gegen das Ende des vos 
‚ rigen Jahrhunderts, oder die Zeit des Blaſius E⸗ 
kenbergs, hatten die Schleswiger nicht einmal eine 
voͤllig beutfche Ueberſetzung dieſes jͤtiſchen Geſebes 
und diejenige, welche ſie gegenwaͤrtig haben, iſt von 
daͤniſchen juriſtiſchen Worten überall voll, Syn dem 
Archive zu Flensburg wird das uralte Geſetzbuch dies 
fer Stadt, fehr zierlich auf- Pergament gefchrieben , 
und mit fi ilbernen Budeln befchlagen, aufbewahret. 
Diefes Buch iſt nicht deutſch, ſondern ua ao 
ben, 


der. Dänifchen Sprache, 479. 


ben, und zeiget deutlich an, was die Flensburger. 
ehehin für-eine Sprache geredet, haben. Denn, es 
faͤngt . E. an: Ser byrias Bymens Skraa af 
Slensborg. Man fehe des Herrn Ernſt Joa⸗ 
chim von: Weſtphalen gelehrte und weitläuftige 
Vorrede zu dem Tom. HI. Monument. Rer. Gimbric. 
©. 91. in den Anmerkungen, lit.d. Bey diefem: 
allen bleibe Fein Zweifel übrig, daß fich das füdliche 
‚und das nördliche Cimbrien des daͤniſchen Rechtes, 
‚und der daͤniſchen Sprache bedienet habe. Diefee: 
war einer der vornehmften Gründe, auf welche ſich 
König Erich, aus Pommern, in der Streitigfeie 
gründete , welche die Holfteiner wegen der Lehensver⸗ 
bindung des Herzogthums Schlefwig erregten. So 
ſteht auch beym Hvitfeld, Tom. J. p. 682. ein öfs 
fentliches Zeugniß, welches am Lorenzentage 1421 vom 
HSerzogthume Schlefwig , von vier jütländifchen 
Biſchoͤfen, zehen Aebten , und den Dbriöfeiten der 
meiſten Städte im nördlichen und füblichen Eimbrien 
abgefaſſet wurde, und woraus erhellet, daß das füd« 
‚liche Cimbrien von allen. Zeiten ber eine dänifhe - 
Provinz gervefen fen, dänische Gefege gehabt , däni« 
ſche Freyheiten genoffen, und, was das meifte ift, 
daͤniſch gefprochen habe, X | 
— | II. 

Nun ift noch die andere Haupffrage übrig, naͤm⸗ 
lich „wenn und bey was für Gelegenheit die fremde, 
oder deutſche Sprache, bier zu. Sande eingeführet, 
und üblich geworden ift? Ich antworte Hierauf; 
dieſes Haben theils die Landesherren, theils die Lan⸗ 
desitände, befonders aber die Edelleute und die ie 
| | riſey 


| 








N 


485 ‚Bon den Schicfalen 


vifen aerhan, die ſich ſchon ſeit einigen Jahehi nder⸗ 
ten alle Muͤhe darum gegeben haben; und es nt 
wundern, daß es hiemit noch nicht weitet grtonmen 
iſt als wir wirklich ſehen. eh 
Da das ſuͤdliche Cimbrien, te jedermann weiß, 
fange ein Zankapfel geweſen iſt, der zu mancherley 
Streitigkeiten und vielen Blutbädern und Niederla⸗ 


‚gen Gelegenheit gegeben hat; ſo iſt allerdings merk⸗ 


würdig, daß drey ſowohl wegen ihrer Klugheit, als’ 
wegen ihrer großen Thaten berühmte Regenten als 
König Waldemar, der ſiegreiche Koͤniginn 
Margaretha, und König Chriſtian II fo vieles 
Unheil verattfaffer haben. Es ift diefes ein deutlicher 


Beweis der menfchlichen: Gebrechlichkeit und unvoll · 


kommenen Klugheit, weil ſie hierinnen den groͤßten 
Staatsfehler begangen , und dieſes Land vom Mana 
veiche Dänemark getrennet Haben. 

Vom Könige Waldemar iſt Bekannte, bp Dr 
nemark unter feine Söhne in vier Theile getheilet Hai! 
Denn, Erich wurde König, Herzog Canutus 
befam Halland und Bledingen) Herzog Chriſtoph 
$aland und Falſtern, und Herzog Abel das füdliche 
Cimbrien. Von dieſer Zeit an Fann man’ in: der' 
That fagen, daß diefes Land feine Regierung und 
Sprache verändert habe» · „Abel wollte feinen ältern 
Bruder und König nicht für feinen Lehnsherrn ers 
kennen, und ſchlug ſich zu der kaiſerlichen oder gi⸗ 
belliniſchen Partey, wo er mit den —— 
ſchen, holſteiniſchen/ bremiſchen branden⸗ 
burgifchen und fächfifchen Städten in ein Buͤnd⸗ 
niß trat. Dagegen hieit es ſein Bruder,’ der Ns 
ng ’ mit den Gvelphen und hatte die en 

ſchen 


4 
\ 


der daniſchen Sprache +49 


de und luͤneburgiſchen Herzoge zu Bundesgenoffen, 

I un glei Abe endlich. nachgeben, und den Koͤ⸗ 
„nig, für, feinen Herten erkennen mußte , fo hielt er es 
och, nebft feinen Söhnen, beftändig mit den Gra⸗ 
fen in Holftein, und.dem deutfchen Kaifer, und leb⸗ 
‚se nac) den Reichsgeſetzen. Mit den Grafen war 
er verwandt, und in den deutfchen Geſetzen hoffte er 
«eher, als in den, daͤniſchen, eine Gelegenheit, zu fin- 
‚Den, fich fein Sehen.erblich zu machen. Es wurde 
zwar Waldemar, Abels Sohn, nach feines Baters 
ungluͤcklichem, aber wohlverdientem Ende, gezwun—⸗ 
gen, daß er Schlefwig im Jahre 1254. von feinen 
Better, dem Könige Chriſtoph, durch die gemöhn- 
liche Uebergebung der Sahne, zu Koldingen als ein 
sehen empfangen, und, angeloben ı mußte, den 
Reichsrath, Danneboff genannt, für das hoͤchſte 
Bericht in, feinem Herzogthume zu verehren.. . Allein, 
da er bald wieder ſtarb, fo gieng auch Die alte Strei⸗ 
tigkeit wieder an, und die Herjoge in Holftein brach» 
ten Den neuen Herzog in Schleſwich, Erich, den 
ie mit ihrer Macht unterflüßeten, auf , und behaus 
pteten, ‚er-ftünde nicht unter den Dänifchen Gefegen, 
fondern beſaͤße fein Land. vermöge. des Erbrechtes, 
und als oberiter fandeshere. Dieſes alücklich zu be 
aupten, zeigte fich Die bequeme Gelegenheit, daß 
x fi) der. meiften deutſchen Fuͤrſten Huͤlfe zu getrd- 
jten hatten, Die Dänen aber in ſchlechten Umſtaͤnden 
-faben. Denn, es wurde aus Unbedachtſamkeit ver 
Koͤniginn Margaretha Sambiria in dem Felde 
Lo⸗Heede kine Schlacht geliefert, bie Dänifche Ara 
mee geichlagen, und der. noch fehr junge König, 
Erich Hlipping, nebft feiner Mutter, als feinen 
13 Band. —— 0 


a2 Von den Schicſaten⸗ 


Vormuͤnderinn, gefangen, und nach Sei geberg 
und Hamburg , welches graͤflich —— 
waren, gebracht. Hier wurden ihnen ga um 
trägliche Bedingungen vorgefchrieben, Und unter =. 
dern auch, daß Fünftiahin die Herzöge von Sclef- | 
wich, ohne jemandes MWiderrede, nach deutſchem 
Rechte leben ſollten. Dieſe und andere nach einan⸗ 
der entſtandene Zwiſtigkeiten huben mit der Zeit die 
Vertraulichkeit auf, welche bisher die Fuͤrſten des 
ſuͤdlichen Cimbriens‘, fo wohl als ihre‘ Unterthanen, 
aus Sandsmannfehäft „mit den Dähen gepflogen hat⸗ 
ten. Sie wurden von ihnen einmal über das an⸗ 
dere mit Krieg überzogen „ und verloren alſo die 
Siebe zu ihrer Murterfprache, Alte Hoffnling wiirde 
auf die benachbarten‘ deurfchen Sürften gefeger; es 
wurden mit ihnen Buͤndniſſe uud Verfchmwägerungen 

gemacht; e8 wurden ihre Geſetze, Sitten und Kine 
fte eingeführer. "Das jütifhe Gefeg , welches Ko⸗ 
nig Waldemar gegeben harte, "behielt zwar das 
Anfehen, welches es noch ißo hat: ‚allein, als 
Slensburg, Ecklenfoerd, Appenrade Tun⸗ 
dern, und andere Handeleftäßre mit der Zeit Stadt: 
recht bekamen‘, fo nahmen fie — und ande⸗ 
re auslaͤndiſche Rechte an. Dieß ge hahebefonbers 
. besivegen, weil das alte Geſetz zu Furz war, und 
viele ungervößnliche Falle, welche ben anwachſendem 
- Handel vorfamen, zeigten, daß das alte‘ Geſetz 
mangelhaft , und in den damaligen Zeiten unbraucht 
bar wäre. Da alfo die Noth neue Zufäße erfor 
derte, fo verdroß es fie, folhe von den Dänen zu 
borden, oder in der dänifchen Sprache abzufaſſe en, 
weil dieſelbe bey dieſer a —* | 
unbrauchbar zu werden, “Da 


- 





der daͤniſchen Spraͤche. 48 


Da die damſche Sprache dermaßen auf dem Sturze 
ſtand ſo verfiel ſie durch eine Begebenheit, aus 
welcher man gerade das Gegentheil höffen konnte, 
völlig. Naͤmlich, es verſtarb im Jahre 1385. Hera 
zog — ohne Erben, und das Land fiel alſo und 
Ä ren den noch ſehr jungen König Dlaus , oder 
vielmehr an’deffen Mutter, die Könighit Margate: 
cha, welche als Bormünderinn regierte. "Niemand 
hätte damals das, was wirklich geſchahe, vermu⸗ 
then füllen, nämlich daß das. Herzogthum Schlefi , 
wig vom Königreiche Dänemark mehr, als zuvor 
Hetrennet, oder wenigſtens die Sprache ftärfer als bie» 
ber, in Berfall gerathen ſollte. Allein, wie niemand zu 
allen Zeiten vorfichtig genug iſt, "fo beſorgte die Kö: 
niginn Margaretha, welche fonft Hißig genug mar, 
einmal nichts Böfes, und trug fein Bedenken, den 
Grafen von Holftein das Herzogthum Schleſwig 
anzubiethen, ja gar mie Bitten zu sehen aufzutras 
gen. Hieher Fam, was ich "hier ſonderlich brauche, 

daß die holfteinifchen und ſchleſwigiſchen Edelleute, 
welche bisher, zween unterſchiedene Körper ausgema 
bet Hatten, fith in einen begaben, fich duch Schnöär 
ger / und Verwandtſchaften genauer als je zuvor, mit 
einander verbanden, einerley Sprache, Sitten, und 
N Beſte annahmen, in“den Sandtägen und - 
andgerichten, mozu fo wohl der Adel, als die Bor- 
ficher der Städte und der Geiftlidjfeit, von Ham 
burg on, bis an die Foldinger Brüde, zufammen 
kamen, in einerley Sprache fich über das gemeine 
Beſte beratbfchlageren, und alfo immer näher und 
ei zufammen traten, War alfo die dänifhe 
Spraihe bisher nicht ſonderlich geachtet worden, fo 
1131 Hh 2 mar. ’ 





44 - Bon den Schickſalen 1 


wurde ſie nunmehr in oͤffentlichen Angelegenheiten 
bey nahe gar vergeſſen. Sie wurde zwar noch hie 


Ps a en 
st I HT el re 


und da auf dem Sande in den untern Be, ‚den 
Bauern: zu Siebe beybebalten: allein, da fie fich nicht | 


weiter erſtreckte, fo Iernte faſt niemand mehr da« 


nifch fchreiben,, fondern es wandte ſich alles. auf, ;die 
deutſche Seite. Hiebey wurde es gelaffen, und im⸗ | 
mer weiter und ‚weiter getvieben, auc) damals, als 
Schleſwig im Jahre 1459. nad) Herzog Adolphs Tode 
vn das Königreich Dänemark fiel, und vom Koͤ— 


nige Chriftian I, Friedrich: den I,. und von deſſen 
Sehne, Chriftian IH, ‚ feinen zweyen Da Be 


7, 


weniger als andere Stände, wie —56 ha | 


beut zu Tage, vieles zur Vertilgung der daͤniſchen 
Sprache, bengetragen habe, . Denn, nachdem. Die 


öffentlichen Angelegenheiten deutſch abgehandelt, Die 
Biſchoͤfe aus dem. holfteinifchen Adel, erwaͤhlet wur» 


den, und der. Bilchof von Schleſwig fich, bey der 
bald. erfolgten Kirchenreinigung , ‚von. der. Verbin⸗ 
dung und Oberherrſchaft des Erzbifchofs zu Sunden, 
und, der Gewalt der dänischen Kirchenver ſammlun · 
gen, losmachte, ſo wurden meiſtens deutſche zu 


Predigern ernennet. Beſonders geſchahe dieſes um 


Die, Zeiten der Reformation, da, Die. evangelifchen 


Prediger bier, zu, Sande felten waren, und man Yale 


die eute aus den Schulen hinweg, und aus öffentlie ia, 
d en Aemter rn zu⸗ Predigern nahm. Damals vera 


aebiman aus, Magdeburg, und Wirrenberg ‚viele, 
Mr atiche Sauren, Ar, darauf zu ſehen, ah ib 


f 


SE —— 


der danſſhen Sprache. 48 


nen die Sptache unbekannt war. Inzwiſchen wur⸗ 
de doch hoch in den meiſten Orten der Gottesdienſt 
in 0 Sprache gehalten. Allein, mir der 
Zeit ı murde @ den Predigern, die in Deurfchland 
ftudieret hatten, zu ſchwer, daͤniſch zu predigen, 
und fie. verſuchten ihrer Bequemlichkeit wegen, auch 
auf dem Sande undıan foldhen Orten, wo das Bau⸗ 
ernvolk kaum eine ober zwo beuſch Redensarten 
verſteht, ihre Predigten deutſch zu halten. An 
gongie hiele man an einigen Orten allezeit die vier» 
ferner die andere, und endlicy alle und jede 
Predigten deutſch. Es hätte diefes freylich nicht ge 
ſchehen koͤnnen, wenn nicht die oberften Geifttichen, 
oder ſo genannte Generalfuperintendenten,, als Deut 
fehe, mit den Predigern übereingeftimmer hätten. 
Allein, da diefe ben Beſuchung der Kirchen, wegen 
ihrer Umerfahrenheit i in der Sprache, meifteng nichts 
ausrichteten, fo fuchten fie ihre Murterfprache, einzu« 
führen, ob fie gleich dem Pobel unbekannt war, In 
dieſer Abficht halte ich es dem Generalfuperintenden« 
ten, D. Stepban Clotz, für, einen großen Fehler, 
daß er in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, mit 
des Volkes groͤßtem Verdruß und Widerwillen, den 
Geiſtlichen zur heimlichen Freude die daͤniſche Spra« 
‚che völlig abfchaffete , und dagegen in allenKirchfpielen 
des Sandes Angeln, die nad) Flensburg gehöreten, 
die deutfche einführen ließ. Es redet hier jeder 
Bauer mit den Seinigen zu Haufe dänifh, und 
hoͤret doch niemals eine daͤniſche Predigt. Eben 
dieſer hoͤchſtſchaͤdliche Auſchlag wuͤrde in dem weit⸗ 
laͤuftigen Amte Tondern, wie auch in Broͤnlund, 
oder Appenrade, laͤngſtens ausgefuͤhret worden ſe ef, | 
953 * 


\ 


= | Sonden Som 







312 


lage. hatte, Denn, es pflegte 
Roch zu fagen;, der Herzog Friedri a — 
polniſchen Kriege. umkam ‚hätte, befchloffen ge habt, 
fo bald er glücklich zurüc Fame, „und. alle Shriig- 
feiten beygeleget hätte die daͤniſche Sprache ‚aus 
alten in feinem Sande heben, — un, * 
Gen My ——— —* 


je ‚wäre, wie. es F goit 


side 


che in en, HERE: Städten Bu Er sen 
S. 150. Ob wohl die meiften Bürger die deut⸗ 
ſche Sprache verſtehen, und auch zu reden 
wiſſen, geſtaltſam in den vornehmſten Kir⸗ 
chen zu St. Warien und St. Micoiai hoch⸗ 
deutſch geprediget wird: ſo redet doch das 
gemeine Volk und das Geſinde in den Haͤuſern 
gemeiniglich daͤniſch, dann auch die ganze 
herum belegene Gegend ſich der dänifchen 
Sprache gebrauchet. Es iſt aber der Flens⸗ 
burger Deutſch und Daͤniſch eins ſo gut als das 
andere, diejenigen Perſonen ausgenommen, 
die ſtudiret oder gereifer haben. Mit diefem 


ſtimmet Olaus Borrichius in dilfertatione de cau⸗ 
fs 


; doer daniſchen Sprache. 487 


fis,dinerfi tatis liaguarum uͤberein, wo er ſpricht: 
| Unſere rger reden wicht, ‚recht deutſch und 
| „nicht recht daniſch, ihre Sprache koͤmmt mit feiner 
| diefen baydem überein , weil ‚fie von allen bey⸗ 
Den etwas hat. Man kann dieſes überall ſehen, 
wo die Graͤnze wiſchen zweyen Völkern iſt. ¶ Auf 
gleiche, Weiſe finde ich, daß Chriſtiern Petri in 
ſeiner Ueberſetzung der Pfalmen Davids, die zu Ant: 
werpen im, Sabre 1531. heausfamen , . feine Le⸗ 
Be in der Vorrede warnet, ſich vor der flensburgi⸗ 

en, als einer groben Mundart zu hüten. Viel⸗ 
Teiche hat er durch diefe Worte. feiner Ueberſetzung 
einen Vorzug, von der aͤltern Ueberſetzung des pe 
‚ten Dormozds, zuwege bringen wollen. 


Um ein geringes Beyſpiel von der Mundart dieſes 
Hergogh umes zu geben, will ich ein alphabetiſches 
Ver ʒeichniß lauter ſolcher Worte anhaͤngen, die nur 
in dem ſuͤdlichen Cimbrien gebraͤuchůch in ben übri« 
gen dänifchen Provinzen, aber meines Wiſſens, un⸗ 
befannt ſind. Es ſind einige derſelben halb. deutſch 
andere uralt — itzo aber ungebräuchlich,, an 
dere find dem. ‚Tone: nad) ‚zwar noch üblich, haben 
aber hier eine ganz andere Bedeutung, als in an⸗ 
Yen Provinzena⸗ Dergleichen Worte ſind 


Baater ‚eine —— Butter, welche aus 
Buttermilch gemachet, und einigermaßen dem 
Kaͤſe aͤhnlich iſt. 

Ber, weiter, 

Beimand, ein Bettler. 

Dislau, Genfterläden, \ 





488 Von den Schicſalene 


Blee Ye; kin‘ Leilach "bier ift es von den Windeln 
giuuc wmorein man ı bie he | od 
* Be * sit dh AR 4 





Diöeh, ter — Yin vun BR | 
Donnet, ‚der Donuer; ka tonm Adet don⸗ 
neben, es douner?; SER * J 
Dun, das Tuch, Naͤſedug a8 Sn 
Halsdug Halstuch Nia un 00 
Due, eintunken d daher komme Duels, eine EI | 
Dor an das a fo naͤchſt an der Hauchũ · 
rei 
Draͤte traͤge faul, . orange n 
Saaen ein eh Sn 
"fey at baere fäden. au) FL 
Seine; eire mit Gräben umgebene Wiee J * a, 
Säsekyndig,, einfältig, IGBLEBLER TE RT OD 
| rs Vorſaal/ gleichſan det fremmerfe 
ulv 
Foerhemmet ein Kmift, Boſtlo cal Ber 
Fuͤrſtuet, BSierecꝛ u.) | 
Grydſteeg, Rindfleiſch zu bewuwen iR, } * 
die Dänen von den Deutſchin das Wort Brof: 
fen Brad, welches von Grapen, einer Pfane- 
ne, und Braten herkommt, 'geborger, die Schleß | 
wiger aber ihr Grydſteeg behalten haben. " i 
Gaard, ein Garten, ſchwediſch hi ns | 
Basıd heißt auch ein Zaun. UT: 
re ——— — Er 7 TER Laie 
—5 at 


da iii Sotache 489 | 


at Hedeß Bier brauen, jeg hedte en Tonde or, 
ich habe eine Ba Bier gebrauer. A 
4, die Roſe eine. Krantheit, vom hol⸗ 
AMndiſchen: dachut ge Ding. ——— 
Yauslös , der alles durchgebracht bat, | 
Sansbaer, Johannesbeer BEN N 
Hylle, eine Müge, die in dem nordlichen Ein 
brien Lue heißes 
Haandklaeder, Handſchuhe | 
Senlet, einfaͤltig ſchlecht, ſo ſo. 
Bien, ein auf! Sänfen ftcher uͤnd etwas von 
der Erde erhoͤhetes — wohin kein 
NUngeziefer kommen ſoll. 
Hoyem , das Hauptbret am Bette, Hauptkuſſen. 
Hyvaſe, ein gepflfterter‘, und mit, ‚Stäben umgebea 
ner W A 
Iſpſer, der Deckel auf dem Bltten tfaffe, der die 
Deffnung verfchließt , welche der‘ Stämpfelmadher, 
Iſterbaand, eine Wurſt, Bratwurſt. 
Jamling/ vor einem Jahre, — i dag — heu⸗ 
fe vor einem Jahre. | 
Jonſen, kurz zuvor. Fe 1» 
 Riaert, ein Leuchter Kous dab Senblbe a 
Rroven, zornig, ungeffim, we Er 
Roft, die Hochzeit. 7 © en * 
Rorlif, ein Unterhemde. | * 
Klecke, genug ſeyn, ertheilen, — — er ingen Sors 
kleck i, esift niche genug, — 
Karm, eine Kutſche. “ 
Baad, eine Bauerhuͤtte, de” ‚Gegenteil von 
Boel, ein Bauerhof. 
Aloy, das innerfte des Haufes, | | 
Sb 5 at 


a9 Bomben Schiele 
a.Ätitien wit. 3 —— faßreny; Reit 


4 9 er 
baare “eine arre. nz ehem ur e:? 


Landſer, der das Seld bauet ein M 
Le, das‘ Bi se eh —5 — 
KRockenbropt „ Hveder De ae Varta 


at Live, junge Amel Helen. sach — 
at. Lutre, Ira kewein dautern, ai gig: 
Hack, eine Stufe, Treppe. ai —— IE Ye 

ioftbond, eine Seberwunfk.,, — F era 


Mule, Brodt, mit Fett ge mer, IEERTIR ERS 

mit der Rlhter tochen wipd. „beißt auch Y line, 

Mon heißt H edes — ‚et — — i uſet, 
ee — ui nöd — 
De, ein Schaf, .ı; fs 

Ove, fihreyen, in der vergangenen Ze jeg ‚oyte, 
ich hahe gefchrien. ve A — 

Dit, ein Saal. Zafelsimmer, u nn 





at Prigle, Strümpfe Srinrhieit: 
Tenden, eine gewiſſe ſe a die bequem 
a zum Bierbraͤuen iſt. dar PART EE 20%. %4 
Ray, hurtig, geſchwinde. er 


Rompling ein, Stier, ern, 

Roule, Rockenbrodt. pi Hl 27 ‚09 uaos 
Staadf Erim, ein Käftchen, ERROR 
en Spnter, eine Docking — NER 


— 


Spincke, ein Sperling. he 
Syre, Sauerteig, sg sh — 
Satt, fatt, a 
Sammer, Seide. - Rt 
at Snippe Dpfer, das ide mie, ones 
—— das Sagen; vd 44 


HANSER, ® Spuk 


En. der danſchen Eu Dre >) 
Sour ein aus zerſpaltenen Malen oder Fugen 


Leſtehender Zaun · nm ind note 
Spay⸗ eine Bruͤhe. cr oft 9 30 219 Mu} — 
Stap, ein Melffaß. u) Ksnon: dia | 


Strog, ein Fiedelbogen. Mara 5 
Stammel;. ein'großer —— pi iR vi 
un auf den: Bauerguͤtern mitten in der Stuberfteht, 
daß die Maͤgde darum: fißen, ‚und ſpinnen / wo 
aandere Arbeiten — 86 
Staut, der ſich reinlich ankleidet , „en did. 
Tikort/ Scherʒe zum Seitwertieib: nd ed 
Tün), ein — kleines weithetn 
Tadder Heydekorn. 
Vaerren, sgehinh, und. far), eh, A} * de nö - 
wehren kann. Al CE 
Vampes ein Beibesunterfemd. 
Varp, ein wollener Faden, der * Berfertigung 
des groben Tuches i in den Eintracht fümmt. 
Vinnecke/ein klaͤrerer An BER eben wie, It 





Deus, eine Horniſſe. 
Unden, Mittagsmahlzeit. - L; 
Ingling, ein jähriges Schwein. 


Noch etwas, welches merkwuͤrdig iſt, will ich bey dies 
"fer Gelegenpet erinnern; und dieß iſt folgendes. Unter 
denuUnterſcheidung eichen weiche die daͤniſche Sprache 
hauptſachlich von der deutſchen unterſcheiden, iſt die⸗ 

ſes eines der vornehmſten, daß die Deutſchen das 
Geſchlechtswort vorfegen, md das Hausder Wann, 
die Srau fagen, die Dänen aber daffelbe den Wor⸗ 
ten anhängen, als Zander, Manden, Konen. 
—— allein erhellet ſchon, wie weit die deutſche 

Spa 


492 DBondenSchiekfalenderdänifh.. 
Sprache, als eine Seuche in Dänemark um ſich a 
griffen habe. Denn, die füdlichen Cimbrer , oder 
Schleſwiger, als die naͤchſten Nachbarn von Deutſch⸗ 
land, ahmen laͤngſtens der deutſchen Sprache er 
fegen das Gefchlechtswort vor’, und fprechen nicht : 
snden, Zander, fondern ae Mand/ ae Band. 
or 1 Diefes Woͤrcchen se iſt nicht nur in dem 
füdlichen Cimbriew, ſondern auch in dem größten Theis 
le des benachbarten‘ nordlichen faſt bis nach Scan 
derburg, gebraͤuchlich. Denn / hier geht die alte 
daͤniſche Sprache wieder an, ſo daß man ordentlich 
Manden, Lander;"wf.w. ſaget. Die Beſchrei⸗ 
bung von dem Urſprunge und den Graͤngen dieſes Un⸗ 
terſchiedes will ich; als eine Aufgabe die eine wei⸗ 
tere Rettung verdienet, andern Siebhabern unferer 
a und —— en at; — 








ıy) 


ee 493 


** * x — 


| a m e von mir eine aufrichtige Schilderung des 
5 Großmuͤthigen verlangen, ſo ſollten ſie ich 


® — Rt ig? 


Srie da Grofmuth 
aaus einem 
Briefe des Herrn Coſtars an den 
EStaatsminiſter Fucket. 
der Samtalund De Briefe des Suse 
x I. Iep. 53. | 


Sraãdiger Herr, 


die Mühe nehmen, und mir die Nachrich- 
ten von dem, mas in ihrem Herzen vorgeht, mite 
heilen. Ich würde in Demfelben eine (ebendige und 


‚fruchtbare Duelle großer und edelmürhiger Handlun- 


gen, die fie taͤglich gefunden, ausführen, und daraus 


die feltenen und. merkwürdigen Kenntniffe geſchoͤpfet 


haben, die ich in meinen Buͤchern vergeblich ſuche. 


Allein Diefes iſt eine Hilfe , anädiger Herr, die ich 
von ihnen nicht hoffen darf. Denn nach dem Ariſto⸗ 


teles, erfordert die Wohlanſtandigkeit von einem 
Großmüthigen ‚ ‚der ſonſt vollfommen aufrichtig iſt, 


daß, wenn er gezwungen iſt, von ſich zu reden, er ſey 


von was für einem Stande von welchem er wolle, er 


ar 


fich einer. Verftellung und. der. Art von Spötteren 


bediene „die man fonft den Guͤnſtling des Sokrates 
Baal, Ich muß mich alſo — ihrem Be⸗ 
bin * el 


— BEE Charakter a. 


/ 


feste zu folgen / ohne dieſen Wörcheit don ihnen jw'ers 


warten, und ohne ſie noch laͤnger aufzuhalten. Das 
Wort Genereux koͤmmt aus dem Lateiniſchen ber, und 
bedeutet einen Edelmann zoder nach dem Buchſta⸗ 
ben, "einen Menfchen , der einen Stamm’ und eine 
Familie hat, woher er entſprungen ift ; gerade als 
wenn atıdere Leute deswegen ſich felbft (gemacht hät« 
ten, und nicht auch: mit, Ahnen verfehen wären : ob 
fie, gleich.Feine aufweiſen Fönnen , ‚die ihr Leben merk⸗ 
würdig gemacht, und die Welt mit de Rufe ih: 
res Namens angefüller haben. Bey den Spaniern 
ift es eben fo : ein gemeiner Mann, ein Unedler hat 
feinen Vater, nur dem Edlen gebähren diefer Vor⸗ 
zug, und dieſer nur hat das Recht die Würde.ei 


Hidalgo zu befleiven. Die Großmuth iſt alſo auf die 
Art nichts anders‘, als der Adel der Sede, und Dies 


fer Mdetift nichts anders als ihre Größe; nur muß fie 


regelmäßig abgemeffen, und wohl eingerichtet fepn. 
Denn die Riefen find niche weniger Misgeburten als 


die Zwerge, und man hat fie für Kinder der Erde 


OEHADNEL: 44 4410 ng. 6 
Der Name eines Großmuͤthigen gebührgt alfo dem, 
der die Vernunft in einem unumfchränften, Grabe bes 


fügt, Diefe unabhängige Herefehaft afe ih aber 
” | | | durch) 


⸗ 


der Grotmunh. 493 


Bl nichts” Yehichait, "ale durch. den vollkommenen 
Eiegü er diejenigen Seienfchaften, weiche die Herrſch 

ta el, mächtigften und vermoͤgendſten find, ung 
u enrfeßen „als: 5 . €. die Furcht vordem 
und die fhmerzhaften Emmpfindiinken. Daher 
othwendig / daß der groͤßte Muth und eint 

Ibenmürbige Geduld die erften und ſchoͤnſten Zier. 

Athen Ver Großmuth ausmachen. 

uͤnd niches deſtoweniger nennen wir gewoͤhnlichet 
maaßen weder die Herzhaftigſten noch die Beftändig: 
ften arokmüthig , ‚ fondern wit ‘geben diefen prächti® 
‚gen Tel niemanden , als denen Wohlthätern, wel: 
che. die Srengebigfeit bis zu den aͤußerſten Gränzen 
treiben, die fie von einer umüberlegren Werfehren, 
dung abfondern ; oder denen vollkommenen Freunden, 
die sich ſelbſt zu vergeffen und den Nutzen derer, ‚bie 
ihnen angenehm find, ihrem eigenen vorzuziehen Ihe 
nei. - 

Und gewiß, die Ausſchweifung der Liebe die jeder 

‚gen ſich ſeibſt träge, iſt fo aufruͤhriſch, fo wider: 
he fo ſchwer unter den Gehorſam zu bringen, | 
Daß ſie der Ehre des Triumphs der Vernunft nie 
‚mals mehr ſchuldig ift, als wenn diefe die Ehre, ge 
habt bat, fie zu übertreffen. _ 

Nach diefen: Grundfage wiirde derjenige ein 240 
haftig Großmürbiger fenn , der fo wie jener Siege 
geſinnet ift, welcher alle feine Beute‘, Die er von den 

einden erhalten, austbeilere, und (ich für feine Per. 
I on nichts als das Vergnügen vorbehielt, , diefelbe ans 
dern gegeben zu haben;oder wie jener größePrinz,der al. 
Te ‚Tugendhaften feiner Zeit mit Wohlthaten uͤberhaͤuf 
te, ‚indem er uͤberzeugt war, daß alle fein u * 

ilber 








496 „Charakter... 


ilber mit viel — Ehre und viel chereri in 
Ei Händen, als in feiner" Kam waͤre; o 
wie jener roͤmiſche Kaiſer, der diejenigen Tage ‚für 
verloren hielt,die ex, ohne der Dürftigkeit bülfliche 
Hand zu leiften, oder ohne treue Dienfte zu beloh⸗ 


nen, oder ohne die Verdienſte einiger ſeltenen Maͤn. 


ner zu verehren, u ugebrache hatte, | 
Iſt auf dieſe Art wohl jemals einer geweſen, gnã⸗ 
diger Herr, der weniger Zeit verdorben, und die ge⸗ 


ringſten Augenblicke beſſer anzuwenden gewußt hat, 


als Sie? Gielaffen nicht allein keine Helegenheit aus 


der, Hand , fondern fie ,.fuchen fie noch darzu, fie 


rennen, darnadı, ja fie machen fie ſich ſelbſt. Es iſt 
in unſern Tagen keine Tugend, die nicht das Gluͤck 
gehabt hätte, bey ihnen Schuß und Beyſtand zu fins 


J 


den , wofern fie anders Her haftigkeit genug gehabt 


bat, fi öffentlich zu zeigen; und kurz, ‚Der Gelzige 


Eann nicht fo begierig nach Reichthümern, der Wolle 


ſtige nicht ſo heftig auf ſeine Luſtbarkeiten der Ehr 


geizige auf ſein Gluͤck nicht ſo erpicht ſeyn, als ſie ei⸗ 
frig ſind, ihre Gnade und Guſibeeigungen fo 
oft ſich Gelegenheit findet, auszubreiten. Denn fie 
find lebhaft überzeugt, gnädiger Herr, daß die Groſ⸗ 


fen der Welt nichts befisen, das der Vergnuͤglichkeit 


und dem Unbeſtande der Dinge nicht unterworfen 
wäre, ‚und daß bey einer fo erſchreklichen Veraͤnde⸗ 
rung Diefes das beite Mittel fey, einen beträchtlichen 
Theil ihrer Güter in Sicherheit zu bringen, wenn fie 
der Duͤrftigkeit tugendhafter Derfonen damit zu Lo 


fe kommen. Denn fogfeich ändern Diefelben i ihre Nas 


fur, fie haben ſich nicht mehr. für der Unbeftändigkeie 
der Zeit zu, fürchten, fie werden dauerhaft a ie 


| der Großmuth. 407 
‚ben unverändert‘, mb: überhaupt; deſto größer fü 
fie, an * daee bosgaftige Neiter ziehen ’ 


a "Dh ich merke Inädiger Hear, daß ich mich ihrents 
negeh'von meinem Vorwurfe allzumeit entferne, und 
daß ich mehr meine’ Neigung als’ ihre Neubegierde 
zu befriedigen ſuche. Verzeihen ſi ſie mir dieſe kleine 
Ausfehroeifung, ich bitte unterthänig darum , ich will 
mic) in Zukunft beffer beherrfehen, und ich 9 mich 
bemuͤhen, nie wieder in dieſen Fehler zu gerathen. Um 
alſo da wieder anzufangen, wo ich es gelaſſen habe, f 
fo find unfere Großmuͤthigen nichts anders, als Wohl: 
thaͤter, die fic) zum Troſte des menfählichen Geſchlechts 
gebohren zu ſeyn glauben, deren Geſchenke Feine Reiz 
zungen feine Lockſpeiſen, Eeine Fallſtricke find, die fie 
nicht ohne Abfichten austheilen, um hir auszutheilen, 
und nicht wieder zu nehmen, und die durch die Betrach⸗ 
tung der Armuth ehrlicherseute die Empfindung und das | 
Andenken der Ihrigen zu Grunde richten. Ich ſetze dieje⸗ 
nigen imeigennuͤtzigen Großmuͤthigen noch in eine vlel 
hoͤhereClaſſe, die, da fie einen von den gemeiten Irtthuͤ⸗ 
‚mern gereinigten Berftand beſitzen, und die Tugend 
mie viel aufgeflättern Augen anfehen, als der Poͤbel, 
mehr Reizungen-und mehr Schönheiten in einer Bel» 
denmuͤthigen Handlung der Gerechtigkeit finden „als 
in dem Beſitze von Kron und Scepter. | 
“Wenn Plutarch zwifchen dem Hcurg und dem 
Numa ‘einen Vergleich anfteller, fo fpriche er : „Es 
sift-eine fehöne Sadıe , ſich eines Königreichs durch | 
eine Gerechtigkeit , wie Numa theilhaftig zu Mas 
„hen? das ift aber auch fihön, die Gerechtigkeit ei» 
nem Koͤnigreiche vorſugichen ſo wie theurgus. 
"3 Dand, yi Die 





u 


48 auCharakter.; 


Die ARE. Redlichkeit brachte dem erſtern ein 
ſolches Anſehen zu wege, Daß ihn die Römer zu ihrem 
Koͤnige verlangten, und eben diefelbe erhob den Murh 
des andern fo hoch, daß, da: es ihn wenig Mühe ges 
koſtet hatte, den Thron zu beſteigen, er lieber ein 
Kind auf denfelben fegte, dem er nach. dem Re 
der Geburt gehoͤrete. 
" Dem ohngeachtet wird eine ‚folche har. Wenig 
freindes und wunderbares in ihren Augen haben,gnä« 
diger Herr. Denn außer dem, daß dieſelben in ih⸗ 
rer großen Seele eben dieſen Grundſatz fuͤhlen, der 
der Welt bisweilen Wunderwerke i in dieſer Art fehen 
läßt, fo werden ‚fie erwägen, daß eurg ein ftrens 
ger Gefeßgeber. war, der ſich ganz befonders. gaſeine 
vollkommene Ktugheit legetes 
Was werden fie. aber vom. Ferdinand von —— 
nien ſagen, der zu unſerer Vater Zeiten gelebet hat, 
und der in den Armen und. dem Schooße des Gluͤt 
des war erjogen worden , und bey dem man nicht we 
nig Verachtung der Hoheit und der  Eitelfeiten-ans 
traf, Nach Abſterben des Königs, feines Bruders, 
konnten ſich die Einwohner Arcagoniens nicht ent⸗ 
ſchließen, das Anſehen eines jungen Kindes zu erken⸗ 
hen , das er ihnen nachgelaffen hatte · Sieboten ihm 
alſo die Krone an, fie zwangen ihn diefelbe — 
men, und da ſie abfehlägliche, Antwort, ‚erhielten ‚ibei 
riefen fie an einem beftimmen. Tage, die Stände zus 
fanmen. Ferdinand fand. fich. ſowohl als Die ande 
daſelbſt ein. Er hatte feinen kleinen Bruders Sohn 
Unter dem Mantel ‚und hatte ibn mir, allen Zeicher 
und Zierrathen eines Königesbg kleidet. Da er ſahe, 
daß alle TR au RER waren, 


us ihn 





2 zu ihtem PR zu * = er eiiek 


* a al der’ga erſammlung dies 

eing. ° Meine Ay Y fagte er; Bier ft 

ji ——— ‚werden ſich dem Gehorſam tina 

aaa entziehen Fönnen, den ſie ihm ſchuſdig fihd, 

ohne die Seiligkeit der Geſetze zu entbeiligen, dietoch 

> Stüßen des Staats find, Folgen fie mir alſo 

in altem nach, woferne fie nicht die gerechten Strafen 

if ihre Haͤupter laden wollen, die auftühriſthe Un⸗ 
onen verdiene, 

Kaum hattẽ er diefes geſagt, fo —* er feinen Beu⸗ 
Ber Sohn aufden Koͤnigl. Thron, der ſich bäfeibft de 
fahb, er bezeigte ihm feine Ehrerbiethung ‚erteiftete ih 
den Eid der Treue, und zwang Auf diefe rt alte dorriege 
me Miniſters und obrigkeitliche Perfonen, dieſem jungen 
Prinzen zu huldigen. Dis iſt noch mehr / gnaͤdiger exe, 
Obgleich die barbariſchen Laͤnder ſehr unfruchebat" an 
größen&rempeln einer beſondern Mäßigung find, ſo hat 
doch das letztere Jahrhundert ein fehr erhabenes Bey⸗ 
ſpiel hervorgebracht , das wir Allen denenjenigen’chts 
gegen fegen fönmen,, die uns ae dem’ unvergänglich 
ſien Alterthume befannt find, "Acofta’ erzähle, wog, 
ein tapferer Mericaner ſeinem Herrn das ganze Koͤ⸗ 
nigreich Mexico weggenommen, und doß er ſeine 
Geanjen auf mehr als 360 Meilen: uͤber dieſes dand 
hinaus gefeßt habe; der Konig war im Begriffe zu 
fterben, ohne einen andern Erben/Afs-ein kleines Kind 
in der Wiege‘, zu hinterlaſſen Seine Völker verei⸗ 
nigten ſich, den Tlacaͤlec (dieſes war der Name des 
Ebberers) inſtaͤndig zur bitten, ſich der koͤniglichen 


Wuͤrde zu bemaͤchtigen, und den rechtmaͤßigen Thron ⸗ | 


srl ſen der Regierung rc ‚weil fie fein 
Uns 





— (aan fe m — und zu Befehlen. 
Uber diefer große Geiſt verwarf ihre Ditten mit eis 
ner edlen Großmuth , und wendete alles, Anſehen und, 
alle Macht, die er fich erworben haste, darzu * daß 
er den Sohn ſeines Koͤnigs vertheidigte. N 

„Hier fehen fie einen Weifen ohne Kegeln und Vor⸗ 
ſchriften ohne Wiſſenſchaft und Unterricht, der nichts 
als dem Lichte ſeiner geſunden Bernunft, gefolger iſt; 
der keine Anweiſungen gehoͤret hat, als Diejenigen, 


die ihm ſein Herz und ſeine Empfindungen gegeben 


hatten; und kurz, deſſen Tugend bloß von der Natur 


gebildet worden, die ſich zuweilen aus Eiferſucht gen 


gen. die Kunſt erzuͤrnet, und ſie nicht wuͤrdiget, ſie 
zum, Gefaͤhrten ihrer Arbeit anzunehmen, um Die Ch. 

re. nicht mit ihr theilen zu duͤrfen, und da ſie ihre, 
Hülfe verwirft, aus eigenen Kräften —— 
Stuͤcke hervorbringt. 


Unſere franzoͤſiſche Geſchichte vedet mie. Ruhme 


von dem tapfern Herrn von Conch, der, da er ſich 
ſelbſt zu einer ſtrengen Gerechtiakeit ‚geworden, und; 
ſein Urtheil Durch, ſeine Eigenliebe ‚nicht verfaͤlſchen 
ließ, den Degen: eines Connetabels nach dem Tode, 
Bertrands von Gveſclin ausſchlug, und ‚Carl dem 
ſechſten — ihn dem, Olivier von Cliffons zu er⸗ 
theilen., und zur, Zeit; Franciſci des erſten konnte ſich 
Friedrich der ‚Herzog, von Sachſen, aller Stimmen 
des Churfuͤrſti. Collegii verſichern, „allein er wandte 
diefe Gunſt zu nichts an, als. Carin,dem fünften. auf, 


den. Thron iu verhelfen, den er für viel fähiger hielt, ’ 


die Würde eines Kaiſers zu behaupten; und Die Rus, 
be vor Deutſchland zu erhalten. Dem ohngeachtet 
war weder, der frame Herr, noch der deutſche 

Prinz, 


nn) eo 
der Großmuth. 301 
Hr A —⏑— —— 
rin, von der Gattung der Helden, die ich ermäß- 
et habe, Det, erftere war teiter nichts als bes 
fheiden, obgleich ‚in der That diefe Beſcheidenheit 
hes unfterblichen Lobes würdig iſt; und der, andere 
wär nichts als Flug, und konnte auch keinen hoͤhern 
uhm verlangen. Denn es ift gewiß, daß ein 
aͤchtiges Kriegesheer diefes jungen Siegers ‚bereit 
| und, ohne auf ihn los zugehen, wenn er fo ehrgeizig 
ewefen waͤre, die Krone anzunehmen, und wenn der 
ekeügerifche Glanz der Ehre, die man ihm anboth, 
m die Augen verblendet und verhindert hätte, ‚die 
‚undermeidliche Gefahr zu erfennen, die ihm Drohete, 
Ind in der That, 8 if fo gemiß, Daß die 
lehnung großer Chrenftellen nicht ‚allezeit den Na- 
men einer großmüthigen Handlung verdiene, daß 
fie nicht u ro und Furchtſam⸗ 
feit wird. , Denn da Coleſtin der V, die päbitliche 
Würde niederlegte, um fie dem Cardinal Benedict 
von Anagnia in die Hände zu fpielen, deſſen Hoch» 
muth und Ehrgeiz ihm bekannt war, ‚fo befchuldig- 
ku diejenigen, Die von dergleichen Sachen recht 







zu urtheilen wußten, einer Zaghaftigkeit, und. der 

Dichter Dantes machte ſich Fein Bedenken, ihn un« 
‚fer die Verdammten in feiner Hölle zu zählen, und 
frey von ihm zu ſagen. DR 

- - Vidi l’ombra di colui : 

Che fece per Volta tal gran rifiuto, 
Man muß bierbey die Mittelftrage in acht nehmen, 
die wir bey dem Renaud von Taffe fehen mollen, 
da er mit diefen Worten an feinen Bruder Gott 
fried fchreibe: „Ich habe eine ftärfere Begierde, 
* Ji 3 * „die 


5%2 Ä Charatter | — 
die oberſten ——— zu eye 1 ter J 


-osfißeh, und wenn i ‚nur, 3: 
— andere "Bin, * j mere ih mi 
„‚tenig, 68 Durch Stand und eh u feyn, und. 
„Halte mich. nicht für ‚berechtiget, di eHöhe, der? A 
sten zu beneiden.. Wenn ide mich ‚ab va | 
„fteffen vufet, und rt eilet, daß mir — Si 
„mäßiger Weife aehören, fe werde, ich mich nic) 
Wweigern; dleſelben anzunehmen ind. ih. erfreue 
mich von dem, was ich werth bin „durch. Die an⸗ 
„genehmen Merkmaale verſichert zu werden, die fie 
„mir don ihrer rund iu geben belieben. . re Sole 
fe malı niche faſt be ehaupten, daB biefer, junge Ku 
eben fo wohl ein Schüler deg Kuh teles | waͤre 
Alexander? md ſtimmen diefe W orte nicht velfim 
men mit den Sehten,,. dieſes Doiofopden ı überein, de 
da. behauprer: „Daß fi) ein. Gre uͤthiger init 
„mäßig an erhabenen. Ehrenftellen „beluftige , wenn 
„fie ihm. gleich, durch Tugendhafte angetragen wer⸗ 
„den, heil er fie als. Güter anſieht, die ihm zůge⸗ 
„hören, und die man hm nicht ohne Unrecht vorent⸗ 
halten Fan. Sie werden ihm niedrig und ‚gering 
vorkommen; da er ſelbſt erhaben iſt, er wird ‚fie 
„Hoch weit unter ſich fehen, und. ent nimmt ſie aus 
„feiner andern Urfache an, als weil die Menfihen 
„nichts größeres geben, weit fe ihn belohnen 
„eonnen. 
Erinnern fie fich an die Ernſthafigkeit des Piſo, 
gnaͤdiger Herr, da ihm Galba kund machte, da Ber 
ihn an Kindes ſtatt und zu feinem Mitregenten ans 
genommen hätte, Jedermann richtete die Augen 
al ihn, nach em Berichte des Tacitus, und, ai 
„man | 














der. Großmuth. 503 


mand wurde an ihm die geringſte Bewegung eines 
aufgebrachten und vor Freude ausgelaſſenen Geis 
„ſtes gewahr. Von dem Kaiſer redete er voller 
Hochachtung, von ſich aber mit der größten Maͤßi⸗ 
gung und Beſcheidenheit. Man traf weder in ſei⸗ 
nen Handlungen, noch in feinem Geſichte eine Ber: 
ssanderung an, und jedermann wer ihn fahe, hielt 
„ln für fähiger zumberrfchen, als er zum Ehrgeize. ds 
Eben dieſer serzählet vom Befpafian, daß erin 
dan; Augenblicke, da ihn die Soldaten zum Kaiſer 
- ausgerufen, feine Seele von aller Furcht gänzlich ents 
lediget und ſie zu der Hoheit feines Gluͤckes erho⸗ 
ben habe, daß man weder Eitelkeit noch Hochmuth 
an ihm wahrgenommen, und bey einer ſo ſchleuni⸗ 
gen Berändetutig ihn: —* —— noch erſchre⸗ 
cken geſehen. 
Wenn man dem: Hängen Plinius Glauben eye 
— ſo iſt Trajan bloß durch Unterwerfung 
‚und: Gehorfam zur Herrſchaft gelanget, er thut 
nichts, um ein Mitregente und Nachfolger des Mer: 
va zu werden, als daß er ſich dazu würdig machte, 
und Darein willigee; fo, Daß er bey Feiner Handlung 
in feinem $eben mehreren Öehorfam und mehrere Unter, 
thaͤnigkeit gezeiget, als zu Der. Zeit, da er die Höchfte 
Gewalt annehmen wollte. Ich muß nicht vergefe 
ſen, was ic) ‚an einem gewiſſen Orte vom Don Juan 
von Defterreich gelefen babe, ver bis in fein 15, Jahr 
wie ein gemeiner Edelmann erzogen worden, und 
da er auf einmal erfuhr, daß er ein Sohn Carls des 
Fuͤnften, undiein Bruder des Königs von Spanien 
Philips des zweyten ſey, gqnz gelaffen und ohne bes 
ver; ki werden, demjenigen ‚der ihm eine fo große 
| | Ji 4 Nach⸗ 


a ee 


Nachricht hinterbrachte, antwortete: "Mei is 
“has mir es laͤngſtens geſaget, ich habe: es aber ic 
** wollen. ln ud 

In dieſem Falle nimmt der Großanchige Ehiens 
„fielen an, wenn fisfeinen Verdienſten gemäß find, 
und wenn fie ihm vom Perfonen angetragen werden, de» | 
‚ren Urtheil ihm ſchaͤtzbar iſt. Wenn ſie aber von 
gemeiner Art ſind, oder wenn ſie ihm von dem un⸗ 
wiſſenden und eigenſinnigen Poͤbel ertheilet wetden, 
ſo ſchlaͤgt er fie mie Verachtung aus, und haͤlt ſie ſei- 
nes Geiſtes für unwuͤrdig. Es wird ihm eben ſo 
‚unerträglich ſeyn, ſich bey einer gemeinen und wen 
zu bedeutenden Handlung oder Eigenſchaft (oben yu 
hören, als wenn man ihm. Kronen anbiethet die 
mehr von Myrthen und Roſen als Palmen und Lor⸗ 
Deerzweigen durchflochten find. AGHED NIB 

‚Das, was ich von Ehrenſtellen fage, läßt ſich mit 
viel größerer Gewißheit vom: Reichthume, von der 
Mache, dem: Anfehen, und überhaupt von allen’ans 
dern Gluͤcksguͤtern behaupten, Die der Großmuͤthige 
ohne Heftigkeit verlanger, ohne Sorgen füchet, und 
ohne Unruhe beſitzt. Und gewiß, ‚er wide gegen 
alle Vortheile von dieſer Are eine ſehr gemaͤßigte 
Neigung ſpuͤren Lafer „weil er dieſelben nur der Eh⸗ 
re wegen zu erhalten wuͤnſchet, und weil wir voraus 
ſetzen, daß feine Ehrbegierde ihre ati —— 

und ihr geſetztes Maaß bat. 7.0 

Er weiß ſich bey Widennäreiäfeiten ’ — Ver. 
luſte, und bey allerhand verdruͤßlichen Zufaͤllen eben 
ſo ſtark zu beherrſchen, und da dieſes die Zeit iſt, da | 
er. das meifte mit fich felbft zu thun hat; fo.iftes 

- u die Zeit, da er mehrere Kräfte anwendet unum⸗ 


— | 


- 4 


der Großmuth. 505 


ſchrankter Herr dabey zu bleiben, fein Herz recht 


zu befeftigen und ftärfer zu machen, und ju derhin— 


dern, daß es der Schmerz nicht elfinintme id bis 
herrſchet. Sein Glück beweiſet, wie fchägbar er dem 
Himmel if, und fein Unglück, wie fehr er verdienet, es 

zu fen. Etr iſt nie größer) nie aufgemunterter, als 
* ſich die Widerwaͤrtigkeiten bemühen ihr niederzu— 
ſchlagen, und wenn ev bisweilen ganz uͤberwunden iſt, fo 


ſieget er über feine Leberivinder oder vielmehrüber das 


Gfüc ‚welches fo ungerecht geweſen iſt, einer ſchlim⸗ 
men Sache beyzutreten. Carl der fünfte ſahe ſeine 
Flotte vor dem Hafen von Algier untergehen, und 
er that nichts, als daß er Hände und’ Augen gen Hin 
mel Hub, und dieſe Heiligen Worte öfters wiederhöhf- 
te: Here dein Wille gefhepe. ' Philipp: fein Sohn 
vernimmt, daß die fuͤrchterliche Schiffsflotte, die ihin 
die gewifl e Eroberung von "England verfprochen, 
durch einen erſchrecklichen Sturm zerſtreuet worden, 
ind er begnuͤget ſich zu ſagen: Ich habe ſie⸗ —* 


ausgeſchickt wider die Winde zů fechten. Unſer 


Franciſcus der Erſte, ließ nicht die geringſte Klage 
hoͤren, als er bey Pavia geſchlagen und gefangen 
wurde, und in den erften Bewegungen feiner: Trau⸗ 
rigkeit ſchrieb er an die Koͤniginn ſeine Mutter: Es 
iſt alles verloren, aber gebet euch zufrieden, wir 
haben unfere Ehre gerettet. Was für eine Hoheit 
der Gedanken äußerte fich nicht in Diefer einzigen fehr 
überlegten Rede, und was für ein augenfcheinlicher 
Beweis iſt dieſes nicht, daß der Großmuͤthige alles 

fuͤr gering ſchaͤtzet, wenn er nur mit ſich ſelbſt zus 
frieden iſt. Und gewiß, bisweilen ſcheint ſich Himmel 
und Erde wider ihn verſchworen zu haben, und 
Ji5 nichts 


56 a Chawaktenins 


nichts als fein Gewiſſen fuͤr ihn übeig zu bleiben 
and: dem ohngeachtee verharret er in der groͤßten 

Standhaftigkeit, Das Beyſpiel des Fabius hat 

ſeines gleichen nicht, und dieſes iſt ein ubid, von 

dem uns alle folgende Zeitalter nur unvollkommene 
Abſchilderungen haben liefern koͤnnen. Seine Auffuͤh⸗ 

rung war uͤberhaupt in chlechtem Rufe, und die, fo 
fein ‚Lieutenant hatte, erhob. man, bis an den Himmel, 
Man ſchmaͤhlerte feinen Ruhm durch tauſend erdichte⸗ 
te Nachreden. Man zernichtete ſeine Macht durch 
gift: und: Zuſammenverſchwoͤrungen : Man richtete 
das Anſehen ſeines Standes zu Grunde,; indem man 
aeutheikten Nichts von allen dieſen konnte feine 
erſten Eufchließungen wankend machen, und endlich 
überhäufte ihn: feine unüberwindliche Standhaftigkeit 
mit Ruhme, und belegte die Verwegenheit ſeines 
Mitregentens mit einer ewigen Schande. Er fand 
Gelegenheit, fuͤr das Unrecht ſeines Hochmüchigen 
Verfolgers Genugthuung zu erhalten, aber auf die 
ſchoͤnſte erhabenſte und edelſte Art von den Welt. 
Denn es geſchahe dadurch, daß er ſein Befreyer 
wurde, ihm das Leben erhielt, und ſeine Erynaen 

ausı “einer - unvermeidlichen Gefahr ‚errettete,.. 

sb fie, Diefer unvorfichtige Anführer verwickelt hatte, 
Was für Bortheil, gnädiger Kern, mas für eine 
Ehre; was für eine Wolluft! Das ift in, der That 
diejenige Art von Rache, nach der man eifrig ſeyn 
kann. An allem andern; finder der Großmuͤthige 
ſchlechten Geſchmack. Das Unrecht, ſo man ihman⸗ 
thun will, verſchaffet ihm das Vergnuͤgen, zu ſehen, 
wie weit er daruͤber erhaben iſt, oder die Ehre ſich durch 
— — noch weit hoͤher zu erheben, 
oder 


pr 


F 


der Großmuth. 507 
‚aber die en AN — sonne und 


nd die Welt feine — 50 
ud ſelbſt geroiffermaßen wild werden, und unfer $es 
en der meiften beträchtlichen Vocheie beraubt fe 
‚ben wuͤrden. 
ui ‚Wenn fich der Großmuth ige ja zumeilen gezwun⸗ 
gen ſieht, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben, fo 
brauchet er, doch, nur Schwerdt wider Schwerdt, und 
er achtet es für unanftandig, fortzufahren, denjenigen 
feine Macht zu zeigen, die er entwaffnet bat, 
So bald ex ſich feine Feinde. unterwürfig gemarhe 
hat ‚ ‚fo betrachtet ev fie nicht mehr als; Feinde, fon. 
dern als Elende, Erx haͤlt fie feines, Mitleides werth, 
und des Zornes unwuͤrdig. Er iſt nicht fo ehrgeizig, 
daß er nach dem Beyſpiele eines roͤmiſchen Capitai 
der ſich in ſehr gluͤckliche Umſtaͤnde geſetzt hatte und 
deſſ en Gluͤckſeligkeit man den unſterblichen Goͤttern 
als ein tadelhaftes Verbrechen aufbuͤrdete, ſi * 
Grabſchrift ſollte ſetzen laſſen: Hier liegt der 
nach der Welt, dev feinen. Freunden das mei 
Gute, und, feinen Feinden das größte Boͤſe erwie⸗ 
fen hat. Jene Grabſchriſt ſcheint ihm weit reizen ⸗ 
der 


— 


508 Charakter 

der und erh cbener: Hier liebe derenige der ſeine 
Feinde zu baͤndigen wußte, wenn ſie ſich widerſetzten 
oder der ſie gewinnen konnte, wenn ſie es verdiene⸗ 
gen, Es ſcheint alſo, daß der Großmuͤthige de 
aͤußorſten Haſſes nicht fähig ft: Weber dieſes fragt 
man SR nn Kr ſich Bo — Liebe * 
* finde. unge EL TI EEE | 


om: ‚too! — als’ * ar * is 
nicht wahrſcheinlich, daß Ein vollkommen Digendhaf⸗ 
gar, welcher nirgends ſo bequem noch ſo gerübret, 
alsibey ſich ſelbſt iſt/ ſo lange außer ſich reißt 8 

ben fette, "Allein, ohne mich bei diefer betruͤgeriſch 
Spitzfindigkeit aufzuhalten, ſo iſt erſtlich gewiß, 9 
allein der Groß muͤrhige fein Vaterland liebet; 

es daſſelbe Herdiener, und daß es allein die Sr 
muth iſt, die einen Coblus und Mehnecens in Grie⸗ 
chenand, und in Nom die Brutos, "die ‚Schvster, 
und die Deeier hervorgebracht hof, die ſich willig. 
fuͤr das Beſte ihres Baerlandes aufopferten die 


Fi ihre erften Neigungen tiedmeten, und Dem 
vie 


be des Bluͤtes und der Matur nur den ändern 
Hang einräumeten. Was bie Freunde anbelanger, 
wer wird fie brünftiger Tieben als der Gropmüchige ? 
Denn er verlangek und ſuchet ſie nicht, als nur den 
She und Oreſt nachzuahmen/ Hu einen zu has 
ben, dem er ins Elend folgen, uud'dem er feinen 
Nußen, feine Ruhe, fein Vergnügen, und im Falle 
der Noch ſelbſt fein’ eigenes Leben, aufopfern kann? 
Dienen, verbindlich zu machen, zu Huͤlfe fommen,. 
find Handiniigen der‘ Tugend, 2 und es iſt angeneh⸗ 
mer 


der Großmuth. 509: 


mer und. fchöner, diefelben gegen ſolche Perſonen aus» 
zuüben, die wir lieben, als: gegen ſolche, die uns un⸗ 
bekannt und gleichgültig. find ; und wuͤrde alſo ein: 
Weiſer nicht unbillig’handeln , wenn er ſich eines fo 
großen eines ſo empfindlichen und eines fo rechtmaͤßi⸗ 
gen Vergnuͤgens berauben wollte? Sollte ſich der 
zur Einſamkeit verdammen, der eben ſo geſellig, als 
vernuͤnftig gebohren ft? und iſ dieſes nicht aͤrger 
als die Einſamkeit ſelbſt, wenn man immer unter 
Leuten ſeyn muß; gegen die. man ſich wicht getrauet, 
fein Herz zu entdecken; noch feine Gedanfen in der; 
Einfalt zu offenbaren, in der fie erzeuger werden?) 
Unfere Freunde find: unfer' anderes Ich, denn fie 
find beftändig mit uns, ihre gute Handlungen ruͤh⸗ 
ren! uns: eben, fo fehr, als'unfere eigenen, und weil fie: - 
verfchieden find, ſo werden wir ſie beſſer gewahrt, denn 
die Vorwürfe, die außer uns find, fehen wir durch 
eine. gerade Einie, das aber, was im uns. vorgeht; 
ſtellet ſich uns nur durch den Wiederſchein dar. Wuͤr⸗ 
de alſo der Großmuͤthige wohl Grund haben⸗ ‚dem 
ſchoͤnſten Anblice freymillig zu entſagen? | 
‚Aber, gnadiger Herr, bisher bin ich in der Scu 
derung, die ich unternommen habe, nur meiner 
eigenen Vorſtellung gefolget. Erlauben Sie, daß 
ich mich: bey den übrigen von einem beſſern Geleits ⸗ 
manne führen laſſe, und Ihnen eine getreue Um⸗ 
ſchreibung der Gedanken des Ariſtoteles über die Nu 
terie gebe, von der ich handele, 
Der Großmuͤthige, fager diefer Belmeife, ift * 
der ſich großer Unternehmungen würdig ſchaͤtzet, und! 
der ſich in dem Urtheile nicht betriege, das er von 
* Halle Derjenige, der nur: zu don kleinſten Unter« 
neb» 


50: _ Hcharatterr · 


nehmungen faͤhig iſt, und ſich deswegen ſehr gering 
ſchaͤtzet, und, in keinem hoͤhern Preiße Hält, als er 
yerbienet ; iſt eigentlich beſcheiden, und kann ſich des 
Titels Größmüchig nicht: anmaßen), denn die Große 
muth beſteht eben ſo in einer Hoheit; wie ein aͤußerli⸗ 
ches gutes Anfehen in einer: ‚vollfommenen‘. und vor⸗ 
theilhaften Stellung des Koͤrpers. Und gewiß, man 
kann von einem kleinen Menſchen ſagen, daß er an- 

genehm und artig ſey, daß feine -Gefichtszüge und: 
feine ganze Perfon ein gutes Verhaͤltniß habe, aber: 
eigentlich zu reden kann man * nicht unter die Schi 
nemrechnen. u 

Man — andere, bie vom. Sof ont Hoch⸗ | 
muth ganz 'aufgeblafen find, ‚die wenig: Verdienfte, 
und viel Eitelkeit befigen. Auf der-legten Stufe ber’ 

finden fich die Kleinmuͤthigen, Die ihre Kräfte nicht‘ 
fennen , und ſich Daher ‚geringer ſchaͤtzen, als fie’ 
follten ‚fie mögen: nun ‚größer ‚oder mittelmäßiger); 
oder allein der: geringften Unternehmungen fähig ſeyn. 
MNaͤchſt dieſen ftehen diejenigen, Die beflere Eigen⸗ 
fhaften befigen, und doch ohne allen Widerſpruch 
ſchlimmer ſind, weil ihre Zaghaftigkeit nothwendig 
auf das Aeußerſte gekommen ſeyn muß, da ſie in ih⸗ 
rer Niedrigkeit ſtille Liegen , und doch nicht unvermoͤ⸗ 
gend waͤren, ſich wieder in die Hoͤhe zu helfen): wenn | 
ie Herzbaftigkeit darzu beſaͤßen. 

‚Der Großmuͤthige haͤlt ſich zu den 6 Uner⸗ | 
nehmungen fähig, und da ſich dieſes nur auf äußers 
liche Güter beziehen kann, ſo folget daraus, daß es die 
hoͤchſten Ehrenſtellen ſind, deren er ſich wuͤrdig ſchaͤ⸗ 
tzet, und in der That iſt dieſes die Ehre, die wir 
den Gottern zum Geſchenke darbringen muͤſſen, wenn 

11: wie 


der Großmuth. x sig 


wir ihnen ihre Wohlthafen vergelten — Dieß 
it das, was bey Perſonen vom Stande am meiften 


geſuchet mird, die fich an den erhabenſten Ehrenftels 


len: befinden, und die wir die oberſten Wuͤrden ver⸗ 
walten eben, und dieß iſt endlich der Preiß und 
die Belohnung der heerlichſten Thaten, wir koͤnnen 
hieraus folgern, daß ſich der Srohmürhige indem, 
"was Ehre und Schande betrifft , wie er folf,/beherts 
fche, und daß er hiebey die ffrengen Geſetze der Det. 
nunft auf das genanefte beobachtet, | 

Es fließt ferner: hieraus, daß er — ei 
gendhaft ift ‚weil wir voraus fegen , daß ihm die 
allergrößten: Gücer rechtmäßig zugehören , und daß 
man fie ihm ohne: ungerecht: zu handeln nicht wuͤrde 
entziehen koͤnnen Mit einem Worte, der Groß⸗ 
muͤthige beſitzt alles, was in einer jeden Tugend: das 


erhabenfte und herclichfte ift. Er weiß das Schönfte 


und Reinſte herauszuziehen, und davon eine bewun⸗ 
dernswerthe Vermiſchung zu machen. Furcht und Hoff · 
nung koͤnnen ihn nicht anfechten. Er iſt bon allen 
Schwachheiten frey, und da ſich feinen’ Augen alles 
klein und weit unter ihm: entfernt! vorftelfet, ſo iſt 
nichts vermoͤgend, eine unordentliche Begierde: in 
feiner Seele zu erregen, noch ihn zu einer Ungerech- 


‚tigkeit zu zwingen. Er verachtet die Reichthuͤmer 


und fuͤrchtet weder Armuth noch De 7 Fe den 
Tod felbitinicht. 


++ Die Großmuth ift die Zierde: der ändeen., us 


| wi Sie ſchmuͤcket fie, fie verfchönert fie, ſie erhoͤ⸗ 
het fie, fie macher fie majeftätifcher und’ ehrwuͤrdiger, 
man trifft fie niemals ohne Begleitung alter “übrigen 
— an, und es iſt daher ſchwer, einen wahr⸗ 


— 


— 


⸗ 


52 / C harakter 


haftig ——— zu ſinden, ab: fich niemand 
dieſen ‚prächtigen Titel zueignen kann der nicht ein 
Mittel ausfuͤndig machet, alles das in ſeinem Her⸗ 
zen zu,fammlen, was unſer Wille von loblichen Ei⸗ 


| 
{ 


genſchaften annehmen kann. ni 
„Nichts deſtoweniger, ob er gleich überall Gelegen· 


heit findet, ſich zu üben, fo muß. man doch befennen , ’ 


daß es bey Ehre und Schande am meiften und ei" 


gentlichſten geſchieht. 

Wenn ihm rechtſchaffene Leute Ehrenſtellen erthei⸗ 
len, die mit feinen Verdienſten in einigem Verhaͤltniſ⸗ 
ſe ſtehen, ſo wird er eine ſehr maͤßige Freude em⸗ 
pfinden, und wird dieſe Sachen als Guͤter anneh⸗ 
men, die ihm: zugehoͤren. Ob ſie gleich der Wich⸗ 
tigkeit feiner Berdienfte nicht gleich Eommen , ſo wird 
er. fie, dody annehmen‘, und ſich damit begnügen, 


weil er ſieht, daß die Menfchen: nichts beffers has 


ben „. womit fie ihn belohnen Fonnen;,) und weil. er 
ein heimliches Vergnuͤgen empfindet, aß. er, nie nach 
Würden belohnet werden kann. Allein wenn er von 
nieberträchtigen Perſonen oder ‚durch gemeine Handı 
lungen beehret wird,.fo empfinden er mehr‘ Schmerz 


x 


als Dienſtbefliſſ enbeit bey fich, und wuͤrde dieſe Pros 


ben. der Hochachtung: ausfchlagen , wenn es der 


Wohlſtand und die, Höflichkeit zuiießen. Er ver 


achtet, das Laͤſtern, das falſche Geſchwaͤtz, das übele 


Nachreden und die Verlaͤumdungen, weil er verfi« 
chert iſt, daß ſie ungerecht ſind, da ihnender Grund 
fehlet, und daß ſie aus Mangel der Wahrheit, die 
fie, erhalten und unterſtuͤtzen ſollte, ſich ſelbſt zu Grun⸗ 
de, richten werden. Was den Reichthum; das Anſe-⸗ 
ben hen gusen Ruß und die Gewogenheit, und uͤber⸗ 

Baus: 


4 


der Großmuth. | N. 


Haupt alles das’ ‚betrifft, was man gutes Gluͤck nen 
net, ‚fo wird er ſich deffelben fehr mäßig und mit einer 
Nacapmangsibirdigen Beſcheidenheit bedienen. Er 
wird fich bey gluͤcklichen Umftänden von der Freunde 
nicht außer fich ſelbſt bringen , noch bey widerwärtis 
gen’ Fällen von der Traurigkeie niederſchlagen laſſen. 
Denn das Ende von allen diefen ift die Ehre, ob ihm 
gleich. das. allergeößte Gut fehr geringe ſcheint/ fo 
daß man ihn für einen Veraͤchter halten wuͤrde, wenn 
er nicht die Macht hätte, einen Theil ſeiner Empfin⸗ 
dungen in feine Geele einzuſchließen und ſie zu der⸗ 
— ſich zu aͤußern. | 

Zu der Bildung eines vollfommenen Großmürht 
gen müffen fic) Kunft und Natur vereinigen ‚und 
ihn mic ihren Wohlthaten erfüllen. “Denn man für 


der bey einem Tugendhaften fehr felten einen erhabes h 


nen Muth, wenn er nicht von einer‘ guten Geburt, 


oder reich, oder mächtig ift, oder‘ eine gute Ehren. Ä 


ftelle bekleidet, da er ſich Hochachtung und Ehrs 
furche erwerben Fann. Und obgleicdy alle dieſe Vor— 
theile nur Folgen der Tugend find, die allein wahre 
Ehre verdienen : fo ift es doch faſt nothwendig daß 


fie ſich mit derſelben vereinigen, eine fo feltene und 


erhabene Eigenſchaft vollkommen zu machen. 

Der anſehnlichſte Theil der Großen iſt einer fal— 
fehen Einbildung nad) großmuͤthig. Sie wollen die 
Großmuͤthigen vorftellen, fie find Machäffer derfel« 
ben, und da fie ihre edle Handlungen nicht nachah» 
men können, fo begnügen fie fich an denen Stücken, 
da fie ihnen gleich werden Fönnen, als in ihrem Ges 
folge, in ihrer Einrichtung, in der Größe ihrer Aug: 
gaben, und in der Pracht. er Gebäude, Allein, 

33 Band, wie 


ns 


2 ECharatter er nr 


wie es fchwer ift, ſeine Gluͤckſeligkeit mit einer. ge⸗ 
wiſſen Anmuth zu beſitzen, wenn uns die Tugend 
fehlet, und wie ohne dieſelbe die Gluͤckſeligkeit eine 
Buͤrde iſt, die uns mehr druͤcket als zieret, ſo ſtrau⸗ 
cheln fie faſt bey jedem Schritte. Sie machen fal⸗ 
ſche Tritte, ſie werden ungerecht, veraͤchtlich, hochmů · 
thig und unertraͤglich. 

Der Großmuͤthige zeiget ſich * alte Tage, und 
er feßet fein Leben keinen Eleinen Gefahren aus. Er 
ſuchet die Gefährlichkeiten nicht mit derjenigen Sorg⸗ 
falt, die wir bey jungen ehrbegierigen Perſonen wahr⸗ 
“nehmen, weil ihm alles gering ſchaͤtzig iſt, und ihm 
Das , was wir forbrinftig verlangen , faum win- 
fchenswerth ſcheint. Er ſchonet fich zu großen: und 
wichtigen Borfällen, und wenn er in diefelben verwi⸗ 
ckelt ift, fo ſparet er auch fein Blut nicht, er glaus 
bet , daß hiebey das Leben einer ſo mühfamen. Era 
haltung nicht würdig ‚fey:, und hält ſeine Ehre: für 
viel liebenswürdiger , als diefes. ı 

Er iſt von Natur wohlthaͤtig, aber ſo ſehr er ſich ande⸗ 
ve verbindlich zu machen ſuchet, fo ſehr weigert er ſich, an⸗ 
dern verbindlich zu werden, Den jenes ift eingeichen der 
Herrfchaft, und diefes ein Merkmaal der Abhängigkeit, 

Wenn er aber ja von einen: eine Hoͤflichkeit erhals 
ten hat, fo wird er nicht unterlaſſen, fie. ihm mie 
Wucher zu vergelten, und er wird ſich nicht eher be⸗ 
friedigen, bis er ſich ſeinen Glaͤubiger zum Schuld⸗ 
ner gemacht hat. Das Andenken dererjenigen Per⸗ 
ſonen, denen er gewillfahret hat, iſt ihm viel ſchaͤtz ⸗ 
barer, als dererjenigen, die das Gluͤck gehabt. haben, 
ihm einige Gefälligkeit zu erzeigen. Und bierinnen 
BO fich fein Gedaͤchtniß nach ſeiner na * 


v a REN 
R der Großmuth. Si 
in allen N sah das Oberſte wählen) Aug dieſen 
Gruͤnden wird einer, der ihn um ‚feine Gunſt erſu⸗ 
chen will, ſehr vernuͤnftig Dandelm; wenn er nichts 
von den Willfährigfeiten erwahnet die er ihm ers 
wielen bat ‚ fondern: vielmehr die Gunftbereigungen 
anführee F Die er von ihm erhalten hat..: Dieß tft es, 
deſſen ſich die Theris bey Dem Homer bedienere‘, da 
ſie den Jupiter um feinen Schuß fuͤr den Achill bath, 
und dieſes beobachteten auch die Lacedaͤmonier, da fie 
die Achenienfer erfucheten,, ihnen gegen die Thebaner 
beyzuſtehen. 

Er bemuͤhet ſich, alle Welt entrathen zu koͤnnen, 
und wenn er ja einen wider ſeinen Willen bitten muß, 
ſo ſuchet er auch im Gegentheil in alle dem zu will⸗ 
fahren, warum ihn andere erſuchen. 

Bey Großen weiß er ſeine Groͤße zu erhalten, weil; 
dieſes eine Handlung iſt, die, auf. der Herzhaftigkeit 
berubet, und er erniedriget ſich nach dem Maaße de⸗ 
rer, die unter ihm ſind. Er begnuͤget ſich an dem 

Vortheile, den er vor ihnen h hat, und er glaubet, daß, 
wenn er anders lebete, er ihnen verhaßt und-fo ver 
druͤßlich werden Notice, wie Diejenigen, bie ihre Kraͤf⸗ 
te und Staͤrke gegen Fränfliche und von Natur ſchwaͤch ⸗ 

liche Perſonen ruͤhmen. 
Er geht nicht gern an ſolche Oerter, wo er an. 
dern den Vorſitz einraͤumen muß, wenn ion nicht eis 
ne unvermeidlihe Schuldigfeie oder eine dringen 
de Noch darzu zwingt. 
Man koͤnnte !hn unter die frägen und müßigen 
Leine zaͤhlen, die ſich fuͤr aller Muͤhe ſcheuen, und 
ihre G affte immer von einem Tage zum andern auf? 
fihieben, fo langfam , I DEM und fo ſchwer ift 
er 





v 


16 NE 
er in Bewegung zu bringen; wenigſtens wenn er mes 
der durch die Hoffnung Ehre zu erlangen, noch durch 
die Wichtigkeit der Handlung, die er —— ſich 
zur Arbeit ermuntern wird. a. 

Er unternimmt wenig, aber lauter — und praͤch⸗ 
tige Gefchärffe.. Er liebet und haſſet alles öffentlich, 
er verftellet fich niemals , denn er fürchter ſich vor 
nichts. Er ziehe die Wahrheit affezeit. der Einbil⸗ 
dung und dem Scheine vor. Er ſaget und thut als 
les ganz dreufte vor den Augen der ganzen Welt, 
ohne fi) darum zu befümmern , mas man daruͤber 
urtheilen wird. 

Er iſt in allen ſeinen Aufagen und Worten geroiß, 
es ſey denn , daß er von ſich felbft redet, da er ſich 
aus Höflichkeit erniedriger, und die Lobeserhebungen 
des Pobels befcheiden ablehnet, die er nicht achtet. 

Den einem der größer ift als er, lebet er nicht 
— wenn er nicht ſein Freund iſt, denn er iſt 
von keiner knechtiſchen Gemuͤthsart und keiner nie⸗ 
dertraͤchtigen Höflichkeit fähig. | 

Er ift fein großer Bewunderer denn er findet 
nichts, das verdienet bewundert zu werden, nichts 
das ihn in Schrecken, nichts das ihn in Entfeßen 
bringen fönnte, nichts, das ihm fremd und außer» 
‚ordentlich fchiene. | 

Er vergißt das Unrecht fehr leicht, er hat eine ie 
le und erhabene Seele, er erniedriger fich nicht leicht 
fo weit, daß eran das Böfe gedenken follte, weld)es 
ihm feine Feinde zugedacht haben, und er hält es 
N ner Herzhaftigkeit viel anftändiger, 24 zu betr | 


cd) uelle ' 
Er 


der Öse — 


Er redet nichee von andern Leuten, es ſey was eg 
wolle, und man ſieht ſelten, daß er eine Geſellſchaft 
weder mit ſeinen noch von anderer Leute Handlungen 
unterhaͤlt. Es iſt ihm eben ſo verdruͤßlich von an⸗ 
dern Uebels zu reden, als ſich ſelbſt loben zu hoͤren. 
Wenn er auf ſeiner Seite Lobeserhebungen austhei⸗ 
let; fo geſchieht es ganz ſparſam, und wenn er von 
feinen Feinden Uebels redet, fo gefehieht es in ihrer 
Gegenwart, um zu beſchimpfen und verwirrt zu 
machen. 

Er iſt sehe! von der Art, daß er fi RB: Klei⸗ 
nigfeiten beklagen foglte, die ihm fehlen, fie mögen 
fo nöthig ſeyn als fie wollen ; noch vielmeniger, daß 
er um diefelben bitten folfte, Denn er fpührer nur 
ein ganz ſchwaches Verlangen darnach, und die Mü- 
be zu bitten entzieht ihm das Vergnügen 2 das er 
über ihren Befiß empfinden würde. 

Das Anftandige mag auch fo fruchtlos feyn, als es 
will: fo zieht er es doch allezeit dem Nuͤtzlichen vor. 
Denn er ift mit ſich felbft vergnügt, und wenn er ſich 
befist, fo befigt er alles. Sein Gang ift langfam, 
feine Stimme ernfthaft, und feine immer gleiche und 
gefegte Rede ift nie zu hoch noch zu laut. Denn dies 
fe Ubereilung und Anftvengung ſchicket ſich nicht für 
einen Mann der unbeweglich iſt, und der fi) an 
nichts haͤngt. 

Sehen Sie Gnädiger Herr , das ift die Abbil. 
dung des Edeln und Großmürhigen,, nad) dem Ente _ 
twurfe eines vortrefflichen Malers, dem ſich die Natur 
ganz entblößt gezeiget hatte, die fich fonft ordentlich 
mit einem dicken Gewoͤlke umhuͤllet, und die ein 
Vergnügen daran finder, lange verborgen zu bleiben. 

| Kfz Wenn 


* 


+ ⸗ 


ss Charakter. der. Grogmuth. 


Wenn Sie dieſe ſchoͤne Abſchilderung eines Blickes 
wuͤrdigen wollen , ‚fo. werben ‚fie in derfelben die merk» 


- Jichften Züge ihrer ‚großen, Seele mit, einem, empfind- 
| lichen, Bergnügen gewahr werden, nur daß dieſelben 


in Ihnen viel ordentlicher und edler, und folglich un: 
gleich angenehmer, ruͤhrender und. vermoͤgender ſind, 
ſich die Neigungen ‚anderer zuzuziehen, und gewiß, 
ſie haben ſo gute Wirkung ‚gethan, ‚daß, wenn Sie 
in einem Koͤnigreiche gebohren wären, welches dem 
Lacedaͤmoniſchen ähnlich ift , mo man Diejenigen zu 
einen Gelöftrafe verurtheilete „die fich, allzu ‚liebens- 
wuͤrdig maceten, und weiche die Herzen-ihrer Mike 
buͤrger an fich zogen, an flatt, daß. Sie, diefelben ges 
meinf: haſtlich laſſen ſollten: fo würden, Sie fehr. übel 
daran feyn, und in Gefahr gerarhen; fir ich zu ſtuͤrzen. 
Denn ich halte ſie hierinnen fuͤr ſo unverbeſſerlich, 
daß ich Urſache haͤtte, zu befuͤrchten, ſie wuͤrden taͤg⸗ 
lich in eben dieſen Fehler zuruͤckfallen. Aber, Gnaͤdi⸗ 
ger Herr ‚es iſt ein Glück für Sie „daß ſich unter den 
Föniglichen Verordnungen keine. befindet , die es un⸗ 
terfagte, der. befte, frengebigfte, dienſtfertigſte, huͤlfreich⸗ 
fte und hoͤflich te Mann feiner Zeit zu fern... Und. fo 
Fonnen Sie auch, ohne ſich Zwang anzuthun, fortfah⸗ 
ren, ſich die Siebe aller Kedlächgefinnten zuzuziehen, 
und mit ihrer. Gemogenheit und Gnade zu en 


Gyader gere — 


ihren Para Diener 


u. 
III, Un 


a ee 


— he 1 We 
i (oe * Unterſuchung 
> des Leben? 


und 


dir Schriften des Homerus, 


aus dem Engliſchen uͤberſetzt, 
| durch 
M Chriſtian Wilhelm Agricola, 
Maſtoten zu Fienſtaͤdt, in der Grafſchaft 
Manns feld. | 


Sechſter RES 


ua Senn ich die Art betrachte ‚ mie welcher ich 
| ) bishero von dem Einfluſſe gehandelt, den 
die oͤffentlichen Sitten in die Schriften ha⸗ 
bes; fo Aweifle ich nicht, die Frage werde nunmehro 
da hinaus laufen: Wenn die befonderen Umſtaͤnde 
und Sitten der Zeiten unumgänglich nothwendig zur 
Hervorbringung der Dichter erfodert werden, „wie 
„koͤmmt es denn, daß wir nur einen Homer haben ? 
„Konnte denn ein Kaum von zwey bis dren hundert 
Jahren, da ſich Briechenlind und die Küfte von 
Aſien i in der gluͤcklichen Beſchaffenheit befand, die 
„zu ſolchen Bildungen bequem iſt, nur einen einzigen 


hervorbringen 2. 
Kk4 Die 


520 —— des Lebens 


Die Antwort iſt leicht. Ob dieſe gleich unum · 
gaͤnglich nothwendig iſt, ſo iſt es doch nicht die ein⸗ 
zige Dedingung... Es werden außer derſelben noch 
viele andere erfodert ; gar zu viele, als daß fie hier 
angeführet werden fönnten. Ein, alle dazu erfor⸗ 
derlichen Eigenfchaften befigender , ‘erhabner Geift iſt 
eine fo feltene Gabe, daß ein porteefflicher Schrift⸗ 
ſteller unſerer Nation der Meynung zu ſeyn ſcheint; 
„Daß, unter alle der großen Menge von Menfchen, 
„welche binnen einer Zeit von taufend Jahren leben, 
„eher taufend auf die Welt kommen, welche die noͤ— 
„thigen Eigenfchaften mitbringen, große Generals 
„oder Staatsminifter zu werden, als die m der Ger 
„Icichte die berühmtelten ſind, als ein einziger 
„Mann, mit den erforderlichen Eigenſchaften, ein 
„großer Dichter werden zu fönnen, geboren wirda). ; 
Allein ob diefes gleich „übertrieben wäre , fo giebt 
es doc viele auf, einander folgende Umftande des $es 
bens, viele Bortheile der Erziehung ,.mand)e beque- 
me Öelegenheiten, die Menfchen überhaupf keunen 
zu lernen, und gewiſſe befondere,-fich zue Dichtkunſt 
ſchickende, Gegenftände zu fehen, die felten bey einer 
und eben derfelben Perfon zuſammen treffen koͤnnen. 
Um diefes nur bey einem beſondern Umſtande J 
von welchem man auf die Wichtigkeit der uͤbrigen ei⸗ 
nen Schluß machen kann, mit einem Exempel zu er⸗ 
laͤutern; ſo ſind viele Reiſen, und weitläuftige perſoͤn⸗ 
liche Beobachtungen, das boß der groͤßten epiſchen 
Dichter geweſen. Si⸗ hatten bey dieſer Lebensart 
haͤufige Gelegenheiten, fi mit PR Urbildern ihrer. 
Abriſſe 


2) Sie Williams Temple, Mifell Part. IL, FIN + 
poesey. 


Pr 


ER ‚- r Me 

und der Schriftendes Homerus. 521 

Abriſſe und Erdichtungen bekannt zu machen, deren 
groͤßte Vortrefflichkeit, ſie moͤgen materialiſch oder 
moraliſch ſeyn, in ihrer Aehnlichkeit mit der Natur 
und Wahrheit beſteht. Allein dieſes gluͤcket wenig 
Menſchen, vornehmlich von einem poetiſchen Geiſte. 
Sie ſind gemeiniglich keine von den geſundeſten Leu⸗ 
ten, und zu zärtlich, als daß fie, Die Ungemächlich« 
feiten ausftehen,, oder der Gefahr frifch entgegen. ge= 
ben koͤnnten, welche bey langen Reiſen unvermeidlich 
find. Und doch hat, bey allen diefen Zufällen, ‚die 
Welt dem Zeitpuncte, defien ich gedacht habe, da 
die Sitten , die Neligion, und die Sprache Gries» 
chenlandes ſich in ihrer rechten: zur Dichtkunſt erfor. 
derlichen Größe befanden , diefem Zeitpuncte, -fage 
ih, bat die Welt den Linus und Orpheus, den 
Olympus, Wiufäus und Ampbion zu danfen ; 
Männer, die uns als die Meifter in Verſen von den 
größten unter ihren Nachfolgern , tiberliefert worden 
find b). Es ift wahr, ihre Gefänge find feit langer 
Zeit verloren gegangen , allein der weife und ftille 
Heſiodus, von deſſen Auffägen ein Theil zu uns ge⸗ 
kommen ift, welcher unfere Bewunderung erheifcher, 
ift feine Geburt eben diefem Zeitpuncte fchuldig. 

Es kann auch Fein ftärferer Beweis von der Ges 
walt feyn , den die Sitten, und der öffentliche Cha« 
tafter über die Dichtkunft haben, als die bewunderns⸗ 
wuͤrdige Aehnlichkeit der alten Schriften. Es koͤn⸗ 
nen fich zwey Dinge einander nicht gleicher ſeyn, als 
die alten Orakel, diefo genannten Sragmente des 
Orpheus, und die alten Lobgefänge, den Ver⸗ 
ee KEISEN 99, NIEREN 
b) Mufaeum ante omnes - - eneid. VI, Horat. Ode IL 

Lib, III. et de Arte Poetica. N 


! 


* 


552. Unterſuchung des Lebenn 


ſen des Heſiodus und Homerus find. Zu geſchwei⸗· 
Hei, daß fie überhaupt einerley Schwung haben, ſo 
ſuid auch in ihnen allen einerley Beywoͤrter von Goͤt · 
fern und Menſchen, einerley Gedanken und Anfpies 
hingen‘, 'einerlen Abmeſſung der Sylben und einerley 
Stellung der Woͤrter; ja zuweilen fo gar einerley 
Ausdruͤcke und Redensarten anzutreffen. Die Zuy- 
sertonara, oder Coincidentien, welche die Kunſt⸗ 
richter angemerket, ſind unzaͤhlich; und kurz, die 
Uebereinſtimmung ihrer Metapher und Einbildungs- 
kraft ijt fo bandgreiflih, daß viele die Wirkungen 
davon," daß fie nach einerley Mufter gebildet, und 
von eirieefen Urbildern , und .in einerley einfältigen 
Mundart gefchrieben find ‚ einem augenfcheinlichen 

ab: ‚oder Yusfchreiben zugefchrieben haben, ® 


» Allein. man hat nicht nothig, fo weit zu ‚gehen, Die 
——— Urſachen ſind hinreichend, alle dieſe Aehn⸗ 
lichkeit hervorzubringen; zumal wenn wir uns erin⸗ 
nern, daß ſie gemeiniglich machen, Daß. fi) die 
Schriftfteiter in ‚einer und ‚eben derſelben Materie 
üben, welches ebenfalls ein Stuͤck ihres Einfluſſes iffe 
Es iſt einem jeden Zeitalter eine gewiſſe Art der Wil: 
ſenſchaft, und eine gewiſſe beſondere Weiſe ſie abzu⸗ 
handeln, eigen. Sie ſind beyde die Wirkung der 
ſo oft gedachten Umſtaͤnde der. Zeit. Und ich kann, 
da ich bey dieſer Materie bin, unmöglich. eine. Folge 
vorbeygehen „die ſeit langer Zeit unter den Gelehiten 
eine Aufgabe gewefen. iſt. Sie wird fehr. ‚artig von 
einem Hoͤmer c), vorgetragen, der , wenn. feine, 
— eben * * gepefen wäre, als feine Ge: 

— lehrſam⸗ 
N c. Vellei. Be Hi, Roi Lib. 1. in fine. |. ! 


/ 


— der Schriften des A. Per 


lehrſamkeit, vielleicht in dem erſten Range ihrer Ge 
ſchichtſchreiber eine Stelle bekommen haben wuͤrde. 
2bich, ſaget er, gleich wenig Raum dazu * 
„be, fo faun ich doch nicht umhin, einer Sache zu ge⸗ 
Raten, die ich ofters in meinem Gemuͤthe erwogen, 
„davon ich aber noch keine Urſache gefunden habe, 


„die mir ein Genuͤge gethan hätte, Denn iſt es nicht 


„außerordentlich ſeltſam, daß die größten Meifter i in 
„einer jeden Kunſt oder Wiffenfchaft allemal in’ eis 


„nem Zeitpuncte zum Börfcheine 'fommen, und von ' 


„einerley Denfungsart und Form find ? Ein Zeital⸗ 
„ter brachte, und das zwar in eben keiner großen 
„Entfernung von — ‚den Aeſchylus So— 
hokles und Euripides hervor, Maͤnner von 
„einem goͤttlichen Geiſte weiche die Tragoͤdie zu ih— 
„rer Hoͤhe brachten. Ss einem ‚andern blühete die 
„alte Komödie unter dem Eupolis, Rratinus, und 


Ariſtophanes; und die, neuere murde von dem 


„Menander, und feinen Zeitverwandten, dem Di- 
„pbilus und Dbi lemon, beydes erfunden, als zur 
Vollkommenheit gebracht, ohne jemanden die Hoff: 
„nung zu. lafjen R daß er fie nachahmen werde. - 
„Was vor eine e kurze Zeit dauerten: nicht, gleicher 


„Weile , die Weltweifen ‘aus der Sofrstifeben 


„Schule, nach dem Tode des Plato und Ariſtote⸗ 
„les? Die Redekunſt betreffend, von wem fann man 
„wohl behaupten, daß er vor dem Iſokrates, oder 
„nach dem andern Geſchlechte von ſeinen Schuͤlern, 
„in derſelben vortrefflich geweſen ſey? Sie kamen al⸗ 
„te fo dichte hinter einander, daß man feinen ‚großen 


„Mann eine fonderlich beträchtliche Zeit von dem ans 


* .. ſehen wird. „» Darauf gehtder Ger 


khicher 


# 


524  Unterfüchung des Lebens Kin 


ſchichtſchreiber weiter, und zeiger, daß ſich eben sie 
fes auch unter den Nömern zugetragen ; und erſtre 
cket, mit großem Rechte, feine Unmerkung nicht nur 
über die hoͤhern Wiſſenſchaften ‚ fondern auch über 
die Grammatiker, Maler, Bildhauer, Ku⸗ 
pferſtecher Erztgieher und alle nüsliche 
Rünfte Es wäre auch) leicht darzuthun, daß 
ſich eben dieſes bey allen andern Nationen zugetragen 
habe, wo die Gelehrſamkeit jemals gebluͤhet hat , und 
deren Geſchichte bekannt iſt. 

Man hat, mein Lord, ſehr wunderbare Muth: 
maßungen über diefe uns * verwirrende Erſcheinung, 
und es ſind manche ſonderbare Betrachtungen ange 
ftellee, um felbige aufzulöfen 4). Man hat gezweiz 
felt, „ob nicht etwa irgend ein Einfluß der Geſtir⸗ 
„ne e), einige Kraft der Planeten , oder günftige 


AAſpecten der himmliſchen Körper f), zumeilen un: 


„fere Erdfugel berühren , und, einen oder den ans 
‚dern. 


d) Man fehe Difcours Phrfiane Eur les —— des A- 
fires ; wodie Kräfte der Planeten nach den Lehrfägen 
des Des-Cartes eingerichtet, und durch Die Materia fub- 
tilis erflaret worden. ı2. Paris chez Coignard.- 

e) Les Aftres,et principalement les Lignes & les Planetes 
font (apr&s Dieu) lafeconde Caufe.des Moeurs. Le Poe- 
te marque la Force qwelles ont fur ja-Complexion des 
Hommes, quand, &c, - - Voila comment Virgile fait 
P’Horofcope de ! Empire Romain , en fa naisfance. 

P. Boffr du Poeme Epique Liv. N 

f) -- - - Diftat enim, quae R 
Sydera te excipiant , modo primos. ineipientem 
Edere Vagitus, et Allan a Matre rubentem 
Ventidius quid enim? Quid Tullius? ? Anne aliud — 
ae et oceulti wiranda potentia fat 

m N — 











und dee Schriften des Homerus. 535 


„dern liebgewonnenen Stamm auf derfelben mit eis 
„nem bimmlifchen Geifte ſchwaͤngern möchte. „Man 
hat übernatürliche Empfängnifte, und wunderbareg,) 
Nahrungsmittel, als eine Ausfluchtfür-unfernGlaus 
ben. erſonnen wenn bet Held oder der Weife Dinge 
verrichtet ‚Die wir, Die Krafteder Menfchen zu uͤber— 
fteigen, uns einbilden. Allein unfer Hof: Geſchicht⸗ 
ſchreiber verſteht es beſſer: und ob er gleich an dem 
Ende eine ein wenig ſeltſame Sprache fuͤhret h, ſo 
ſcheint er ſich doch in der Hauptſache auf einen ſiche⸗ 
rern Grund zu ſtuͤtzen. Das, was er fuͤr die Urſa⸗ 
che derſelben angiebt iſt die Tacheifer ung,, welche 
gewiß fehr vieles zu der Vollkommenheit einer jeden 
Kunſt und Wiſſenſchaft beytraͤgt, und ſehr ſtark 


unter den AOIAOL, oder alten Digtern war, Die | 


da 


Zerkules, RE und Scipio ude fuͤr wirk⸗ 
liche Soͤhne des Jupiters ausgegeben, ob man fie 
gleich fuͤr Kinder des Amphitryon, Philippus und 
Pub. Scipio hielt. Demaratus kam dem Helden 
Aſtrobacus + zu, und Orpheus, Homer und plas 
to hatten, nach der alten Ueberlieferung,, bloß Muͤt⸗ 
ter von dem menfchlichen Geſchlechte. Pindar wiirde 
von den Bienen felbft mit Honig aefpeifet. Achilles 
ward mit Lömwenfette und Hirſchmarke ernaͤhret; und 
‚ die Stifter Roms wurden von einer Wolfinn geſaͤu⸗ 
get; wiewohl der Gtifter der perfifchen Monarchie 
nur eine Hundinn hatte, die ihm Diefen Dienſt Tei- 
ſtete tr. 
* Livius Hiftor. Lib. XXVI ch Herodot. Erato. 
++ Juflin. Lib. I. | 


b) Naturaque quod fummo Audio petitum eft, afcendit 


in fummum , difhcilisque in perfecto mora ei natura- 
literque, quod procedere non poteft, recedit, 
Vellei. P. Hiftor. R. Lib. II. 


* 


— 


556." Unterſuchumg des Lebens 
da fie hauf enweiſe im Vorſcheine kamen, nlaß u * 





We ſtreiten gaben er Allein dieſe Heennund giebe 1 


bey weiten Fein völliges Genuͤge, welches Delle | 
auch in der That niche behauptet, ag 

Ach will nicht wiederholen, was fehon vor mir 
— iſt: denn ic) zweifle nicht, dag man mir nicht 


| 


y # 


N 


zuborgefommen ſeyn, und daß Bw. Aodigebobt: 
nen nicht ſchon allbereits die Anwendung gemacht 
haben ſollten. Es ſind bloß die verſchiedenen pr 
rioden oder ESchricte, die natürlicher Weifein dem 


Fortgange der Sitten auf einander folgen, wel. 
ehe man für die Urſache des, auf einander ſolgenden 


Witzes und dus Geleh ſomt i angeben kann. 


Ich habe Die von Griechenland in der Geſchich— 


ce der Sprache angemerket ). Sie kommen mie 


der bemundernsmürdigen a — hintereinan⸗ 


der folgenden Staͤmme von Dichtern, Rednern 


und Weltweiſen uͤberein, die der roͤmiſche Ge⸗ 


ſchichtſchreiber erzaͤhlet. Denn ſie ſind feſtgeſetz⸗ 
te und einfoͤrmige Utfachen ,‚ und unterlaſſen 

niemals ihre oirkungen zů thun, wenn eine 
| OHR“ Gewatt —5 Ich bindert, 


in Ju den —— des — welchen, wo hicht voͤl⸗ 
‚Lig. zu einer Zeit mit ihm, doch gewiß nicht fange 
r ‚nach, dem "Homer: lebte, war ein ‚Dichter, ‚oder 
"A01808 ein eben fo gemeined Handwerk, als ein. Tb: 


pfer oder Zifcher, und Der Nacheiferung und dem 


Ache eben ſo ſehr unterworfen. 


Kor Keganaus Kegauer xorse; war Hart Taerar. 
Kan ——— —— 'oYeovsiı, xir Aolo AolaQ. 


Hol! Eey· xa⸗ Hug. | 


k) Sich oben den g; Ofen 


und der Schriften des Homerus. 327 


In den früheften Zeiten des griechifchen Staa⸗ 
tes fchlete den wilden und barbarifchen Einwohnern 
der Beyftand der Mufen, um fie zahm und zärtlich 
zu machen. - Sie hatten es nötbig, daß ihnen eine 
Ehrfurcht gegen böbere und unwiderſtehliche Kräfte 
und. eine Luſt zu dem geſelligen Leben eingepräger 
würde. Sie brauchten eine Götreriehte, um ſie 
Durch Furcht und Schrecken, (als: welches der einzige 
Ort iſt, dabey man einer rohe Menge faſſen kann,) 
zu einem Gefuͤhle ‚der natürlichen Urſachen, und 
ihres Einfluſſes zu bringen, den ſie in unſer Leben 
und ir unſre Handlungen haben. Die Weiſen and 
Rechtſchaffenen unter den Alten ſahen dieſe Noth— 
wendigkeit, und halfen derſelben ab. Die Aelteſten 
von dem begeiſterten Volke waren diee 


Pii Vates, et Phocbo digna loquuti 1) 


Sie macheten die Religion zu dem Inhalte, und das 
Beſte des menfchlichen Gefchlechts zu dem Endzwes 
cke ihrer Geſaͤnge. Wie unähnlidy waren fie in dies 
ſem Stüde einigen neuern Schriftftellern von unferm 
Gewuͤchſe! Welche, ich weiß nicht zu was Ende, vl. 
der die Religion ihres Landes gefihrieben haben; 
und, ohne etwas Beſſeres, oder leichter ehufichers, 
an die Stelle defelben fchaffen zu wollen‘, uns unſe⸗ 
rer glüdlichen Einrichtung zu berauben ſuchen, bloß, 
a LS N wie 
1) Virgil; Aeneid. VI. Aus dieſem Grunde nennet 
Ariſtoteles fie, ‚und die erften Weltweiſen zeurug > 


Seoroynrarras, Die Erſten, fo von der Natur Bottes —9— 


redeten. Ss f 
Apısorer. Mera Ta Qvrixas Siehe weiter un⸗ 
ten den 7. Abſchn. U 


—3 


2 Unterfüchung des Lebeng 


wie es fcheine, um das. Vergnügen zu haben, nie, 


a |. und Unfug anzurichten. 


Allein die erften Männer in Griechenland, die 
| einige Wiſſenſchaft befaßen, welche die Natur der 
Maenſchen beffer Eannten, und die Bortheile der Na⸗ 
tionalgebräuche einfahen, fehrieben auf eine verfchiedene 
Weiſe. Die Bildung der Dinge, die Geburt der 
Götter, ihre Eigenfchaften und Berrichtungen, fül- 
leten ihre Gefänge zuerflian. Mach diefem wurden die 
Helden gepriefen, welche Tyrannen ausgerottet, Uns 
geheure vertilget, und Räuber bezwungen hatten, 
Sie befangen die Sündfluch des Deucalion, und. 
die Wiederherftellung des menfchlichen Geſchiechtes | 
die Kriege der Centauren und das Schickſal der 
Giganten. 

Et faeuos Lapithas, et nimium Meno 
Hylacum, domitolque Herculea manu 
Telluris Tuuenes; vnde Periculum 
Fulgens contremuit Domus 
Saturni veteris m). 


Diefes mein Lord, waren ihre Materien. Cs 
waren zum Theil Beoruy OeAurngia, wie fie Pe⸗ 
nelope n) nennet: zum Theil 


 Egry’ avögavre Oewy TE, TATE — Rn EN 
— der Menſchen und Goͤtter, ſo Dich⸗ 
ter pflegen zu preiſen. 


Sie ſind eben ſo alt, als weit unſere Kenntniß von 
den griechiſchen Alterehümern reichen fann; und 

die 
m) Horat. Carm. Lib. II. Od. 12, \ 
n) Den Menfchen —9 Gefänge: ber 
e) Eben — 


\ 





undder Schriften des Homerus. 529 _ 
die Acıdas, oder alten Dichter, welche fie mache. 
ten und befangen, gehören unter die früheften Cha⸗ 
rafter. 

Diefes erhellet aus der Nachricht, welche Homer 
felbft von ihnen ertheilet: vornehmlich, wenn er er» 
zählet, wie der größte Fuͤrſt unter den vereinioten 
Briechen feine ſchoͤne Gemahlinn der Aufficht eines 
Dichters anvertrauet habe; und wenn er ung forg: 
fältig anzeiget, daß diefem Frauenzimmer nicht 
eher beyzufonmen gemefen fen, als bis Diefe getreu— 
en Aufſeher auf die Seite geſchaffet worden. Man: 
che von denfelben lebten mit dem Homer zu einer 
Zeit; und es feheint Fein Hof eines Prinzen ohne 
einen, oder mehrere Derfelben gemefen zu fern. Sie 
fanden ſich bey allen großen Seiten, und hoben Feyer⸗ 
lichkeiten in ganz Griechenland ein, un: den Opfern 
beyzuwohnen, und das Volk zu unterhalten. Wir 
wiſſen einiger von ihnen ihre Namen, die ihre Leyern 
von den vorhingemeldeten Materien haben ertoͤnen 
laſſen; allein ihre Geſaͤnge ſind verloren gegangen, 
und mit denfelben mancher ſchoͤne Vers der wah— 
ren Dichtkunſt und Nachahmung. 


Siebenter Abſchnitt. 


ir haben bisher die Sffentlichen Vortheile 

Homers erwogen und gefunden, daß ſie ihm, 
ſich auf das beſte fuͤr poetiſche Aufſaͤtze ſchickende 
Gebraͤuche, und die edelſte Sprache darreichten, 
ſelbige aus zudruͤcken. Wir haben dieſe zuerſt nach 
ihren eigenen Schoͤnheiten betrachtet, und ſie her— 
nach beydes nach den Zierrathen ihrer Gegentheile, 
3 Dan, gl als 


— 


530 Unterſuchung des Lebens 
als nach der Stärfe ihrer Folgen gepruͤfet, und ſie 


für aͤcht und wahrhaftig befunden. Nunmehr. ha⸗ 


ben wir fein perfönliches gutes Glück vor uns. 
Ich will fo viel fagen: „Was feine privat Erzier 


„bung, feine Art zu leben, und der Fortgang i in ders 
„felben, vor eine Wirfung auf ihn, in fo fern er 


„ein Dichter gemefen, gehabt haben muß „. 
Die Ueberlieferung, die wir von feiner Erzies 
hung haben, tt fehr unvollfommen. Plurarch 
übergeht, nachdem er die Begebenheiten feiner Mue: 
fer um die Zeit feiner Geburt berichtet, den erſten 
Theil feines Lebens mit Stillſchweigen. Wenn aber 
die Nachricht davon, welche dem Herodotus zuges 
fchrieben wird, wahr ift, fo wurde er auf die einzi— 


ge Weife erzogen, die man damals in Abficht auf 


die Gelehrfamfeit hatte. Die Wiſſenſchaften waren 


— 


in den damaligen Zeiten nur wenig bekannt, und es 


ſcheint etwas ſeltſames zu ſeyn, daß ſich an ſo einem 


Orte, als Smyrna, wo, zu Folge der grauſamen 
Gewohnheit dieſer Zeitalter, die Lydier Furz vor- 
her von einem andern Stamme vertrieben waren, 
irgend eine-Perfon hätte befinden follen, , welche die— 
felbe veritanden, oder gelehrer hätte, 

Jedoch die fehlechten Umstände der Familie deg 


Homerus fuͤhreten ihn und feine Mutter zudem 


Haufe des Phemius, und ließen ihn zu feinem 
Nachtolger in der Schule. Ich halte dafür, daß 
Phemius einer von den AOTAOI oder alten. Dich— 
tern, geweſen fen, welcher, wenn er zu Haufe war, 
die Jugend in den Wiffenfchaften unterrichten mod) 
te: denn ic) feße zum voraus, Daß die Gelehrſam— 
feit Damals noch nicht gemein genug deweſen * 

“pe 


| 


und der Schriften Des Homerus. 531 


ſie für fich felbft ein Handwerk hätte ausmachen fol- 
len. Wenn irgend einige Erkenntniß in dem Lande 
anzutreffen war, ſo mußte ſie ſich in den Haͤnden 
eines ſolchen Mannes befinden a). Und es ii alfo 
in der That ein erheblicher Theil der Frage: Was 
vor eine Gelehrſamkeit damals vorbanden, 
und was vor eine Art von Erkenntniß, in 
dieſem Zeitalter, zu erlangen möglich gewes 
fen * 
Einer von den gelehrteſten und arbeitſamſten vos 
miſchen Schriftſtelletn hat es, nachdem er die Al— 
terthuͤmer mit vielem Fleiße unterſuchet, zweifelhaft 
gelaſſen, wenn oder wo die Dichttunſt zuerſt her⸗ 
vorgebracht worden. Allein er ſetzet hinzu: „Es iſt 
„gewiß, Daß es ſchon vor dem trojaniſchen Kriege 
„Gedichte gegeben hat b) ,. Da diefes die Geftalt 
war, in welcher die Gelehrfamkeit zuerft in Grie⸗ 
chenland erfhien, fo würde es überaus angenehm 
gewefen fenn, die Mennung dieſes großen Gelehrten 
‚über diefe fruͤhzeitigen Früchte zu wiſſen; nicht nur 
was fie vor welche geweſen, fondern auch ob die 
. Gedichte, die in feinen Tagen noch vorhanden wa— 
ven, die Achten Werke der Berfafler geweſen, deren 


a) Tov de DHMION;, nraruız iFopıa didauoxarev yaredzı Aryas 
TE ROMTS. avdez vodav, xıı usoaus xaroggoy = = = DiRocoQas 


yap o Önmuos, xa Ræ a1 was AQIAO2Z. Evsad. 5 TyV& 
Palo. Odvee. 
Man fagt er habe ein Gedichte gefchrieben, NOC- 
TON za aaro Teoıas ner Ayanzuvodaos avaxomicherrwr. 
Hoaxa vaga Hisrary zee4 Meouuns. 
b) De Poematum origine magna quaeftio eft: aute Tro- 
zanum beilur: probäntur file, Plinii Hiſtor. RIM 
Lib. VIL Cap. L VI. 


* 


z32 Unterſuchung des Lebens 


Namen ſie trugen? Denn es war die Gewohnheit der 
alten Dichter, und vornehmlich der Epiſchen und 


Rhaͤpſodiſten, daß fie ihren Namen verſchwiegen, 
welche auch die Natur ihrer Werke in der That eben 


nicht anreizte zu erwaͤhnen. Wir haben einen uͤber— 


zeigenden Beweis hiervon an den Kurgx Ern, eis 
nem Gedichte von den cyprifchen Kriegen, welches 
von dem Volke in den nachgehenven Zeiten für ein 
Werk von einem nicht geringern Manne gehalten 
jwurde, als Homer felbft war. Es erhellet, daß 
man diefe Meynung noch in den Tagen Herodots 
benbehalten Habe, als welcher diefelbe durch Verglei« 
chung einer Stelle aus diefem Gedichte mit einer ans 
‚dern aus der Ilias widerleget c). In Ermanges 
"lung eines ſolchen Wegmweifers, der uns die Arten 
der Gelehrfamfeit anzeigen Fönnte, die in den Zeiten 
Homers im Schwange waren, müffen wir. e8 ver 


fuchen, den Urfprung der Nationalgebräuche feiner 
$andesleute ausfündig zu machen ; weil, wenn 


man urtheilen will, was vor einer Art von Erfennt« 
niß fie, oder ein ander Volk, zugethan gemefen, 
man den erften Schritt, von der Unterfuchung 
ihrer Duelle, thun muß. TR 

Zu der Zeit, da die bürgerliche Verfaſſung ‚von 
Griechenland nur noch erft eingerichtet wurde, 
waren Affptien, Dbönicten und Aegppren ſchon 
mächtige Reiche, die unter einer ordentlich eingerich⸗ 


teten Regierung blübeten, und das Gluͤck genoflen, | 


das ihnen ihr fruchtbarer Boden, und.ihre Are denſel⸗ 
ben zu verbeffern, verfchaffete, Nachdem nad) einer 
Reihe von Jahren, der lange Friede, deſſen fie ges 

Ä : noſ⸗ 
e) Herodot. Euterpe, Lib. Il. —9 








und der Schriften des Homerus. 533 


2 nofien, und die Künfte, welche folche Zeiten hervor. · 


bringen, einen großen Theil von ihrer Verwaltung 
in die Haͤnde des heiligen Standes gebracht hats 
ten, nahm derfelbe alle mögliche Maaßregeln, fein 
Anfehen zu erhalten, und war auf nichts mehr be. 
dacht, als wie er den Ruf von feiner Weisheit und 
Erfenneniß erhöhen wollte. Diefes machte die Leu⸗ 
fe von diefem Stande erftlich neidifch auf ihre Ent: 


deckungen, und hernach forgfältig, eine Art auszus 


finden, „wie fie diefelben auf ihre Nachkommen brin⸗ 
gen koͤnnten, ohne ſie dem gemeinen Manne mitzu⸗ 


„theilen „. "Hier mar der Urſprung der Allegorie 
und der Parabel; und der Grund zu der befannten 
Sage unter den Alten, AAAmyogewv evenuo Tav Ar- 
yurrıw. Das Allegoeifieen ift eine aͤgypti⸗ 
ſche Erfindung. 


Der Verſtand, den ich dieſer Marime:geben I 
de, iſt diefer. Da es allen Nationen natürlich ift, 
Anfpielungen zu gebrauchen, und in Gleichniffen zu 


‚reden , fo haben die aͤgyptiſchen Priefter darauf ges 


bauet, die figürlichen und verblümten Redensarten 
feft gefegt, und felbige zu einer vollkommenern Kunſt 
gemacht. Sie ließen es auch nicht hierbey bewenden, 
fondern erfanden als eine zweyte Huͤlle, und als ein 
Mittel wider die zunehmende Erfenntniß des Lan⸗ 
des, oder borgeten neue Charaktere, diefe Allegorien 
zu fhreiben. Sie nannten es IEPA TPAMMATA 
heilige Schriften, meil fie Feiner, als die Prie« 
fter verftehen, und man ſich ihrer nirgends als bey 
göttlichen Sachen bedienen durfte. 


413 En. 


534 4 Unterſuchung des Lebens 
Ew. Hochgebohrnen werden ſich — daß 


Ps. 


; 


4 
g 


Danaus der Aegyptier d), Kadmus der Phoͤ⸗ 


nizier, von aͤgyptiſchem Stamme, und der Phry« 
gier Pelops, die erften Bepflanzer oder Verbeſſe⸗ 
rer Griechenlandes waren, Allein außer dem 


tiefen Eindrucke der aſiatiſchen und aͤgyptiſchen 


Sitten, welche dieſe Stifter der Staͤdte und Koͤnig⸗ 
reiche ihren neuen Unterthanen geben mußten e), ſo 
wird es von jedermann zugeſtanden, daß die erſten 
Weiſen unter den Griechen aus dieſen Laͤndern 
ähre Wiffenfchaft, und ihre Gottesgelahrheit ins. 
befondere aus Aegypten geholet: haben f). 

Es ift wahr, die Weisheit war damals noch nicht 
getrennet, der Weltweiſe und Gottesgelehrte, der 
Gefeggeber und Dichter, waren. alle in einer Perfon 
vereiniget g). Ein folcher war Orpheus und fein 


‚Schüler Wufäus; wie auch Onomakritus und 


Tholes h). And überhaupt fo bedieneten fich alle 
Bart die 
d) As AANAOY Suyadzene nyoav, a may verarmm waurm (Tu 


. HermoPopıay Auunsgos) ed Auyuars efayayscan, xaı Ödazam 


0 Tas Ierasyıwrıdas yuvmuazs, 
Heoder. Evrsern. 


£) Ad us ( MuSorouen) smı Mayo yeyovarıy ( namlich 
‘ in Aſſyrien vder Babylon) aaru de wuga I um 


20% zuap Asyvrrioss. etc. 
HIRtS doprsr. zıgı Tray augadsdoune» Mudav * m 


f) zyedov de zn ware 7a wouare var Om e& Asyumra 


>EMHAUdE 15 Tray EAiadi. 
Heoder. Evreomu, 


2) Man febe weiter u unten, gegen dag Ende dieſes u. 


ſchnittes. 


h) OxAns, MeAorsıns ame, x vonoSerixor. Sirath Lib. X’ 


Lycurg, fagt man, fand den Thales auf feinen Rei: 
fen in Creta, umd ſchickte ihn nach Lacedaͤmon. 


4— 
J 


nd der Schriſten des Homerus. 55 


die aften Gefeggeber der Mufen, ihre göttlichen Un— 
terweiſungen auszubreiten, und ihre Sittenlehre bes 
liebe zu machen i). 

Die großen Männer, die nach ihnen fanden 
und in diefer alten Schule des Gottesdienſtes 
der Staatsklugheit erzogen waren, legeten ſich, da 

fie die Regierungen Briechenlandes allbereits feſt 
gefeger fanden, auf die Weltweisheit; wie Demos 
Eritus, Pythagoras und der Mitefier Thales. 
Dieſe Durchwwanderten , außer ihren Reiſen nad) 
Aegypten, den größten Theil des Orients k), 
Demokritus und Thales, welche in Zeiten fielen, , 
wo man noch nicht fo heimlich mar, machten ihre 
Meynungen deutlich befanne: Orphens, Muſaͤus 
und Onomakritus aber, ja ſelbſt Dytbagorss, 
nahmen fehr vieles von der heimlichen an fich halten« 
den Art ihrer Sehrmeifter an. Sie lehreten durch 
die Allegovie, und affectirten etwas geheimnißvols 
les in ihren gemeinften Handlungen, 

Pythagoras, ob er gleich am fpäteften lebte, 

fcheine vornehmlich die Errichtung einer Secte, oder 

vielmehr einer Aehnlichkeit von einer Nepublif, im 

Sinne gehabt zu haben: melches machte, daß er 

ganz befondre Wege nahm, feine Schüler zu bil 

den, und die Bewunderung der Leute zu erwecken. 

Und es machte in der That, bey alle diefem, das - 

sta Still: 

3) Ilgoresov wer ev Fomuacı egehege 05 DıAocoDoı Ta doyun- 

Tu, na vu: Aoyss, ware OP®EYZ x Heiodhs. 
Ilsraex. vıgı Hv$. zu EI. 

k) Pythagoras. et Democritus - - ambo, peragratis Per- 

fidis ; rc Arabiae, Aeoyptique Masgis, 
Plin, Lib. XXV. capı U. 


- 


536 Unterfuchung des Lebens. 


| * * 
Stillſchweigen und der Aberglauben einen nothwen⸗ 
digen Theil ihrer Anweiſungen aus. Allein zum 


Glück für Griechenland hatten fie, ob fie gleich 


ihre Lehren in die Fabel einfleiden konnten, doch fei- 


ne unbekannten Zeichen, damit zu fchreiben; fo daß 
ihre Lehren und Mennungen zum Borfcheine kamen, 


da ihre Verſe oͤffentlich an das Licht traten, und id» 
ve Weife bekannt wurde. 


Linus fell, mit alten pelafgifehen Buchſta- 


ben ven Feidzug des erfteren Bacchus befchrieben, 


und Nachrichten von andern Begebenheiten ver fa- 
beihaften Jahrhunderte hinterlaffen haben I), Er 
fchrieb von der Entſtehung der Welt, und dem 


Urfprunge der Dinge, von der gemeinen Grund» 


legung der Aegyptier, und darauf von der grie⸗ 


chifchen Gottesgelahrtheit · Wie er für den Vater 
ihrer Dichtkunſt gehalten wird, fo ſteht er auch in 
den aͤgyptiſchen alten Nachrichten, die von ihren 
Drieftern aufbehalten worden, an der Spitze der 
Würdigften, welche in diefes Sand Erkenntniß zu 
fuchen gefommen find m). Laertius hat die erfte 
Zeile aus feinem — von der Schöpfung n) auf 


behalten. 


Hv zore Xgavos ETOG , EV OupAh TAT eRrıDunc 


Es enthält eine Worftellung von dem alten 


Chaos, oder urfprünglichen Zuftande der Natur, 


Schrift⸗ 


I) Diodorus Sical, Biblioth. Lib, III. * 
m) Ibid. ? 
n) In Prooemio. 


* 


da die Elemente unter einander vermenget las ' 
gen, und Berwirrnng und Sinfternig eine 
unbefchränkte Herrfchaft ausübeten. Eben diefer 








— 


und der Schriften des Homerus. 537 


* 

Schriftſteller fuͤget hinzu, man habe von dem Ana⸗ 
xagoras geglaubet, daß er von demſelben Gelegen⸗ 
heit genommen, ſeinen beruͤhmten Satz auf die Bahn 
zu bringen: „Daß urſpruͤnglich alle Dinge, in einer 
„mit fich felbft uneinigen und unordentlichen Maſſe, 


„unter einander vermenget gelegen, bis endlich ein 
„verſtaͤndiges Weſen gekommen und fie in Ord⸗ 
„nung gebracht habe —X 

Zu einer Zeit mit dem Linus lebte Anthes von 
Anthedon p), -einer Stadt in Boͤotien. Er 
fhrieb Sobaefänge q) zum Preife der Götter; das ift 
der Kräfte und Hervorbriigungen der Natur, deren 
ftärfere Afpecten und rührende Empfindungen der 
Urfprung der Entzuͤckung und der Verſe gewefen zu 


ſeyn fcheinen. Feſte und Opfer berörderten die Ent- 


zücfung fehr, und ſchickten fich vollkommen wohl zu 
der damaligen Beſchaffenheit der Menſchen. Ho⸗ 
raz ſaget, die roͤmiſche Satyre habe an einem 
Erdtenfeſte der alten Italiaͤner ihren Anfang be— 
kommen, als ſie der Erde geopfert, und dem Schutz⸗ 
gotte der Wälder r) Milch ausgegoſſen; und die Ers 
findung des beroifchen Splbenmaaßes wird einer 

gl 5 Weis 


0) Virgil hat ihn abgefchriehen : 


Principio, Coelum ac terres, Camposque liquenteis 
Lucentemque globum Lunae, Titaniaque Aftra 
Spiritus intus alit; totamque infufa per Artus 
MENS agitat Molem. Aeneid. Lib. VI. 


p) Paufanias, Boeot. Lib. IX. 


q) Plutarch. de Mufica. 
r) Tellurem porco, Siluanum lacte piabant; 


Floribus et Vino Genium, memorem breuis Aeui. 
Horat.Ep.1.lib. II, ad Aug. 


538 ERS des oebens 


Weibeeperfon ; der Dhemonee; der erſten Price r 
rinn des Apollo, zugelchrieben s). 4 

Pampbo t) ein Attiker von Geburt und Schüler | 
des Linus, fang zuerft von den Bratien, ohne 
ihre Anzahl zu beftimmen, oder ihnen Namen zu 
geben. Er bemweinete den Tod feines Lehrmeifters in 
einem Trauerliede, OITOAINOZ genannt. Er 
befang die Entführung der Proferping von dem » 
Horte der Höllen, und ſchrieb Lobgeſaͤnge auf den 
Jupiter, die Diana und Ceres. Philoſtratus 
fager, Homer babe den tobgefang auf ben Tupiter 
abgefchrieben,, und verbeffert u). | 

Jedoch ARPHEUS, diefer in der Dichtkunſt 
ſo große Name, hat den Ruhm aller übrigen vers 
Dunkel. Man faget ebenfalls, daß er einer von den 
Schülern des Linus gewefen fey; wiewohl Plu⸗ 
tarch ausdrücklich behauptet, daß er niemanden in 
feiner Dichtkunſt oder Muſik nachgeahmet habe, fon 
dern felbft ein Original gro fy w). Es —* 





8) Ehningen xuraefar Asyere Tis DHMONOH om, Ilge- 
Guris Aroddwvos 
Eucæ9. wgoom. weos Onrgon 
- and Steabo: Hewru ds — Qasıy yerscdaı zum 
ar. Lib. I 
eü) Paufantas Boeot. 
u) Pampbo hat gefagt: 
Zev uudige, meyise Deoy, BÄNKMEIE KOREm, 
Mndein Te, Mm ITREN, X nusovem. 
An defien Statt, hat es Bomer mit Bo Ans 
ſtaͤndigkeit alfo verändert : 
Zev wudise, meyıss, are, RR yarav. 
DiAosear. Hewıxav. 
w) Ods Ogpevs sdrrn Gaweren henıunperos, Ilsgı Meoixis. 
e > | 


— 


— 


amd der Schriften des Homerus. 539 
bey alle dem gewiß, daß er eben fo wohl, als fein 


vorgegebener Lehrmeiſter, eine Reife nach Aet gypten 
gethan habe; wo er ſich lange aufhielt, und zu den 
Geheimniſſen ihrer Weltweisheit und Religion hinzu⸗ 


gelaſſen wurde. 


Nach ſeiner Zuruͤckkunft leiſtete er —— Vater⸗ 
lande, oder vielmehr dem Volke, unter welchem es 


ihm zu leben gefiel, (denn man Hält ihn für gebürtig 
aus Thracien), größere Dienfte. Selbſt feine 
Handlungen find in eine Aflegorie eingekleidet, und 
in eben der Art der Fabel erzähler worden, die er 


bey feinen Göttern und Helden zu gebrauchen pflegte, 
Ob er etwas von feinen eigenen Arbeiten in Schrifs 
ten binterlaffen habe, das ift für mich ein großer 
Zweifel. Ich finde feinen Grund zu fchließen, daß 
er es nicht gethan habe. Allein der Ruf von feiner 
Einficht war fo groß, daß wir von dem Suidas x) 
die Auffchriften von fechszehn oder fiebenzehn Gedich- 
ten haben, die unter feinem Namen, hauptfächlic) 
von den Dytbagoräern melche feine Lehre annab: 

men, gefehrieben worden ; und die Anzahl derer, die 
es von andern find, Eönnen wir gut zweymal fo hoch 
rechnen. Sie ſind philoſophiſch, prophetiſch 
und gottesdienſtlich, und man glaubet, daß ſie 
ſeine wahre Meynungen, und die natuͤrliche Art ſei⸗ 
ner Verſe enthalten. 

Er fieng feinen Gefang von dem alten Chaos, 
und deſſen Berwandelungen und Beränderungen an, 
und fuhr in denfelben fort, mit den verfchiedenen 
Stufen der Schöpfung; dem Geſchlechte des 
Saturnus, oder der Seit, dem Aether, — 

e 


x) In Orpheo, 


e 4 


540 Unterſuchung des Lebens 

be und der Yacht ; der Geburt und dem Gefchlech- 
te der Giganten; und endigte denfelben mit der Bil 
dung der Menfchen y). "Er fuchte durch feine Ger 
heimnißvollen Lehren, eine Ehrfurcht gegen die Goͤt⸗ 
ter in dem Herzen feiner Zuhörer zu erwecken, damit 
er fie von der Barbarey und dem Blutvergießen ab- 
ziehen, und ihnen ‚eine Luſt zu einer freundlichen und 
gefelligen Aufführung beybringen möchte. zZ) Wenn 

‚uns Ariftophanes feine geleifteten — für; zlich 
‚ erzählen will, fo fagt ers 


OPDETZ nev ag TeXeras de nu —““ 
Dovav FT amexesa. 


Es lebrete Orpheus uns die beitigen Bebräur: 
che, vom Morden abzuftebn a). 


Wie fein Name viele Zeitalter hindurch in Gries j 
chenland in Abficht aufdie Heiligkeit und Weisheit, 
der berühmtefte war, fo mußten feine $ehren, wo 

fie nicht von ihm felbft der Schrift anvertrauer find, 
durch die mündliche Uberlieferung feyn gültig gemacht 
worden. Der Fürft der Weltweiſen zieht zwo zer 
| len 


* Er ſang ‚ Aexaıs nv mpure XAOYE aneyaprov Avaya 
Kaı KPONON , osT sAoxevasv amagesıiocı vB’ orxoıs 
AIOEPA, xaı didun wegiorea zudkos EPQTA, 
NYKTOZ zeıyesyrus Tlarega xAuror 0 ps ANBHIA 
Omdorsgos nadeucı BgoTos, mewTas yap eDardn. 3 
EPIMOYE 7’ suduwaroıo yoras“ nd seyn 
TITANTQN, oıAuygowwa Ovugays esadaıso 
Zuesgun yarıs To wpnsHEer, ayev yevıs säsyevorro 
ONHTLN, u xara ask amsipirev MIev guoh 

OPdETZ. — 

2) Horat. ad Piſon. 

@) BATPAX., 








und der Schriftendes Homerus. 541 


len aus ſeiner Theogonie an, ohne den geringſten 
Argwohn merken zu laſſen, daß fie nicht aͤcht b) wär 
ren; welches auch Ariſtoteles, der große Kunſtrich⸗ 
ter, beydes aus ihm c), als aus feinem Nachfolger 
thut d). Ja, fo ſpaͤt ale-die Regierung des Rai. 
ſer⸗ Augustus it, erwähner Divoor, der Sicis 
lier , noch des Gedichtes vondem Örpbeus, als 
‚eines Stüdes, Das damals fowohl megen feines In⸗ 
haltes, ais wegen des befondern Wohlflanges, in 
welchem es aufgelegt war, ungemein bewundert wurs 
dee). Und ich kann aud) in der That nicht zweifeln, 
daß die Schriften Die_unter feinem Namen herum» 
giengen, fie mögen nun von dem Muſaͤus oder O⸗ 
nomakritus gefchrieben feyn , nicht feine Achten Leh⸗ 
ren enthalten haben follten f). 

Muſaͤus war der berühmte Schüler des Or— 
pheus, und vielleicht gar fein Sohn. Virgil res 
det von ihm, als dem Größten unter den Dichtern. 
Er ſcheinet fid) mit der Einrichtung oder Werbeffe- 
rung der Sitten weniger abgegeben zu haben, als 
fein Lehrmeiſter; weil ihn vielleicht das ungluͤckliche 
Ende viefes theologiſchen Helden davon abſchreck- 
te. Doc) verfertigte er Weißagungen und $obge: 
fange, und fehrieb heilige Linrerweifungen, wel 

| | che 
b) OKEANOS zgwros zurı2os nt yansın. | 

Os ga xusıyyurnv omoumrees TnFov omas. 
€) Apısorei. Osxovounwy. os | Kexrv) og. 

d) dus yer xaı Maraos eve: , BPOTOIZE HAIETON AEI- 

BEIN Agısor. Ar 9. 
©) Kaıyap momum awarad: To Javualousvov zus zara zn wdyy 

sumeAsıa dia Pepov. Asoobe. Zıxars BıßAıod. & 
f) Sie wurden die OPOIKAENH genannt. E: reis Ogßr- 

KO ARABHWOS EMETI ſagt Ariſioteles. ag Yuxns:a. 


* 


542 ° Unterfuchung des Lebend 
che er an feinen Sohn richtete. Er verordnete Rei: 
nigungen und Berföhnopfer, befang die Kriege der 
Titanen, und hinterließ etwas von der Sternfe- 
berfunft, Sein größtes Werf aber , und das in 
Diefen Tagen die meifte Ehrebrachte, mar eine Theo, 
gonie, oder Geſchichte von der Schöp ung g). 
Paufanias ift der Meynung ‚ daß ein $obgefang 
auf die Ceres das einzige Achte Uberbleibfel von dies 
fem philofophifchen Didier fy h). Er hat einen 
Sohn und eine Tochter, den Zumolpus und He⸗ 
lenen, welche beyde den Helikon beftiegen haben, 
Der Sohn fchrieb von den Geheimniſſen der Ceres, 
"und von den Bottesdienftlichen Bebräuchen des 
Bacchus, und von dem Frauenzimmer erzählet 
man, daß fie den trojanifchen Krieg ur ba: 

be i). 

Zu einer Zeit mit diefen lebte SYAHKU S, 
deſſen Charakter noch mehr auf das eigentliche Amt 
eines Dichters eingefchränft iftk). Aelianus faget, 
er babe gleichfalls den trofanifchen Krieg beſun⸗ 
gen, und fey „Der erfte gewefen, der feiner Mufe 
„über diefen edlen Inhalt den freyen auf gelaffen | 
5 40» ——— nennet ihn SAGARIS 
| and] 

















g) Diog. Laertus in Pro@m. Wo er einen Lehrſatz aus des 
Muſaͤus Weltweisbeit anfuͤhret: Ed wos 72 zara yi- 
wa, xaı 15 Tr aurov avaAuad ea, | 

h)' Articis et Meſſeniacis. 

i) Hepbaeltio apud Photium Codice CXC, Svidas in Eu- 
molpo. 

k) Or ZYATPOZ ris eysviro —XR ner oeo⸗a xæ Msoau0V, 
05 Aryeraı rov TPOIKON TIOAEMON #earas acaı. — 
xros vmodersds —V———— „x ERITaAuNnFas TauTn. - 

Arıar, Hoxır. Isog: Buß: ud. ned. Pr 


und der Schriften des Homerus. 543 


und ſetzt ihn indie Tage des Homerus ſelbſt her- 


unter; deffen Mebenbubler und Feind, wie er ſaget, 
er war, ſo lange als er lebte, wie Xenophanes be⸗ 
wies „nachdem er todt war |). 

Mit mehrerer Gewißheit koͤnnen wir berichten,daß 
der Sohn des Amythaon, der prophetifhe ME: 
ZAMPUS, die Geheimniffe ver Proſerpina aus 


Aegypten nach) Griechenland gebracht Habe. Er 


kehrete fie die Erzählung von den Titanen , und 
nad) dem Diodor, To auvoAoy, ryy wegı rTaTIITAOH 
TON ®BEON isogiav, „die ganze Gefchichte von den 
„Thaten und — Begebenheiten der Goͤt—⸗ 


„ter m). Er wird von dem Homer ſelbſt geruͤh 


met, welcher ſonder allen Zweifel mit ſeiner Goͤt⸗ 
terlebre befannt war n). 


Um die Zeiten des Linus Fam DIEN aus Ly⸗ 


zien o), und verfertigfe die erftengobgedichte, Die zu 
 Delos bey ihren Feyerlichfeiten , welche unter die 


älteften in p) Griechenland gehöreten, abgefungen 


wur⸗ 


» In Procmio, und in dem Leben des Xenophanes, 


yeypade de xaı &r eAsyamis, va Ixußos xu$’ HEIOAOY xas 
OMHPOTY, serısrzworray auvrws va ze Dzwy erpnueva. 


m) Disodor. Biblioth. Lib. I. 


.n) Odver. Palo). o. wie auch Parad. o 


©} 


0). Ovros de 0 OAHN xaı ERS MASS TuS MAÄRIES HLIEE SrDIy-“ 


os ex Auxeme Ada Tas aesdousıns &v Anim. Heoder. 
MsAzrousm. Bıßr. 2. 
P) Avxsos de DAHN 05 za TUS umyas Tas aeXRIoTaTus enom- 
ae EAinci. Ilzvoxv Bouiwr. 
Piusarch verfichert, auf das Anfehen des Antikles 
und Iſtrus, zweener alten Schriftſteller, die Bildfäule 


des Apollo zu Delos habe in der einen Hand einer Bo— 


gen gebabt, und mit der andern die drey Gretien aebal: 


sen, von denen eine jede ein. muſikaliſches Inſtrument 


gehabt; 


544 Unterfuchung des Lebens 


wurden. Homer beſuchte dieſe Feſte ſelbſt, um die 
ſchoͤnen Kinder der Latona zu preifen, und den Jo— 
niern zu fingen, welche ſich be diefen Gelegenheis 
ten in großer Menge nad) Delos begaben. Er ruͤh⸗ 

met fih), daß er HAIZTOZ AOIANN, der anmur 
thigſte Sänger fen, der dahin Fäme. ” re 


THNMIETES, ein Enkel des Laomeden, 
welcher zu den Zeiten Drpbeus lebte, wird als der 
größefte unter den frübzeitigen Reifenden angefühs 
vet. Er foll außer den damals befannten $ändern, 
naͤmlich Afien und Aegypten, die er befuchte, durch 
Africa nach den abendländifchen Gegenden gereifer 
feyn. Daſelbſt fahe er die Inſel, auf welcher, wiedie 
alten Einwohner behaupteten, Bacchus war erzo- 
gen worden; und nachdem er von den Nyſaͤern die 
Thaten diefes Gottes erfahren, verfertigte er, nach 
feiner Zurück£unft, in der alten Mundart, und ſchrieb 
‚mit den alten Buchftaben das Stuͤck, welches die 
phrygiſchen Bedichte genannt wird. r) 


Die Briechen befamen in der That ihre ordent 
liche Mufik aus Klein Afien. Der Befeftiger von 
Theben, ver berühmte Ampbion, wird der Er. 
finder der Muſik genannt, ich verftehe in Grie⸗ 
chenland,;, Man lege er ‚die Bin bey, bie erſte 

Ley⸗ 


die eine eine Leyer, die ano eine Flöte, nnd 
die dritte eine Spring, oder Pfeife. Was dag After: 
thum derfelben anbelanget, fo fagte man, Ovro d #u- 
Auıov 854 To afıdevuun TET0o, WEL TuS ERYMTHMEIKS Aura, Tv 
‘u Heunrsa meporior Pac eivaı. Tlegı Maæcixns- 
q) Siebe den ten Abſchnitt. wich 
r) Diodor. Biblioth, Lib, IIL 








— 






Brad A 


‚Beyer s) gemacht zu haben ; und es iſt gewiß ‚daß 
‚er ſich beydes feiner. lieblichen Melodien als’ feiner 


Anſpruch auf die Erfindung der gedoppelten A8 
‚te, und auf dae Sylbenmaaß, welches von feinent 
Baterlande den Namen hat. Erftund bey den Als 
sen in großer Hochachtung, und fcheint feine: poeti⸗ 
ſche Ader und Vollkommenheiten zu ſehr gewußt zu 
‚haben, welches aus der Erzählung von feinem Streie 
‚te mit dem Apollo zu erſehen ift. Es glauben eis 
nöde, daß das unglückliche Ende dieſes Tonkuͤnſtlers, 
—* welcher. 


s) Plato ſagt, wenn er von der Erfindung der Kuͤnſte 
redet, ra uss AAIAAAQ xarahan yeyovs trade OP®EI, ra 
"ös HAAAMHAEI. rade ve2ı Marin MAPSTA «ai OAIM= 
IN, eg Avpar de AMOIONI. Naar. y. 
t) Muficam inuenit Amphion ; Fiftulam et Monaulum 
-(MONAYAON). Par Mercurü ; obliquam Tibiam Mi-- 
das in Phrygia ; geminas Tibias Marfyas in eadem 
gente; Lydios Modulos , Amphion; Dorios, Thamy: : 
yas Thrax; Phrygios, Marfyas Phryx; Citharam, Am= 
pbyon; vt alii Orpheus ; vt alii Linus ; feptem Chors 
dis additis Terpander ; odtauam Sımunides addidit 5. 
nonam Timotbeus. Cithara fine voce, tecinit Zbza 
myras pritnus, cum cantu Ampbion ; vt alü Linus, 
Citharadica Carmina compofuit Terpander ; cum Ti- 
biis canere voce, Trezenius Dardanıs infituit. 
Pliaii Hiftor, Nat, Lib. VII. $.56. 
u) Suidas in Mugovası ——— 


13. Wand, MM: sur 


546 Unterſuchung des Lebens 


welcher unſinnig wurde, und ſich in einen — 
ſtuͤrzete, der ſeinen Namen fuͤhret mr den Grund 
zudiefer Fabel geleget habe GERT 
‚Sein Schüler SYMPUS sheilee, mit ihm bie, 
Ehre von der Erfindung des phrygiſchen Sylben⸗ 
maaßes x), und maaßet ſich den Ruhm an, der er⸗ 
fie gewefen zu ſeyn, der ein: Naͤnia, oder. Seichen« 
gedicht, gefungen hat. Man ſaget von ihm, er ha⸗ 
beauf den Tod des Pythonauänezı EHIKHAEION 
Avdısı. „ein Seichengedicht nach der Iydifchen. Weir 
„fe auf der Floͤte gefpielet y).,,. ‚Seine Auffäge find 
von dem Arijtoteles: ausgelefen worden, als die: als, 
leranmutbigften, und geſchickteſten Den Gemuͤthern 
der Zuhörer Leidenſchaften und Entzuͤckung z) einzu⸗ 
floͤßen. Und er hat das Zeugniß von dem fich hier⸗ 
auf verfiehenden Plutarch ‚= daß en feine Kunſt ſehr 
hoch gebracht habe, indem er einige, der Welt bis 
dahin unbefannte, Arten von Muſik eingeführer, 
und der Fürftund Erfinder der ſchoͤnen griechiſchen 
Weiſe geweſen a). Bi Kebling der Muſen, in 
nd 
w) * Araßar, BıßA. a. | 
X) Nowsr de OAYMIIOY #44 MAPZYOTY Ppuyios x a xaæ⸗ 
Orvuroıv Erırunßıo. ' TloAvdsvx. Ovouesirov. 
y) Hasswex. Ile Meciwns. Er ſagt, es gebe zween dieſes 
Namens. 


z) OAvurs ern lag as “cin Tas * WERTHER r 
m "HoäA:r. &h : 


Und ein wenig nachher, wenn er von den verfchiede- 
nen Harmonien und ihren Wirkungen, redet; fpricht 
er, Erdsasasınza M'nuas nenn Bevyisı (zemovia.) Daß 
alfe Olympus der Urheber derfelben ift- 5 
a) Daweras Oxrvmaros wvfneas Msciun, TW ayErmToV Tiy 
oh — TARDAERRR vao ToV sumpodter erayayaı xœ⸗ RexnYyes 
yesddas Tns 2AANyInng Ks zaAns Mösıuns. I ya ibid, 


"nd der Shiften ds Seinttus, * 


mehr als 4 1 erflande b 9 THAMYRAS: der 


Ihrasier ,. fpielete-am erſten auf der Leyer, ohne 
darein zu ſingen Dieſes that er um feine mannich⸗ 

faltige Gefäyiticgteit zu zeigen, denn er verferiigte 
auch zu gleicher Zeit Lobgeſaͤnge ©), ‚als welches die, 


9 Beſchaͤfftlgung der alten Dichter war. „Ex, 


auch von den Kriegen der Titanen d) rund: 
—3 ein Gedichte von dreytauſend Verſen über, Die, 
PN Grundlegung der Religion und Sitreniehre ® 
die KOSMOTONIA , oder Erzeugung der delt, 
oder @EOTONTA, welches ein steicpiebeneutender 
Ausdrud ift e). 
‚Die Trösinienfer pralen. mit einem, epiſthen 
Dichter, OROoEBANTus genannt, welcher vor 


dem Homer gefchrieben haben foll, ich kann aber 
nicht ſagen, über was vor einen Inhalt k). Allein 
MEIESANDER der Mileſier beſang die 


Schlacht der Lapithen und Cent uren g), welche 
ein ſehr berühmtes Treffen in den frühen Ihrhun · | 


| — geweſen zu ſeyn, und den jungen Mufeni in Grie⸗ 


1 chenland, 


b ‚Siehe das Verzeichniß Taad 8. und den Artikel von 


—— 


den Pylienſern unter dem Veſtor, mo. Somer des 


Thamyris erwaͤhnet; wie auch die Anmerkungen des 
Euſtathius. 


c) IMaraoı Nouwv 9 


d) Isragx. wen Msoınns. 

e) Svidas ın Thamyre. 

f) Orı n OPIBANTIOY 78 Teils Ern */0 Ounes , ws 
'Qaoı 04 Tpoularie Aoya. Kaı von Dovya de AAPHTA, # 
Deuyıny Mad erı xaı voV am scwlonsrn) vw; * po Oungs 
xaı TuTov yaradı, Asysoı. 

Asrıav. Hoi» so. Bud. vs x. Be 

g) 55 OR e Mirysiss, AATIOQDN mar KENTATPON Ma- 
zu ayganır. | Ibid, 


[4 


548 Unterſuchung des Lebens 


chenland ein großes Feld, fi & darauf zu iben, an 
die Hand gegeben zu haben heine. ae 

Der weile PASAEPHATUS h) ſoll ein Sohn 
des Hermes, und nicht lange nach der beruͤhmten 
Dbemonse, geweſen ſeyn. Es hat nach ihm vie⸗ 
fe große Männer dieſes Namens gegeben; allein Dies, 
fer bewundernswuͤrdige Alte befang die. Erzeugung, 
des’ Apollo undder Disne, und den Streit der {Wis 
nerva mit dem YTeptunus. Er fehrieb ein Ge⸗ 
dichte auf die Socken der Latond (AHTOTZIIAO- 
KAMON) und ein anderes von einer nicht gemeinen 
Art, „die Stimme und Reden der Venus und Lies 
„bei).» Er verfertigte auch ebeufalls. eine KOZ-- 
MOTIOIA, oder Gefchichte von der © Höpfung der. - 
Welt, in fünftaufend Verſen. 

Diefeg find einige von den Männern ‚in Denk 
Händen die alte Görterlehre und Dichtkunft: zufam« 


menwuchs. Wenn ich diefelben überdenke, fo halte: 


id) es für ein Gluͤck, daß das edle Werk des Heſio⸗ 


dus bis auf unfere Zeiten gefommen iſt. Wir wuͤr⸗ 


den ſonſt ſchwerlich wiſſen, was wir aus ſo vielen 
OFOFONTAIC KOCMOHOHAIZ. und koc. 
MOTONTATC, als wir erzählet Haben, machen folle 
ten. So aber erkennen wir aus benfelben ‚ daß. die 
Geburt der Götter, der Urfprung der Dinge, 
und die Schöpfung der Welt, bloß abtoechfelnde 
Ausdrüce find , und in der alten Schreibart einer 
gerade eben das, als der andere bedeutet, - Sie was 
ren der gemeine Snbale der .erften Dichter und Ger 


feßgeber,, als der frübeften Weltweiſen „welche durch 


ihre 
h) Suidas in #araıdaros. 


)-Doas aus Aoyss SCH TE Egirros. Id. ib, 








und der Schriften des Homerus. 549 


ihre vetſchiedene Verbeſſerungen und Zufäge den He⸗ 

fiodus und Homer, ihre Nachfolger, in den Stand 
feßten, felbige unter gewiſſe Regeln zu bringen, wel⸗ 
chefo fange als Griechenland ein freyes Land war, 
im Flor waren, und auch noch einige Zeit nach dem 
Berlufte feiner Freyheit dauerten. 

"Und nunmehro wollte ic) Em. Hochgeboenen gers 
ne den Verdruß erfparen, noch. etiwas weiter von den 
Büchern anhören zu meffen, die fich etwa in des 
Phemius oder feines Schülers Vorrathe befunden 
Haben mögen, wenn man nicht eine vorgefaßte Mey» 
nung hätte, „daß diefe Schriften, Die ich genannt, 
„fpäter wären , als unfer Dichter... Und. Diefer 
Meynung ift der große Geſchichtſchreiber und Kenner 
der griechifchen Alterthümer., HERIDAITUS 
der Halikarnaffenfer. Was die Götter anbelan« 
get, faget.er, „von wannen ein jeder don denfelben 
„hergefommen ‚oder ob fie allezeit da gewefen, oder 
„was vor eine Geftalt oder Form fie an fich hätten, 

„davon wußten die Griechen nichts „ als bis fehr 
„fpäte, Heſiodus und Homer find, mie ich glau⸗ 
„de, ohngefaͤhr vier Hundert Jahre älter als ich „und 
„mehr nidye. Und diefes find die Männer , welche 
„fie die Briechen eine Goͤtterlehre macheten; wel⸗ 


„che den Gottheiten ihre Namen gaben , ihre Eis 
genſchaften beftimmeren „ ihre Ehrenſtellen anwieſen, 
„und ihre Geſtalten beſchrieben. Was die Dichter 


„betrifft, die vor dieſen Maͤnnern gelebt haben ſollen, 
„fo bin ich der Meynung, daß fie nach ihnen 


„gekommen find., k). So weit der Geſchicht. 


FREE ‚welcher fonder. Zweifel den Linus, Dr: 
Mm 3 pheus, 
Sy Bruce Pıßı A, 


J 


559, uUnterſuchung des geben 


pbeus und ihre Schuͤler unter den ni —* 
het die er nicht nennet. 
Was er von dem Heſiodus und Homer faget,. 
das muß in einem oder dem andern von dieſen Fäle 
len wahr ſeyn: fie haben ent weder ihr ganzes Le r⸗ 
gebaͤude unmittelbar aus Aegypten gebracht, und 
es in Griechenland. bekannt gemacht, welches bis 
dahin nichts von Religion und gottesdienſtlichen Ge⸗ 
braͤuchen gewußt; oder ſie haben ohne einen andern | 
Beyſtand, als ihrem eigenen Wige, daſſelbe gänz- 
lich ſelbſt erfonnen, Jedoch eins iſt ſo unglaublich | 
als das andere, 
Mer die Natur dieſer Art von. Schriften muB ehe 
was fennet, Der batf nur. eine einzige Betrachtung 
anſtellen, wenn er uͤberzeuget werden will, daß eine 
Theogonie ein Stuͤck von tiefer Gelebrfamteit 
und ungeheurer Arbeit iſt. „Es iſt ein Lehrge⸗ 
vboͤude von der ganzen Welt, welches in ei- 
„ne Allegorie gebracht und. eingek leidet iſt: 
„Es iſt ein Werk, das Aus unendlich vielen Theilen 
uſammengeſetzt von welchen ein jeder fuͤr ſich 
„ſelbſt eine Entdeckung geweſen, und demjenigen, der 
darinn unterrichtet worden, als ein Geheimniß 
„anvertrauef worden 1). Sie zu erſinnen und. zus 
„fammen zu fegen ift ein Werk von einigen Jahr⸗ 
„Hunderten, und die vereinigte Bemůhum der 
„Stästsklngbeit und Weltweisheit aemefen. 
"Auf der andern Seite, fo waren Heſtodus und 
Homer auch) nicht bie erften } welche die —— in 





u 


1) Tuwrsar udavarav re Oson Iran € ardeuzun ur 
ZIETAZIN „-nre erası duggeran, Ihre zoureran 
nze- xere. Ern | 


..% 





2 


und der er Schetten des — | 


Aegppten erlerneten, und ſie uͤber die See nach 
Griechenland brachten. Auch nur, eine geringe 
Bekanniſchaft mit ihren Schriften wird einen jeden, 
der einen Geſchmack hat, uͤberfuͤhren, daß ſie die 
Uebung eines Gottesdienſtes beſchreiben, der ſchon 


ſeit langer Zeit in ihrem Lande eingeführet geweſen. 


Hundert Stellen in beyden Schriftſtellern machen 


es überfläßig Elar, daß die Griechen die Namen 


und Naturen ihrer Götter gewußt; und Opfer, Ces 
vemonien, Tempel, Priefter, Gebether und Gefän: 
ge lange vorher , ehe Heſiodus oder Homer ae 


. ven worden gehabt haben, 


Jedoch es iſt unnoͤthig, andere Beweiſe zu ge⸗ 
brauchen, als die eigenen Worte dieſes edlen Ge⸗ 
fhichtfchreibers. Im Anfange eben diefes Buches, 
wenn er von dem Urſprunge des Wortes IZEAN m), 
redet, faget er: OMHPON de, NT Toy HPO- 


TEPON TENOMENNN Tlonrov, doxew To 8v0- 


- 


Ku EÜEovTa , eıs.Tnv monaw ETEVRLIH. 9302 
„mer hat, wie id) mir einbilde, oder einige Dichter 
„die vorihm gelebet, dieſes Wort erfunden, and 
„Der Dichtkunſt einverleibet. Oder wenn wir fo güs 
„tig ſeyn, und zugeben wollen, daß er an dieſer 
Stelle unachtfam, "und nad; der gemeinen Mey» 
nung gevebet habe; wie tollen wir das zufammen 


u 


m) Es fcheint ein punifcbes oder: pbhönisifhes Wort 
(Gg) zu ſeyn, welches eine Mark bedeutet; weil die 
See die Graͤnze des feſten Landes iſt. Dieſes iſt viel⸗ 
leicht die Urſache, warum Homer den Fluß Nil dem 
— nennet. Qxswrs Te Poas. 


Mm 4 rei·⸗ 


J 


F. 


552 Unterſuchung des Lebens 


reimen, wenn er uns ausdruͤcklich erzaͤhlet, Melam⸗ 


Gebraͤuche bey den Leichenbegaͤnaniſſen; ſo die Or⸗ 
phiſchen und Bacchiſchen genannt worden, waͤ⸗ 


„ren wirklich und urſpruͤnglich aus Aegypten? Und 
„überhaupt, Daß die Argpptier die erften von dem 


„menſchlichen Gefchlechte wären, welche Feyerlich— 
„keiten im Gebrauche gehabt, Proceßionen angeſtellet, 
„und Unterweiſungen in den Geheimniffen eingefuͤh⸗ 
„tet; und daß mag TOTTNN EAAnves uenadı- 
„a⸗ P).Ote Griechen felbige von Be Belt 
„net haͤtten ?, | 


— 
| 
pus, ein Mann, den Homer felbft n) drey Ges 
fchlechter vor den trojanifchen Krieg ſetzt, dieſer 
Melampus habe die Griechen am erſten den Nas 
men und Die Opfer: des Bacchus gelehret 0)? Die 


Denn iſt es nicht keichte, “ den Schluß zu — | 


daß, wenn die Seichengebräudhe ‚. Dpfer, und der 
Name des Bacchus in dem Homer gefunden wer⸗ 


den; und der Gefchichtfchreiber ung erzähler, daß 


Melampus und Orpheus diefelben am erften aus - 


Aegypten gebracht, und. fie die Griechen gelehret 


Härten; iftes fage,ich, nicht leichte zu Schließen, „daß 
„diefer große Schriftfteller — welcher ſeinen Kopf voll 
„von dem Alterthume der aͤgyptiſchen ‚gottesdienft- 
„lichen Gebräuche gehabt, im Gegenfaße gegen Die 
„‚erft neu aufgekommene Religion Griechenlandes 


* | 


n) Oduse. Palbuws. o. 
0) Evursern. Bip. PB. 
p) Ibid. A ie 


und der Schriften des Homerus. 553 
unverſehens in eine Unbeftändigfeie gerathen fen, 
„wenn er faget, Homer und Heſiodus wären die 
„Männer, twelche für die Griechen eine Goͤtter⸗ 
„lehrte gemacht, und ihnen den erften Unterricht von’ 
„den Namen und Naturen ihrer Gottheiten gegeben 
„hätten ?,, Es bleibt daher übrig, daß diefe Väter 
unferer Dichtkunſt, mo nicht Mufter nach welchen 
fie haben arbeiten Fönnen, welches bey dem Heſio⸗ 
dus q) ftatt zu finden fcheint, Doch wenigfteng eine 
Menge Materialien gehabt haben, von welchen fie 
ihr Werf haben aufführen koͤnnen; und diefe Mate 
rialien konnten nichts anders, als die entweder mind» 
lich oder ſchriftlich aufbehaltenen Lehren der rar 

feyn, deren ich ige gedacht habe r). 





Und auf diefe Art finden wir eine Antwort auf die 
Frage, was vor eine Gelehrſamkeit damals vor« 
handen , und was vor eine Arc von Erkennt⸗ 
Mm5 niſſe 


9 —X vs ua Hriode TEeAMoraBEV Tor ayy — rare, 
‚(er vebet von der Natur des Saturnus) v2 ner ua, 
Gib ich , aaga say APXAIOTATNN aurs rageAnDoros, 
va 08 uulixuregn durs weder. w TERRw x mes 
Isoroysas IepIaen- 

VOPNOYT. #84 ray zagadedsusren Mudar. “Bi 2 


£) - - - Fuit haec fapientia — 
Publica priuatis ſecernere, ſacra profanis; 
Concubitu prohibere vago, dare iura maritis, 
Oppida moliri, leges incidere ligno: 
"Sic honor et nomen diuinis vatibus, atque 
—— venit. POST hos infignis Homerus. 


 Horat, ad —— 


1. 
Kr - N 


—8 


uUnter ſuchumg des Bene 


at in! den "Tagen Homers zu erhalten möglich 
gewefen? Sie war gänzlich fabelbaft und allego⸗ 
ud „Die Kräfte der Natur und die menfchlicyen 
sseidenfehaften waren der Gegenftand derfelben ; und 
* beſchrieben ihre verſchiedene ERLANGEN, mit ei⸗ 


Nuhr Handlängen. Sie fiengen an mit dem. Ur 


— 


— 


prunge der Dinge und ihren Abwechſelungen und 


Beroͤnderungen ; bezeichneten ihre Natur und ihren 
„Einfluß; und gaben, in ihrer verblümten Schreib: 
„art, einem jeden eine Derfon, Sprache. und 
„Art von’ Wirkung, die fich zu ihren erfonnenen 
Eigenſchaften ſchickte Dieſes nannten ſie denn 
eine Geſchichte von der Geburt der Bötter + 
von dem Simmel, das iſt der, Erde, Luft und 
See; der’ ‚Sonne Monde, und Einteilung des 
Beftiens: den Fluͤſſen, Wäldern, Selfen, 
- Btimnen , und andern zu der Welt gehörigen Thei« 
ins). Sie erzähfeten ihre Siebe und Feindfchaften, 
ihre Heirathen, Ungluͤcksfaͤlle, Empörungen, . und 
URL oder. in anbert; Ausbeicen 4 das heftige 
ge N, OR Des 


9) Sie deinde effatur, frondenti Tempora ramo 
mplicat, et gemiumgne Loci, primamque Deorum 


————— — — et adhuc jenare pre: 
‚catur 


Flumina; tum NOCTEM ‚Nodisque MEN SIGNA, 
Idaeumque IOVEM ‚Phrygiamque € ex ordine MATREM 
Inuocät, et duplicis Coeloque Erebogue. ‚Parentis, m 


Ki gil,, Aeneid, VII. 


⸗ 






undder Schriften des Homerus. 355 
Beftreben ihrer entgegengefegten Naturen, und die 
‚aus ihrem Aeguilibrium entjtehende Eintracht : 


2 velit, aut poflit ‚ Rerum Concordia difcors. 


‚So, war die Wiffenfchaft der frühen Alten befchaf- 
fen; und man trifft aud) Feine andere Arc der Gelehr⸗ 
famfeit in dem Homer an: ich meyne eine folche 
Gelehrſamkeit, die man durch Hülfe der Bücher 
oder Lehrmeiſter erhält; denn was diejenige Erfennts 
niß anbelanget , die er: f dyials ein Keiſender ſamm⸗ 
lete, fo ift diefelbe von einer andern Art, und vers 
dienet an einem-andern Drte,näher und eigente 
licher betrachtet zu werden, 












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» 3) , N.) nr 4— — J Dir: Pr 3 WU. c 4 


gactit J 

von einer Stiftung 
des Herrn Stolp, iR * 

aus dem Lateiniſchen überfget. El 


„gehen, d.L mins 7 


en 13. Octobr. vorigen Jahres ift Hr. Janus 

$ Stolp in einem hohen Alter bey. ung. geſtor⸗ 

ben, den nicht ſowohl Ehrentitel als eine 

——ñ— “ und gruͤndliche Gelehrſamkeit, Berftand, 

‚und ausnehmende und. ungeheuchelte Gottesfurcht 

allen, beſonders den Uebhabern * Wiſſenſchaften 
ſchaͤtzbar machten. 


Er hat der zolladiſchen hohen Sie zu ide, | 
sehen tauſend Gülden vermacher , die Einkünfte da» 
von follen von zwey zu zwey Jahren angewandt wers 
ben, ein goldenes a von 250, Gulden nach 
einem von ihm ſelbſt gegebenen Vorbilde zu praͤgen, 
welches als ein Preiß demjenigen zu Theile werden ſoll, 
der von folgenden Geg ſtaͤnden die beſte Seife 
ausgearbeitet bat. 

1 Die 


Stiftung des Herrn Stop, — 557 


„Die erften ʒwey Jahre foll das Dafeyn eines ewigen 
Dolch unförperlichen, allmaͤchtigen und weir 
ſeſten Schöpfers und Beherrſchers der Welt, deffen 
Guͤte gegen die Geſchoͤpfe fich überall; zeiget, ag. der 
Betrachtung der Welt, oder eines Theiles, von ihr, 
mit Flaren und, unwiberfprechlichen Beweisthuͤmern 
gewiefen werden, Daß diefes der Grund der; natürli 

| On Religion Wo, , und zur —“ den * 
ahne. 


Die folgenben zwey Jahre foll die RT 
der hriftlihen Sittenlehre, beſonders wie fie im Neuer 
Teftamente enthalten ift, abgehandelt, und wie weit 
fie über alles, was menfchliche: Vernunft erdacht har’, 
— al geudeien röR DEN. 


Die Schriften fi nd in ——— oder in belan 
diſcher Sprache abzufaſſen. Zur Beſorgung dieſes 
Geſtiftes hat er namentlich folgende von den hieſigen 
Profefforen erſuchet, Herrn Schultens , aus. den 
Gottesgelehrten, Herrn Ruͤcker und Weifen aus den 
Rechtsgelehrten, Herrn van Royen und Gaub, aus. 
den Yrztnengelehtten” Heren Hemfterhuys alıg den. 
Criticis, Hn.$uloff und Allamand aus ben Philoſophen. 
Sie ſollen aus eben den Claſſen der Profelforen n andere 

Aue“ der abgehenden ermäblen — 


Ale die ſich zur chriſtlichen Religion heben, fola | 
len zu dieſem Streite eingeladen und zugelaffen wer. 
den, nur follniemand etwas in feine SEHR, ke 

| TEREONERTENEGE" |; 


| 855 Nachricht ve von einer Stiftung 


fen laſſen, Dr A eig von. 1 ideen ler } 
En — 
A at Er 


——— * —* als Berfafer — Sm | 
einige Art kenntlich machen. Mur ſoll er ihr einen 
Wahlſpruch vorfegen ‘, und eben denſelbigen nebſt 
ſeinem Namen und Tirel i in einem verfiegelten Papiere 
belegen.“ Des Ueberwinders Papier wird allein er⸗ 
öffnet, die übrigen verbrennt man verfiegel, 


Die Beforger dev Stiftung ſchlagen folgendes zum 
Gegenftande der: erften Abhandlung vor. Was fuͤr 
einen Brad der Gewißheit, die Gruͤnde errei⸗ 
chen koͤnnen, die man, das Dafepyn Gottes zu 

erweiſen, aus Detrschtung der Welt her⸗ 
nimmt, und wie man dergleichen Beweiſe 
diefe wichtige. Wahrheit darzuthun, aufs 
befte aus der IE falrung ——— und Bas 
dig machen fell... ; 


‚Man hoffe — Stolpifche er 
tung befördern helfen wollen, werden ihre Schriſten 
ſo einrichten, daß keine wortceiche Weitlaͤuftigteit 
den beſchaͤfftigten Gelehrten, die ſie durchgehen und pruͤ⸗ 
fen muͤſſen, mehr Zeit, als ſich geaißret, raube. 


Die Schriften ſelbſt koͤnnen an Sp. Conr. Re 
ckern I. C, und Prof, vor dem 1. Heumonates 1755. 
ohne ihm Koften zu erurfachen, eingefande werden. 
Er wird auch auf Erfodern einen Schein wegen des‘ 
Empfanges jeder Schrift nad dem Wahſſyruche⸗ 
mit ben fie bezeichnee iſt, Be | 
| Was 





des Herrn Stolp. 559 


Was von den Einkünften des Bermächtniffes übrig 
‚bleibe, foll nad) des Verftorbenen Anordnung ange« 
wandt werben Schriften anzukaufen, die die Gottes. 
gelahrtheit und chriftliche Sittenlehre, auc) die Na» 
turlehreund Maturgefchichte betreffen, und in der öfe 
fentlichen Univerfirätsbiblioche£ zu Leiden noch niche 
zu finden find. Cie ſollen dieſer Bibliothek zum ge: 
meinen Gebrauche einverleibee werden. ° 
ah sr st I ER HIT m i 30 





F Inhalt 


Sufalk a. ac 
des fuͤnften Stückes im drehzehnten Sande, 


3) Pontoppidanus Abhandlung von den Schick 
falen der daͤniſchen Sprache im Herzogthume 
Schleswig. 5, 451 


2) Charakter der Großmuth aus einem n Briefe bes 
Heren Coſtars, an den Staatsminifter Fu⸗ 
cket — 493 


3) —— des Lebens und der Schriften des 
Homerus 319 


4) Nachricht von * ER des Herrn Stolp 
| | 5 


a ;y⏑⏑⏑ 











Hambweaifges 


anain, 


oder 


geſammlete Schriften, 
Aus der 

aturforſchung und Den angenehmen 

Wiſſenſchaften überhaupt, - 





Des dreyzehnten Bandes ſechſtes Stud, 
it Koͤnigl. Pohln. und Churfürfti. Saͤchſiſcher Grephein, 
Hamburg und Leipzig, 


ben Georg Ehrift, Grund und Adam Heine, Holle, 
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A | N 
——— J pi 
JWerſuch 
"über die Geſellſchaft 
nt. der 
Getchrten und der — 
* uͤber 


h den Kühn, die Maͤcenen und die 
> geleprten Belohnungen. 





' 
ge 














h ‚, Sine ii ira et Audio, quorum caufas procul habeo. 
Ber) ; Tacıs, Ann. L., J. & Je 





Bei ſt kein Volk, das nicht lange Zeie 
Sy A 5 oder vielmehr unwiffend 
RSgeweſen, denn es iſt noch nichtenitjchies 
— — ‚den, ob dieſe Wörter einerley bedeu⸗ 
% =. sen. Unſre Nation ift aus Urſachen, 
bie Ph ſo gefaͤhrlich zu entwickeln, als leicht einzu⸗ 
ſehen find, lange Zeit in der Sinfterniß gewefen; fie 
war Deswegen nicht unglücklicher, wenn wir. gewiſſen 


Sin ‚2 Phi⸗ 
5 Aus den Melangeı de Literature de Mr, PAlembert, | 


564 Verſuch über Die Geſellſchaft 
Philoſophen glauben follen, die ung zu unfrer Err 
bauung bemweifen wollen, dag die menſchliche Natur 
durch das Wachsthum der Einfichten verderbt wer⸗ 
de; eine Meynung, die ich nicht behaupten will, aber‘ 
von der ich glaube, daß fie anfteckend genug fey, um 
ſelbſt diejenigen hinzureißen, die es verfuchen würden, 
fie zu widerlegen. Denn ob gleid) die Menfchen fich 
in allen Welcaltern bey nahe gleich find, fie mögen 
unwiſſend oder aufgeklärt, feyn; fo. muß man doc) 
befennen, daß fie gemeiniglich Darunter Teiden, wenn 
fie befannt werden; und man hat allezeit weit um. 
ftändlichere Machrichten von denen, Menfchen mit des 
nen man lebt, als-von den vergangenen‘ Jahrhun⸗ 
derten. Ich will alfo. lieber glauben, daß dieſe 
ehrlichen Leute irren, al e8 unternehmen, ihnen ih⸗ 
ren Jerthum zu beweifen, aus Furcht ich möchte end⸗ 
kich auch damit aufhören, daß ich ihrer Meynung fey. 
- Doch dem ſey wie ihm wolle, der Tag ift uns 
endlich aufgegangen; da "aber die Nacht ſehr lange 
gedauret hat, fo ift die Dämmerung und die Mor- 
genröthe gleichfalls fehr lang gewefen. - Carl V. 
einer der weifefter und folglich einer der. beften Prinz 
zen, die jemals regieret Haben, ob er gleichin der Ge— 
ſchichte bey weiten nicht fo berühmte ift, als eine Mens 
ge von Königen, dienichts als glücklich ‚oder mächtig 
gewefen, wandte einige Bemühungen an, den Ges 
ſchmack an den Wiffenfhaften in feinen Staaten zu 
- beleben. Er war ohne Zweifel aufgeklärt genug, 
um mitten unter den Unruhen feines Reiches’ einzu⸗ 
ſehen, daß das Studieren der Wiffenfchaften eines 
von den unfehlbarften Mitteln ſey, die Ruhe der Mo— 
narchien zu verfichern, und zwar aus einem Grun⸗ 
* X ss de, 





der Gelehrten und der Großen. 565 


de, der eben diefes Studieren den Republifen ſchaͤd⸗ 
lich machen kann, wenn e8 zu weit darinn getrieben 
wird, diefe Urfache ift folgende, weil der Reiz, der 
damit verfnüpfee ift, die Menfchen fo zu fagen zu 
Einfiedlern rn gegen alle andre Gegenſtaͤnde unem⸗ 
pfindlich macht. 

Es ſcheint, als wenn die Nachfolger dieſes Monars 
chen die entiweder zu blödfinnig , oder auch defpo- 
tiſch waren, die weiſe Abfiche deffelben aus der Acht 
gelaſſen; aber die einmal eingedruckte Bewegung 
dauerte, ob gleich ſchwach , bisauf Francifcum I. der 
den eingefchläferten und, trägen Geiftern einen neuen 
Stoß gab. Dieſer Prinz hatte entiveder fo viel na⸗ 
türlichen Berftand , daß er die Gelehrten liebte, oder 
tar wenigftens fo Elug, daß er fie befchüger, denn 
ohne fie zu lieben befhüse man fie zuweilen, und 
der Eigennuß und die Eitelfeit betruͤgt die Gelehr⸗ 
ten leicht über die Bewwegungsgründe der Achtungen 
die man für fie hat, auch haben fie ihre Erfenntlich- 
feit gegen diefen Monarchen auf eine -ausnehmende 
Art bezeuget, Die Gelehrten rechnen wie der Pöbel den 
Prinzen die geringften Wohlthaten an, und es ift in 
der That etwas fehr merfwürdiges in der Geſchichte 
des menfchlichen Verftandes und Herzens, daß es 
ſcheint, als wenn der Titel eines Vaters der Wiffen- 
ſchaften mehr dazu beygetragen babe, die unzähligen 
Sehler Francilei I. in Vergeſſenheit zu bringen, als 
der weit verehrungswuͤrdigere Mame eines Vaters 
des Volks beygetragen hat, die Fehler Ludwigs des XII. 
auszuloͤſchen. Es feheint, als wenn die Gefchichte _ 
dem erften von diefen beyden Königen, feinen Mebens 
buhler um * Kuhm', Carln den V. gleich gemacht 
| Nnun 3 hab e, 


366 DBerfuch uͤber die Geſellſchaft 

babe, ‚der bey feinen weit vorzüglichern Gaben, wer 
nige. Schriftflefler zu feinem Lobe aufmunterte, 
und der die läppifche Eitelkeit‘, bey feinem Le⸗ 
ben der Abgott einiger Gelehrten zu ſeyn, der noch 
weit weniger weſentlichen und ſchaͤdlicheren see 5 das 
Schrecken Europens zu fen, — iR 


So geneigt 5 ber frangöfilihe: Adel it, bie Koͤ⸗ 
nige blindlings zu Muſtern, ſelbſt in den Laſtern, 
anzunehmen, ſo zeigte er doch nicht eben einen ſolchen 
Geſchmack fuͤr die Wiſſenſchaften, als Franciſeus J. 
Noch wenig entfernt von denen Zeiten, wo Helden, 
die nicht leſen konnten, Schlachten gewonnen, und 
Provinzen bezwungen, kannte er keinen andern 
Ruhm, als den Ruhm der Waffen; und dieß iſt 
eines von den feltenen- Beyfpielen, die wir in unſrer 
Gefhichte haben, daß die Faulheit und das Vorur⸗ 

theil über das Berlangen, fi) dem Monarchen gen 
fällig zu machen ‚. gefieget haben. "Die natürliche 
Meigung der Hofleure für die Unwiſſenheit, befand 
ſich unter den folgenden Koͤnigen weit beſſer, die alle 
ſehr ſchlechte Beſchuͤtzer der Wiſſenſchaften waren; 
ich nehme davon nicht aus, weder Carln den IX. 
den Berfafler einiger Verſe, ‘von denen men nies 
mals würde gereder haben, wenn fie nicht von einem 
-Mornarchen gefchrieben wären; noch felbft Heinrich 
den IV. der, wie man fagt, die Gelehrten ziemlich. 
günftig aufnahm, der aber allen feinen Unterthanen 
beynahe eben fo gut begegnete, weil ihm nad) der 
Eroberung feines Rönigreihs noch übrig blieb , ſich 
der Herzen feier Unterthanen zu verfichern, und 
weil eine gar in vorzügliche Achtung gegen eine ge⸗ 
ringe“ 


| 





der Gelehrten und der Großen. 567 


ringe Zahl feltener Perſonen, vielleicht mir dazu ge« 
Dienet hätte, das Volk abgeneige zu machen. 


Indeſſen da auf der einen Seite die Macht dee 


Könige immer flärfer ward, brachten auf der andern 
Seite die Keime der Kenntniß, die die Bemuͤhun⸗ 
gen Franciſcus des I. bis zum Auffchiegen getrieben 
hatten; nad) und nad) in dem Mittelpuncte der. Na⸗ 
tion einige Früchte ‚ohne fich bis auf die beyven 
äußerften Gränzen derfelben fehr auszubreiten, das 
iſt, weder bey dem Bolfe, das fich mit nothwendi⸗ 
gen Arbeiten befchäfftiget, um: feinen Unterhalt zu ges 
winnen ‚ noch bey den Großen, die mit ihrem Müßige -· 
gange und ihren Intrigven genug befchäfftiger waren, 
Endlich erſchien Ludwig der XIV. und die Hochach- 
tung, die er den Gelehrten bezeugete , gab einer Na⸗ 
tion bald den Ton, die gewöhnt it, ihn von ihren 
Herren anzunehmen ; die Unwiſſenheit hörete auf das _ 
geliebte Antheil des Adels zu feyn, Das Wiflen und 
der Verſtand, die zur, Ehre: gerechnet wurden , über« 
ftiegen die Gränzen ‚ die ihnen wine unvernünftige 
Eitel£eit vorgefchrieben zu haben ſchien. Vornehm⸗ 
lic Fam die Philofopbie, durch die Blicke des Mo— 
narchen belebt , aus der Art von Gefängniß heraus, - 
worein die Dummheit und der Aberglaube fie einges 
fperret Hatten; Bornetheile von allerhand Are weis 


chen ihr nach und nach ohne Geräufch, und ohne 


Gewaltthätigkeit, weil es der wahren Philofophie 
eigen ift, die voraefesten Schranfen niemals mit 
Gewalt zu erbrechen, fondern zu warten, bis fie fih 
von ſelbſt öffnen , oder fich wegzuwenden, wenn 
fie fich niche öffnen wollen. Selbſt die Kenntniſſe 
die fie nicht hervorgebracht hatte, und die Geifter 

; | Nnu 4 die 


568. Verfuch)übee die Geſellſchaft · 


die am wenigften für fi gemacht waren / zogen Be 


ie aus ihres A 


a 


N 


Diefer phitofophifche Geil, der ſich in allen Bü 
chern und’ in allen Ständen verbreitet hat, ift der’ 


Zeitpunet des größten, Echtes einer Nation , alsdann 
Fänge der ganze Kaufe des Volks an, Berftand zw 
haben, oder vielmehr welches eineviey ift, —— 
faͤngt er an einzuſehen, daß es ihm daran fehlet, 
nachdem man ſich zweyhundert Jahre —— 
Verſtand zu verſchaffen. Vornehmlich fangen als⸗ 
dann die Großen an, nicht allein die Werke, ſondern 
auch ſelbſt die Perſonen, ſo wohl Keith ‚als.die: 
- mittelmäßigen Schriftiteller aufzufuchen; und bemüs 
hen ſich zum wenigften aus Eitelfeie den Gaben Zeis 
‚hen ihrer Achtung zu geben, die oft mehr eigennügig, 
als aufrichtig find. : Ihrer Einfamfeit entriffen, fer; 
hen fich die Gelehrten: in einen neuen Wiebel fortge⸗ 
trieben , wo fie oft Gelegenheit "haben zu denken, 
daß fie an der unrechten Stelle ſind. Dieß habe 
ich oft Gelegenheit gehabt bey mir ſelbſt wahrzu⸗ 
nehmen ; denn ichhabe eben ſo, wie die andern , biefe 
Meife gethan. Es ift erft nothwendig geworden, 
dieſelbe zu unternehmen, und es iſt noch nothmendis 
ger, fiezuverfürzen. Die Betrachtungen, ‚die ſie mir 
an die Hand gegeben, werben ben Vorwurf diefer 
Schrift ausmachen. Da die Menfchen in gleichen 
Umſtaͤnden und ähnlichen Abfichten bey nahe eineriey 
fehen , fo zweifle ich nicht daran, daß viele Gelehr⸗ 
ten eben. fosche Anmerkungen werben gemacht haben ; 
es ift defto fchlimmer für, diejenigen, Denen fie neue 
feyn werden, aber die meiften unter ihnen find nicht 
im Stande, diefe Anmerkungen andern nuͤtzlich zu 
“mA 


der Seiepsten und der Großen. * 


re weil. fieificy, ſo zu fagen ‚in dem Lande 
niedergelaſſen haben, wodurch ich nur gereiſet bin, 
und weil man wieder zu Hauſe ſeyn muß, wenn man 
mit Bequemlichkeit von denen Nationen reden will, 

die man Durchgereifer hat; ich wuͤnſche, daß meine: 
Erfahrung denenjenigen von einigem Nugen feyn moͤ⸗ 
. ge,» Dieimir in eben dieſe Laufbahn folgen werden 5 
und wenn ich mir auch nicht einen: folchen vernünftie 
gen: Zweck vorſetzte ſo würde ich wenigſtens doch den 
meiſten Reiſenden gleich, ‘die von Dem; was fie ges 
fehen haben, zw ſehr geſattiget find‘, als daß fie Luft 
haben follten ihre Reife noch einmal anzufreten, und 
doch zufrieden genug damit Se um andere davon 
zu unterhalten. 

Es iſt nicht zu verwundern, daß die Geſellſchafe 
der Großen eine Art von Reize für Die Gelehrten har. 
Der wahre‘ oder anfcjeinende Nutzen, den fie aus ei⸗ 
nem folchen Umgange ziehen koͤnnen, ift leicht vorher 
zu fehen, hingegen die Beſchwerlichkeiten fönnen niche 
beffer eher, als in diefem Umgange felbft, erfannt wer⸗ 
- den. In der That fo ift die Natur aller, laffet uns 
fagen , das Elend der Eigenliebe ‚ fo befchaffen, 
daß ob ihr gleich. oft das tiefe Wunden ſchlaͤgt, mas 
dem Anſehen nach, fie nur leicht berühren follte ‚und 
ob ee gleich vielleicht leichter ift, fie misvergnügf, als 
vergnuͤgt zu machen, ſie dennoch weit mehr dazu ge⸗ 
neigt iſt, ſich zum voraus an demjenigen zu weiden, 
was ihr fhmeichetn wird, als dasjenige zu vermus 
then, was fie beleidigen Eönnte. 

Der erfte Vortheil, den die Gelehrten erhalten, 
wenn fie fich in der großen Welt zeigen, befteht dars 
innen, daß ihe Berdienft alsdann, wo nicht befannte 

Nn5 doch 


— 


37% Verſuch uͤber die Geſelllhaſt — 


doch wenigſtens mehr geprieſen wird, und daß ſe 
vor einem andern Gerichte Po dem Gericht ihrer 
Nebenbuhler gerichtet werden. Um dieſen Der 
auseinander zu fegen ,’ und ihm zugleich zu —— 

es noͤthig, weiter zurück zugeben‘; und zu: unterfi ii 
chen, aus welchem Grunde und * welche Art man) 
ſich die Art von Ruhm zu erwerben ſucht, der auf 


> 


die Gaben des Geiftes gegruͤndet iſt erdias } 


Jemehr man Verſtand hatdeſto ———— 
iſt man mit dem, den man Hatsisiceberufemich zuf 


die verſtaͤndigen Leute aller Zeiten und aller Volter. 


Es iſt wahr, dieſe Unterſuchung die ſie uͤber ſich ſelbſt 
halten, wird ſehr in geheim „und weun ich mich des 
Ausdrucks bedienen darf, bey verſchloſſenen Thuͤren 


angeſtellet; und man wuͤrde ſich ſehr aͤrgern, wenn 


das ſtrenge Urtheil, das man uͤber ſich fetbft. faͤllet, 
von der Menge beſtaͤtiget wuͤrde. Vielmehr muß die 


Hochachtung der andern, die nachtheilige Meynung, 


die wir von uns ſelbſt hegen, erſetzen; ſie iſt ein Rohr⸗ 
ſtab, auf den die Eigenliebe ſich zu ſtuͤtzen ſuchet. Es 


giebt nicht mehr als zwo Arten von Geiſtern, die 


mie fich zu Frieden find, wenn. fie fich beurtheilen z das 
hoͤchſte Genie ‚das gar nicht da iſt, und die hoͤchſte 
Thorheit, die nur gar zu ſehr da iſt. Das Unvermoͤ⸗ 


gen der letztern, das, was ihr fehlet, einzuſehen, erſe⸗ 
tzet dasjenige, was ihr wirklich fehlet, und daher fol⸗ 


get es, daß in der Austheilung der Güter die Tho— 
ren von der Natur nicht am ſchlechteſten verſorget ſind. 
Ich befuͤrchte nicht, daß diejenigen Gelehrten, die 


ſich die Muͤhe genommen haben, bisweilen in ſich ſelbſt 


hinein zu gehen und ſich als Philoſophen zu: unterſu⸗ 


Sn, mir hierinn GM [ehVeeNang werden. Es 


ver⸗ 


der Gelehrten und Der Größen 571 


verhälefich mit dem Verdienſte eines Menſchen eben: 
fo, als mit dem Berdienfte feiner Werke „niemand 
Fannifie beffer beurtheilen als er'felbft; weil niemand 
fie näher und. länger betrachtet hat. Dieſes iſt die 
Urfache, daß man ſich, je größer der. innere und von: 
der Meynung unabhängige Werth: eines Werfes iſt, 
um deſto weniger bemüher, ihm den Beyfall andrer; 
zu verfchaffen ; Daher rühren die innere ſo reine and. 
vollfommne Zufriedenheit, die das Studieren der Geo⸗ 
metrie gewaͤhret; der Fortgang, den man in dieſer 
Wiſſenſchaft macht „der, Grad der Kenntniß, den 
man darin erlangt hat, alles dieſes laͤßt ſich, ſo zu 
ſagen, eben ſo genau abmeſſen, als die Vorwuͤrfe, 
denen ‚fie ſich befchäfftiner z wir nehmen nur als⸗ 
dann zu dem Maaße anderer die Zuflucht „wenn diefes 
Maak nicht genau beſtimmt iſt, und wenn wir hof⸗ 
fen koͤnnen, daß es uns vortheilhaft ſeyn werde. In 
den Sachen des Geſchmacks aber und den ſchoͤnen 
Wiſſenſchaften beſteht dieſes Maaß bloß in einer Art 
von Hoch achtung die allemal ein wenig willkuͤhrlich 
iſt, wo nicht im Ganzen, doch wenigſtens in einem ges, 
wiſſen Theile, den die Leidenſchaften und der Eigen⸗ 
ſinn nach ihrem Gefallen erweitern, oder zuſammen 
ziehen. Ich zweifle alſo nicht daran, daß die Mens 
fchen in dem Falle, wenn fie. von einander ‚abgefen- 
dert lebeten, „und ſich in dieſem Zuftande mis etwas 
anders alsihrer Erhaltung beichafftigen Fönnten, das 
Studieren ber ftrengen und eigentlichen WBiffenfchaften, 
dem Studieren der angenehmen vorziehen würden. 
Die legtern treibe man größfentheils nur für andere, 
und für ſich felbft ſtudiert man Die erſtern. Ein Poet 
würde wie mich deucht, ihm einer wuͤſten Inſel au 
| nicht 


4 


572 .Verſuch über die Geſellſchaft 
nicht eitel ſeyn da es der Mätpemarifer doch noch 
ſeyn koͤnnte. J 
Aus dieſen Betrachtungen Könnte man Tnatilichen: 
Weiſe fchliegen, daß die Begierde nad) Ruhm’, fo: 
natürlich fie auch den Menfchen feyn mag, doch: ſehr 
geſchickt ſey, ſie zu demuͤthigen, wenn man dieſelbe 
mit einem philo ſophiſchen Auge betrachtet, Aber 
ohne uns länger bey einer ſo ſtrengen Folgerung' aufzus 
halten, laſſet uns weiter gehen und der Eigentiebe in 
alle ihren Runftgriffen und Schlichen nachfolgen. 
Odb ſie gleich begierig iſt, andere zu betriegen, ſo 
will ſie dennoch dieſelbe nicht auf eine gar zu grobe: 
Art hintergehen; ; denn fie koͤnnten ihren Irrth 
bald: erfermen , und alsdenn würden fie ſich durch 
eine Verachtung rächen, die oft eben fo. — 
als ihre Hochachtung. Aber wenn auch dieſer Irr⸗ 
thum dauern ſollte, ſo wuͤrde doch der Betrug der 
Eigenliebe um deſto ſchwaͤcher werden, je groͤßer der 
Betrug der andern ſeyn wuͤrde. Das Vergnuͤgen ‚be 
wir empfinden, wenn wir andere betriegen , beſteht 
zum Theil auch darin, daß wir ſehen, wie ſehr wir 
ſie in der Kenntniß unfrer ſelbſt und — Gaben 
uͤbertreffen. Soll aber dieſes Vergnuͤgen ſo rein und 
fo vollfommen ſeyn, als es möglich iſt, fo iſt uns 
daran gelegen, mit folchen Leuten zu hun zu haben, 
die fo uneigennüßig find, daß fie ung nicht aus Eis 
ferfucht oder Seibenfehaft herunterfegen, und die fo 
aufgeklärt find , daß wir glauben Fönnen, daß fie un« 
terfuchen , ehe fie den Ausfpruc) thun, die aber auch 
zugleich 6 obenhin unterfuchen, daß wir Fein gar zu 
ſtrenges Ei von — a rn haben. = 


N, Die 


der Gelehrten und der Großen. '573 
Dieſes iſt wo ich mich nicht irre, die Urſache, wes⸗ 
wegen die meiſten Gelehrten ſich ſo ſehr um die Hoch⸗ 


achtung und guͤtige Aufnahme der Großen bemuͤhen. 


‚Man glaube, daß ihnen die Erziehung, einen de 


wiffen Ancheil von Einficht gegeben , man finder we⸗ 


nigſtens diefes Vorurtheil ziemlich allgemein angenom⸗ 
‚men, und weil die Eitelfeitihren Vortheil dabey fin« 
det, fo mache ſie ſich daſſelbe zu Nutze; denn die Philo⸗ 
ſophen ſelbſt befoͤrdern diejenigen Vorurtheile, die 
ihnen vortheilhaft ſind, mit eben der Hitze, womit ſie 
diejenigen zu zerſtoͤren ſuchen, die ihnen ſchaden. 


Man ſucht vornehmlich diejenigen Großen auf ſeine 


Seite zu bringen, die ohne ſich den Wiſſenſchaften 
‘ganz zu ergeben , fie dennoch bis zu einem Grade trei. 
ben, die aber weder, auf ihre Gaben noch ihr Ans 

fehen ihr Gluͤck bauen wollen ; da ſie in einer ver 

ſchiednen Laufbahne eingefchloffen find, fo hat man 
nicht zu befürchten , daß ihre Blicke zu feharffichtig 
feyn werden. Man findet eben bey ihnen den Grad 
der Einfichten , den die Eigenliebe zu ihrer Berichti⸗ 
‚gung fordern Fann. Inzwiſchen da diefe Art von 
halben Kennern felbft noch fehr felten unter den Groß 
fen ift, fo begnüge man ſich nicht damit um die Lob⸗ 
fprüche dererjenigen zu buhlen, welche die aufgeflär- 
teften zu feyn feheinen 5 Man finder ein Vergnügen 
daran, fi) der Sobfprüche von aller Art von Großen 
zu bemächtigen, weil man hoffet, daß der Beyfall de» 
rerjenigen, die dieſe Lobfprüche ertheilen,, eine Menge 

. von geringeren $obrednern nach fich ziehen wird, weil 
ſie in größerm Anfehen ftehen und bekannter find. Die 

Stimmen diefes niedrigen Haufen würden fehr wenig 

ſchmeicheln, wenn fie allein wären, da fie aber —9— 

ma den 


Verſuch über die Geſellſchaft 


„den Hauptbeyfall gezieret werden , fo vermehren fie 
nicht nur die Zahl, ſondern erlangen auch ſo gar eis 
ne Art von Werthe. Die Eigenliebe, die nach Ruhm 
geizet, ſuchet ſich Diejenigen unter den Großen geneigt 

zu machen, die am meiſten von dieſen Echos zu ih⸗ 

ren Dienſten haben; eine weniger zaͤrtliche Eitelkeit 
iſt ſchon damit zufrieden, wenn ſie zwey oder drey groſ⸗ 
ſe Namen auf die Liſte ihrer Bewunderer ſetzen kann. 

Diß iſt der wahre oder vorgebliche Bortbeil, den 
die Gelehrten aus dem Umgange mit den Großen fuͤr 
ihren Ruhm zu ziehen glauben: ich verſtehe unter 
Große alle diejenigen, die es entweder durch ihre 
Vorfahren, oder durch ſich ſelbſt ſo weit gebracht 
haben, daß ſie in der Geſellſchaft mit Anſehen leben; 
denn die Macht des Prinzen, der in einemfor monat 
chiſchen Staate, als der ‚franzofifche ift, nur! im ei⸗ 

gentlichen Berftande der einzige große Herr iſt, hat 
viele Stände genaͤhret und vereiniget; der Ueberfluß 
dieſes Pfand der Unabhaͤngigkeit und des Anſehens, 

geſellet ſich gern eigenmaͤchtig zu der hohen Geburt, 
und ich weiß nicht, ob man Unrecht hat, es zu leiden; 
es fcheint fo.gar, Daß die niedrigen Stände, die dies 
fer. beyden, Vorzuͤge beraubt find, ſie auf eine Linie 
zu feßen fuchen, ohne Zweifel: um die Menge der Claſſen 
von Menſchen zu verringern , die über die, ihrige:er- 
haben find,, und einiger maßen Die verfchiedenen Drde 
nungen, zu der natuͤrlichen Gleichheit zuruͤck zu we 
gen ‚nach der. man immer. ſtrebet „ohne einmal da⸗ 

ran zu gedenken. de ginge se a 

. - Man erlaube mir hund Diefeikustheit er — 
und das Recht, ſo fie ſich anmaßen , ober ‚das ‚man 
Km ‚bewilliger, deſſelben a "udn: | 










der Gelehrten und der Großen. 575 


Fältem Blute, ohne Verdruß und ohne Schmeiche ⸗ 
ley zu betrachten. Aber ehe ich mid) in dieſe Unter⸗ 
ſuchung einlaſſe, muß ich, wie mich deucht, anzei⸗ 
gen, daß ich nicht Willens bin, ganz allgemeine 
Grundfäge: der» Sachen feftzufegen ; ich räume mit 
Vergnuͤgen einige Ausnahmen ein, die Geburt und 
das Glück fehliegen die Gaben des Geiftes nicht aus, 
wie fie ſolche audy nicht geben Fünnen. j 
Ich habe mich unterſtanden zum voraus, die Mey. 
nung ein Borurtheil zunennen , vermöge welcher man 
glaubet, daß die Großen ‚eine beffere Erziehung ge» 
babe. haben, und folglich, wenn: fonft alles gleich ift, 
beflere Kenner feyn.müffen, als.alle andere Menfchen, 
Die Erziehung , die man ihnen giebt, und die immer 
nur auf das Yeußere eingeſchraͤnket wird, kann ihnen 
Dazu dienen , den Pöbel zu ihrem Bortheile zu hinter 
geben, nicht aber die Menfchen zu beurtheilen. Wie 
fabelbaft iſt nach ‚unfern Sitten ‚der Brief , den 
Philippus an dem Geburtstage. des. Aleranders au 
den. Aeifisees ſoces Was wuͤrde Eolrates von 
Pt. ‚Der 


u Bi Eine, * Aria an —* großen Geiſt 
den er in’ feinen Staaten hatte, baben mir einen 
Sohn gegeben, und ich Dante ihnen ‚nicht fowohl 

dafuͤr, Daß fie ibn mir gegeben baben,, als dafür, 

Daß fie ibn mie zur’ Seit des Kriftoreles gegeben ba: 
ben. Diefer Brief, der dem Prinzen zum wenigſten 
"eben fo viel Ebre macht , ald dem Philofophen muß 
s den Philippus in den Augen der Weiſen weit, mehr 

verewigen, als die gefahrliche Befchicklichfeit , mit 
„ber er die Ketten Griechenlandes vorbereitere. Schon 
ſeit langer Zeit erhalten.die Philofophen nicht mehr 
R Apgaleichen Briefe, ich will nicht ſagen von — 
ondern 


I H 
IR ö 


576  DBerfuch uber die Geſellſchaft 
der öffentlichen Erziehung unferer adlichen Jugend, 
von den Lappereyen fagen, womit man fich ein Ver⸗ 
gnügen macht , fie zu nähren‘, als wenn ſonſt 
nichts Gutes wäre, was man fielehren fönnte ?. Ge» 
gen das Schickſal diefer jungen Seelen empfindlich, 
die fo fähig find „die Eindrüde des Schönen, des 
Großen und des Wahren zu faffen, würde er nur gar 
zu oft Gelegenheit Haben, ihren Lehrmeiſtern diefen 
Grundfag zu miederhohlen , den man bishero nur 
bloß auf die Sitten angewandt hat, daß man die 
Rindbeit nicht genug verehren und ſcheuen 
könne. Wiefehr wuͤrde er fich vornehmlich darüber 
derwunberh , daß man in dem Schooße einer fo de 
muͤthigen Religion , als die Chriſtliche, und die fo 
fehr gefchicke ift, die. Menfchen? einander zu nähern, 
ſich beftändig bemüher, unſere junge Herren an den 
Ruhm ihres Nahmens und ihrer Geburt zu — — 
und daß man zu Ihrer Aufmunterung keine weſentli⸗— 
chere und edlere Beivegungsgrühde zu finden weiß; 
anftatt daß man ihnen beftändig aolederhopfensfollte; 
daß die andern Menfchen nach der Abficht der Na— 
eur ihnen gleich find , daß viele ſie durch die Gabe 
des Geiſtes weit übertreffen, und daß ein, großer 
Name für denjenigen , der denken Fann ‚eine eben 
fo ſchwere Saft ift, als ein frühzeitige Ruhm, 
ERDE mer 2m ron De 
"fondern fo gar von denen nicht einmal, Die niemals 
‚Hoffnung haben, es zu werden. Sm übrigen rede ich 
von der Erziehung der Großen bier nur im Borbey: 
‚sehen, und weil dieſe Sache mit meinem Vormurfein 
einer nothwendigen Verbindung'ffeht. Wie vielbät: 
te man noch von einer fo wichtigen Sache zu fagen ? 


der Gelehrten und der Großen. 577 


Ich befuͤrchte nicht, daß man dieſem zum Ungluͤck nur 
zu gerechten Tadel der Auferziehung, ſo die Großen 
empfangen, die Lobſpruͤche entgegen ſetze, die berühmte 
Perſonen derfelben ertheilet haben, ich würde in diefem 
Falle antworten, daß fie entweder nur von dem ges 
redet haben, mas fie ſeyn Fonnte, oder wenn fie ja 
won der Erziehung geredet haben, wie fie zu ihrer 
Zeit geweſen, fo ſey fie ganz unfenntlich geworden; _ 
und ic) wuͤrde mich unterflehen zu Diefen Weiſen zu ſa. 
gen : fommet und ſehet. Ich befuͤrchte eben ſo wenig, 
daß man mir einige gluͤckliche Genies entgegen ſetze, 
deren ſeltene Gaben der ſchlechte Anbau nicht hat erſti⸗ 
cken koͤnnen. Mit eben dem Grunde koͤnnte man vorge 
ben, daß man die Ruſſen nicht verbeſſern duͤrfe, weil 
der Eyaar unter ihnen qebohren worden. 

Mit dieſem reichen Vermögen von Begriffen und | 
Einfichten verurtheilen und beſchreyen fo viele große 
Herren, Dasjeni ge, was fie verehren follten, und 
iſt es zu verwundern, daß fie weder unter den Wera 
fen nod) unter den Menſchen einen Unterfchied ma— 
chen koͤnnen, da fie weder von andern noch Durch fich 
felbjt Grundſaͤtze erlanget Haben, wodurch fie Das ges 
ringite ſchaͤtzen koͤnnen? Der Gelehrte der am mei— 
ftenum ihnen iſt, und ihnen am meilten (mei elt, 
iſt fuͤr ſie, ſo mittelmäßig ex auch ift, der evfte in 
feiner Art, fo wie die Gunftbezeugungen eines Minis 
ſters nur für diejenigen beſtimmet find, die ihm am 
bäufigften und fleigigften aufwarten, Diefer Gen 
lehrte iſt ihr Orakel und ihr Rathgeber; fie find das 
Echo feiner laͤcherlichen Entſcheidungen. 

Auch iſt es ein ſehr angenehmes und ph loſbphi. 
ſches Schauſpiel, weun man mſizht— wie ſehr ſie ſich i in 

13. Band. Oo ihren 


vr 





578 Verſuch über Die Geſellſchaft 
ihren Urtheilen widerſprechen; die laufende Mey⸗ 


nung, die ihre Schmeichler ihnen umgeben, iſt alle» 


zeit die ihrige, weil ſie ſelbſt keine haben! Das letz⸗ 


te Werk eines beruͤhmten Mannes, der nicht das 
Glück hat, ihnen zu gefallen, iſt allezeit dasfchlechtefte - 


von feinen gelehrten Arbeiten; fie fangen nicht eher 
an, ihm Gerechtigkeit. widerfahren zu laffen, als 
bis er durch ein neues Werk der Satyre eine neue 


Nahrung giebt; alsdenn verfichern fie, daß ſich in { 


dem vorhergehenden. noch) einige Gaben zeigten, aber 
nun müffe man von einem abgenügten Geifte nichts 
mehr erwarten. 


Es würde ein fehr wirffames Mittel ſeyn, dieſe 


Ariſtarche vorſichtiger zu machen, wenn man fie da- 
hin bringen koͤnnte, ihre Meynungen schriftlich zu 


geben. . Mac) Verlauf weniger Jahre, wenn die 


Wuth der Cabale und des Geiftes der Parteyen- 


Dasukaı 


dem Ausſpruche der Weifen Platz gemacht hätte, würs 
den diefe eben fo jtrenge, als unwiſſende Richter , ent» 


weder fich felbft oder dem Publico widerfprechen ; 
denn ohngeachtee aller der Schmähungen, die man 


rider das Publicum ausfchütter, und die es biswei- 
len verdienet, giebt es doch ein Publicum, das mit 
Einficht und Billigkeit entfcheidet. Esiftwahr, dieß 


Publicum, das richter, das ift, welches denft, be 


fteht nicht aus allen denen, welche entfcheiden, hoch | 


ſelbſt aus allen denen, welche leſen; feine Ausfprüche 
find niche lärmend, oft unterfucht es noch, wenn die 
geidenfchaft und das Vorurtheil fehon entfchieden zu 


haben glauben; und feineDrafel, die einigen weni-⸗ 


gen Perfonen zur Bewahrung gegeben werden, ſchrei⸗ 
ben endlich der Menge vor, was fie glauben foll, . 
} i | Of 


der Gelehrten und der Großen. 579 
Vornehmlich trifft man diefe Perfonen unter den 
Gelehrten, und auch nur unter ihnen allein an, nur 
den Meiftern der Kunſt fomme e8 zu, die wahren 
Schönheiten eines Werkes und den Grad der über« 
wundnen Schwierigkeit zu fhäßen; wenn es den 
Großen zufömmt, ein gefundes Urrheil darüber zu 
fällen, fo koͤmmt es ihnen nur in fo fern zu, als fie 
felbit im ficengen Werftande Gelehrte feyn werden. 
Selten wird ein bloßer Liebhaber von der Kunft mit 
fo vieler Einſicht, ich will nicht fagen, als ein ges 
ſchickter Künftier, ſondern nur als ein mittelmäßiges 
Kuͤnſtler urtheilen. Man bilde fich auch nicht ein, 

daß die leichte und fo gemeine Gabe, fchlechte Werke zu 
machen,denen man den ehrlichen Namen der geſellſchaft⸗ 
lichen Werke beylegt (ouvrages de Societe) ſchon das 
Anrecht auf die Eigenfchaften eines Richters giebt. 
Man kann die Geheimniffe einer Kunft nicht eher 
recht einfehen lernen, als bis man alle ſeine Kräfte 
anwendet, und bey allem dem hat die Natur 
diefes Gefchenf im geringften nicht verſchwendet. 
Will man aber alle feine Kräfte anwenden, fo muß 
man fich im Schreiben nicht auf einen fleinen Zir« 
‚fel von Freunden und gemeinfchaftlichen Schmeidys 
lern einfchränfen, man muß fich entweder der großen 
Welt zeigen, oder zum mwenigften fo arbeiten, als 
- wenn man vor derfelben erfcheinen ſollte. Ungluͤck⸗ 
lich ift das Werf, deffen Berfaffer weiter nichts ſuchet, 

als die Zeit zu vertreiben, oder fünf oder fechs Stim⸗ 
men zu erhalten, die ihm ſchon vor der Ablefung ſei⸗ 
nes Werks gewiß waren. ch berufe mich auf dieſe 
unzeitigen Werke, die ihre erbabene Berfaffer mit 
> fo vielem Rechte dazu — nie aus der — 
02 el⸗ 


580 Verſuch fiber die Geflſchaft 


kelheit hervorzukommen, und die von denenjenigen 
in geheim verachtet werden, die dieſelbe laut gelobet 
hatten. Vor allen andern berufe ich mich auf die Art, 
wie das Publicum!fie aufnimmt, wenn fie ſich durch 
ein Ungluͤck oder durch eine ungeſchickte Eitelkeit un⸗ 
terſtehen, oͤffentlich zu erſcheinen. 

Aber, wird man ſagen, ihr uͤberlaſſet alſo dem Ge⸗ 
lehrten die Beurtheilung feiner Nebenbuhler, und 
kann man hoffen, daß diefe Leute billig feyn werden, 
vornehmlich alsdann , wenn fie ihre. Ausfprüche nicht 
bey ſich ſelbſt behalten ? Um diefen Einwurf zu bes 
antworten, merke ich an, daß es unter denen Ges 
lehrten, die in einer Saufbahn eingefchloffen find, fo 
‚wie verfchiedene Gaben alfo auch verfchiedene Claſſen 
gebe. Diefe Elaffen find von ſich felbft zum Gewinn 
beſtimmt; und die Gelehrten machen dieſelben, faſt oh⸗ 
ne es zu wollen, durch eine Art von ſtillſchweigendem 
Vertrage. ch, geftehe es, ein jeder ſucht fich in eine 
fo erhabne Eiaſſe zu ſetzen, als es ihm nur moͤglich 
iſt, aber man hat nicht zu beſorgen, daß die Claſſen 
durch dieſe Forderung ſehr verwirret werden, denn 
die Eitelkeit iſt nur bis zu einem gewiſſen Grade 
blind, es wird bloß das daraus entſtehen, daß man 
wenige Claſſen haben wird, nie aber werden ſie in 
eine einzige zuſammen fallen: ſelbſt derjenige, der 
nach einer allgemeinen und beſtaͤndigen Monarchie 
ſtreben wuͤrde, wenn er derſelben auch noch ſo wuͤrdig 
waͤre, wuͤrde Gefahr laufen, viele Rebellen zu fine 
den, die Anarchie die die politiſchen Staaten zerſtoͤ⸗ 
ret, mierſite und erhält im Gegentheile die Re⸗ 
publik der Gelehrten, höchftens leider man zwar einige 
Magifiatsperfnen, aber Feine Könige. 1% 2 | 

a 


der Gelehrten und der Großen. 581 
Da diefe Claſſen auf dieſe Art eingerichtet 
und feine mit der andern etwas zu thun bat, 
wird man doch faft allemal in den obern und wi 
Claſſen billig gerichtet, wenn man ja in feiner eig— 
‚nen Claffenicht richtig follte beurtheilet werden: Man 
‚befrage diefe verſchiednen Claſſen befonders, aus der 
Bereinigung ihrer verſchiedenen Ausfprüche wird ein 
Urtheil erwachſen, womit man zufrieden ſeyn kann, 
wenn man nicht im Stande iſt, ſelbſt zu urtheilen. 
Huf dieſe Art werden die Feldherren nach dem Bey⸗ 
falle der gemeinen Soldaten und dee Subaltern Offi— 
eiere weit billiger beurtbeilet, als nach dem Ausſpruche 
ihrer Mebenbubler und einiger gedungnen Schmeid) 
ker. Bey den Willenfchaften ift es eben fo, der 
Ausfpruch der Kenner kann bloß eine langfamere Wirs 
fung haben , weil er gemeiniglic) an einer gar zu 
großen Anzahl ungerechter und laͤrmender Entfcheis 
dungen Widerftand findet, Denn e8 verhält fid) mit 
dem Wise und dem Gefchmäde eben fo als mit. der 
Philoſophie, nichts ift feltner, als fie zu haben ,. nichts 
iſt unmöglicher, alsjie zu erlangen, und nichts ift ges 
meiner, als fiheinzubitden, fie in großem Grade zu 
haben. Daher entfpringe fo oft ein angemaßter 
Ruhm, mwenigftens auf eine Zeitlang; ein Ruhm, 
‘der mittelmäßige Geifter nicht aufmuntert und befeele 
und die wahrhaften Genies niederfihläge, der. fie des 
muͤthiget, und der ihnen die Hände zeigt, durch welche 
der Ruhm ausaetheiler wird; daher entfpringe die 
"Menge von Eleinen®efellfihaften und@erichten, vor des 
nen die großen Genies von Leuten geläftere werden, 
die, nicht einmal wuͤrdig find, fie zu lefen, 


"203 Wenn 


382 Verſuch aber die Geſellſchaft 
Wenn die practiſche Philoſophie, das iſt, derje— 
nige Theil der Philoſophie, der dieſen Namen eigent⸗ 
lich allein verdienet, die erhabenen Gaben ein wenig 
mehr als gewoͤhnlich begleitete, wie viel Vergnuͤgen 
wuͤrden ihnen die Kriege dieſer kleinen Geſellſchaften, 
die Verachtung, die ſie gegen einander annehmen, 
oder vielmehr die ſtrenge Gerechtigkeit, die ſie ſich 
widerfahren laſſen, das erhabene und entſcheidende 
Anſehen, womit fie die Ausſpruͤche ihre Nebengeſell⸗ 
ſchaft aufheben um andre bekannt zu machen, die 
eben ſo laͤcherlich ſind, und endlich die Neuerungen, 
die fie in unſre Bücher eingefuͤhret haben, und wos 
vor fich unfre beften Schriftfteller kaum hüten koͤnnen, 
mie viel Vergnügen fage ich, würden ihnen alle dies 
fe lächerlichen Borwürfe verurfachen ? f 
Wenn man ein ſolches Schaufpiel mit den Augen 
einer aufgeklärten und ruhigen Vernunft betrachtete, 
‘fo würde diefer Anblick ſchon mehr als zu rührend 
ſeyn, einen wahren Philofophen wegen des Mangels 
einer Menge von nichtsmürdigen Lobſpruͤchen zu troͤ⸗ 
ften. Gleich einem furchtbaren Monarchen duch 
feine Größe über alle Anfälle erhaben , würde er weit 
unter fich und in der Ferne barbarifche Corſaren ſich ein⸗ 
der zerreißen fehen, nachdem fie vergeblich verfucht, 
auf den Gränzen feiner Staaten einigen Schaden 
- anzurichten. Aber die Philofophen, oder vielmehr 
diejenigen, die diefen Namen führen, gleichen den 
Monarchen nur gar zu fehr, und koͤnnen nicht die 
geringfte Beleidigung überfehen; das Verlangen 
ſich desfalls zu rächen ift oft weit fehädlicher \als die 
Beleidigung felbf. Man muß den Neid fehr 
ſchlecht kennen, wenn man ihn dadurch zum en 
s weh 


der Gelehrten und der Großen. 583 


ſchweigen zu bringen glaubt, daß man ſich gar zu 


empfindlich dagegen zeiget. Ein Mann der ſich durch 
ſeine Gaben fuͤr wuͤrdig ſchaͤtzt, beruͤhmt zu werden, 
darf nur die oͤffentliche Stimme reden laſſen, und 
erwarten, wenn id) fo fagen darf, daß der Ruhm 
fomme undfeine Befehle abhole. Siewird bald allen 
fubalternen Stimmen ein Still ſchweigen auflegen, weil 


die Staͤrke des Haupttons in einer ſchoͤnen Sympho— 


nie alle Diſſonanzen zernichtet, die ihre Harmonie 
ſtoͤren wollen. Aber iſt der Gelehrte, von dem ich 
hier rede; fo wenig ein Philofoph , daß er ſich dar⸗ 
über ärgert ‚ daß man ihmnicht Gerechtigkeit wieder⸗ 
fahren laͤßt, und iſt er ſo unvorſichtig, daß er ſeinen 
Verdruß ausbrechen läßt, ſo wird der Meid feine Anz 
fälle verdoppeln; er wird ihn wider feinen Willen 
auf Mebenwege führen, und ſich bemühen, ihm 
durch ein lächerliches mehr Schaden zu thun, als er 
ſich durch vortreffiiche Werke Ehre erwerben Fann. 
Es geht bey dem Ruhme eben fo wie bey Kranfheis 
ten, in beyden fhaden wir uns immer durch die Un⸗ 
geduld. Wie vielen erhabnen Genies koͤnnte man 
nicht eben den Vorwurf machen, den man vormals _ 


‚entweder mit Recht oder Unrecht dem Feldherrn der 


Carthaginenſer mahte. Die Götter haben einem 
Menfchen nicht alle Gaben verliehen, du haft die Ga» 


be zu fiegen, aber nicht die Geſchicklichkeit den Sieg 


anwendet, ſich nicht der * ausſetzet, von ih⸗ 
| 20 


zu gebrauchen, Der Ruhm iſt eine Art von Gefell« 
fchaftsfpiele, worinn man von ohngefähr ohne Zweifel 
bisweilen glücklich ift, aber wo die Geſchicklichkeit 
des Gemwinnes weit mehr verfichert ift, mern man 
nur dadurch, daß man die Kunftgriffe der Betrüger 


nen 


sg Verſuch uͤber Die Gelelthat 


nen entdecket zu werden. | Aber man gewöhnet ſich 
ein wenig gar zu ſehr, denſelben als eine bloße Lot⸗ 
terie anzuſehen, worinn mehr Niethen als Gewinn⸗ 
ſte ſind, und worinn man ſein Gluͤck zu machen glaubet 
wenn man falſche Zettel macht. 
Wenn ich das Reich derWiffenfehaften baknefians | 
‚betrachte ‚fo deucht mid), als wenn ich einen Markt fehe, 
wo eine Menge von Duacfalbern an ihrer breternen 
Bi ihne ſteht, die Vorbeygehenden anruft, und das Volk 
einnimmt, das anfänglic) über fie lache, und fich end» 
lich von ihnen betrügen läßt. Durch diefes Hand⸗ 
werk verfchaffen ſich fo viele Schriftſteller eine Art 
von Namen. Wollet ihr für einen witzigen Mann 
gehalten werden? fihreyer laut aus, daß ihr es feyd. 
Anfänglich werdet ihr dem größten Haufen lächerlich 
i vorkommen, indeſſen werdet ihr doch einige Narren 
. einnehmen, die fich um euch verfammlen werden, 
der Haufen wird ſich nad) und nad) vermehren, 
und felbft Diejenigen, Die euch nicht anhoͤreten, wer⸗ 
den endlich entweder der Meynung der Menge beyſtim⸗ 
men, oder zum Stillſchweigen gezwungen werden. 
Auch iſt der Ruhm gewiſſer Gelehrten, wenn man 
ihn mit ihren Werfen und Perſonen vergleicht, für 
viele Leute eine außerordentliche Erfcheinung, Die fie 
nicht verfuchen zu erklären, die fie aber aus Ehr⸗ 
furcht für das, was fie Pubticum nennen, einraͤu⸗ 
men muß. Sc) rathe ihnen in biefem Falle, dem 
Beyſpiele jenes Narurfimdigers zu folgen , der erkläs 
ven wollte, warum bie Keller im Winter wärmer. 
als im Sommer find, und fagte, daß. Diefes viels 
leicht von diefer oder jener Urſache, oder auch viel⸗ 
leicht von der Urſache herkomme, daß ee nicht wahr * 
| Ay 


' 5 y j ; 
der Gelehrten und der Großen. 595 


Ich will den. Gelehrten bier nicht alle: die allgemei— 
nen Sprüche über die Berachtung des Ruhms vor» 
predigen, die fo oft und mic fo fehlechter Aufrichtig⸗ 
keit von den Philoſophen angeprieſen worden. Ich will 
mich nicht bemühen, Bewegunsgruͤnde herunter zu fer 
gen, die, wern man es ſo haben will, feinen wahren 
Grund haben, aber dennod) die Quelle aller großen 
nüglichen und angenehmen Handlungen: der Mens 
ſchen find. Die Hochachtung feiner Zeitgenofien und 
Landesleute ift zum wenigiten ein Gut, das man das 
für angenommen bat ‚(wie fo viele andre), und das 
fo-alfgemein dafür erkannt wird, daß es unfinnig, 
unnüg und gefährlich feyn würde; jemanden bier» 
inn anders zu belehren. Aber wie, die öffentliche 
Hochachtung große Werke hervorbringt, fo muß 
man, diefeibe auch Durch große Werke erhalten, oder 
wenigſtens verdienen, und nicht durch, unnuͤtze und 
niedertrachtige Kunftgriffe zu rauben trachten. 
Schreibet, kann man zu allen Gelehrten ſſagen, als 
wenn ihr den Ruhm liebtet, bezeiget euch J als wenn 
er euch gleichguͤltig waͤre. 

Dieſe Berirachtungen ſcheinen denenjenägen fon= 
derlich nüßlich zu feyn, die man ſchoͤne Geifter nen» 
nee, und deren Werke am elendeften beuriheilet wer⸗ 
den, weil fie dazu gefchrieben find um -gelefen zu 
werden. Sie find denen Gelehrten minder nöthig, 
die ſich mit den eigentlichen Wifjenfchaften befchäfftte 
gen, und deren Berdienft, um feftgefegt zumwerden, 
nicht braucht, von andern erjt gemeffen zu werden. 

an follte -indeflen, ganz anders davon. urtheilen, 
wenn man die Mafchinen fieht, die fie anwenden, 


um Lobfprüche zu erlangen, die mehr glänzend als 
05 aufs 





586 Verſuch tiber die Geſellſchaft 
aufgeklaͤrt find, den giftigen Haß; den ſie gegen ei. 
ander hegen , und ben fie nicht einmal’ aus Klug. 
heit geheim halten ; diefe fo ſchwache Menfchen lafr 
fen ſich dennoch) Philoſophen nennen, gleichſam als 
wenn die Philoſophie, ehe ſie ſich einlaͤßt das Syſtem 
der Welt gut oder ſchlecht einzurichten, nicht bey uns 
ſelbſt anfangen und uns lehren muͤſſe, einer jeden 
Sache ihren gehoͤrigen Werth beyzulegen. Man 
ſetzt gemeiniglich den Haß der Poeten dem Weiber⸗ 
haſſe nach, ich weiß aber nicht, ob man nicht recht 
daran thun wuͤrde, wenn man den Haß der Leute 
von denen ich rede, zwiſchen beyde, oder gar vor⸗ 
an ſetzte. Ein ſchlechtes Sinngedicht ift bisweilen 
die ganze Rache eines Poeten, die Rache unfrer 
Weiſen ift weit anhaltender und überlegter; ob fie 
gleich bisweilen keinen andern Grund hat, als ein 
Frauenzimmer i in das Verzʒeichniß ihrer Anhänger zu 
fegen, die fich etwas darauf einbilder, daß fie den 
Verdruß ausgeftanden, phyſikaliſche Buͤcher u 
fen, ohne fie zu verſtehen. 

Ich bin weit entferne, zu glauben, daß dieſes 
Bild ſich auf alle diejenigen erſtrecke, die in der ed⸗ 
len Laufbahn der Wiſſenſchaften laufen; noch weit 
weniger iſt es meine Abſicht, daſſelbe auf eine Per: 
fon befonderg anzumenden ; auf diefe Art würde ic) 
durch die Satyreeine Schrift verunehren und veruns 
falten, die ich einzig und allein der Syugend, dem 
Vortheile der Wiffenfchaften und der Wahrheit wid» 
men möchte. Die allgemeinen Schilderungen find 
die einzigen, die fich die Philoſophle und die Menſch⸗ 
lichkeit erlauben follen: es ift wahr, weil man felten 
darauf denkt, fie auf ſich achawenden ſo ſind is 

nicht 


der Gelehrten und der Großen. 587 


nicht ſo nuͤtzlich, als ſie es ſeyn ſollten, aber befon« 
dere und gleichende Gemälde find es Koch weniger. 

Um einen ſolchen Vorwurf zu vermeiden, wollen 
wir uͤber die traurigen Fruͤchte der Aufnahme, die man 

den Gelehrten in der Welt wiederſahren laͤßt, die 
Decke ziehen. Wenn ich von Gelehrten (Savans) 
rede, ſo verſtehe ich nicht diejenigen darunter, die man 
Gedaͤchtnißgelehrte (Erudits) nennet ; dies iſt eine 
Nation, die bisher nur wenig bekannt‘, fehr ſchwach 
iſt, fer wenig Handlung freibt, und darum gewiß 
nicht mehr Tadel verdiener. Würden unfre Naturs 
fündiger und Geometer nicht wohl daran thun, wenn 
fie ihnen nachahmeten? Ihre Arbeit würde dadurch 
beſſer gedeyen ; fie — weniger Aufſehen machen, 
und vielleicht wuͤrde ſie dadurch nur beſſer werden. 
Ein Auslaͤnder hat ein Buch von der Charlatanerie 
der Gelehrten geſchrieben; dieſer Titel verſpricht ſehr 
viel; ich kenne das Werk nicht; ſollte es aber zum 
Ungluͤck ſchlecht ſeyn, ſo wuͤrde die Schuld nicht an 
dem Mangel der Nachrichten, ſondern an dem Ver⸗ 
faſſer liegen, wofern er aber nicht in Frankreich ge- 
wefen ift, fo bat er feinem Buche ein vortreffliches 
Capitel entzogen. 

Betrachte ich die Sachen ohne Borurtheil, fo ſe⸗ 
be ich nicht ein, warum man einem Gelehrten, an 
den man ſich nicht fehret, einen Maturfündiger und 
Geometer vorzieht , den man noch weniger verfteht, 
und der allem Anfehen nach, deßwegen nicht mehr be= 
luſtiget. Gewiß die Meynung und feflgefegte Ge- 
wohnheit haben fehr viel Antheilan einem-fo willkuͤr⸗ 

lichen Vorzuge. Was hat die Geometrie einige Zeit⸗ 
ber bey uns fo fehr zur Mode gemacht ? Man hielt 
Ä es 


588 Verſuch über die Gefelfchaft 

es fir eine ausgemachte Sache , daß ein Geometer 
der aus feiner Sphäre verfeßt wuͤrde, Feinen Menfchens 
verftand haben fönne : Man hätte fehr leicht aus dies 
fem Irrthume kommen Fönnen, wenn man den Destar« 
tes,den Hobbes, Pascal, Leibnitz und fo viele andre ger 
Iefen hätte ; aber fo weit vertiefte man fich nicht; für 
wie viele Leute find diefe großen Männer niemals da 
gewefen! In Engeland begnügte man ſich Damit, daß 
Mewton das größte Genie feiner Zeiten war ; in Frank: 
reich hätte man auch gewollt, daß er liebenswürdig 
gewefen wäre. Endlich hat ſich von ohngefähr ein 
Geometer gefunden, den Preußen isund Frankreich 
geraubet hat, der unter feinen Mitbruͤdern einen ver⸗ 
dienten Ruhm und zugleich eine gewiſſe feltene Ans 
nehmlichfeit des Wiges befigt, die er durch weſent⸗ 
lichere Eigenfchaften zieret, die man aber igund ſo hoch 
ſchaͤtzet, und die die Geometrie, wenn man fie eine 
mal hat, eben fo wenig nehmen fann, als die ſchoͤ— 
nen Wilfenfchaften fie geben Fönnen, wenn man fie 
nicht hat, Mit einmal öffneten fih unfre Augen eis 
ner außerordentlichen und neuen Erfcheinung: Man 
erftaunte ganz darüber, Daß ein Geometer nicht eine 
Art von wilden Thieren war. Wie man niemals die 
dittelſtraße Hält, fo wurden in kurzer Zeit alle Geo= 

‚ meter ohne Uunterſchied aufgeſucht; es ift wahr, dies 
fer Unſinn Hat nicht lange gedauert, nicht darum, weil 
man ihn wirklich für einen Unfinn erfannt bat, fons 
dern weil kein LUnfinn bey: unfrer Nation lange ans 
hält. Indeſſen dauert diefe Kaferey,obgleich ſchwach, 
noch immer fort. Aber wenn ich in der; Stelle unfes 
rer Geometer waͤre, fo wuͤrde mir, wie mich deucht, Die 
gütige Aufnahme, die man ihnen wiederfahren läge, 
nicht 





der Selehrten undder Großen. 589 


nicht fehr fehmeicheln. Die $obfprüche die man, 
ihnen ertheilet beziehen ficy immer auf den nad)» 
‚ theiligen Begriff, den man von ihnen hatte. Es iſt 
ein geofier Geometer faget man, und dennoch ein wis 
ı Biger Kopf, Lobfprüche, die im Grunde fehr demuͤ⸗ 
ihigen und denen lobſpruͤchen gleichen‘, die man ‚den 
großen Herren aiebe. Man bewundert die Scharf: 
finnigfeie Derfelben, wenn fie über ein Werk aus den 
Wiſſenſchaften oder fehönen Künften mittelmäßig und 
erträglich urtheilen; als wenn ein vornehmer Mann 
Vermoͤge feines Standes verbunden wäre, weniger als 
andere Menfchen vonden Dingen zu wiffen, wovon er 
redet; mit einem Worte, man begegnet in Frankreich den 
Geometernund den großen Herren eben ſo, als den tuͤr⸗ 
kiſchen und perſiſchen Geſandten; man iſt ganz er 
ſtaunt, den gemeinſten Verſtand bey einem Men⸗ 
ſchen anzutreffen, der weder ein Franzoſe, noch ein Chriſt 
iſt, und folglich ſammlet man die abgeſchmackteſten 
 tappereyen, als eben fo viel Denkſpruͤche aus feinen 
Munde auf. In der That, wenn man Die Bewer 
gunesgründe der Lobſpruͤche, die die Menfchen ver: 
ſchwenden, genau unterſuchte; fo würde man in denfel: 
ben einen fehr ſtarken Troft wider ihre Satyren, und 
vielleicht felbft gegen ihre Verachtung finden. 

Ich will diefe Materie nicht verlaffen, ohne vor⸗ 
her einige Betrachtungen über die Urſachen unferee 
Zuneigung und Gefliffenheit gegen die Sremden ans 
zuftellen. Ich entferne mich dadurch um fo viel wer 
niger von meinem Vorwurfe, da ſie itzund überall 
wohl aufgenommen werden , vornehmlich wenn fie 
reich und vornehm find, und alfo in der Welt eine 
befondere Elaffe ausmachen, die angemerfer zu —* 
en, 


590 Verſuch über die Geſellſchaft 


‚den, verdienet, und von dem die Gelehrten gleich⸗ 


falls für den Ruhm, der ihnen fo ſehr am Herzen 
liege, Bortheil zu ziehen ſuchen. KONNEN 


Wenn man die Fremden, Die unfer uns verpflanzet 
find , aufmerffam betrachtet , und ihre Perfonen de» 
nen Sobfprüchen nähert, Die wir an fie verſchwenden, fo 
findet man felten andre Bewegungsgruͤnde bey diefen 
Sobfprüchen , als ein lächerliches Vorurtheil zu unferm 
Beſten, nebft.einer Begierde, unfre Landsleute her» 


unter zu fegen. Es follte mid) der Engelländer we— 


* 


gen, die wir ſo vorzuͤglich loben, aͤrgern, wenn ſie 
uns andre Bewegungsgruͤnde beylegeten; man wird 
mich vielleicht beſchuldigen, daß ich ihnch hier das 
Geheimniß des Staats entdecke, aber ich glaube doch 


nicht, ein großes Verbrechen zu begehen. Doch 


dem ſey wie ihm wolle, ich muß ihnen geſtehen, daß 
ich bey aller der Hochachtung, die ich fuͤr ihre Perſon 
habe, ihre Nation dennoch hoͤher ſchaͤtze, und daß 
ich in Paris auf einen Engellaͤnder eben ſo wenig neu⸗ 
gierig bin, als ich es in Londen auf einen Franzoſen 
ſeyn wuͤrde. Mancher Mylord koͤmmt bier mit ei— 
nem wohl verdienten Ruhme an, der in feinem ns 
gange nichts als ein fehr gewöhnlicher Menfch zu feyn 
ſcheint ; weilman ein großer Staatsmann feyn, und 
in feiner eignen Sprache in den Berfammlungen feiner 
Nation auf eine beredte Art Materien abhandeln Fann, 
worauf man fich fein ganzes eben hindurch gelege 
bat, und dennoch in Gefellfchaften „ deren Gebräus 
che, Angelegenheiten, Lächerliches und; Nichtswuͤr⸗ 


diges man nicht Penner , in einer fremden Sprache 


fostern kann. 


Man 


der Gelehrten und der Großen. 591 


Man muß .esgeftehen, den Gelehrten hat die Ens 
glifche Nation vornehnlich das erftaunliche Glück zu 
danken, das fie unter uns gemacht hat. - Weit unter 
der franzoͤſiſchen Nation in den Werfen des Geſchmacks 
und der Annehmlichkeit, aber entweder durch das 
Verdienſt, oder wenigſtens durch die groͤßere Anzahl 
vortrefflicher Philoſophen, die ſie hervorgebracht hat, 
über dieſelbe erhoben ‚hat fie uns nach und nad) 
in den Werfen ihrer Schriftfteller: Diefe Eoftbare Frey⸗ 
heit zu denken mitgetheilet, die fi die Vernunft zu 
Muse macht, die einige wißige Leute misbrauchen., 
und worüber die Narren murren. Es haben aud) 
fo viele franzöfifche Federn Engelland gepriefen, daß 
ihregobfprücheden Nationalhaß befänftiget zu haben 
ſcheinen, wenigftens von unfrer Seite ; denn man 
muß geftehen , daß wir in diefem Puncte mit ihnen 
ein wenig im Vorſchuß find ; aber im Vorbeygehen 
gefagt, füllte diefe Sparfamfeit mit $obfprüchen nicht 
ein Befenntniß unfers Borzugs feyn ? Zum menig« 
jten iſt die Ehre, die fieung erzeigen, indem fie nach 
Frankreich fommen, um dafelbft unfren Geſchmack, 
unfreManier,und fo gar unfreBorurtbeile anzunehmen, 
eine Art von einem ftillfehweigenden und gezmung- 
‚nen Lobe, das der franzöfifchen Eitelkeit angenehmer 
ſeyn muß, als ein jedesandres Lob. Esfcheint inder 
That, als wenn wir mit Engelland in einer Art von 
Tauſche ſtuͤnden. Nachdem wir durch die Engelländer 
unterrichtet und aufgeklärt find, fangen wir nunmehro 
an, fie in den ſtrengen Wiffenfchaften zu übertreffen, 
oder ihnen wenigftens das Gleichgewicht zu halten, 
und fie fommen im Öegentheile, um aus unferm Um— 
gange und Büchern den Geſchmack, die Anmuth ji 

te 


ü 


RE a 
92 Wer ſuch uͤber die Geſellſchaft 
die Methode zu ſchoͤpfen die ihren Werken fehlen. 
Laſſet uns auf unſrer Hut ſeyn, daß fie nicht bald ihre 
Meifter übertreffen. menu m mu.) 4 
Unfre Gelehrten , die zum Fortgange des Angli- 
cismi ſoviel beygetragen haben!) haben nur gar zu | 
gute Urfachen, ihr Werk zu ſchuͤtzen und zu verehren 5 
fie ſchmeicheln ſich, daß die Achtung, die fieden Aus⸗ 
ländern bezeugen, mit eben der. Münze werde bezahlet 
werden; daß diefe Ausländer, nady ihrer Zurückkunft in 
ihr Baterland,ihre Bewunderer preifen und&ranfreich 
durch ihre Schriften Schäße werden kennen Tehren, 
die es bisweilen incognito und ohne Praleren beſeſ⸗ 
fen hat. Das beißt inder That Den Ruhm diegroße 
Reiſe (le grand tour) thun laffen ; aber der weitefte 
Meg ift in diefem Falle am wenigften gefährlich, 
und wenn der Ruhm doch nur einmal anlangt, fo 
‚ geduldet man fich ſchon. ss) Inst iA 
Bisweilen verläßt man fein Vaterland: Man 
fegee Dreyhundere Meilen‘ zwiſchen fih und dem 
Meide , nachdem man vergebens wider Denfelben ges 
fämpfet hat. Aber man bedenkt nicht, daß Diefe Ent« 
fernung, die die Züge ber Satyre ſchwaͤchet, die Freund⸗ 
ſchaft noch mehr als den Haß erkaͤltet; und daß die 
Berbindungen,die in ver Entfernung angefangen find, 
durch die Gegenwart nur gar zu oft vernichtet: wer« 
den. Man richtet alfo nichts weiter dadurch aus, 
als daß man den Eifer. der Anhänger, Die man in 
feinem Baterlande hatte, ſchwaͤchet, um in dem fans, 
de, wohin man ſich begiebt, neue Feinde zu ſuchen. 
Man mag. fih immerhin mit denen Gedanken 
ſchmeicheln, daß die Ausländer eine Art von einer. 
lebenden Nachwelt find, ‚deren unpartepifcher “er 





fall Blinde oder boshafte Landesleute auf andere Se: 
| danken bringen wird; man bedenkt nicht, daß, jemehr 
| man fich den Ausländern nähert, fie um defto mehr 
‚den Charakter der Nachwelt verlieren, wozu wenig⸗ 
ſtens die Entfernung der Derter erfordert wird, wenn 
‚die Entfernung der, Zeiten fehle. Da fie gleichfam 
$andesleute werden, fo nehmen fie die $eidenfchaften 
derſelben an, weil fie ihr Intereſſe Haben, das höchite 
Verdienſt kann die Stimme des Neides nicht erfti- 
‚fen; und man muß warten, bis man nicht mehr if, 
um die Belohnung der wahren Nachkommenſchaft zu 
empfangen, vor der ſich die Eiferſucht BERN: und 
alle kleine Gegenftände verſchwinden. 
Unm dieſe Betrachtung zu endigen, will ich nur noch 
den Wunſch hinzu ſetzen, daß uns ein beruͤhmter Schrift⸗ 
ſteller den Tempel des gelehrten Ruhmes auf eine 
philoſophiſche Art beſchreiben möchte. In Erwar: 
tung, daß ein geſchickterer Baumeiſter dieſe Arbeit 
uͤbernehme, will ich meinen Leſern den Begriff mit- 
teilen, den ich mir davon gemacht habe. | 
Ich wuͤrde ihn folgendermaßen ſchildern. Ya 
koͤmmt zu diefem Tempel durch einen ungeheuren 
Wald, durch eine Art von einem Labyrinth, das durch 
Erumme und enge Fußſteige durchfchnitten wird, mo 
zween Reiſende ſich einander nicht begegnen kdinen 
ohne daß einer den andern umſtoͤßt. Mitten in dies 
fen Walde, und im Angefichte des Tempels, ift nur ein 
großer Zugang, der von Straßenräubern unficher ges 
macht und nur don einigen wenigen Leuten befuchet 
noir, die furchtbar genug find, um ihnen zu widerſte⸗ 
ben, oder fie während ihres Dutchganges in Ehrer⸗ 
biet ung zu erhalten. Der Ruhm, eine Art von 
3 Dund, Pp Geoe—⸗ 








Ver Gelehrten und der Broken. 595 


⸗ 


9 Verſuch uͤber die Geſellſchaft er 


Gefpenft, fo ans Mäulern und Ohren ohne Augen zu⸗ 
ſammengeſetzt iſt, und eine falſche Waage in der einen, 
und eine verſtimmte Trompete in der andern Hand 
hält, ‚läßt einen Theil der Reiſenden in vermiſchten 
Haufen in den Tempel treten, wo alle Stände ver- 
miſcht werden, da unterdeifen die übrigen Candidaten 
voller Begierde herein zu kommen, und durch die Ge— 
rechtigkeit oder durch den Neid zuruͤck geſtoßen, die 
Gegend um den Tempel mit dem Schalle der Saty 
ren erfuͤllen, die ſie wie diejenigen ausſtoßen, die hin⸗ 
ein gekommen find. Das Heiligthum wird nur von 
Todten bewohnet, die in ihrem $eben nicht darinn ge- 
wefen, oder von Lebendigen, Die man ſogleich nach ih⸗ 
rem Tode wieder daraus vertreiben wird. Einige 
gute Buͤcher ſind ganz in dem Heiligthume, und einige 
abgefonderte Blätter in größerer Anzahl; aber an 
ber Außenfeite des Tempels lieft man den bloßen Titel 
einer unendlichen Menge anderer Bücher, die an alle 
Pfeiler des Einganges angefchlagen, und von einem 
gemietheten Austufer den Vorbeygehenden gezeig 
werden, faſt auf eben die Art, als die Zettel der Poſ⸗ 
fenreißer und Quackſalber an ihren Buden angeſchla⸗ 
gen ſind, und die wir hinnehmen, ohne fie zu leſen. 
Dies ſind, meiner Meynung nach, die Gründe, 
nach denen man den Ruhm ſchaͤtzen kann, den die Ge⸗ 
lehrten durch den Umgang mit den Großen zu erlan 
gen glauben. Sie finden, ihrer Meynung nach, noch 
einen Vortheil in dieſem Umgange, dies iſt das, was 
ſie Anſehen (Confideration) nennen, und das man nicht 
mit dem Ruhme verwechſeln muß. Der. lettere if 
hauptſachlich die Frucht der Gaben oder der Geſchich 
ae das Anſehen aber ua ben, ‚dem —— | 


* & v . 


von der Stel, den, Reichthuͤmern, oder überhaupt | 


Der ( 





t ten und der Großen. 595 


davon ab, i in wiefern man diejenigen nöfhig hat, de= 
nen man daffelbe zuſteht. Die Abmefenheit und die 


; Entfernung, ſchwaͤchen den Ruhm keinesweges, fondern 


/ 


d ihm vielmehr bisweilen zutraͤglich; hingegen dag 
Anfehen, das bloß im Aeußerlichen befteht, fcheine an 
die Gegenwart-gebunden zu feyn. Ich will mic) be- 
mühen, dieſe wichtige Materie aus einem philofophi- 
k ‚en Gefichtspuncte zu betr BE, Ä 
Die Dummbeit, die Schmeicheley und der Stol;, 
mögen fagen,was fie wollen, alle Menfchen find durch 
das Recht der Natur gleich: dieſe Gleichheit gründer 
fih auf ihre wechſelsweiſe Beduͤrfniſſe und auf. die 
Nothwendigkeit mit einander in Gefellfchaft zu leben; 


“aber die natürliche Gleichheit wird einigermaßen durch 


eine Ungleichheit, worüber man fich verglichen bat, auf 


gehoben; diefe willfürliche Ungleichheit unterſcheidet den 
Kang, und fehreibt einem jeden gewiſſe außere Pflichten 


_bor,ich fage äußere; denn die innern und wahren Pfli ch⸗ 


ten ſind ſonſt fuͤr alle vollkommen gleich, obwohl von 


einer verſchiedenen Art. Um nur von den Außerften 


RR Ständen zu reden, jo ift der Prinz dem geringften 


feiner Unterthanen im ftrengften Verſtande Gerech— 
tigkeit ſchuldig, als dieſer letztere ſchuldig iſt, dem Prin⸗ 
zen Gehorſam zu leiſten. 

Durch drey Dinge unterſcheiden ſich die Menſchen 
hauptſachlich: durch die Gaben des Verſtandes, durch 
die Geburt und das Gluͤck; man muß ſich nicht ver« 
wundern, daß ich die Gaben des Geiftes zuerft nenne, 
Sie machen in der That den mahren Unterfihieb der 
Menfchen aus, Inzwiſchen wenn man dasjenige be 


ſtimmen ſollte, was am meiſten zur Gluͤckſeligkeit bey⸗ 


Pp2 traͤgt, 





596 Verſuch über die Gt 
trägt, was uns am meiften von’ andern ah " 
macht, mit einem Worte, was uns die meiften anfd): 
‚enden Freunde und die wenigften offenbaren Neider 
verſchaffet, fo kaͤme dem Gluͤcke die erfte Stelle H 
Warum giebt man aber in der Ordnung der öffentli- 
chen Hochachtung den Gaben des Öeiftes die erfte 
Stelle? Dieß ift die Urfache, weil fie den Vortheil 
haben, daß ſie ein gewiſſes Huͤlfsmittel ſind, das man 


niemals rauben Fann, das Die Ungluͤcksfaͤlle nur im⸗ 


mer ſicherer und hurtiger machen; weil eine Nation 
vornehmlich den Gaben des Geiſtes die Hochachtung 
der Auslaͤnder und das Gluͤck zu verdanken hat, daß 


fie eine Menge von billigen und eiferfü ichtigen Nach⸗ 


barn in ihr Land zieht. 


Aber wenn die Gaben der öffentlichen Hochachtung 
vor der Geburt und dem Gluͤcke den Vorrang haben, 
ſo ſtehen ſie denſelben hingegen in der Ordnung der 
aͤußerlichen Achtung weit nach. So wunderlich und 


ſo ungerecht dieſer Gebrauch vielleicht iſt, ſo iſt er 


dennoch nicht ganz ungegruͤndet; denn es iſt unmoͤg⸗ 
lich, daß alle Menſchen ohne Bervegungsgründe, iDe- 


nigftens ohne fcheinbare Beivegungsgründe, ein Bor- 


urtheil zulaffen follten,das dem größten Theile befchwer- 


lich iſt. Dies ift meiner Meynung nad) der Grund 
dieſes Gebrauchs. 


N 


Weil die Menfchen nicht gleich ſeyn koͤnnen, a ; 


muß ſich der Unterfchied derfelben, wofern er gewiß 
und big eyn foll, auf ſolche Vortheile gründen, die 


weder fir 
. nen; von der Art aber ift die Geburt und das Gluͤck. 


Um Diefe beyden Vortheile zu ſchaͤtzen, wird weiter 


nichts — als daß man Titel und Contracte le⸗ 
ſen 


ig gemacht, noch gelaͤugnet werden Fon: 


der Gelehrten und der Großen. 597 


fen Fönne, und.diefe ift viel leichter, als den Gaben 
des Geiftes ihre gehörige Stelle anzuweifen. Die 
Ungleichheit, fo ſich zroifchen diefen letztern findet, wird 
ya einmüthig erkannt werden, am allerwenigſten 
von denen, die Theil daran nehmen. Man bat 
| fich alfo darüber verglichen, daß die Geburt und das 
Gluͤck die deutlichften Kennzeichen die Ungleichheit 
feyn ſollten, und zwar aus eben der Urſache, vermoͤge 
‚welcher in großen Geſellſchaften alles durch die Mehr⸗ 
heit der Stimmen entſchieden wird, ob gleich Die Mey— 
nung, des gröfßtens Haufens oft nicht die beſte ift. 
Dieß ift Die Urfache, warum die Achtung und der 
Ruhm nicht nothwendig mit einander verfnüpft find; 
ein Gelehrter, voller Redlichkeit und Gaben wird uns 
endlich höher gefchäßet , als ein Miniſter, der zu fei- 
ner Stelle nicht fähig iſt, oder als ein großer Herr, 
der ſich verunehret hat. Indeſſen wenn ſie ſich mit 
einander an einem Orte befinden, fo iſt alle Aufmerk— 
ſamkeit nur für den Rang beſtimmt, und der Gelehr— 
te koͤnnte mit dem Philopoͤmen ſagen: Ich be⸗ 
een die Intereſſen für mein fenlechtes Anfes 
en. Vergebens wird man mir die Ehrenbezeigun⸗ 
gen vorwerfen, die dem Corneille wiederfahren ſind, 
der, wie man ſagt, auf der Schaubuͤhne ſeine Stelle 
hatte, und von der ganzen Verſammlung begruͤßt 
ward, ſo bald als er ſich zeigte; ich antworte, daß man 
die Sache entweder übertreibt,, oder daß diefer große 
Mann bey befondern Gelegenheiten für den Vorzug 
bezahlen mußte, den ihm die Nation öffentlich zus 
geftand, 
Es ift fo wahr. daß das Anfehen mehr von dem 
Stande, als von den Gaben abhängt, daß man fo 
Pp 3 gar 


598 Verſuch uͤber die Gefährt 


e 


gar vor zween Gelehrten, dem duͤmmſten und reichſten 


gemeiniglich die meiſte Achtung bezeugt. Wof ei 
fid) die Gaben durch diefe Austheitung befeidiget h 
ten ; fo müjfen fie es fich felbft beymeffen : laſſet fie 
aufhören, ihre Huldigung an Leute zu verſchwenden, 
die fie mit einem Blicke zu brechen glauben, und die e 
ihnen felbft durch ihre Höflichfeitsbezeigungen anzu⸗ 
deuten ſcheinen, daß dieſe Hoͤflichkeit vielmehr eine 
Wirkung ihrer Gnade als ihrer Gerechtigkeit iſt; 
laſſet fie aufhören, die Geſellſchaft der Großen, oßnge: - 


achtet der offenbaren und heimlichen Beleidigungen, 


die fie ihnen zufügen, aufz zufuchen, laffet fie anfangen, 


die Vorzüge einzufehen, die die DBortrefflichfeit des 


Genies über andere Menfchen giebt, laſſet fie aufhö- 


ven, fid) denenjenigen zu Füßen zu merfen, Die zu ih: 


ren Knien liegen follten. Ein Mann von Berdienften 


fheint mir bey diefer Gelegenheit die Rolle des Achilles 
an dem Hofe von Scyros zu fpielen; er iſt glücklich, - 


wenn er einen Ulyffes finden kann, der fo gefchicht if, 
ihn heranszuziehen ; aber wo find die Ulyſſen? 


Die Gelehrten, die den Großen ihre Aufivartung | 


machen, teilen fich in verfchiedene Claſſen; einige 


find. Sclaven, ohne es zu merfen, und folglich find fie 


es auf ewig; andere,die über die Rolle, wozu man fie 
zwingt, unwillig find, unterlaffen dennod) nicht, fie ge— 


duldig zu erfragen, weil fie hoffen, dadurch für ihr 


Gluͤck Bortheile zu ziehen; man it zu mitleidig ge⸗ 
gen fie, wenn man fie beflagee! fie Fönnten fich leicht 
von felbft überzeugen, daß diefes Mittel zum Gluͤcke 
zu gelangen, noch viel meitläuftiger als ſicher iſt, und 
einfehen, durch wie 'viele nieberträchtige Höflichkeiten 
fie den Eleinften Dienft erfaufen müflen. Eine dritte 

| | Claſſe, 





der Gelehrten undder Großen. 5399 
Claſſe, die nicht fehr zahfeeich ift, ſchließt diejenigeh 
ein, die, nachdem fie am Morgen den aufrichtigen 
Vorfat gefaftet, frey zu fenn, den Abend mit der Scla- 

deren befchließen, die zu gleicher Zeit Eühn und furcht⸗ 
Kim, ebelmüthig und eigennüßig find, und mit der ei- 
nen Hand dasjenige zurück zu ſtoßen ſcheinen, wor⸗ 
nach fie mit der andern haſchen. Die wenige Be— 
ſtaͤndigkeit in ihren Geſinnungen und in ihrer Auffuͤh⸗ 
rung macht fie zu einer Art von Zwittern, die nie auf: 
hoͤren werden, es zu ſeyn. In der letztern Claſſe, die, 
meiner Meynung nach, die tadelhafteſte iſt, befinden 
fic diejenigen, welche den Großen öffentlich Weih- 
rauch ftreuen, und fie in geheim verläftern, und gegen 
ihres gleichen mit einer Philofophie prablen, die fie 
nichts koſtet. Dieſe Claffe ift viel größer, als man 
wohl denfen follte. Sie gleicht den Secten der alten 
Philoſophen, die, nachdem fie öffentlich im Tempel ge= 
weſen waren, den Jupiter in geheim lächerlich mach» 
ten ; doch mit diefem Unterfchiede, Die griechifchen 
und römifchen Philofophen wurden gezwungen in die 
Tempel zu gehen, unfere Philofophen Hingegen zwingt 
nichts, den Großen zu opfern. Ich mache diefen Vor 
wurf, denenjenigen nicht, die darum mit den Großer 
umgehen, um ihnen die Wahrheit zufagen. Dieß ift 
ohne Ziveifel die fhönfte Holle, die man bey den Men 
fehen fpielen Fann. Aber verdienen fie, Daß man ſich 
ihrenthalben der Gefahr ausfege ? = 
$ucian, den man den Swift der Griechen nennen : | 
- Fann, weil ev eben fo, wie dieſer Engländer, über alles. 
fpottete, felbft über Dinge, die der Mühe nicht werth 
waren, hat uns eine fehr nachdruͤckliche Schrift über 

“die Gehen hinterlaffen, die ſich dem Dienfte ver 

Ppa Großen, 


‚600 Verſuch uͤber die Geſellſchaft — 


Großen wiedmen. Das Gemaͤlde, ſo er von ihnen 
entwirft, verdiente dem Gemaͤlde der Verlaͤumdung 
vom Apelles an die Seite geſetzt zu werden *. „Stel⸗ 
„let euch, ſagte er, das Gluͤck auf einem erhabenen 
„Throne ſitzend vor, umgeben mit Abgruͤnden, um fie 
„herum iſt eine unendliche Menge von Menfchen, die 
„sich bemühen, hinaufzufteigen, fo fehr find fie durch ih: 
„ren Glanz verblendet. Die Hoffnung bietet fich ihnen 
„reich geſchmuͤckt zu einer Führerinn an, und hat den 
„Betrug und die Knechtſchaft zur Seite ; hinter ihr 
„iſt die Arbeit und Mühe, „„ (ich würde noch die 
Langeweile hinzu feßen, diefe Tochter des Reichthums 
und der Größe,) „die diefe Unglücliche quälen, und 
„ſie endlich dem Alter und der Neue überlaffen. 
Es verdrieße mich, daß eben diefer Lucian, nachdem 
er gefagt hatte, daß die Knechtſchaft fih bey den 
Großen unter dem Namen der Freundfchaft verfte- 
de, endlich eine Stelle in dem Dienft eines Kaifers 
angenommen, und was noch ärger iſt, daß er fich des- 
wegen fchlechtrechtfertigte. Ex vergleicht fich aber. auch 
felbft mit einem heiſern Marktſchreyer, der ein.un- 
trügliches Mittel wider den Huften verkaufet. Lu— 
cian war anfänglich ein Philofoph ; der Ruhm feiner 
Werke mar die Urfache, daß: man ihn hervor fuchte, 
er hätte nur dazu dienen follen, feine Einſamkeit defto 
ftrenger zu machen ; denn die Philofophie gleicht der 
Andacht, man koͤmmt darinn zurück, wenn man nicht 
vorwärts geht; er überließ fich der Begierde, mit 
der man ihn hervor zog, er ward ein Weltmann, ehe 
er es gewahr ward, und endigte endlid) damit, daß 
er ein Hofmann ward. Indem 
* Siehe den Artikel Calomnie, in dem zweyten Bande der 
Encyclopaͤdie. Eu n 


der. Gelehrten u und der Großen. 60i 
Ani Se der. Weife der Geburt und felbit dem Gluͤcke 
Ka en entrichtet, die die Gefege der Geſellſchaft 
ren, iſt er Doch gewiſſermaßen mic diefen 
Biden geizig; er fehränft fie auf das Aeußerliche 
‚ein, weil,ein Philofoph Die Borurtheile feiner Nation 
ſchonet, ohne fie zu. verehren, und die Gößen des 
Volkes grüßet, wenn man ihn dazu nöthiget, aber fie 
nicht. von ſich ſelbſt ſuchet. Befindet er ſich in der 
ſehr ſeltenen Nothwendigkeit, feine Aufwartung zu 
machen, mozu ihn mächtige.und löbliche Bewegungs» 
gründe verbinden koͤnnen; ſo huͤllet er fih in fei- 
ne Gaben und in feine Tugend ein, und lachet ohne 
Unmillen und Efel über die Rolle, die er gezwungen 
iſt, zu ſpielen. Die Standesperſon, deren Verdien 
nur in den Ahnen beſteht, iſt in den Augen ſeiner 
Vernunſt, aufs hoͤchſte nichts als ein kindiſcher Greis, 
der vormals große Thaten verrichtet hat, oder viel 
mehr, ein Menfch, mit dem man, permöge eines will- 
Führlichen Bergleichs, worüber man mit einander eins 
geworden, eine gewiſſe Sprache redet, weil eine Per- 
fon von eben dem Namen vor einigen  Yahren entre: 
der Genie vder Macht, oder Neichthiimer, oder 
Ruhm, oder vielleicht auch nur Gluͤck und Gefchid- 
lichkeit gehabt hat. 
WVornehmlich vergißt der Weiſe niemals, daß, wenn 
die Gaben dem Titeleine äußere &hrerbierhung ſchuldig 
ſind, es auch eine wahrhaftere Ehrerbiethung giebt, 
ſo die Titel den Gaben ſchuldig ſind, und bey denen man 
fi niemals verſieht, wenn man ihrer würdig iſt 
Aber fuͤr wie viele Gelehrten iſt der Umgang der 
Großen eine Klippe? Wenn derſelbe nicht bis zu der 
Vertraulichkeit und vollkommenen Gleichheit geht, 
PP 5 ohne 


ie De N 


602 Verſuch be die Ge 





‘ohne die ein jeder Urrgang ohne mei und 


ohne Seele ift, "fo Demüthiger die Entfernung, weit 
man oft Gelegenheit bat, fie zu fühlen ; verbindet fü ch 
aber die Vertraulichkeit damit, 

man ſpielt alsdann die Fabel mit dem Lwen, mit 


dem es ſehr gefährlich zu (herzen ift. Em Ge 
lehrter, „der durch fonderbare Umſtaͤnde ‚gezwungen | 
ward, feine. Tage bey einem Minifter zuzubringen, 


ſagte mit vieler Wahrheit und Einſicht: er will ſich 
mit mic in Vertraulichkeit einlaffen, ‚aber ich 
| ſtoße ibn durch die Ehrfurcht zurück. 


Unter den Großen, die am gefelligften find, "gieße | 
es fehr wenige, die ihre wahre oder vorgegebene Größe 


o iſt es noch a ärger, | 


bey den Gelehrten völlig ablegen, fo daß fie diefelbe 


gänzlich vergeffen follten. Dieß ſieht man vornehm- 
üch alsdann, wenn man nicht ihrer Meynung ift. Es 
fcheint, daß, fo wie ſich der Fuge Mann verbirgt, die 


Standesperfon in eben dem Maaße hervor fommt, 


und die Achtung fordert, wovon der kluge Mann frey 


gefprochen hatte. Es endiget fich auch) der vertraute 


Umgang der Großen mit den Gelehrten nur gar zu _ 


oft durch einen öffentlichen Freundfehaftsbrud) ; der 
faſt allezeit durch die Unterlaſſung der wechſelsweiſen 
Achtungen verurſachet wird, woran man es entweder 


von der einen, oder von der andern, und vielleicht gar 


von beyden Seiten hat fehlen laffen. 
Ich will indeffen aus Achtung für die Wahrheit, 


und feinesweges aus einem andern Bewegungsgrun⸗ 


de, bekennen, daß es einige Große giebt, die hiervon 
ausgenommen zu werden verdienen: und wenn ich 
nicht befuͤrchtete, daß ihr Name und ihr Lob eine ver⸗ 


deckte und ungerechte Satyre dererjenigen ſeyn moͤch⸗ 
te, 


/ 


der Gelehrten md der Größen. 603 
te, die ich auslaffen wuͤrde, ohne ſie zu kennen ; "fo 
wuͤrde ich fo muthig feyn, fie hier zu nennen. "Die 
Ehrer rerbiethung, die man ihnen bezeiget, iſt um ſo viel 

ichtigen, da fie auf die Ergebenheit gegründet iſt, 
und um fo viel gerechter, da es ihnen nicht einfällt, fie 
zu fodern; ihre Bertraulichkeit ohne Berftellung und 
‚ohne: Stoß, hat nichts Verdaͤchtiges, weil fie die 
Frucht ihrer Hochachtung fir die Gaben des Geiftes 
und des wahren Bergnügens ift, fo fie in dem Um— 
gange der Gelehrten finden. Dieß ift in der That 
der nuͤtzlichſte und edelfte Umgang, den ein Mann, 
der da denft, nur mwünfchen kann. Wenn die Kennt: 
niffe die Sede fanfter machen, fo erheben fie diefelbe 
auch; die eine von diefen beyden Eigenfchaften fließe 
aus der andern, und man muß, ungeachtet der Vor- 
twürfe, die man den Gelehrten macht, geftehen, daß 
fie nicht nur durch ihre Einfichten über die andern 
Menfchen erhaben find, fondern daß fie auch über- 
haupt in ihren Gefinnungen und Betragen weniger 
lafterhafe find. Da ihre Beaierden eingefchränfter 
find , fo find fie einwenig zärtlicher über die Mittel, 
fie zu befriedigen, und ein wenig erfenntlicher für 
das, was man zu ihrem Beften thuf ; denn je weni⸗ 
ger Pflichten die Erfenntlichfeit zu entrichten bat, 
deſto geriffenhafter ift fie in Erfüllung derfelben. 
Herr Fouquet ward in feinem Ungluͤcke von allen de- 
nen verlaffen, die ihm ihr Glück zu danken hatten; 
nur zween Gelehrte blieben ihm getreu, La Fontaine 
und Peliffon; ohne Zweifel hätte die Zahl derfelben 
größer feyn fönnen , und es ärgert mich, daß ich die 
Namen des Moliere und des großen Corneille nicht 
zu dieſen beyden hinzu — kann. Aber die Ge⸗ 
| lehrten 





= 


| * —* * En 


EL 


Umfand, der Be ah den jöfenna 
diefes Minifters fo rom ft, nicht m it. Webige 
fallen erwaͤhnet hat. , : 

4 Laſſet uns aus allem: dieſen den Ship ee, daß 


— muß, ; Diejenigen find, die er. ganz,ficher als 
feines gleicyen und als feine Freunde anfehen Fann, 
und daß er alle die andern fliehen muͤſſe. Nachdem 
Philoren einige Berfe des. Tyrannen Dionyfius ange⸗ 
hoͤret hatte, fagteer, man führe mich zu der Stein, 
grube zurück 5 wie viel Gelehrte, die ihrer Dun= 
kelheit entrifien iverden, und mit einmal in einen Zir- 
kel von Hofleuten fallen, follten faft ſchon beym Eins 
tritte fagen: man fuͤhre mich nach meiner Eins 
ſamkeit zurück. Ich babe niemals begreifen Eön- 
nen, warum man die Antwort bewundert, die Ari- 
flippus dem Diogenes gab; Wenn du mit den 
Menſchen zu leben wüßteft,.. fo würdeft du 
nicht von Huͤlſenfruͤchten leben. - Diogenes 
warf ihm nicht vor, daß er mit den Menfchen. Tebte, 
fondern daß er einem Tyr annen ſchmeichelte. Dieſer 
Diogenes, der in ſeiner Armuth dem Eroberer Aliens 
trotzte, und dem nichts als der Wohlſtand fehlte, um. 
das Mufter der Weifen zu feyn, ift.von allen Philofo- 
phen des Alterthums am meiften verläumdet worden, 
weil feine unerſchrockene Wahrhaftigkeit ihn zu einem 
Geifte der Philofophen felbft machte ; er iſt in der 
That einer von denen, Die die meifte Kenneniß der 


N des wahren Werthes der * 
aben, 


— 


J 


der Gelehrten und der Großen. 605 
|Bäben. Ein jebes Jahrhundert/ und vornehmlich 


das unſrige, hatte einen Diogenes noͤthig, aber die 
GN jfeit befteht darinn, wie man $eute finden 
Ifölt, die Muth haben, Diogeneffezu ſeyn, und Leute, Die 

Much haben, ihn zu leiden. 

Unter den Großen, die einige Achtung fir die Ges 
lehtten zu haben ſcheinen, machen diejenigen, die auf 
den Wis Anſpruch machen, eine befondere Art aus ; 
‚die Eitelkeit hat ihren diefe Anfprüche gegeben, dee 
Stolz verbiether ihnen, fie allen und jeden ohne Un⸗ 
terſchled zu zeigen. Lingeachtet des allgemeinen $ich- 
des, deffen fich unfer philofophifches Jahrhundert ruͤh⸗ 
met, giebt es noch fehr viele Leute, und mehr als man 
glaubet, für die der Titel eines Autors oder eines Ge⸗ 
lehrten noch nicht edel genug iſt. Man muß es ge⸗ 
Erben, „ die franzöffche Nation twirft das Joch der 

arbaren, das fie fo lange getragen hat, mit Mühe 
ob. Man muß ſich darüder nicht verwundern; da 
die Geburt ein Vorzug ift, den das Ohngefähr giebt, 
fo ift esnatürlich, daß man nicht nur deffelben genießen 
till, fondern Daß man demfelben auch alle die Bor: 
jüge nachfeßt, die mit mehrerer Mühe erlanget wer- 
den. Die Trägheit und die Eigenliebe befinden fich 
bey dieſer Einrichtung gleich gut. 

Ich weiß, daß der meifte Theil der Großen über 
‚einen ſolchen Vorwurf fehreyen wird; aber laſſet fie 
ihr Gewiſſen befragen, laſſet ſie nur ſelbſt ihre Reden 
unterſuchen, ſo werden wir überzeuget bleiben, daß der 
Name eines Gelehrten als ein niedriger Titel von ih⸗ 
nen angeſehen wird, der nur das Loos eines ſchlechten 
Standes ſeyn Fam; als wenn die Kunſt, die Men 
* zu unteren und BR, nicht nach 9 








606° Verſuch über die Geſellſchaft 4 


ſo feltenen Kunſt, fie wohl zu vegieven, das edelſte An⸗ 
theil des menſchlichen Zuſtandes ſey. | | 
‚ Um fich von dem, was ich hier fage, zu überführen, 
braucht man, nur auf die Art, wie. die Gel ehrten N h 3 
der Welt aufgenommen werden, Acht zu geben, e 
Aufnahme iſt faſt von eben der Art, als die, „fe, man 
gewiſſen angenehmen Profefionen wwieberfahren läßt, 
die ohne Zweifel Gaben erfordern, die wir en ‚aber. 
felbft alsdenn, wenn wir fie ‚Suchen, ‚zu erniedrigen be- 
muͤhen, fo wie wir andre Stände, ehren, ohne: zu wilfen, 
warum, Die Langeweile will die Gaben ‚geniel ein, 
und die Eitelkeit finder ein. Mitkel, ‚fie von der. Perſon 
abzuſondern. Aus dieſer Urſache iſt die Rolle d 
lehrten, nachſt der Rolle der Geiſtlichen, am ſchwer⸗ 
ſten in der Welt zu ſpielen; der eine von dieſen bey⸗ 
den Staͤnden geht beftändig —— der. Heucheley 
und dem Aergerniſſe; Der zwiſchen denn! Stolge 
und der Niedertraͤchtigkeit. | 
Sollen alſo die. Geleh hrten der Geſelſchaſt der 
Großen gaͤnzlich abſagen? Außer den Ausnahmen, 









die ich oben von dieſer Regel gemacht babe, noͤthigen | 


mich einige befondere Berrachtungen, dieſelbe u mäfe 
figen und. einzuſchraͤnken. | 
Diejenigen Gelehrten, denen ber Umgang: der Belt ; 
zu den. Gegenftänden ihres Studirens nichts helfen 
Fahn, müffen ſich auf Die Gefellfchaften, (fie mögen bes 
ſchaffen ſeyn, wie fie wollen,) einſchraͤnken, worinn fie | 
in den Annehmlichkeiten, des Zutrauens. ‚und. der | 
Sreundfchaft eine nothwendige Erquicung finden. 
Wozu würden einem. Philoſophen unſere nichtswuͤr⸗ 
digen Geſellſchaften anders dienen, als ſeinen Geiſt 
a GEHEN, und ihn. der, dertreffichen Gedanken 





der Gelehrten und der Großen. 607 


u berau 37 * er durch das Nachdenken und dag 
Ds, erlangen koͤnnte? Nicht in dem Pallaſte von 
Rambouillet hat Descartes die Anwendung der Alge- 
bra auf die Geometrie entdecket, und Newton hat ge- 


der allgemeinen Schwere erfunden; und was die Art 
‚zu ſchreiben anbetrifft, fo iſt Mallebt auche der in der 
Einſamkeit lebte, und deſſen Ausrechnungen nichts als 
Kinderſpiele waren, darum nicht weniger in ‚feinem 
Stil das Mufter der Philofopden. 





Mit denen, die man wißige Köpfe nennet, verhält 


es fich ganz anders; Min die Menfchen in einem Werke 


‚der Einbitdungsfraft zu malen, muß man fie fennen; 
6 wie ſie wirklich beſchaffen ſind, darf man ſich niche 


hmeicheln, fie zu errathen, und es ift defto fchlimmer 

ie denjenigen, der fie etrathen will. Der Umgang 
mit der Welt ift alfo dieſem Theile der Gelehrten un⸗ 
umgaͤnglich nothroendig. Aber es wäre zu wuͤnſchen, 
daß fie wenigſtens bloße Zuſchauer in dieſer gezwun⸗ 
Ban Geſellſchaft abgeben und aufmerkſam genug 
n möchten, um nicht nöthig zu haben, oft zu dieſer 
g moͤdie wieder zurück zu fehren, die ſich nicht alle 
mal gut nieder fehen läßt ; es waͤre zu wuͤnſchen, daß 
ie derſelben auf eben die Art beywohneten, als das 


wiß nicht an dem Hofe Carls des IIten den Grundſatz 


. 


Jarterre die Schauſpiele anſieht, welches die Acteurs 


richtet, und daß die Acteurs nicht beleidigen dürfen, 
mit einem Worte, daß fte eben fo gefinnet feyn möchten, 
als Dionyſius Thhanaͤus war, als er nach Kom gieng, 
um, wie er fagete, in der Mähe zu ſehen, was ein Ty⸗ 
| rann fuͤr ein Thier ſey. 
Es iſt zu wuͤnſchen, daß diejenigen unter unſern 
Schiftſtellern, die in einem — Stüde, oder 
in 


— 


— 


— 


608 Ber ber Die Befäft 


in einem andern Werke das Gemaͤlde unferer Zeiten ent: 


Dod 
dieſer verwirrten uneigenflichen. und  barbarifchen 


ihren Adei verliert, werden die großen —7 — 
fie gleichfalls errathen, indem fie das kurzdauern 
* e⸗ 


E 


| 


der Gelehrtenundder Großen. 609 
Geſchwaͤtze unferer Gefellfchaften aus ihren Schriften 
verbannen. Vielleicht wird es endlich. fo lächerlich 
werden, daß unfere Schriftfteller fich noch lächerfi- 
cher dadurch machen werden, daß fie es angenommen, 
und daß man'endlich zu dem Wahren und Einfachen 


‚zurück fehren wird. Bielleicht aber wird diefe glück: 


liche Zeit nie wieder zuruͤck kehren. Es ift fehr 
wahrfcheinlich, dag wir in eben den Umftänden find, 
die die Sprache der Zeiten, des Auguftus auf ewig 
verberbet haben. ST | 

Eines der größten Uebel des Umgangs der Grof- 
fen und der Gelehrten, welches indefjen eines der 
hauptſaͤchlichſten Mittel iſt, wodurch dieſe Tegtere 
Ruhm und Anfehen zu erlangen hoffen, ift die rafen« 
de Begierde zu befhügen, die fo viele fo genannte 
Mäcenen unter uns hervorbringt. Wie würde der 
tiebling des Auguſtus erftaunen, wenn er feinen Na— 
men fo entweiht fähe, und den Friechenden Ton hörete, 
den diefe Gelehrten gegen diejenigen annehmen, die 
ihn führen? Horaz fihrieb an den Mäcen, an den 
größten Herrn des größten Reiches, fo jemals gewe⸗ 
fen, in einem Tone der Gleichheit, der beyden Ehre 
macht; und unter unferer fo aufgeflärten und feinen 
Nation, die fich für fo wenig felavifch hält, würde ein 
Gelehrter, der mit feinen Befchüger fo reden würde, 
als Horaz mit dem feinigen redete, felbft von feinen 
Mirbrüdern getadelt werden. Die gemeine Einrich- 
tung unferer Zufchriften iſt eines von denen Dingen, 


welche die Wijfenfchaften ammeiften erniedriger haben. 


Faſt alle erfchallen von der Ehre, die die Großen den 
Wiſſenſchaften erzeigen, indem fie diefelben lieben, 
und Feinesiweges von der Ehre und von der Noth— 


3 Dand, 2g wen⸗ 


610 Verſuch ber die Geſellſchaft 


wendigkeit, die fie haben, wenn fie folhe lieben. : Es 
ſcheint als wenn man ſich daruͤber verglichen haͤtte, 
daß die Niedertraͤchtigkeit und Falſchheit weſentliche 
Stuͤcke dieſer Schriften ſeyn muͤſſen, als wenn die 


Sobfprüche, die auf eine edelmuͤthige Art ertheilet wer« 


ben, für diejenigen, die fie empfangen, nicht fchmei- 
helhafter, und für diejenigen, welche ſie austheilen, 


‚nicht ruͤhmlicher wären, 


Kann man fid) nad) ällem diefen ai wohl ver⸗ 
wundern, daß ſo viele mittelmaͤßige Genies, die aber 
demuͤthig ſind, ſich auf Koſten des wahren Genies em⸗ 


Beyſpiel zu ſuchen, der Orpheus unſerer Nation, der 
der franzoͤſiſchen Muſik ſo ploͤtzlich eine andere Geſtalt 
gegeben, und dadurch eine Veraͤnderung vorbereitet 
bat, die wir einſehen koͤnnen, wenn wir anders wol- 
len, der Gegenftand des Haſſes und der Verfolgung 


vieler Maͤcenen, ohne daß er ſich eines andern Ber- 


brechens gegen fie ſchuldig gemacht hat, als daß er 
über diejenigen erhaben ift, die fie in ihren Schuß 
nehmen ? Es ift wahr, daß eine Fleine Zahl von 


Großen ausgenommen, die fo glücklich find, den ganz 
Fen Werth der Gaben diefes berühmten Mannes 


u empfinden, und die Muth genug haben, um es zu 
En die an dem nicht das Vergnügen haben, daß 


Das Publicum ihren Ausfpruch befräftige, und daß 


fie endlich gezwungen werden, mit einem fchlechten 


Anftande das Urtheil der Marion zu unterfchreiben, 


ein Urtheil, das fie zuerft würden geſprochen haben, 


(hne felber zu wifen, warum,) wenn der große Künft- 
ler fich fo weit herab gelaffen hätte, fie zum Schein 


über die Muſik zu Rech zu ziehen. Sein glüdli- 
| cher 


* 


a — 
use ni Zn a ee kt ne 


por gefehwungen haben. Iſt nicht, um Fein anderes , 





) der Gelehrten und Der Großen. 6u 


cher Erfolg und fein Ruhm befräftigen dasjenige, 
mas ich «oben gefagt habe, daß das Anfehen der Ge 
lehrten in der Länge durchdringe, Ihren Beyfall 
hat er, mächft fich felbft, dvem Ruhme zu verdanken, 
deſſen er ißund, dem Neide und der Cabale zum Troge, 
genießet. Ich billige darum die Schwaͤrmerey eini« 
ger feiner Bewunderer nicht, die Hochachtung des 
Weiſen ift ruhiger; aber es iſt großen Gaben eigen, 
Schmwärmer zu machen, und man muß diefelben in ei— 
nem Jahrhundert erwarten, wo eine Art von Hel- 
denmuth erfordert wird, um erhabene Genies zu prei⸗ 
fen, fo wie man ſich Rechnung darauf machen muß, 
Enthufiaften, Geißler und Quaker in den Secten her⸗ 
vor zu bringen, die man verfolger. 

Man muß fich nicht vermundern, Daß die kleinen 
Gaben, die mehr nach dem Begriffe des Witzes und 
der Seele der meiſten Menſchen eingerichtet find, vor= 
züglich von ihm geliebet werden. Corneille ward zum 
Troſt aller großen Genies, die Ihm folgen werden, be: 
ftändig faft von allen Siebhabern feiner Zeit verfolger, 
deren Helden Scuderi und Boisrobert waren. Es 
mußte ud) fo feyn. In einem Borzimmer lernet 
man nicht große Sachen zu denken, zu fagen, und zu 
thun; und wenn Corneille fid) mehr in die Welt zer- 
ſtreuet hätte, fo würde man ihn mehr gelobet haben, 
aber den Polieuct würde er nie gemad)t haben. Ra⸗ 
cine, dem vielleicht, um den Corneille zu übertreffen, 
nichts fehlete, als daß er fo, wie er gelebet hatte, hatte 
Feinde zu beftreiten ; der Höflingsgeift, den er zu fehr . 
befaß, und der ohne die Athalia, Phädra, und den 
Britannicus feinen Ruhm einigermaßen befledfen 
würde, fonnte ihn MIR vor den PARTIEN in 

Id 2 Sicher: 


612 Verſuch uͤber die Geſellſchaft 


Sicherheit ſetzen, die er von denen Det, 
deren Sclave und Göße Pradon war. 
> Die muß indeflen die verfolgten Gaben tröffen, 


daß fie fehen, mit welchem Vergnügen das Publicum 


die Ausfprüche der. vorgegebenen Kenner aufbebt ; 
ihre Hochachtung ift faft der gewiſſe Fall eines Wer: 
fes; fie bilden fich ein, daß fie ein günftiges Borur- 
cheil fuͤr ihre Clienten erwecken werden, wenn ſie die 
Gabe derſelben ankuͤndigen; die Nation aber, der eine 
jede Gelegenheit, ihre Freyheit auszuuͤben, koſtbar iſt, 
und die einſieht, daß man ihren Beyfall ſtehlen oder 
rauben will, iſt eben darum weniger geneigt, dieſen 
guͤnſtigen Eindruck anzunehmen. Es verhaͤlt ſich eben 
ſo mit denen Werken, die angekuͤndiget ſind, und die 
man ſeit langer Zeit erwartet; das Publicum lebet 
nicht von der Hoffnung; je länger dieſelbe geweſen, 
am defto mehr verlanget es, daß die Wirfungen der- 
felben Genüge thun follen, und unglüclich iſt derje- 
nige, den feine Erwartung taͤuſchet. Nicht diefem 
lächerlichen und unnüßen Ausprahlen, fondern aufge- 
Elärten und ftrengen Freunden, die man in Geheim 
zu Richtern macht, die nur alsdenn billigen, wenn fie 
nicht umhin Fönnen, es zu thun, und deren Rathe man 
gelehrig nachgiebt, haf man die gute Aufnahme eines 
Werkes zu danfen. 

Sch babe bisher nur von denen Liebhabern geredet, 
die fi) Damit begnügen, die Gelehrten durch ihr mäch- 
tiges Anſehen und durch ihren ſchwachen Beyfall zu 
unterſtuͤtzen: ich verſtehe hier unter Anſehen, ein An— 
ſehen, das vermögend iſt Bewunderer zu verſchaffen, 
nicht aber das den Muth hat, maͤchtigen Gegnern die 
Spige zu biethen. Die Eros _ nur gar 

zu 


4 


der Gelehrten und der Großen. 613 
zu fehr, daß die verfolgten Gaben von diefer Seite 
nichts zu erwarten haben, und daß die Feinde die Be 
fehiiger bald zerftreuen. Aber die Gelehrten glauben 
vielleicht in den Einfichten gewiſſer Liebhaber, die man 
in zwo Elaffen theilen kann, mehr Hülfe zu finden. 

Die erfte Claffe enthält diejenigen, die fich felbft zu 


gut Fennen, als daß fie fich mit ihren Arbeiten an das 


Sicht wagen follten, die fich aber nicht, wie die meiften 


ihrer Mitbrüder, damit begnügen, daß fie einem Dich⸗ 
ter nad) ihren Einfichten das Erhabene, und einem 


Gelehrten Entdeckungen anpreifen; fie wollen ſogar 
ihre Höflinge aufklären, ihnen Entwürfe ihrer Arbei— 
ten geben, und ihnen in der Ausführung derfelben 
helfen. ch bin erftaunt, daß Fein Elient ven Muth 
hat, ihnen eben das zu fagen, was einige Handelsleute 
zu dem Golbert, der fie unterrichten wollte, fagten: 
2 afjen fie uns nur machen; dieſer Colbert, der 
ein fo großer Mann war, daß er nur von Dingen re: 
dete, die er verftand, und daß er felbft über die Hand- 
fung nüglichen Rath ertheilen konnte, war inveilen 
doch auc) groß genug, um es nicht übel zu nehmen, 
daß Leute, die aufgeflärter als er waren, ihren eignen 
Einſichten folgeten. 

In der zwoten Claſſe der Maͤcenen befinden ſich 
diejenigen, die ſelbſt auf den Ruhm der Autoren An- 
fpruch machen. Dank fey es der Schmeicheley, die 
ihnen opfert, felten mislingt ihnen ein folches Unter⸗ 
nehmen; follten fie aud) nur die angenommenen Vaͤ⸗— 
ter eines mittelmäßigen Werks feyn, das man unter 
ihrem Namen herausgiebt, fo werden fich ſchon hun- 
dert Federn drängen, fie zu preifen; von den Helden - 


bis auf die Therfites der Gelehrſamkeit werden ihnen 


243 alle 


64 Verſuch über die Gefellfchaft 
alle zufchreyen, daß fie ein Meifterftück hervorgebracht 
haben; hätten fie auch nur. einen Almanach gemacht, 
fo wird man ihnen beweifen, daß fie das Weltfyftern 
erfunden haben. Ä N. 
Diefer Vorwurf geht vornehmlich auf gewiſſe aus⸗ 
waͤrtige Sfournaliften, (denn ich glaube nicht, daß fich 
unter den franzöfifchen einige finden follten, die ihn 
verdienen). Miet der einen Hand richten fie der 
mächtigen Mittelmäßigkeit Statuen von Thon auf, 
da fie ſich mit der andern vergeblich bemühen, vie 
goldnen Etatuen großer Männer ohne Schuß und 
Anfehen, zu verflümmeln. Syn ihren periodifchen 
Dlättern, die man, wie der Herr von Voltaire die 
Geſchichte nennet, ein ungeheures Archiv von $ügen, 
und von ein wenig "Wahrheit nennen Fann, wird faſt 
alles gelobet, nur das nicht, was ſollte gelobet werden. 
Sie hun fich auch immer mehr Schaden durd) das 
Gute, fo fie von fehlechten Büchern fagen, als durch 
das Uebel, fo fie den guten zufügen wollen. Man 
kann diefe Syournaliften mit den Thorfchreibern der 
roßen Städte vergleichen, die den Zoll einnehmen ; 


fe pifitiven das gemeine Volk fehr fcharf, laffen die 
großen Herren ehrfurchtsvell vorbeygehen, erlauben 


ihren Freunden den Schleichhandel, begehen ihn oft 
felbft, und Halten dagegen dasjenige als contreband 
an, fo nicht contreband ift. Man muß übrigens von 


den Bücherrichtern Feine Ungerechtigkeit fordern, die 


eben fo niederträchtig ift als die Schmeicheley; aber 
es ift doch menigitens erlaubt, fie zu ermahnen, die 
Schrift von dem Berfaffer zu unterfcheiden. 


. Es giebt nod) eine letzte Art von Liebhabern, die _ 
mit Recht verdienen, höher als die andern geachtet zu 


wer⸗ 


der Gelehrten und der Großen. 615 
twerben, und. Die man als wahrhaftigere Beſchuͤtzer 
der. Wirfenfchaften anfehen kann; Es find diejenigen, 
die durch ihre Wohlthaten den Künften und Willen: 
ſchaften aufzubelfen fuchen. Ich beklage die Gelehr. | 
ten, denen ihre Gluͤcksumſtaͤnde eine fo traurige und 
gefährliche Huͤlfe nothwendig machen. Wenigſtens 
koͤmmt es ihnen zu, in ihrer Auffuͤhrung ſo viel Wuͤrde 
und Adel zu zeigen, daß ihnen der Wohlthaͤter ſelbſt 
verbunden ſeyn muß. Ich bezahle deinem Das 
ter, fagte Eenophon zu einem feiner Schüler, feine 
Gutthaten mır Wucher; denn ich bin die Ur⸗ 
ſache, daß ihn alle Welt lobet. 

Der Abt von Saint Pierre, dieſer Mann, deſſen 
Schriften die Traͤume eines redlichen Mannes ſeyn 
koͤnnten, deſſen ſehr philoſophiſche Geſchichte aber fuͤr 
unſer Jahrhundert in der That eine Art vom Traume 
ſeyn wuͤrde, trat dem Varignon einen anſehnlichen Theil 
feines Vermoͤgens ab, und ſagte zuihm: Ich gebe ih⸗ 
nen kein Gehalt, ſondern einen Contract; weil 
ich nicht will, daß ſie von mir abhaͤngen ſollen. 
Eine Art von Heldentugend, die verdienet, allen Wohls 
ehätern zum Mufter vorgeftellet zu werden. Nur um 
diefen Preis verdienet man ein Wohlthaͤter zu feyn; 
aber wie wenige. wirden diefen Titel unter folchen 
Bedingungen annehmen wollen ? 

Welch eine Lehre ift das Beyſpiel biefes Abs für 
geroiffe Wohlthäter, die oft eben fo geizig, als eitel 
find, die fich wegen einiger Wohlthaten, die nach ih: 
vem Vermoͤgen fehr geringe find, und die fich felbft 
die Mühe geben, heimlich auszubreiten, für Väter der 
Wiffenfhaften halten. Wenn man vechtfchaffene 
seute verbindet, fo muß man die Erfenntlichfeit in 

9 4 ihnen 


616 Verſuch uber die Geſellſchaft 
ihnen reden laſſen, fie weiß fich felbft fchon ftrenge Ge⸗ 
feße vorzufchreiben. Aber die Menfchen find fo auf- 
merkfam, alles das zu erhaſchen, was fie über ihres. 
gleichen erheben ann, daß man eine bewilligte Wohl⸗ 
that gemeiniglich als eine Art von Titel, als eine ‘Bes 
- fißnehmung desjenigen, den man verbindet, als eine 
Souverainitätsacte anfieht, deren man misbrauchet, 
um einen Unglüdlichen von ſich abhängig zu machen. 
Man bat fehr viel und mit Recht wider Die Undank— 
baren gefchrieben, aber man hat die Wohlthäter, in 
Ruhe gelaffen; dieß Capitel fehlet —* in der Ge⸗ 
ſchichte der Tyrannen. 

Es ſind auch duͤrftige Umſtaͤnde für eine dd 
te Seele die größte Hinderniß des Gluͤckes. Die 
gänzliche Armuth führet weit ficherer zu Bedienun- 
gen und Keichthümern, weil fie zu der Sclaverey 
gezwungen ift, und fich folglich dazu gewoͤhnet. Wie 
fehr macht der Defpotifmus und der Stolz der Wohl: 
thäter die Wohlthaten fürchterlich, und: bisweilen de= 
mürhigend! Wie viel Uebel fügen fie nicht felbft den 
Gaben dererjenigen zu, die fie verbinden ? Die Wohls 
thaten, die auf eine niederträdjtige Art empfangen 
erden, feßen die Seele, und in dev Folge auch die 
Begriffe herunter, und erniedrigen fie; felbft die 
Schreibart wird dadurch angeſteckt, denn die Schreib: 
art nimmt immer das Gepraͤge des Charakters an. 
Seyd erhaben in euren Geſinnungen, und laſſet eure 
Schreibart geſetzt und edel feyn. Ich will es nicht 
laͤugnen, daß dieſe Regel ihre Ausnahmen haben koͤn⸗ 
ne, wie eine jede Regel hat; aber dieſe Ausnahmen 
wuͤrden eine Art von ſeitenen Erſcheinungen ſeyn. 


Die 


\ 


der Gelehrten und der Großen. 617 
Die Römer fagten: Brodt und Schaufpiele. 
Wie fehr wäre es zu wuͤnſchen, daß alle ‚Gelehrte 
den Muth hätten, zu fagen: Brodt und Freyheit. 
Ich verftehe unter Freyheit nicht eine Freyheit, die 
nur —— fondern die auch ihre Schriften an—⸗ 
geht. Ich vermenge fie mit der verdammlichen 
tee nicht, die das anfällt, was fie verehren ſollte: 
der wahre Much ift der, welcher das Laͤcherliche und 
$after angreift, die Perfonen fchonet, und den Geſetzen 
gehorchet. Freyheit, Wahrheit und Armuth, 
| (denn wenn man biefe legtere fürchtet, fo ift man fehr 
weit von den beyden andern entfernet) ſind drey Wor- 
fe, die die Gelehrten, fo wie die Prinzen das Wort 
Nachwelt, beſtaͤndig vor Augen haben ſollten. 

Unter den verſchiedenen Maͤcenen unſers Jahr— 
hundertes, befinden ſich auch einige, die durch die Wiſ— 
ſenſchaften, oder das, was ihnen gleichet, gluͤcklich ge— 
worden, und andere Gelehrten, die weniger reich und 
bisweilen aufgeklaͤrter als fie find, in ihren Schuß neh⸗ 
men. Wenn man nad) der Art, wie fie ihnen be— 
gegnen, urtheilen wollte, fo füllte man glauben, daß 
das Wort, Nepublif der Gelehrten, fehr fchlecht aus- 
gefonnen ſey; nichts ift weniger vepublifanifch, als 
ihr Bezeigen gegen ihres gleichen. Sie fcheinen 
‚ überzeugt zu feyn, daß fie allein verdienen, reich zu 
feyn; man fagt ihnen, wenn fie fich bey einem anftän- 
. digen Bermögen über ihre Armuth beflagen, von ei- 
nem Gelehrten, der kaum das Nothwendige beſitzt, 
fo werden fie gewiß feine Umſtaͤnde für fehr bequem 
halten, Du haft Recht, würde einem‘ folchen Dio: 
genes geantroortet haben; aber ich möchte dich nur 
- einen zog an meiner Stelle *6 


618 Verſuch uͤber die Geſellſchaft a 
Dieſe Maͤcenen haben den Grundſatz, daß ein Ge- 
lehrter arm ſeyn muß. Sie geben deswegen zur Urs 
fahe an, die Armuth ſchaͤrfe den Geift, der Ueberfluß 
aber ſchlaͤfere ihn ein und ſchwaͤche ſeine Uebung; aber 
ihr wahrer Bewegungsgrund iſt dieſer, daß ſie auf 
dieſe Art einen zahlreichen Hof und mehr — 
haben koͤnnen. | 
Ich geſtehe es, fie werden bismeilen dafuͤr ie 
fet. Es fehler nicht ganz an Benfpielen, daß dieſe 
Tyrannen im Reiche der Gelehrfamfeit, die von. den 
Ausländern und Franzoſen gepriefen werden, zum. 
Schrecken derer, die ihnen gleichen, ihren Ruhm übers, 
leben, wenn fie durch Die Beränderung ihrer Umftande 
unvermögend werden, zu nußen oder zu ſchaden. 
+ Mach eben. diefem Grundſatze der. vorgegebex 
nen Abhängigkeit, worinn die Gelehrten feyn follen, 
bat der Geift. des Defpotifmus in einigen berühmten | 
Akademien zu herrfchen angefangen, der, wie ich mie, _ 
zu behaupten getraue, dem Fortgange der Willen 
fchaften fhädlich gewefen feyn würde, wenn nicht viele 
Glieder dieſer Geſellſchaften fo vorzügliche Gaben ges 
habt hätten; denn in einem defpotifchen Staate beftes 
hen die Tugenden der Bürger darinn, daß fie fich be- 
triegen lafien ; aber man muß fo geſchickt ſeyn, fich 
bisweilen bemwiegen zu laſſen, und man findet 
noc) immer Leute, die fo edel gefinnet find, daß ſie 
fich betriegen laffen. Der Cardinal von Richelieu, 
hatte der franzöfifchen Afademie eine fehr einfache und 
edle Geſtalt gegeben, aber es war auch der Kardinal 
von Kichelieus Er fabe, ungeachter feiner Meigung 
zu einem defpotifchen Syſtem, das er fo weit ausdehnte, 


2 ein, daß ſich vi einen ſolchen Staat, als die _ 
[ Repu⸗ 





der Gelehrten und der Großen. 619 
Kepublik ver Gelehrten ift, die nur durch die Frey: 
. heit beftehen Eann, die deinocratifche Regierungsform 
am beiten ſchicke; dieſer feltene Mann, der den Werth 
der Gaben wußte, wollte, daß in der franzöfifchen 
Afademie der Wis in gleicher Linie dem Range und 
dem Adel zur Seite gehen, und daß alle Titel dem Titel 
eines Gelehrten weichen follten. Er wollte, daß dieſe 
Akademie größtentheils aus den guten Schriftſtellern 
der Nation beftehen follte, um fie in den Augen der Wei: 
fen ehrwürdig zu machen, und aus einer Eleinen An— 
zahl von Großen, um fie in den Augen des Pöbeis 
ehrwuͤrdig zu machen ; dieſe letztern follten bloß die 
Stellen ausfüllen, die die großen Schriftfteller Leer 
laſſen würden, und auf Diefe Art follten bey der franz 
zoͤſiſchen Akademie die Borurtheile dazu dienen, um 
die Gaben zu ehren, und nicht die Gaben dazu Dies 
nen, den Vorurtheilen zu ſchmeicheln. Vornehm— 
lich ſollte man aufmerkſam ſeyn, diejenigen davon aus— 
zuſchließen, Die zugleich Schriftfteller und große Herz 
ven feyn wollen, und Feines von beyden find. Er 
ftellte fid) nicht vor, daß es dereinft Leute geben wuͤr— 
de, die fich daran ftoßen winden, wenn fie ſich in der 
Akademie zwifchen dem Defpreaur und Kacine fä- 
ben ; eine Stelle, woraus fih Maäcen eine Ehre 
würde gemacht haben, und die er mit Befcheivenbeit 
wuͤrde angenommen haben. Mit einem Worte, der 
Cardinal von Richelieu fahe leicht ein, daß es gerähr- 
lich feyn würde, in die gelehrten Öefellfchaften einen - 
Geiſt der Ungleichheit einzuführen, der vermögend 
it, Verwirrung darinn zu unterhalten, Die großen 
"Gaben abzumeifen, in der Länge der Zeit diefe beruͤhm— 
ten: BISHER mit mitselmäßigen $euten anzufül 

len, 


620 Verſuch über die Geſellſchaftt 
Ien, denen der Titel eines Mitgliedes nothwendig iſt, 
und die gelehrten Belohnungen von dem Eigenfinne 
und dem Neide gar zu abhängig zu machen. ii 
Dieſe Belohnungen find übrigens zur Aufnahme 
der Wiſſenſchaften felbft unter unferer Nation fo noth- 
wendig nicht, als man glaubt. Corneille, La Fon- 
taine und viele andere haben diefelben nicht gehabt, 
und vermuthlic) wuͤrde auch Nacine feine Trauerfpiele, 
und Defpreaur feine Dichtfunft ohne diefelben ge- 
macht haben ; ohne fie haben unfere Zeiten die Hen- 
riade, den Geift der Gefeße (’Efprit des lois) den 
Hippolyt und Aricie und viele ſchoͤne Werfe eben der: 
feldigen Berfaffer und einiger. andern hervor gebracht. 
Die großen Gaben haben um ſich zu entwickeln Feine 
andere Triebfeder vonnöthen, als den Antrieb der 
Natur. Sie ift es, und nicht das Glück, fo einen 
großen Mann zwingt, es zu ſeyn. ie bevölferte 
mitten in den bürgerlichen Kriegen Flandern mit ge- 
ſchickten und armen Malern. Sie hat Italien fo 
viele berühmte Künftler gegeben, wovon nur fehr we⸗ 
nige im Ueberfluſſe gelebt haben. NN. | 

Man mürde ſich indeffen doch irren, wenn man 
ohne alle Einfchränfung behaupten wollte, daß die 
übel ausgetheilten Belohnungen allezeit den Muth 
erhabener Geifter niederfchlagen : fie find bisweilen 
dazu gut, große Dinge bey denenjenigen hervor zu 
bringen, die fie nicht erhalten, fie arbeiten nicht in 
der Abficht, Dazu zu gelangen, fondern fie zu verdie- 
nen. Dieß it der vornehmfte Mugen diefer Beloh⸗ 
nungen, vornehmlich, wenn fie ohne Unterfchied und 
mit vollen Händen ausgetheilet werden. Laſſet uns 
nicht wünfchen, daß man ihre Quelle verftopfe. Dieß 

| wuͤrde 


der Gelehrten und der Großen. 621 


würde die Gelehrten zum wenigſtens auf eine Zeit⸗ 
lang fo niederfchlagen, daß es meiner Meynung nad) 
mehr ‚Schaden thun würde, als die Huldigungen 
und die Art von Abgötterey, wozu der Eigens 
nuß fie verbindet: und: ich will dem unfinnigen Kai⸗— 
ſer nicht gleichen, der die Bibliothek zu Conftantinos 


pel verbrennen ließ, weil die Gelehrten in feinem Reis 


che die Bilder anbetheten, Ich glaube bloß, daß die 
Belohnungen feltner feyn follten ; dieß würde dazu 
dienen, daß fie beffer ausgetheilet würden , die Spar: 
ſamkeit ift aufgeflärter, als die Verſchwendung, da⸗ 
durch wuͤrden die Menſchen mehr an ihre rechte Stelle 
geſetzet werden, die Belohnungen, die ſchwerer zu erhal⸗ 
ten geworden, würden nur von denen ſtreitig gema— 
chet werden, die fie verdammen; und die Schriftftel= 
ler, die Philoſophen die berühmten Künftler werden 
außerdem in der Hochachtung ihrer Nation einen 
Preiß erlangen, der fehmeichelhaft genug für fie feyn 
wird, um gebuldig andere Belohnungen erwarten zu 
fonnen, oder diejenigen ſchamroth zu machen, die ih⸗ 

nen diefelben entziehen würden, 

Aber die Großen müffen nie vergeffen, wenn fie 
den Willenfchaften Gutes thun wollen, daß die per= 
fönliche Achtung die wefentlichfte Belohnung der Ga⸗ 
ben ift, die alle andere erhöhet, die felbft ihren Ab— 
gang erfegen Fann. Diefer Achtung hatte Griechen- 
land die großen Männer zu danfen, die es in allen 
Arten hervor brachte, dieß ift die fchäßbarite Gunft, 
die die Willenfchaften in unfern Zeiten von einem 
Monarchen erhalten, der den Thron mit allen Ein- 
fichten und Tugenden des Julians befist, ohne feir 
nen — zu haben. Die Gleichguͤltigkeit 

Carls 


622 Berfuch uͤber die Geſellſchaft 
Carls des V. gegen die Wiffenfchaften, die bis auf ſei⸗ 
ne Nachkommen fortgepflanzee iſt, ſcheint eine der vor⸗ 
nehmſten Urſachen zu ſeyn, die das Wachsthum des 
Geiſtes in ihren Staaten bisher aufgehalten hat. 
Preußen wird feinem Friedrich aus einer entgegenge⸗ 
ſetzten Urſache den Fortgang verdanken, den es in 
den Kuͤnſten und Wiſſenſchaften machen wird. Bey 
dieſem Monarchen, der uͤber die Vorurtheile erhaben 
iſt, unterſcheidet die Menſchen nichts, als das Ber: 
dienſt. Das Licht und die Wahrheit, die den Prin- 
zen fo nothwendig und gemeiniglich fo fehr verborgen 
find, die er aber liebt und kennet, weil er ihrer wür: 
dig üt, find die Frucht der weilen und feinesweges 
zügellofen Freyheit, die er den Wiſſenſchaften zugeite- 
het. Die Gaben des Geiſtes, das Ungluͤck und die 
Philoſophie geben Anrecht auf ſeine Guͤte. Sein 
Geſchmack an den Wiſſenſchaften und ſchoͤnen Kün- 
ſten ift um fo viel aufgeflärter, um fo viel wahrer, 
und um fo viel lobenswürdiger, da er feinen wichti— 
gern Sorgen nichts entzieht, und da er vor allen 
Dingen König zu feyn weiß. Es fihränfen ſich auch 
die Lobfprüche, Die er erhält, nicht auf die Stimmen 
feiner Unsertdanen ein ; von dem ganzen Europa be- 
kraͤftiget, deſſen einmuͤthige Stimme der Probierftein 
des Berdienftes der Monarchen ift, werden fie noch 
von den Fünftigen Zeitaltern beftätiger werden, deren 
Urtheil man ihm zum Boraus anfündigen kann, weil 
er diefelben nicht fürchten darf, Möchte er doch die— 
fes ſchwache aber uneigennüßige $ob eines Gelehrten 
annehmen, deſſen Feder noch nie Durch die Schmei- 
cheley entehret ift, der vielleicht. nie die Ehre haben 
wird, fih ihm zu nähern, den Die Freundſchaft in fei- 
nem] 












der Gelehrten und der Großen. 623 


nem Vaterlande zurücfe hält, weil fie ihm die Stelle 
des Glückes vertritt, und der nichts von ihm verlan⸗ 
ge als feine Hochachtung. 

Warum kann ich nicht zur Ehre unferer Nation 
— dieſes von allen unſern Maͤcenen fagen ? Aber 
die Wahrheit und die Gerechtigkeit widerfegen ſich 
meinem guten Willen. Ich kann wenigftens be- 
theuern, daß ich auf feinen ins befondere mit den cri- 
tifhen Betrachtungen gezielet habe, die man in die— 
fer Schrift findet. Wenn wider meine Abficht ſich 
jemand darinn zu erfennen glauben follte, fo kann ich 
ihm Feine andere Antwort ertheilen, als die, fo Pro- 
togenes dem Demetrius gab : Sich kann nicht 
glauben, daß ihr die Rünfte befrieger ; denn 
ein unverftändiger Schuß iſt ein wahrhafter Krieg 
wider die Gaben. Glücklich werden wenigſtens die 
Gelehrten, feyn, wenn fie endlich erkennen, daß das 
ſicherſte Mittel ſich Hochachtung zu erwerben, iſt, 
daß ſie unter ſich vereiniget, und gleichſam eingeſchloſ⸗ 
ſen leben, daß ſie es durch dieſe Vereinigung leicht 
dahin bringen werden, daß ſie den uͤbrigen Theil der 
Nation in den Werken der Philoſophie und des Ge— 
ſchmackes Geſetze vorſchreiben koͤnnen; wenn fie ein— 
ſehen, daß die wahre Hochachtung diejenige iſt, die 
von Leuten ertheilet wird, die wuͤrdig ſind, ſelbſt hoch 
geſchaͤtzet zu werden; af die Prableren ein Poffen- 
fpiel ift, das den Zufchauer und den Acteur beſchimpfet, 
und daß der Durjt nad), Ruhm und Reichthuͤmern 
‚eine von denen Urfachen if, die zum Berfalle der Wif- 
fenfchaften unter uns das meifte beytragen werden. 

Die find die Betrachtungen und die Wünfche ei- 
nesSchriftitellers, ohne Künfte, ohne Intriguen, ohne 
' Bey⸗ 


624 Verſuch Aber die Geſelſchaft x. | 


Beyſtand, und folglich ohne Hoffnung, aber auch 
ohne Sorgen und ohne Begierden. Ich weiß, daß 
das falfche Intereſſe der Menſchen fich immer ihrem 
wahren Bortheile widerſetzen wird, und ich kann viel- 
leicht eine platonifche Republik entworfen haben ; in 
diefem Falle werde ich nicht der erfie Mißionarius 
ſeyn, der mit mittelmäßigen Gaben fehr guten Ab- 
fichten, mit noch beffern Gründen und einer Auffüh- 

‚rung, die feiner Lehre gemäß ift, das Unglück gehabt, 

niemand zu bekehren. Vielleicht aber wird mein 
Beyfpiel, ob es gleich an und fir fich felbft wenig 
überreden und einnehmen kann, endlich von einem un- 
ferer berühmteften und ausgedehnteften wißigen Köpfe 
nachgeahmet werden. Ich zweifele nicht daran, daß 
er, der dem ftürmifchen Meere entgangen it, Das ich 
nur eben erblicfet habe, den Gelehrten mit vielem Nu- 
Ben und mit vieler Wahrheit fagen koͤnne: 


Parcite oues nimium procedere, non bie ripae 
Creditur; ; ipfe aries etiam nune — ſiccat. 





IL. 


625 

Krrr eK ****5 Er *** * * Kr 
— Erklaͤrung 

gewiſſen Bildfaͤule, 

welche 


einen galliſchen Prieſter 
vorſtellet. 
Aus ber Nouvelle Bibliotheque Germanique T. XII; 
Part, Il. p. 379. 


Mein Herr, 
’ IL: Sie ohnlängft durch Genf reiſeten, ſo un⸗ 


= 


— 


terließen Sie nicht, alles daſelbſt in Augen⸗ 
ſchein zu nehmen, was man gemeiniglich den 
Reiſenden zu zeigen pfleget. Bey dieſer Gelegenheit 
vergaßen Sie die oͤffentliche Bibliothek nicht. Sie 
betrachteten allda verſchiedene Merkwuͤrdigkeiten, dar⸗ 
unter aber einige, wie Sie ſagten, eine Erlaͤuterung 
gebraucht haͤtten, welche man Ihnen nicht geben konn⸗ 
te, weil es gemeiniglich bey ſolchen Umſtaͤnden die 
Zeit nicht verſtattet. Sie erinnern ſich itzo einiger 
derſelben, von denen Sie gern mehreres Licht gehabt haͤt⸗ 








tehmen ſoll. Sie führen unter andern eine Fleine 
ildfänle von Erzt an, welche einen m gallſchen Prie⸗ 
3 Band. Rr ” | 


en, und Sie fhreiben an mich, daß ich diefes auf mich - 


6 Erklärung di einer Bildfäule 


ſter Hätte vorftellen follen, und welche Sie wegen ih⸗ 
rer Seltſamkeit nicht genug haͤtten betrachten koͤn⸗ 
nen. Davon ſoll ich Ihnen num gegenwärtig meine 
Gedanken ſagen. Sie verlangen zu wiſſen, was 
man für Beweiſe hat, daß ſich die Sache fo verhalte, 
wie man Ihnen gefaget hat, und ob es nicht hierüber 
verfchiedene Meynungen giebt. Ich ſoll sonen fer⸗ 
ner melden, wo und zu welcher Zeit man diefe Bilde 
fäule gefunden hat; und endlich, ob man Aen! 
lich erfahren Fann, in welchem Be i mag 
feyn verfertiget worden. ' 


Diefe Bildfäule wurde zu Ende des vorigen Jahe · 
hunderts in hieſiger Gegend gefunden. Man arbei⸗ 
tete 1690 an einem Feſtungswerke auf der Seite ge— 
gen die alte Vorftade St. Victor, und da man das 
Erdreich aufgrub , fand man dieſes Stuͤck des Alter 
thums. Sie iſt noch vollkommen unbeſchaͤdiget, und 
ſcheint nur erſt aus der Arbeit gekommen zu ſeyn. Es 
fehlet nichts daran, als ein gewiſſes Inſtrument, wel⸗ 

ches ſie in der linken Hand hatte, und welches weg— 
gekommen iſt. Da Sie vielleicht itzo nur noch einen 
unvollfommenen Begriff davon haben, fo will ich 
niit einer etwas ausführlichen Beſchreibung derfelben 
den Anfang machen. Diefe Bildfäule iſt nur fünf 
oder fechs Zoll hoch. Sie ftellet eine Mannsperſon 
vor, welche in ihren beſten Jahren iſt. Sie haͤlt 
in der rechten Hand ein klein Gefaͤß, welches 
leer iſt. Ihre ganze Bekleidung beſteht aus 
einem kurzen und engen Gewand nach alter Art. 
Dieſes iſt unter dem Halſe mit einer Art von Haken 
zuſammengeheftet. Die Süße find nur mit einer Art von 
kleinen 


4 


eines galliſchen Prieſters. 627 


Kleinen Stiefeln bekleidet, welche nicht einmal bis an 
die Waden reichen. | 
Unſere Kenner der Alterehümer machten gar bald 
ihre Muthmaßungen über diefen Fund bekannt. Ei— 
ner von ihnen glaubte bey der erften Unterfuchung, 
daß diefes Bild gar wohl einen von den römifchen 
Kaifern, die nad) dem Adrian regieret Haben, vor— 
ftellen dürfte, und einige Eleine Merfmaale beredeten 
ihn, es wäre Antonin, der Fromme. Das Fleine Ge— 
faß in der rechten Hand erflärete ev als ein Kennzeia 
chen, oder Sinnbild feiner Vergoͤtterung, und er 
muthmaßte, daß er in der linken Hand einen Wurfe 
fpieß müßte gehabt haben. Er fuchte feine Muth— 
maßung durch einige Münzen zu beflärfen, wo diefer 
Kaifer alfo vorgeftellee wird. Er berufte fich fon- 
derlich Darauf, daß man diefen Prinzen ehemals auf 
einer Säule zu Nom in diefer Stellung gefehen bat. 
Auf Befehl des Pabfts Sirtus des Fünften wurde 
diefe Bildſaͤule weggefchaffer, und eine andere von dent 
heiligen Paulus an deren Stelle gefeget, Nachdem 
man indeffen die Sache reiflicher erwogen hatte, fo 
wurde diefe Muthmaßung gänzlich verworfen. Wenn 
diefe Bildfäule hätte den Antonin vorftellen follen, fo 
hätte fie müffen einen $orbeerfranz haben. Ueber 
diefes ift die Bekleidung der Füße weder römifch, 
noc) dem Anzuge eines Kaifers gemäß, - 

Ein anderer KRunftverftändiger, welcher wegen dies 
fer Bildfaule gefraget wurde, verficherte, daß man 
nicht das geringfte Kennzeichen der Faiferlichen Wuͤr—⸗ 
de daram fände, fondern daß es feiner Meynung 
nach bloß ein römifcher Befehlshaber der Soldaten 

ſeyn müßte, den man fo vorgeftellet häfte, als wenn 
RR > Ä ’2 er 


628 Erklaͤrung einer Bitdfäufe 


er im Begriffe ftünde, vor oder nach in einem ‚Feld. 
auge ein Opfer oder eine Libation zu verrichten. 2 

Dieſer Kenner der Alterthümer wurde wieder von 
einem andern beftritten, welcher ihm vorftellete, daß 
man hey dieſem Bilde kein einziges Zeichen eines 
Kriegsmannes, weder Schild, noch Helm, noch De⸗ 
gen, mit einem Worte, nichts, was zu einem Krieges⸗ 
bedienten gehoͤret, antraͤfe. 

Endlich befand man nach einer noch ſchaͤrfern Un⸗ 
terſuchung, daß die Kleidung ganz und gar galliſch 
war. An den kurzen Kleidern konnte man dieſe Na⸗ 
tion beſonders unterſcheiden; wie man aus dieſem la⸗ 
teiniſchen Verſe ſieht: 

Dimidiasque nates Gallica Palla tegit. 

Man erkannte hernach, daß das Gefaͤße, welches der 
Gallier in der rechten Hand haͤlt, einen Bedienten 
des Gottesdienſtes, oder eine gewiſſe Art von einem 
Opferprieſter anzeigen muß. Man kann ihn weder 
für einen Griechen, noch Nömer halten; denn bey 
dieſen beyden Volteen mußten die Bedienten des Al⸗ 
tars ihr Amt in langen Roͤcken verrichten. 

Eine noch genauere Betrachtung aller Umftände 
beftärfete diefe Muthmaßung vollfommen. Sie koͤn— 


nen fich leicht einbilden, Yijein Herr, daß man bie: | 


fen Eleinen Mann, fo bald man ihn aus der Erde 
gezogen, wird mit großer Aufmerffamfeit vom ‚Kopfe 
bis auf die Füße betrachtet haben. Kein einziger | 
Gefichtszug blieb unfern neugierigen Kunftrichtern | 


verborgen. Nachdem fie feine Gefichtsbildung genau || 


unterſucht und befunden haften, daß fie vollfommen 


allobrogiſch, das ift, grob * * war, ſo richteten 


ſie 


2 





| 


eines galifchen Prieſters. 629 
fie ihre Aufmerfamfeit auf alles, was ihn noch — 
-maßen weiter Fenntlich. machen Fonnte. 
Sein Kopf ift bloß, aber er hat viel Haare; doch 
diefes zeiget nur überhaupt einen Dpferpriefter an, 
wie man bey den Alten, bemerket, ausgenommen in. 
Aegypten, wo fie fi) Be die Haare abfcheren 
lafien. 
Diodorus Siculus und Sueroniig, berichten ung, 
daß die celtifchen und alten deutſchen Priefter fich fehe 





















haben, und den natürlichen Mangel derfelben durch, 
fremde Haare zu erfegen. - Die, welche man aufunfe- 
ver Bildfaule erblicker, fcheinen auch falfch zu ſeyn. 
Das Befondere, das die Priefter dieſer Nation hat- 
ten, mar ihre Art, die Haare in Ordnung zu legen. 
Sie ftrichen dieſelben uͤber der Stirne gegen den Wir— 
bel des Hauptes in die Hoͤhe, und kruͤmmeten ſie her— 
nach wieder herunterwaͤrts, dergeſtalt, daß dieſes einen 
Buͤſchel oder eine Art von Wulſt auf der Stirn ma— 
chete. Varro meldet uns, daß die Art, wie die Prie— 
ſter ihre Haare herum zu Drehen pflegten, einen beſon— 


fiehe diefen Auffag von Haaren fehr deutlich auf unſe- 
rer Bildfäule. 

Nachdem unfere Kerner der Alterthümer dieſen 
Priefter einige Zeit bey den Haaren gehalten harten, 
m fich feiner deſto beffer zu verfichern, fo faffeten fte 


licher Schmud bey der gallifchen Priefterfchaft. Sie 
emüheten fich, einen fo großen Bart zu haben als nur 
oͤglich war. Der Bart an unferer Bildfänle ift 
eit, überaus Dick und ſtark, wobey die Seitenhaare 

Rr 3 nicht 


angelegen ſeyn ließen, viel Haare auf dem Kopfe zu 


dern Namen haͤtte, und Tutulus genennet wuͤrde. Man 


ihn hernach bey dem Barte. Es war auch ein weſent- 


— 


60 Erklaͤrung einer Bildſaͤule 
nicht in die Höhe geftrichen, fondern herunterwaͤrts 
gekruͤmmet find. RE N. Br 
Hierauf kam man auf das Gewand. Außer dem, 
daß es fehr kurz ift, bemerfere man noch, daß es durch) 
‚einen Gürtel zufammengezogen war, welcher mit Zier⸗ 
rathen mochte verfehen geweſen ſeyn. Man findet 
den Gürtel allezeit auf den Münzen, welche einen alten 
Dpferprieftet vorftellen. - Ich habe nicht nötbig, mein 
Herr, Ihnen dasjenige zu wiederholen, was die heilige 
Schrift von dem Gürtel des jüdifchen Hohenpriefters 
erwaͤhnet. —— N Tg 
Die Bekleidung der Füße befteht, wie ich ſchon ge= 
fagt habe, in einer Art von hohen Schuhen, oder viel- 
mehr Halbftiefeln, welche nur an den halben Fuß rei⸗ 
chen, und den ganzen Dbertheil veffelben bloß laffen. 
Sie fcheinen bloß beftimmt geweſen zu feyn, die Bes 
ſchwerlichkeiten der Reife deſto beffer auszuftehen. Al⸗ 
lem Anfehen nach war diefes der gemöhnliche Anzug 
der ganzen Nation. . 
Aber das Fleine Gefäß, welches der Priefter in der 
rechten Hand hält, verdienete mehr Aufmerffamkeit als 
alles andere, weil man daraus am allerdeutlichiten fe= 
ben Fann, was die Bildfäule vorftellen fol. Wenn‘ 
man die Stelfung genau betrachtet, fo fheint es, daß 
man einen Priefter hat abbilden wollen, wie er im Be⸗ 
griffe ſteht, den in diefer Schale befindlichen Wein 
zwiſchen die Hörner des Schlachtopfers auszugießen, 
| Ipfe tenens dextra Pateram inter Cornua fudit, 
wie Birgil fagt. Hk i 
Einige Schrifefteller Haben geglaubet, daß die Pa- 
tera ſowohl ein Flein Gefäß zu den Sibationen, — | 
RE | * 







eines galliſchen Briefters, 631 
auch ein größeres und breiteres bedeutete, welches ei» 
nen Henkel hatte, und darzu dienete, daß man das Blut 
Des Schlächtopfers auffieng. Aber die eigentlich fo- 
genannte Patera hat weder Henkel noch fonft etwas, 
mo man es anfaflen koͤnnte. N 
Die gallifchen Priefter haften diefes Opfergefaͤß fo 
oft in den Händen, daß uns Aufonius berichtet, man 
bätte fie fetbft unter: viefem Worte zugleich verftan: 
den. Dieſes werden fie in feinem fünften Gedichte 
finden, welches die Leberfchrift hat: 
Commemoratio Profeflorum Burdigalenfium.. 


Man findet dafelbft ven Sobfpruch des Redners Attius 
Patera. Ich will folchen-ganz hieher feßen, um Ih— 
nen die Mühe zu erfparen, es aufzufchlagen: 
Tu Bagocafli flirpe Druidum fatus, 
Si fama non fallit fidem, 
Beleni facratum ducis e templo genus: 
Et exinde Vobis nomina 


Tibi PATERAE: fic Miniffros nuneupare 
Apollinaris. Myftici. 


Hier fehen Sie, daß er zu ihm fagt, er hätte den a 
namen Parera erhalten, weil er aus einer Familie der 
Druiden zu Bayeup in der Normandie geboren wor⸗ 


den. Mir erfehen hieraus, daß man eine gewiffe 


Elafie ver gallifchen Priefter alfo zu benennen pflegte. 
Solcergeftalt ift das Sinnbild, telches man unferm 
Priefter in, die Hand, gegeben dat, ein überaus deutli⸗ 
ches Merkmaal, und läßt weiter Feinen Zweifel wegen 
feiner Bedeutung übrig. Es bezieht ſich auf dieſer 
Bildfäule alles auf die Borftellung eines Priefters, 
welcher fein Amt verrichtet. Man kann mit vieler 
Ä Wohrſcheinlichteit muthmaßen, daß, was er in der 
v4 linfen 


632 Erklärung einer Bildſaute 


linken Hand gehabt und verloren gegangen, ein Opfer 
meffer müffe gewefen ſeyn. 

Als man Ihnen diefe Bildfäule‘ auf unferer Biblio⸗ 
thek zeigete, ſo gab man vor, ſie ſollte einen alten Drui⸗ 
den vorſtellen. Die Verſe des Auſonius bringen uns 
auf dieſe Meynung. Was aber hier bey noch einigen 
Zweifel erregen koͤnnte, iſt die Befchreibung, welche der 
berühmte Herr von Bochat von einem Druiden ger 
machet hat, der auf einem fübernen Opfergefchirr, dag 
‚man in der Schweiz im Jahre 1633 gefunden, vorge: 
fiellet wird. Man fieht an diefem Gefäße verſchiedene 
Bilder in erhabener Arbeit, und unter andern einen 
Druiden, 

Dieſer gelehrte Renner der Alterthümer beſchreibt 
uns dieſes Bild folgendermaßen: „Dieſes Bild, ſagt 
„er, ſtellet einen Mann vor, der mehr alt als jung iſt, 
„und einen kurzen ftarken Bart hat, wovon der Mund 
„bedecket iſt. Er hat Eurze Haare. Der Rock ift 
„nicht gegürtet, und bat faft gar Feine Falten, er geht 
„ihm bis über die Waven. Das ift fein ganzer An- 
„zug. Die Aermel,melche faft nur die Schulter und 
„die Hälfte des Yrmes beveden, find bis faft an die 
„Schulter mehr als einmal aufgefchnitten. : 
„Was am meiften bey diefem ‘Bilde einem OH 
„den Ahnlic) iſt, beſteht darinnen, daß er in der rech- 
„ten Hand eine Art von Sichel oder großem Meffer, 
„und in der linfen einen Zweig von Miftel, der auf 
- „den Eichen wächft, Hält, welchen er mit feiner Sichel 
abgehauen hat, oder etwas Eifenfraut, welches die 
„Druiden eben ſo bielten und gehrghchten wie — 
„Miftel, „, * » i 
i Wienn 


* Hiftoire ancienne wi Suiffe T.II.p. 412. ° 





< eines galliſchen Prieſters. 6533 


Wenn man dieſe Beſchreibung mit unſerer Bild» 
ſau⸗ vergleicht, ſo findet man zwar eine Aehnlichkeit 
darinnen; aber der Anzug iſt ſehr verſchieden, welches 
denn manchen bereden koͤnnte, daß einer von beyden 
nothwendig Fein Druide ſeyn muͤſſe. Der, welchen 
der Herr von Bochat beſchreibt, hat einen ziemlich lan⸗ 
gen Rock, aber der unſrige hat ein ſehr kurzes und mit 
einem Gürtel zuſammengezogenes Gewand. Der 
auf dem Opfergefaͤß abgebildete Druide hat gar Fei- 
nen Gürtel, da ich doch ſchon gezeiget habe, Daß der 
Gürtelein wefentlicher Zierrath bey den alten Prieftern 
war. 

Aber diefer gelehrte Kenner des Alterthumes eröff- 
net ung etwas, welches dem ganzen Streite ein Ende 
‚machen dürfte, Er gefteht,daß fein Druide ziemlich 
viel Aehnlichkeit mit dem Gotte Sylvan hat. Man 
pflegte dieſen Waldgott mit einer Sichel in der einen 
Hand, und mit einem Zweige in der andern vorzuſtel⸗ 
en. Was der Herr von Bochat vor Mittel oder vor 
Eifenfraut gehalten hat, fann gar leicht ein Zweig feyn, 
welchen der Bildhauer würde größer gemacht haben, 
wenn es-die Sänge des Dpfergefäßes verftattet hätte, 

Ueberlegen Sie nur einmal, mein Herr, daß alle 
die andern Bilder, welche um dieſes Gefäß herum ge= 
macht find, Gottheiten vorftellen. Man fieht da den 
Jupiter, den Mars, den Apollo, die Diane, den Mer: 
fur. Das Bild, das dem vermeyntlichen Druiden 
am naͤchſten fteht, und über welchen der Herr Bochat 
zweene Raben zu bemerfen geglaubet hat, ift, allem 
Aſehen nach, die Venus mit ihren zwo Tauben, wel- 
ches die Sinnbilder find, die ihr die Poeten zur Beglei- 
tung geben. Man wird alsdenn nichts als Gottheis 

Rt: 5 | ten 


654 Erklärung einer Bildſaͤule 
ten auf dem Opfergefaͤß e ſchen und man kann nicht 
begreifen, was ein Druide mitten unter dieſen Gott: 
heiten machen follte. Die Eleinen Zufäße, die ich Ih— 
nen ißo zu weiterm Machfinnen überlaffe, Fommen von 
einem Gelehrten biefiger Gegend, welcher fich mic den 
Alterthuͤmern fehr.befannt gemacht hat, welcher aber 
zugleich dem Herrn von Bochat das Endurtheil hier: 
über —— 

Es iſt Ihnen bekannt, daß die Druiden bey den 
Galliern Prieſter, Sittenlehrer, Aerzte, Meßkuͤnſtler, 
oder vielmehr Sterndeuter, und fonderlich Richter mas 
ren. Ihr Amt war, daß fie das Necht fprachen. Nur 
fie entfchieden faſt alle Zwiftigfeiten, und feßten Stra- 
fen und Belohnungen. Wenn es jemand nicht wollte, 
ben ihrem Ausfpruche bewenden laflen, fo wurde er 
‚von den Opfern ausgefchloffen. Der Bann war unter 
ihnen eingeführet. Der Bann der Druiden war da- 
mals eben fo erfchrecflich, als der Bann der Paͤbſte i in 
den folgenden Zeiten. 

"Die Druiden verſammleten ſich alle Sabre in der 
Gegend. von Ehartres, und zwar ganz nahe bey der 
Stadt diefes Namens, weiche ungefähr für den Mit⸗ 
telpunct von Gallien gehalten wurde, Einzelne Pers 
fonen, welche Streitigkeiten unter einander hatten, bes | 
gaben fich von allen Seiten in dieſe Berfammlung, | 
welche an einem geweiheten Orte gehalten wurde, Hier 
wurden die NRechtshändel gemeiniglich entfchieden, und 
das Urtheil, welches die Druiden fälleten, galt faft ebert 
fo viel, als ein göttlicher Ausſpruch. ' 

Die Druiden hatten ein gewiſſes Oberhaupt, wel⸗ 
ches man ale ihren Hohenprieſter betrachten konnte. 
Dan. überließ u eine unumfchränete Gewalt, — 

einem 


eineg gallifegen Prieerd, 635 


feinem Tode folgete ihm derjenige, welcher Die meiften 
Berdienfte unter ihnen hatte. Er wurde gemeiniglic) 
durch die Mehrheit der Stimmen erwähler. Aber 
diefe Wahl verurfachete zuweilen. Uneinigfeiten und 
Zerrüftungen, ſo daß es fogar bey verfchiedenen Ges 
ALIEN zu Ihätlichfeiten Fam. : 

Es würde fchon der Mühe werth feyn, daß man 
ſich von ihren Grundſaͤtzen einen vollfommenen Bes 
griff zu machen füchte; es fehlen uns aber die hierzu 
erforderlichen Nachrichten. Es war einGefeg bey ihnen, 
wornach fie fid) bey allen Umftänden richteten, daß fie 
nicht das geringfte auffchrieben, weder ihre Geſetze, noch 
ihre Gefchichte, noch die Geheimniffe ihrer Neligion, 
Julius Caͤſar führer davon die Urfache an, in feinen 
Büchern. Er faget, daß fie diefes vermuthlich dar- 

um thaͤten, Damit der gemeine Mann nichts von ih— 
rer Wilfenfchaft erfahren, und ihre Künfte nicht ihren 
Werth verlieren möchten, wenn fie allen Seuten be 
Fanne würden. Sie fanden ihre Rechnung beffer, 
wenn fie das Volk in der Ummiffenheit erhielten, Es 
war ein bequemes Mittel, fich deſto leichter deſſen 
Hochachtung und Ehrfurcht zu erwerben. 
Andere haben dafür gehalten, daß fie deswegen 
gar nichts aufgefchrieben hätten, damit fie das Ge— 
daͤchtniß ihrer Lehrlinge defto beffer üben Fönnten. Sie 

pflegten ihnen eine große Anzahl Verſe auswendig 
lernen zu laffen. Es gefchieht auch wirflich zuweilen, 
daß Lernende vergeffen, die Kräfte ihres Gedächtnif- 
fes zu verbeffern, wenn fie fich zu fehr auf das Schrei⸗ 
ben verlaſſen. Dieſe Gründe koͤnnten allenfalls ziem— 
lich wahrſcheinlich ſeyn, in Anſehung ihrer Weltweis⸗ 
heit und Religion; aber es iſt doch nicht zu 
en, 


‚* 


656 Erflärungeiner Bildfäule 
ben, daß fieihre Geſetze, und fonderlich ihre Geſchich⸗ 
te nicht follten aufgezeichnet haben. Es iſt allerdings 
zu verwundern, daß ſie nicht ſollten einige Schriften 
bekannt gemacht haben, darinnen die Nachkommen 
hätten die merkwürdigen Thaten ihrer — und 
Mitbuͤrger leſen koͤnnen. | 
Von ihrer Religion iſt faſt nichts weiter bekannt, | 
als daß fie die Unſterblichkeit der Seele für einen der 
vornehmſten Puncte ihrer Gottesgelahrtheit gehal- 
ten, und diefe Lehre fehr bequem und nuͤtzlich befun: 
den haben, ihnen eine Verachtung des Todes bey: 
zubringen. Sie Sl bie Seelenwande⸗ 
‚rung. 
Plinius (Hiftor. Natur. lib. xvi) erzaͤhlet die Art, 
tie fie den Miftel von den Eichen.gefammlet haben, 
welches fie als eine der wichtigften Ceremonien ihrer 
Religion betrachteten. Diefer Baum wurde bey ih⸗ 
nen für heilig gehalten, man muß aber diefes nur von 
den Steineichen verftehen. Sie pflegten fid) alle 
Jahre zu einer gefeßten Zeit in einem Holze zu vers 
ſammlen, und mit einer goldenen Sichel, oder Frum: 
‚ men Meffer den Miftel abzunehmen, welcher auf dies 
fer Art von Eichen wuchs. Sie verwahreten ſolchen 
ſehr ſorgfaͤltig als ein ſeltenes Geſchenk der Gott: 
heit. Sie opferten bey dieſer Gelegenheit Thiere, 
und zuweilen auch Menſchen. Man beſchloß dieſe 
Ceremonie mit einem Gaſtmahle. 

Wir koͤnnten leicht unſern Druiden fuͤr einen von 
denen ausgeben, welche zu dieſer feyerlichen Handlung 
gebrauchet wurden. Man machet nicht leicht Bild⸗ 
ſaͤulen als fuͤr Leute, die einen beſonders großen Rang 
haben. In dieſem Falle iſt nichts natuͤrlicher, * — 

uth⸗ 





"einen galliſchen Prieſters. — | 


Mathmoßung daß das Werkzeug ; y welches in feiner 
Hand gewefen, und verloren. gegangen iſt, die golde- 
ne Sichel gervefen feyn muß, welche man gebrauchte, 
der Miſtel abzunehmen. Unterdeſſen, mein Herr, 
damit Sie nicht Urfache haben, zu fagen, daß wir. 
unfere Waare felbft lobeten, fo will ich es ganz gerne 
bey meiner erften Muthmaßung beenden laffen: daß 
nämlich dasjenige, was es inderlinfen Hand gehalten, 
nur ein Opfermeſſer gervefen iſt. Solchergeftalt- wird 
unfer Druide nur ein gemeiner Priefter, und zwar 
aus der Ordnung der niedrigen Opferprieſter gewe⸗ 
ſen ſeyn. 

Sie haben ferner zu wiſſen verlangt, ob man un: 
gefähr das Jahrhundert erfahren hat, Darinne diefe 
Bildfäule ift verfertiget worden. Es ift aber ſehr 
ſchwer, hiervon etwas Beſtimmtes zu fegen.. Man 
hat fo gar Urfache, ſich zu verwwundern, wie eine gut 
Bildfäule hat koͤnnen von den Galliern gemachet wer⸗ 
den. Wenn man aber doch uͤberlegt, daß ſie mit den 
Roͤmern Umgang gehabt haben, ſo iſt es ihnen nicht 
unmöglich geweſen, etwas Bildhauerarbeit abzuler- 
nen. Vorher verftunden fie ganz und ‚gar nichts von 
Künften und Wiſſenſchaften. Das einzige, was ich 

Ihnen alfa auf ihre Frage antworten kann, iſt die— 
ſes, daß diefe Bildfäule nothmendig neuer feyn muß, 
als die Eroberung von Öallien., Weiter fönnen wir _ 
nichts eigentlicheres angeben, wie alt fie ſeyn mag. 


Ich bin - > - 
. Genf, den } * Chriſtm. 


| FRE 17 FE 
I. Schrei⸗ 


633 Von der Beihnedung: 
ee 
| ae su 
Schreiben. eines vornehmen Fraueninmers 
an ben u 


.Herin % EN In 


von der 


Beſchneidun derdleghpter. 


rg der Nouvelle Bibliotheque Germanique "Tom! 
AU Part. J. p· ig8. 


Mein —— 


8 ie Abhandlung, welche der —— Sabionsf 
> ) ohnlängft von der Götterlehreder Aegypter ge⸗ 
ſchrieben bat, gab uns letztlich Gelegenheit, 

von den Gewohnheiten diefes Volkes zu fprechen, und 
wir Famen dabey auf. deren Beſchneidung zu reden. 
Sie konnten einigermaßen meine Gedanken hieruͤber 
errathen; weil ich aber Bedenken trug, mich vor un⸗ 
ſern damaligen Zuhoͤrern deutlicher zu erklaͤren, ſo 
mußte ich ihnen verfprechen, folches ſchriftlich zu chum 
Ich will alſo meinem REDE hiermit nach⸗ 
kommen. | Au — 
Man kann aus der Gefchichte der Aegypter deutlich‘ 
wahrnehmen, daß die Beſchneidung nicht bloß bey die⸗ 
ſem Volke gebräuchlich geweſen iſt, ſondern daß man 
vielmehr. bis auf bie ſpaͤteſten Zeiten zuruͤck gehen 
* wenn man den Zeitpunct dieſes Gebrauches bes | 
ER — 







der Megypter. > 69 


ftimmen will, ‚Es hat auch Herodotus nicht ausmas 
chen koͤnnen, ob fich diefe Gewohnheit von den Aegy⸗ 
ptern felbft herſchreibt, oder ob dieſe ſelhige von den 
Yerhiopiern * angenommen haben. Dieheilige Ge— 
fchichte meldet uns im Buche FYofua 5, 9. daß die Be= 
ſchneidung ſchon zu der Zeit,.da fic) die Kinder, Iſrael 
in der Wüften lagerten, in fo großer Hochachtung ben 
den Aegyptern war, daßes für einen Schimpf gehalten 
wurde, nicht befchnitten zu ſeyn. Ich Eomme bier» 
bey ganz natürlich auf folgende zwo Muthmaßungen, 
darunter nur eine einzige gegründet feyn kann: ent= 
weder muß die Befchneidung bey den Aegyptern vor 
den Zeiten Abrahams gebräuchlich gewefen feyn, oder 
fie haben felbige von dieſem Patriarchen und feinen 
Nachkommen erhalten. —— 
Es iſt aber nicht möglich, daß die Aegypter ſoll⸗ 
ten die Befchneidung vor den Zeiten Abrahams ge= 
habt haben, weil fonjt hieraus folgen müßte, daß die 
Philiſter, welche mit ven Aegyptern einerley Stamm: 
vater haben, und welche mit ihnen in einem Lande ge— 
wohnet hatten, Daraus fie nur Furz vor den Zeiten 
Abrahams gegangen waren, daß diefe Philifter, ſage 
id, würden haben eben dieſes Gefes beobachten 
muͤſſen. J REN 
Nun ift aber aus dem andern Buche Samuelis 
‚31, 4. befannt, daß diefes ein unbefchnittenes Volk 
war. Uebrigens fällt die Meynung dererjenigen, 
welche glauben, daß die Beſchneidung bey den Aegy- 
ptern vor den Zeiten Abrahams gebräuchlich gewe—⸗ 
| J— | fen 
*Es ift eine ausgemachte Sache, daß man damals uns 
‚ser dem Namen der Aethiopier Die Araber zu verſte⸗ 
ben pflegte. —9* —* 


649 Von Rem Behebung 


fer, von ſich feißft hinweg, wenn man bedenkt, daß die | 
jüdifche Gefchichte ausdrücklich bezeuger, doh Abra-- 
ham der erfte gervefen ift, mit welchem Gott einen 
folchen Bird aufgerichtet hat, und daß die Aegypter 
bingegen,'töelche den Zeitpunet, darinnen diefe Cere- 
monie ihren Urfprung "genommen, nicht beftimmen 
Eönnen, geftehen, daß fie diefelbe von den Aethiopiern 
Fönnten erhalten haben, welches denn fattfam bewei- 
fet, wie ungewiß ‚ie in dieſem Stuͤcke fd. 

Eben ſo wenig wahrſcheinlich iſt es, wenn man 
ſagen wollte, daß die Aegypter die Beſchneidung von 
Abraham feibft erhalten haben, weil diefer Patriarch 
noc) nicht dieſem Gefeße unferworfen war, als er nach 
Aegypten fam ; denn er empfieng den Befehl der 
Befchneidung, allererſt etliche Jahre darauf. 1Buch 
Moſ. 12 und ı7. And wenn auch diefes nicht wäre, 

. glauben Sie denn wohl, mein Herr, daß esein Auslan⸗ 
der hätte koͤnnen fo weit bringen, daß die Aegypter 
eine fo fehmerzbafte und gefährliche Ceremonie, wie 
die Befchneidung ift, follten eingeführet haben ? 

Wen foll man nun wohl die Einführung diefes 
Gebrauches bey ven Aegyptern zufehreiben ? Meine 
Meynung hiervon ift biefe : 

Mofes berichter uns in dem andern Buch Mol. 
2, 18, 19. daß ſich nad) dem Tode Joſephs ein neuer 
König in Aegypten erhub, der von Joſeph nichts: 
wußte. Diefer neue König, deſſen hier gedacht wird, 
war allem Anfehen nach, einer von den Nachkommen 
Iſmaels. Hier folgen die Beweisgründe, mein 
Herr, welche meine Muthmaßung beitärfen follen. 
Erſter Beweisgrund: Gott hatte Abraham verfpros 
Gen ” Iſmael eine fehr große und zahlreiche TR 

Be 


der Aegypter. 641 
kommenſchaft haben ſollte, daß er ihn zum Haupt 
uͤber ein ſehr großes Volk machen wuͤrde, und daß 
zwölf Fuͤrſten von ihm abſtammen ſollten. ı Bud) 
Mof. 17, 20. Zweyter Beweisgrund: Die Murter 
unddas Weib Iſmaels waren aus Aegypten, wie aus 
dem ı Buch Mof. 16, 1. und 21, ar. erhellet. Drit- 
ter Beweisgrund: Die Nachkommen Iſmaels han: 
delten zugleich mit den Midianitern in Aegypten, zu 
der Zeit, da ihnen Spofeph von den Söhnen Jacobs 
verkaufet wurde. ı BuhMof. 17, 28. Woraus ich 
den Schluß mache, daß die Iſmaeliter einen großen 
Anhang in Aegypten hatten. Nun erwägen Sie nur 
einmal, mein Herr, wie die Gefchichte der Aegypter 
melde, daß Die Araber eine gewiſſe Zeit in Aegypten 
regieret haben, und daß außerdem verfchiedene Ge- 
lehrte ven Zeitpunck, darinn die Hirtenfönige- 
regieret haben, in Die Zeit diefes neuen Königes, der 
von Joſeph nichts wußte, feßen ; diefes machte denn 
die Muthmaßung noch mahrfcheinlicher,, daß einer 
von den Nachkommen Iſmaels damals Aegypten 
müffe unter feine Gewalt gebracht haben. Diele Be= 
trachtung erläutert verfchiedene Umſtaͤnde, welche man 
‚außerdem würde ſchwerlich erflären koͤnnen. Man 
‚erfieht Daraus fo gleich, mie die Befchneidung bey 
den Aegyptern entftanden * ift, indem fie folche Tange 

2 nach 
*EEs ift fehr wahrfcheinlich, Daß ein Prinz aus dem Stam⸗ 
me Iſmaels wird Die Befchneidung bey den Aegyptiern 
eingeführet haben. Go zwang Hircanus die Idumaͤer, 
/ nachdem er fie bezwungen hatte, daß fie fich mußten bes 
ſchneiden laſſen, Joſephe 13, 7 . Dean begreift ubrigeng 
leicht, daß eine fo beſchwerliche Ceremonie, und die nur 
durch menſchliche Gewalt war eingefuͤhret worden, den 
Augenblich aufgehoͤret hat, da fie niche mehr durch eben 
13 2and, 6; diefe 


642 Von der Beſchn. der Aeghpter. 


nach den Zeiten Abrahams, aber verſchiedene daher von 
dem Ausgange der Kinder Iſraels aus Aegypten ange⸗ 
nommen haben. Denn die große Staatsveraͤnderung in 
Aegypten erfolgte ungefaͤhr hundert Jahre zuvor. 

Man kann zweytens, wenn man dieſen Satz vor 
wahr annimmt, erklaͤren, warum die Aegypter die 
Beſchneidung nicht eher als im vierzehnten Jahre 
ihres Alters einpfiengen, da hingegen die Nachkom— 
men Iſaacs den achten Tag nad) ihrer. Geburt be- 
fhnitten wurden. Dieſer Unterfchied koͤmmt daher, 
weil Iſmael allererft in feinem vierzehnten Jahre be- 
fchnitten wurde, und weil er diefen Zeitpunct von fei- 
nen Nachkommen wollte beobachtet wiſſen. 

Man findet endlich durch meine Muthmaßung die 
Bewegungsgruͤnde, warum dieſer neue Koͤnig in Ae— 
gypten die Kinder Iſrael ſo toͤdtlich gehaſſet, und 
warum er den gaͤnzlichen Untergang dieſes Volks ſo 
ſehr geſuchet habe. Gal. 4, 22. 29. | 

Wenn man diefe drey Umftände an fich. ſeibſt be 
trachtet, fo find fie vielen Schwierigkeiren unterwor⸗ 
fen; aber diefe Schwierigfeiten. werden derfchwinden, 
fo bald man die ißt gedachten Umſtaͤnde mit der Mey: 
nung vergleichen wird, welche ic) ißo vorgetragen ha» 
be, indem ic) voraus feßte, daß der neue König, von 
dem Mofes im andern Buche a aus dem Sam: 
me Iſmaels wäre. 
| Nachdem ich Ihnen alfo mein Wort: gehalten ha: 
be, mein Herr, fo erfuche ich Sie cn zu glau⸗ 
ben, daß ich bin — J 
dieſe Gewalt unterſtůtzet aba und daß ſie nur unter 
den Prieſtern, welche den Geheimniſſen ihrer Religion 
‚eihrigfe J Waren, noch De ———— 4 


I 


IE U UNE). 


ee See Ze ne * 


ins, 
Das Leben 
des Faiferlichen 


und 


ſachſengothaiſchen Medaillers, 


weiland 


Herrn Chriſtian Wermuths, 


in Gotha. 1— — 


es habe im Jahre 1745. in den Altonaer ges 
E ſlehrten Zeitungen im CI. Stüc auf der 830, 


9 Seite das Leben meines feligen Freundes, des - 


Bannöverifchen Kupferftechers, Herrn Nicolai See« 
länders, beyder Nachwelt in gutem Andenken zu er. 
halten geſucht. Nachhero habe ich im VI. Stüde 
des VI. Bandes des hamburgifchen Magazins auf 
der 648. Seite dem geſchickten Kupferftecher in Dreß⸗ 
den, mweiland Heren Moriz Bodenehr ein Denfmaal 
geſtiftet. Weil nun verfchiedene Freunde, welche 
giebhaber der Künfte find, mir durch Briefe ihren 
Beyfall bezeuget, fo will ich ißo meinem feligen Freun« 
de, obgenanntem Heren Chriftian Wermuth, einen 


Liebesdienſt hun, und fein Andenken der Vergeffen« 


den 38, December zu Altenburg in Meißen, Montags 
— 


heit entreißen, damit es nicht mit ſeinem Leibe im 
Grabe verweſe. Er war die Erſtgeburt ſeiner lieben 
Mutter, und erblickte das Licht dieſer Welt a, 1661 


fruͤh 


/ 


2 


644 Leben des Herrn Wermuths, 

- früh um 10. Uhr. Sein Bater Chriftian Wer 
much war dafelbft fürftl. fachf. Hofgürtler bis a. 1664. 
da er eben zu dergleichen Dienfte nad) Dreßden be 
rufen wurde, und allda a. 1680. den 25. Martü 
verftarb, feines Alters 43. Jahr und 7. Monat. 
Sein Großvater welcher Matthaͤus Wermuth hieß, 
war Burgermeifter und Gürtler in der Schönburgi: 
fchen Herrfehaft im Voigtlande gelegenen Stade 
Slauche. Die Mutter. unferes Herrn Wermuths 
war auch aus diefer Stadt gebürtig, und des dafis 
gen Archidiaconi, Herrn Zachariä Reinſeckels Tochter, 
welche a. 1676. den 3. Auguft in Dreßden die Schuld 
der Natur bezahle. Sein Bater wollte ihn anfäng- 

lich in feiner Profeßion unterrichten, weil er aber 
bey unferm Wermuth einen gefchickten Kopf und eine 
große Meigung zum Münzeifenfchneiden frühzeitig 
gewahr wurde, fo fieß er ihn diefe Kunft bey Herrn 
Ernft Caſpar Dürren, churſaͤchſ. Minzeifenfchneis 
der in Dreßden erlernen, bey welchem er a, 1681.um 

Michaelis in die Lehre trat, Aeltern thun vernünftig, 
wenn fie die Neigungen ihrer Kinder Flüglich abmer- 
fen , und fie derjenigen Sache widmen, wozu fie die 
Natur beftimmer zu haben fcheint. ‘Denn, wo ein 
Kind wider feine Neigung und natürliche Gefchick- 
lichkeit zu Ergreifung einer Sebensart gezwungen wird, 
da thut es alles mit Verdruß, und es. wird auf Die 
legte nichts daraus als Huͤmpeley. Unſer junger: 
Wermuth ließ fich bey feiner Kunft recht wohl an, 
und fo wenig es ihm an $uft zu derfelben fehlete, fo 
wenig fehlete es ihm aud) an gehörigem Fleiße und 

Geſchicklichkeit, weewegen ihn fein Lehrherr fehr lies 
bere. Weil derfelbe nun: bin und wieder —— 

| en 


2 


verſehen. Und weil er große ur trug, Medaillen zu 
Ss 


\ 


£aif. und ſachſengoth. Medaillers. 645 


ben wurde, Stempel zu Münzen zu fehneiden, und 


‚er diefen feinen gehrling eben fo wohl leiden, als brau« 


chen Fonnte, fo mußte er ihn allenchalben mit bealeis 
ten, wie er denn mit ihm ein Jahr in Seipzig, ein 
Jahr in Jena, und zwey Jahr in Zerbft ſeyn mußs 
te, auch ein Jahr Hin und wieder mit ihm nad) 
Magdeburg, Berlin, und Sondershaufen reifen 
mußte, Siegel und Münzen zu fehneiden. Diefer 
fein Sehrhert hatte nad) funf zehnjaͤhrigen dreßdniſchen 
Dienſten keine bleibende Stelle, und gieng von dar 
in berliniſche, ſtettiniſche, und endlich in churlän« 
difche Dienfte als Münzeifenfchneider ; hergegen uns 
fer Wermuth murde a. 1686. den 20. Martii in hoch« 


graͤfl. ſchwarzburgiſche fondershäufifhe Dienfte als 


Münzeifenfchneider angenommen, Er befam dabey 
Gelegenheit die Probierfunft, und was zum Münz« 


weſen und einem Münzmeifter und Guardein zu tife 


fen nöchig, bey dem fürftl. fächf. gothaifchen Münz« 
meiſter Heren Thun zu erlernen, und übete fich vier 
Jahre darinnen, worüber er auch einen ordentlichen 
Lehrbrief befam. Weil nun feine Gefchicklichkeie im 
Mimzeifenfchneiden befannt wurde, fo wurde er von 
dem fürftlichen fächfifchen gothaifchen Hofe als Münz- 
eifenfchneiver berufen. Er nahnt folche Stelle an, doch 
mit dem Bedinge,daß er fie von Sondershaufen aus 


verſehen durfte, bis er endlich, auf Werlangen des 


durchlauchtigften Herzoges von Gotha von Sonders⸗ 
haufen dorthin 309g. Bon bier aus hat er ſowohl 
hurfürftl. mainzifche, als auch bifchöflich hildesheimi- 
ſche, herzoglich braunſchweigiſche und wolfenbuͤtteliſche, 
auch etliche fuͤrſtl. fächfifche Dienfte mie Muͤnzruͤſtung 


ver⸗ 


\ 


545 - Leben des Herren Wermuths, 


verfertigen, fo that er auf eigene Koften unterfchiedene 
Keifen, in Münzcabinetten großer Herren dergleichen 
Gedaͤchtnißmuͤnzen zu fehen und Fennen zu lernen. Er 
bemerfete das Niedliche und Saubere, auch Wohlge- 
bildete in eprägen, und brachte eg Durch Gottes Öna- 
de und Hülfe, auch unverdroffenen Fleiß und Uebung 

ſo weit, daß er mit verfertigten Medaillen, die feine 
Hand gemachet hatte, zum Borfcheine kommen £onnte, 
wie er denn deren eine fehr große Menge verfertiger 
bat, auf Kaifer, auf Könige, auf Fürften, auf Gene= 
tals, auf Akademien, auf Gelehrte ausjallen Facultä- 
ten, auf die neueften Begebenheiten in den Staaten, 
in der Neligion, und in andern merkwürdigen Bege— 

benbeiten. So hat er auch mancherlen fatirifche Mez , 
Daillen, welche zuweilen ziemlich beißend, aber doch. 
wißig ausfallen, befannt gemacht. Von feinem Ehe- 
ftande ift zu melden, daß er fich in Sondershaufen im 
Jahre 1688 den sten Junii in ein chriftlich Ehegeloͤb⸗ 
niß eingelaffen mit Jungfer Elifaberh Julianen, einer 
Tochter Herrn Julii Eberhard Voigtlanders, welcher 
über 24 Jahre fürftt. braunſchw. Landvoigt oder Amt- 
mann zu Bettmar-an der langen Wiefen gewefen, aus 

deſſen Senden -fie entfproflen, und im Jahre 1670 den 

28 Januarii geboren worden. Seine eheliche Ber: 

Dindung mit. derfelben trat er den 25 September be- 

- fagten Jahres zu Sangelsheim, eine Meile von Goß- 
lar, bey ihrer Frau Großmutter an, welche den fürftl. 
braunſchw. Dberförfter Kochen am Harze gehabt, und 
führete fie den erften Detober. mit ſich nach Sonders⸗ 
haufen heim, mit welcher er viel Kinder gezeuget, un- 
ter welchen mir befannt find: Frau Maria Juliana 
Wachlerinn, welche 1692 den 2 Junii geboren, und 

| an. 


kaiſ und fachfengoth. Medaillers. 647 


an einen Serretär in Gotha verbeirather worden, auch 

feine Miffenfchaften hat, und im Emailliren fehr ge: 
ſchickt iſt. Ein Sohn, Ehriftian Siegmund, geboh- 
von 1711 den25 May, lebet noch als Fontal. pohln. und 
churfuͤrſtl. ſachſ. Medailler in Dresden. Es legete 
fi) auch der felige Mann auf die Chymie, in welcher 
er in feinem Hinterhaufe arbeiter. Weiler auch einen 
ſtarken Briefmwechfel nicht nur mie Gelehrten, fondern 
auch mit Künftlern unterhielt, fo hatte er eine ftarfe 
Sammlung von allerhand Kupferftichen, zu welcher 
infonderheit der amfterdamer Kupferftecher, Peter 
Schenk, vieles beygetragen, zufammengebracht; tie 
nicht weniger ein trefflich Cabinet von allerhand Sel« 
tenbeiten, von welchem er mir einsinals fchrieb: es 
hätte ihn ein Faiferlicher Oberſter aus Mantua 24000 
Thaler gebothen, welche er auf 30000 Thaler gehal⸗ 
ten, jenem aber vor 25000 Thaler gelaflen hätte. Es 
hätte auch der Dberfte ihm gern 30000 Thaler geben 
wollen, wenn er alles hätte fortzubringen gewußt. 
So war er auch ein überaus großer Liebhaber von 
Büchern, vor welchen er fich einen großen Vorrath 
angefchaffee hatte; und. da er mit dem gelehrten Fönigl« 
pohlnifchen und churfürftl. fächfifchen Rathe und His 
ftorienfchreiber, Herrn Wilhelm Ernſt Tenzeln, in ges - 
nauer Freundfchaft ftund, welcher ein großer Bücher: 
fenner war, fo verfchaffere ihm derſelbe ſchoͤne Bücher. 
Wie denn auch unfer Wermuth des Heren Tenzels 
Bibliothek vor einige taufend Thaler an fich Faufete, 
diefelbe Hernach durch Verſtechung feiner Saxoniae 
Numifmaticae gegen andere Bücher, auch vor baares 

‚Geld aus Auctionen vermehrete, wie er ſolches in dem 
Re des eriten Theiles feiner ——— ſo er 

Ss 4 im 


R 


* 


* 


648 Leben des Herrn Wermuths, 
im Jahre 1738 den 7 Julii und folgende Tage in 
Gotha an die Meiſtbiethenden überlaffen, meldet, Er 
‚hatte auch ein Foftbares Münzcabiner von allerhand 
raren Münzen, welche er aber. noch bey feinem Leben 
an die Meiftbierhenden verfaufer hat, Sonſt war 
er von einer aufgeweckten Gemüchsart, freundlich und 
leutſelig, und mifchete in feinen Unterredungen bisweis 
Ien einen anftändigen Scherz mit ein. Wie er denn, 
als ich ihn 1735 den 26 May in Gotha befuchete, einft 
zu mir fagete: Wenn wir immer bey einander feyn 
müßten, fo wollten wir Sachen machen, daß Menfchen 
und Vieh fich Darüber verwundern follten. Doch ließ 
dieſes im Alter nach, da einige Ernſthaftigkeit daſſelbe 
verdrunge, Daher gewoͤhnete er fi an, jedermann 
die trockene Wahrheit unter die Augen zu fagen, un— 
terfchrieb fich auch) in feinen Briefen vom Jahre 1739 
an nicht mehr Wermurb, fondern Wahrmuth. Gegen. 
gute Freunde war er auch nicht zähe, fondern freyge- 
big, wie er mir denn 1739 den ıgten, unit, da ich 
abermals in Gotha bey ihm war, verſchiedenes fehen- 
fete, und in eben dem Jahre den 23 Detober mir: 
Thomae Smithii vitas quorundam eruditiffimorum 
et illuftrium virorum, Lond. 1707. in 4. zuſchickete, 
welches er noch aus’ der Bücherfammlung des feligen 
Heren Tenzels übrig behalten. Der Tod führete ihn 
‚aus dem vergänglichen ins unvergängliche Leben den 
3 Dee. 1739. Sein Gedaͤchtniß ift zum immerwaͤh⸗ 
renden Andenken auf die Nachwelt, in Gold, Silber, 
Kupfer und Zinn fo vielmal eingepräget worden, fo 
viel er Medaillen gepraͤget. Inſonderheit hat er es 
vor der Vergeſſenheit zu erhalten gefucher durch vers 
fhiedene Medaillen, die er auf ſich felbft —— 
| Ä | Be: 


kaiſ und ſachſengoth Medaillers. 649 
Auf einer von einem Lothe ſteht auf der Hauptfigur 
das Bruſtbild ſeines werthen Freundes, Herrn Ten— 
zels, mit einer langen Peruque, nach der linken Hand 
ſehend, mit der Umſchrift: WILH. ERNEST. 
TENZELIg POLYHISTOR. Auf der 
Ruͤckſeite iſt das Bruſtbild unſers Herrn Wermuths 
mit einem Gewand uͤber der Schulter, und einer großen 
Peruque, nach der rechten Hand ſehend, benebſt dieſer 
Umſchrift: CHRISTIAN WERMV TH ME- 
DALIATOR. Auf einer andern, von eben fol 
chem Gewichte, hat er das Andenken feiner Hochzeit 
zu ftiften gefucher. Die erfte Seite zeiget fein Bruſt⸗ 
bild, mit der Ueberſchrift: CHRISTIANVS 
WERMVTHIVS. Altenb. Mifn. Die Nüd- 
feite ftellee das Bruftbild feiner Ehegattinn dar, mit 
der Umſchrift: ELISAB. JVLIANA WER- 
MVTHIN. Na. VOIGTLENDERIN, 
Auswendig auf dem Rande herum lieft man folgen= 
des: Copulati Langelsheimii, prope Goslariam D. 
XXV. Septembr, An. MDCLXXXIX. Noch eine 
andere Medaille prägete er, deren vordere Seite fein 
Bruftbild, nad) der linfen Hand fehend, zeigete, mit 
einem Gewand über die Schulter, und einem gefräu- 
felten Spigenhalstuche, auf dem Haupte eine Peruque 
fragend. Die Umfchrift laute: CHRISTIANVS 
WERMVTH. AltenBurgenfis Mifnicus. In 
dem Abfchnitte unter der Schulter ift zu lefen: ETa- 
tis. 41. Anno 1702. GOTHE. T’Huringorum. Die 
Ruͤckſeite ſtellet fein Wapen vor, worüber er 1687 den 
30 Sept. einen Wapenbrief befommen. Das Wapen 
‚felbft Hat feine Helmdecken, welche weiß und blau fi ind, 
und einen rechtwaͤrts gekehrten zugefchloffenen Helm. 

5 Das 


650 Reben deg Herrn Wermuths, 
. Das Schild iſt deutſch, mit’ einer aufwärtsgehenden 
eingebogenen Spiße vorher, Tinctur, und drey filbernen 
Querbalken. Das rechte Feld ift blau, mit einemfils 
bernen Kleeblatte. Das linke: ift filberfarben, wor⸗ 
auf der Mercurius mit feinem Schlangenftabe ſteht. 
Ueber dem Helme find zwey ausgebreitete Flügel, zwi⸗ 
fchen welchen i in der Mitte fechs Stengel mit Days 
blumen, ;wie es fcheint, und Blättern ftehen, ‚zur 
Rechten des Flügels ſteht ein C, und zur Sinfen ein 
W ‚welches: Ehriftian Wermuth heißen foll: Die 
Umfcheift giebt diefes zu lefen: "(CAESARIVS 
SAXONICVS SCVLPTOR NVMISMA- 


ITVM PRIVILEGiatus. "Die Randſchrift faget 


diefes: -OMNIA SI PERDAS FAMAM 
SERVARE MEMENTO.. Roc eineandere 
hat er ausgeferfiger, auf welcher die erfte Seiteeben fo 
ift, wie an der vorigen ; die Nickfeite zeige einen 
Storch mit ausgebreifeten Flügeln, nad) der linken 
Hand fehend, welcher im Schnabel einen Froſch hat. 
Er fteht auf. einem fumpfichten Erdreiche, fo mit 
Schilfe bewachfen ift, und auf welchem Schlangen. 
und Feöfche herumkriechen. Die Ueberſchrift heißt: 
NON CVRAT. Unten im Abſchnitte jteht : 
BREKEKEREX, COAX. COAX. Die 
Kandfchrift beſaget diefes: CONSCIA MENS 
RECTIFAMAE MENDACIA RIDET. 
Bermuthlich zielet er darauf, daß er mancherley wi⸗ 
drige Urtheile von feinem Gepraͤge und chymifchen 
Arztneyen nicht achte. Außer dem hat er mancherley 
Schriften an das dLicht geftellet, welche ich, fo viel mir 
deren befanne find, hier beybringen will, Es hat 
auch Herrn N Freund, der gefchickte a | 


kaiſ und ſachſengoth. Medaillers. 6sı 


ſtecher in Amſterdam, Peter Schenk, ſowohl ſein, als 
ſeiner Eheliebſten Bildniſſe, mit ſchwarzer Manier 
auf groß Folio zum Andenken in Kupfer geſtochen. 


| In Folio 

Hat er durch J. G. Menzeln in Leipzig 12 Kupfer⸗ 

ſtiche von großen und mittelmaͤßigen Schauſtuͤcken auf 
die Wahl Kaiſer Carls VI. glorwuͤrdigſten Andenkens, 

auf einem halben Bogen ſtechen laſſen, uͤber welchem 

oben ſtehet: NVMISMATA. GLORIOSIS- 

SIMI IMPERATORISCAROLI VL 
GERMANGCHISPAN HVNG.. BO- 

HEM. etc. REGIS, ARCHIDVCIS AV- 

STRIAE etc. AVGVSTAE DIGNITA- 
DIS: AVSPIEIIS, ET- "MEMORIAE 
ELECTIONIS ET CORONATIONIS 
SACRATA D.D.D. CHRISTIANVS 
WERMVTH, ET IOAN. CHRISTIAN. 

KOCH. PROTOMISTAE GOTHANI 
THVRINGIAE. 


In Ouart 


Hat er durch ſeinen Verlag die ſaͤchſiſchen Muͤn⸗ 
zen von Tenzeln beſchrieben in lateiniſcher und deut⸗ 
ſcher Sprache, und Kupferſtichen befoͤrdert. Der 
erſte Theil hat dieſen Titel: SAXONIA NVMIS- 
I\MATICA, oder Medaillencabinet von Gedaͤcht— 
niffmünzen und Schaupfennigen, welche die Durch» 
fauchtigften Chur und Fürften zu Sachfen, albertini- 
Ifcher Hauptlinie prägen und verfertigen laffen, aus 
‚vielen Eabineten mit Fleiß zufammen gelefen, in ſchoͤ⸗ 
ne Kupfer gebracht, und aus ber Hiſtorie und 
Stamm: 












N | — 


’ * Er 
652 . Reben des Heren Wermuths, 
- Stammtegiftern erläutert durch Wilhelm Ernſt Ten- 
zeln, Kon. Pohln. und Ehurf. Sächf. Rath und Hi- 
ftoriographum, verlegt durch Chriftian Wermurben, 
Kaiferl, privilegirten, auch Kon. Preußif. und Fürftl. 
Sachſengothaiſchen Medailleur, zu finden in Franf- 
furt am Mayn bey Friedrich Knochen, und in Leipzig 
bey Philipp Wilhelm Stoden, Buchhändler. Dreß- 
den, gedruckt beym Kon. Hofbuchdrucker, Joh. Nies 
deln, 1705. 7. | 
Der Titel des andern Theile lautet eben fo, nur 
Daß gemeldet wird, daß darinnen die Medaillen der 
erneftinifchen Linie abgehandelt werden, Beyde Theile 
kamen 1714 mit Zuſaͤtzen und Regiſtern wieder her- 
aus, unter folgendem Titel: Säcfifches Medaillen- 
cabinet, von Gedaͤchtnißmuͤnzen und Schaupfennigen, 
welche Die Durchlauchtigften Ehur- und Fürften zu 
Sachſen, Erneftinifch- und Albertinifcher Haupflinien, 
feine zwey hundert Jahren haben prägen und verfer- 
tigen laſſen, aus vielen Cabineten mit Fleiß zufam- 
men gelefen, in fchöne Kupfer gebracht, und aus der 
Hiftorie und Stammregiſtern gründlid) erläutert, 
durch Wilhelm Ernft Tenzel, Koͤn. Pohln, und Chur: 
fürftt. Saͤchſiſ. Rath und Hifloriographum. Auch 
mit zwey Hauptregiftern, nebſt zweyen Supplementis, 
ausgefertiget durch Ehriftian Junker, aus Dreßden, 
Fürftl, Saͤchſiſ. Hiftoriographum, des Fürftl. Saͤchſ. 
Gyımnafıi zu Altenburg Direftorem, und der Königl. 
Preußiſ. Societät der Wiſſenſchaften Mitglied. Ber- 
legt durch Ehriftian Wermuth, Kaiferl. und Königl. 
Preußiſ. auch Fürftl. Saͤchſ. privilegirten Medailleur. 
Frankfurt, Leipzig und Gorba, zu haben bey Samuel 
Tobias Hofer, Johann Georg Menzel, als der — 
A daillen⸗ 





kaiſ und ſachſengoth. Medaillers. 653 


dailfenfupferftecher und Andreas Schall, wie auch 
bey dem Verfaſſer felbft MDCC XIV. In dieſer 
Ausgabe find darzu Fommen die beyden Hauptregifter 
Anno 1713, fo vor 16 Gr. befonders verkauft wurden, 
und Anno 1714 Famer noch Supplemente darzu zu 
dem ganzen Werke. Das ganze Werf koſtet 12 Thl. 


In Octav. 

Specification derer Medaillen, ode Schauſtuͤcke, 
fo zeithero in Gold, Silber, vergüldt- und purem 
Kupfer, auch englifhen Zinn-verfertiget und zu bes 
kommen bey Ehriftian Wermuthen, Fuͤrſtl. Saͤchſiſ. 
Medailleur in Gotha. Gedruckt durch Chriftoph 
Reyherrn, Fürftl. Saͤchſ. Hofbuchöruder, 1698. 
Continuation des im 1698 Jahre herausgegebenen 
Catalogi, Gotha 1699. Fernere Continuation, Gotha 
1700,ing. CHRISTIANI WERMVTHII Caefarei 
priuilegiati et Ducalis Saxon. feulptoris metallici NV- 






















NORVM MNEMONICA Ordine deferipta, et 
oculorum fenio confectorum gratia perſpicue expli- 
cata. Opus vere Regium omnibus omnium ordi- 
num, praefertim ciuilis prudentiae Studiofis vtile ac 
iucundum. Cum gratia et priuilegio Sac. Caef. 
Maieft. Gothae, Typis Chriftophori Reyheri, Ty- 
pogr. Aul. MPCCII. In diefem Werkchen hat 
er auf der erſten Seite die Häupter der römifchen 

aifer, vom Julio Cäfare an bis auf Leopoldum, theils 
aus alten Edelgefteinen und Münzen, theils von Ge: 

älden abgepräget, und darbey die Lmfchrift ihrer 
Mamen und, Titel beygebracht. Auf der andern: 
Seite find kurz ihr Seben und Thaten befchrieben, 
| | und 


| 


MISMATA omnium IMPERATORVM ROMA- 


‚654 ‚Leben des Herrn Wermuths, } 
und unten im Abfchnite ſteht ihr Symbolum alles in 
fateinifher Sprahe. Es wurde diefes Werk Anno 
1715 wiederum aufgeleget, worzu die Kupferftiche der 
erften Seiten diefer Münzen kamen, welche Jacob 
Petrus in Erfurt geflohen. Es foftet are 
1.r Rthlr. | 

Catalogus Bibliothecae Te zu einer 
Lotterie von 2000 Thlr. jede Num. 8 Gr. deren 
6000 und feine Nieren oder ledige Nummern ſeyn, 
ſondern vor jede etwas Materie aus Diefer Bibliochek, | 
vor die eingelegten 8 Gr. befommen follen, in Dctav 

EI gedruckt, vor 8 Gr. 

Catalogus, nicht allein fehr curiofen und raren al: 
ten griechifch- und römifchen Münzen, j jene von Koͤ⸗ 
nigen, Provinzien und Städten, dieſe aber von Bür- 
germeiftern und Kaifern, in Silber und Erzt gefchla- 
gen ; fondern auch modernen, filbernen Medailles, 
Thalern, halben Thalern, Orthsthalern, halben Oerth⸗ 
hen und Grofchen, auf Kaifer, Päbite, Könige, . 
Chur⸗ und Fürften, Grafen und Städte, auch fonft 
allerhand Begebenheiten verfertiger, welche alle un: 
ter öffentlicher Auction den 2 December des 17175 
Jahres, in Gotha, Vormittags von 9 bis 12 Uhr, 
und Nachmittags von 2 bis 6 Uhr, an die Meiftbie- | 
tenden follen verfaufer werden, Gotha, gedruckt mit. | 
reyheriſchen Schriften. Es ift diefer Catalogus über- 
aus wohl zu brauchen, denn vorne ftehen alte griechi⸗ 
ſche Muͤnzen, an der Zahl 63; hernach kommen auf 
der gu. f. Seite 109 roͤmiſche Münzen, welche die 
Buͤrgermeiſter haben fhlagen laſſen. Hernach auf 
der 5ı und folgenden Seite füberne Münzen der alten 
roͤmiſchen Kalfer, an der Zahl 217. Ferner auf der 

2 | * 609 





J 


taiſ. und fachfengoth: Medaillers. 655 


gı und folgenden Seite 429 eherne Muͤnzen der 
römifchen Kaifer von größerer und mittlerer Größe, 
Auf der 162 und folgenden Seiten, kommen die 
Münzen der römifchen und conftantinopolitanifchen 
Kaiſer mehrentheils von der Fleinften Öattung, an der 
Zahl 464. Auf der 220 Seite u. f. find 40 padua⸗ 
nifhe und cavinianifche Münzen. Es ift diefer Ca— 
talogus deswegen brauchbar, weil bey einer. jeden 
Münze, wo anders diefelben bey Schriftftellern erflä- 
vet worden, in die Schriften derfelben geiwiefen wird, 
wo man fie nachfchlagen koͤnne. Auf der 225 Seite 
fangen fid) Thaler von Kaiſern, Königen, Pabften, 
Churfuͤrſten, Marggrafen, Herzogen, Fürften, Gra- 
fen und Städten an, worzu noch auf-der 279 und fol- 
genden Seite allerhand Schauftüce und Münzen 
mit befondeen Ueberfchriften Ffommen. Hernach fol- 
gen halbe, Biertel- und Achtelveichsthaler und Gro— 
fhen in eben der Drönung, wie bey denen Tha- 
lein | ER 
 Sonft ift no) zu merken, daß in dem Thefauro 
Numifmatum huius faeculi , in Fol. im erften Theile, 
im 1700 Jahre nachfolgende Kupferftiche von feinen 
Medaillen zu finden. Fol. 9. 10,21.28. 33. infia bes 
findlih. Im 1701 Jahre, oder andern Tomo, die: 
jenigen, fo Fol. und Num. 86. 98, 99. ııt. 121, 128. 
131. XL. 132. 134. 138. 139. 144. zu erfehen, 

Im 1702 Jahre, oder dritten Theile, die, fo Fol. 
Und Num. 149. 150. 151, 161. 162. 169, AX, 171. 
XXII, 173. 175. 184. 185. 186, 201. 206, 208, 221. 
227. 228. 230. 233 befindlich, ꝛc. | 
Sm 1703 Jahre Fol. 293. 243. 256. 270. 278. 
287. 291, 292, 297. 298, 299. 304. 310, 3II, 322, 
336. | Bon 


666 Leben des Heren Wermuths, 
Bon dem Preiße feiner Medaillen ift noch folgen: 
Des zu melden: Wenn eine Medaille ı Lord in Gil- 
ber wiegt, fo koͤmmt fie in Gold 5 Ducaten ſchwer. 
Was aber in Silber unter ı $oth wiegt, werden die 
halben Lothſtuͤcke mit 16 Gr. die dreyachtel Sorhftü- 
cken mit 16 oder 12 Gr. die acht Duentenftückchen 
mit g oder 6 Gr. und die ganz Fleinen + Juentenftüc 
chen mit 5 Gr. bezahlet, weil dergleichen Eleine Stück 
‚ chen fehr mühfam find, auc) die zarten Stempel bald 
entwey gehen. Vor die Fagon wird von jeden Du— 
‚caten 4 Gr. und von jedem Loth Silber 6 Gr. vor 
Abgang und Arbeit bezahlet. 










J 


Inhalt des ſechſten Stuͤckes 
im dreyzehnten Bande. — 


n) Verſuch über die Gefellfchaft der Gelehrten und der 
Großen, über den Ruhm, die Mäcehen und die ge- 
Iehrren Belohnungen \ Geite 563 


0) Erklärung einer gemiffen Bildſaͤule, welche einen gal⸗ 

liſchen Prieſter vorſtellet nr; 

3) Schreiben eines vornehmen Frauenzimmers an den f 
Heren = = = = von der Beſchneidung der Aegy⸗ 

pter —3* 6338 

4) Das Leben des kaiſerlichen und ſachſengothaiſchen 

* Medaillers, weiland Herrn Chriſtian Wermuths, in 

Gotha | une ce # 643 





f a * x 


Regi⸗ 


N y 





FR 2 aa 77 l 


Regiſter 


; der merkwuͤrdigſten Sachen. 








Hilles wird mit Loͤwenfette und Sifömate er: 
⸗ naͤhret 


525 
t Aegypter , wo fie die Beſchneidung herbekommen 


638 f. 
Agath, Nachricht von einem ganz befondern 445. 446 
Atademie franzöfifche, deren Errichtung 618 
Allegorien, warum fie fo häufig in den alten —5 
ten gefunden werden 76 
Allegoriſche Schriften, warum fie erfunden wor- 


⸗ » Antbes von Heide Wei er gelebet 537 

3 Appenrade, Herleitung diefes Namens 463 

kApus pifeiformis, Befchreibung diefes Inſektes 445 

Armuch, ob ſie den Geift fchärfe 618 

Athemholen ſteht mit der Bewegung des Gehirns 

") in einer Berbindumg 248 

3) 

a >. 

# Bart, wovon er bey verfchiedenen Frauenzimmern 
herrühret ' 188.189 


3 
| ftina 


fern dafelbft 102 ff. 


ayie, feine Mishaͤlligkeit mit der Königinn =“. 


Bearn, 2 von den mebicinifchen a | 


‚den 533° 


13 Band, ES Belli⸗ 
















RE — 


Belliniſcher Verſuch wird oft — 405. 
Berlinerblau wird erfunden 34. woraus es be⸗ 
ſteht 34.45 
Befäpneibung, 100 fie die. Yegppter herbefommen 
6 640 

Beutelgeſchwulſt, Nachricht von einer an der eige⸗ 
nen Lungenſchlagader 260 ff. | 
Bewegung, ob fie von ber Empfindung berzuleiten 
230° 

Bildfäule, Erklärung einer, die einen gallifchen Prie- | 
vorſtellet 625 ff. 
Blut, in demfelben find Eifentheilchen vorhanden 31. 
verſchiedene Verſuche, die Diefes beftätigen 36 ff. | 
aus demfelben wird das Berlinerblau gemacht 34. 
45. Verhaͤltniß des Menfchen- und Dchfen-Blutes | 
in Anſehung der Eifentheilchen gegen einander 41 
Drunnen werden zu Kornbehältniffen angelegt. 289 | 
Bruſt, wird einer Weibsperfon abgefeßet 170. 332 
Buͤcher, wie vielmal fie in RE cenfivet werden 
müffen | | 88 | 


— —— 


Caͤleſtin V. warum er die — Wuͤrde nieder⸗ 
geleget 501 
Carl der I. Koͤnig von England wird enthauptet 366. 
Carl der V. geoßmüthiges Bezeigen deſſelben, als 72 
ne Flotte vor Algier untergieng 505 
Earl Buftav, wird zum Nachfolger der Koͤniginn 
Chriſtina erfläret 354. merkwürdige Münze, die 
er beym Antritte feiner Regierung ſchlagen laſſen 
3701 

Caſtanien, kt, wie ſe zur Viehmaſt zuguber 
in 28:30 
Chri⸗ 


Rediſter— 


Cheifine, Koniginn in Schweden, Gedanken über 
die Denkwuͤrdigkeiten derſelben 340, ihre Erzie— 
hung und durchdringender Verſtand 347. Liebe 
‚zur Freyheit 353. zu den Sprachen und der Phi— 
lofophie 359. 360. erfläret den Carl Guftav zu 
+ ihrem Nachfolger 361. ihre Freygebigkeit gegen 
die Gelehrten 364. ihr: Anerbiechen gegen den 
Scubery 365. fie leget die Regierung nieder 367. 
und verläßt Schiveden 372: nimmt zu Brüffel 
die katholiſche Religion an 373. wie es ihr in 
Frankreich gefallen 377. womit man fie verglis 
chen 378. laͤßt ihren Oberftallmeifter Monalde— 
ſchi Hinrichten 379. fie will nach England geben 
381. geht aber nach Nom zurück 382, bekoͤmmt 
Händel mit dem Pabite 383. kehret nach Schwer 
den zurüd, findet aber wenig Liebe 384. ' geht 
nad) Kom zurücd 385. koͤmmt noch einmal nad) 
Schweden 386. kehret misvergnügt wieder nad) 
Nom zurücf 388. ſchicket einen Bevollmächtigten 
nac) Nimwegen 390. ihr Umwilleüber den Bayle 
397. ob fie wieder evangelifch werden wollen 399. 
ihr Tod und Grabfohrift 399. 400. mas fie für 
Werke aefihrieben 400 
Ehurchill, Nachricht von diefen Slufe - 99 
Eimbrien, das füdliche, ift das itzige Herzogthum 
Schleswig 451. zwey omchme Kloͤſter darin⸗ 
nen 459 
Clyſtiere, koͤnnen weggebrochen werben 273 
Comoͤdie, worinn die neuere die alte — 93. 94. 
worinn die Staͤrke der alten beftund 95. . wenn 
bie neuere Bun“ gefommen : 96 


£ | En Cor: 








Eotneile, genießt große —* 3 
wird verfolget | 

Eromwell will die ſchwediſche Königinn Celine 
‚in England nicht aufnehmen 381 


D. 
| Dinifi Sprache, Schickſale berfißen‘ im Sep 
thume Schleswig 451 ff, davon finden fich viele ’ 
Worte in der englifchen 476. DBenfpiele von der 
Mundart, die im füdlichen Eimbrien gebräuchlich 
find 487⸗ 491 
Daͤrme, wenn fie mit Gifte berühret werden, a. 
alsdenn gefchiehe 
Descartes geht nach Schmeden 356. 358. fiche | 
daſelbſt 360 
Deutfeben, ob biefelben ei in Dänemarf gemohnet, 
ehe fie Deutfchland bevölkert haben 454 
Dichter, was zu Hervorbringung derſelben unum⸗ 
gaͤnglich noͤthig iſt ch 
Dichtkunſt, eine wahre findet ohne Tugend nicht 
ſtatt 82. mas zur epifchen nothwendig erfordert | 








wird 84. wenn fie erfunden worden. 531 
Druiden, Nachricht — er 634 | 
Edict von Nantes, deſſen Aufhebung 395 
Ehrenſtellen, die Ablehnung derfelben ift nicht alle 

mal ein Kennzeichen wahrer Großmuh ° 501 
Eiche, wie lange fie waͤchſt, vollkommen bleibt, und 


wieder eingeht ng 1 
SEichenmiſtel, wie er ehemals geſammlet worden 630 
Eis und Feuer, ob ſie ſich an einem Orte mit einan- 
der vertragen koͤnnen 20. wie Eis durch Kunſt 
hervorzubringen 197. i98 
BL Eis⸗ 


























Regiſter. 


Risberge, islaͤndiſche, Erklaͤrung ihres Namens 13. 
14.16. wo fie liegen 18. ihre Sänge und Breite 
18.19. Maͤhrchen von denfelben 19. gemeine 
Meynung von dem Urfpeunge diefer Berge 20. 
befondere 203.205. fie ftecfen voll Salpeter 203. 

‚und Steine, die Gold und Silber in fid) enthalten 

204. bewegen ſich von einem Orte zum andern 
207. wenn ſie am meiften fortruͤcken 207. Ur: 
fache diefes Fortruͤckens 208, woher das ftarfe 
Knallen bey demfelben rühret 209. vb die Aus- 
dünftungen aus unterirdifchen Höhlen zureichend 
find, fo viel Waffer zu geben, daß ganze Eisberge 
daraus entftehen koͤnnen 210. 2ı1. auf was für 
Art und Weife das Eis in die Höhe geftiegen und 
zu Bergen geivorden 210, 214, wie die großen 

> Klippen darein gefommen 212. «und die entfeßli- 

chen Klüfte entftanden —2*8 217 

iſen, Verſuch mit demſelben in der blauen Farbe 43 ‚ 

daraus kann das Berlinerblau gemacht werden 45 

iſentheilchen befinden fi) im Blute 31 

mpfindlichkeit, fiehe Roͤrper. | 

Empfindung, aus derfelben wird alle Dana 

© hergeleitet 230: iſt von der — unter⸗ 

ſchieden 432 

rtrunkene, Br unge wird nicht mit Waflee 

angefuͤllt ar ‚270 

rudits und Savans, worin fie von einander unter 

ſchieden ſin ind 87 


€ "$: —F 
Fabius, umbergfeichliche Großmuth beffelben 506 
arbe, ra —* mit dem Eiſen in derſel⸗ 
Sben 6 er 
DE | Tt3 Fer⸗ 


! 


' 


edit 


Ferdinand von Arragonien — aus Groß⸗ 


muth eine Krone aus | 498. 499 
Seuer und Eis, ob fie ſich an einem One mit einan⸗ 
der vertragen fönnen: "20 
Sleifehgewächs, Befchreibung eines an der Ge⸗ 
baͤhrmutter hangenden 167 
Slensburg, eigentliche Bedeutung diefes Wortes 
462. 463 


Fouquet behaͤlt in ſeinem Ungluͤck nur zween — 
de 
Franciſcus 1. Großmuth deſſelben, als er — 
gen und gefangen ward 505 
Frankreich, Gedanken über das Reiſen dahin 591 
Frau, Nachricht von einer, deren Knochen weich 
und biegſam geworden =» 0 ang +223 
Fraͤuenzimmer mit Bärten | 189 
Friedrich, Herz. zu Sachen, Großmuf defelben 500 
Sroſt, wie ehe die Bäume —* Fran: 152 


Geburt giebt einem Monfehen vor —— ander einen 
gewiſſen Vorzug — 595 
Gedaͤrme, deren Reizbarket 407. 425 
Gehirn, Beobachtungen von — klei⸗ 
nen und großen Gehirns 195. deſſen Verbindung: 
mit dem Athemholen 248 
Geiſt, durch die Gaben deffelben unteren ſich die 
Menſchen | 21595, 
Geifter, welche man vie fehönen nennet 685 
Gelehrte, die den Großen ihre Aufwartung machen, 
verſchiedene Claſſen derſelben 598. wie ſich ihr 
"Umgang mit denſelben gemeiniglich endiget = 

Ä N Ä we 














Regiſter. 
welcher Großen ihren Umgang ſie zu ſuchen * 





ben 604 
| Beometrie, was dieſelbe ſo in die Hoͤhe gebracht 587 
Geſchwulſt, eine waͤſſerichte am Fuße 166 


Geſetz, das juͤtiſche, Nachr. von demſelben 478.479 
Getreide, phyſikaliſche Anmerkungen, uͤber die Art, 
daſſelbe zu erhalten 276. was man für Getreide 
zum Aufbehalten wählen folle 278. 281.286. war⸗ 
‚um es fo leicht auswächft 291. - wie es vor dem 
Ungeziefer zu verwahren 294. Unterſuchung der 
innern Structur der Öetreideförner 301. wie die 
Fruchtbarkeit deffelben zu vermehren 446 
Gicht, wo der Schmerz davon eigentlich liege 242 
Glas, woraus daffelbe gemacht wird 199. warum 
es fich nicht biegen läßt 199. Zwiſchenraͤumchen 
in demfelben 200.‘ \\ 

| Glüd erwecket Hochachtung und Vorzuͤge 596 
Grimmdarm, Anmerkung über. die Klappe deſſel— 





“ben 272. 
Große, deren Geſelſcheft hat eine Art von Reize für ’ 
- die Gelehrten © 569, 574: 605 - 


GSroßmuth, Charafter eines Großinüthigen 493: 
w einige Beyfpiele von Großmuͤthigen 495. 496: waß 
ein Großmütbiger eigentlich ift 497. 509. er ber 
fißt alles, was in jeder Tugend das Erhabenſte und 
Herrlichſte iſt 5IE - 
Grotius wird nach Schweden —J 349. als 
Abgeſandter nad) Frankreich geſchickkt 349. 350 
Guͤrtel, ein weſentlicher Zierrath der alten Prie- - 


fer 633 
a Adolph, einige Anmerkungen über den- - 
ſelben 344 ff. 


Tt 4 95. Haar, 


Kegifer 


Börper, der menfchliche, was fuͤr Theile an bemfelben 
empfindlich und veizbar find. 227. ff. welche -feine 
einfachen und zufammengefeßten Theile find 232, - 
‘von den veisbaren Theilen des menſchlichen Koͤr⸗ 
pers inſonderheit — 6 

Rrankheiten, Beobachtungen von verſchiedenen 
beſondern — 166 ff. 210 ff. 


Lambecius * von der Königinn Ehriftina getrö- 
ſtet 385 
entſchuldiget des Monaldeſchi Ermordung 
2379 

AR Beobachtung ‚über diefoffidn, 121 
Lucian wird gelobet 599. und getadelt 600 
Dungenfchlagader, die eigene, Nachricht von einer 


Beutelgeſchwulſt an derfelben. 2: 5 Do 
Lycurg, Bergleichung heſehen mit dem Numa 497 
| m. | 
Mäcenen, Gedanken über diefelben. 609 ef 
Magen, derfelbe iſt ziemlich veizbar. .. „421 


Marſias, ob er die doppelte Flöte erfunden a. 
Maſtdarm, Abgehung eines Theiles der jottichten | 
Han deffelben durch den Stuhl 170 
Maͤtthias, Johann, warum —* ſchwediſche Bir 
ſchoff abgefeßet worden a > 
Mehl, welches ſich ſehr lange hält 305. Ungeziefer 
in demfelben. 306 
Mehlthau, melde Bäume demfelben am u: 
unterworfen feyn 149, wie er durch Kunftzumege . 
zu. bringen 151. 152, 155, Sablit deſſel⸗ 


ben | ET ETTEE 


6) ” , | Melam⸗ 4— 


| Rediſter. | ie 


Welampus bringt die Geheimniffe der Profetpina 
aus Yegnpten nach Griechenland 543 

Meleſander, ein berühmter griechifcher Dichter. 547 

Menage wird von der Königinn Chriſtina Bas 
ſchaͤtzet 


Menſchen ſind durch das Recht der Natur gleich | 


595. unterfcheiden ſich Hauptfächlich durch drey 
Dinge 595. 596 


Wicrorkosifhe Beobachtungen des Echimmels 


auf Pflanzen Infuſionen 16 ff 
Mitrometer , Nachricht von einem neu erfunde- 
nen 334 
Mil, Gedanken über ben Gebrauch beſtben ben 
Kranken 105 ff, 
Minorca , Urfachen der ‚heutigen fchlechten Hand» 
fung. auf diefer Inſel 1IO: 112 
Molinos, Michael, das Haupt der Quietiften 391 


feine Berdammung in Kom 392 


Monsldefchi wird ermordet | 379 


Mufäus ein berühmter Schuler des Orpheus 541 - 
Muskeln, warum das Fleiſch derfelben fehmerzet 234, 
nicht alle ihre Kraft hängt vonden Musfeln ab 409 


Muskelfaſer ift allein in dem Körper veisbar 430. 
woraus fie beſtehe, und wo ne reisbare Kraft 


fs | | BL. 


rn. | 
SER ob fie der wahre, und ‚erfte Grundftoff des 


menfchlichen Körpers find 231. 238. ihre Empfind= 
lichkeit 259., Die Reizbarfeit entſpringt nicht von 


ihnen, fondern aus der Structur des reizbaren Thei- 


les felbft 492 | 


ne) Bergleichung deffelben mit dem Kung, 497 
Osde 


— —7 — — 


megier. 


> } 9* 


© 
— Beſchreibung eines, 6 von einer Preing | 


der Schenfelblutader entftanden 
Del, goldfärbigtes im Schnee or 
Ölen, verfertiger die erften Sobgedihtee 543 
Olympus, erfindet das phrygifche Sylbenmaaß 546 
Oroͤbanthus, ein berühmter epifcher Dichter 347 


Orpheus, Nachricht von demfelben _ 5382541 
Oxenſtirn, welcher Regimentsform er den Vorzug 
een ni ‚346.347 
— ein beruͤhmter alter Dichter 548 
ampbo, befinge zuerft die Gratin 538 
Patera, voie fie befchaffen gewefen NE 


Pflanse, Befchreibung einer ganz befondern - 


ſchwammartigen 115. ihre verdorbene Säfte wer⸗ 
den verfchiedenen infeften angenehm 148. Pflan- 


zen die ihre Natur ändern, wenn fie an: andere Der» 
ter verſetzet werden Bd 


DPhemius mar einer von den alten Dichfern 330 


Phemonoe, eine Priefterinn des Apollo , 1338. 


Dove) iſchẽ Bedichte, wer diefelben gefchrieben 544 


Phyſi 
223. 445448 


Pindar, wird von den Bienen mit Honig geſpeiſet 


ML 
Hiſo Srofmutg deifelben “1802, 503 
Prieſter ver Gallier, was fie befonberes an ich ges 
Bay Kate) 7: Wi 
jr year Hk 
Cuieten, machen ein offen — 391 


N: Nr 
* BE R. Ra: 


alifche Melanie sent 98-112. 219° . 


tm 1 150 27 ren 





Regiſter. 


* R. H ’2, 
cn hat viele Feinde — 
Reizbarkeit, ſiehe auch Koͤrper. ſie hänge weder 
von dem Willen noch von der Seele ab 409. 441. 
iſt vonder Empfindung ganz und gar unterfchieden 
432. was fie fey 434. Hiſtorie derfelben 435 ff. 
Aeligionsveränderung, worauf fie fich — 
theils gruͤndet 
Richelien, Kardinal von, ftiftet die feanzöfifche Ykar 
demie 618.619 
Riefen, follen aufden Eisbergen in Island wohnen 19 
Ruhm, Gedanken über denfelben 572.574. Tems 
pel des Kuhmes, Begriff von einer Befchreibung 
deffelben 593. warum Ruhm und Achtung nicht. 
nothmendig mit einander verbunden find - 597 


Buniſche Buchftaben, wo man ſich berfelben be: _ 


dienet bat 466 


Säfte der Pflanzen, u Stockung ift der 8* 
Grad zur Faͤulung 
Salmaſius, wird von der Koͤniginn Chriſtina Koch. 
geſchaͤtzet 364 
Salpeter, wie er Eis verurſachet 197. 198. 202. 206 
Salvius, wird ſchwediſcher Senator und befördert 
den wejtphälifchen Frieden 352 
Salze, deren Kraft, —— derb zu machen 201 
Savans und Erudits, Unterfchied zwiſchen rn. 


Schimmel auf Infuſionen von Pflanzen, —E 
tungen bey demfelben - .uöff. 
Schleswig, eigentliche Bedeutung diefes Wortes 
461. Schickſale der dänifchen Sprache in diefem _ 

- Her⸗ 


Mae 


Herzogehume 451 ff. »esift mit Holſtein nicht zu 
verwechſeln 472. iſt jederzeit mit Daͤnemark ver⸗ 
einiget geweſen 472. 474. 477. wenn die deutſche 
- Sprache in demſelben eingefuͤhret worden 479 ff. 


— ee Z führer ein gewiſſes goldfarbenes Del bey 


ſich wie derſelbe entſteht und vom Hagel 
— iſt 23. warum er ſo viel Luft in ſich 
enthaͤlt 23. ob er voll Salz ſo 202 
Schriften, ſonderlich die Re A vichten fih * —F 


den Sitten der Zeit 95 
Schweine, zu erfahren, wie fett fie find 234 
Schwindſucht, Anmerkung uͤber die Eur derſel⸗ 
ben BIER = 
Seudery, was fi die Königinn Cheiſtina gegen ihn 
erbothen 365 
Seele, wo ſie ihren Sitz hat. 433 


Seepflanzen, wie fie ihre Nahrung an fich ziehen 122 
Seitenftechen, wo deſſelben Sitz zu fuchen fey 254 
Sennen, diefelben find fehr unempfindlich 235. in 
denſelben ift weder Werkzeug der Empfindung noch 
_ Bewegung 236 
Sitten einer Nation, wornach fie fi ch richten 77 

Slaven, Merkmale derfelben in Sachſen, Schle— 
fien und der Marf Brandenburg | 458 
"Sprache, große Verwandtſchaft der daͤniſchen mit 

der deutſchen 452. worinn fie hauptſachlich von 

einander abgehen — 4 
Sprachen werden durch Auszierungen verringert 
84. mag die Sprache eigentlich fey 57. Gedan—⸗ 

fen über die fo genannten Mufterfprachen 63. Ein⸗ 

fluß der Religion, der Sitten und Zeiten i in & | 

— | 


Sit 1 





Stiftung des Hein Stolp, zu babe gelehr⸗ 
ter Schriften 556 


Stockung der Saͤfte bey Zieren und Pflanzen ift 
der erſte au Ra ei | 148 


Re 
— ein muſikaliſches Stuͤckchen, das denen 
von den Tarantuln Gebiſſenen vorgeſpielet wird 5 
Tarantul, wo fie den Menfchen hinbeißt 4. trau— 
tige Wirkungen Davon 5. Bezeigung der. er 
biffenen bey der Eur 6.7. wie lange ein Gebifle- 
ner lebt, ehe er ftirbt, wenn er nicht curiretwird 4.5 
Teutoner, ob fie eher in Dänemarf gewohnt, als fie 
Deutſchland bevölkert haben 453 
Thamyras, ein beruͤhmter Dichter 547 
Thiere, beſondere Anmerkung uͤber die verdorbenen 
Säfte derfelben 148 
Thymoetes, der erfte unter den früßgeitigen Keifen- 
den 544 
Tlacälec, Großmuth diefes Malanes 499 
Trajan, wodurch er zur Herrſchaft gelanget 503 
Trommelfell im Obre. eines Menfchen, befondere 
Beobachtung daran 271 
Tuberofe, ift ein indisnifches Gewaͤchs 46. erfor— 
dert viele und gute Wartung 47. . wie e8 eigenf- 
lich gepflanzet werde 48. wenn fie auszunehmen, 
und wie fie den Winter über zu verwahren 53. 56. 
wie. der Saame davon zu gewinnen 54. 55 
"Tutulus, eine befanbere Art von Haarpuße 629 


| U. — 
Unempfindlich, welche Theile des menſchlichen Kör- 
pers alſo zu nennen find 231 


Unge⸗ 


’4 


Fr 


., ⸗ / nn. 
/ i 7 
Ei. / Erz ’ 


Regiſter. 


| | Ungesiefer, verſchiedenes dem Gateide fhädlihes, | 


wie es zu tilgen 2094 ff. 
Vergt Sherungsgläfer,, Nutzen der einfachen ſtar⸗ 
fen 130. des doppelten =... z 


Verſtaad, durch denſelben unteffeen ne —* 
Menfehen 


Voßiue Iſaac, fein Charakter eh, eo 
| wm. ; * — 
Woydkraut, Anmerkung über daſſelbe 280 


| Weiſe (der) deſſen Aufführung gegen die en 


601 
Wenden, Merkmaale derſelben in Sachſen, ae 
fien und der Marf Brandenburg 
Wermutb, faiferlicher und fachfengothaifcher Me 
dailleur, Nachricht von demfelben 645 ff. 
Weitpbölifcher Friede wird gefchloffen 351. 352 
Winde, welche mehr Schwefel, und: welche mehr | 
Salpeter bey fich führen . 
Wohlt haͤter gegen die Gelehrten, Gedanken über 


diefelben 615 
Wuͤrfel, glaͤſerner, Verſuch damit 442 
Zähne, diefelben haben Empfindung A 
Zeitalter, einem jeden ift eine gerifle Art der Wif 

fenfchaften eigen 522 
Sufchriften der Bücher, Gedanken darüber 609 
— iſt ſehr reizbar * 30 j 


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